deutlich an, daß er sich verstelle und ihr da Dinge sage, an die er
selber nicht glaube. Das sei wenig schön von ihm. Was ihn denn
veranlasse, zu glauben, sie könne den harten Ausdruck der Wahrheit nicht
aushalten? Wenn er lügen wolle, so sei er ein ungetreuer und
unanhänglicher Angestellter, dann glaube sie wirklich, es habe keinen
weiteren Zweck, ihn noch länger dazubehalten. Sie habe zu wissen
verlangt, wie und was er denke, und sie befehle ihm jetzt, offen seine
Meinung herauszusagen. Vor allem wünsche sie zu erfahren, ob der
kaufmännische Gehülfe ihres Mannes überhaupt fähig eines eigenen
Gedankens sei. Er solle nur ruhig sitzen bleiben und ihr Red' und
Antwort stehen, wenn ihm die Mannesehre kein ganz unbekanntes Ding sei.
Joseph schwieg.
Was das für ein Betragen sei? Sie glaube auch noch das Recht zu haben,
ihm einen Befehl erteilen zu dürfen. Ob ihm der Mund in die Schuhsohlen
hinuntergefallen sei? Platz würde dort schon sein, Löcher seien genug
darin. Was für ein Stolz das sei bei so wenig äußerer Ehre? Toblers
Kleider stünden ihm ausgezeichnet. Ja, ja. Und er solle verschwinden,
wohin er wolle, daß sie ihn ja nur nicht mehr zu sehen brauche.
Joseph war bereits weggegangen. Er ging um das Haus herum, sagte ein
paar Worte zu Leo, dem Hund, trat ins Bureau hinein und setzte sich an
den Schreibtisch. Den Stumpen anzuzünden vergaß er beinahe, er erinnerte
sich jedoch sehr bald dessen Annehmlichkeiten und steckte sich einen von
diesen immer vorrätigen Rauchstengeln an. Das behagete ihn seltsam an
und er konnte arbeiten.
Kurz darauf erschien Frau Tobler in der Bureautüre und sagte ruhig:
»Ihr Betragen hat mich gereizt, Marti, aber es war gut. Vergessen Sie
was eben geschehen ist. Kommen Sie bald zum Kaffee.«
Sie schloß die Tür leise und ging wieder. Der Angestellte zitterte
heftig. Es war ihm eine Unmöglichkeit, die Feder in der Hand zu halten.
Das Leben selber tanzte ihm vor den Augen. Fenster, Tische und Stühle
schienen lebendige Wesen geworden zu sein. Er setzte den Hut auf und
ging baden. »Rasch noch vor dem Kaffeetrinken,« dachte er. Und dieser
Frau hatte er eine Strafrede Silvis wegen halten wollen. Welche Torheit!
Das Glück und die Gesundheit selber baden nicht mit mehr Genuß in den
Wellen des Lebens, wie jetzt er im See badete. Das Wasser dampfte auf
seiner stillen, aber schon kalten Oberfläche, die wie Öl dalag, so
ruhig, so fest. Die Frische des Elementes ließ den nackten Körper sich
kräftiger und lebhafter bewegen. Vom Badehaus schrie ihm der Wärter laut
zu: »Nicht so weit hinausschwimmen, Sie da draußen. He! Hören Sie
nicht?« Joseph aber schwamm ruhig weiter, er fürchtete nicht im
geringsten, den Gliederkrampf zu bekommen. Er zerteilte und zerschnitt
mit weiten Armbewegungen die nasse, schöne Bahn. Aus der Tiefe des Sees
hauchten ihn eiskalte Ströme an: um so schöner, und er legte sich auf
den Rücken, die Augen zum wunderbar blauen Himmel erhoben. Als er
zurückschwamm, hatte er vor den Augen das von den Herbstfarben trunkene
Land, das Ufer, die Häuser. Alles lag da, eingehüllt in einen seligen
Farben- und Düfterausch. Er stieg aus dem Wasser und kleidete sich an.
Beim Weggehen aus der Anstalt sagte ihm der ängstlich gewordene Wärter,
er hätte ihm wohl gehorchen, und auf seinen Mahnruf zurückschwimmen
können; wenn ein Unglück passiere, sei er es, den man verantwortlich
mache. Joseph lachte.
Frau Tobler spielte die Entsetzte, als er ihr sagte, es hätte ihn zu
sehr gelockt, er habe halt dieses Jahr noch ein letztes Mal baden
müssen.
Sie saßen im Gartenhaus. Unvergleichlich schmeckte Joseph das braune
Getränk nach dem Bad. Man müsse wirklich jetzt die paar warmen Tage noch
profitieren, sagte Frau Tobler. Sie fing an zu plaudern von ihrer
Verheiratung, von ihrer früheren Wohnung.
So ein eigenes Haus, wo man ein- und ausgehen könne, wie es einem
beliebe, das sei doch etwas Reizendes und Ruhiges. Das fände man
vielleicht nicht so bald wieder -- --
Joseph unterbrach sie. Er sagte höflich:
»Frau Tobler, Sie werden sich wieder ereifern. Warum denken Sie immer an
das? Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, daß ich Ihr gehorsamer
Diener bin. Doch wozu diese Reibereien? Hier stehe ich vom Tisch auf und
gewärtige die Erlaubnis, mich wieder setzen zu dürfen.«
Er war aufgestanden. Sie sagte, er solle sich setzen. Er tat es.
Sie schwiegen eine Weile, dann kam ihr plötzlich die Laune, sich in die
Reitschule zu setzen, und sie bat den Gehülfen, sie zu stoßen und die
Seile anzuziehen. Indem sie mit ihrem Brett hoch in die Luft flog und
wieder hinuntersauste, rief sie, das gefalle ihr, und »man müsse jetzt
noch ein wenig vom Garten profitieren«. Bald käme der Winter und dann
heiße es nur zu herrisch: Zu Hause sitzen!
Er mußte sie jedoch bald aufhalten, da es ihr schwindlig zu werden
drohte. Indem er das tat, atmete er gezwungenermaßen den Duft ihres
Körpers, den er einen Augenblick mit dem Arm umfassen mußte, ein. Ihre
Haare berührten sein Gesicht. Diese vollen, langen Arme! Er nötigte
sich, wegzusehen. Der Gedanke, ihren Hals zu küssen, durchzuckte ihn
augenblicklich, aber er tat es nicht. Eine Minute später dachte er mit
Schaudern an diese einfache Möglichkeit, und er war sehr froh, dieselbe
vernachlässigt zu haben.
Sie saßen wieder einander gegenüber. Sie plauderte ausgelassen:
Wie da in dem Haus, welches ihr Mann und sie früher bewohnt hätten, ein
junger Mensch ihr den Hof gemacht habe, ein so närrisch verliebter Kerl
-- nein, sie müsse schon laut lachen, daran nur zu denken, geschweige
denn, davon zu sprechen. Eines Nachts sei dieser junge, übrigens
besseren Kreisen angehörige Mann in ihr Schlafzimmer eingedrungen und
habe sich, sie sei schon im Bett gelegen, davor niedergestürzt und ihr
seine heiße Sehnsucht gestanden. Sie habe ihm vergeblich entrüstet
zugerufen und ihm befohlen, sich sogleich zu entfernen. Der Mensch sei
aufgestanden, aber nicht, um sich fortzumachen, sondern um sie zu
umarmen. Noch jetzt, wenn sie sich in jenen fürchterlichen Moment
versetze, spüre sie den Druck der Hände, die sich um sie spannten. Sie
habe natürlich um Hilfe gerufen, und da sei zufälligerweise -- und jetzt
komme der lustige Teil der Geschichte -- ihr Mann gerade die Treppe
hinaufgekommen. Er hört nur die Schreie, stürzt sich ins Zimmer, und da
habe er den jungen Mann wirklich wüst hergenommen. Den Stock, und der
sei dick gewesen, habe er ihm auf Kopf und Schultern entzweigeschlagen,
so daß sie, die Ursache der Prügel, Tobler habe anflehen müssen, den
Gegner, der ja auch gar kein solcher war, doch zu schonen. Ihr Mann habe
denselben dann die Treppe hinuntergeworfen.
»Ich muß mich also in acht nehmen,« sagte Joseph.
»Sie?« Es hat nie ein verständnisloseres Gesicht in der Welt gegeben,
wie das, das Frau Tobler dem Gehülfen zeigte, als sie das sagte.
Sie fing an, sich mit Dora zu beschäftigen. Ob Joseph ihr einen Gefallen
tun möge, wandte sie sich plötzlich an diesen. Auf der Post liege das
etwas große Paket, das ihr neues Kleid enthalte. Sie möchte es gar zu
gern heute noch anprobieren. Ob es von dem Angestellten nicht zu viel
verlangt sei, zu wünschen, er möchte das Paket herbeiholen? Es sei
vielleicht zu mühsam, und Joseph habe womöglich Wichtigeres zu tun.
Nein, nein, er werde sofort gehen und es holen, sagte er, ganz glücklich
darüber, eine Ursache gefunden zu haben, wieder einmal zur Post laufen
zu können.
Er lief sogleich weg und brachte nach einer halben Stunde den Karton ins
Wohnzimmer der Villa Tobler. Die Frau war das völlige Selbstvergessen
im Öffnen der langersehnten Postsendung. Sie ging in ihr Schlafzimmer
hinauf, um das Kleid anzuziehen, Pauline mußte ihr behilflich sein. Gut,
daß der Herr nicht da war. Wie würde der über ihre freudige, frauliche
Erregung gehöhnt und geschimpft haben.
Nach ein paar Minuten trat sie wieder in das Wohnzimmer, angetan mit dem
hochmodern zugeschnittenen Kostüm. Es stand ihr prachtvoll. Sie wünschte
von Joseph zu wissen, wie sie aussehe. Silvi, die kleine Botenläuferin,
mußte den Gehülfen aus dem Bureau heraufholen. Dieser war erstaunt, Frau
Tobler so schön zu finden. Akkurat wie eine Baronin, sagte er lachend.
Nein, sagte sie, im Ernst, wie sehe ich aus? Vorzüglich sehe sie aus,
gestand er, und er erlaubte sich hinzuzufügen: »Ihre Figur tritt sehr
gut zum Vorschein. Sie sehen jetzt eigentlich gar nicht mehr wie Frau
Tobler aus, sondern wie eine seeentstiegene Nixe. Für Bärenswiler-Augen
dürfte das Kleid beinahe zu schön sein. Aber schließlich verdienen diese
Leute auch, daß sie erfahren und sehen können, was hauptstädtische
Schneiderinnen zu leisten vermögen. Stoff und Form dieses Kostüms sind
derart, daß man meinen möchte, der Stoff selber habe zu der Form den
Gedanken gegeben, und umgekehrt scheint die Form selber diesen schönen
Stoff erwählt zu haben.«
Über diese Rede war Frau Tobler ganz glücklich. Sie mochte in
Geschmackssachen ein wenig unsicher sein. Sie sagte lächelnd, sie
getraue sich nicht, in diesem Aufzug über die Gassen von Bärenswil zu
gehen, sie wolle daher das Kleid nur tragen, wenn sie gelegentlich in
die Stadt fahre.
* * * * *
Unbezahlte Wechsel und Rechnungen. Die Bank stutzte immer mehr. Der Ton,
in welchem die Kassenbeamten der Bärenswiler Bank mit Joseph etwas
besprachen, wenn er dort zu tun hatte, drückte nicht mehr nur Erstaunen,
sondern auch herablassendes Mitleid aus. »Schlimm steht es bei euch da
oben auf eurem Hügel,« sagte dieser Ton. Erinnerungen und Ermahnungen,
nun doch endlich zu zahlen, liefen täglich per Post im Abendstern ein.
Nichts war bezahlt, nicht einmal die Zigarren, die fortlaufend geraucht
wurden.
Die Gartengrotte war nun auch fertig geworden, bis auf einige
Kleinigkeiten, die Tobler später machen lassen wollte, sobald es mit ihm
wieder einigermaßen besser stünde. Die Bauunternehmer reichten ihre
Rechnung ein, sie belief sich auf ungefähr tausendfünfhundert Mark, eine
Summe, wie man sie in der Villa Tobler schon seit langer Zeit nicht
mehr beisammen gesehen hatte. Wo hernehmen? Aus der Erde graben? Den Leo
nächtlich auf einen lustwandelnden Rentier hetzen, denselben zu Boden
schlagen und berauben? Raubrittergeschichten gab es im zwanzigsten
Jahrhundert leider nicht mehr.
Jetzt war die Zeit da, wo man wenigstens wieder ein kleines Fest feiern
konnte. Es wurden Karten versandt an sieben angesehene Männer des
Dorfes, drei nahmen die Einladung zum nächtlichen Grottenfest an, die
übrigen vier waren, wie man sich zu entschuldigen pflegt, verhindert.
Das tat übrigens nichts zur Sache. Je weniger Teilnehmer erschienen,
desto mehr bekam jeder dieser Wenigen zu trinken. Es befanden sich noch
einige Flaschen ausgezeichneten Neuenburgerweines im Keller. Der sollte
jetzt verknallt werden. Eine würdigere Gelegenheit würde sich nicht so
rasch wieder bieten.
Die drei Männer, ein Spezereihändler, der Segelschiffwirt und ein
Versicherungsagent, kamen eines Abends bei stürmischem Wetter, zu der
festgesetzten Zeit, an. Alsogleich begab man sich in die Feengrotte, ein
höhlenartiges, mit Zement ausgeschlagenes und tapeziertes Ding, länglich
wie ein größeres Ofenloch, etwas zu niedrig, so daß die Besucher mehr
als einmal die Köpfe anstießen. Ein Tisch wurde in diese Grotte
gestellt nebst ein paar Stühlen, die der Gehülfe und Pauline
herbeischleppten. Eine Lampe war die Beleuchtung.
Bald kam auch der Wein, der sich als ein edles, feuriges Getränk in die
Gläser ergoß, worauf er über die kostenden und schmeckenden und
schnalzenden Lippen sprang, die Kehlen hinunter. So lange noch ein
solches Weinlein im Hause sei, so -- -- Tobler hielt in seiner Ansprache
inne, zur Vorsicht und Besonnenheit gemahnt durch einen blitzenden Blick
aus seiner Frau Augen. Ja, da hatte er vor drei heimlichfeißen
Bärenswilern eine Dummheit sagen wollen. Er, er war ein offenes Gemüt
von einem Mann.
Die Unterhaltung wurde immer fröhlicher und ungezwungener. Recht unfeine
Witze, die in Gegenwart dreier Damen (die Parketteriedamen waren auch
da) eigentlich unschicklich klangen, flogen von Mund zu Mund,
aufgefangen von laut lachendem Verständnis. Nur Joseph lachte nicht
viel. Ob er nicht zufrieden sei, wandte sich Tobler an ihn. Er solle nur
trinken, dann werde er schon munter werden. Die Sorgen lägen auf dem
Grund der Gläser, und man müsse kurzen Prozeß machen und sie austrinken.
Wo Pauline sei? Die solle den Neuenburger auch zu versuchen bekommen.
Frau Tobler sagte, das sei nicht nötig, aber der Ingenieur bestand
darauf.
Geschichten von der anzüglichsten Sorte wurden zum besten gegeben. Die
drei Bärenswiler erwiesen sich als Meister in der komischen Wiedergabe
derselben. Würde Tobler für jedes Lachen, das an diesem Abend
erschallte, einen Hundertmarkschein bekommen haben, so wäre er über
Nacht ein wahrhaft fürstlich reicher Mann geworden, hundertmal
wohlhabend genug, alle seine Schulden auf einen Schlag zu tilgen. Aber
das Gelächter trug nichts ein, es verhallte an den Wänden der kleinen
Grotte, es belustigte bloß, aber bereicherte nicht.
»Auf das Gelingen deiner Unternehmungen, Tobler!« sprach der
Segelschiffwirt, indem er ein volles Glas hochhob. Hierdurch gerührt und
verletzt schwang sich Herr Tobler zu folgender Rede auf:
Das will ich auch hoffen!
Wenn ein gesunder Mann sein Letztes an seine Ideen setzt, so gibt es
immer im weiten Umkreis der Menschen Geschwätze, die dieses Mannes
Werke verleumden und herabsetzen. Dieser Mann aber steht hoch über
diesen Verdächtigungen. Er ist ein Unternehmer und als solcher
verpflichtet, nicht nur etwas, sondern alles zu wagen. Das Wagnis,
meine Herren, sieht kühn, aber es sieht auch oft prahlerisch und
lächerlich aus, weil es die einzig dastehende und beständige Aufgabe
hat, niemandes Urteil zu scheuen. Was will das Wagnis in der
Dachstube, im Laboratorium, im Heft, auf dem Zeichentisch tun?
Es entsteht an diesen Orten, aber wollte es da bleiben, wo es
entstanden ist, so wäre es eine bloße, genußsüchtige Träumerei.
Hinaus an das Licht der Welt muß es. Es muß sich zeigen, es muß die
Gefahr, lächerlich und unbrauchbar befunden zu werden, besiegen,
oder es muß von dieser Gefahr erdrückt werden. Was nützen der Welt
die klugen Köpfe, wenn sie im Verborgenen dahinleben, was nützen die
bloßen Erfindungen? Eine Erfindung ist eine Arbeit aber kein Wagnis,
ein bloßer hoher Gedanke rüttelt nicht das Kleinste am bestehenden
Bau der Welt. Die Ideen müssen sich verwirklichen, die Gedanken
streben nach der Verkörperung. Hierzu braucht es des kühnen und
unerschrockenen Mannes, des gesunden und starken Armes, der festen
und treuen Hand. Eines Fußes, der, wenn es ihm endlich, nach vielen
Widerwärtigkeiten, gelingt, Boden zu fassen, diesen Boden nicht bald
wieder verlassen wird. Eines Herzens, das Stürme erträgt, einer, mit
einem Wort, männlichen Seele. Es ist nicht gesagt, daß dieser Mann
glücklich ist, sobald er seine Unternehmungen vom duftenden und
rauschenden Erfolg gekrönt sieht, er erstrebt keine persönliche
Macht, er hat nur erreicht, was ihn, wenn er es nicht erreicht
hätte, würde erstickt haben. Seine Idee will etwas erreichen, nicht
er, seine Idee will aber dafür auch alles erreichen. Eine Idee
stirbt oder sie siegt. Mehr habe ich nicht zu sagen.
Auf diese ziemlich romantisch gefärbte Rede lächelten die stillen,
schlauen Bärenswilerherren mit erzwungen zugepreßten Lippen. Frau Tobler
war im höchsten Grad ängstlich geworden. Das Fräulein aus der
Nachbarschaft schien die gesamte ohrenspitzende, lauschende Umgegend zu
verkörpern, so sehr mit offenem Mund saß sie da. Die alte Dame verstund
kein Wort. Joseph teilte die Empfindungen seiner Herrin, und er war
zugleich mit ihr froh, als sich Tobler wieder setzte, um ein neues
volles Glas Neuenburger herunterzustürzen. Seine Rede hatte ihn beinahe
stärker mithergenommen als der genossene Wein. Bald aber lachten wieder
alle. Der flüchtig sich in die Grotte verlorne Ernst verflog wieder. Es
wurde ein »Jaß« beschlossen. Toblers Augen glänzten wieder ganz genau so
fiebrig wie in jener vergangenen Sommernacht, in der die Raketen zu
Dutzenden aufgeflogen waren. »Ja, für Feste jeglicher Sorte paßt er
prachtvoll,« dachte Joseph.
Am nächsten Morgen schwammen etliche Pfropfen im Teich herum, nebst ein
paar gelber, vom gestrigen Sturm hier herüber gewehter Blätter. Es
regnete. Die ganze Besitzung sah traurig und verlassen aus. Joseph stand
im Garten: welch ein Anblick! Aber er verbot sich die Stimmung, die ihn
ergreifen wollte und zwang seinen Gedanken eine alltäglich-praktische
Richtungnahme auf.
Geschäfte im bejahenden und erwerbenden Sinne gab es immer weniger zu
erledigen. Das Hauptgeschäft bestund nur noch im Abwehren der Gläubiger,
die anfingen, von allen Seiten her, und in immer schrofferer Weise, zu
drängen, und im Verzögern und Verschieben der Notwendigkeit, mit Geld
herausrücken zu müssen. Geld, Geld, das mußte herbeigeschafft werden mit
allen noch zur Verfügung stehenden Mitteln, aber der Mittel und Wege,
dieses zu bewerkstelligen, gab es verschwindend wenige, und die paar
wenigen Wege waren durchaus zweifelhafte und unsichere. Eines dieser
noch möglichen Gelderwerbsmittel bestund in einem gemeinen und
schamhaften und heimlich betriebenen Anpumpen privaten Charakters. Auf
seinen Reisen traf Tobler etwa einen Verwandten oder einen Bekannten
an, dem gestand er entweder die nackte, unfreundliche Wahrheit, oder er
schwindelte ihm irgend eine momentane Verlegenheit vor und verstund es
auf diese Weise, hie und da Geld, Summen geringen Umfanges,
herauszuerwischen. Dieses Geld kam dann in der Regel auf Privat- oder
auf Haushaltungskonto zu buchen.
Grundsätzlich hatte Joseph seine Bureaustunden inne zu halten, aber in
Wahrheit gab es im Bureau kaum noch etwas Reelles und Vorwärtsführendes
zu tun, sondern es galt im Grunde nur noch überhaupt da zu sein. Eines
Morgens ließ der Gehülfe aus Vergeßlichkeit die Bureautüre offen stehen
beim Weggehen nach der Post. Als er zurückkam, gab es eine Szene: Tobler
sagte heftig, Unordnung brauche deswegen, daß kein Geld da sei, noch
lange nicht einzureißen. Das verbitte er sich. Wenn auch keine
Barschaften zu entwenden seien, so könne doch jemand, sei es der
Briefbote, sei es ein anderer, durch die offene Türe, unangemeldet, ohne
daß ein Mensch im Hause es merke, eintreten und in den Büchern und
Papieren herumstöbern.
Joseph gab zur Antwort, es werde wohl Pauline gewesen sein, die die Türe
habe offen stehen lassen. So etwas tue er nicht, er halte stets streng
auf Ordnung.
Gerade Pauline, brauste der Chef auf, sei ja diejenige, die ihn wegen
dessen verklagt habe, was er, erstaunlich unverschämterweise, nun auf
sie schieben wolle. Er schiebe überhaupt immer alles auf Pauline.
Was sie ihn zu verklagen habe, dieses Plappermaul, sagte der in der
Schlinge Gefangene. Tobler gebot ihm zu schweigen.
Das waren Tage, das, nasse und stürmische, und doch war ein eigener
Zauber dabei. Das Wohnzimmer wurde auf einmal so wehmütig-gemütlich. Die
Nässe und Kälte draußen machten die Zimmer freundlicher. Man heizte
jetzt schon. Durch das neblige Grau der Landschaft brannten und
leuchteten fiebrig die gelben und roten Blätter. Das Rot der
Kirschbaumblätter hatte etwas Glühendes und Wundes und Wehes, aber es
war schön, das versöhnte und erheiterte wiederum. Oft erschien das ganze
Wiesen- und Baumland in Schleier und nasse Tücher eingehüllt, oben und
unten und in der Ferne und Nähe alles grau und naß. Wie durch einen
trüben Traum schritt man durch das alles hindurch. Und doch drückte auch
dieses Wetter und diese Art Welt eine geheime Heiterkeit aus. Man roch
die Bäume, unter denen man ging, man hörte reifes Obst in die Wiese und
auf den Weg fallen. Es schien alles doppelt und dreifach still geworden
zu sein. Die Geräusche schienen zu schlafen oder sich zu fürchten, zu
tönen. An den frühen Morgen und späten Abenden drang über den See der
langdahingeatmete Ton der Nebelhörner, die einander da draußen, Schiffe
ankündigend, das warnende Signal gaben. Sie erklangen wie Klagelaute von
hülflosen Tieren. Ja, Nebel gab es genug. Dazwischen gab es einmal
wieder einen schönen Tag. Und Tage gab es, echt herbstliche, weder
schöne noch wüste, weder besonders freundliche, noch besonders trübe,
weder sonnige, noch dunkle Tage, sondern solche, die ganz gleichmäßig
licht und dunkel blieben von Morgens bis Abends, wo vier Uhr nachmittags
dasselbe Weltbild bot wie elf Uhr vormittags, wo alles ruhig und
mattgolden und ein bißchen betrübt da lag, wo die Farben still in sich
selber zurücktraten, gleichsam für sich sorgenvoll träumend. Solche
Tage, wie liebte sie Joseph. Alles kam ihm dann schön, leicht und
vertraut vor. Diese leichte Traurigkeit in der Natur machte ihn sorglos,
beinahe gedankenlos. Es war dann vieles nicht schlimm, vieles nicht mehr
schwer, was ihm vorher schlimm und schwerfällig erschienen war. Eine
angenehme Vergeßlichkeit trieb ihn an solchen Tagen die hübschen
Dorfstraßen entlang. Die Welt war ruhig, gelassen und gut und
gedankenvoll anzusehen. Man konnte überall hingehen, es blieb immer
dasselbe blasse und volle Bild, dasselbe Gesicht, und das Gesicht
blickte einen ernst und zart an.
Zu dieser Zeit wurde, unter dem verschwiegenen Aufruf: Geld her! ein
neues Inserat »Fabrikbeteiligung gesucht« in die Zeitungen gedruckt. Die
kleinen Geschäftsleute des Dorfes hatten Geld haben wollen, waren aber
abgewiesen, und auf spätere Zeiten vertröstet worden. Im Dorf wurde
infolgedessen laut gesprochen: Tobler zahlt nicht! Die Frau wagte sich
kaum noch recht in die innere Ortschaft, sie fürchtete, beleidigt zu
werden. Die hauptstädtische Schneiderin ersuchte brieflich um Einsendung
des Preises für das angefertigte Kleid. Der Betrag belief sich auf rund
hundert Mark, eine dem Frauengedächtnis nur zu gut sich einprägende
Summe.
»Schreiben Sie ihr,« sagte Frau Tobler zum Gehülfen. Es war eben ein Faß
jungen Weines oder sogenannten Sausers angekommen. Schmal wurde auch
jetzt noch nicht im Hause gelebt, das verbot der natürliche Frohsinn,
der sich gerade jetzt wieder einzustellen begann. Mochten die Leute im
Dorf sagen und denken, was sie wollten, auch Doktor Speckers, die seit
drei Wochen ihre Besuche aufgegeben hatten.
Joseph schrieb der Schneiderin, einer Frau Berta Gindroz, einer
Französin: sie solle gefälligst noch ein wenig Geduld haben. Momentan
sei eine Berichtigung nicht gut möglich. Frau Tobler sei übrigens mit
der Arbeit nicht ganz so zufrieden wie frühere Male, indem das Jüpon zu
eng geraten sei, dasselbe drücke sie unter den Armen. Auf alle Fälle
möchte Frau Gindroz betreffs der Zahlung nur ruhig sein. Man könne
zurzeit nur nicht gut den Herrn wegen dieser Sache angehen, Herr Tobler
sei mit Geschäften und Sorgen zu sehr überladen. Ob das Kleid nicht wohl
erst noch müsse geändert werden? Man erwarte hierüber Bescheid und man
bitte, davon überzeugt zu sein, usw.
Frau Tobler unterschrieb den Brief wie ein Geschäftsherr seine
zahlreichen Korrespondenzen zu unterschreiben pflegt.
Der ganze Garten lag voller abgefallener und zugewehter Blätter, da
machte sich der Angestellte eines Nachmittags dahinter und fing an
aufzulesen, zusammenzurechen und zu Haufen zusammenzutragen, was er
vermochte. Der Tag war kalt und finster. Große, unbestimmbare Wolken
lagerten düster am Himmel. Das Haus Tobler schien zu frieren und sich
nach dem edlen, heiteren Sommer zurückzusehnen. Die Bäume in der
Umgebung waren jetzt ganz kahl geworden, ihre Äste waren schwarz und
naß. Der Bahnwärter kam herzu. Derselbe wohnte ganz in der Nähe, er war
ein freundlicher, bescheidener, zur Dankbarkeit geneigter Mann, und er
kam nun heran und half Joseph Blätter auflesen, indem er sagte, was in
guten und bessern Tagen recht gewesen sei, das sei nun wohl in schlimmen
Zeiten nichts als nur billig. Er habe manches Gute von Herrn Tobler
genossen. Derselbe habe ihm etwa manche Zigarre gegeben und manches
hübsche Trinkgeld, so sähe er nicht ein, weshalb das immer so andauern
müßte, und er sei jedenfalls einer von denjenigen Bärenswilern, die es
gut mit dem allezeit freigebig gewesenen Ingenieur meinen.