betrachtet werden, im Gegenteil, und Aufträge seien bereits in ganz
erfreulicher Anzahl da.
»Und die Uhr kostet?«
Joseph versuchte auch das dem Herrn Fischer klar zu machen, wobei er ein
ganz klein wenig, er wußte selbst nicht warum, stotterte. In der
Ungewißheit, wie er sich zu benehmen habe, wollte er sich einen
gemütlichen Stumpen anzünden, verwarf aber dieses plötzliche Gelüste als
nicht ganz schicklich. Er errötete.
»Wie ich sehe,« sprach Herr Fischer, »handelt es sich hier um ein
scheinbar ganz vortrefflich geplantes und auch, wie mir scheint, bereits
ganz gut vorbereitetes Unternehmen. Dürfte ich mir erlauben, einige
kleine Notizen zu machen?«
»Aber bitte!«
Joseph hatte eigentlich sagen wollen: bitte recht sehr. Aber Stimme und
Lippe wollten ihm den erforderlichen Dienst nicht leisten. Warum? War er
aufgeregt? Jedenfalls, das spürte er deutlich, war er schon darauf
vorbereitet, zu sagen, dem Herrn dürfte es vielleicht angenehm sein, im
Garten eine Tasse Kaffee zu trinken.
»Meine Frau wartet unten,« bemerkte leicht der andere. Er schrieb
einiges mit Bleistift in ein elegantes Notizbuch. Plötzlich war er
fertig. Joseph hatte den unfeinen Eindruck, als habe es der Kapitalist
mit seinen verständnis-erleichternden Notizen nicht ernst genommen. Er
wollte den Mund auftun, um zu sagen, er könne ja rasch hinunterspringen
und die Dame, die unten wartete, heraufholen.
Herr Fischer sagte, er bedaure, Herrn Tobler persönlich nicht
angetroffen zu haben. Dies sei schade, aber er hoffe, dieses Vergnügen
werde ihm nicht verloren gehen. Jedenfalls danke er verbindlichst für
die erhaltene, liebenswürdige Auskunft. Joseph versuchte zu reden.
»Schade,« nahm wieder der andere das Wort, »ich würde mich äußerst
wahrscheinlich gleich zu etwas Definitivem haben entschließen können.
Die Reklame-Uhr hat mir sehr gut gefallen, und ich bin der Ansicht, daß
sie sich rentieren wird. Wollen Sie die Güte haben, und Ihrem Herrn Chef
eine höfliche Empfehlung von mir ausrichten? Ich danke Ihnen.«
»Man kann ja« -- War das Joseph, der nicht besser sprechen konnte?
Herr Johannes Fischer hatte sich kurz verbeugt und war gegangen. Sollte
man ihm nachspringen? Was ist man in diesem Augenblick? Muß Joseph sich
nun vor die Stirn schlagen? Nein, es scheint, er muß nun ins Gartenhaus
gehen, zu einer gespannt und besorgt wartenden Frau, um derselben zu
sagen, wie »unverantwortlich kopflos« er sich benommen hat.
»Das ist dumm, sehr dumm,« dachte er.
Als er im Garten- oder Kaffeehaus anlangte, war Frau Tobler eben damit
beschäftigt, dem Knaben Walter eine Tracht Prügel zu verabreichen. Sie
weinte und sagte, es sei nicht schön, was sie für Unholde von Kindern
habe. Dadurch wurde es dem Angestellten recht eigentlich trübe ums Herz:
Auf der einen Seite eine weinende und erzürnte Frau, auf der andern
Seite ein ironisch winkender und grüßender Kapitalist, und im
Hintergrund die Ahnung von der Mißbilligung Toblers.
Er setzte sich an den vor zehn Minuten eilig verlassenen Platz und goß
sich noch eine Tasse Kaffee ein. Er dachte: »Warum nicht nehmen, wenn es
doch da ist? Alle Abstinenz der Welt ist jetzt doch nicht imstande, das
herankommende Ungewitter von meinem Kopf abzulenken.« --
»War das dieser Herr Fischer?« fragte die Frau. Sie hatte die Augen
getrocknet und schaute nach der Landstraße hinunter. Dort unten stand in
der Tat noch Herr Fischer. Er und die Dame schienen sich am Anblick des
Toblerschen Besitztums zu ergötzen.
»Ja,« antwortete Joseph, »ich habe versucht, ihn aufzuhalten, aber es
war unmöglich, er sagte, er müsse absolut gehen. Übrigens hat man ja für
alle Fälle seine Adresse.«
Er log! Wie einem die Schwindeleien ruhig zum Mund herauskamen. Nein,
er hatte nicht sein Möglichstes getan, zu versuchen, Herrn Fischer
aufzuhalten. Wenn er solches jetzt behauptete, so war es einfach eine
freche, frivole Lüge.
Frau Tobler sagte bekümmert, das werde ihnen beiden ihr Mann sehr übel
nehmen, sie kenne ihn genau in diesen Stücken.
Sie schwiegen beide eine Weile. Silvi, das Mädchen, saß auf einem
Gartenstein und sang in leisen, dummen Tönen. Frau Tobler befahl ihr zu
schweigen. Wie das heiß war, sonnig, gelblich und bläulich. Der Geldmann
war jetzt nicht mehr zu sehen.
»Sie haben wohl ein wenig Angst?« sagte die Frau und lächelte.
»O wegen der Angst,« entgegnete Joseph trotzig, »das ist das wenigste.
Übrigens kann Herr Tobler mich fortjagen, wenn er will.«
Er solle nicht so sprechen, sagte sie, das sei weder klug noch recht und
müsse eigentlich ein recht schlimmes Licht auf seinen Charakter werfen.
Natürlich habe er jetzt ein wenig Angst, man könne ihm das ja ganz schön
ansehen. Aber er solle sich nur beruhigen, auffressen werde ihn »Karl«
nicht können. Es werde heute abend eben ein gelindes Donnerwetter
absetzen, auf das dürfe Joseph immerhin sich gefaßt machen.
Sie lachte hell und schön auf und fuhr fort zu sprechen.
Sie habe, sagte sie, immer recht gut den Respekt begriffen, den ihr Mann
andern Menschen einzuflößen verstehe. Für Fernerstehende habe er beinahe
etwas Furchtgebietendes, das sei so, und sie spreche jetzt ernsthaft,
und sie verstehe das ausgezeichnet. Nur sie selber habe nicht die
geringste Angst vor Tobler.
»Wirklich?« machte Joseph. Er war ruhiger geworden.
Wirklich nicht, plauderte sie weiter. Sie müsse nicht hell von Verstand
sein, wenn sie sich in dieser Beziehung einer Täuschung hingeben könne.
Sie empfinde die schrecklichsten Wutausbrüche ihres Mannes eher als ein
Lustspiel, als wie eine Tragödie, sie müsse jedesmal, sie wisse selbst
nicht ganz recht warum, laut lachen, wenn er ihr grob begegne. Ihr sei
das nie merkwürdig, sondern immer natürlich an ihr erschienen, aber sie
wisse wohl, daß es Leute gebe, die, wenn sie so etwas sehen, die Augen
und den Mund vor Verwunderung aufreißen, darüber, daß es eine
anscheinend so unselbständige Frau, wie sie eine sei, wage, das Betragen
des Mannes komisch zu finden. Komisch finden? O sie finde es manchmal
gar nicht so komisch, wenn Tobler heimkomme und an ihr alle
aufgesammelten schlechten Eindrücke, die ihm die Welt hinterlassen habe,
auslasse, in solchen Fällen habe sie nötig, Gott zu bitten, ihr die
Kraft zu einem Gelächter zu geben. Man gewöhne sich übrigens nach und
nach ans Gehudelt- und Gescholtenwerden, auch wenn man nur »eine
unselbständige Frau« sei. Auch eine solche Frau denke hin und wieder
ernsthaft über die Dinge der Erde nach, so zum Beispiel denke sie jetzt,
der Tumult, der ihnen beiden heute abend bevorstehe, werde kein
andauernder, sondern, wie es stets mit derartigen Gewittern bestellt
sei, nur ein vorübergehender sein können.
Sie erhob sich. Sie hatte in diesem Augenblick etwas Gelassen-Ironisches
an sich.
Joseph rannte rasch in sein Turmzimmer hinauf. Er hatte das Bedürfnis,
einen Augenblick allein mit sich zu sein. Er wollte sich in aller Eile
ein wenig »zurechtdenken«, aber er fand die passenden und beruhigenden
Gedanken nicht. So trieb es ihn wieder in das Kontor hinunter, aber auch
dort wurde er dieses beschämende Gefühl des Unheimlichen nicht los. Um
es endgültig zu bewältigen, lief er schnurstracks zur Post, obgleich es
noch nicht Zeit dazu war. Das Marschieren mit den Beinen beruhigte und
tröstete ihn, und der Anblick der freundlichen, landschaftlichen Welt
erinnerte ihn an die Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit der Unruhe. Im
Dorf trank er ein Glas Bier, um Humor in den Ton seiner Stimme zu
bekommen, er würde eine gewisse Unempfindlichkeit heute nacht gut
brauchen können, dachte er. Wieder zu Hause angekommen, machte er sich
sogleich dahinter, vermittels eines langen Gummischlauches den Garten zu
spritzen. Das dünne Wasser beschrieb in der Abendluft einen schönen,
hohen Bogen und fiel klatschend auf die Blumen und Gräser und Bäume
herab. Wenn etwas beruhigen konnte, so war es das Spritzen, denn man
empfand während dieser Arbeit eine eigentümlich gemütliche und fest
geschlossene Zugehörigkeit zum Toblerschen Haus. Wer noch kurz vorher so
viel Eifer bewies, den Garten zu pflegen, den konnte man sicherlich
nicht allzuwüst anschimpfen.
Zum Abendessen gab es gebackene Fische. Es war doch einfach unmöglich,
kurz vorher noch gebackene Fische zu essen und dann gleich nachher der
Elendeste der Menschen zu sein. Das vertrug sich nicht recht zusammen.
Wie schön wieder der Abend war. Konnte man an solch einem herrlichen
Abend den Unternehmungen Toblers Verluste beigebracht haben?
Die Magd setzte eine brennende Lampe ins Gartenhaus. Nein, im Licht
einer so hübschen, traulichen Lampe durfte man von Tobler erwarten, daß
er sich den verfehlten Besuch des Herrn Fischer nicht allzu heftig zu
Herzen nähme.
Endlich begehrte Frau Tobler noch, von Joseph in der Schaukelbahn
geschaukelt zu werden. Sie setzte sich auf das Brett und er zog die
Seile an, und die Reitschule setzte sich in schwingende Bewegung. Das
war so schön anzusehen, daß der Gedanke, jetzt werde Tobler kommen und
alle diese Bilder stören, leichtsinnig abgewiesen wurde.
Gegen zehn Uhr hörten Frau Tobler und Joseph Schritte im Kies den Garten
heraufkommen, es waren »die seinen«.
Sonderbar, sowie man Schritte eines Bekannten hört, ist dieser
Näherkommende auch bereits leibhaftig da, sein wirkliches Erscheinen ist
dann nie eine Überraschung mehr, mag er dann ausschauen wie er will.
Tobler war müde und gereizt, aber das war nichts Überraschendes, denn so
pflegte er immer nach Hause zu kommen. Er setzte sich, atmete hörbar
auf, als einem wohlbeleibten Mann hatte ihm das Erklimmen des Hügels
Mühe verursacht, und verlangte seine Pfeifen. Joseph sprang wie besessen
ins Haus hinein, um sogleich das Gewünschte herbeizuholen, glücklich
darüber, seinem Vorgesetzten für eine halbe Minute wenigstens aus dem
Wege zu gehen.
Als er mit den Rauchutensilien zurückkam, hatte sich die Lage der Dinge
bereits verändert. Tobler sah schrecklich aus. Die Frau hatte ihm rasch
alles gesagt. Sie stand jetzt da, unerhört kühn, wie es Joseph erschien,
den Mann ruhig anschauend. Dieser sah aus, wie einer, der nicht fluchen
kann, weil er fühlt, daß er es zu unmäßig täte.
»Also Herr Fischer war da, wie ich höre,« sagte er, »wie haben ihm die
Dinger gefallen?«
»Sehr gut!«
»Die Reklame-Uhr?«
»Ja, die hat ihm besonders gut gefallen. Er sagte, sie scheine ihm ein
ganz ausgezeichnetes Unternehmen zu sein.«
»Haben Sie ihn auch auf den Schützenautomaten aufmerksam gemacht?«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Herr Fischer hatte so große Eile, seiner Frau wegen, die unten am
Gartentor wartete.«
»Und Sie haben sie warten lassen?«
Joseph schwieg.
»Und ich muß einen solchen Tropf von Angestellten haben,« schrie Tobler,
außerstande, die Wut und den geschäftlichen Jammer, die ihn verzehrten,
länger zurückzuhalten, »ich muß das Unglück haben, von der eigenen Frau
und einem nichtsnutzigen Gehülfen betrogen zu werden. Da soll der Teufel
Geschäfte machen.«
Er würde die Petroleumlampe mit der Faust zerschlagen haben, wenn Frau
Tobler sie nicht glücklicherweise in diesem Moment, bevor die Hand
niedersauste, etwas weiter gerückt hätte.
»Du brauchst dich gar nicht so furchtbar aufzuregen,« rief die Frau,
»und zu sagen, ich betrüge dich, das verbiete ich dir. Sonst weiß ich
dann auch noch, wo Vater und Mutter wohnen. Auch der Joseph verdient
nicht, daß er mit Ausdrücken solcher Art beschimpft werde. Schick ihn
ganz fort, wenn du dich durch ihn geschädigt glaubst, aber mach keine
solche Szenen.«
Sie hatte das als »unselbständige Frau« natürlich weinend gesprochen,
aber was sie sprach, das hatte seinen Eindruck durchaus nicht verfehlt,
Tobler war sofort ruhig geworden, das »Gewitter« war am Vorübergehen. Er
fing an, mit Joseph zu ratschlagen, was man tun könne, um sich die
Kapitalien des Herrn Johannes Fischer nicht entgehen zu lassen. Morgen
früh müsse sogleich telefoniert werden.
Im Leben gewisser Handelsleute spielt das Telephon eine große Rolle. Die
kaufmännischen Gewaltstreiche wollen in der Regel telephonisch begonnen
werden.
Schon der bloße Gedanke, daß man ja diesem Herrn Fischer morgen früh
telephonieren könne, machte beider, Toblers und Josephs, Hoffnungen
wieder aufleben. Wie war es denn möglich, daß, wenn man derartige
Hilfsmittel zur Verfügung hatte, das Geschäft zu Schanden gehen konnte?
Und Tobler würde sich unmittelbar nach der drahtlichen Ankündigung in
den Zug setzen und nach der Residenz fahren, um diesem »entflohenen
Vogel« einen persönlichen Besuch abzustatten.
Die Stimme Toblers zitterte noch dunkel, als er schon längst wieder
heiter und vergnügt geworden war, als habe die Aufregung innerlich
weitergebrannt. Alle drei spielten noch bis in die späte Nacht hinein
Karten. Joseph müsse das Kartenspiel auch lernen, hieß es, es sei einer
kein rechter Mann, wenn er dieses Spiel nicht verstehe.
Am nächsten Morgen wurde, wie verabredet, telephoniert. Tobler warf
sich in den Eisenbahnwagen, mit welch zuversichtlicher Miene! Abends war
die Miene eine gedrückte, zornige und traurige. Das Geschäft war nicht
zustande gekommen. Statt der flüssigen Gelder gab es eine neue, bittere
Szene im nächtlichen Gartenhaus. Tobler saß da wie das verhaltene
Ungewitter selber und gefiel sich in unschönen, gotteslästerlichen
Verwünschungen. So sagte er unter anderem, seinetwegen möchte die ganze
Erde in Morast versinken, das käme jetzt alles auf ein und dasselbe
heraus. Er selber wate so wie so in nichts anderem mehr als in einer
Unmasse von Schlamm.
Als er sich sogar dazu verstieg, sich und alles, was ihn umgebe, zum
Teufel in die Hölle zu wünschen, gebot ihm Frau Tobler Mäßigung. Er aber
fuhr sie so grausam hart an, daß es sie, den Kopf voran, auf die
Tischplatte niederstreckte, worauf sie sich hoch aufrichtete und mit
sanft gesetzten Schritten davonging.
»Sie haben Ihrer Frau wehgetan,« wagte Joseph in einem Anflug von
weltmännischer Ritterlichkeit zu sagen.
»Ach was wehgetan! Da ist eine kleine Welt verletzt,« erwiderte Tobler.
Dann skizzierten sie beide zusammen eine neue Annonce für die täglich
erscheinenden Weltblätter. In dem Inserat kamen Worte vor wie:
»Glänzendes Unternehmen«, »Höchster Gewinn bei absoluter
Risikolosigkeit«. Das würde man gleich andern Tages in die
Annoncenexpedition schicken.
* * * * *
Es wurde wieder Sonntag und Joseph bekam wieder fünf Mark in die Tasche.
Er genoß wieder den Vorzug, nach Belieben im Zeichenzimmer antreten zu
dürfen. Gerade das hatte entschieden etwas Poetisches. Heute würde es
wieder ein feines Essen geben, vielleicht einen Kalbsbraten, schön
gelblich und bräunlich, mit Blumenkohl aus dem Garten, und dann
vielleicht Apfelmus, das hier oben so wundervoll schmeckte. Auch die
bessere Zigarre wurde ihm verabreicht. Was doch Tobler für eine Manier
besaß, zu lachen und einen spöttisch von oben herab anzusehen, sobald es
sich darum handelte, Zigarren zu verabreichen. Gerade, als ob Joseph ein
Schlossermeister gewesen wäre, zu dem man sagt: »Da. Nehmen Sie. Sie
rauchen gewiß auch ganz gern einmal eine bessere Zigarre.« Als ob Joseph
soeben mit Gitteranstreichen oder Türschloßausbessern fertig geworden
wäre, oder als ob er soeben einen Baum gestutzt hätte. Das war die Art,
wie man einem tüchtigen Gärtner eine Zigarre gibt. War denn etwa Joseph
nicht Toblers »rechte Hand«, und durfte man glauben, man zeichnete eine
solche rechte Hand gebührend aus, indem man ihr Sonntags etwas Besseres
zu rauchen darbot?
Er blieb etwas länger im Bett heute, er öffnete die Fenster und ließ
sich im Bett von der weißlichen Morgensonne anscheinen und anblenden,
was eben auch genossen sein wollte, so gut wie verschiedenes anderes
auch, wie zum Beispiel der Gedanke an das Frühstück. Wie war heute alles
sonnig und sonntäglich. Das Sonnige und das Sonntägliche schienen von
weit her schon Brüderschaft miteinander geschlossen zu haben, und der
innige Gedanke ans ruhige Frühstück, ja, der war auch aus so etwas
Sonnigem und Sonntäglichem gewoben, das spürte man jetzt deutlich. Wie
wäre es möglich gewesen, heute etwa verdrießlich zu sein, oder gar
mißgestimmt, oder gar melancholisch. Es war etwas Geheimnisvolles in
allem, in jedem Gedanken, an den eigenen Beinen, an den Kleidern auf dem
Stuhl, am Schrank, zwischen den blendend sauber gewaschenen Gardinen, an
der Waschkommode, aber dieses Geheimnisvolle war nicht beunruhigend, im
Gegenteil, es ruhete und lächelte und friedelte einen förmlich an.
Eigentlich war man gedankenlos, und man wußte gar nicht warum, aber man
schien zwingende Ursache dazu zu haben. In und an der Gedankenlosigkeit
lag so viel Sonne, und wo Sonne war, da dachte Joseph unwillkürlich an
köstlich gedeckte Frühstückstische. Ja, mit dem einfachen Gedanken fing
dieses dumme aber beinahe süße Sonntägliche schon an.
Er stund vom Bett auf, kleidete sich besser als sonst an und trat auf
die viereckige Plattform, die ihm zur Verfügung stand, hinaus. Von hier
sah man auf die Kronen der im Nachbarobstgarten gelegenen Bäume hinüber.
Wie ruhig und blendend sonnig hier alles aussah. Pauline, die Magd,
deckte den Morgentisch draußen an der freien Luft. Diesem Anblick konnte
der Gehülfe nicht länger widerstehen, es riß ihn hinunter zu Kaffee,
Brot, Butter und Eingemachtem.
Später ging er ins Bureau hinunter. Es war ja nicht viel zu machen da
unten, aber er setzte sich trotzdem, angezogen von einem beinahe
lieblichen Gewohnheitsgefühl, an den Schreibtisch, der wie ein
Küchentisch aussah, und korrespondierte. Ach, es war heute das reine
Tändeln mit der sonst so ernsthaften Feder. Das Wort »telephonische
Unterredung« erschien ihm ebenso sonntäglich geputzt wie das Wetter und
die Welt draußen. Die Redewendung »und gestatte ich mir« war blau wie
der See zu Füßen der Villa Tobler, und das »hochachtungsvoll« am Schluß
des Schreibens schien nach Kaffee, Sonne und Kirschenmarmelade zu
duften.
Er trat zur Bureautür in den Garten hinaus. Das war ja auch sonntäglich,
daß man sich gestatten durfte, mir nichts dir nichts die Arbeit zu
unterbrechen, um rasch den Garten ein bißchen inspizieren zu gehen. Wie
das duftete, wie heiß es schon war, trotz der noch frühen Morgenstunde.
Da würde man vielleicht in einer halben Stunde baden gehen, so »genau
kam es sicher nicht darauf an«. Ja heute durfte man diese Worte Tobler
ruhig ins Gesicht hineinsagen, er würde ganz derselben Meinung wie
Joseph sein. Das »Nichtdaraufankommen«, das war schließlich der ganze
Unterschied zwischen einem Sonntag und einem Werktag. Wie der ganze
Garten verzaubert dalag, verzaubert von Hitze, Bienensummen und
Blumenduften. Heute abend würde man den Garten auch wieder einmal recht
tüchtig spritzen müssen.
Joseph kam sich wie das Ideal eines Angestellten vor, indem er das
dachte. Er trug jetzt die Glaskugel ans Freie hinaus.
Da kam ihm Tobler, mit einem wahrhaft noblen neuen Anzug bekleidet,
entgegen und erklärte ihm, daß er heute mit Frau und Kindern ausreisen
wolle. Man könne nicht immer zu Hause sitzen, und der Frau müsse man
auch einmal eine Freude gönnen. Was Joseph beträfe, so werde der
wahrscheinlich, wie Tobler denke, nach der Stadt fahren, um seine
dortigen Freunde aufzusuchen.
»Das laß du nur einstweilen meine Sache sein, das mit den Freunden,« gab
Joseph dem Herrn im stillen als stumme Antwort zurück. Laut sagte er,
nein, er wolle heute da bleiben, es passe ihm besser so.
»Das können Sie meinetwegen halten, wie Sie wollen,« sprach Herr Tobler.
Ungefähr nach einer halben Stunde stand die kleine Ausflugsgesellschaft,
bestehend aus den beiden Ehehälften Tobler, den beiden Knaben, dem
Fräulein aus der Nachbarschaft und der kleinen Dora, reisefertig vor dem
Haus, um dem an einem ziemlich weit entfernten Ort stattfindenden
kantonalen Sängerfest einen halbtägigen Besuch abzustatten. Frau Tobler
hatte ein schwarzseidenes Kleid an und sah beinahe imponierend darin
aus. Sie empfahl Pauline Obacht über das Haus an, und zu Joseph sagte
sie in gemütlichem Ton, er möge ebenfalls ein bißchen aufpassen auf
alles, was um das Haus herum vorgehe, da er doch, wie sie gehört habe,
zu Hause bleiben wolle.
Endlich begab man sich fort unter dem Geheul des an der Kette
festgebundenen Hundes, den es bitter zu verdrießen schien, allein
zurückbleiben zu müssen. Neben Joseph kauerte die Silvi, das
Schwesterchen der Dora, am Boden. Dieses Mädchen schien sich nicht im
geringsten über die Ungerechtigkeit, die ihr widerfuhr, zu grämen.
Darin, daß allein sie von den vier Kindern dagelassen wurde, erblickte
sie etwas Alltägliches. In der Tat war sie längst an allerlei
Zurücksetzungen gewöhnt, derart, daß ihr beinahe schon alles Empfinden
dafür abhanden gekommen war.
»Viel Vergnügen zu Hause, Marti,« hatte Tobler zu Joseph noch gesagt.
»Ja viel Vergnügen! Sorgen Sie gefälligst für Ihr Vergnügen, Herr
Ingenieur Tobler,« dachte Joseph ein wenig bitter, als er es sich, mit
einem Buch in der Hand, auf dem Bett, das er halb abdeckte, oben in
seinem Lustgemach, bequem gemacht hatte:
»Da gehen sie, diese merkwürdigen Herrschaften Tobler, mitsamt dem
sauren Engel aus der Parkettfabrik, auf vergnügliche Sängerfahrten, und
die kleine Silvi lassen sie zu Hause wie ein widerwärtiges Häuflein
Unrat. Diese Silvi ist nur so ein kleines Hudelchen, für das das schöne
Sonntagswetter zu schade ist. Die schöne Frau Tobler mag das Mädchen
nicht ausstehen, es ist ihr zu wenig schön, da muß es eben zu Hause
sitzen. Und dieser Herr Unternehmer! Vor drei Tagen noch haben ihn die
Wut und das Gefühl der Enttäuschung von links nach rechts und im Kreis
herum geschüttelt, daß es ein Jammer gewesen ist, und heute sagt er zu
mir, er wünsche mir viel Vergnügen, und ich solle in die Stadt zu
Bekannten und Freunden fahren. Er fürchtet, ich würde mit Pauline,
seiner Dienstmagd, anbandeln, das ist alles.«
Er gestand sich, daß er zu bitter sei und zwang sich zur Lektüre des
Buches. Da ihm aber dies nicht gelingen wollte, legte er das Buch
beiseite, trat an den Tisch heran, nahm seine private Feder zur Hand und
einen Streifen Papier und schrieb folgendes darauf:
Memoiren.
Ich habe soeben gehässige Gedanken hegen wollen, aber ich verbiete
mir das. Dann habe ich lesen wollen, aber ich bin dazu nicht
imstande gewesen, der Inhalt des Buches hat mich nicht ergriffen,
da habe ich das Buch weggelegt, denn es ist mir unmöglich zu lesen,
ohne begeistert von der Lektüre zu sein. So sitze ich nun an diesem
Tisch und beschäftige mich mit der eigenen Person, da ich niemanden
auf der Welt besitze, der begehrt, von mir irgendwelche Nachrichten
zu erhalten. Wie lange habe ich nun schon keinen warmen Brief
geschrieben? Jener Brief an die Frau Weiß gibt mir deutlich zu
verstehen, wie es mich aus dem Kreis nahestehender und teilnehmender
Menschen herausgeschüttelt und -gerüttelt hat, wie sehr mir Menschen
fehlen, die aus natürlichen Gründen ein billiges Recht haben, von
mir Auskunft über mein Wesen und Treiben zu fordern. Jener Brief ist
mit einem ersonnenen und erdichteten Gefühl geschrieben worden, er
ist wahr, aber er ist zugleich eine Erfindung gewesen, herauserfunden
aus einem Geist, der erschreckt ist, darüber, daß ihm einfachere und
näherliegende Beziehungen vollständig mangeln. Bin ich ruhig jetzt?
Ja. Und ich sage zu der mittäglichen Stille, was ich jetzt sage.
Rund um mich herrscht sonntägliche Ruhe, schade, daß ich das nicht
irgend einem Menschen von Gewicht mitteilen kann, denn das wäre ein
ganz hübscher Briefanfang. Doch jetzt will ich mein Wesen ein
bißchen beschreiben.
Joseph hielt einen Augenblick inne und fuhr dann fort zu schreiben: