in die schöne Umgebung hinein, und wie! Umblitzt von der strahlenden
Sonne, erhoben von einem grünen, wundervoll zum See und zur Ebene
herablachenden Hügel, umgeben und umarmt von einem wahrhaft
herrschaftlichen Garten, steht es da, die reine bescheidene und
besonnene Freude. Nicht vergebens wird es von zufällig vorübergehenden
Spaziergängern lange angeschaut, denn es ist eine wahrhaftige Zier zum
Anschauen. Hell glänzen seine Fensterscheiben und seine weißen Gesimse,
bräunlich winkt der schöne Turm, und die Fahne, die man vom Nachtfest
her da oben hat stehen lassen, windet sich in heiter-majestätischen
Bewegungen, in Zuckungen, Windungen und flammenartigem Geröll um die
schlanke, feste Stange. Dieses Haus drückt in seiner Bauart und an
seinem Bauplatz zweierlei Gefühle aus, das der Lebendigkeit, und das der
Ruhe. Ein ganz klein wenig protzt es allerdings, es ist anders als die
tief in den lieben, alten Gärten versteckten Herrenhäuser älteren
Ursprungs, aber es ist lieblich, und wer darin wohnt und dabei denken
muß, es könne sein, daß er es unehrenhafterweise verlassen müsse, dem
darf übel zumut sein, er hat Ursache.
Aber solches zu denken, das verbietet sich Herr Tobler.
* * * * *
Si-vi, Si-vi!
Wie schneidend das klingt. Und doch schneidet es nicht einmal recht. Ein
grobes, seit Jahren nicht mehr geschliffenes Küchenmesser kann ebenso
gut Sivi rufen, wie Pauline, die infolge eines Zungenfehlers das l nicht
zu artikulieren vermag. Aber zu befehlen weiß diese Magd ausgezeichnet,
wenn es die Silvi betrifft. Betrifft es Dora, dann sinkt die
Befehlshaberstimme zu einem Säuseln und Lispeln herab. Zu der Dora sagt
die Pauline immer: Do-li, denn jetzt erstreckt sich ihre schwache Zunge
auf das r im Namen Dorli, das l spricht sie aus, was verwunderlich
genug ist, da sie es bei Si-vi doch stets wegläßt. Aber Si-vi klingt
eben spitz, und die Silvi will man verwunden, man will ihr schon mit dem
bloßen Zuruf wehtun, zu diesem kleinen Mädchen spricht niemand
liebevoll.
Die eigene Mutter mag das Kind nicht ausstehen, da geht es wohl mit ganz
natürlichen Dingen zu, daß alle ein wenig es verabscheuen. Dora dagegen
besteht aus Zucker, wenigstens meint man das eine Zeitlang, denn aus
allen Ecken tönt und flötet und bittet es: Dorli, liebes Dorli! heraus,
daß man glaubt, es müsse eine schneeweiße Konditorei in unmittelbarer
Nähe sein. Dora ist beinahe nicht Fleisch und Bein, sondern es sind
Mandeln, Torten und Sahne an ihr, so scheint es wenigstens, so voll ist
die Luft um das Mädchen herum von Artigkeiten, Süßigkeiten, Knixen und
Liebkosungen.
Wenn Dora krank ist, ist sie die Lieblichkeit selber. Sie liegt dann, in
Kissen gebettet, auf dem Ruhbett im Wohnzimmer, ein Spielzeug in der
Hand und ein Engelslächeln auf den Lippen. Jedermann geht hin und
schmeichelt ihr, auch Joseph tut das, er muß es beinahe tun, es zwingt
ihn, denn die Kleine ist wirklich schön. Sie ist ganz der Vater,
dieselben dunklen Augen, dieselbe Fülle des Gesichts, ein und dieselbe
Nase, überhaupt ganz Herr Tobler.
Silvi dagegen ist ein nicht recht gelungenes Abbild der Mutter, eine
zugleich verkleinerte, aber auch ziemlich mißratene Photographie
derselben. Armes Kind! Was kann sie dafür, daß man sie schlecht
photographiert hat? Sie ist dünn und doch plump. Sie scheint von
Charakter, wenn man bei einem Kind von einem solchen sprechen darf,
mißtrauisch, und in der Seele scheint sie falsch und verlogen zu sein.
Wie ist dagegen Dorli entzückend aufrichtig im ganzen Wesen. Deshalb hat
man sie ja auch im ganzen Haus und in der Nachbarschaft so gern. Man
macht ihr Geschenke und man gehorcht ihr. Joseph trägt die Dora im
Garten herum, auf den Achseln, sie braucht nur zu sagen: tu's, und so
tut er's. Sie bittet so schön. Der Himmel selber scheint ihr auf den
Lippen zu liegen, wenn sie bittet. Weiße, kleine Wolken scheinen diesem
Kinderhimmel alsdann zu entschweben, und irgendwo, meint man, müsse
jemand plötzlich angefangen haben Harfe zu spielen. Sie bittet und
befiehlt zugleich. Eine Art unwiderstehlicher Befehl ist immer mit einer
tatsächlich schönen Bitte verbunden.
Silvi kann nicht bitten, sie ist zu schüchtern, zu verschlagen dazu,
sie getraut sich nicht recht, es zu tun, aber um bitten zu können, muß
man ein unbändiges, kräftiges Vertrauen zu sich und zu andern haben.
Wenn man den schönen Mut zu einer flehentlichen Bitte finden soll, muß
eines zum voraus von der Erfüllung derselben fest, ja felsenfest
überzeugt sein, aber Silvi ist von niemands Güte überzeugt, da man sie
nur zu rasch und zu unvorsichtig an ganz anderes gewöhnt hat. Ein
verprügeltes Hudelgeschöpfchen wie Silvi wird leicht von Tag zu Tag
unliebenswürdiger und häßlicher zum Anschauen und Ertragen, weil sich
ein solch kleiner Mensch nicht nur nicht mehr in Acht und Zucht nimmt,
sondern sogar, aus einem geheimen, schmerzlichen Trotz, den nur niemand
einem unentwickelten Kind zutraut, bemüht, durch ein immer schlechteres
Betragen den Abscheu und den Ekel der Nebenmenschen stets höher zu
reizen. Es ist überhaupt mit der Silvi ganz eigentümlich, es ist einem
fast unmöglich, sie lieb zu haben, wenn man sie sieht. Die Augen
beurteilen sie sogleich schlecht, nur das Herz, wenn man eines hat, sagt
hinterher: Arme, kleine Silvi!
Von den Knaben ist Walter der Bevorzugte, Edi, der Jüngere, der
Vernachlässigte. Aber in gewissen Familien sind Knaben höher im
allgemeinen geschätzt als Mädchen, so daß es nicht möglich ist, daß
einem weniger geliebten Knaben in einem solchen Maß alle gütige, warme
Zuneigung verloren geht, wie es beim »verschuggten« Mädchen der Fall
sein kann. Auch in der Familie Tobler ist das so: Walter und Edi sind,
zusammengerechnet, ein höherer Wert als das weibliche Doppelgebild Dora
und Silvi. Walter und Edi sind ganz verschiedene Naturen, der erste ist
ein wilder, zu Streichen aufgelegter, aber offenherziger Bursche,
während Edi gern in den Winkeln der Wohnung kauern bleibt, ganz wie
Silvi, sein Schwesterchen, und sehr wenig spricht, ebenso wie diese. Edi
macht sich auch nie über Silvis Benehmen lustig, es herrscht zwischen
den beiden ein unausgesprochenes, aber vielleicht um so natürlicher
empfundenes Einverständnis. Ja, sie spielen sogar zusammen. Walter würde
nie mit Silvi Ernsthaftes zu tun haben. Er macht sich über sie lustig
und mißhandelt sie oft, weil man den Knaben daran gewöhnt hat, nichts
dabei zu empfinden.
Von Silvi muß noch erwähnt werden, daß sie fast jede Nacht ihr Bettchen
vernäßt, trotzdem sie von Pauline regelmäßig aus dem Schlaf geweckt
wird, um auf das Nachttöpfchen gesetzt zu werden. Diesem körperlichen
Makel hat die Kleine hauptsächlich die strenge Behandlung, welcher man
sie aussetzt, zu verdanken, denn man ist allgemein des festen Glaubens,
sie sei zu faul zu erwachen und vom Bett aufzustehen. Pauline hat
Auftrag von Frau Tobler, das Kind zu hauen, wenn das Bettlaken unsauber
sei, und zwar jedesmal, und wenn Ohrfeigen nichts nützen, so solle die
Magd nur den Möbelausklopfer nehmen, dann fruchte es vielleicht eher
etwas, und Pauline gehorcht der Herrin. So hört man denn oft mitten in
der Nacht ein jämmerliches Geschrei aus dem Kinderschlafzimmer dringen,
vermischt mit den Scheltworten und laut ausgerufenen Schimpfnamen, die
Pauline der Sünderin glaubt anhängen zu müssen. Morgens muß Silvi das
Häfchen, das sie während der Nacht benutzt hat, selber nach unten
tragen. Es ist dies auch eine Verordnung der Mama, die der Ansicht ist,
daß es sich für eine Bettverunreinigerin zieme, dies mit eigenen Händen
zu besorgen, die Pauline habe auch sonst noch genug zu tun. Da sitzt
dann das Hutzel- und Hudelkind mit dem bewußten Gegenstand, den sie in
kurioser Weise neben sich hinstellt, auf einem der Treppenabsätze und
scheint, wenn man sie so betrachtet, von allen guten Schutzengeln, die
sonst den Ruf haben, sich um arme, schutzlose Kinder zu bekümmern,
verlassen zu sein. Wenn sie sich »zum Überfluß« noch widerspenstig
zeigt, sperrt man sie in den Keller, und dann ist des Geschreies und
Polterns gegen die zugeschlossene Kellertüre kein Ende, so daß sogar
Nachbarn, schlichte Arbeiterleute, auf den Jammer, der aus der Villa
tönt, aufmerksam werden.
Tobler weiß von alledem wenig, er ist ja so selten zu Hause, jetzt geht
er überhaupt immer mehr auf Reisen. Er ist von Geschäftssorgen erfüllt
und kann sich der Erziehung und Überwachung seiner Kinder in nur ganz
geringem Grade widmen. So ein Mann, wie Tobler einer ist, überläßt gern
die häuslichen Dinge seiner Frau, denn er selber reist und kämpft in
Dingen der Reklame-Uhr und des Schützenautomaten. Der Mann trägt die
Verantwortung, da müßte man hoffen dürfen, die Frau trage die Liebe und
die Mühe. Der Mann kämpft mit der Existenz, und die Frau sorgt für die
Haltung und für das friedliche Benehmen zu Hause. Inwiefern das Frau
Tobler tut, wird es sich zeigen? Vielleicht.
Wo Kinder sind, da wird es ja immer Ungerechtigkeiten geben. Die Kinder
Tobler bilden ein sehr ungleichmäßiges Viereck. An den vier Spitzen des
Quadrates stehen Walter, Dora, Silvi und Edi. Walter spreizt seine Beine
und zerreißt seinen frechen Mund zu einem gesunden Lachen. Dora saugt
am Finger und lächelt und schaut auf die sie bedienende Silvi herab, die
der Prinzessin die Schuhe binden muß. Edi schnitzt an einem Holzstück
herum, das er irgendwo im Garten aufgelesen hat, ganz in die Arbeit, die
das Taschenmesser, dessen er sich bedient, leistet, versunken. Wo ist da
Regelmäßigkeit? Wie kann man jedem kleinen Sinn und Herzen gerecht sein?
Pauline schaut zum Küchenfenster heraus. Diese Person aus den weiteren
Volksschichten hat verwunderlicherweise keinen Sinn für Gerechtigkeit,
oder sie versteht sie eben falsch. Nun verschiebt sich das unregelmäßige
Viereck, die Kinder zerstreuen sich, jedes in seine Art und Weise
hinein, in die Stunden und Tage und in die geheimen Kinderempfindungen,
und in den Weltraum rund um das Haus Tobler herum, in die Schmerzen und
Freuden hinein, in die Demütigungen und in die kosenden Worte, in die
Stube und in den täglichen Kreis, in die Schlafnächte und in den
Fortgang der kindlichen Erfahrungen. Vielleicht üben sie sogar einen
gewissen richtungbeeinflussenden Druck auf das Steuerruder des
Toblerschen Unternehmungenschiffes aus. Wer kann's wissen. --
* * * * *
Im Laufe der Woche, die im übrigen ruhig verlief, waren eines Abends
zwei Leute, Herr und Frau Doktor Specker, in die Villa zum Abendstern zu
Besuch gekommen. Es war recht gemütlich gewesen, wie man sich
auszudrücken pflegt. Man holte wieder einmal ein Spiel Karten und
»jaßte«. Der »Jaß«, so hieß in der weiten und breiten Landesgegend ein
beliebtes, ja sogar national gefärbtes und angehauchtes Kartenspiel.
Frau Tobler, die es in diesem Spiel, wie bereits angedeutet worden ist,
bis zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hatte, unterrichtete Frau
Doktor Specker in den zahlreichen Kniffen, die dasselbe enthielt,
letztere Dame war darin noch nicht so sehr beschlagen. Es war an diesem
Abend viel gelacht und gescherzt worden. Joseph wurde das Amt eines
Kellermeisters übertragen, er hatte Wein aus dem Keller zu holen und den
Inhalt der Flaschen dann in die Gläser zu gießen, und es zeigte sich bei
dieser Gelegenheit, daß er einen gewissen Stolz besaß, der Tobler dumm
vorkam, aber als Gegengewicht einigen gesellschaftlichen Takt, so daß
sich sein Chef nicht zu genieren brauchte, ihn mit den herrschaftlichen
Gästen näher bekannt zu machen. Dies ist mein Angestellter, hatte Tobler
laut gesagt, auf welche Worte sich Joseph vor der Dame und dem Herrn aus
dem Dorf verneigte.
Was waren es denn eigentlich für Leute gewesen? Er war Arzt und dazu ein
noch blutjunger Mann, und was sie betraf, so stellte sie gar nichts
weiteres vor, als die Bestätigung in Weibesgestalt, die Frau des Arztes
zu sein, weiter gar nichts. Sie war die Frau ihres Mannes und führte
sich als solche den ganzen Abend still und schüchtern auf. So war Frau
Tobler nicht ganz, der sah man denn doch, namentlich wenn man beide
Frauen miteinander verglich, etwas Geheimes an, obschon wenig, aber an
der Frau Doktor Specker war gar nichts Geheimes. Man aß süßes Gebäck zum
Wein, und die Herren rauchten.
»Welch ein junger, glücklich aussehender Mensch, dieser Herr Arzt,«
dachte Joseph, indem er sich bemühte, so klug und so knifflig wie
möglich zu spielen. Man hatte ihn aufgefordert, mitzuhelfen. Der Arzt
richtete an den Gehülfen mehrfach Fragen, woher er sei, seit wie lange
er in Bärenswil und bei Toblers wohne, und ob es ihm hier oben gefalle
usw., und Joseph erstattete Antwort, so ausführlich, als ihm die
Zurückhaltung, die Menschen von unstetem Lebenswandel in solchen Fällen
immer eigen ist, erlaubte. Inzwischen hatte er ziemlich unklug gespielt,
und es wurden ihm nun in der Spielregel von allen vier Seiten des
Tisches die glänzendsten Reden gehalten, als würde es gegolten haben,
einen verbohrten, schwerfälligen Ketzer zu bekehren.
Gesprochen war im übrigen das Alltägliche worden, und das war ja
schließlich das »Gemütliche« gewesen.
Noch in derselben Woche kam auch ein kleiner Zwischenfall sittlichen und
kulturellen Charakters vor, in welchem die Gestalt des Vorgängers
Wirsich eine Rolle spielte, dermaßen, daß von diesem aus dem Hause
Tobler beförderten Menschen einige Tage lang wieder die ziemlich
beständige Rede war. Die Sache war folgende:
Gleichzeitig mit Wirsich war vor einigen Wochen auch die Dienstmagd aus
der Villa Tobler hinausgejagt worden, die Vorläuferin von Pauline, ein
nach den Darstellungen der Frau Tobler robustes und schelmisch, d. h.
diebisch veranlagtes junges Weibsbild, das der Herrin, nach deren
Behauptungen, denen man wohl glauben durfte, ganze Wäschestücke und
anderes gestohlen hatte. Entlassen war sie worden wegen ihres
gierigsinnlichen Wesens und Treibens, demzufolge sie mit Wirsich in
ziemlich kecke und schamlose, geschlechtliche Beziehungen getreten war,
die der Herrschaft nicht verborgen bleiben konnten, da sie zu
augenfällig und in der Tat unanständig unterhalten wurden. Außerdem war
die betreffende Magdsperson hysterisch veranlagt, und das erschien als
eine Gefahr für die Kinder. Sie hatte sich öfters plötzlich im bloßen
Hemd auf der Treppe und in der Küche gezeigt, indem sie dann steif und
fest und hoch und teuer, und unter Tränen und Krämpfen ihres fetten
Leibes, auf die Vorwürfe, die man ihr machte, behauptete, sie habe es
nicht mehr ausgehalten in den Kleidern, und müsse sterben, und was des
zynischen und läppischen Geschwätzes mehr sein mochte. Da die
Herrschaften Tobler genau um die nächtlichen Besuche wußten, die die
lüsterne Person dem Wirsich im Turmzimmer abstattete, so fanden sie es
kluger- und billigerweise geraten, das Dienstverhältnis zu dem
ungesunden und verderblichen Mädchen aufzulösen und ihr den Abschied zu
geben.
Nun kam dieser Tage ein Brief eben dieser Person, adressiert an Frau
Tobler, im Abendstern an, in welchem die ehemalige Magd in einem
unangenehm vertraulichen Ton schrieb, es seien über Frau Tobler in der
Gegend, wo sie wohne, Gerüchte verstreut worden, dahin deutend, ihre
frühere Herrin habe mit dem Untergebenen Herrn Toblers, dem Wirsich, ein
Liebesverhältnis unterhalten, woran sie, die Magd, in keinerlei Weise
glaube, da sie zum voraus überzeugt sei, daß nur lästerliche und
lügenhafte Zungen es seien, die so etwas hätten sagen können. Aber
verpflichtet habe sie sich gefühlt, der Frau, bei der sie so lange Zeit
gedient hätte, von den abscheulichen Lästerreden Mitteilung zu machen,
um sie zu warnen usw.
Dieser Brief, der natürlich weder orthographisch richtig noch auch nur
vernünftig geschrieben war, versetzte die Empfängerin in die hellste
Entrüstung, denn die darin enthaltene Anhänglichkeit eines Dienstboten
an die frühere Herrschaft war ebenso sehr erlogen, wie das Vorhandensein
eines schlimmen Gerüchtes betreffs das Betragen der Frau Tobler. Diese
zeigte den Brief Joseph, es war um die Mittagsstunde, man saß draußen im
Gartenhaus, und Herr Tobler war abwesend, und ersuchte ihn, nachdem sie
ihn das Schreiben hatte durchlesen lassen, ihr beim Aufsetzen einer
energischen Antwort, die sie der frechen Lügnerin schulde, behülflich zu
sein.
»Warum nicht? gern!« gab Joseph der erregten und ungehaltenen Frau zur
Antwort. Da er dies in ziemlich trockenem Ton gesagt hatte, weil ihn der
Eifer, mit dem sie sich in diese Wirsichsche Affäre hineinwickelte,
beinahe kränkte, so glaubte Frau Tobler, er tue ihr nicht gern den
erbetenen Gefallen und sagte, wenn er es nicht gern tue, so könne sie
es ja wohl auch noch allein zustande bringen. Zwingen wolle sie ihn
durchaus nicht. Es scheine ihm eben kein Vergnügen zu bereiten, ihr zu
dienen, und höflich sei sein Benehmen ihr gegenüber heute auch nicht
gerade.
»Wieso kein Vergnügen?« entgegnete Joseph beinahe zornig, »erteilen Sie
mir einen strikten Befehl. Sagen Sie mir, wie Sie den Brief abgefaßt
haben wollen, und ich gehe ins Bureau, und in ein paar Minuten ist die
Sache erledigt. Es braucht gar kein besonderes Vergnügen dabei zu sein.«
Das war ungezogen. Frau Tobler fühlte das und wandte ihm, indem sie ihn
mit einem erstaunten Blick maß, den Rücken. Joseph kehrte
stillschweigend zu seiner Arbeit zurück.
Nach ein paar Minuten erschien auch Frau Tobler, noch ganz ereifert, im
Bureau, bat sich von dem Gehülfen eine Feder, sowie einen Briefbogen
aus, setzte sich an das Pult ihres Mannes, dachte einen Augenblick nach
und fing an zu schreiben. Da dies etwas Ungewohntes für sie war, hielt
sie mehrmals während der Übung inne, wobei sie hochaufseufzte und laut
über die Schlechtigkeit des niederen Volkes klagte. Endlich war sie
fertig geworden, und da konnte sie sich des Bedürfnisses doch nicht
erwehren, die vollendete Arbeit dem Korrespondenten zu zeigen, um dessen
Meinung zu hören. Der Brief war an die Mutter der heimtückischen Magd
gerichtet und lautete:
Geachtete Frau!
Es ist mir ein Schreiben zugegangen von Eurer Tochter, meiner
ehemaligen Dienstmagd, und daß ich es nur gleich sage, ein
unverschämtes und nichtswürdiges Schreiben. Es werden darin,
unter dem Schein der Treue und Anhänglichkeit an die Herrschaft,
Beleidigungen der gröbsten Art gegen eine Frau ausgestoßen, die,
weil sie gütig und nachsichtig gewesen ist, nun dafür bestraft wird,
daß sie nicht hart und mitleidlos hat sein können. Wißt, geachtete
Frau, daß Eure Schande von Tochter mich, währenddem sie hier im
Dienst war, bestohlen hat, und daß ich sie dem Gericht überliefern
könnte, wenn ich wollte, aber so etwas sucht eine Frau wie ich zu
vermeiden. Ich will mich kurz fassen: Sorget, geachtete Frau, dafür,
daß dieser Nichtsnutz seinen Schnabel halte. Ich weiß, wer es ist,
und wer die Gerüchte sind, die über mich Schlechtigkeiten und
Schamlosigkeiten verbreiten. Es ist niemand anderes als dieselbe
freche Person, die sich selber bei mir im Haus der Verletzungen
guter Sitte und züchtigen Lebenswandels schuldig gemacht hat, und
zwar, wie ich beweisen kann, mit demselben Menschen, mit dem die
lügnerische Schwätzerin nun mich, ihre Herrin von ehemals, in eine
schmutzige Verbindung setzen will. Der empfangene Brief hat mich in
die höchste Aufregung versetzt, daß Ihr es wisset, Frau! Und nun
habt acht auf die Böswillige, ich rate es Euch im freundlichen und
schwesterlichen Sinne hiermit an, weil Ihr, wie ich gern annehme,
achtenswert seid und nichts dafür könnt, daß Euer ausgeschämtes
Mädchen ein »Räf« ist. Andernfalls würde ich mich zu keinen
so langen und gutmütigen Worten mehr, wohl aber, wie Ihr Euch
vorstellen könnt, zu strafrechtlichen Maßregeln veranlaßt sehen. Die
Hochachtung, die die Welt einer Dame bezeigt, kann dieselbe, wenn
es nötig ist, nicht hindern, vor die Schranken der öffentlichen
Gerechtigkeit zu treten, um eine Verleumderin ihrer Ehre bestraft
zu sehen.
Somit achtungsvoll, Eure Euch grüßende
Frau Carl Tobler.
Joseph sagte, nachdem er diesen Brief durchgeflogen hatte, er finde
denselben gut, nur scheine er ihm etwas zu hochtrabend. Solch ein Stil,
wie Frau Tobler ihn da angewendet habe, passe eher ins Mittelalter als
in die gegenwärtige Welt, die daran sei, die bestehenden
gesellschaftlichen Rang- und Geburtsunterschiede allmählich, wenn auch
nur nach außen, zu verwischen und aufzulösen. So schroff dürfe
schließlich eine bürgerlich geborene Frau einer andern bürgerlich
Geborenen nicht schreiben, das könne nur böses Blut erregen und den
Wunsch und Zweck des ganzen Schreibens verfehlen. Die Wohlhabenheit tue
im übrigen gut, sich gegenüber der Armut nicht allzuhoch aufzurichten,
sondern es dünke ihn nichts wie recht und billig, zu der Mutter der Magd
ganz einfach »Sie«, und »Sehr geehrte Frau« zu sagen, damit ein etwas
herzlicherer und zugleich höflicherer Ton da sei, was sicher nicht
schaden könne, wie er glaube. Frau Tobler sei eben nicht ans
Briefeschreiben gewöhnt, wie er sehe. Dies erhelle sich schon aus dem
Vorhandensein der zahlreichen Schreibfehler, die er während des Lesens
bemerkt habe, und wenn sie gestatte, so wolle er sich gern
dahintersetzen und den niedlichen Aufsatz korrigieren.
Er lachte und bemerkte des weitern, er würde auch die Behauptung, daß
das Mädchen eine Diebin sei, aus dem Schreiben entfernen, obschon er
seinerseits keinen Moment an der Wahrhaftigkeit dessen, was Frau Tobler
sage, zweifle, aber es könnten, sagte er, dumme Geschichten daraus
entstehen, die mehr Verdruß als Genugtuung einbrächten. Ob sie Beweise
habe?
Frau Tobler wurde ein wenig nachdenklich, dann sagte sie, sie wolle
einen zweiten Brief schreiben. Ihre Erregung habe jetzt ein wenig
nachgelassen, und so hoffe sie, werde sie ruhiger und milder schreiben
können. Aber der ganze Brief müsse doch in einem energischen Ton
abgefaßt sein, sonst habe er ja gar keinen Sinn. Sonst schreibe sie
lieber schon gar nicht.
Während sie schrieb, wurde sie, ohne daß sie es merkte, von Joseph
beobachtet, der ihren Rücken und Hals betrachtete. Das schöne, frauliche
Haar betupfte und berührte in kleinen, geringelten Löckchen den
schlanken Hals. Wie schlank überhaupt diese ganze Frauenerscheinung war.
Da saß sie nun und bemühte sich, dem Sinn und Verstand gemäß, und der
Schreiblehre und richtigen Methode entsprechend, an eine Frau zu
schreiben, die vielleicht kaum lesen konnte. Joseph bedauerte jetzt
unwillkürlich, indem er sie so anschaute, ihr bezüglich ihres
gutbürgerlichen Hochmutes, den er im Grunde genommen reizend fand,
Vorhaltungen gemacht zu haben. Ihn rührte etwas am Aussehen dieses
Frauenrückens, dessen Bekleidung sich in kleine, liebliche Falten
verzog, wenn der darunter befindliche Leib sich ein bißchen bewegte.
War diese Frau schön? Im landläufigen Begriff sicher nicht, im
Gegenteil. Aber auch das Gegenteil entsprach nicht den landläufigen
Begriffen. Joseph würde noch ruhig weitere Betrachtungen angestellt
haben, wenn sich die schreibende Frau nicht umgedreht hätte. Beider
Augen begegneten sich. Diejenigen des Gehülfen wichen denjenigen der
Frau aus, das schickte sich beinahe so. Joseph empfand und mußte
empfinden, daß es fast frech gewesen wäre, den Blicken der Frau stand zu
halten, die wieder einmal voll jenes Erstaunens waren, das so
vortrefflich den Hochmut widerspiegelte, der der Frau, man konnte es
nicht leugnen, sehr gut zu Gesicht stand. Wozu waren denn überhaupt
Gehülfenaugen gut, als zum Ausweichen und Niederschlagen, und welcher
andere Ausdruck war diesem andern Augenpaar natürlicher als der Ausdruck
des Erstaunt- und Verwundertseins? Er bückte sich demzufolge wieder auf
seine Arbeit herab, obschon es ihm um das Arbeiten jetzt gar nicht so
besonders zu tun war.
Eine halbe Stunde später gab es im Gartenhaus beim Kaffeetrinken einen
etwas unfeinen Auftritt.