In dieser Zwei-Frauen-Wohnung fand sich Joseph als ein gerngelittener

Gast häufig ein. Etwas zu essen und zu trinken mochte es da immer geben,

eine Tasse Milch oder ein Glas Tee, und fidel, wenn auch in den

Schranken der Zartheit, die immer um Frauen von Lebenserfahrung gezogen

sind, ging es zu. Man lachte und meinte, jetzt dürfe man lachen, da man

ein Stück Welt hinter sich habe. Klaras Knabe und dessen Eigenschaften

wurden besprochen. O man hatte nun schon vielerlei erfahren. Auch Joseph

sprach kein Wort mehr von der »Menschheit«. Das war längst vorüber. Je

schwerer es einem wurde, ein »rechter Mensch« zu werden, desto weniger

mochte man große Worte in den Mund nehmen, und schwer war es, »recht« zu

bleiben, das empfand man jeden Tag deutlicher.

Nach und nach kam Joseph spärlicher, und dann geschah es, daß er sich

ein ganzes Jahr nicht mehr blicken ließ. Ein Tages erhielt Klara dann

plötzlich einen wunderlich kurzen Brief, ob er sie wieder besuchen

dürfe? Sie hieß ihn willkommen, und so ein paar Male, nach wiederholten,

langen Absenzen, immer wieder.

Und nun saß er da am Fenster, und sie lauschte dem, was er erzählte.

Auch Klara erzählte, unter anderem, daß sie sich bald ehelich

verheiraten werde. Das Kind müsse einen Vater haben, und sie selber

bedürfe einer Mannesstütze, sie sei jetzt öfters unwohl und unfähig, das

Erwerbsleben, das sie so lange geführt habe, zu ertragen. Sie sei zu

schwach geworden, so allein und ungeliebt zu leben, sie sehne sich

darnach, die Müdigkeit, die ihre ganze Seele beherrsche, von einer Hand

und von einem guten, offenen Willen gestreichelt und geliebkost zu

sehen. Sie sei nur eine Frau, und nur eine hoffende Frau. Der Mann, den

sie erwählt habe, habe sich einfach von ihr bereden, rühren und

erwählen lassen, das Ganze sei eine zu einfache Geschichte, als daß sie

lange erzählt zu werden brauche. »Er« liebe sie und begehre, begehre und

begehre nur, sie glücklich zu machen. Ob das nicht das Einfachste von

der Welt sei? Und was Joseph, den sie nun schon so lange kenne, zu dem

allem sage? Er solle schweigen, denn sie wisse, daß er jetzt nur eine

Artigkeit habe auf die Lippen legen wollen, sie kenne ihn, das genüge.

Sie gab ihm lächelnd die Hand.

All das Vergangene, sprach sie weiter, all das schöne Vergangene! Wie

gut es gewesen sei, all das Vorübergegangene, und wie »recht«. Und die

mannigfaltigen Irrtümer: wie recht. Und das Gedankenlose, wie notwendig!

Jung sein, das irre, das müsse ohne Gedankentiefe reden und handeln,

damit es ein Vorwärts gebe. Nach den Erfahrungen kämen immer noch

Gedanken und Empfindungen genug, und ein langes Leben erdrücke nachher

das Jugendleben.

Und sie sprachen beide von der Vergangenheit, indem sie einander die

Worte und Ausrufe aus dem Mund wegnahmen, um sie gutzuheißen und

nachzusagen.

Es gibt bei einem solchen Wiederfinden keine Widersprüche, es will keine

geben. Eines sagt dem andern die Erinnerungen nachdenklich und

freundlich nach, die Lippen sprechen ineinander, die gesprochenen Worte

finden nur Beifall und Widerhall, keine Einwendungen; und

Auseinandersetzungen finden, man möchte sagen, nur im musikalischen

Sinne statt.

Ja, das Vergangene kam über sie, und rauschte um sie herum, und machte

sie die Welt rückwärts, gleichsam treppab, überschauen. Sie brauchten

ihre Gedächtnisse gar nicht zu zwingen, dieselben bogen von selber ihre

feinen Arme und Schlingen nach den Gegenden des Erinnernswerten, um es

spürbar näher zu bringen und zu tragen.

»Wie oft bin ich launisch und ungroßherzig gewesen,« sagte Joseph

bedauernd. Und Klara erwiderte, er sei doch der einzige, der immer

wieder zu ihr komme:

»Du machst lange Pausen, aber du kommst immer wieder. Du liebst es, dich

selten zu machen, aber man hat während der Pause das Gefühl, du denkest

an einen. Und eines Tages bist du dann da, und man wundert sich darüber,

wie wenig du dich verändert, wie vortrefflich du es verstanden hast, der

Alte zu bleiben. Und man spricht mit dir, als seiest du bloß in den

nächstbesten Bäckerladen getreten, habest kein jahrelanges Loch in die

Freundschaft gemacht, wie es doch jedesmal mit dir Flüchtling der Fall

ist, seiest immer um einen herum gewesen. Andere Männer, Joseph, wissen

für immer wegzubleiben, das Leben wirft sie in neue Richtungen, und sie

kehren nie wieder an den alten Freundschaftsplatz zurück. Dich

vernachlässigt ein bißchen das Leben, hörst du, und deshalb kannst du so

schön deinen eigenen Neigungen treu bleiben. Ich will dich weder

verletzen noch preisen, beides wäre unwahr, und wir beide, nicht wahr,

sind bis jetzt immer noch ganz gut mit der Eindeutigkeit gefahren. Was

du mir bist und was ich dir bin, bleiben wir uns!«

Es war Nacht geworden über den Gesprächen. Sie verabschiedeten sich.

»Kommst du bald wieder?«

Joseph sagte, indem er den Hut aufsetzte, es sei ja, da er doch, wie sie

sage, immer der Alte bleibe, gleichgültig, ob er in Jahrzehnten oder in

vier Tagen wiederkomme.

Sie schieden infolge dieses Wortes kalt voneinander.

* * * * *

Du bist jetzt, Herr Angestellter, oder wie du sonst gern genannt sein

willst, wieder in der Villa Tobler, merke dir das, und die Reklame-Uhr

schießt dir als ein flügelschlagender Vogel über den etwas poetisch,

wie es scheint, veranlagten Kopf. Der weichliche Sonntag ist vorüber,

und der harte, robuste Werktag hat dich soeben wieder angepackt, und da

wirst du dich in die Brust werfen müssen, wenn du seinem kraftvollen

Willen einigermaßen Stand halten willst. Bleibe nur ruhig der »Alte«,

wie deine Freundin Klara sich ausdrückte, das wird weniger schaden, als

wenn du dir plötzlich einreden wolltest, ein vollkommen »Neuer« zu

werden. So von einem Tag auf den andern wird man kein Neuer, auch das

schreibe dir, wenn es dir beliebt, nur gleich hinter die Ohren. Wenn

aber einen »das Leben vernachlässigt«, auch so ein Frauensprüchlein, und

wie es scheint, ein zutreffendes, so muß man gegen diese in der Tat

unwürdige Vernachlässigung ankämpfen, hörst du, und nicht am

heiterhellen Tag und an Abenden voll wehmütigen Sonnenuntergangscheines

mit alten Freundinnen über das »Vergangene« reden. Man wird so etwas

jetzt gefälligst bleiben lassen müssen. Dagegen wird man sich seiner

Pflichten zu erinnern haben, da Sonntage und Sonntagsausflüge

zufälligerweise nicht ewig andauern, und wird müssen zugeben, daß diese

Pflichten bislang von einem gewissen Gehülfen auch so ein wenig

»vernachlässigt« worden sind, gerade wie das Leben es mit diesem Herrn

selber bis jetzt getan hat. Und die »Kopflosigkeit«? Ist sie nun

endgültig beseitigt worden? So schnell füllen sich Köpfe nicht an, das

muß erarbeitet werden. Dulde du nur keine Trägheit in dir, und so wird,

meint man, nach und nach schon etwas in deinen Kopf kommen. Die

Reklame-Uhr liegt am Boden und jammert nach flüssigen Kapitalien. Nun

also, gehe auf sie zu, stütze sie, damit sie sich wieder langsam, Glied

für Glied, erheben und sich in der Meinung und im Urteil der Menschen

ein für allemal befestigen kann. Eine deines Geistes, wenn du willst,

würdige und nutzbringende Aufgabe. Sorge du nur auch dafür, daß aus dem

Schützenautomaten bald Patronen herausfallen, zaudere nicht so lange,

zieh energisch am Hebel, die Maschine, die von Herrn Tobler, deinem

Herrn und Meister, so ingeniös erdacht und ausgeführt worden ist, wird

sich dann schon in Bewegung setzen. Keine Gefühle jetzt. Man spaziert

nicht immer, man leistet auch einmal etwas, und man wird sich auch

gelegentlich, aber nicht erst in Wochen, sondern so rasch wie möglich,

die Bohrmaschine näher ansehen müssen, damit man mit allem, was das

Geschäft Tobler betrifft, Bescheid weiß. Eine nur zu bescheidene Pflicht

für denselben jungen Mann, der der Frau Tobler, was er so sehr schätzt,

helfen darf, im Garten Wäsche aufzuhängen. Man muß auch die verborgenen

Dinge bedenken, auf die kommt es an in einem Ingenieurbureau. Zum

Waschseilspannen, mein Herr Gartenbespritzer und -Bewässerer, hat man

Sie nicht hier hinauf auf den grünen Hügel berufen. Sie spritzen mit

Vorliebe den Garten, nicht wahr? Schämen Sie sich! Und haben Sie auch

schon nur ein einziges Mal an den patentierten Krankenstuhl gedacht?

Nicht? Gott im Himmel, ein solcher Angestellter. Sie verdienen, vom

»Leben vernachlässigt« zu werden. --

Das ungefähr waren Josephs eigene Gedanken, als er am Montag Morgen früh

im Bett erwachte. Er stund auf, schickte sich an, das Nachthemd mit dem

Taghemd zu wechseln, wobei er aber eine gute Minute im Anblick seiner

Beine versunken blieb. Nachdem die Beine studiert waren, wurden die

nackten Arme einer Prüfung unterworfen. Joseph stellte sich vor den

Spiegel und fand es sehr interessant, sich hin und her zu drehen und

seinen Körper zu betrachten. Ein guter, ordentlicher Körper, und gesund,

fähig, Anstrengungen und Entbehrungen zu ertragen. Mit einem solchen

Leib ausgestattet mußte es eine wahre Sünde sein, länger als für das

Ruhen notwendig im Bett liegen zu bleiben. Ein Karrenschieber konnte

keine gesunderen, fester gebauten Glieder haben. Er zog sich an.

Und zwar sehr langsam. Es war ja noch Zeit, und auf ein paar Minuten

konnte es nicht ankommen. Zwar war Tobler in diesem Punkt anderer

Meinung, wie Joseph bereits tüchtig erfahren hatte, aber Tobler selber,

der montagete heute. Unter montagen verstund man das länger als sonst

ausgestreckt im Bett Liegen-Bleiben, das sich ein bißchen mehr als alle

andern Wochentage Wohlseinlassen und Gehenlassen, und gerade Tobler, der

war ja der Richtige in diesen Montagdingen, der würde heute sowieso erst

um halb elf Uhr unten im Bereiche der technischen Lösungen und Probleme

erscheinen.

Die Haare schienen heute früh außerordentlich schwer zu bürsten und zu

kämmen zu sein. Die Zahnbürste erinnerte an vergangene Zeiten. Die

Seife, womit man die Hände waschen sollte, glitt aus, fuhr unters Bett,

und man mußte sich bücken und sie aus dem hintersten Winkel

hervorziehen. Der Kragen war zu hoch und zu eng, obgleich er doch

gestern prächtig gepaßt hatte. Welche wunderbaren Dinge. Und wie

langweilig das alles war.

An einem andern Ort und zu einer andern Stunde wäre das alles vielleicht

niedlich, belehrend, nett, fein, amüsant, ja entzückend gewesen. Joseph

erinnerte sich gewisser Zeiten in seinem Leben, wo ihn der Ankauf einer

neuen Krawatte oder eines steifen, englischen Hutes in seelische

Aufregung versetzen konnte. Vor einem halben Jahr hatte er eine solche

Hutgeschichte erlebt. Es war ein halbhoher, ganz guter, normaler Hut,

wie ihn die »bessern« Herren zu tragen pflegten. Er aber traute dem Hut

nichts Gutes zu. Er setzte sich ihn tausendmal auf den Kopf, vor dem

Spiegel, um ihn dann endlich auf den Tisch zu legen. Dann ging er drei

Schritte weg von dem niedlichen Ungetüm und beobachtete ihn, wie ein

Vorposten den Feind beobachtet. Es war nichts an ihm auszusetzen.

Hierauf hängte er ihn an den Nagel, auch da erschien er ganz harmlos. Er

versuchte es wieder mit dem Kopf, entsetzlich! Es schien ihn von unten

bis oben zerspalten zu wollen. Er hatte das Gefühl, als ob seine

Persönlichkeit eine benebelte, gesalzene, halbierte geworden sei. Er

trat auf die Straße: er schwankte wie ein schnöder Betrunkener, er

fühlte sich wie verloren. Er trat in eine Erfrischungshalle, legte den

Hut ab: gerettet! -- Ja, das war eine Hutgeschichte gewesen. Auch

Kragengeschichten, Mäntelgeschichten und Schuhgeschichten kamen in

seinem Leben vor.

Er verfügte sich ins Wohnzimmer hinunter, um zu frühstücken. Er aß

unbändig, geradezu unanständig. Es befand sich übrigens niemand am

Tisch, aber trotzdem! Gerade dann! Den Anstand beim Essen brauchte man

ja auch so nicht außer acht zu lassen. Woher er nur einen solchen Hunger

hatte? Weil es Montag war? Nein, ihm mangelte eben der Charakter, das

war es. Er hatte eine solche kindische Freude beim Brotabschneiden, und

doch war es Toblers Brot, nicht seines, und dann empfand er ein solches

Vergnügen beim Herauslöffeln der Bratkartoffeln, und wessen

Bratkartoffeln waren es wenn nicht Toblers? Es kam ihm wunder wie schön

vor, noch etwas über den Appetit hinaus zu essen, und wem schadete er

dadurch? Nachdem er so weit fertig war, hätte er eigentlich aufstehen

können, um hinter seine Arbeit zu gehen, aber was machen, wenn es einem

festhielt am Platz, wenn man sich nicht zu trennen vermochte vom

Eßtisch? Da kam Pauline und verjagte ihn mit ihrer ihm unangenehmen

Erscheinung.

Im Bureau! Erst ein bißchen auf und ab gehen, das gehörte doch

schließlich zur Sache, so fing einer immer an, wenn er zu arbeiten sich

vornahm. Gehörte Joseph zu den Menschen, die mit Ausschnaufen ein

Geschäft beginnen und erst nach Beendigung desselben, das heißt, nach

halber Beendigung energisch werden, das heißt wiederum, nur dazu

energisch, um sich über irgend einen billigen Genuß herzumachen? Er

zündete langsam einen der wohlbekannten Stumpen an, die ihm jeweilen den

Gedanken an die beginnende Arbeit so sehr versüßten, und rauchte drauf

los wie das Mitglied eines Rauchklubs.

Und dann setzte er sich wieder einmal an seinen Schreibtisch, und fing

an, sich nützlich zu erweisen.

Gegen zehn Uhr erschien Tobler, sehr aufgeräumt, wie Joseph sogleich

bemerkte. Man durfte daher etwas Leichtigkeit in das »Guten Morgen, Herr

Tobler« legen und den Stumpen von neuem anzünden. In der Tat ging von

der Figur des Vorgesetzten und Chefs der Firma eine außerordentliche

Fröhlichkeit aus. Er schien den Abend vorher tapfer gezecht zu haben.

Jede seiner gegenwärtigen Gesten sagte: »Nun, jetzt weiß ich, wo der

Haken liegt. Von jetzt an wird im Gang meiner Geschäfte eine neue

Wendung eintreten.«

Er erkundigte sich in der freundlichsten Weise nach der Richtung, die

Josephs sonntägliche Vergnügungen eingeschlagen hätten und rief, als

derselbe ihm sagte, wo er gewesen sei, aus:

»Ja so? In der Stadt sind Sie gewesen? Und wie hat es Ihnen denn dort

nach der längern Abwesenheit wieder gefallen? Nicht schlecht, was?

Jawohl, die Städte vermögen manches zu bieten, aber man kommt

schließlich doch auch gern wieder zurück. Habe ich recht oder nicht?

Aber was ich sagen wollte, Sie haben, wie ich bemerkt habe,

entschuldigen Sie, ha, ha, keine gar sehr guten Kleider mehr am Leib. Da

gehen Sie heute nur zu meiner Frau, die soll Ihnen einen noch ganz wie

neu aussehenden Anzug von mir geben. Sagen Sie nur, den grauen Anzug,

dann wird sie schon verstehen, welchen. Sie brauchen sich nicht im

mindesten zu genieren, ich trage doch so wie so diesen Anzug nicht mehr.

Und ein paar farbige Hemden mit dazugehörigen Brüsten und Manschetten,

für Sie sicher ganz ausgezeichnet passend, wird es wohl noch in der

Villa Tobler geben. Meinen Sie etwa nicht?«

»Ich habe alle diese Sachen gar nicht nötig,« sagte Joseph.

»Warum nicht nötig? Sie sehen ja selber, wie bitter nötig Sie's haben.

Machen Sie keine Umstände, wenn ich Ihnen etwas gebe. Nehmen Sie's,

fertig.«

Tobler war ungehalten. Plötzlich dachte er an etwas. Er setzte sich

unter die Mechanik des Probe-Schützenautomaten auf einen dort stehenden

Stuhl und sagte nach einer halben Minute: »Ich weiß wohl, was Sie

denken, Marti. Es ist wahr, Sie haben noch keinen Gehalt bekommen, und

Sie werden denken, es werde auch keinen geben. Gedulden Sie sich. Andere

müssen jetzt eben auch Geduld haben. Im übrigen will ich nicht hoffen,

daß Sie's für nötig finden, mir deswegen eine bittere Miene zu machen.

So etwas würde ich keineswegs in meiner Umgebung dulden. Wer so ißt, wie

Sie essen und eine solche Luft genießt, wie diejenige ist, die Sie hier

oben bei mir einatmen, der hat noch eine lange Strecke zu laufen bis zur

Klage. Sie leben! Denken Sie nur immer ein bißchen daran, in welcher

Verfassung Sie dagestanden sind, als ich Sie dort in der Stadt engagiert

habe. Sie sehen wie ein Fürst aus. Dafür werden Sie mir denn auch ein

wenig Dank wissen müssen.«

Joseph sagte, und es war ihm später unbegreiflich, wo er die Frechheit

dazu hernahm:

»Schon gut, Herr Tobler! Aber erlauben Sie Ihrem Untergebenen, Ihnen zu

sagen, daß es mir recht peinlich ist, beständig an das gute Essen, an

die prachtvolle Luft und an die Betten und Kissen, in denen ich schlafe,

erinnert zu werden. So etwas kann einem die Luft, den Schlaf und das

Essen beinahe vollständig verderben. Was muten Sie mir zu, wenn Sie

glauben, Ursache zu haben, mir den natürlichen Aufenthalt und Genuß, den

ich hier oben bei Ihnen habe, in einem fort vorwerfen zu müssen? Bin ich

ein Bettler oder ein Arbeiter? Ruhig, Herr Tobler. Bitte, ich mache hier

keine Szene, ich setze ganz einfach etwas für unser gegenseitig

notwendiges Verständnis auseinander. Ich möchte festgestellt haben

dreierlei. Erstens weiß ich Ihnen für alles, was Sie mir 'bieten', Dank,

zweitens wissen Sie das, denn Sie konnten das meinem bisherigen Betragen

ruhig entnehmen, und drittens leiste ich etwas, ein Beweis für dieses

Letztere ist die Tatsache, daß mein Gewissen und Ihre Klugheit mich

immer noch hier beschäftigt sehen. Was die Kleidergeschenke, die Sie mir

gütigst machen wollen, betrifft, so habe ich mich in diesem Moment eines

Bessern besonnen: ich nehme sie mit geziemendem Dank an, ich kann Wäsche

und Kleider brauchen, wenn ich mich aufrichtig frage. Den Ton dieser

Sprache werden Sie mir verzeihen müssen, oder -- Sie werden gezwungen

sein, mich aus dem Hause zu werfen. Es bedurfte dieser Sprache und

dieses Tones, denn ich habe das aufrichtige Bedürfnis gefühlt, Ihnen zu

zeigen, daß ich mich unter Umständen gegen -- wie soll ich sagen --

Grobheiten wehren kann.«

»Donnerwetter noch einmal! Wo haben Sie dieses Mundwerk her? Es ist ja

zum Lachen, das. Sind Sie eigentlich närrisch geworden, Joseph Marti?«

Tobler fand es für das Vernünftigste, laut zu lachen. Aber schon im

nächsten Augenblick zog sich seine Stirne in grimmige Falten:

»So zeigen Sie auch, Teufel noch einmal, daß Sie imstande sind, etwas zu

leisten. Bis jetzt habe ich noch wenig davon bemerkt. Ein großes Maul

macht noch keine nennenswerte Leistung, haben Sie das verstanden? Wo

sind die Briefe, die noch beantwortet werden sollen?«

Joseph sagte kleinmütig: »Hier!« Er war wieder völlig befangen. Die

Briefe lagen am falschen Ort. Tobler packte den ganzen Briefkorb und

schleuderte ihn mit einer wilden Zornesbewegung zu Boden. Er schrie:

»Und das will noch immer aufbegehren. Passen Sie lieber besser auf und

seien Sie weniger empfindlich. -- Schreiben Sie!«

Und er diktierte folgendes:

An Herrn Martin Grünen in Frauenberg.

Ihren Brief, worin Sie mir das mir seinerzeit zwecks Realisierung

meiner Reklame-Uhr bewilligte Darlehn von fünftausend Mark auf den

Ersten des kommenden Monates aufkündigen, habe ich erhalten und

gestatte mir -- haben Sie das? -- Ihnen folgendes zu erwidern: 1.

ist meine derzeitige finanzielle Lage derart, daß es mir eine reine

Unmöglichkeit ist, Ihnen auf den angegebenen Termin den fraglichen

Darlehnsbetrag zurückzuerstatten; 2. befinden Sie sich in einem

groben Irrtum, wenn Sie ein gesetzliches Recht zu haben glauben, auf

so unerwartet rasche Zurückzahlung zu dringen, indem 3. zwischen uns

bei Abschluß des Darlehens, so viel ich mich erinnere, und wie ich,

wenn nötig, schwarz auf weiß beweisen kann, die Vereinbarung getroffen

worden ist, -- sind Sie so weit? -- daß eine Zurückerstattung der

Schuldsumme erst dann zu erfolgen hat, sobald die Geschäfte der

Reklame-Uhr ein gewisses, gewinnbringendes Ziel gefunden haben.

4. Dies ist noch nicht der Fall. 5. Das gemachte Darlehen ist nicht

außer Verbindung speziell dieses Reklame-Uhr-Unternehmens zu setzen,

sowie die Abzahlung des ersteren nicht zu trennen ist vom Gelingen

des letzteren. 6. Würde es sich fragen, ob eine so kurzfristige

Zahlungsforderung in einem Falle, wie dem unsrigen, überhaupt

gestattet wäre. Hauptsache: das geliehene Geld liegt im obengenannten

Unternehmen und verfällt dem Risiko desselben. -- Sehr geehrter

Herr, Sie werden sich nun hoffentlich, nachdem ich Ihnen meinen

Standpunkt erklärt habe, die Sache noch einmal ernstlich überlegen.

Bedenken Sie, bitte, in welcher Lage ich mich befinde, und Sie

werden kaum den Mut finden, einen Geschäftsmann ruinieren zu wollen,

der sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft dagegen stemmt und

wehrt, in die ihm drohende Tiefe zu sinken. Wenn Sie Ihr Geld wieder

haben wollen, so drängen Sie mich nicht. Die Reklame-Uhr wird sich

bewähren! Ich hoffe Sie genügend überzeugt zu haben und zeichne

hochachtungsvoll -- --

»Geben Sie her!« Und Tobler unterzeichnete, indem er eine volle Minute

lang, scheinbar gedankenabwesend, in den Anblick des Schreibens

versunken blieb.

Inzwischen gab sich auch der Angestellte seinen privaten Gedanken hin.

Er dachte: »So ist er, dieser Herr Tobler. Zuerst nimmt er eine

hochmütige und drohende Stellung ein, dann duckt er plötzlich klein

zusammen und bittet, zu bedenken usw. Der Herr Grünen werde nicht den

Mut finden, meint mein Herr Tobler. Wie aber, wenn er ihn findet? So wie

dieser Brief abgefaßt ist, so pflegen Verzweifelte zu reden. Zuerst

klingt es hochtrabend, dann bedeutend, dann wichtig, dann prahlerisch,

dann beißend spöttisch, dann auf einmal kleinmütig, dann zornig, dann

flehentlich, dann plötzlich grob, dann Brust hoch und noch ein letztes

Mal in hochmütigem Ton: die Uhr =wird= sich bewähren! Wer beweist das? O

ein solcher pfiffiger Darlehngeber, wie dieser Grünen aus Frauenberg

einer ist, der wird hohnlächeln, wenn er diesen gefühlvollen Brief

liest.« --

Ihm scheine der Ton des Briefes kein ganz richtiger, wagte er halblaut

zu seinem Chef zu sagen. Das war ein Funke ins Pulverfaß.

Tobler sprang jählings auf: Was Joseph da Dummheiten zu schwatzen habe.

Wenn er Bemerkungen machen müsse, so solle er sie nicht erst eine halbe

Stunde nach Erledigung der Sache vom Mund ablaufen lassen, und dann

solle er sehen, daß es keine so läppischen seien, wie die, die er sich

soeben erlaubt habe.

»Unsinn!« schrie er, ergriff seinen Hut und ging davon.

Joseph kopierte das Schreiben mit der Kopierpresse, faltete es zusammen,

steckte es in einen vorher schon adressierten Briefumschlag, klebte zu

und frankierte.

Es waren ein paar hundert Zirkulare aus der Buchdruckerei angekommen.

Joseph fing an, diese Zirkulare exakt zusammenzufalten, und zwar zu

jeweiliger Briefkuvertgröße, damit sie in alle Welt hinaus verschickt

werden konnten. Das Rundschreiben enthielt in hübscher Druckschrift, und

mit Klischee-Abbildungen versehen, die genaue Beschreibung nebst

Preistabelle eines kleinen Dampfapparaten, auch einer Toblerschen

Erfindung. Vor allen Dingen galt es, diesen Dampfbehälter den

zahlreichen, in der Umgebung von Bärenswil und weiter im Land herum

verstreuten Fabriken und mechanischen Werkstätten anzupreisen, womit man

einen ganz hübschen Gewinn zu erzielen hoffte.

Der Gehülfe faltete bis zur Mittagsessenszeit diese Papiere zusammen,

welche Arbeit für ihn etwas geradezu Fröhliches und Gedankenförderndes

enthielt, und ging dann zu Tisch. Man schwieg während des Essens,

abgesehen von Dora, die ihren reizenden Mund nicht zu halten vermochte.

Die Knaben erwiesen sich unartig. Frau Tobler klagte die langen

Schul-Ferien als die Ursache der allgemeinen Jugendverwilderung an,

indem sie sagte, sie sei wahrhaftig froh über den baldigen Wiederbeginn

der Schulzeit, es werde nun gottlob bald wieder eine andere Zeit für die

Schlingel herantreten. Die Autorität und das Meerrohr des Lehrers

würden dann vielleicht erreichen, was der Mutter nicht möglich sei:

artiges und aufmerksames Benehmen ihren Buben anzugewöhnen. Es sei ganz

gut, wenn es allmählich Herbst werde. Während dieser langen, schönen

Sommertage wisse das kleine Volk vor lauter Langeweile gar nicht mehr,

wo noch irgend eine Gelegenheit sei, Übles und Dummes anzustellen.

Der Gehülfe · 第 9 / 20 段