Er würde weiter so räsoniert haben, wenn nicht Frau Tobler plötzlich auf

den Gedanken gekommen wäre, den sie auch sogleich aussprach, »heute

abend einmal auf dem See Gondel zu fahren.« Es sei so schön heute abend,

und das bißchen Geld, was es koste, das sei doch gar nicht groß der Rede

wert. Da das Kartenspiel eben beendet worden war, so hatte niemand etwas

wider den Plan einzuwenden, nicht einmal Tobler selber, der brummend

beistimmte. Joseph wurde, als ein richtiger Mann für alles, ins Dorf

geschickt, um mit einem dreisitzigen, breiten Boot längs des Ufers, ohne

sich irgendwie aufhalten zu lassen, denn es müsse jetzt, da es beginne,

Nacht zu werden, flink geschehen, in die Nähe der Villa zu fahren. Unten

in einer Art Hafen würde man dann einsteigen. Der Angestellte hatte sich

schon auf den Weg gemacht. Tobler seinerseits verschmähte es, die Partie

mitzumachen. Ebenso konnte man die alte Fabrikdame nicht mitnehmen,

dagegen beschloß Frau Tobler, die Kinder mitzunehmen. Das Fräulein

erklärte sich bereit, nicht nur mitfahren, sondern sogar tüchtig

mitrudern zu wollen, worauf die Hausfrau sich für die Lustfahrt in

Bereitschaft setzen ging.

Man wartete schon an der Landungsstelle unterhalb der Villa Tobler auf

den breiten Steinplatten eines alten, außer Gebrauch gestellten Dammes,

als endlich das Schiff, von Joseph gerudert, anlangte. Alle begannen

einzusteigen, Frau Tobler zuerst, damit man ihr die Kleinen, eins ums

andere, reichen konnte. Die beiden Knaben gebärdeten sich sehr

unmanierlich, man machte sie auf die Gefahr ihres wilden, unachtsamen

Wesens aufmerksam, worauf sie sich stiller verhielten. Die Mädchen

waren ganz ruhig, sie hielten sich mit ihren kleinen Händen fest an den

Rändern des Bootes. Zuletzt stieg Joseph ein, indem er bis zuletzt das

Fahrzeug an einer rasselnden Kette strammgehalten hatte. Und dann ging

es auf einmal los, Joseph ruderte, er verstand es ganz gut, aber es ging

langsam vorwärts, doch verlangte niemand, daß es schneller vorwärtsgehen

sollte. Wie kühl auf einmal die Welt wurde. Frau Tobler sah auf die

Kinder, ermahnte sie, artig zu sein, sich in keiner Weise heftig zu

bewegen, da sonst ein großes Unglück geschähe und sie alle zusammen ohne

Erbarmen ertrinken müßten. Alle vier Kinder horchten auf diese seltsamen

Worte, hielten sich still, auch die Knaben, denn es war ihnen jetzt, so

mitten draußen in der Nacht und mitten im murmelnden Wasser, in diesem

leise dahingleitenden Boot doch etwas ängstlich zumute. Frau Tobler

sagte leise, wie schön es sei, hier, und welch guten Gedanken sie, wie

es ihr scheine, gehabt habe, solches vorzuschlagen. Da genieße man doch

einmal wieder etwas, und ihr Mann würde besser getan haben, mitzukommen.

Aber, setzte sie hinzu, für so etwas habe er keinen Sinn. -- Wie kühl,

wie schön!

Einen gewissen Abstand vom Nachen beschreibend schwamm im

dunkelglitzernden Wasser Leo, der große Hund, nach. Man rief ihn.

Namentlich riefen ihm die Kinder Koseworte zu. Neben Frau Tobler lag

deren seidenes Schirmchen. Ein befederter Hut schmückte ihren länglich

geschnittenen Kopf. Ihre Hände und Arme waren von langen, weißen

Handschuhen umschlossen. Das Fräulein schwatzte in einem fort. Aber Frau

Tobler, die sonst dergleichen auch nicht gerade verachtete, gab nur

zerstreute und einsilbige Antworten. Etwas wie eine schöne, glückliche

Naturträumerei schien ihr die gewöhnlichen Tagesdinge und deren

umfangreiches Gerede unwichtig und unwert gemacht zu haben. Ihre großen

Augen leuchteten ruhig und schön mit dem Gleiten des Schiffes dahin. Ob

Joseph nicht müde werde vom Rudern, fragte sie. O nein, was sie denke,

antwortete er. Das Fräulein wollte sich in die Ruderbank setzen, Frau

Tobler aber gab es nicht zu, da das Boot sonst in zu starke Bewegung

gerate. Es brauche ja gar nicht so rasch zu gehen, je langsamer gerudert

werde, um so länger dauere die ohnehin kurze Fahrt, und das sei ihr

lieb, denn das sei schön.

Diese Frau kommt aus echt bourgeoisen Kreisen her. Sie ist in der

Nützlichkeit und Reinlichkeit aufgewachsen, in Gegenden, wo die

Brauchbarkeit und die Besonnenheit als das Höchste gelten. Sie hat

wenig romantische Genüsse in ihrem Leben gehabt, aber eben deshalb liebt

sie sie, denn sie schätzt sie in der Tiefe ihrer Seele. Was man vor dem

Mann und der Welt sorgsam verbergen muß, weil man keine »überspannte

Gans« sein will, ist deswegen nicht tot, sondern lebt sein

eigentümliches Leben in der Enge und Stille weiter. Eines Tages kommt

eine kleine mit großen Augen grüßende und bittende Gelegenheit, und da

darf dann das Halbvergessene einmal erwärmen und lebendig werden, aber

das wiederum nur für kurze Zeit. Wer mit seiner Genußfreude und Gier vor

die Öffentlichkeit treten darf, wem solches die Lebensverhältnisse

leicht und gefällig erlauben, der stumpft in der Seele und im Herzen nur

zu bald, alles, was darin gebrannt hat, auslöschend, ab. Nein, diese

Frau hat keinerlei Farbensinn oder dergleichen, sie versteht nichts von

den Gesetzen der Schönheit, aber gerade deshalb fühlt sie, was schön

ist. Sie hat nie Zeit gehabt, ein Buch voller hoher Gedanken zu lesen,

ja, sie hat noch kein einziges Mal auch nur daran gedacht, was hoch und

was niedrig sei, aber der hohe Gedanke selber besucht sie jetzt, und das

tiefere Gefühl selber, angezogen von ihrer Unwissenheit, netzt ihr mit

dem nassen Flügel das Bewußtsein.

Ja kühl war's und dunkel um das langsam fahrende Schiff herum. Der See

war ganz ruhig. Das Stille und Ruhige verband sich mit dem menschlichen

Empfinden und mit der undurchdringlichen Schwärze der Nacht. Vom Ufer

her blitzten die zerstreuten Lichter und kamen ein paar Geräusche her,

darunter eine helltönende Männerstimme, und jetzt hörte man vom

jenseitigen Strand her eine warme Handharfe ertönen. Die Töne dieser

Musik schlangen sich wie etwas Blumenartiges oder Efeuartiges um den

dunklen, duftenden Leib der Seesommernachtstille. Alles schien eine

sonderbare Genugtuung, Befriedigung und Bedeutung bekommen zu haben. Das

Tiefe setzte sich an das unergründlich Nasse an. Die Frau hielt ihre

Hand leicht in das Wasser, sie sagte etwas, aber sie schien es in das

Wasser hinabgesprochen zu haben. Wie das trug, das schöne, tiefe Wasser.

Einmal fuhr ein anderes Boot, von einem einzelnen Mann besetzt, an dem

Toblerschen hart vorbei. Frau Tobler stieß einen leisen Überraschungs-,

ja beinahe Schreckensschrei aus. Niemand hatte das Schiff kommen sehen,

es schien sich plötzlich in ihre Nähe geworfen zu haben, aus weiter

unbekannter Ferne her, oder aus der Tiefe heraus. Der Himmel war über

und über mit Sternen bedeckt. Wie das hob und trug und umdrehte. Die

Frau sagte, sie fröstele jetzt beinahe ein wenig, und sie warf sich ein

Tuch, das sie mitgenommen hatte, über die Achsel. Joseph schien es,

indem er sie anschaute, als lächle sie da so im Dunkel, genau würde er

es nicht haben unterscheiden können. Wo ist unser Leo, fragte sie. Dort,

dort. Er schwimmt nach, rief Walter, der Knabe.

Steige, hebe dich, Tiefe! Ja, sie steigt aus der Wasserfläche singend

empor und macht einen neuen, großen See aus dem Raum zwischen Himmel und

See. Sie hat keine Gestalt, und dafür, was sie darstellt, gibt es kein

Auge. Auch singt sie, aber in Tönen, die kein Ohr zu hören vermag. Sie

streckt ihre feuchten, langen Hände aus, aber es gibt keine Hand, die

ihr die Hand zu reichen vermöchte. Zu beiden Seiten des nächtlichen

Schiffes sträubt sie sich hoch empor, aber kein irgendwie vorhandenes

Wissen weiß das. Kein Auge sieht in das Auge der Tiefe. Das Wasser

verliert sich, der gläserne Abgrund tut sich auf, und das Schiff

scheint jetzt unter dem Wasser ruhig und musizierend und sicher

fortzuschwimmen. --

Es muß zugegeben werden, daß Joseph sich ein wenig zu sehr seinen

Einbildungen überlassen hatte. Er merkte kaum, daß die Fahrt zu Ende

war, als man auch schon ans Land anstieß, das heißt an einen dicken

Pfahl, der in der Nähe des Aussteigedammes aus dem Wasser ragte. Tobler,

der dicht daneben stand, rief seinem Untergebenen zu, er könne auch

besser aufpassen. Es nehme ihn wirklich Wunder, in welchen Landesteilen

Joseph rudern und steuern gelernt habe. Aber es war durchaus kein Unheil

entstanden, alle stiegen wohlbehalten aus. Den Rest der Nacht verbrachte

man in einem hübschen, menschenbesetzten Biergarten, wo Tobler Bekannte

antraf, einen Eisenbahnwagenkontrolleur mit seiner Frau, mit denen er

sich in großzügigen Gesprächen zu schaffen machte. Die kleine, lustige

Beamtenfrau erzählte von ihren Hühnern und Eiern und von dem

schwungvollen Handel mit diesen beiden ergiebigen Artikeln. Man lachte

viel. Joseph wurde von Tobler in seiner Eigenschaft als »mein

Angestellter« den Leuten vorgestellt. Ein junges, französisches Mädchen,

eine Warenhausverkäuferin, trippelte an der Gesellschaft vorüber. »_Une

jolie petite française_,« sagte die Kontrolleursfrau, offenkundig voller

Vergnügen, ein paar französische Worte aus dem Gedächtnis frei hersagen

zu dürfen. Das ist immer so in deutschen Landen, daß die Leute sich

freuen, zeigen zu können, daß sie Französisch verstehen.

»Meine Herrin,« dachte Joseph, »versteht kein Wort Französisch. Die

Arme!«

Später ging man gemeinschaftlich nach Hause.

* * * * *

Als Joseph in seinem Zimmer angelangt war und eine Kerze angezündet

hatte, hielt er, anstatt sich sogleich ins Bett zu legen,

halbausgezogen, und am Fenster stehend, folgendes Selbstgespräch: »Was

leiste ich eigentlich? Ich kann mich da, wenn ich will, sogleich

ungestört zu Bett legen, um in einen sehr wahrscheinlich gesunden und

tiefen Schlaf zu versinken. Ich bekomme in Biergärten Bier zu trinken.

Ich kann mit Frau und Kindern Gondel fahren, ich habe zu essen. Die Luft

hier oben ist eine ausgezeichnete, und was die Behandlung betrifft, so

wäre ich ein Lügner, wenn ich sie tadelte. Licht und Luft und

Gesundheit. Aber was gebe nun ich dafür? Ist das etwas Reelles und

Gewichtiges, was ich zu bieten vermag? Bin ich klug und gebe ich das Maß

meiner Klugheit auch wirklich voll her? Was sind das für Dienste, die

ich bis zum heutigen Tage Herrn Tobler bereits geleistet habe? Alles was

recht und gut ist, aber ich bin felsenfest davon überzeugt, daß mein

Herr und Meister noch wenig Nutzen durch mich davongetragen hat. Sollten

mir der Schneid, die Initiative, die Begeisterungsfähigkeit fehlen? Das

ist möglich, denn in der Tat, ich bin mit einer merkwürdig umfangreichen

Portion Ruhe ausstaffiert zur Welt gekommen. Aber schadet denn das

etwas? Freilich schadet es, denn die Unternehmungen Toblers verlangen

leidenschaftliche Anteilnahme, und die Ruhe der Seele ähnelt bisweilen

der trockenen Gleichgültigkeit. Das Schicksal der Reklame-Uhr zum

Beispiel, hat es mich wirklich auch an allen Fasern meines Ichs

angepackt? Bin ich davon erfüllt? Ich muß gestehen, ich denke nur allzu

oft an ganz andere Dinge. Das aber, mein bester Herr Gehülfe, ist

Verrat. Tauche jetzt endlich mal stramm unter in die Angelegenheiten

Fremder, du ißt ja auch Fremder ihr Brot, gehst mit Fremder ihren Frauen

und Kindern auf dem See schiffahren, liegst in Fremder Kissen und Betten

und trinkst Fremder Rotwein aus. Kopf hoch jetzt, und vor allen Dingen

den Kopf sauber gehalten. Ich meine, wir sind hier bei Toblers nicht

deshalb, daß wir es nur schön haben. Es ist eine Ehre, es sich auch ein

bißchen sauer zu machen. Hopp!«

Joseph hatte sich inzwischen ausgezogen, er löschte die Kerze und warf

sich ins Bett. Aber noch eine ganze Weile plagten ihn die Vorwürfe

»seiner Kopflosigkeit«.

Im Traum sah er sich mit einem Mal in die Wohnstube der Frau Wirsich

versetzt. Er wußte, wo er war und wußte es doch nicht recht, es war

ziemlich hell in der Stube, aber sie erschien ihm ganz voll Seewasser.

Waren die Wirsichs Fische geworden? Verwunderlicherweise rauchte er eine

Pfeife, es war Toblers Pfeife, diejenige, aus der er mit Vorliebe zu

rauchen pflegte. Auch Tobler selber schien ganz in der Nähe zu sein, man

hörte seine metallene Männerstimme, die reine Vorgesetztenstimme. Diese

Stimme schien das Wohnzimmer umrahmt oder umarmt zu haben. Da ging die

Türe auf und Wirsich erschien, noch blasser im Gesicht als sonst, und

setzte sich in einen Winkel des Zimmers, das fortwährend zitterte unter

der starken Umschlossenheit jener Stimme. Jawohl, die Wohnstube

zitterte, sie hatte Angst, auch die Fensterscheiben zitterten. Und wie

hell es dazu immer war. Es war aber kein Taglicht, auch kein Mondlicht,

sondern ein wässeriges, gläsernes Licht. Nun ja, man befand sich eben

unter Wasser. Frau Wirsich war mit einer weiblichen Handarbeit

beschäftigt, aber plötzlich zerfloß ihr die ganze Arbeit in etwas

Glitzernd-Schneidendes, und Joseph sagte dazu: »sieh da, Tränen!« Warum

er das wohl gesagt hatte? In diesem Augenblick donnerte und krachte

Toblers Stimme wie ein Ungewitter um die Wohnung der Armut herum. Aber

die alte Frau lächelte nur dazu, und wie man das Lächeln näher

betrachtete, war es der Hund Leo, noch ganz naß von der eben

unternommenen Schwimmpartie. Die furchtbare Stimme ging langsam in ein

Säuseln über, wie Blätter im heißen, leisen Sommermittagswinde etwa zu

lispeln und zu säuseln pflegen. Da erschien Frau Tobler in tiefschwarzem

Seidenkleide, warum sie das trug, konnte man nicht erraten. Sie trat auf

Frau Wirsich mit vornehmer Wohltäterinnengebärde langsam zu, aber

plötzlich schienen ihre Gefühle eine andere Richtung angenommen zu

haben, denn sie fiel der Frau um den Hals und küßte sie. Toblers Stimme

brummte dazu etwas, was, das konnte man nicht verstehen. Wahrscheinlich,

dachte Joseph, findet er die Herzensüberwallung seiner Frau ziemlich

überflüssig. Da verwandelte sich auf einmal die Wirsichsche Wohnung in

den Laden jenes häßlich frisierten und geschminkten Zigarrenweibes, bei

dem Joseph früher täglich auf einem Stuhl gesessen hatte, um Geschichten

aus ihrem Mund anzuhören. Auch jetzt erzählte sie eine Geschichte, eine

lange und eintönige und traurige, und merkwürdig, trotzdem sie lang war,

dauerte ihre Erzählung kaum einen Moment. Träume ich das nur, oder

erlebe ich's wirklich, dachte Joseph, und was hat ein Zigarrenweib mit

einer Frau Wirsich zu schaffen? Da drang ein köstlich gebautes und

geschweiftes, goldenes Boot in den Laden hinein, das Weib stieg ein, und

fort ging es mit ihr, weit fort, bis sie sich in einem schwarzen,

grellen, scharfen Luftraum verlor, aber ein Pünktchen von ihr blieb in

der hohen Luft hängen. Wieder machte der Traum einen Sprung und zwar ins

Toblersche Kontor hinunter, dort sah sich Joseph im bloßen Hemd

schreibend an seinem Schreibtisch sitzen, und alles schaute ihn fragend

an, durchdringend und fragend. Was das alles war, was ihn beobachtete,

konnte er nicht genau sehen, aber es war eben alles, es war scheinbar

die ganze, lebendige Welt. Überall waren Augen, die sich boshaft an

seiner sonderbaren Blöße erfreuten. Das Bureau war ganz grün vor

Schadenfreude, stechend grün. Da suchte er sich zu erheben, um von

diesem Punkte der Scham fortzukommen, aber er blieb fest daran kleben,

es war ihm entsetzlich zumut und er erwachte. --

Er empfand einen brennenden Durst, stand auf und trank ein Glas Wasser.

Darauf trat er ans Fenster, atmete und horchte hinaus, es war alles ganz

still, das weißliche Mondlicht umzauberte und umflüsterte die Gegend.

Und so warm war es. Die kleinen, alten Arbeiterhäuser dicht unterhalb

des Hügels schienen in ihrer Form zu schlafen. Kein einziges kleines

Menschen- und Lampenlicht mehr! Die Seefläche war von Dunst umwoben, man

sah sie nicht. Der zaghafte Schrei eines Vogels unterbrach kurz die

Stille der Nacht. Solch ein Mondlicht, wie das noch den Schlaf

versinnbildlichen konnte. Das war eine Stille, das. Joseph erinnerte

sich nicht, je so etwas gesehen zu haben. Er wäre beinahe am offenen

Fenster selber eingeschlafen.

Am Morgen verspätete er sich.

Das liebe er nicht, meinte Tobler grollend.

Joseph hatte die Unverschämtheit, zu sagen, es werde ja doch wohl auf

ein paar Minuten nicht ankommen. Da aber kam er schön an. Erstens bekam

er ein böses Gesicht anzuschauen, zweitens wurde ihm folgendes gesagt:

»Sie haben pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Mein Haus und mein

Geschäft sind kein Hühnerstall. Schaffen Sie sich einen Wecker an, wenn

Sie nicht erwachen können. Übrigens, wollen Sie oder wollen Sie nicht?

Wenn Sie den guten Willen nicht haben, so sagen Sie's, dann machen wir

kurzen Prozeß mit Ihnen. In der Stadt gibt es genug Leute, die froh über

eine solche Stelle sind. Man kann nur den Zug nehmen und hinfahren. Man

kann sie heutzutage ja auf der Straße auflesen. Von Ihnen aber erwarte

ich Pünktlichkeit, verstanden, sonst -- ich will das jetzt nicht mehr

aussprechen.«

Joseph schwieg wohlüberdachtermaßen.

Eine halbe Stunde später war Herr Tobler der gütigste Herr und

freundlichste Mann seinem Gehülfen gegenüber. Er hätte ihn beinahe aus

überlaufender Gutherzigkeit geduzt, er sagte Marti zu ihm. Bis jetzt

hatte er immer Herr Marti gesagt.

Der Grund dieser Freundlichkeit war eigentlich ein außenstehender, er

war in der Idee der Vaterlandsliebe zu suchen. Der folgende Tag war

nämlich der 1. August, und an diesem Tage feierte man allgemein im Land

das alljährlich wiederkehrende Jubelfest zur Erinnerung an eine

hochherzige und wackere Tat der Vorfahren.

Joseph mußte ins Dorf laufen, um für den morgigen Tag allerhand Lampen,

Lampions, kleine Fahnen und Flaggen, sowie Kerzen und Brennmaterialien

zu Feuerwerkzwecken einzukaufen. Außerdem hatte er so rasch wie möglich,

wunderbarerweise beim Dorfbuchbinder, der dergleichen anzufertigen

verstand, einen hölzernen, zwei Meter hohen und breiten Rahmen zu

bestellen, sowie zwei Fahnentücher, ein dunkelrotes und ein weißes. Das

Tuch würde dann über den Rahmen gespannt, und das Ganze ergäbe das

Wappen des Landes, nämlich ein großes rotes Feld mit dem weißen Kreuz in

der Mitte, alles zum Aufstellen in der kommenden Nacht vor die Fassade

der Villa Tobler. Hinter den Rahmen und das Bild würde man brennende

Lampen stellen, damit das Licht durch das Tuch schimmere und jedermann

aus der weiteren und weitesten Entfernung die zwei Landesfarben leuchten

sähe.

Nach Verlauf von anderthalb Stunden kamen alle die notwendigen

Gegenstände an. Leute stellten sich plötzlich ein, um an der Dekorierung

des Hauses zu helfen, Leute, die einfach mit einmal da waren, und so

begann man, überall an Gesimsen und Nischen, an Borden und Fenstern und

Gittern Fähnchen zu befestigen und Lampen anzubringen. Sogar in die

Büsche und festeren Gewächse des Gartens legte und hing und stellte

und klemmte man die Beleuchtungsapparate an, so daß in der ganzen

Toblerschen Besitzung keine heimlich nicht unterminierte und zum

bevorstehenden Feuerwerk vorbereitete Stelle mehr zu finden war. Wie

glücklich sah Tobler aus. Das war etwas für ihn. Für Feste und deren

schöne Inszenierung schien er wie kaum ein zweiter geschaffen zu

sein. Beständig trat er vors Haus hinaus, um da oder dort noch etwas

anzuordnen oder selber einen Draht mit der Zange zu krümmen, eine schief

hängende, elektrische Lampe gerade zu drehen oder um bloß dem Ding

zuzuschauen. Seine Reklame-Uhr schien er vergessen oder wenigstens

verschoben zu haben. Natürlich war diese ganze Veranstaltung etwas

Freudiges, Feierliches und Geheimnisvolles für die Kinder, die sich

nicht genug wundern konnten und fragen konnten und denken konnten, was

das eigentlich nun zu bedeuten habe. Joseph hatte an diesem Tage genug

für den Festtag zu tun, so daß ihm gar keine Zeit blieb, darüber

nachzusinnen, ob die Dienste, die er Tobler leistete, wirklich auch

wahre Dienste seien. Frau Tobler schien den ganzen Tag zu lächeln, und

das Wetter --.

Davon sagte Tobler, daß, wenn das so anhaltend prachtvoll schön sei, man

ruhig etwas Besonderes in Szene setzen könne. Auch brauche man bei einer

solchen Gelegenheit das bißchen Kosten nicht zu scheuen. Das sei

schließlich für das Vaterland, und traurig müsse es um den Mann und

Menschen stehen, der nicht auch ein bißchen Vaterlandsliebe im Leibe

habe. Man mache ja da absolut nicht mehr als wie anständig sei, zu

übertreiben brauche man die Sache auch nicht. Aber wer gar keinen Sinn

mehr für derartiges habe, wer nur noch die ganze Zeitlang auf seinem

Beruf und Geldschrank hocke, der sei wirklich nicht wert, ein schönes

Heimatland zu haben, der könne jeden Tag nach Amerika oder nach

Australien abdampfen, das komme solch einem doch ganz genau auf ein und

dasselbe heraus. Übrigens sei das zuletzt noch Geschmackssache. Er,

Tobler, möge es nun einmal eben gern so, und damit dürfe es gut sein.

Von Josephs Turm herab flatterte eine schöne, große Fahne. Je nachdem

der Wind wehte, machte sie mit ihrem leichten Leib einen kühnen, stolzen

Schwung, oder sie bog sich beschämt und müde zusammen, oder sie

kräuselte und schwang sich kokett um die Stange, wobei sie sich in ihren

eigenen, graziösen Bewegungen zu sonnen und zu spiegeln schien. Und dann

auf einmal wieder wehte sie hoch und breit und weit empor, einer

Siegerin und starken Beschützerin ähnlich, um allmählich von neuem

rührend und liebkosend in sich selber zusammenzusinken. Dieses

prachtvolle Blau am Himmel.

Geschäftlich vieles zu erledigen, das erschien beinahe unmöglich. Die

Post (es wunderte einen, daß sie heute überhaupt kam) brachte eine

ziemlich hohe Rechnung betreffend die kürzlich erst stattgefundene

Ausführung des kupfernen Turmdaches, desselben Daches, auf welches man

eine so schöne Fahne gesteckt hatte. Der hohe Betrag der Rechnung prägte

sich in einem Stirnrunzeln auf Toblers Gesicht aus, und zwar deutlich,

beinahe mathematisch genau, als hätte man der Stirn den genauen

Zahlenbetrag müssen ablesen können. Als Beigabe zur patriotischen Feier

war solches nicht gerade besonders erbaulich.

»Der kann warten,« sagte der Chef, indem er die Faktura Joseph dicht

neben den aufs Pult herabgebeugten, denkenden und korrespondierenden

Kopf warf. Joseph sprach durch die Nase: natürlich! als sei er bereits

jahrelang im Geschäft tätig gewesen, als kenne er mehr als zur Genüge

schon die Verhältnisse, Gewohnheiten, Qualen, Freuden und Hoffnungen

seines Herrn. Überdies fand er es heute für passend, gutmütige Töne und

Gebärden an den Tag zu legen. Bei so schönem Wetter --

»Wie eilig es die Leute haben, wenn es gilt, Rechnungen zu

präsentieren,« bemerkte Tobler. Er war gerade mit Zeichnen beschäftigt,

und zwar mit der Skizzierung der »Tiefbohrmaschine«.

»Wenn die Reklame-Uhr nicht geht, dann geht wenigstens die

Bohrmaschine,« murmelte er zu Joseph hinüber, und von dem

Korrespondenztisch her klang zur Antwort wieder ein:

»Natürlich!«

»Im schlimmsten Fall habe ich ja noch den 'Schützenautomaten', der reißt

alles heraus,« redete der Skizziertisch, worauf die Abteilung für

kaufmännisches Wesen antwortete:

»Selbstverständlich!«

»Glaube ich eigentlich an das, was ich da sage?« dachte Joseph.

»Nicht zu vergessen der patentierte Krankenstuhl,« rief Tobler.

»Aha!« machte der Gehülfe.

Tobler frug Joseph, ob er nun auch wirklich schon einen einigermaßen

klaren Begriff von diesen Sachen habe.

»Ach ja,« glaubte der Schreiber erwidern zu dürfen.

Ob er den Brief an das staatliche Patentamt aufgesetzt habe?

»Nein, noch nicht.« Joseph habe heute noch keine Zeit dazu gefunden.

»So machen Sie doch, zum Kuckuck!«

Als Joseph den Brief zur Unterschrift vorlegte, ergab es sich, daß das

Schreiben falsch war, es wurde zerrissen und mußte noch einmal geschrieben

werden. Nichtsdestoweniger behagte ihm die Nachmittagskaffeestunde

ausgezeichnet. Außerdem erhielt er von seiner Frau Weiß aus der Stadt

eine Antwort auf seine letzte Benachrichtigung. Sie schrieb, er brauche

mit Schuldenabzahlen gar nicht zu eilen, das habe gute Zeit. Der Brief

war im übrigen ziemlich hausbacken, ja sogar langweilig. Aber hatte er

denn etwas anderes erwartet? Nicht im geringsten. Er hielt gottlob diese

gute Frau nie für geistreich.

Er bemerkte heute zum ersten Mal eine vernarbte Wunde unter den Ohren am

Hals der Frau Tobler.

Woher sie das habe?

Sie erzählte ihm, es komme von einer Operation her, und sie werde sich

wahrscheinlich ein zweites Mal an derselben Stelle müssen operieren

lassen, da die Krankheit noch nicht geheilt sei. Sie klagte: da werfe

man für so eine Sache viel Geld aus, in den Rachen der allezeit

kostspieligen Arzneikunst, und von einer wirklichen Heilung sei dann

doch nicht die Rede. Ja, diese Menschen, die Ärzte und Professoren,

sagte sie, nehmen für den kleinsten, dem Auge des gewöhnlichen

Sterblichen kaum bemerkbaren Schnitt mit der Lanzette ein kleines,

halbes Vermögen in Empfang, und wofür? Dafür, daß sie irgend einen

Fehler begehen, damit man nach kurzer Zeit wieder zu ihnen laufen, und

sich von neuem kurieren lassen könne.

Ob es denn schmerze?

»So! Bisweilen!« sagte die Frau.

Der Gehülfe · 第 3 / 20 段