Bei dem Wort »Herbst« fühlte sich Joseph in der Seele betroffen. Der

schöne Herbst! dachte er. Einen Augenblick später war er mit Essen

fertig geworden, er stand auf und sagte zu Frau Tobler, es fehle ihm

Geld, um Briefmarken kaufen zu können. Die dadurch unangenehm berührte

Frau sagte, so solle sie auch noch für solche Dinge sorgen, seufzte und

händigte dem Angestellten das Gewünschte schmollend, aber zugleich ein

wenig geschmeichelt, ein. Man mußte also zu ihr, der Frau, kommen, um

Markengeld zu erwischen und zu ergattern. Joseph spielte wiederum ein

wenig den Beleidigten.

Schließlich war er ein Mannesuntergebener, nicht ein Frauengehülfe. Wie

lästig das war, jedes Zweimarkstück einem Frauenrock abbetteln zu

müssen. Frau Tobler sah seinen unpassenden Zorn und begnügte sich, ihn

von oben herab halb anzuschauen.

Er begab sich zur Post. Im Garten waren mehrere Arbeiter und Handlanger

damit beschäftigt, Gartenerde hoch aufzuschaufeln und zu einem mächtigen

Haufen zu türmen. Die Erde war naß, es hatte kurz vorher geregnet.

»Auch noch eine unterirdische Feengrotte zu allem. Was denkt Tobler?«

brummte Joseph und erreichte die Landstraße. Aus dem Wirtshaus zur

»Rose«, das nicht gar weit entfernt lag, drang zur offenen Tür ein

schneidender Schnapsgeruch heraus. Hier war es, wo der Wirsich seine

ersparten Gehälter und Löhne vertrank. Von hier aus pflegte er in eine

»andere Welt« hinüber zu taumeln, indem er seinen bessern Teil in der

»Rose« unter dem Tisch liegen ließ. Im Dorf angekommen, trat der

Gehülfe, einer seit kurzem erst angenommenen Gewohnheit gemäß, in das

Restaurant zum Segelschiff ein, und wer saß dort am runden Stammtisch?

Tobler!

Da hatte man sie also beide, den Herrn und den Knecht, und wo? In der

Kneipe.

Gewiß muß man in den Zorn gewöhnlich rasch eins hinabtrinken, um das

Hitzige, was man in der Brust fühlt, abzukühlen und zu verlöschen, und

ebenso natürlich ist der Durst eines Untergebenen, der soeben erst

Markengeld hat »betteln« müssen und infolgedessen ziemlich unwirsch

aufgelegt ist. Der Unmut kann, indem man »eins« zu sich nimmt, zerstreut

werden. Gewiß muß und kann man auch das, aber -- es war doch für einen

Moment den beiden etwas kurios zumut, sich im »Segelschiff« plötzlich

bei Trinkgedanken zu ertappen, und beide schauten sich kurz aber

bedeutend an.

»So? -- Sie scheinen ja auch Durst zu haben,« sagte Herr Tobler

gewichtig aber freundschaftlich zu dem Eingetretenen. Dieser sagte:

»Ja! Muß auch sein.«

Herr Tobler erwartete im »Segelschiff« immer die anfahrenden und

abfahrenden Züge, auch jetzt »paßte er nur auf seinen Zug auf«. Das

Restaurant lag in unmittelbarer Nähe des Bahnhofes. Aber wie oft

verpaßte trotzdem Tobler seine Züge; man konnte, wenn man Wirt hieß,

manchmal beinahe meinen, er verpasse sie absichtlich. In solchen Fällen

pflegte er jedesmal zu brummen: »Jetzt ist mir das cheibe Züglein schon

wieder an der Nase vorbeigefahren.«

Joseph trank aus und ging. Sein Chef rief ihm nach, so daß die andern

Wirtsgäste es hören konnten: »Schreiben Sie dem Uhrmacher, wie heißt er

schnell, er solle mit der Montierung der Uhren für die Utzwil-Stäfener-Bahn

unverzüglich beginnen. Der Brief muß noch heute abgehen. Das Übrige werden

Sie wohl wissen.«

Joseph schämte sich ein wenig seines »redeseligen« Prinzipals, wie er

ihn im stillen nannte, er nickte und drückte sich zur Türe hinaus.

Er ging zum Buchbinder und Papierwarenhändler und ließ sich eine ganze

Reihe Gebrauchsgegenstände für Bureau und Zeichentisch geben, indem er's

»ins Buch aufschreiben ließ«.

Solch ein niedliches Rechnungsbüchlein, was ging da nicht alles Mögliche

hinein. Man nahm einfach die Waren und ließ munter aufschreiben.

Der Inhaber des Papierladens erlaubte sich die Frage, wann und ob er

einen gewissen Betrag einkassieren lassen dürfe.

»O gelegentlich etwa,« entgegnete obenhin Joseph. »Ich handle sehr

richtig,« dachte er, »man muß zu den Leuten in oberflächlichem Ton

sprechen, dann haben sie absolut festes Vertrauen. Wo man keinen Ernst

zeigt, da scheint auch noch keiner erforderlich zu sein. Hätte ich die

Frage dieses Mannes wichtig genommen, so würde er jetzt Verdacht haben

und schon morgen früh mit der quittierten Note im Bureau erscheinen. Ich

diene meinem Herrn, wenn ich fortfahre, leise sich rührende

Verdächtigungen von ihm abzulenken.«

Während dieses Gedankenganges hatte er sich scheinbar aufs Gemütlichste

eine Sammlung Ansichtspostkarten angeschaut. Indem er jetzt den Laden

verließ, lächelte er freundlich, und er wurde ebenso freundlich vom

Besitzer desselben angelächelt.

Zu Hause angelangt machte er sich wieder mit dem Falzen der Zirkulare zu

schaffen. Für je ein Zirkular verwendete er vier Händebewegungen. Er

träumte dabei. Diese Arbeit forderte das gemütvolle Herumsinnen um

irgend etwas geradezu heraus. Von Zeit zu Zeit wurde ein berauschender

Zug aus dem Stumpenstengel getan. Dicht vor dem Schreibtisch und

Bureaufenster saß auf einer dort plazierten Gartenbank Frau Tobler, sie

nähte und unterhielt sich in singender Sprechweise mit ihrem Dorchen.

»Was dieses Kind es gut hat!« dachte Joseph.

»Wollen Sie diese ganze Masse Zirkulare fortschicken?« fragte Frau

Tobler. Sie setzte hinzu: Ȇbrigens ist es Kaffeetrinkenszeit. Kommen

Sie. Der Kaffee steht schon.«

Im Gartenhaus, während des Imbisses, fühlte sich der Angestellte durch

die Freundlichkeit, mit der ihn die Frau behandelte, gezwungen, zu

sagen, er bereue, sich so keck gegen Frau Tobler benommen zu haben.

Was er damit meine? Sie verstehe nicht.

»Nun, wegen dem Wirsich!«

Sie sagte, das habe sie längst vergessen. Für solche Sachen habe sie

kein haarscharfes Gedächtnis. Gottlob. Was denn das auch weiter gewesen

sei? Gar nichts von Bedeutung. Aber es freue sie, Joseph bekennen zu

hören, daß es ihm leid sei, sie gekränkt zu haben. Er dürfe ruhig sein,

und er solle sich in allem, was das Geschäft ihres Mannes anbelange, nur

immer Mühe geben, das sei die Hauptsache. Ach sie wünsche manchmal, und

besonders in letzter Zeit, ein geschäftstüchtiger Mensch zu sein, um

Tobler helfen zu können. Wenn sie daran denke, von hier fortziehen, das

Haus, das sie so lieb gewonnen habe, verlassen -- zu -- mü--ssen -- --

Tränen standen ihr in den Augen.

»Ich will mir Mühe geben!« Er schrie es beinahe.

Dann sei es recht, sagte sie und versuchte zu lächeln.

»Sie dürfen nicht gleich verzagen.«

Das tue sie auch nicht. Sie sei gleichmütig genug all diesen

sorgenvollen Dingen gegenüber. Gestern habe ihr Tobler bittere, und wie

ihr scheine, ungerechte Vorwürfe gemacht, deswegen, daß sie seine ganze

schwere Lage zu leichtsinnig nehme; sie habe es für nötig befunden, zu

schweigen dazu. Was denn in einem solchen Fall eine schwache und

ungeübte Frau machen könne? Ob sie gar etwa den ganzen, guten Tag lang

jammern, und eine wehklagende Miene zur Schau tragen solle? Und was das

nütze? Das würde doch einer einigermaßen vernünftigen Frau weder

einfallen, noch auch nur anstehen können, so etwas würde sie eher für

gefährlich als ziemlich halten. Sie sei im Gegenteil immer ganz guten

Mutes, und sie wage es, sich im stillen für diese Haltung zu loben. Ja,

das tue sie, und wenn es auch sonst auf der ganzen Welt ihr kein

einziges Wesen anerkennen wolle. -- Sie wisse im übrigen, wer sie sei,

und sie fühle sich schon aus diesem Grunde verpflichtet, den fröhlichen

und gemessenen Lebensmut nicht so bald sinken zu lassen. Daneben fühle

sie wohl, wie schwer es ihr Mann zurzeit habe.

Sie war wieder heiter geworden.

»Und was Sie betrifft, Joseph,« fuhr sie fort, indem sie den Gehülfen

mit ihren großen Augen anschaute, »so weiß ich ja, daß Sie ernst bei

Ihren Aufgaben sind. Und von einem einzelnen Mann wird man nicht alle

Lösungen und trefflichen Leistungen aufs Mal verlangen wollen. Sie

fahren einen nur manchmal ein bißchen grob an. Ja, ja!«

»Sie demütigen mich, aber ich verdiene es,« sagte Joseph.

Beide lachten.

»Sie sind ein kurioser Mensch,« bemerkte Frau Tobler, das Gespräch

beendend. Sie stund auf. Joseph sprang ihr nach, um sie zu fragen, ob

sie die Güte haben wolle, die Kleider, die ihm Herr Tobler soeben

geschenkt habe, herauszusuchen und auf sein Zimmer legen zu lassen, er

wünsche dieselben heute noch anzuprobieren. Sie sagte, ja, sie wolle die

betreffenden Sachen sogleich aus dem Schrank herausnehmen.

Nach ungefähr einer Stunde spritzte er den Garten. Er fand das zu nett,

so den dünnen, silbernen Wasserstrahl durch die Luft schneiden zu sehen

und das Aufklatschen des Wassers auf den Blättern der Bäume anzuhören.

Die Erdarbeiter warfen bald ihre Schaufeln und Bickel weg und machten

Feierabend. »Ein kurioser Mensch,« dachte der mit den Schläuchen

Beschäftigte, und es wollte ihm beinahe trübe zumut werden: »Wieso ein

kurioser Mensch?« --

Doktor Speckers kamen an diesem Abend, auch Tobler kam an, ungehalten,

unfreiwillig. Er hatte es sich eben im »Segelschiff« gemütlich machen

wollen, als er telephonisch angerufen, und davon in Kenntnis gesetzt

worden war, wer in der Villa zu Besuch gekommen sei. »Müssen die schon

wieder kommen?« hatte er durchs Telephon zu seiner Frau gesagt, konnte

aber nicht gut absagen, und so verzichtete er eben auf den Wirtshausjaß,

um dafür zu Hause zu jassen, was nach seinem Geschmack ein wenig

»kindelig« war. In der Tat ging es beim Jaß unter Berufsjassern eben

viel ernsthafter und männlicher zu, vor allem viel schweigsamer, und

Tobler hatte nachgerade diese häusliche, plaudernde, unschuldige

Jasserei ziemlich verachten gelernt.

Joseph entschuldigte sich, er habe Kopfweh, er möchte noch ein wenig in

der frischen Luft spazieren gehen. »So, der entzieht sich der Pflicht,

und ich, ich muß dahocken,« schien Toblers Gesicht zu sagen, als er

Joseph sich ausreden hörte.

Dieser flüchtete »an die Natur« hinaus. Der Mond beleuchtete zart und

groß die ganze Umgegend. Irgendwo plätscherte ein Wasser. Er ging den

Berg hinauf, zwischen den bekannten Wiesen hindurch. Die großen

Wegsteine waren weiß vom Mondschein. In dem Baumdickicht tuschelte und

zischelte und flüsterte es. Es war alles in einen duftenden,

träumerischen Dunst getaucht. Vom nahen Wald her hörte er

Käuzchengeschrei. Einige zerstreute Häuser, ein paar zaghafte Geräusche,

und plötzlich da oder dort ein Licht, ein wandelndes, das irgend ein

später Wanderer in der Hand trug, oder ein ruhendes, ein Licht hinter

einem halbverdeckten Fenster. Welche Stille im Dunkel, und welche Weite

im Unsichtbaren, welche Ferne! Joseph überließ sich vollständig seinen

Empfindungen.

Plötzlich dachte er wieder an den »kuriosen Menschen«, der er sei. Was

er denn eigentlich so Kurioses an sich hatte? Einsam in der Nacht

umherzuspazieren, das war allerdings seltsam genug, dieses Vergnügen

durfte man schon als kurios bezeichnen. Aber was weiter? War das alles?

Nein, die Hauptsache war die: sein Leben, sein ganzes Leben, das bisher

geführte und das vorauszuahnende zukünftige, das, das war kurios, und

Frau Tobler hatte ganz recht, wenn sie bemerkte -- -- Diese Frauen, wie

sie es verstunden, in den Herzen und Charakteren zu lesen. Wie

talentiert sie waren, einem mit so einem einzigen Wort das Richtige und

Treffende in die erstaunte Seele hinein zu sagen. Ein kurioser Kerl.

Spaßhaft war das, nicht wahr? --

Trauernd um Vieles, Vieles ging er nach Hause.

* * * * *

Die Bärenswiler oder Bärensweiler sind ein gutmütiger, aber zugleich

etwas heimtückischer, oder, wie vielleicht der richtige Ausdruck lautet,

heimlichfeißer Menschenschlag. Sie haben es alle mehr oder weniger dick

hinter den Ohren, sie besitzen alle, der eine mehr, der andere weniger,

irgend etwas Geheimes oder Heimliches, und sie sehen daher alle ein

bißchen pfiffig und verschlagen in die Welt hinaus. Sie sind ehrlich und

moralisch und nicht ohne Stolz, sie sind von Jahrhunderten her an eine

gesunde bürgerliche und politische Freiheit gewöhnt gewesen. Aber sie

verbinden mit der Ehrlichkeit gern einen gewissen Schein von Schlauheit

und Weltbenehmen und sehen gern nach was ganz Klugem und noch Klügerem

aus. Sie schämen sich alle ein wenig ihrer kernigen, natürlichen

Gradheit, und jeder von ihnen allen will lieber ein »schlechter Hund«

sein als ein Tropf von Esel, den man leicht übers Ohr hauen kann. Die

Bärenswiler sind nicht leicht übers Ohr zu hauen, davor kann sich jeder,

der das probieren will, tüchtig gewarnt sein lassen. Sie sind

herzensgut, wenn man sie achtet, sie haben eine gute Portion Ehre im

Leib, denn sie sind seit Jahrhunderten usw. Aber sie schämen sich auch

ihrer Güte, wie fast jeglicher Gefühlsäußerung. Sie lachen mit den

Stockzähnen, wo andere Menschen und Nationen mit den Lippen lachen, sie

plaudern mehr mit den gespitzten Ohren als mit dem ungenierten Mund, sie

schweigen gerne, aber manchmal fangen sie an zu prahlen wie die

leibhaftigen Matrosen, als ob sie alle mit einem Wirtshaustischmaul zur

Welt gekommen wären. Später schweigen sie wieder volle vier Wochen lang.

Im allgemeinen kennen sie sich ausgezeichnet, sie rechnen nach, wo sie

Vorzüge, wo Fehler besitzen, und sie sind immer eher geneigt, ihre

Mängel als ihre guten Eigenschaften öffentlich strahlen zu lassen, damit

ja niemand Bescheid wisse, wie tüchtig sie sind. Um so bessere

Handelsgeschäfte machen sie dann. Sie seien grob wie die Teufel, sagt

man in der rundum liegenden Welt, und nicht ganz ohne Ursache, aber es

sind ihrer immer nur ein paar unter ihnen, die grobe Laster sind, und um

dieser paar Ausnahmen willen müssen die Bärenswiler manches kecke und

ungerechte Wörtlein hören. Sie haben viel Einbildungskraft, und Lust,

diese Kräfte zu üben; die Geschmacklosen unter ihnen prahlen deshalb

öfters mehr als gut und recht ist und sind verschrieen im übrigen Land.

Aber vor allen Dingen, Herr Tobler, sind sie trocken und nüchtern, ein

Schlag Menschen, wie geschaffen dazu, bescheidene aber sichere Geschäfte

zu machen und dito Erfolge zu erzielen. Die Häuser, die sie bewohnen,

sind sauber wie sie selber, die Straßen, die sie bauen, sind ein bißchen

holperig, genau wie sie selber, und das elektrische Licht, das ihre

Dorfstraßen Abends beleuchtet, ist praktisch, wiederum exakt wie sie

selber. Und unter solch ein Volk mußte Herr Tobler geraten.

Herr Ingenieur Tobler!

* * * * *

Die Zeit machte einen unsichtbaren Schritt vorwärts. Auch in der Gegend

von Bärenswil blieben die Jahreszeiten nicht stehen, sondern sie hatten

natürlicherweise zu tun, was sie anderorts auch tun müssen, sie

veränderten sich, trotz des Herrn Tobler, der vielleicht wünschen

mochte, die Zeit stillstehen zu sehen. Ein Mann wie er, dessen Geschäfte

nicht gingen, war der unbewußte Feind alles dessen, was ruhig und

gleichmäßig vorwärtsschritt. Der Tag oder die Woche ist solch einem

Menschen stets entweder zu kurz oder zu lang, zu kurz, weil man die

Krisis herankommen sieht, zu lang, weil man sich langweilt am Anblick

des lahmen Geschäftsganges. Ging die Zeit scheinbar schnell dahin, so

murmelte Tobler, man komme zu gar nichts Gescheitem mehr seit einigen

Tagen, und machte sie scheinbar langsame und bequemliche Schritte, so

wünschte er sich über die Berge in ein späteres Jahrzehnt versetzt, um

alle diese ihn umgebenden Dinge nicht mehr anschauen zu müssen.

Es fing an zu herbsteln, sich zu setzen, es stund irgendwo etwas still,

die Natur schien sich manchmal die Augen reiben zu müssen. Die Winde

wehten anders als bisher, wenigstens schien das oft so, Schatten

huschten an den Fenstern vorbei, und die Sonne war eine andere Sonne

geworden. Wenn es warm war draußen, so sagten ein paar Menschen, echte

Bärenswiler, sieh da, wie warm es immer noch ist. Man dankte für die

Milde, weil man einen Tag vorher, unter der Haustüre stehend, gesagt

hatte: Potz blitz, es fängt zu rumoren an!

Hin und wieder runzelte der Himmel seine schöne, reine Stirne, oder er

zog sie sogar in Gramesfalten und -schleiern zusammen. Alsdann war die

ganze Hügel- und Seegegend von grauen, nassen Tüchern umhüllt. Der Regen

fiel schwer auf die Bäume, was nicht hinderte, daß man zur Post lief,

wenn man zufällig ein Angestellter des Hauses Tobler war. Herr Martin

Grünen schien sich um die schönen, sanften Wechsel der Jahreszeiten auch

nicht viel zu kümmern, sonst würde er kaum haben schreiben können,

alles, was Tobler an Zahlungsverweigerungsgründen ihm angebe, das

berühre ihn gar nicht, und er beharre auf seiner Kündigung.

Und wenn dann das schöne Wetter wieder kam, wie glücklich konnte das

einen berühren. Es waren vornehmlich drei Farben in der Natur zu sehen,

ein Weiß, ein Blau und ein Gold, Nebel, Sonne und Himmelsbläue, drei

sehr, sehr feine, ja sogar vornehme Farben. Man konnte dann fortfahren,

draußen im Garten zu essen, man stund dann da so, lehnte sich gegen das

Gitter und dachte darüber nach, ob man das schon einmal, irgendwo in der

Jugend vielleicht, könne gesehen haben. Die Wärme und Farbe waren eines

geworden. Ja, sagte man, solche Farben ergeben eine solche Wärme! Die

Gegend schien zu lächeln, der Himmel schien selber glücklich über sein

Aussehen geworden zu sein, er schien der Duft und der Inhalt und die

liebe Bedeutung dieses Land- und Seelächelns zu sein. Wie das alles nur

so liegen, stillsein und strahlen konnte. Wenn man über die Seefläche

hinaus schaute, fühlte man sich, man brauchte nicht einmal Gehülfe zu

sein, von freundlichen, wohltuenden Worten angesprochen. Schaute man in

die gelbliche Baumwelt hinein, so regte sich eine zarte Melancholie in

einem. Sah man das Haus an, so mußte man lachen, obschon die herrische

Pauline gerade am Küchenfenster Teppiche bürstete. Die Welt schien

voller Musik zu sein. Über den Kronen der Bäume erschienen wie ferne,

verhallende Töne die blendend-leichten-weißen Umrisse der Alpen. Man sah

hin und empfand mit einem Mal das alles als unwirklich. Dann war's

wieder anders. Andere Aussichten, andere Empfindungen! Auch die Gegend

schien zu empfinden und ihre Empfindungen zu ändern. Das Empfundene

verlor sich jedesmal in das allesbeherrschende Blau. Ja, alles war blau

angefärbt und angehaucht. Und dazu diese Frische, dieses Rauschen von

den Bäumen her, in denen immer eine leise, kühle Bewegung war. Konnte

man da arbeiten, sich nützlich erweisen? Ja, man spannte das Waschseil

auf und half der Waschfrau einen Korb nasser Wäsche aus dem Keller

hinauf an das golden-blaue Licht der Erde tragen. So etwas zu tun ziemte

sich an einem so schönen, bis in die letzten Winkel von Farben und Tönen

durchzuckten, gleichsam hellgeschliffenen Tage. Und es gab eine ganze

Reihe solcher Tage, wo man nur vom Bett aufstehen, sich zum Fenster

hinauslehnen und mehrere Male hintereinander sagen mußte: wie

wundervoll!

Ja, aus dem Sommerland war ein Herbstland geworden.

Aber im Marschtempo der Toblerschen Geschäfte war keine neue Wendung,

keinerlei Umschwung, nicht einmal ein Seitensprung eingetreten. Die

Sorge und die Enttäuschungen gingen wie ermüdete, aber an Zucht gewöhnte

Soldaten im Schritt vorwärts, sie erlaubten sich keine Abweichungen. Sie

bildeten, Mißerfolge und Aussichtslosigkeiten mithinzugerechnet, einen

wohlgeordneten Marschzug, der sich langsam aber stetig vorwärtsbewegte,

gradaus in das Kommende schauend.

Tobler ging jetzt immer mehr auf Geschäftsreisen, als würde ihn der

Anblick seines reizenden Hauses schmerzlich und vorwurfsvoll berührt

haben. Er besaß ein Generalabonnement für sämtliche Bahnen auf ein

volles Vierteljahr gültig, das er schließlich, da er es sich einmal

angeschafft hatte, auch ausnützen mußte. Wo wäre denn da die gesunde

Vernunft gewesen? Das Reisen als solches schien ihm überhaupt Vergnügen

zu bereiten. Dazu war er der Mann. Im »Segelschiff« auf den Zug zu

passen, denselben womöglich fürs erste einmal zu verpassen, dann in den

nächsten einzusteigen, eine gewichtige Geschäftsmappe unter dem Arm,

dann so zu fahren, in alle Welt hinaus, mit den Fahrgästen ein Gespräch

zu beginnen, dem einen oder dem andern derselben eine Zigarre oder einen

guten Stumpen zu offerieren, in einer fremden Gegend schließlich

auszusteigen, mit flotten, lebenslustigen Leuten zu verkehren, bis in

alle Nächte hinein in feineren Restaurants Unterhandlungen zu pflegen

usw.: das war etwas für ihn, das glich ihm und seinem Wesen, das lenkte

ihn ab von unwürdigen Gedanken, das half ihm, sich wieder ein bißchen er

selber zu fühlen, das war wie sein Anzug, der ihm so prachtvoll saß.

Was hatte er nötig, zu Hause zu sitzen, wo er doch einen Angestellten

hatte, den er »füttern« mußte? Käme ihm gerade noch recht! Da versauerte

er noch gänzlich das bißchen Unternehmungsgeist, das er noch hatte.

Würde dann nicht mehr viel fehlen und er konnte endgültig »die Bude

zuschließen«. Das fehlte noch: zu Hause sitzen und sich von den

Bärenswilergesichtern höhnisch anglotzen lassen. Nein, lieber dann

gleich eine Kugel vor den Kopf. Das war dann noch vorzuziehen.

Und so reiste er eben.

Zu Hause hatte inzwischen die Sorge um die täglichen Lebensbedürfnisse

angefangen, leise an die Fensterscheiben zu klopfen, eine Gardine

hochzuheben, um gemütlich in das Interieur der Toblerschen Familie

blicken zu können, an der Tür zu stehen, um jemand, der vorüberging, an

das Gefühl der Unsicherheit zu erinnern. Die Sorge interessierte sich

jetzt schon ein bißchen mehr als im Sommer. Sie stund einstweilen da und

prüfte das Terrain, im übrigen verhielt sie sich still. Es genügte ihr,

daß man manchmal ihre Anwesenheit empfand, sie war höflich und

vorsichtig. Eine Türschwelle, ein Fenstergesims, ein Plätzchen auf dem

Dach oder unter dem Eßtisch, diese Orte schienen ihr vollkommen zu

passen. Sie machte sich in keiner Weise wichtig, sie streifte mit ihrem

kalten Hauch von Zeit zu Zeit allerdings das Herz der Frau Tobler, so

daß diese sich manchmal am heiter hellen Tag umdrehte, als ob jemand

hinter ihr sei, als ob sie hätte fragen sollen: »wer hält sich denn da

hinter mir auf?« --

Die paar Gelder, die dem technischen Geschäft zuflossen, wurden

sogleich, auf Anraten ihres Mannes, von der Hausfrau in Empfang

genommen. Brot, Milch und Fleisch wollten doch täglich bezahlt sein. Man

lebte und aß wie immer, man sparte in keiner Weise an diesen Dingen.

Lieber gar nicht leben, als schlecht leben. Pauline erhielt ihren Lohn

regelmäßig ausbezahlt, dagegen setzte man beim Gehülfen Verständnis und

Takt genug voraus, die Lage zu begreifen, wortlos, und sich in dieselbe

zu schicken. Joseph war ein Mann, Pauline ein unberechenbares Kind aus

dem Volk. Einem Mann durfte man Entsagungen zutrauen, einem Kind aus den

niederen Schichten des Volkes niemals, und der Angestellte begriff das.

Die Knaben gingen wieder zur Schule, was für die Mutter eine große

Erleichterung war, die sich nun öfters an die milde, herbstliche Sonne

auf die kleine Veranda begeben, und dort in einem sanft schaukelnden

Stuhl liegen konnte. Der Traum besuchte sie da zuweilen und spiegelte

ihr in angenehmen Farben vor, sie sei eine Herrin und eine von den

freiesten und besten, welcher schönen Gaukelei sie jeweilen ein kurzes

Viertelstündchen, nicht ohne tiefe Wehmut dabei zu empfinden, den

Aufenthalt gestatten mußte.

Eines Tages rief sie den Gehülfen zu sich in die Veranda hinaus, sie

möchte ihn gern etwas fragen. Es war kurz nach dem Mittagessen, Tobler

befand sich auf Reisen, die beiden kleinen Mädchen spielten im

Wohnzimmer.

Was das heute wieder für schönes Wetter sei, bemerkte Joseph beim

Betreten des Balkons. Die Frau nickte, sagte jedoch, sie denke an ganz

anderes.

»An was denn?«

So. An mancherlei. Vor allen Dingen denke sie seit ein paar Tagen

beständig daran, ob es nicht viel gescheiter wäre, das Haus, wie es da

sei, jetzt schon zu verkaufen, und freiwillig fortzuziehen, denn die

Schande des Zwanges, es zu verlassen, das fühle sie, komme ja doch

langsam heran. Mit den Unternehmungen ihres Mannes sei es doch nichts,

sie glaube das jetzt bestimmt zu wissen.

»Wieso jetzt gerade?«

Sie wehrte mit ihrer Hand ab und ersuchte Joseph, ihr frank und frei

seine Meinung bezüglich der Reklame-Uhr herauszusagen.

»Ich bin fest davon überzeugt,« sagte er, »daß sie sich auf guten Wegen

befindet. Man muß nur jetzt noch ein wenig Geduld haben. Anknüpfungen

mit weiteren Kapitalisten« -- --

Der Gehülfe · 第 10 / 20 段