Frau Tobler, die nun wieder gänzlich beruhigt schien, fing plötzlich an,

lebhaft den Wirsich zu rühmen, wie dieser leider lasterhafte Mensch in

allem Sonstigen so brauchbar, geschickt und anstellig gewesen, wie er

sich in jeden kleinen Dienst und in jede Aufgabe sogleich, ohne viel

Wesens zu machen, hineingefunden habe und dergleichen mehr, wobei sie

Joseph mehrmals spöttisch, wie er es empfinden mußte, anschaute, was ihn

beleidigte. Er rief deshalb aus:

»Dieser ewige Wirsich. Man möchte bald meinen, er sei ein einzig

dastehendes Genie gewesen. Warum befindet er sich denn eigentlich nicht

mehr hier, da man doch beständig von seinen geradezu himmlischen

Eigenschaften redet? Weil er betrunken gewesen ist? Und glaubt man denn,

man habe ein Recht, alles und jedes Gute von der Person eines

Angestellten zu verlangen, und einen Menschen wegzujagen, in die offene,

schwierige Welt hinaus, nur weil eine seiner Eigenschaften, eine

einzige, die übrigen ausgezeichneten verdunkelt hat? Das ist wahrhaftig

ein bißchen zu viel verlangt. Da haben wir Treue und Klugheit, Wissen

und Dienstfertigkeit, Unterhaltungsgabe und Gehorsamkeit, und alle diese

Eigenschaften, und noch einige feine andere dazu, stecken wir in unsere

Dienste, nehmen wir gleichmütig und fröhlich hin, weil sich das so

schickt, und weil wir ja dem Inhaber eines solchen Sackes voll

Auszeichnungen für die Hingabe derselben Gehalt, Kost und Logis geben.

Und nun bemerken wir eines Tages den dunklen Fleck am schönen Körper,

und weg ist die ganze, bequemliche Zufriedenheit, und wir lassen den

Mann sein Bündelchen schnüren und fortziehen, wohin er will, aber wir

reden nachher noch einen halben oder ganzen Meter und ein ganzes Jahr

lang und breit von ihm und seinen 'guten Eigenschaften'. Man muß

zugeben, daß das kein so gar besonders korrektes Verhalten ist,

insbesondere dann nicht, wenn man alle diese köstlichen und königlichen

Dinge dem Nachfolger, wahrscheinlich, um ihn zu treffen, auf die Nase

bindet, wie Sie, gnädige Frau Tobler, mir, dem Nachfolger Ihres

Wirsich.« --

Er lachte laut auf, und zwar absichtlich, um den aufrührerischen

Eindruck seiner etwas langen Rede zu besänftigen und zu zerstreuen. Er

hatte ein bißchen Angst, jetzt, da er wieder zu sich gekommen war, und

um dem empfindlichen Ton seiner Sprache einen lustigen Anstrich zu

geben, lachte er, aber es war ein gezwungenes Entschuldigungslachen.

Joseph habe nicht nötig, sagte Frau Tobler nach einigem Stillschweigen,

so zu ihr zu reden, einen solchen Ton verbitte sie sich, und sie sei

erstaunt, ihn ein solches Betragen annehmen zu sehen. Wenn er so stolz

und empfindlich sei, daß er seinen Vorgänger nicht rühmen hören könne,

so sei es für ihn besser, sich eine Einsiedlerhütte oben im Wald zu

bauen und da zu hausen, wo nur Wildkatzen und Füchse leben, unter die

Menschen müsse er dann lieber nicht gehen wollen. In der Welt dürfe

einer nicht alles auf eine so scharfe Wage nehmen. Sie werde im übrigen

nicht umhin können, ihrem Mann von dem Inhalt seiner sehr sonderbaren

Rede Kenntnis zu geben, damit Tobler wisse, woran er mit seinem

Angestellten sei.

Sie wollte aufstehen und weggehen. In diesem Augenblick rief Joseph aus:

»Sagen Sie nichts. Ich bitte alles ab. Ich bitte um Verzeihung!«

Frau Tobler streifte den jungen Mann mit einem Blick der Verachtung, sie

sagte: »Das ist schon gescheiter« und ging weg.

»Ich habe die höchste Zeit gehabt. Dort unten kommt Tobler!« dachte

Joseph, und in der Tat kam eben der Chef, heute unerwarteterweise früher

als sonst, nach Hause.

Nach einer Viertelstunde schon, von allem, was geschehen war, peinlich

genau unterrichtet, sagte Herr Tobler zu Joseph:

»Sie fangen wohl an, meine Frau schlecht zu behandeln? Was?«

Weiter sagte er nichts. Seiner Frau hatte er, als deren Klagen nicht

aufhören wollten, zugerufen, sie solle ihm »weggehn mit so dummen

Sachen.«

Tatsächlich hatte der Ingenieur jetzt wichtigere Dinge zu bedenken.

* * * * *

Am Abend dieses Tages war das Turmzimmer wieder einmal der stille, von

einer Lampe erleuchtete Schauplatz eines laut vor sich hergesprochenen

Selbstgespräches. Joseph, indem er sich Rock und Weste auszog, sagte

folgendes zu sich:

»Ich muß mich besser zusammennehmen, das geht nicht mehr so. Was hat

mich nur antreiben können, dieser Frau Tobler Grobheiten zu sagen? Achte

und nehme ich so sehr wichtig, was aus dem Mund einer solchen Dame

herauskommt? Und inzwischen muß sich der arme Herr Tobler auf

Geschäftsreisen abplagen, und sein Herr Angestellter treibt in

Gartenhäusern, neben einer Tasse Kaffee, solchen Gefühlsunsinn. Solche

Frauengeschichten! Was geht es mich denn an, wenn Frau Tobler an diesem

Wirsich manches Gute zu rühmen weiß? Das ist doch so einfach. Dieser

bleiche Ritter mit der Armesündermiene hat ihrem Weibergemüt Eindruck

gemacht. Muß mich das aufregen? Wieso denn? Statt stündlich und

halbstündlich an die technischen Unternehmungen zu denken, lasse ich es

mir angelegen sein, eine Frau von meinem Charakter zu überzeugen. Von

was? Aha, Charakter! Als ob es nötig wäre, daß ein Ingenieur-Angestellter

Charakter hat. Ich habe eben immer nur die dümmsten Dinge in einem Kopf,

der sich zu einem wirklich nutzbringenden und geschäftefördernden

Nachdenken verpflichtet finden sollte. Habe ich so wenig Pflichtgefühl?

Ich esse hier Brot und trinke Kaffee und verbinde mit diesen hübschen

Vorteilen und Nutznießungen eine in der Tat unpassende Sehnsucht nach

schädlicher Gedankenlosigkeit. Und dann halte ich halbstündige Reden vor

einer erschrockenen und verwunderten Frau, um ihr zu zeigen, daß sie

mich erbost hat. Was nützt das Herrn Tobler? Wird dadurch seine

finanziell schwierige Lage leichter? Haben sich dadurch die an den Mann

zu bringenden Geschäfte von der Lähmung, die gegenwärtig an ihnen

haftet, erholt? Ich bewohne hier eines der aussichtsfreisten und

schönstgelegenen Zimmer der Welt. See und Gebirge und Wiesenlandschaft

sind mir als Gratiszulage vor die Blicke und Füße gelegt worden, und

womit rechtfertige ich ein solches verschwenderisches Entgegenkommen?

Durch »Kopflosigkeit«! Was geht mich der Wirsich an samt seinen

nächtlichen Weiberbesuchen? Etwas viel Wichtigeres geht mich viel näher

an, und das ist die Firma, deren Schild ich auf meiner Stirne trage,

deren Interessen ich im Kopf und im Herzen tragen sollte. Im Herzen?

Warum nicht? Das Herz muß bei einer Sache sein, wenn die Finger und die

Gedanken richtig sollen arbeiten können. Am Herzen liegen! Nicht umsonst

sagen die Leute so.«

Er zergrübelte sich lange darüber den Kopf, was man wohl jetzt noch tun

könnte, um der Reklame-Uhr stramm auf die Beine zu helfen, über welchem

»geschäftlichen Nachdenken« er endlich einschlief.

Mitten in der Nacht erwachte er plötzlich. Er richtete sich in den

Kissen auf: Ah, das war Silvis Geschrei! Er stund auf, ging zur Türe,

öffnete sie und horchte, und da hörte er die Töne einer widerwärtigen

Szene. Es war Paulines Stimme, die jetzt rief:

»Bist wieder zu faul gewesen, aufzustehen und dich aufs Töpfchen zu

setzen, du wüstes Geschöpf?« Silvi wimmerte und suchte sich mit

abgebrochenen Worten zu rechtfertigen, was ihr aber nicht gelingen

mochte, denn zur Antwort auf ihre jämmerlichen Entgegnungen gab ihr die

Magd Hiebe, daß es klatschte wie nasse Wäsche.

Joseph kleidete sich an, ging die Treppe hinunter, in das Schlafzimmer

der Kleinen, und machte Pauline milde Vorwürfe. Diese aber rief, er habe

sich gar nicht einzumischen, sie wisse, was sie zu tun habe, und er

solle nur machen, daß er fortkomme, worauf sie die Silvi, wie um zu

zeigen, welche Autorität sie im Kinderzimmer habe, an den Haaren riß und

ihr befahl, sich wieder ins Bett zu legen, und zwar, zur Strafe, in das

durchnäßte.

Der Gehülfe entfernte sich wieder, scheinbar demütig das Regiment der

Zuchtmeisterin anerkennend. »Morgen oder übermorgen oder wann es sei,«

dachte er, indem er sich von neuem schlafen legte, »muß ich der Frau

Tobler eine zweite Rede halten. Mag es lächerlich sein. Es nimmt mich

doch wunder, ob sie ein Herz hat. Als Angestellter des Hauses Tobler bin

ich verpflichtet, ein Wort für die Silvi einzulegen, denn Silvi ist auch

ein Glied dieses Hauses, dessen Interessen ich zu vertreten habe.«

Am nächsten Sonntag eilte er per Bahn nach der Hauptstadt, nachdem er

ein Fünfmarkstück wie gewohnt in Empfang genommen hatte. Es war schönes,

heißes Wetter, und die Eisenbahnfahrt ging den blauleuchtenden See

entlang. Schon beim Aussteigen aus dem Wagen kam ihm die früher so

wohlbekannte Stadt ganz fremdartig vor. Wie doch eine verhältnismäßig

nur kurze Abwesenheit einen Ort umgestalten und ganz anders färben

konnte; er hätte das nie für möglich gehalten. Es kam ihm alles so klein

vor. Am Quai, längs des Seeufers spazierten im grellen Mittagssonnenschein

eine Menge Menschen. Was für ganz fremde Gesichter! Und so arm

erschienen Joseph alle diese Menschen. Freilich waren es ja Leute aus

dem dürftigen, arbeitenden Volk, keine Herren und Damen, aber etwas

Kümmerliches, das nichts mit der Dürftigkeit der wirtschaftlichen Armut

zu tun hatte, wob sich um dieses ganze, helle Spaziergängerbild. Es

war nichts anderes als die Fremdheit, die Ungewohntheit, die ihm

entgegenblendete, und er fühlte es auch und sagte sich, daß, wenn einer

bereits seit Wochen in der Toblerschen Villa lebe, er nicht nötig habe,

sich über den Anblick eines Städtebildes und dessen Entfremdung zu

verwundern. Bei Toblers gäbe es eben dickere, rötere Gesichter und

festere Hände und ein gewichtigeres Auftreten, als wie man es hier in

der leichten Stadt sähe, wo die Menschen nur zu bald mager und

unscheinbar von Aussehen werden. Das Kleine und Enge sei immer eine

ziemlich große und bedeutende Welt für sich, sobald man eine Zeitlang in

nichts anderes mehr hineingeschaut habe, während gerade umgekehrt das

Weite und wirklich Bedeutende anfangs klein und unansehnlich erscheine,

weil es gar zu verbreitet, ausgedehnt und luftig sei. Im Toblerschen

Haus herrsche eben von Anfang an eine gewisse kleine Dicke und Fülle,

und die habe stets viel auf sich und bestricke sogleich, wogegen

die Freiheit und die Weitschweifigkeit mit ihren breiten und

auseinandergezogenen Rundsichten scheinbar erkälten, weil sie nach

nichts Festem ausschauen. Das wirklich Wohltuende sei immer so

bescheiden von Ansehen, während wiederum das Toblersche oder Tyrannische

manches Gemütliche und Herzliche an sich habe, das einem aus Turmzimmern

und dergleichen verlockend und vielversprechend entgegenkomme. Das

irgendwo Gefesselt- und Gebundensein sei zuweilen wärmer und reicher

voll zärtlicher Heimlichkeiten als die offene, Tür und Fenster der

ganzen Welt offenstehen-lassende Freiheit, in deren hellen Räumen den

Menschen oft nur zu bald grimmige Kälte oder drückende Hitze anfahre,

aber die Freiheit, die er, Joseph, meine, du liebe Zeit, das sei doch am

Ende das Schicklichste und Schönste und enthalte unsterblichen Zauber. --

Bald kam ihm denn auch das Bild städtischen Sonntaglebens nicht mehr so

fremdartig und flüchtig und rauhbeinig vor, und je weiter er ging, um

so vertrauter den Augen und dem Herzen wurde ihm alles. Er ließ seine

Augen mitten unter die vielen Spaziergänger spazieren gehen, mit seiner

an die Toblersche Küche gewöhnten Nase zog er wieder die Düfte der Stadt

und des Stadttreibens ein, seine Beine marschierten wieder ganz munter

auf städtischem Boden, als ob sie nie auf Landerde getreten wären.

Wie hell doch die Sonne schien, und wie bescheiden die Menschen sich

hin- und herbewegten. Wie hübsch das war, daß man sich unter das

Treiben, Stehen, Gehen und Hin- und Herpendeln verlieren konnte. Wie

hoch der Himmel war, und wie das Sonnenlicht es sich auf allen

Gegenständen, Körpern und Bewegungen bequem machte, und wie leicht und

fröhlich der Schatten dazwischenhuschte. Die Wellen des Sees schlugen

gar nicht stürmisch an die steinernen Dämme an. Es war alles so mild, so

bedeckt, so leicht und hübsch, es war ebenso groß wie klein geworden,

ebenso nah wie fern, ebenso weit wie fein und ebenso zart wie bedeutend.

Es schien bald alles, was Joseph sah, ein natürlicher, stiller, gütiger

Traum geworden zu sein, nicht ein gar so sehr schöner, nein, ein

bescheidener, und doch ein so schöner. --

Unter den Bäumen eines kleinen Parkes oder Anlage ruhten Menschen auf

Bänken. Wie oft hatte Joseph die eine oder die andere von diesen Bänken

in Anspruch genommen, damals, als er in der Stadt gewohnt hatte. Er

setzte sich auch jetzt, und zwar neben ein hübsch aussehendes Mädchen.

Es ergab sich in einem durch den Gehülfen eingeleiteten Gespräch, daß

sie Münchnerin sei, die hier in der ihr gänzlich fremden Stadt auf

Arbeit lauere. Sie erschien arm und unglücklich, aber schon so manches

Mal hatte er arme und wehmütige Menschen auf diesen Bänken angetroffen

und angeredet. Die beiden sprachen einiges, dann erhob sich die

Münchnerin plötzlich, um davonzugehen. Ob Joseph ihr mit einer

Kleinigkeit an Geld helfen könne? Nein, nein, sagte sie, nahm dann aber

doch etwas an und verabschiedete sich.

Was saßen auf solchen öffentlichen Ruhebänken nicht für

verschiedenartige Menschen. Joseph fing an, sie der Reihe nach im Kreis

herum zu betrachten. Jener junge, einzelne Mensch dort, der mit seinem

Spazierstock Figuren in den Sand der Erde zeichnete, was konnte er sein,

was in aller Welt, wenn nicht ein Buchhandlungsgehilfe? Vielleicht

täuschte man sich, nun ja, so war er eben einer jener zahlreichen

Warenhauskommis, die Sonntags jeweilen irgend etwas »vor« haben. Und

dieses Mädchen da _vis-à-vis_, war sie eine Kokotte oder eine

Anstandsdame oder ein artiges, zimperliches, den Erfahrungen, die die

Welt mit beiden, reichen, warmen Armen den Menschen, einem wundervollen

Blumenstrauß ähnlich, darbietet, abholdes Zierpflänzchen und -Püppchen?

Oder konnte sie zweierlei oder gar dreierlei Gattung auf einmal sein?

Möglich, denn das war ja auch schon vorgekommen. Das Leben ließ sich

nicht so leicht in Kasten und Ordnungen abteilen. Und dort der alte,

zerfallene Mann mit dem zerzausten Bart, was war er, woher kam er

gerade, welchen Berufes und Zeichens durfte man annehmen, daß er etwa

sei? War er ein Bettler? Gehörte er zu den undefinierbaren Gesellen, die

während der Woche in der famosen Schreibstube für Stellenlose sitzen, wo

sie ein paar Mark im Tagelohn oder Wochenlohn verdienen? Was war er

früher gewesen? Trug er einen eleganten Anzug einst nebst dito Stock und

Handschuhen? Ah, das Leben machte bitter, aber es konnte auch froh und

innig demütig machen, und dankbar fürs Wenige, für das bißchen süße,

freie Luft zum Einatmen. -- Und was war das dort links für ein feines,

ja sogar, wie es schien, vornehmes Liebes- oder Brautpaar? Waren es

reisende und alle vorhandene Welt im Flug genießende Engländer oder

Amerikaner? Die Dame trug eine zierliche Feder auf dem kleinen, ihr wie

von irgendher angeflogenen Hut, und der Herr lachte, er schien sehr

glücklich, nein, beide! Daß sie doch nur immer lachten, es war ja so

schön, zu lachen und sich zu freuen.

Dieser schöne, liebe, lange Sommer! Joseph erhob sich und ging langsam

weiter, durch eine reiche, elegante, aber stille Straße. An Sonntagen,

ja, da saßen eben die reichen Leute zu Hause, die ließen sich heute

recht spärlich sehen; auf die Straße zu gehen, das mochte an diesem Tage

nicht fein genug sein. Alle Magazine waren geschlossen. Einzelnes,

verstreutes Volk pendelte und wackelte daher, oft recht unschön

anzuschauende Männer und Frauen. Welche Demut in solch einem

verzettelten Spaziergängerbildnis war. Wie bitterlich arm ein

Menschensonntag auftreten konnte. »Demütig werden,« dachte der Gehülfe,

»wie ist das für so Manchen der letzte Lebenszufluchtsort.« --

Und er kam allmählich durch neue und andere Straßen.

Wie viele Straßen! Das dehnte sich in die Ebene hinaus, Haus an Haus,

und die Hügel hinauf, und den Kanälen entlang, lauter größere und

kleinere Steinblöcke, ausgehauen mit Wohnungen für reichere und ärmere

Menschen. Hin und wieder kam eine Kirche, eine steife, glatte, neue,

oder eine eindrucksvolle, ruhig dastehende alte mit Efeu am

zerbröckelnden Gemäuer. Joseph ging an einem Polizeigebäude vorüber, aus

dessen Lokalen einem ihm eines Tages vor Jahren der Schrei eines

gemißhandelten Menschen entgegentönte, den man geknebelt hielt und mit

Stockschlägen zu bändigen versucht hatte.

Es ging jetzt über eine Brücke, die Straßen erschienen nach und nach

unregelmäßiger und loser, die Gegend, durch die er ging, bekam etwas

Dörfliches. Katzen lagen vor den Haustüren, und die Häuser waren von

kleinen Gärten umsäumt. Die Abendsonne legte sich gelblich-rot auf die

hohen Hauswände und auf die Bäume in den Gärten und auf die Gesichter

und Hände der Menschen. Man war in der Vorstadt.

Joseph trat in eines der neuen Häuser, die dieser noch beinahe

ländlichen Gegend ein so merkwürdiges Aussehen gaben, stieg die Treppen

empor, in die dritte Etage, blieb dort stehen, atmete sich

anstandshalber aus, putzte sich ein wenig den Staub ab und klingelte

dann. Die Türe wurde aufgetan, und die Frau, die in der Öffnung

erschien, stieß, wie sie den Gehülfen erblickte, einen leisen

Überraschungsschrei aus:

»Sie sind es, Joseph? Sie sind es? -- Kommen Sie.«

Die Frau, indem sie ihm die Hand reichte, zog Joseph in ihr Zimmer

hinein. Dort schaute sie ihm ziemlich lange in die Augen, nahm dem etwas

steif Dastehenden den Hut vom Kopf, lächelte und sagte:

»Wie lange haben wir uns nicht gesehen. Setzen Sie sich.«

Einen Augenblick später sagte sie:

»Komm, Joseph, komm. Setz dich hierher, ans Fenster. Und dann erzähle

mir. Du mußt mir sagen, wie du so lange hast leben können, ohne mir ein

einziges Sterbenswörtchen zu schreiben, und ohne mich ein einziges Mal

aufzusuchen. Trinkst du? Sage es nur ruhig. Ich habe noch einen Rest

Wein in der Flasche.«

Sie zog ihn zu sich ans Fenster, und er fing an, ihr von der

Elastiquefabrik, von den englischen Pfund, von der Militärdienstzeit

und von der Firma Tobler zu erzählen. Unten auf der vorstädtischen

Wiese spielten und lärmten eine Anzahl Kinder im Abendsonnenschein. Ein

oder das andere Mal pfiff eine nahe Lokomotive, oder man konnte einen

Betrunkenen singen und johlen hören, einer von jenen Gesellen, die den

Sonntagabend mit wüsten, sozusagen brandroten Tönen zu heulen und zu

charakterisieren pflegen.

Name und Geschichte der Frau, die jetzt ihrem jungen Bekannten zuhörte,

sind sehr einfach.

Sie hieß Klara und war die Tochter eines Zimmermanns. Zufälligerweise

stammte sie aus derselben Gegend wie Tobler und kannte daher dessen

Jugend so ziemlich. Sie war streng katholisch erzogen worden, aber von

der Zeit an, da sie in's Leben trat, veränderten sich ihre

Weltanschauungen völlig, sie ergab sich der Lektüre freisinniger

Schriftsteller, wie Heine und Börne. Sie arbeitete in einem

Photographengeschäft, zuerst als Retoucheuse, dann als Empfangsdame und

Buchführerin; der Chef des Geschäftes verliebte sich in sie, und sie gab

sich ihm, nicht ohne an die Folgen einer solchen zwanglosen Hingebung zu

denken, ja dieselben mit fester und freier Stirn gewärtigend, hin und

war sehr glücklich. Sie bewohnte noch immer das väterliche Haus, eine

jüngere Schwester von ihr war inzwischen an der Auszehrung gestorben.

Nach dem Geschäft fuhr sie täglich hin, und zurück in ihr Haus, mit der

Eisenbahn, ein und eine Viertelstunde lang. Zu jener Zeit empfing sie

zum ersten Mal Josephs Besuche. Sie fand einiges Gefallen an dem jungen,

damals kaum zwanzig Jahre alten Menschen und liebte es, seine Ergüsse,

die von jugendlich-unreifer Art waren, anzuhören.

Es war damals eine sonderbare Welt und Zeit gewesen. Unter dem Namen

»Sozialismus« hatte sich, einer üppigen Schlingpflanze ähnlich, eine

zugleich befremdende und anheimelnde Idee in die Köpfe und um die Körper

der Menschen, alte und erfahrene nicht ausgenommen, geworfen, dermaßen,

daß, was nur Dichter und Schriftsteller hieß, und was nur jung und rasch

bei der Hand und beim Entschluß war, sich mit dieser Idee beschäftigte.

Zeitungen solchen Schwunges und Charakters schossen wie brennendfarbige,

mit Düften hinreißende Blumen aus dem Dunkel der Unternehmungsgeister

heraus an die erstaunte und erfreute Öffentlichkeit. Die Arbeiter und

ihre Interessen nahm man damals allgemein mehr geräuschvoll als ernst.

Es wurden häufig Umzüge veranstaltet, an deren Spitze auch Frauen

schritten, blutigrote oder schwarze Fahnen hoch in der Luft

daherschwenkend. Was nur immer mit den Verhältnissen und Ordnungen der

Welt unzufrieden war, schloß sich dieser leidenschaftlichen Gedanken-

und Gefühlsbewegung hoffnungsvoll und zufrieden an, und was die

Abenteuerlust einer gewissen Sorte von Schreiern, Krakehlmachern und

Schwätzern vermochte, die Bewegung einesteils prahlerisch hochzuheben

und anderteils in die Gemeinheit des Tages herabzuziehen, das bemerkten

die Feinde dieses »Gedankens« mit einer Art vergnüglichem Hohnlächeln.

Die ganze Welt, Europa und die übrigen Erdteile, so hieß es damals unter

den jungen und halbreifen Geistern, verbände und vereinige diese Idee zu

einer fröhlichen Menschenversammlung, aber nur wer arbeite, sei

berechtigt, usw.

Joseph und Klara waren damals ganz und gar von diesem vielleicht edlen

und schönen Feuer ergriffen worden, das nach ihrer beiderseitigen

Meinung kein Wasserstrahl und keine üble Nachrede auszulöschen

vermochte, und das sich, einem rötlichen Himmel ähnlich, über die ganze

runde rollende Erde erstreckte. Sie liebten beide, wie es damals Mode

war, die »Menschheit«.

Sie saßen oft stundenlang, bis in die späteste Nacht hinein, in der

Stube, die Klara in dem kleinen Hause ihres Vaters bewohnte, und

unterhielten sich über die Wissenschaften und über herzliche Dinge,

wobei Joseph, so schüchtern er sonst auch im Umgang mit Menschen war,

immer das meiste redete, wie es sich auch ziemte, da ihm die Freundin

wie eine erhabene Lehrerin vorkam, der gegenüber er seine Gedanken wie

mehr oder weniger gut einstudierte Schulaufgaben zu äußern und

aufzuzählen hatte. Wie schön waren diese Abende. Jedesmal, wenn er dann

nach Hause ging, leuchtete ihm die Frau, die damals noch Mädchen war,

mit einem Licht die Treppe hinunter und sagte ihm mit ihrer sanften

Stimme adieu und auf Wiedersehen. Wie ihre Augen leuchteten, wenn er

sich zurückbog, um sie zu guter Letzt noch einmal anzuschauen.

Dann bekam Klara ein Kind und wurde eine »freie Frau«, das heißt, sie

fühlte sich sehr bald in der härtesten Weise durch ihren Freund, den

Photographen, verraten und infolgedessen aufs tiefste degoutiert, so daß

sie ihm eines Abends, sie selber lebte in den ärmlichsten Umständen,

einfach die Türe zeigte und zu ihm nur das eine, kurze, befehlende Wort

sagte: »Geh!« -- Er war ihrer unwürdig! Sie mußte sich das tapfer sagen,

oder sie mußte verzweifeln. Aber von da an liebte sie nicht mehr die

»Menschheit«, sondern sie betete ihr Kind an.

Sie schlug sich durch, sie war mutig und war von jeher ans Zugreifen in

die Arbeit gewöhnt gewesen. Bald hatte sie sich einen eigenen

Photographenapparaten angeschafft und eine Dunkelkammer eingerichtet,

und während sie die Herrlichkeiten der Erziehung und Pflege eines

kleinen Kindes, die Mühen derselben, die Freuden, die Sorgen um dies

alles empfand, photographierte sie auf Postkarten und verkehrte mit

Händlern und Grossisten wie der geriebenste Geschäftemacher. Sie schloß

sich einer Freundin aus der Jugendzeit, die ein ähnliches Geschick wie

sie selber zu kosten bekommen hatte, häuslich an und lebte mit ihr in

ein und derselben Wohnung. Es war eine Frau Wenger, eine intelligente

aber ungebildete Frau, ein »guter Kerl«, wie Klara von ihr sagte. Der

Mann dieser Frau war Mitglied oder Soldat der Heilsarmee, obgleich er

ein durchaus an Verstand und Gemüt geradegebauter Mensch, und durchaus

kein religiöser Schwärmer war. Zu den Schwärmern war er einfach aus

praktischen Gründen übergetreten. »Tritt du nur dort ruhig ein, Hans, du

verlernst dort am besten das Trinken,« hatte die eigene Frau zu ihm

gesagt. Ihr Hans »trank« nämlich.

Der Gehülfe · 第 8 / 20 段