flüchtige Erziehung genossen. Ich will mit diesen Worten keineswegs
meinen Vater oder meine Mutter anklagen, behüte Gott im Himmel,
sondern ich will nur versuchen, ob ich mir klar darüber werden kann,
was mit meiner Person eigentlich los ist und mit dem Umkreis von
Welt, der die Mühe gehabt hat, mich zu ertragen. Die Verhältnisse,
in denen ein Kind aufwächst, erziehen dasselbe großenteils. Die
ganze Gegend und Gemeinde helfen mit, es zu erziehen. Das elterliche
Wort und die Schule sind freilich die Hauptsache, aber was ist das
für eine Art und Weise, mich hier mit meiner eigenen, werten Person
zu befassen, ich gehe lieber baden.
Der zum Tagebuchschreiben so wenig taugliche Gehülfe legte die Feder
beiseite, zerriß das Geschriebene und verließ das Zimmer.
Nach dem Bad gab es ein Mittagessen mit Pauline und Silvi. Die ziemlich
roh fühlende Magd suchte unter beständigem Gelächter, das bei Joseph
bezüglich ihres Betragens Zustimmung voraussetzte, dem Kind Manieren
beizubringen, während sie doch selber kaum solche besaß. Das eitle und
herzlose Bemühen gipfelte in dem mehrere Male wiederholten Vormachen
und Einexerzieren der Führung von Messer und Gabel, wobei irgendwelcher
Erfolg des Unterrichtes gar nicht erwartet, ja nicht einmal gewünscht
wurde, da ja sonst das Vergnügen des barschen und belustigenden
Einstudierens vorbei gewesen wäre. Das Kind saß da und schaute mit
großen, tatsächlich dummen Augen bald seine Lehrmeisterin, bald den
gleichmütig zuschauenden Joseph an und verschüttete in ziemlich
garstiger Weise ihr Essen, worüber sich Pauline in einem erneuten und
übertriebenen Entrüstungswortesturm berauschte, der für Silvi ernst,
aber für Joseph komisch wirken sollte, gleichsam, um zwei
entgegengesetzte Welt- und Lebensanschauungen mit einem Streich zu
befriedigen. Silvi benahm sich so läppisch, daß es die Dienstmagd, der
seitens der Mutter des Kindes beinahe unbeschränkte Herrschaft über das
kleine Wesen zuerteilt worden war, für passend fand oder für nötig
erachtete, den Tunichtgut ohne Umstände zu ohrfeigen und an den Haaren
zu schütteln, so daß Silvi laut aufschrie, nicht vielleicht so sehr des
körperlichen Schmerzes wegen, der übrigens gar so geringfügig auch nicht
war, als wegen eines letzten Stümpchen Stolzes, verletzten, erniedrigten
Kinderstolzes, sich derart von einer fremden Person, wie die Pauline
eine war, malträtieren lassen zu müssen. Joseph schwieg dazu. Angesichts
des kindlichen Zornes und Schmerzes spielte die Magd handkehrum die
ernstlich Gekränkte und Beleidigte; das kam daher, weil Joseph gar nicht
lachen wollte, was sie ganz unbegreiflich fand, und auch daher, weil
Silvi nicht ruhig sich hatte schlagen lassen, was sie in ihrer
Gedankenlosigkeit und Roheit als selbstverständlich vorausgesetzt hatte.
»Ich will dich schreien lehren, du Unflat,« rief sie, oder krächzte sie
vielmehr, und nahm das Kind, das von seinem Platz weggelaufen war, und
stellte es wieder auf seinen Stuhl, wobei das Geschöpfchen hart an die
Rücklehne desselben anprallte. Silvi mußte Gabel und Messer von neuem,
und zwar ordentlich, wie ihr die Lehrerin und Erzieherin durch einen
strengen und spitzen Zuruf befahl, in das Händchen nehmen, um die
wehmütige und appetitlose Mahlzeit gezwungenermaßen zu beenden. Sie sah
infolge der verweinten Augen für Pauline noch viel dümmer und ungerader
als vorher aus, und da lachte denn das Muster aller Erziehungsmethoden
der Welt laut auf. Der Anblick der traurig essenden Silvi mußte auf ihre
Lachmuskeln geradezu erschütternd wirken. Der Humor war also wieder da.
Ein schamloses Mundwerk ist nie zu verachten, und so frug denn mit
breiter Stirn, auf der sich bäuerlich-beschränktes Erstaunen deutlich
abmalte, Pauline den still dasitzenden Joseph, ob er etwa böse sei, oder
was er sonst habe, daß er gar kein Wort rede? Die Dreistigkeit und
Stiernackigkeit dieser mutwilligen Frage machten, zu einem
unerträglichen Eindruck vereint, denselben heftig erröten. Er hätte
seine Tischnachbarin tätlich angreifen müssen, wenn er es hätte
unternehmen wollen, sie von dem Gefühl, das ihn beherrschte, zu
überzeugen. So murmelte er nur etwas und stand vom Tisch auf, welches
Benehmen die Magd in dem Instinkt bestärkte, der ihr weis machte, Joseph
sei in allem ein sehr wenig verträglicher und vertraulicher Mensch, der
es sicherlich darauf müsse abgesehen haben, sie zu kränken und unwirsch
zu machen. Diese neue boshafte Empfindung bekam Silvi sogleich zu
kosten, indem ihr befohlen wurde, den Tisch abzuräumen, eine Arbeit, der
sich Pauline eigentlich selber zu unterziehen gehabt hätte. Das Kind,
eifrig bemüht, dem Befehl der Tyrannin und Unterdrückerin nachzukommen,
stellte sich jeweilen, wenn es etwas vom Tisch herunter zu nehmen hatte,
auf die Zehen der kleinen Füße, erfaßte mit beiden Händen je eine
Schüssel, einen Teller oder ein paar Bestecke und trug so Stück für
Stück demütig und sorgsam, und den Küchenwüterich stets anschauend, an
den Platz hinaus, wo die Sachen gereinigt werden mußten. Es tat dies so,
als trüge es in den Ärmchen und Händchen jedesmal eine kleine, dornige,
feuchte Krone, die von den eigenen Augen schimmernd naß geweinte Krone
des frühen und unabänderlichen Kinderleides.
Joseph ging in den Wald hinauf. Der Weg dahin war sehr hübsch und sehr
still. Natürlich war er, während er so ging, von Gedanken an die kleine,
verhutzelte und verschuggte Silvi in Anspruch genommen. Pauline kam ihm
wie ein gefräßiger Raubvogel vor und Silvi wie die Maus, die sich unter
den Krallen des grausamen Tieres befand. Wie konnte Frau Tobler ihr
zartes Töchterchen diesem Drachen von Dienstmagd ausliefern? Aber war
denn Silvi so zart und die Magd so sehr ein Drache? Vielleicht war alles
das gar nicht so schlimm. Man würde da leicht zu Übertreibungen neigen,
wollte man von der einen Seite sofort das Teuflischste, was es in der
Welt gab, annehmen, und vom andern Teil das Lieblichste und Beste. Der
»Unflat« Silvi war ja schon ein wenig ein solcher, aber Pauline war
Pauline. Joseph erschien es undenkbar, im stillen etwas Günstiges von
Pauline aussagen zu dürfen, als höchstens etwa, daß ihr Vater ein
ehrlicher Bahnwärter und Landmann sei. Aber was hatte das Bahnwärterhaus
mit dem brutalen Vergnügen an der Kindermißhandlung zu tun? Möglich war
es ja, daß der Vater der Pauline ein halber, wütender Stier sein konnte,
was wußte man denn Genaues! Aber diese feine, beinahe aristokratische
Toblerdame, diese Mutter, diese aus echt bürgerlichen Kreisen
herstammende Frau, die das zarte Empfinden mit der Muttermilch einsog,
diese Kluge, in mancher Hinsicht sogar Schöne, was war es mit der? Was
hatte die für Ursache, das Kind zu verstoßen und zu verschuggen? Joseph
freute sich an diesem kuriosen Wort: »verschuggen«, er fand es für die
Eigentümlichkeit, die es benannte, so kennzeichnend. »Verstoßen«, das
erinnerte ein wenig an die Märchenbücher, aber »verschuggen« konnte man
heute noch so gut arme, kleine, wehrlose Kinder wie vor aberhunderten
von Jahren. Solches gelang ja sogar in einer Villa Tobler, dem Ort, wo
zwei Feen sich so gern aufhielten, nach Toblers eigener Redensart, der
Anstand (es muß anständig zugehen bei mir) und die Säuberlichkeit (potz
tausend, mehr Ordnung, haben Sie gehört). Konnten zwei so reizende Feen
etwas so Unsauberes und in der Tat Unanständiges, wie es die
fortwährende Demütigung eines kindlichen Gemütes war, in ihrem Beisein
dulden, war das möglich? Wie es schien, ja! Es war eben allerlei
möglich, in dieser Welt, wenn man sich die Mühe und Liebe nahm, auf
einem Wiesenspaziergang ein bißchen darüber nachzudenken.
Joseph begegnete fast gar keinen Leuten. Ein paar Bauern standen am Weg.
Zu beiden Seiten desselben streckten sich üppige Wiesen aus, von
hunderten von Fruchtbäumen besetzt. Es war alles so eng und zugleich so
weit und so grün. Bald langte er im Wald an, er entdeckte nach kurzer
Zeit des Umherlaufens eine kleine, enge, von einem Wasser durchzogene
Waldschlucht und machte es sich im Moos bequem, indem er sich einfach
auf den weichen Boden hinfallen ließ. Der Bach murmelte so artig, durch
die Blätter der hohen Buchen blitzte die Sonne, so bekannt, so wohlig,
und das saftige Grün umwob die Schlucht wie mit feinen, süßen Schleiern.
Hier wäre für eine romantische Geschichte ein schöner, passender
Schauplatz gewesen. Von irgend woher aus den umliegenden Hochebenen
ertönten Schüsse, da war wohl in ziemlicher Nähe ein Schießstand. Wie
still sonst! Kein Lüftchen konnte in diese grüne, verborgene Welt
hineindringen. Die Bäume hätten vorher umfallen müssen, aber es waren
hohe und alte, die hielten einem Unwetter, ja zehn Unwettern stand, und
heute sah es da oberhalb der Schlucht nicht nach Winden und Wettern aus.
Irgend ein Ritterfräulein in Samtrock und ledernen Handschuhen, das
weiße Roß an der Leine führend, das reiche, goldene Haar ungebunden
tragend, hätte jetzt daherkommen können, Joseph würde sich nicht
allzusehr über den Auftritt gewundert haben. So sah es hier aus, ganz
nach ritterlichen und frauenhaften Begebenheiten. Aber was konnte viel
Schönes und Ritterliches in der Nähe der Villa Tobler vorkommen? Etwa
gar die Pauline, oder Tobler selber als abenteuerlustiger und ebenso
gekleideter Unternehmer? Unternehmungen, ja, die gab es in Hülle und
Fülle, kein Zweifel, aber was für welche? Was hatten technische
Unternehmungen mit grünen Waldschluchten, weißen Rössern, edlen, lieben
Frauengestalten und mit mutigen Taten zu tun? Ritten in früheren
Jahrhunderten die Ritter und Unternehmer auch auf der »Reklame-Uhr« und
auf dem »Schützenautomaten«, oder auf ähnlichen Gäulen herum? Gab es
damals auch schon »verschuggte« Kinder, Ecepecen Silvi? O ja, aber eben,
man nannte sie »Verstoßene«, und heute nannte sie da so einer, der
zwischen dem herrlichsten Grün im Moose lag, »Verschuggte«.
Er lachte. O es war so schön hier. Im Wald ist die Stille eine doppelte.
Ein weiter Ring von Bäumen und Gesträuchen bildet die erste Stille, und
die zweite, noch schönere, ist der eigene erwählte Platz. So wie der
Bach murmelte, glaubte man sich schon in lange, kühle Träumereien
verstrickt, und so wie man ins Grün hinaufschaute, befand man sich
mitten in silbernen und goldenen und guten Weltanschauungen. Die selber
erdachten, einem fernen und nahen Bekanntenkreis entnommenen Personen
flüsterten leise, sie sagten etwas, oder sie machten bloß Mienen,
während die Augen eine tief innerliche Sprache für sich redeten. Die
Gefühle traten nackt und mutig auf, und das Feinstempfundene traf ein
verborgenes, sehnsuchtsvolles Verständnis an. Die Lippen und Gedanken,
ohne der Zeiträume und Lebensstraßen zu bedürfen, küßten sich, wenn sie
sich erkannt hatten; auf den Lippen sah man die Freude hochaufbrennen,
und aus den Gedanken heraus sang eine zu Bach, Busch und Waldstille
passende, freundliche Wehmut. Man brauchte nur zu denken, es werde bald
Abend werden, und so schienen auch schon alle bekannten und unbekannten
Landschaften im Abendlicht zu schwimmen. Der Wald über dem Kopf des
Träumers hob und senkte und wiegte sich leise und tanzte in dem
hinaufgerichteten Auge, und für das Auge war das Mittanzen keine Frage.
Wie schön ist es hier, sagte Joseph mehrmals still für sich. Plötzlich
hatte er eine lebhafte Erinnerung aus dem Kindheitleben.
Damals, in der Jugendzeit, gab es auch so eine Art Schlucht, aber
eigentlich war es mehr eine Sandsteingrube, aber eine so seltsame und
zierliche, wie er später nie wieder eine gesehen hatte. Diese rundliche
Grube befand sich am Rand eines ausgedehnten Buchen- und Tannen- und
Eichenwaldes, er und seine Geschwister entdeckten sie eines Tages auf
einem hin und herstreifenden Nachmittagsspaziergang. Es war auch an
einem Sommersonntag, vielleicht war es auch schon ein wenig gegen den
Herbst zu. Die Kinder waren vorausgesprungen, Spiele erfindend und
betreibend, hinterher kamen die Eltern. Die neuaufgefundene Grube erwies
sich als der herrlichste Spielplatz, man beschloß, dazubleiben und die
Eltern hier zu erwarten. Diese kamen an, und auch sie fanden den Ort
reizend, es gibt Naturpunkte, die einfach berücken, so dieser. Die
Ränder der Grube waren von einem wahren, kaum durchdringbaren
Baumdickicht bewachsen, so daß es eigentlich nur neugierigen Kindern
aufbewahrt bleiben konnte, den Ort ausfindig zu machen. Freilich befand
sich an einer Stelle eine breitere Öffnung zum bequemen Durchschreiten.
Mutter setzte sich auf ein Rasenbord und lehnte sich mit dem Rücken an
eine Tanne an. Es gab da mitten in der Grube eine kleine Erhöhung
natürlichen Ursprunges, die, da sie so hübsch mit jungen Bäumen besetzt
war, von selbst zum Sitzen und Liegen einlud. Wem hätte das nicht
gefallen müssen? Der Ort, wie er dalag, schien von einer sinnigen
Naturschwärmerhand geschaffen worden zu sein, aber nein, die Natur
selber, so unbekümmert sie sonst ist, war hier gleichsam so zartfühlend
gewesen, indem sie die Traulichkeit und Geschlossenheit selber erschuf.
Rund um die kleine Erhöhung streckte und rundete sich eine Spielbahn,
eine Waldwiese, bewachsen von den wunderlichsten Gräsern, Kräutern und
wilden Blumen, die einen berauschenden, romantischen Duft verbreiteten.
Von der übrigen Welt sah man nichts als ein Stück Himmel, das die hohen
Bäume am Rand der Grube gesetzmäßig den Blicken abschnitten. Das Ganze
glich einem Plätzchen in einem weitläufigen, herrschaftlichen Garten,
nicht einer zufälligen Waldstelle. Die Eltern schauten schweigsam dem
Treiben der Kinder zu, die sich, eines das andere, die steilansteigende
Sandwelle der Grube hinauf und hinabjagten, wobei gelacht und geschrieen
wurde. Diese frühen Stimmen. Wie man nur so wild sein konnte. Die
Kinder waren alle darüber erfreut, daß es der Mutter hier gefiel, daß
sie ruhig sitzen bleiben durfte, umweht von den Annehmlichkeiten eines
so hübschen Ruheplatzes. Sie kannten die Wünsche und Bedürfnisse des
Muttergemütes. Bald schien denn auch der ganze Ort erfüllt zu sein von
diesem freundlichen, gedankenvollen Gefallen und von dem kindlichen
Meinen, Glauben und Hoffen, das Richtige getroffen zu haben. Ein
sonderbarer Gemütszauber machte die lebhaften Spiele noch um ein
Bedeutendes beliebter und stürmischer. Man durfte sich jetzt, da die
Mutter zufrieden zu sein schien, schon ein wenig Ausgelassenheit über
das gewöhnliche Maß erlauben. Wie es in fast jedem bürgerlichen
Familienhaus irgend eine bedrückende Misere gibt: hier war sie
vollständig neben die Seite gestellt worden, ja, die Welt schien man
vergessen zu haben. Die Kinder schauten von Zeit zu Zeit auf die Mutter,
ob sie böse war oder nicht, nein, sie schaute gütig und im übrigen
gemessen gradaus. Das war ein gutes Zeichen, und der kleine Grashügel
selbst schien von da an Empfindung bekommen zu haben. »Sie ist gut
aufgelegt,« flüsterten den Kindern die Blätter der rauschenden Bäume zu.
Wenn die Mutter lächeln konnte, was eine so große Seltenheit war, dann
lächelte ihnen die ganze umliegende Welt zu. Mutter war schon damals
krank, sie litt an übergroßer Empfindlichkeit. Wie süß kam nun den
Kindern das ruhige Daliegen der Frau vor, an der das Unglück herumnagte.
Das Unglück schien von diesem traulichen Winkel verbannt zu sein, und so
lispelte und flüsterte denn eine Freude in jedem Grashalm der kleinen,
weltentrückten Waldwiese und ein freundlicher Glauben in jeder
Tannennadel. Im Schoß der Mutter lagen ein paar Feldblumen, und der
Sonnenschirm lag neben ihr, den Händen war irgend ein Buch entglitten.
Das Gesicht, das die Kinder fürchteten, sah so friedlich aus. Da durfte
man schon toben und schreien und Übermütigkeiten einfädeln. Jeder Zug
des Gesichtes sagte: »Ja tobt nur, es geht jetzt. Tobt euch nur aus, es
macht nichts.« Und der ganze liebliche Ort schien sich gesellig und
stürmisch mit im Kreise des Spieles zu drehen. -- »Das war eine Grube
gewesen, und hier ist nur eine Waldschlucht, und das Haus Tobler ist in
der Nähe, und es ist eine unverzeihliche Sünde, zu träumen, wenn der
Mensch das dreiundzwanzigste Jahr überschritten hat.«
Joseph machte sich auf den Heimweg.
* * * * *
Das Haus Tobler, wie steht es da, fest und zugleich zierlich, als werde
es von lauter Anmut und Lebensgenügsamkeit bewohnt! Solch ein Haus ist
nicht leicht umzuwerfen; fleißige, geschickte Hände haben es dauerhaft
zusammengefügt, mit Mörtel, Balken und Ziegelsteinen. Ein Seewind weht
es nicht um, selbst ein Orkan nicht einmal. Was können ein paar
geschäftliche Verfehlungen solch einem Haus schaden?
Nun besteht ja allerdings ein Haus aus zwei Seiten, aus einer sichtbaren
und einer unsichtbaren, aus einem äußeren Gefüge und aus einem inneren
Halt, und der innere Bau ist vielleicht ebenso wichtig, ja, manchmal
vielleicht noch wichtiger zum Tragen und Stützen des Ganzen, wie der
äußere. Was nützt es, wenn ein Haus schmuck und gefällig steht, wenn die
Menschen, die es bewohnen, es nicht zu stützen und zu ertragen vermögen?
Da sind allerdings die geschäftlichen und ökonomischen Fehler von großer
Bedeutung.
Item, das Haus Tobler besteht noch, trotzdem Herr Johannes Fischer seine
geldspendende Hand jählings zurückgezogen hat. Gibt es nur einen
einzigen darlehnfähigen Menschen auf der Welt? Wenn so, dann mußte ja
Tobler den Mut wirklich verlieren. Wie kommt er aber dann gerade jetzt
dazu, sich im Garten eine Grotte bauen zu lassen? Es scheint halt doch,
der Mann hat noch nicht das mindeste verloren, sonst dächte er wohl
kaum an solche Bauereien.
Unten auf der Landstraße stehen öfters Menschen still, biegen den Kopf
zur Höhe und schauen sich die Villa gemächlich an, und man gewinnt, wenn
man von oben herabschaut, den Eindruck, daß diese zufälligen Beobachter
über den Anblick erfreut sind. Wer sollte auch nicht erfreut sein beim
Anschauen eines so reizend gelegenen Hauses? Schon allein der kupferne
Turm ist ja allen Interesses wert. Der Turm hat ja auch genug Geld
gekostet. Auf die Idee, daß die diesbezügliche Rechnung oben im Bureau
im Fach der unbezahlten Rechnungen liegt, wird nicht so leicht jemand,
der in den Anblick des Hauses versunken ist, verfallen, dazu machen Haus
und Garten einen viel zu wohlhabenden Eindruck.
Der Verwalter der Bank von Bärenswil ist ja gewiß schon ein wenig
nachdenklich geworden, darüber, daß es im Hause Tobler Sitte sei, die
zur Zahlung präsentierten Wechsel unter dem Gesuch, dieselben
prolongieren zu lassen, zurückzuweisen. Aber er hütet sich, die Gedanken
des Mißtrauens und der Besorgnis, die er leise zu hegen angefangen hat,
laut zu äußern. Es kann alles nur eine vorübergehende Krisis sein, und
ein Bankverwalter ist in der Regel kein Waschweib, sondern ein mit sich
selbst strenger Mann, der weiß, was vorlaute Bemerkungen einem
strebenden und mit der Existenz ringenden Geschäftsmann für Unheil
anrichten können. Man ist ein wenig stutzig geworden, runzelt in seinem
Direktionszimmer leicht die Stirn, macht mit der Hand eine kleine Geste,
aber man schweigt, denn man dient dem Handel und dem industriellen
Verkehr der aufblühenden Ortschaft, und Herr Tobler rechnet auch dazu,
obschon es, wie es scheint, in letzter Zeit da oben auf dem Hügel zum
Abendstern ein bißchen bergab geht. Die Banken und Sparkassen haben
gewöhnlich einen feinen, zugekniffenen Mund, und solche Lippen reden
erst dann, wenn die Gewißheit der endgültigen Zahlungsunfähigkeit
buchstäblich vorhanden ist. Da kann Tobler also noch ins Fäustchen
lachen und froh sein. Das Geheimnis seiner schwierigen Lage ruht in der
Sparbank von Bärenswil wie in einem wohlverschlossenen Grabe.
Wer noch Lust hat, mit Frau und Kindern rauschende Sänger- oder
Turnerfestlichkeiten mitzumachen, der wird wohl noch im geheimen irgend
eine Kreditquelle liegen und fließen haben, die er eben nur deshalb noch
nicht auftut, weil er diese letzte aller Hülfsbewegungen bis jetzt noch
nicht nötig gehabt hat. Wer eine solche stattliche Frau hat, die, wenn
sie durchs Dorf geht, von allen Seiten fröhlich gegrüßt wird, mit dem
wird es sicher noch nicht so schlimm stehen.
Und es stand ja auch gar nicht so schlimm. Geld konnte über Nacht in das
technische Bureau hinabregnen, inseriert war worden, man brauchte
vorläufig nur Geduld zu haben, die Erfolge mußten sich ja einstellen.
Welcher reiche und unternehmende Mann konnte einer Annonce widerstehen,
die mit den Worten begann: »Glänzendes Unternehmen«? Und wenn einer
einmal so weit gekommen war und angebissen hatte, würde man ihn schon zu
halten verstehen. Man würde es nicht so machen wie mit dem Herrn
Fischer, der ja übrigens, wenn man sich die Sache recht überlegte,
vielleicht gar nicht gesonnen gewesen war, Ernst zu machen, und der
daher eigentlich auch gar nicht verdient habe, daß man ihn so ernst
nahm.
War die Reklame-Uhr etwa plötzlich ins Wasser gefallen? I woher. Im
Gegenteil, heller und schimmernder als je prangten die eleganten Flügel
ihrer Reklamefelder, und der Schützenautomat? War man nicht mit der
Herstellung eines ersten Exemplares desselben schon seit Wochen
beschäftigt? Kam nicht der tüchtigste und dienstfertigste aller
Mechaniker fast täglich in die Villa, um mit Tobler Karten zu spielen?
Andere Leute spielten auch Karten und tranken ihr Glas Wein, und
prosperierten trotzdem, warum Tobler nicht? Das war nicht einzusehen.
Dazu, um voreilig kleinmütig zu werden, war Herr Tobler nicht nach
»diesem Lumpen-Bärenswil« gekommen, das konnte er sich anderswo, wenn es
durchaus sein mußte, auch noch leisten, und zur Genüge. Nein, es galt
gerade jetzt, diesen Hechten und Heringen ein Beispiel zu geben, rund um
die neugierigen, spöttischen Nasen herum, was ein lebendiger und
arbeitsfroher Mensch und Mann zu leisten imstande war, selbst noch in
dem Augenblick, wo ihm die Bretter des eigenen Wohn- und Geschäftshauses
auseinanderzugehen drohten. Und deshalb ließ Tobler, unbekümmert um das,
was man sich im Dorf in den Wirtshäusern in die Ohren flüstern würde,
den Garten umbauen, um eine Grotte zu errichten, mochte es einen ganzen
Heuwagen voll Geld kosten.
Diese Bärenswiler mußten nicht triumphieren dürfen, das wäre noch besser
gewesen! Denen mußte man mit aller verfügbaren Gewalt die Freude
versalzen, die diese Menschen empfinden würden, wenn es so weit käme,
daß Tobler wie ein Hampelmann im Kasperletheater »abzotteln« müßte.
Nein, so weit war man noch nicht. Und zum Trotz würde Tobler
gelegentlich der Einweihung seiner Grotte, sobald sie nur einigermaßen
fertig hergestellt wäre, an die angesehensten Bürger des Dorfes, an
solche, die es mit ihm etwa noch ein bißchen aufrichtig meinten,
Einladungskarten schicken, damit sie sähen, wie fest und wie überlegen
er das Leben betrachtete und anpackte.
Wer sich für seine Familie, wie Tobler, verantwortlich fühlte, wer Frau
und vier Kinder sein eigen nannte, den stieß man noch nicht so rasch von
einem einmal erworbenen und bewohnten Platz und Punkt herunter. Da
sollten nur ihrer ein paar herankommen, er würde sie davonjagen mit
Hieben, geblitzt und gestrahlt aus den bloßen, zornigen Augen. Und wenn
sie dann noch nicht genug hätten, die Speck- und Wurstesser, nun, so
würde es ihm eben einfallen können, den einen oder den andern von ihnen
handlich anzupacken und über den Gartenzaun hinüberzuwerfen, Umstände
würde er in einem solchen Fall nicht machen.
Aber so weit war es noch lange nicht. Noch hatte die Firma C. Tobler,
technisches Bureau, überall uneingeschränkten Kredit bei den Handwerks-
und Geschäftsleuten von Bärenswil. Tapezierer und Schreiner, Schlosser
und Zimmermann, Fleischer und Weinhändler, Buchbinder und Buchdrucker,
Gärtner und Kürschner lieferten ihre Arbeiten und Waren, ohne sofortige
Zahlung zu fordern, in vollem Vertrauen auf eine spätere, gelegentliche
Regulierung, in die Villa zum Abendstern. Von einem Getuschel und
Gezischel in den öffentlichen Lokalen des Dorfes war keine Rede, Tobler
schien sich, indem er auf seine Miteinwohner loszog, bloß auf diesen
Fall und für diese Lage zum voraus einzuüben, und das auch nur dann,
wenn ihn ein Mensch oder eine geschäftliche Sache geärgert hatten.