Und so kam es, daß Wirsich immer wieder von neuem angenommen wurde. Was

eine Frau beim Mittagstisch zu ihrem Mann in leichtem, lachendem,

reichem Ton sagt, bleibt nie gänzlich ohne Einfluß, hier um so weniger

als ja Tobler selber »diesen unglückseligen Menschen immer gern hatte

leiden mögen«. Die Mutter des Wirsich kam regelmäßig bei Anlaß einer

Wiederanstellung ihres Sohnes in die Villa hinauf, um für denselben zu

danken. Auch sie mochte man gern leiden. Übrigens sind einem ja die

Menschen, die man Macht und Einfluß hat fühlen lassen, immer lieb. Die

Wohlhabenheit und Gutbürgerlichkeit demütigt gern, nein, vielleicht das

nicht gerade, aber sie schaut doch ganz gern auf Gedemütigte hernieder,

was eine Empfindung ist, der man eine gewisse Gutmütigkeit, aber auch

eine gewisse Roheit nicht absprechen kann.

Eines Nachts nun trieb es Wirsich doch zu bunt. Er kam aus der an der

Landstraße gelegenen, stark von allerhand vagabundierendem Volk,

darunter unsaubern Weibern, frequentierten Wirtsstube zur »Rose«

vollständig berauscht, schreiend und tobend, nach Hause und begehrte

Einlaß. Da man ihm diesen verweigerte, zertrümmerte er mit Hilfe eines

Hackenstockes, den er bei sich trug, die Haustürscheibe und dann das

Gitter derselben, soweit ihm das gelang. Auch drohte er mit

fürchterlicher und unkenntlicher Stimme mit »Anzünden des ganzen

Nestes«, wie er sich in der Wildheit und Zerstörtheit seines Kopfes

ausdrückte, brüllte, daß ihn nicht nur die Nachbarschaft, sondern auch

die weiter in der Umgegend wohnenden Leute hören mußten, und gefiel sich

in schmählichen Verwünschungen gegen seine Wohltäter. Schon hatte er,

von den Körperkräften aller Besinnungslosen und Unempfindlichen

unterstützt, beinahe die Türe eingeworfen, das Schloß und der Riegel

wackelten schon bedenklich, als Herr Tobler, der, wie es schien, endlich

die Geduld verloren hatte, die Türe von innen her aufriß und über den

Trunkenbold mit einem Hagel von Stockschlägen herfiel, der denselben zu

Boden auf den Kies warf. Auf den nicht zu mißverstehenden Befehl

Toblers, sich sofort vom Platz wegzubegeben, da sonst weitere und

ähnliche Hiebe seiner harren würden, erhob sich Wirsich auf allen

Vieren, um aus dem Garten zu rutschen. Einige Male fiel die Gestalt des

Säufers, vom Mond beleuchtet, so daß die Obenstehenden jede seiner

ungeheuerlichen Bewegungen verfolgen konnten, wieder an die Erde, stund

wieder auf und warf sich endlich, einem plumpen Bären ähnlich, vollends

zum Garten an die Landstraße hinaus, worauf sie sich gänzlich verlor.

Zwei Wochen nach diesem nächtlichen Vorfall hielt Tobler ein

umfangreiches Entschuldigungsschreiben Wirsichs in der Hand, worin der

Übeltäter in scheinbar geradezu klassischem Stil Besserung versprach

und bat, Herr Tobler möchte ihn doch noch ein einziges Mal anstellen, da

sich Wirsich sonst der bittersten Not preisgegeben sähe. Beide, er

sowohl als seine alte Mutter, bäten inständig um eine nochmalige, wenn

auch letzte Zuwendung der alten, wohltuenden Gunst, die er, er bekenne

es schmerzhaft und aufrichtig, nun schon so oft verscherzt habe.

Wirsich, hieß es in dem Schreiben zum Schluß, sehne sich so sehr nach

dem Haus, nach der ganzen ihm lieb und wert gewordenen Familie, nach der

Stätte der früheren Wirksamkeit zurück, daß er sich sagen müsse,

entweder er dürfe auf eine Neubelebung all dieser Dinge hoffen und

darüber froh sein, oder der Riegel sei ihm ein für allemal zugeschoben

und für ihn bleibe nur noch die Verzweiflung, die Reue, die Scham und

die Bitternis übrig.

Es war indessen zu spät. Der Riegel war in der Tat schon vorgeschoben,

es war schon ein Ersatz im Haus. Gleich am nächsten Morgen nach jener

wüsten Nachtszene hatte sich Tobler nach der Hauptstadt in das Bureau

für Stellenvermittlung begeben und hatte dort Joseph verpflichtet. Das

obige Schreiben gelangte an demselben Tage wie Joseph ins Toblersche

Haus.

Die sonntäglichen Gäste aber waren niemand anders als Wirsich und seine

Mutter.

* * * * *

Von der Bewegung des Badens erfrischt begrüßte Joseph seinen Vorgänger

herzlich. Vor der alten Frau machte er eine leichte Verbeugung. Er sah

wohl auf den ersten Blick, daß die Stimmung am Mittagstisch eine

ziemlich gedrückte war. Man sprach wenig, und das Wenige der

Unterhaltung war allgemeiner Natur. Etwas Klägliches, Zimperliches hatte

sich rund um das weiße Tischtuch und um die dampfenden und duftenden

Speisen und um die Menschengesichter herum breit gemacht. Herr Tobler

machte »seine größten Augen«, im übrigen war er fröhlich und freundlich

und ermunterte seine Gäste in wohlwollend-herablassendem Ton,

zuzugreifen. Jedes Essen schmeckt nach jedem Baden, auch im Freien,

unter solch einem blauen Himmel, will fast jedes Essen schmecken, dieses

heutige Essen aber fand Joseph geradezu herrlich, so einfach es auch

war. Auch den andern schien es zu munden, nicht zum mindesten der alten

Frau Wirsich, die sich heute mit einem Schein von feinerem Weltgebaren

umgeben hatte. Wo mochte diese ärmliche Dame sonst wohnen, und wie? In

welchen Zimmern und in was für Umgebungen? Wie dürftig und mager sie

aussah! Gleichsam sparsam oder gespart oder spärlich sah sie aus,

besonders neben dieser üppigen, bürgerlichen, in Fülle und Wärme

geborenen und erzogenen Frau Tobler. Frau Wirsich und Frau Tobler. Ja,

das waren, wenn es in der Welt irgendwie Differenzen gab, Unterschiede

vom klarsten, reinsten Wasser.

Immer ein bißchen hochmütig sieht Frau Tobler aus, aber wie gut steht zu

den Linien ihres Gesichtes und Körpers diese beständige, zarte Spur von

Hochmut. So etwas will man von ihrer Figur gar nicht wegwünschen, denn

es gehört ganz einfach dazu, wie der tönende, unaussprechliche Zauber zu

einem Volkslied. Dieses Lied klingt fein und in den allerhöchsten Tönen,

Frau Wirsich verstand und empfand es gar wohl. Wie kläglich das eine

Lied ertönte und wie voll das andere. Herr Tobler schenkte Rotwein ein.

Er wollte auch Wirsich einschenken, aber die Mutter verdeckte rasch das

Glas ihres Sohnes mit der alten, verknöcherten Hand.

»Ah bah, warum denn jetzt nicht? Er muß doch auch etwas trinken,« rief

Tobler.

Da stürzten plötzlich Tränen in die Augen der alten Frau. Alle sahen es

und erbebten. Wirsich wollte seiner Mutter irgend etwas zuflüstern, aber

eine steife, steinerne Macht, deren er sich nicht zu erwehren

vermochte, lähmte ihm den Gebrauch der Zunge. Er saß da wie ein

Stockfisch und schaute auf sein eigenes, zaghaftes Essen hinab. Frau

Wirsich hatte die Hand zurückgenommen, gleichsam erklärend, es sei ihr

nun gezwungenermaßen ganz gleichgültig, ob jetzt ihr Sohn trinke oder

nicht. Ihre Bewegung sagte: Ja, schenkt ihm nur ein. Es ist ja doch

alles verloren! Wirsich nippte ein wenig an dem Glas, er schien eine

unwiderstehliche Scheu zu haben vor dem Genuß des Dinges, das ihn von

einer in der Tat für ihn gemütlichen Weltposition herabgestürzt hatte.

O Frau Wirsich, deine verweinten Augen trüben ja ganz deine paar

angenommenen, glänzenden Weltmanieren. Wie hattest du dir vorgenommen,

dich fein zu bewegen, und wie hat dich nun dein Gram überwältigt. Deine

alten Hände, die wie Stirnen durchfurcht sind, zittern recht sehr. Was

spricht dein Mund? Nichts? Ei, Mutter Wirsich, man muß sprechen in guter

Gesellschaft. Sieh, sieh, wie dich eine gewisse andere Dame anschaut.

Frau Tobler schaute Frau Wirsich mit besorgten, aber kalten Augen leicht

von der Seite her an, indem sie zugleich die Locken ihres jüngsten

Kindes, das neben ihr saß, streichelte. Eine wirklich wohlhabende Frau!

Von der einen Seite strahlte die kindliche Zärtlichkeit und

Zutulichkeit zu ihr hinauf, und die andere Seite erfüllte das Weh einer

menschlichen Schwester. Beides, sowohl das Liebliche wie das Traurige,

schmeichelte der Frau. Sie sagte leise etwas Tröstliches zu Frau

Wirsich, worüber diese nur abwehrend aber demutvoll den Kopf schüttelte.

Man hatte jetzt gespeist. Herr Tobler reichte sein Zigarrenetui herum,

die Herren rauchten. Diese Sonne, diese wundervolle Berg- und See- und

Wiesenumgebung. Und dann diese schmale, vorsichtübende Unterhaltung von

diesem Häuflein Menschen. Ja, man muß schonen, andere sind auch

Menschen! Der Gesichtsausdruck der Herrin des Hauses sagte das lebhaft.

Aber gerade dieses stumme Zuverstehengeben, daß man schonen wolle, war

schonungslos. Es war vernichtend.

Die beiden Frauen sprachen dann über die Kinder Tobler; sie schienen

beide erfreut zu sein, einen, jeglichen Ton der Verletzung entfernenden,

Gesprächsstoff gefunden zu haben. Auch fand sich das ganz von selber.

Man vergaß sich eben ein bißchen. Von Zeit zu Zeit ruhte das Auge der

alten Frau auf Josephs Gestalt, Gesicht und Benehmen, wie um die Vorzüge

und Schwächen desselben herauszustudieren und sie in Gedanken mit der

Sohnes-Erscheinung zu vergleichen. Die Knaben sprangen bald von ihren

Plätzen weg und spielten im Garten, die Mädchen folgten ihnen, so daß

die erwachsenen Herrschaften allein am Tisch sitzen blieben. Inzwischen

kam die Magd mit einem hölzernen Tablett in der Hand, um den Tisch

abzuräumen. Man erhob sich. Tobler trug Joseph auf, »die Glaskugel

hinaus zu tragen«, letzterer schickte sich an, den Befehl auszuführen.

Die Glaskugel war der Stolz der ganzen Villa Tobler.

Sie hing an kleinen Ketten und Angeln in einem zierlichen, eisernen

Gestell, und war verschiedenfarbig, so daß sich die umliegenden

Weltbilder in runder, gleichsam aufeinandergetürmter Perspektive grün,

blau, braun, gelb und rot darin abspiegelten. Sie war ungefähr so groß

wie ein überlebensgroßer Menschenkopf, aber zusammen mit dem Fußgestell

wog sie sicherlich ihre achtzig oder neunzig Pfund und war schwer zu

tragen. Bei Regenwetter durfte sie nie draußen im Freien stehen bleiben.

Man trug sie immer hinaus und hinein, hinein und hinaus. Wurde sie

einmal naß, so schimpfte Herr Tobler sehr heftig. Die nasse Kugel tat

ihm direkt weh, wie es denn Menschen gibt, die mit gewissen, toten

Besitztümern wie mit etwas durchaus Lebendigem umgehen und umgegangen

wissen wollen. Joseph sprang daher sehr rasch nach der schönen,

farbigen Glaskugel, weil er die Vorliebe Toblers zu derselben bereits

Gelegenheit gehabt hatte kennen zu lernen.

Nachdem er den Wunsch und die Schönwetterlaune und -Freude seines

Meisters erfüllt hatte, entwischte er flink den Augen der Übrigen, trieb

sich die Treppen empor und verschwand in sein Turmgemach. Wie ruhig und

still es hier oben war. Hier fühlte er sich befreit, von was, das wußte

er eigentlich gar nicht einmal. Aber es genügte, dieses Gefühl zu haben;

die wahre Ursache sei, dachte er, ja sicherlich irgendwie und wo

versteckt da, aber was bekümmerten ihn jetzt Ursachen. Etwas Goldenes

schien um ihn herum zu schweben. Er besah sich einen Moment lang im

Spiegel: O er sah noch ganz jung aus, gar nicht so wie Wirsich. Er mußte

unwillkürlich lachen. Es trieb ihn, die Photographie seiner verstorbenen

Mutter zur Hand zu nehmen. Sie stand da so auf dem Tische. Warum sie

also nicht nehmen und betrachten? Er schaute sie ziemlich lange, wie ihn

deuchte, an, und legte sie dann wieder an ihren Platz zurück. Dann zog

er ein anderes, jüngeres Bild aus der Tasche seines Rockes, es war das

Porträt einer Tanzschülerin, eines Mädchens, das er »in der Großstadt«

kennen gelernt hatte. Diese ganze, ferne, menschenerfüllte Großstadt.

Dieses belebte, hohe Bild, wie entschwunden schien es ihm, wie lang

schon entschwunden. Er mußte in diesen Gedanken hinein wieder

unwillkürlich lachen. Er machte gewichtige Schritte im Zimmer auf und

ab, rauchend natürlich. Ob es denn eigentlich durchaus immer nötig sei,

so einen Stengel im Mund zu tragen? Wie herrlich die frische Berg- und

Seeluft durch seine erhöhten vier Wände strich. Und hier hatte Wirsich

gehaust? Der Mann mit dem Leidensantlitz? Joseph bog seinen atmenden

Kopf zum Fenster hinaus, an die sonntägliche und mittägliche

Welt-Freiheit. Und ich habe fünf Mark Taschengeld, und kann den Kopf zu

solch einem fürstlich gebauten und gelegenen Fenster hinausstrecken? --

Unten im Bureau ging es indessen mehr gedämpft als fürstlich zu. Der

Ton, in dem Herr Tobler und sein ehemaliger Angestellter, Herr Wirsich,

sich dort unterhielten, war ein sehr, sehr gedämpfter, ja, beinahe ein

dumpfer.

»Das müssen Sie selbst zugeben,« sagte Tobler, »daß von einer

Wiederaufnahme unserer früheren, gegenseitigen Beziehungen vorläufig die

Rede nicht mehr sein kann. Den Bruch haben Sie herbeigeführt, nicht ich,

ich würde Sie gerne behalten haben. Nichts veranlaßt mich, den Marti

wegzuschicken, er macht seine Sache auch ganz ordentlich. Es tut mir

leid, Wirsich, glauben Sie mir das nur, aber Sie sind selbst schuld. Es

hat Ihnen niemand befohlen, mich, Ihren Brotherrn, wie einen dummen

Jungen zu behandeln. Machen Sie nun alles Weitere mit sich selber ab.

Was ich anstandshalber tun kann, Ihnen zu einem anderweitigen Posten zu

verhelfen, will ich gern tun. Hier ist noch eine Zigarre. Da. Nehmen

Sie.«

Ob sich denn wirklich jetzt nichts mehr ändern ließe?

»Nein, nein, jetzt nicht mehr. Entsinnen Sie sich übrigens nur, was Sie

mir in jener saubern Nacht zugebrüllt haben, und Sie werden begreifen,

daß es zwischen uns keine Anknüpfungen mehr geben kann.«

»Aber Herr Tobler, das war doch alles die Trunkenheit, nicht ich

selber.«

»Ach was Trunkenheit und nicht Sie selber! Das ist es ja gerade. Ich

habe zu fünf oder sechs oder mehr Malen gedacht: Das ist nicht er

selber! Freilich sind Sie das alles selber gewesen. Der Mensch besteht

nicht aus zweierlei Dingen, sonst wäre wahrhaftig das ganze Erdenleben

eine zu bequemliche Sache. Wenn da jeder kommen könnte mit: 'das bin

nicht ich selber gewesen', wenn er einen Bock geschossen hat, was

würden dann noch Ordnung und Unordnung zu bedeuten haben? Nein, nein,

man sei in Gottesnamen der, der man ist. Ich habe Sie auf zweierlei Art

kennen gelernt. Glauben Sie, die Welt sei verpflichtet, Sie als ein

Kind, als ein Schoßhündchen zu betrachten? Sie sind ein erwachsener

Mann, und man verlangt von Ihnen, daß Sie wissen, was man zu tun hat.

Mit verborgenen Leidenschaften, oder wie die Dinger heißen mögen, von

denen die Philosophen reden, sehe ich mich nicht zu rechnen genötigt.

Ich bin Geschäftsmann und Familienvater und muß mich verpflichtet

fühlen, der Torheit und dem Unanstand den Eingang in mein Haus zu

verbieten. Sie waren so weit immer fleißig, warum sind Sie mir mit

Unflätigkeiten gekommen? Sie würden mich ja auslachen. Einfach auslachen

würden Sie mich, und hätten auch ein Recht dazu, wenn ich dumm genug

wäre, Sie wieder anzunehmen. Ich habe Ihnen meine Meinung jetzt gesagt,

lassen Sie uns Schluß machen.«

»Es ist also aus zwischen uns?«

»Vorläufig, ja!«

Mit diesem Wort trat Tobler zur Bureautüre hinaus, ging in den Garten,

wo er seiner Frau einen bedeutenden Blick zuwarf, und stellte sich dann

neben seiner geliebten Glaskugel auf. Die Zigarre zwischen den Zähnen

schaute er abwärts sein Besitztum behaglich an und ergab auf diese Weise

unbewußt das vollendete Bild herrschaftlicher Mittagsruhe.

Zu Wirsich, der noch immer im Bureau unbeweglich festwurzelte, da, wo er

zufällig stehen geblieben war, kam unversehens Joseph hinein. Beide

maßen sich einen Moment mit den offenen Augen. Danach aber hielten sie

es für am passendsten, sich über die Fortentwicklung der Toblerschen

technischen Unternehmungen zu unterhalten, welches Gespräch aber sehr

rasch in ein unausstehliches Stocken und Brechen geriet, bis es

vollständig abbrach. Wirsich bemühte sich, den oberhalb über den

Tatsachen Stehenden zu spielen und erteilte seinem Nachfolger allerhand

Ratschläge und praktische Winke, die jedoch nicht besonders lebhaft

anschlugen.

Und nun nach dem Nachmittagskaffee. Es hieß jetzt für die beiden

Besucher, sich zu entschließen und Abschied zu nehmen. Da gab man sich

denn die Hände, und nachher sah man, insofern man oben auf dem Hügel

zurückblieb, zwei unsicher gehende und auftretende Personen längs des

brillanten, auf je einen Meter Abstand mit je einem vergoldeten Stern

gezierten Gartengitters der Landstraße zusteuern. Ein wehmütiger

Anblick war das. Frau Tobler seufzte wieder einmal. Gleich darauf aber

brach sie über irgend etwas in ein Gelächter aus, und da war es deutlich

zu hören, wie der Seufzer und das Gelächter ein und dieselbe Klangfarbe,

ein und denselben Ton hatten.

Joseph stand etwas abseits und dachte: »Da gehen sie, der Mann und die

alte Frau. Man sieht sie schon nicht mehr, und hier oben sind sie

bereits halb vergessen. Wie rasch vergißt man das Benehmen und Gebärden

und Tun der Menschen. Da laufen sie nun, was sie können, die staubige

Landstraße entlang, um zur rechten Zeit auf dem Bahnhof zu sein oder an

der Schiffshaltestelle. Sie werden beide auf dem langen Weg, zehn

Minuten zu gehen ist lang für zwei Geschlagene und Sorgenvolle, kaum ein

Wort reden, und doch werden sie reden, eine sehr verständnisvolle

Sprache, eine stumme, eine nur zu wohlverständliche. Das Leid hat seine

ganz eigene Manier zu reden. Und nun lösen sie die Billetts, oder sie

haben sie vielleicht schon, es gibt ja bekanntlich Retourbilletts, und

der Zug braust heran, und die Armut und die Ungewißheit steigen zusammen

in den Eisenbahnwagen. Die Armut ist eine alte Frau mit verknöcherten,

begehrlichen Händen. Sie hat heute versucht, bei Tisch Unterhaltung zu

machen, wie eine Dame, aber es ist ihr nicht recht gelungen. Nun fährt

sie dahin, an der Seite der Ungewißheit, in welcher sie, wenn sie recht

genau schaut, ihren eigenen Sohn erkennen muß. Und der Wagen ist voller

vergnüglicher Leute, voller Sonntagsausflügler, die singen, johlen,

plaudern und lachen. Ein junger Bursch hält sein Mädchen im Arm, um sie

ein ums andere Mal auf den üppigen Mund zu küssen. Wie furchtbar weh

kann die fremde Freude einer unmutigen Seele tun! Aber die arme, alte

Frau fühlt sich an Hals und Herz geschnitten. Sie möchte vielleicht

jetzt laut um Hülfe schreien. Weiter geht es. O, dieses ewige Gerassel

der Räder. Die Frau nimmt ihr rötliches Taschentuch aus der Rocktasche,

um die gar zu dummen und auffälligen Tränen zu verbergen, die stürmisch

aus ihren alten Augen fließen. Wer so alt ist, wie diese Frau, nein, der

sollte nicht mehr weinen müssen. Aber was kümmern sich die Dinge dieser

sonderbaren Erde um die Gebote der edlen Schicklichkeit? Die Hämmer

fallen ganz blind drauflos, manchmal auf ein arm' Kind, manchmal, merke

dir das, Frau, auf eine Greisin. Und jetzt sind Mutter und Sohn an Ort

und Stelle und werden aussteigen. Wie wird es jetzt bei ihnen zu Hause

aussehen?«

Er wurde aus seinen Gedanken durch Toblers wohltönende Stimme

aufgeweckt. Was er da so allein mache? Er solle kommen und ihm helfen,

den Rest Rotwein noch auszutrinken. Ein wenig später sagte der Hausherr

zu ihm:

»Ja, ja. Der Wirsich ist nun endgültig verabschiedet. Ich hoffe, daß ein

gewisser Anderer besser zu schätzen weiß, was einer hat, wenn er hier

oben leben darf. Ich brauche wohl nicht zu sagen, wen ich unter diesem

'gewissen Andern' verstehe. Sie lachen. Ja, lachen Sie meinetwegen. Das

aber sage ich Ihnen im voraus, wenn Sie irgendwelche Gelüste haben, ich

meine, so Sonntags, was ja auch keinem jungen gesunden Menschen zu

verargen ist, so machen Sie, daß Sie in die Stadt kommen, dort ist

gesorgt für so was, mehr wie genug. In meinem Hause, haben Sie

verstanden, dulde ich nichts Derartiges. Der Wirsich hat sich gerade

dadurch hier ein für allemal unmöglich gemacht. Hier muß Anstand

herrschen.«

Dann wurde über Geschäftliches gesprochen.

Vor allen Dingen, meinte Herr Tobler, müsse jetzt Geld flüssig gemacht

werden, das sei die Hauptsache. Es komme darauf an, einen Kapitalisten

für die technischen Erfindungen zu gewinnen, womöglich einen

Fabrikherrn, damit mit der Massenanfertigung der patentierten Artikel

gleich begonnen werden könne. Immerhin, wer nur Geld ins Haus bringe,

der sei ihm willkommen. Seinetwegen möge es ein Schneidermeister sein,

zu verstehen von der ganzen Sache brauche solch ein Geldgeber gar

nichts, dazu sei er da, er, Tobler.

»Setzen Sie folgendes Inserat auf.«

Joseph zog einen Bleistift und ein Notizbuch aus der Tasche. Es wurde

ihm folgendes diktiert:

Für Kapitalisten!

Ingenieur sucht Anschluß an Kapitalisten zwecks Finanzierung

seiner Patente. Gewinnbringendes, absolut risikofreies

Unternehmen. Offerten unter ...

»Und dann können Sie morgen früh, wenn Sie ins Dorf gehen, ein neues

Paket Stumpen zu fünfhundert Stück nach Hause bringen. Man muß doch

etwas zu rauchen hier haben.«

Es wurde allmählich Abend.

Im Gartenhaus tauchten zwei Frauen auf, eine Parketteriebesitzerin und

deren Tochter, ein langgewachsenes, sommersprossiges Mädchen, beide aus

der nächsten Nachbarschaft. Mit diesen Frauen und seiner eigenen fing

Tobler ein im ganzen Lande verbreitetes und beliebtes Kartenspiel an.

Sonst spielen dieses Spiel nur Männer, aber es wurde nach und nach auch

bei den Frauen Mode, und zwar bei den sogenannten besseren, nämlich bei

solchen, die nicht gar so streng zu arbeiten brauchten, den Tag über,

und das gerade sind ja die Besseren.

Diese drei Frauen, Frau Tobler, die Fabrikbesitzerin und die Tochter

derselben, spielten ausgezeichnet Karten, am besten und »schneidigsten«

das Fräulein, Frau Tobler noch am wenigsten gut. Wenn das Fräulein einen

Trumpf ausspielte, so kam sie jedesmal in gehörige Aufregung, ganz so,

wie es sich für Spielratzen ziemte, auch klatschte sie mit ihrer

weiblichen Faust wie der älteste und verbohrteste Spieler auf die

Tischplatte und schrie hinwiederum echt mädchenhaft auf, sobald die

Sache zu ihren Gunsten sich zeigte. Ihre Figur war eckig und ihr Gesicht

recht unschön. Ihre Mutter betrug sich klug und gesittet. Wie wäre es

möglich, eine ältere gutsituierte Frau zu sein und ein unleidliches

Betragen zu offenbaren?

Joseph dachte bei sich, indem er dem Kartenspiel, das er noch nicht

einmal Gelegenheit gehabt hatte zu lernen, zusah: »es ist interessant,

diese drei Frauengesichter beim Spielen zu beobachten. Die eine tut es

gelassen, sie lächelt dabei, das ist die Älteste. Meine Frau Tobler da

aber ist vollständig weg. Ganz reißt der Zauber des Spiels sie hin. Ihr

Gesicht drückt die echte, leidenschaftliche Spielerlust aus. Dies

verschönt ihr Gesicht gewissermaßen. Übrigens ist sie die Herrin, und

mir steht es in keinerlei Weise zu, an ihr etwas auszusetzen. Sie ist

wie ein aufpassendes Kind dieser Unterhaltung gegenüber. Aber die

dritte, dieses Männerfräulein da, behüte, ist das eine! Die verdreht die

Augen, während sie setzt und spielt, denkt gewiß Wunder was für fremde

Dinge und hält sich unbedingt für die Schönste, Beste und Gescheiteste.

Nicht auf zwei Meter Entfernung, in Gedanken, möchte man der einen Kuß

geben. Ein verdorbenes Mädchen. Sieh da, was für eine spitzige Nase sie

hat. Da erfröre einer bei der kleinsten Berührung. Und in wie falschen

Tonarten sie redet, lacht, sich beklagt und aufschreit. Ich halte sie

für eine schlechte, teuflische Person, neben ihr aber meine Frau da für

einen Engel.«

Der Gehülfe · 第 2 / 20 段