aufgefordert habe, in einen großen, leeren Saal zu treten, in welchem
nichts anderes zu sehen gewesen sei als ein hohes Bett oder Gestell und
vier gleichmäßig angezogene Krankenschwestern. Diese Schwestern hätten
eine wie die andere ausgeschaut, so leer und fühllos. Ihre Gesichter
seien einander so ähnlich gewesen wie vier gleich große und
gleichfarbige Steine. Alsdann habe man ihr befohlen, und zwar in
sonderbar barschem Ton, das Gestell zu besteigen. Sie wolle nicht
übertreiben, aber sie müsse schon sagen, daß ihr entsetzlich zumute
geworden sei. Nicht ein Zug, nicht ein Fingernagel voll Freundlichkeit
sei um sie herum gewesen, sondern es habe ihr alles den Eindruck der
Härte und der Herzensverlassenheit gemacht. Nicht ein Schein einer
milden Miene, nicht die Spur eines tröstenden oder beruhigenden Wortes.
Als ob ein bißchen gütiges Wesen sie hätte vergiften, anstecken oder gar
töten können. Sie meine, das heiße die Vorsicht und die Korrektheit denn
doch gar zu weit treiben. Dann habe man sie eingeschläfert, und von da
an habe sie natürlich nichts mehr empfunden und nichts mehr gewußt, bis
es vorbei war. Und vielleicht, schloß sie ihren Bericht, müsse ja das
alles so sein. Man empfinde es nur als überflüssig herzlos. Der wahre
Arzt dürfe aber vielleicht gar kein Herz haben, wer könne das
beurteilen.
Sie seufzte und strich sich mit der Hand durch das Haar.
Der Gedanke, fuhr sie fort, sich ein zweites Mal dort -- hinlegen zu
müssen, sei ihr abscheulich und peinlich. Und auch noch wegen etwas
anderem. Joseph könne das leicht erraten. Es sei ihr schwer, ihrem Mann
mit so etwas zu kommen, wo die ganze finanzielle Lage, Joseph müsse das
ja wissen, sich immer mehr zuspitze. Da sei eine Frau froh, wenn sie
keine Ursache zu außergewöhnlichen Ausgaben habe. Dieses dumme Geld; wie
schnöde doch eigentlich die beständige Sorge um so etwas sei. Nein, da
müsse sie, und sie lächelte, zuerst das neue Kleid haben, das sie sich
schon längst wünschte, ehe sie den Ärzten wieder etwas gebe. Das könne
ihretwegen noch eine Zeitlang warten.
Joseph dachte: »Der Herr will die Schlosserwerkstätten warten lassen und
die Frau die Ärzte.« --
Der 1. August!
Ein Abend, eine Nacht und ein Tag sind ohne besondere Dinge
vorübergegangen. Der Abend ist wieder da, es ist der Festabend. Schon
fängt man an, Kerzen in Brand zu stecken. Aus der Ferne dringen die
dumpfen Schläge der Böllerschüsse zu den Ohren der um das Haus
Versammelten. Tobler hat für einige Flaschen guten Weines gesorgt. Der
Mechaniker, der den »Schützenautomaten« in Arbeit hat, ist vom
Nachbardorf zu der festlichen Veranstaltung zu Toblers herübergekommen.
Auch die beiden Parketteriefrauen sind da. Man sitzt im Gartenhaus und
hat die Weine bereits angestochen. Tobler glänzt vor Festnachtfreude,
schon jetzt, und je dunkler es am Himmel und auf der Erde wird, um so
feuriger drückt sich dieser eigentümliche Glanz auf seinem rötlichen
Gesicht ab. Joseph zündet Kerzen und Lampen an, er muß sich unter jeden
Busch hinabducken, um Beleuchtungsstellen zu suchen. Vom Dorf her hört
man ein murmelndes Singen und Lärmen, als müsse dort, in der Entfernung
eines schwachen Kilometers, eine rauschende Freude herrschen. Neue
Schüsse! Diesmal donnern sie vom andern Seeufer herüber. Tobler ruft:
»Ah, die da drüben machen auch schon Ernst!« Er ruft Joseph zu sich
heran, um ihm »etwas zu trinken«, und neue ergiebige Winke bezüglich
der elektrischen Beleuchtung des großen Wappenschildes zu geben. Der
Angestellte ist heute nacht ein Angestellter im Namen des großen,
heiligen Vaterlandes.
Wie tönte doch da die sonore Stimme des Herrn Tobler, an diesem großen
Abend. Bald flogen die knisternden und zischenden Raketen in die Höhe,
oder es platzte ein Feuerteufel. Auch ganze Glutschlangen sprangen, von
der Hand des eifrigen Gehülfen dirigiert, in die dunkle Luft hinauf,
wahrhaftig, es konnte bald einem Märchen aus Tausendundeine Nacht
gleichen. Wiederum, pum, ein Schuß aus der Ferne. Die im Dorf schossen
jetzt auch. Tobler rief: »Nun? Kommt ihr auch bald einmal? Ihr seid doch
immer die Spätesten. Das gleicht euch halt, ihr Wirtstischhocker!« -- Er
lachte aus vollem Halse, ein gefülltes Glas schimmernden, hellgoldenen
Weines in der Hand schwenkend. Seine verhältnismäßig kleinen Augen
sprühten, als hätten sie Feuerwerk abgeben mögen.
Immer eine Rakete nach der andern, eine Glutgarbe und -schlange nach der
andern. Joseph glich einem heldenmütigen Kanonier in der heißen
Schlacht, so, wie er dastand. Er hatte die romantisch-edle Stellung und
Haltung eines Kämpfers angenommen, der scheinbar entschlossen war, sein
letztes bißchen Blut für die Ehre herzugeben. Das machte sich ohne
eigenes Wollen, nein, ganz von allein. In solchen Momenten glauben ja
die Menschen Wunder was zu sein, die Vorstellung von etwas Gutem und
Hohem und Eigenartigem ist von selbst da. Es bedarf nur des Weines und
des Gewehrdonners, und der Wahn des Außergewöhnlichen ist
zusammengewoben, fest genug, eine ganze, lange, ruhige, bescheidene
Nacht zu durchschwärmen. Auch Joseph war, wie sein Herr, vom
Herzensfeuer der Festnacht ergriffen worden.
»Schießt, ihr Fötzel!«
Solches rief Tobler aus, und zwar in die Dorfrichtung, und er meinte
damit jene paar Leute, die sich immer einen gewissen spöttischen Ton
herausnahmen, wenn er angefangen hatte, am Biertisch von seinen
technischen Erfindungen zu reden. Durch seinen Ausdruck und Ausruf
zeigte er diesen »Schlappschwänzen«, wie seine abermalige, kurze
Ansprache lautete, deutlich seine Verachtung.
»Aber Karl!«
Frau Tobler mußte hell auflachen.
Berauschend schön war's, als jetzt von den fernen, unsichtbaren Bergen
herab, gleichsam im hohen Raum bodenlos schwebend, Freudenfeuer zündeten
und brannten. Auch Hornrufe, groß und wuchtig tönende, kamen aus weiter
Höhe und Ferne herabgeklungen, langsam den metallenen Atem ausstoßend
und ihn lange anhaltend. Das war schön, und alles, was Ohren hatte,
horchte. Ja, wenn die Berge selber zu tönen und zu reden anfangen, muß
wohl bald das kleine Gezische und Geknatter der hastigen Raketen
schweigen. Bergfeuer brennen still aber lang, während der Sprühregen der
Nähe emporprasselt, mit recht vielem augenblicklichen Erfolg und
Geräusch, aber auch gleich wieder ins Nichts zusammensinkt.
Mit dem Eindruck, den das große, erleuchtete Wappenschild mit der roten
und weißen Farbe machte, war Tobler ausnehmend zufrieden. Er ließ daher
noch ein paar Flaschen bringen und konnte sich mit Einschenken in die
verschiedenen Gläser gar nicht genug tun. Ei was, sprach er laut, heute
müsse eins über den Durst genommen werden.
Und so klangen denn die Gläser eifrig aneinander, der Gläserklang
vermischte sich mit dem Gelächter, das über allerhand rasch ersonnenen
und ausgeführten Torheiten erschallte. Die Wangen waren so heiß wie der
Ausdruck der Augen. Die Kinder hatte Frau Tobler natürlich schon längst
in die Betten schaffen lassen. Ein Flaschenpfropfen wurde
heimlicherweise mit roter Lackfarbe bestrichen und plötzlich der alten
Dame aus der Parkettfabrik auf die Nase gesetzt, daß er kleben blieb.
Tobler lief auf diesen Anblick hin Gefahr, sich halb krank zu lachen, er
mußte sich die Backen festhalten, da diese zu zerspritzen drohten.
Schließlich klingelte und lächelte das Fest mit dem letzten Glas Wein an
den Lippen der Teilnehmer aus. Die Lust am Späßetreiben erlahmte und
sank jeden Augenblick, hintenüber taumelnd, in Schlaf. Die Frauen
standen auf und gingen nach Hause, wogegen die Männer sich noch eine
halbe Stunde, allmählich wieder ernsthaft werdend, im Gartenhaus
aufhielten.
* * * * *
Das Dorf Bärensweil, die Gemeinde, in deren Bezirk sich die Toblersche
Ansiedelung befindet, liegt eine gute Dreiviertelstunde Eisenbahnfahrt
von der großen Kantonshauptstadt entfernt. Der Ort ist, wie fast alle
Dörfer in dieser Gegend, reizend gelegen und zeichnet sich durch eine
ganze Anzahl, teilweise aus der Rokokozeit herrührender, stattlicher,
herrschaftlicher oder öffentlicher Bauten aus. Auch sind viele
angesehene Fabriken hier, so Seidenfabriken, Bandwebereien, die
ebenfalls schon ein ziemliches Alter haben. Die Industrie und der Handel
haben hier vor ungefähr hundertfünfzig Jahren zum ersten Mal ihre mehr
oder minder primitiven Räder und Gurten geschwungen, und sie haben sich
bis zum heutigen Tag eines fortgesetzt guten Rufes nicht nur im Inland,
sondern auch in der übrigen, weiten Welt zu erfreuen gehabt. Die
Kaufleute und Fabrikanten sind aber nicht bloß im Gelderwerb hängen und
stecken geblieben, nein, sie haben im Laufe der Jahre und der
Geschmacksänderungen auch Geld ausgegeben, sie haben, wie man noch heute
sehen kann, mit einem Wort gesagt, zu leben gewußt. Sie ließen sich in
den verschiedenen Zeiten und Baustilen allerhand reizende, villenartige
Gebäude aufrichten, deren unaufdringliche aber graziöse Form der
zufällige Beschauer noch heute bewundern und im stillen beneiden kann.
Jene reichgewordenen Leute haben sicher ihre Schlößchen und Häuser mit
Geschmack und Gewicht zu bewohnen verstanden, derart, daß, wie man ahnen
kann, damals ein schönes, solides häusliches Leben regiert und bestanden
haben muß. Nun bauen aber die Nachkommen dieser alten vornehmen
Handelsfamilien auch heute noch in einem gemessenen Stil. Sie verstecken
ihre Häuser gern in ältere, bereits durch ein tüchtiges Wachstum
ausgezeichnete Gärten, denn ihnen ist der Sinn für die Besonderheit und
Schlichtheit durch die Übertragungen des gleichen Blutes geschenkt und
gegeben worden. Auf der andern Seite sehen wir in Bärenswil oder
Bärensweil viele armütige und elendigliche Bauwerke, und in diesen
wohnen die Arbeiter, und auch diese dem Reichtum und der zierlichen
Schönheit entgegengesetzte Seite hat schon ihre lange natürliche
Überlieferung. Das armselige Haus kann eben ganz genau so fest und so
lang und so gutbegründet weiterbestehen wie das wohlhabende und
ausgesuchte; das Elend stirbt nicht aus, so lange die Pracht und das
feinere Weltleben fortexistieren.
Ja, Bärensweil ist ein hübsches und nachdenkliches Dorf. Seine Gassen
und Straßen gleichen Gartenwegen. Sein Anblick vereinigt sowohl
städtisches als dörfliches und ländliches Wesen und Treiben. Wenn man
hier eine stolze Frau nebst Gefolge zu Pferd daherreiten sieht, so muß
man nicht vor lauter dummer Verwunderung vor den Kopf geschlagen sein,
sondern man muß sich nur die Fabrikrohre anschauen und denken: hier wird
eben Geld verdient, und das Geld schafft bekanntlich alles. Auch
Kaleschen mit streng uniformierter Dienerschaft sind hier keine gar so
sehr fabelhafte Seltenheit. Sie brauchen nicht Gräfinnen oder Baroninnen
zu gehören, solches kann auch hie und da einer Fabrikbesitzersfrau
gebühren, um so mehr, als in diesen Gegenden der stolze Gewerbefleiß
wirklich zum alten Land- und Stadtadel zu zählen ist.
»Ein reizendes Nest,« würde ein gebildeter Fremder von Bärensweil sagen.
Herr Tobler aber sagt das seit einiger Zeit nicht mehr, ja, er schimpft
sogar auf »das Drecknest«, und zwar nur deshalb, weil einige
Bärensweiler, mit denen er am Stammtisch des »Segelschiffes« zu sitzen
pflegt, an die gesunde Basis seiner technischen Unternehmungen nicht so
recht glauben wollen.
Denen wolle er es schon zeigen. Die möchten ihre Augen eines Tages schön
aufreißen, sagt er in letzter Zeit öfters.
Aber warum ist Herr Tobler denn eigentlich hierher gezogen? Was hat ihn
veranlaßt, zum Aufenthaltsort diese Gegend zu wählen? Darüber herrscht
folgende, etwas unklare Geschichte. Tobler ist vor noch drei Jahren ein
einfacher Angestellter, Hilfsingenieur in einer großen Maschinenfabrik
gewesen. Da hat er eines Tages eine größere Summe Geldes geerbt und
dadurch den Plan genährt, sich selbständig zu machen. Ein noch
verhältnismäßig so junger und heißblütiger Mann ist in allen Dingen, so
auch in der Ausführung von heimlichen Plänen, stets etwas rasch, und das
ist ja ganz in der Ordnung. Tobler liest eines Abends, Nachts oder
Tages eine Zeitungsannonce, wonach die Villa zum Abendstern, denn so
nennt sie sich, zum Verkauf ausgeschrieben ist. Prachtvolle Seegegend,
schöner, hochherrschaftlicher Garten, gute Eisenbahnverbindungen mit der
nicht allzu weitentfernten Hauptstadt: Teufel, das sei, denkt er, etwas
für ihn! Er macht kurzen Prozeß und kauft sich das Grundstück. Er kann
als freier unabhängiger Erfinder und Geschäftsmann wohnen, wo es ihm
beliebt, er ist an keinerlei Scholle gebunden.
Ein eigenes Heim! Dies ist der alleinige treibende Gedanke gewesen, der
Tobler nach Bärensweil geführt hat. Das Heim kann stehen, wo es will,
wenn es nur ein eigenes ist. Tobler will ein freiverfügender und
-bestimmender Herr sein, und er ist es.
* * * * *
Am frühen Morgen nach der Festnacht schaute sich Joseph unten im Bureau
ein wenig den »Schützenautomaten« an, der schließlich auch studiert sein
wollte. Zu diesem Zweck nahm er ein Blatt Papier zur Hand, auf welchem
die ausführliche Beschreibung dieser Maschine nebst zeichnerischen
Wegleitungen zu lesen und zu sehen war. Was war es nun mit dieser Nummer
zwei der Toblerschen Artikel? Die Nummer eins kannte man ja bereits
beinahe auswendig, da sei es, dachte Joseph bei sich, Zeit, sich mit
Neuem im Geist zu befassen. Und er wunderte sich, wie rasch es ihm
gelang, sich mit dem innern und äußern Wesen dieser Nummer zwei vertraut
zu machen.
Der Schützenautomat erwies sich als ein Ding, ähnlich den
Schokoladenautomaten, die die reisenden Menschen auf Bahnhöfen und in
allerlei öffentlichen Lokalen antreffen, nur entsprang dem
Schützenautomaten nicht eine Platte Süßigkeit, Pfefferminz oder
dergleichen, sondern ein Paket scharfer Patronen. Die Idee als solche
war also keine gerade neue, sondern nur eine verfeinerte und
verschärfte, auf ein anderes Lebensgebiet geschickt übertragene. Auch
war der Toblersche Automat bedeutend größer, er war ein dickes, hohes
Gestell von einem Meter und achtzig Höhe und dreiviertel Meter Breite.
Der Leibesumfang des Apparates war der eines vielleicht hundertjährigen
Baumstammes. Am Automaten war in ungefährer Manneshöhe ein Schlitz
angebracht, zum Hineinwerfen oder -fügen des Geldstückes oder der Münze,
die für Geld erhältlich war. Nach dem Einwurf hatte man einen Moment zu
warten, dann an einem bequem zu erfassenden Hebel zu ziehen und das nun
in eine offene Schale stürzende Paket Patronen ruhig in Empfang zu
nehmen. Die ganze Sache war praktisch und einfach. Die innere
Konstruktion beruhte auf drei sich gegenseitig bedienenden Hebeln, sowie
auf einem abwärts gleitenden Kanal zur Beförderung der Patronen, die
sich in gleichmäßigen, der staatlichen Verpackung entsprechenden Paketen
in einer Art von Kamin zu dreißigen von Stücken aufeinandergetürmt
befanden; zog man nun an dem Hebel mit dem bequem zu erreichenden Griff,
so fiel eben eines der im Kamin befindlichen Stücke äußerst elegant
heraus, und der Apparat funktionierte weiter, das heißt er blieb still,
bis ein zweiter oder ein dritter Schütze des Weges daherkam und ihn von
neuem zu der eben beschriebenen Betätigung reizte. Aber noch mehr! Der
Automat hatte den Vorzug, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein, indem
eine kreisrunde Öffnung am oberen Teil desselben jeweilen bei Einwurf
der Münze und Ziehen am Griff des Hebels eine schönbemalte
Reklamescheibe zeigte. Dieses Reklamewesen bestand sehr einfach aus
einem Reifen verschiedenartig gefärbten Papieres, der mit der ganzen
Hebelvorrichtung in engster und zweckentsprechendster Verbindung stand,
derart, daß der Sturz eines Patronenpäckchens jeweilen eine erneute
Reklame unmittelbar und exakt an die kreisrunde Öffnung schob, indem
sich der Papierreifen stückweis umdrehte. Der Streifen oder Reifen war
in »Felder« abgeteilt, die Besetzung und Benützung der einzelnen Felder
kostete Geld, und dieses Geld mußte die Kosten der Anfertigung des
Automaten brillant herausschlagen: »Aufzustellen ist der Schützenautomat
auf Schützenwiesen gelegentlich der zahlreich stattfindenden
Schützenfeste. Was die Reklamen betrifft, so hat man sich zur Erlangung
von Bestellungen und Aufträgen wiederum, wie bei der Reklame-Uhr, an nur
erste Firmen zu wenden. Wenn man annehmen darf, daß sämtliche Felder mit
Reklamen besetzt werden, und man darf das wohl annehmen, so verdient da
Tobler (Joseph war mit seinen Gedanken so sehr beschäftigt, daß er
anfing, mit sich selbst zu reden) wieder einen schönen Haufen Geld, denn
was die Inserate einbringen, das übersteigt bei weitem die Kosten der
Fabrizierung. Bei der Besetzung je eines Feldes in mehreren, sagen wir
zehn Automaten, tritt natürlich eine wesentliche Preisermäßigung ein.«
Der Kassenbote der Bärensweiler Sparbank trat ein.
»Natürlich ein Wechsel,« dachte Joseph. Er stand von seinem Platz auf,
nahm das Formular in die Hand, besah es von allen Seiten, schüttelte es
hin und her, prüfte es auf das Genaueste, machte ein zugleich
nachdenkliches und wichtiges Gesicht und sagte dann zu dem Boten, es sei
gut, man werde vorbeikommen.
Der Mann nahm den Wechsel wieder zu sich und ging. Joseph nahm sogleich
die Feder zur Hand, um brieflich den Aussteller des Wechsels zu
ersuchen, noch einen Monat Geduld zu haben.
Wie leicht sich das schrieb. Auch der Bank mußte gleich telephoniert
werden. In diesen Dingen hatte man nun hoffentlich bald ein wenig
Routine. Da hatte er sich einfach hingestellt und seine Augen fest auf
den zu zahlenden Betrag gerichtet, und dann hatte er einfach den Boten
ruhig, ja sogar etwas streng angeschaut. Wie der Mann Respekt bekam!
Leute, die Geld von Tobler haben wollten, mußten in Zukunft noch ganz
anders, noch viel kräftiger, abgefertigt werden. Das war Pflicht, das
gebot das Zartgefühl Herrn Tobler gegenüber. Der Chef durfte jetzt unter
keinen Umständen an diese widerwärtigen Bagatellen erinnert werden. Der
hatte gerade jetzt ganz anderes zu tun, den konnten jetzt nur die großen
Sorgen beschäftigen. Dafür hatte ja Tobler einen Angestellten, damit
dieser womöglich intelligente und geistreiche Kerl ihm die kleinlichen
Unannehmlichkeiten abnahm, sich dicht an der Tür aufstellte, um
ungerufene, steife Akzeptwechselmenschen energisch weiterzubefördern.
Nun, das tat Joseph ja auch. Aber dafür rauchte er jetzt auch wieder
einmal einen von den eben aus dem Dorf herspedierten, neuen
Zigarrenstumpen.
Er ging im Bureauraum auf und ab. Tobler war den Geschäften nachgegangen
und blieb wahrscheinlich heute den ganzen Tag von zu Hause weg. Wenn da
jetzt nur nicht etwa der Herr Johannes Fischer ankam, das würde fatal
sein.
Dieser Johannes Fischer hatte auf die Annonce »Für Kapitalisten« hin
sich schriftlich gemeldet und schrieb, er werde sehr wahrscheinlich
schon in allernächster Zeit einmal in Bärensweil zwecks Besichtigung der
betreffenden Erfindungen vorsprechen.
Welch zarte, beinahe weibliche Handschrift der Mann besaß. Dagegen war
die Schrift Toblers wie mit dem Spazierstock gesetzt. Solche schlank-
und feinschreibenden Menschen machten einen schon zum voraus große
Reichtümer ahnen. So wie dieser Mann schrieben beinahe alle
Kapitalisten: exakt und zugleich etwas nachlässig. Diese Handschrift
entsprach ganz und gar einer vornehmen und leichten Körperhaltung, einem
unmerklichen Kopfnicken, einer ruhigen, sprechenden Handbewegung. Sie
war so langstielig, diese Schrift, eine gewisse Kälte strömte sie aus,
sicher war er das Gegenteil eines heißblütigen Gesellen, der so
schrieb. Diese paar Worte: kurz und artig im Stil. Die Höflichkeit und
Bündigkeit erstreckten sich sogar auf das intime Format des
blitzsauberen Briefpapieres. Auch noch parfümiert trat dieser Herr
Johannes Fischer unbekannterweise auf. Wenn er nur heute nicht kam.
Tobler würde das lebhaft bedauern, ja, es konnte geschehen, daß er, toll
vor Ärger, ganz außer sich käme. Übrigens hatte er den Befehl
zurückgelassen, dem Herrn, wenn er anlangte, alles ordentlich zu zeigen
und auseinanderzusetzen, und ganz besonders eingeschärft hatte er
Joseph, diesen Herrn Fischer unter keinen Umständen wegziehen zu lassen,
sondern ihn so lange aufzuhalten zu suchen, bis Tobler wieder zu Hause
wäre. Womöglich ließ sich ja diesem anscheinend hocheleganten Fremdling
eine Tasse Kaffee anbieten, denn es war noch lange nicht gesagt, daß der
zu nobel für so etwas sei. Solch ein zierliches Gartenhaus, wie Toblers
eins hatten, durfte für jedermann, auch für die höchstgestellte und
erhobene Person, ein Gegenstand ruhigen Betrachtens und Genusses sein.
Dieser Herr Kapitalist mochte also immerhin nur daherzutraben kommen, es
war, glaubte Joseph, genügend gesorgt für ihn.
Aber Joseph war es doch ein wenig bange.
Wie nett es sich übrigens für ihn hier lebte, wenn der Herr Prinzipal
sich außerhalb befand. So ein Prinzipal, er mochte der netteste Mensch
von der Welt sein, blieb doch immer eine Ursache zum fortwährenden
Aufpassen. War er guter Laune, so hatte man beständig Angst, etwas
könnte kommen und die fröhliche Gebieterlaune ins gerade Gegenteil
umschlagen. War er gehässig und bissig, so hatte man die mehr wie saure
Pflicht, sich selber für einen struben Gauner zu halten, weil man sich
unwillkürlich als der elende Veranlasser der schlechten Stimmung ansah.
War er gleichmütig und gesetzt, so blieb die Aufgabe vor, diesem
gleichmäßigen Wesen keinen auch nur fadenscheinig dünnen Schaden
anzutun, damit es sich ja nicht etwa mit einem Ritzchen und Spältchen
verletzt fühle. War der Herr spaßig aufgelegt, so verwandelte man sich
augenblicklich in einen Pudel, da es doch galt, dieses lustige Tier
nachzuahmen und die Witze und Zoten behend aufzuschnappen. War er gütig,
so kam man sich wie ein Elender vor, war er grob, so fühlte man sich
verpflichtet zu lächeln.
Das ganze Haus war ein anderes, wenn der Hausherr nicht da war. Die Frau
schien auch eine ganz andere zu sein, und die Kinder, namentlich die
beiden Knaben, denen sah man das Vergnügen über des strengen Vaters
Abwesenheit von weitem an. Es war etwas Ängstliches fort, wenn Tobler
weg war. Auch etwas allzu Gespanntes und Gewichtiges.
»Bin ich eine solche duckmäuserische Angestelltenseele?« dachte Joseph.
Da kam Silvi, das ältere der kleinen Mädchen, und rief zum Mittagessen.
Nachmittags, Joseph saß gerade beim Kaffee und plauderte mit Frau
Tobler, schritt ein Herr den Garten zum Haus hinauf.
»Gehen Sie ins Bureau, es kommt jemand,« sagte die Frau zum Gehülfen.
Dieser lief eilig weg und konnte nur bis zur Bureau-Eingangstüre
gelangen, als ihm auch schon der Fremde entgegentrat. Ob er die Ehre
habe, Herrn Tobler selber vor sich zu haben, frug mit angenehmer Stimme
der Ankömmling. Nein, sagte Joseph etwas betreten, Herr Tobler sei
leider gerade verreist, er selber sei nur der Angestellte, aber er
bitte, eintreten zu wollen.
Der Herr sagte seinen Namen. »Ah Herr Fischer!« rief Joseph aus. Er
verneigte sich etwas zu fröhlich, etwas zu freudig vor Herrn Johannes
Fischer, und er bemerkte auch sogleich den Fehler, den er gemacht hatte.
Sie traten beide, der Kapitalist voran, in das Zeichenbureau ein, wo
derselbe sogleich nach den technischen Dingen sich zu erkundigen begann,
während er sich mit einer gewissen Überlegenheit nach allen Seiten
umschaute.
Joseph erklärte ihm die Reklame-Uhr. Er holte ein Exemplar derselben in
Natura herbei, legte sie vor die Augen des Gastes auf den Tisch zur
Besichtigung, und schickte sich zu gleicher Zeit an, dem aufmerksam
alles, was ihn umgab, beobachtenden Mann die Gewinnchancen des Werkes
auseinanderzusetzen.
Der Fremde, der mit Interesse zuzuhören schien, fragte, indem er die
Adlerflügel der Uhr betrachtete, ob man sich in der Höhe der
angenommenen Reklamegelder nicht vielleicht, wie das ja in einem solchen
Falle leicht möglich sei, ein wenig verrechne? Und ob bereits
Reklame-Aufträge eingelaufen seien?
Er nahm es ruhig mit seinen Fragen. Und ein bißchen nachdenklich schien
er geworden zu sein, was sich Joseph, vielleicht etwas früh, zu seinen
Gunsten auslegte.