»Ja, das Militär,« dachte er, indem er seines Weges weiter g

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Der Gehülfe

Roman

von

Robert Walser

Verlag von Bruno Cassirer

Berlin

Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger Mann vor der Türe eines

alleinstehenden, anscheinend schmucken Hauses. Es regnete. »Es wundert

mich beinahe,« dachte der Dastehende, »daß ich einen Schirm bei mir

habe.« Er besaß nämlich in seinen früheren Jahren nie einen Regenschirm.

In der einen nach unten grad ausgestreckten Hand hielt er einen braunen

Koffer, einen von den ganz billigen. Vor den Augen des scheinbar von

einer Reise herkommenden Mannes war auf einem Emailleschild zu lesen:

C. Tobler, technisches Bureau. Er wartete noch einen Moment, wie um über

irgend etwas gewiß sehr Belangloses nachzudenken, dann drückte er auf

den Knopf der elektrischen Klingel, worauf eine Person kam, allem

Anschein nach eine Magd, um ihn eintreten zu lassen.

»Ich bin der neue Angestellte,« sagte Joseph, denn so hieß er. Er solle

nur eintreten und hier, die Magd zeigte ihm die Richtung, nach unten ins

Bureau gehen. Der Herr werde gleich erscheinen.

Joseph stieg eine Treppe, die eher für Hühner als für Menschen gemacht

schien, hinunter und trat rechter Hand ohne weiteres in das technische

Bureau ein. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging die Türe auf. An

den festen Schritten über die hölzerne Treppe und am Türaufmachen hatte

der Wartende sogleich den Herrn erkannt. Die Erscheinung bestätigte nur

die vorausgegangene Gewißheit, es war in der Tat niemand anderes als

Tobler, der Chef des Hauses, der Herr Ingenieur Tobler. Er machte

ziemlich große Augen, er schien ärgerlich zu sein und war es auch.

»Warum,« sagte er, Joseph strafend anblickend, »kommen Sie denn eigentlich

heute schon? Ich habe Sie doch erst für Mittwoch bestellt. Ich bin noch

gar nicht soweit eingerichtet. Haben Sie's so eilig gehabt? Wa?«

Für Joseph hatte dieses Weglassen des Schluß-s am Was etwas Verächtliches.

So ein verstümmeltes Wort klingt ja auch nicht gerade wie eine freundliche

Liebkosung. Er erwiderte, daß man ihn im Stellenvermittlungsbureau darauf

aufmerksam gemacht habe, daß er heute, Montag früh, anzutreten habe.

Wenn das ein Irrtum sei, so bitte er um Entschuldigung, er aber könne

wahrhaftig nichts dafür.

»Sieh da, wie höflich ich bin!« dachte der junge Mann und mußte

innerlich unwillkürlich über sein Betragen lächeln.

Tobler schien nicht geneigt, sofort entschuldigen zu wollen. Er redete

noch einige Male um dieselbe Sache herum, wobei sein ohnehin roter Kopf

empört zu erröten begann. Er »begriff« nicht, es nahm ihn dies und jenes

»Wunder«, schließlich, nachdem sich sein Erstaunen über den

vorgekommenen Fehler beruhigt hatte, meinte er zu Joseph schräg hinüber,

er könne dableiben.

»Fortschicken kann ich Sie ja jetzt doch nicht mehr.« -- »Haben Sie

Hunger?« setzte er hinzu. Joseph bejahte ziemlich gleichmütig. Er

wunderte sich aber sogleich über die Ruhe seiner Antwort. »Vor einem

halben Jahr noch,« dachte er rasch, »würde mich die Hochbeschaffenheit

einer derartigen Frage eingeschüchtert haben, und wie!«

»Kommen Sie,« sagte der Ingenieur. Mit diesen Worten führte er seinen

neuangeworbenen Beamten ins Eßzimmer hinauf, das im Erdgeschoß gelegen

war. Das Bureau lag unter der Erdlinie im Keller. Im Wohn- und Eßzimmer

sprach der Herr folgendes:

»Setzen Sie sich. Irgendwo, das ist ganz egal. Und essen Sie, bis Sie

satt sind. Hier ist Brot. Schneiden Sie soviel davon ab wie Sie wollen.

Genieren Sie sich nur nicht. Schenken Sie nur mehrere Tassen ein. Kaffee

ist genug da. Und da ist Butter. Die Butter ist zum Zugreifen da, wie

Sie sehen. Und da haben Sie auch Konfitüre, falls Sie ein Liebhaber

davon sind. Wollen Sie Bratkartoffeln dazu essen?«

»O ja, warum nicht, ganz gern,« hatte Joseph den Mut zu sagen. Worauf

Herr Tobler nach Pauline, der Magd, rief und ihr auftrug, das Gewünschte

rasch zuzubereiten. Nachdem das Frühstück beendet war, gab es unten im

Kontor, inmitten der Zeichenbretter und Zirkel und umherliegenden

Bleistifte, zwischen beiden Männern ungefähr folgende Auseinandersetzung:

Er müsse, sagte Tobler in rauhem Ton, einen Kopf als Angestellten haben.

Eine Maschine könne ihm nicht dienen. Wenn Joseph planlos und geistlos

in den Tag hineinarbeiten wolle, so solle er so gut sein und es gleich

auf der Stelle sagen, damit man von Anfang an wisse, woran man mit ihm

sei. Er, Tobler, benötige eine Intelligenz, eine selbständig arbeitende

Kraft. Wenn Joseph glaube, er sei keine solche, so möge er so freundlich

sein, usw. Hier drückte sich der technische Erfinder in Wiederholungen

aus.

»Ach,« sagte Joseph, »warum sollte ich denn keinen Kopf haben, Herr

Tobler? Was mich betrifft, ich glaube und hoffe des Bestimmtesten, daß

ich jederzeit dasjenige zu leisten imstande sein werde, was Sie glauben

werden, von mir verlangen zu dürfen: Übrigens, meine ich, bin ich hier

oben (das Haus Tobler stund auf einem Hügel) ja vorläufig nur

probeweise. Die Art unseres gegenseitigen Übereinkommens hindert Sie in

keiner Weise, mit mir, wenn Sie es für notwendig erachten,

augenblicklich Schluß zu machen.«

Er wolle, fand es Herr Tobler für passend zu sagen, nicht hoffen, daß es

soweit komme. Joseph möge nichts für ungut nehmen von dem, was er,

Tobler, da soeben gesagt habe. Er habe eben nur geglaubt, gleich von

Anfang an klaren Wein einschenken zu sollen, und er sei der Meinung, daß

das für beide Teile nur vom Guten könne gewesen sein. Alsdann wisse

jeder, woran er mit dem andern sei, und so sei es am besten.

»Gewiß,« bekräftigte Joseph.

Nach dieser Rücksprache wies der Vorgesetzte dem Untergebenen den Platz

an, woran er schreiben »könne«. Es war dies ein etwas zu enges, schmales

und zu niedrig gebautes Sitzpult mit einer Schieblade, worin sich die

Markenkasse und einige kleinere Bücher befanden. Der Tisch, denn nur

ein solcher war's und gar kein wahrhaftiges Pult, stand dicht an einem

Fenster und an der Gartenerde. Darüber hinaus erblickte man in der Tiefe

den ausgedehnten See, weiter das anderseitige Seeufer. Das alles sah

heute sehr trübe aus, denn es regnete noch immer.

»Kommen Sie,« sagte plötzlich Tobler, und er lächelte in etwas, wie es

Joseph schien, unziemlicher Art zu seinen Worten, »meine Frau muß Sie

doch nun auch bald endlich einmal zu Gesicht bekommen. Kommen Sie mit,

ich werde Sie ihr vorstellen. Und dann müssen Sie auch das Zimmer sehen,

wo Sie schlafen werden.«

Er führte ihn hinauf in die erste Etage, wo den beiden eine schlanke,

hohe Frauenfigur entgegentrat. Das war »sie«. »Eine gewöhnliche Frau,«

wollte rasch der junge Angestellte denken, aber er setzte sogleich in

Gedanken hinzu: »und doch nicht.« Die Dame betrachtete den »Neuen«

ironisch und gleichgültig, aber ohne Absicht. Beides, das Kalte und das

Ironische, schien ihr angeboren zu sein. Sie streckte ihm nachlässig, ja

sogar träge die Hand dar, er ergriff sie und verneigte sich vor der

»Herrin des Hauses«. So nannte er sie im geheimen, nicht, um sie zu

etwas Schönerem zu erheben, im Gegenteil, um sie rasch im stillen zu

kränken. Diese Frau benahm sich in seinen Augen entschieden zu

hochmütig.

»Ich hoffe, es wird Ihnen hier bei uns gefallen,« sagte sie mit einer

seltsam hochklingenden Stimme und verzog dazu ein wenig ihren Mund.

»Ja, sag du das nur. Sehr hübsch. Ei seht mal, wie freundlich. Wollen ja

sehen.« Auf diese Art hielt es Joseph für angezeigt, für sich über jene

wohlwollenden Worte nachzudenken. Alsdann wurde ihm sein Zimmer gezeigt,

es lag oben im kupfernen Turm, es war also ein Turmzimmer, gewissermaßen

ein romantisches und vornehmes. Übrigens erschien es hell, luftig und

freundlich. Das Bett war sauber, o ja, in solch einem Zimmer würde

sich's wohnen lassen. Nicht übel. Und Joseph Marti, so hieß er mit

seinem ganzen Namen, legte den Koffer, den er mit hinaufgenommen hatte,

auf dem Parkettboden ab.

Später wurde er in die Geheimnisse der Toblerschen geschäftlichen

Unternehmungen kurz eingeweiht und mit den Pflichten, die er zu erfüllen

hatte, im allgemeinen vertraut gemacht. Es ging ihm dabei eigentümlich,

er verstand nur die Hälfte. Was denn nur mit ihm sei, dachte er und

machte sich Vorwürfe: »Bin ich ein Betrüger, ein Schwätzer? Will ich

Herrn Tobler hintergehen? Er verlangt einen 'Kopf' und ich, ich bin

heute absolut kopflos. Vielleicht daß es morgen früh oder bereits heute

abend besser geht.«

Das Mittagessen schmeckte ihm ausgezeichnet.

Wiederum dachte er besorgt. »Wie? Hier sitze ich und esse, wie es mir

seit vielleicht Monaten nicht mehr gemundet hat, und kapiere nichts von

den Winkelzügen der Unternehmungen Toblers? Ist das nicht Diebstahl? Das

Essen ist wundervoll, es erinnert mich lebhaft an zu Hause. Solche Suppe

hat Mutter gemacht. Wie kräftig und saftig das Gemüse ist, und das

Fleisch. Wo kriegt man in der Großstadt dergleichen?«

»Essen Sie, essen Sie,« trieb Tobler an, »in meinem Haus wird tapfer

gegessen, haben Sie das verstanden? Nachher wird aber auch gearbeitet.«

Der Herr sehe, er esse ja, erwiderte Joseph mit einer Schüchternheit,

die ihn beinahe zornig machte. Er dachte: »Wird er mich nach acht Tagen

auch noch zum Essen antreiben? Wie schmachvoll, zu empfinden, wie sehr

mir dieses fremde Essen schmeckt. Werde ich diesen unverschämten Appetit

durch entsprechende Leistungen rechtfertigen?«

Er nahm sich von jeder Speise noch einmal auf seinen Teller. Ja, er kam

aus den Tiefen der menschlichen Gesellschaft her, aus den schattigen,

schweigsamen, kargen Winkeln der Großstadt. Er hatte seit Monaten

schlecht gegessen.

Ob man ihm dies etwa anmerke, dachte er und errötete.

Ja, ein ganz klein wenig merkten das Toblers sicher. Die Frau

betrachtete ihn mehrfach fast mitleidig. Die vier Kinder, zwei Mädchen

und zwei Knaben, sahen ihn wie etwas Wildfremdes und Sonderbares von der

Seite her an. Diese ungeniert fragenden und forschenden Blicke

entmutigten ihn. Solche Blicke erinnern eben an die Angeflogenheit an

etwas Fremdes, an die Behäbigkeit dieses Fremden, das für sich eine

Heimat darstellt, und an die Heimatlosigkeit desjenigen, der nun so

dasitzt und die Pflicht hat, sich möglichst rasch und guten Willens in

das behagliche fremde Bild heimatlich einzufügen. Solche Blicke machen

einen frieren im heißesten Sonnenschein, sie dringen kalt in die Seele,

bleiben da einen Moment kalt liegen und verlassen sie wieder, wie sie

gekommen sind.

»So. Jetzt an die Arbeit,« rief Tobler. Und beide verließen den Tisch

und begaben sich, der Herr voran, in das Bureau hinunter, um da, wie der

Befehl lautete, zu arbeiten.

»Rauchen Sie?«

Ja, Joseph rauche ganz gern.

»Nehmen Sie sich einen Zigarrenstumpen aus dem blauen Paket dort. Sie

dürfen während der Arbeit ruhig rauchen. Ich tu's ja auch. So. Und nun

sehen Sie einmal hierher, das da, aber sehen Sie sie ordentlich an, sind

die zur 'Reklame-Uhr' erforderlichen Papiere. Können Sie gut rechnen? --

Dann um so besser. Es handelt sich nun in erster Linie -- was tun Sie

da? Mein junger Mann, die Asche gehört in den Aschenbecher. Ich habe

gern Ordnung zwischen meinen eigenen vier Wänden -- also in erster Linie

handelt es sich, nehmen Sie einen Bleistift zur Hand, nun, sagen wir, um

die Zusammenstellung, um die genaue Gewinnberechnung dieses

Unternehmens. Nehmen Sie Platz hier, ich werde Ihnen sogleich die

nötigen Angaben machen. Und daß Sie mir gefälligst aufpassen, denn ich

sage meine Sachen nicht gern zweimal.«

»Werde ich taugen?« dachte Joseph. Es war wenigstens gut, daß zu einer

so schwierigen Arbeit geraucht werden durfte. Ohne Zigarrenstumpen würde

er jetzt an der Rechtbeschaffenheit seines Kopfes ehrlich gezweifelt

haben.

Während der Angestellte nun schrieb, wobei ihm der Prinzipal von Zeit

zu Zeit über die Schulter in die entstehende Leistung hinabblickte,

spazierte dieser, eine krumme, langstielige Zigarre zwischen den

schönen, blendend weißen Zähnen tragend, im Bureau auf und ab, um

allerhand Zahlen anzugeben, die jeweils flink von einer heute noch ein

wenig ungeübten Angestelltenhand nachgezeichnet wurden. Der bläuliche

Rauch hüllte beide arbeitende Gestalten bald gänzlich ein, draußen vor

den Fenstern schien sich das Wetter aufhellen zu wollen, Joseph warf ab

und zu einen Blick durch die Scheibe und merkte die Veränderung, die

sich leise am Himmel vollzog. Einmal bellte der Hund vor der Türe.

Tobler trat auf einen Moment hinaus, um das Tier zu beruhigen. Nach

Verlauf zweier Arbeitsstunden ließ Frau Tobler durch eines der Kinder

zum Nachmittagskaffee rufen. Es sei draußen im Gartenhaus gedeckt, weil

das Wetter sich gebessert habe. Der Chef ergriff seinen Hut und sagte zu

Joseph, er solle jetzt Kaffeetrinken gehen und nachher das flüchtig

Geschriebene ins reine setzen, bis er damit fertig sei, werde es wohl

Abend geworden sein.

Dann ging er. Joseph sah ihn den Hügel durch den abstürzenden Garten

hinuntergehen. Welch eine stattliche Figur er hat, dachte er, er blieb

noch eine ganze Weile so stehen und begab sich dann zum Kaffee in das

hübsche, grünangestrichene Gartenhaus.

Während des Imbisses fragte ihn die Frau: »Sind Sie stellenlos gewesen?«

»Ja,« antwortete Joseph.

»Lange?«

Er gab ihr Auskunft, und sie seufzte jedesmal, wenn er von gewissen

kläglichen Menschen und Menschenverhältnissen sprach. Sie tat das ganz

leicht und obenhin, und sie behielt außerdem die jeweiligen Seufzer

länger als gerade nötig war im Mund, als habe sie sich jedesmal an der

Annehmlichkeit dieses Tons und Empfindens weiden können.

»Gewissen Menschen,« dachte Joseph, »scheint es Vergnügen zu machen, an

bedauerliche Dinge zu denken. Wie diese Frau Nachdenklichkeit mimt. Sie

seufzt, wie andere lachen, genau so fröhlich. Ist das jetzt meine

Herrin?«

Später stürzte er sich in seine Reinschrift. Es wurde Abend. Morgen früh

würde es sich ja zeigen, ob er eine Kraft oder eine Null, eine

Intelligenz oder eine Maschine, ein Kopf oder ein Hohlkopf sei. Für

heute war es seines Erachtens nach genug. Er räumte seine Arbeit

zusammen und ging in sein Zimmer, froh darüber, für eine kleine Zeitlang

allein sein zu dürfen. Er fing nicht ohne Wehmut an, seinen Handkoffer,

seine ganze Besitzung, langsam, Stück für Stück, auszupacken, wobei er

der unzählbaren Umzüge gedachte, zu deren Erledigung er sich nun schon

so viele Male dieses Köfferchens bedient hatte. Schlichte Sachen werden

einem so lieb, das empfand der junge Angestellte. Wie es ihm hier

bei Tobler wohl gehen werde, fragte er sich, während er die paar

Wäschestücke, die er besaß, in absichtlich säuberlichster Manier in den

Schrank legte: »Gut oder schlecht, ich bin einmal da, gehe es wie es

gehen kann.« Er gelobte sich im stillen, sich Mühe zu geben, indem er

ein Knäuel alter Faden, Bindfadenteile, Halsbinden, Knöpfe, Nadeln und

abgerissene Leinenfetzen auf den Fußboden warf. »Wenn ich nun schon

einmal hier esse und schlafe, will ich mich geistig und körperlich

dafür auch anstrengen,« murmelte er weiter, »wie alt bin ich jetzt?

Vierundzwanzig! Das ist keine nennenswerte Jugend mehr. Ich bin

zurückgeblieben im Leben.« Er hatte den Koffer geleert und stellte ihn

in eine Ecke. Sobald er glaubte, daß es ungefähr Zeit sei, ging er zum

Abendessen, später noch zur Post ins Dorf hinein, später schlafen.

* * * * *

Im Laufe des nächsten Tages glaubte er sich mit dem Wesen der

»Reklame-Uhr« dadurch bekannt gemacht zu haben, daß er begreifen

lernte, daß dieses gewinnbringende Unternehmen eine dekorative Uhr sei,

die Herr Tobler im Begriff war an Bahnverwaltungen, Restaurateure,

Hoteliers &c. zu verpachten. Solch eine wirklich äußerst hübsch

aussehende Uhr, kalkulierte Joseph, wird beispielsweise in einen oder in

mehrere Straßenbahnwagen gehängt, und zwar an eine möglichst in aller

Menschen Augen stechende Stelle, damit die fahrenden und reisenden

Mitmenschen ihre Taschenuhren danach richten können und jederzeit

wissen, wie spät oder wie früh es am Tage ist. Diese Uhr ist wahrhaftig

nicht schlecht, meinte er allen Ernstes, um so weniger, als sie den

Vorzug hat, mit dem Reklamewesen verbunden zu sein. Zu diesem Behufe hat

man ihr ja ein einfaches oder doppeltes Adlerflügelpaar aus scheinbarem

Silber oder gar Gold angehängt, zwecks zierlicher Bemalung. Und was wird

man anderes darauf malen wollen als die genauen Adressen von Firmen,

die sich dieser Flügel oder Felder, wie der technische Ausdruck lautet,

zur nutzbringenden Insertion bedienen. »Solch ein Feld kostet Geld;

infolgedessen hat man sich, wie mein Herr, der Herr Tobler, ganz richtig

sagt, an nur erste Handels- und Fabriksfirmen zu wenden. Die Beträge

sind jeweilen zum voraus, und zwar laut auszustellender Verträge, in

monatlichen Raten, zu bezahlen. Die Reklame-Uhr kann übrigens beinahe

überall im In- und Ausland Aufstellung finden. Auf sie setzt, wie es mir

schien, Tobler die wichtigsten Hoffnungen. Freilich kostet die

Herstellung der Uhren und deren kupfernen und zinnernen Zieraten viel

Geld, auch der Dekorationsmaler will ja sein Geld haben, dafür aber

laufen eben die Inseratengelder hoffentlich und sehr wahrscheinlich

regelmäßig ein. Was sagte doch heute früh Herr Tobler? Er hat ziemlich

viel Geld geerbt, hat nun aber bereits sein gesamtes Vermögen in die

'Reklame-Uhr geworfen'. Ein sonderbarer Spaß, zehn- bis zwanzigtausend

Mark in Uhren zu werfen. Gut, daß ich mir dieses Wort 'werfen' gemerkt

habe, es scheint mir ein stark im Gebrauch bestehendes, übrigens sehr

klipp und klares Wort zu sein, das ich vielleicht schon in nächster Zeit

in meinen Korrespondenzen werde anwenden müssen.«

Joseph steckte sich einen Stumpen in Brand.

»Eigentlich ein ganz netter Aufenthalt, dieses technische Bureau hier.

Das meiste an der hiesigen Geschäftsführung ist mir allerdings noch ganz

unverständlich. Ich habe immer das Neue und Fremde schwer begriffen. Ich

erinnere mich, o ja. Im allgemeinen werde ich von den Leuten für klüger

gehalten als ich bin, manchmal auch nicht. Das alles ist ja überhaupt

so merkwürdig.«

Er nahm einen Streifen Papier zur Hand, strich den Firmenkopf mit ein

paar Federstrichen durch und schrieb rasch folgendes:

Liebe Frau Weiß!

Sie sind wahrhaftig der erste Mensch, an den ich von hier oben aus

schreibe. Der Gedanke an Sie ist der erste und leichteste und

natürlichste von allen den vielen Gedanken, die mir gegenwärtig im

Kopf surren. Sie werden sich oft über mein Betragen gewundert haben

in der Zeit, die ich bei Ihnen zubrachte. Wissen Sie noch, wie Sie

mich oft aus meinem dumpfen, einsiedlerischen Dasein, aus all meinen

üblen Gewohnheiten haben aufrütteln müssen? Sie sind eine so liebe,

gute, einfache Frau, und vielleicht erlauben Sie mir, Sie lieb zu

haben. Wie oft, ja beinahe alle vier Wochen, bin ich zu Ihnen ins

Zimmer getreten, um Sie kurz zu ersuchen, mit der monatlichen Miete

Geduld zu haben. Sie haben mich nie gedemütigt, doch ja immer, aber

mit Güte. Wie dankbar ich Ihnen bin und wie froh ich bin, Ihnen dies

sagen zu dürfen. Was machen und leben Ihre Fräulein Töchter? Die

Größere ist ja nun wohl bald verheiratet. Und Fräulein Hedwig, ist

sie immer noch in der Lebensversicherungsgesellschaft tätig? Wie ich

frage! Sind diese Fragen nicht äußerst dumm, da ich Sie doch erst

vor zwei Tagen verlassen habe! Mich dünkt, liebe, verehrte Frau

Weiß, ich sei jahre- jahre- und jahrelang bei Ihnen gewesen,

so schön, ruhig und lang mutet mich der Gedanke an das

Bei-Ihnen-gewesen-sein an. Kann man Sie kennen gelernt haben,

ohne daß man Sie hat lieben lernen müssen? Sie haben immer zu mir

gesagt, ich sollte mich schämen, so jung zu sein und dazu so wenig

unternehmenslustig, weil Sie mich stets haben in meinem dunkeln

Zimmer sitzen und liegen sehen. Ihr Gesicht, Ihre Stimme, Ihr Lachen

haben mich immer getröstet. Sie sind zweimal so alt wie ich und

haben zwölfmal so viel Sorgen und erscheinen nur so jung, jetzt noch

viel mehr als da ich noch bei Ihnen war. Wie konnte ich immer so

wortkarg zu Ihnen sein. Übrigens bin ich Ihnen ja noch Geld

schuldig, nicht wahr, und ich bin beinahe froh darüber. Äußere

Beziehungen können dann innere lebendiger erhalten. Zweifeln Sie

nie an meiner Achtung vor Ihnen. Wie dumm ich spreche. Ich wohne

hier in einer hübschen Villa und kann des Nachmittags jeweilen im

Gartenhaus, wenn schönes Wetter ist, Kaffee trinken. Mein Chef ist

zurzeit ausgegangen. Das Haus liegt auf einem, man darf sagen,

grünen Hügel, unten neben der Landstraße, hart am Seeufer, führt die

Eisenbahn vorbei. Ich wohne sehr nett in einem, es kommt mir ganz

herrschaftlich vor, hochgelegenen Turmzimmer. Mein Herr scheint ein

braver Mann zu sein, etwas hochtrabend. Möglich, daß es zwischen uns

eines Tages persönliche Keilereien gibt. Ich wünsche es nicht.

Wirklich nicht, denn ich möchte in Frieden leben. Leben Sie wohl

Frau Weiß. Ich habe mir ein schönes, wertvolles Bild von Ihnen

bewahrt, es läßt sich nicht einrahmen aber ebenso wenig vergessen.

Joseph faltete den Streifen zusammen und steckte ihn in ein Kuvert.

Er lächelte. Für ihn hatte das Andenken dieser Frau Weiß etwas

Freundliches, warum, darüber wußte er selber kaum recht Bescheid. Da

hatte er nun an eine Frau geschrieben, die dem Eindruck zufolge, den er

ihr von seiner Person hinterlassen hatte, einen so raschen und beinahe

gefühlvollen Brief gar nicht erwarten durfte und sicher auch nicht

gewärtigte. Hatte die zufällige Menschenbekanntschaft einen so großen

Einfluß auf ihn? Liebte er es, zu überraschen und zu behexen? Aber der

Brief schien ihm nach kurzer Durchsicht und Prüfung passend und er

machte sich, da es ohnehin Zeit dazu war, auf den Weg zur Post.

Mitten im Dorf blieb plötzlich ein von oben bis unten rußiger junger

Mensch vor ihm stehen, schaute ihn lachend an und streckte ihm die Hand

entgegen. Joseph spielte den Erstaunten, da er sich wirklich nicht

entsinnen könnte, an welchem Ort und zu welcher Zeit im bisherigen Leben

ihm diese schwarze Erscheinung konnte begegnet sein. »Du auch hier,

Marti?« rief der Mensch, und nun erkannte ihn Joseph, es war ein Kamerad

aus der kürzlich erst überstandenen Militärdienstzeit, er begrüßte ihn,

schützte aber dringende Aufträge vor und verabschiedete sich wieder.

»Ja, das Militär,« dachte er, indem er seines Weges weiter ging, »wie

wirft es die Menschen aus allen nur denkbaren Lebensgebieten auf einen

einzigen Empfindungspunkt zusammen. Kein so feinerzogener, im übrigen

gesunder, junger Mensch lebt im Lande, der es sich nicht eines Tages

müßte gefallen lassen, aus seiner bisherigen, sortierten Umgebung

herauszutreten, um mit dem erstbesten, ebenfalls jungen Bauern,

Kaminfeger, Arbeiter, Kommis oder gar Tunichtgut gemeinschaftliche Sache

zu machen. Und welche gemeinschaftliche Sache! Die Luft in der Kaserne

ist für einen jeden dieselbe, sie wird für den Baronensohn für gut

genug, und für den geringsten Landarbeiter für angemessen befunden. Die

Rang- und Bildungsunterschiede fallen unbarmherzig in einen großen, bis

heute noch immer unerforschten Abgrund, in die Kameradschaft. Diese

herrscht, denn sie faßt alles zusammen. Die Hand des Kameraden ist für

keinen eine unreine, sie darf es nicht sein. Der Tyrann Gleichheit ist

oft ein unerträglicher, oder scheint es zu sein, aber was für ein

Erzieher ist er, was für ein Lehrer. Die Brüderlichkeit kann mißtrauisch

und kleinlich im kleinen sein, sie kann aber auch groß sein, und sie ist

groß, denn sie besitzt die Meinungen, die Gefühle, die Kräfte und Triebe

aller. Wenn ein Staat es versteht, den Sinn der Jugend in diesen Abgrund

zu lenken, der groß genug wäre für die Erde wieviel mehr für ein

einzelnes Land, so hat er sich damit nach allen offenen Richtungen hin,

an allen vier Grenzen, mit Festungen umgeben, die unbezwinglich sind,

weil es lebendige, mit Füßen, Gedächtnissen, Augen, Händen, Köpfen und

Herzen ausgestattete Festungen sind. Den jungen Leuten tut wahrhaftig

eine strenge Lehre not.«

Hier unterbrach der Angestellte seine Gedanken.

In der Tat, er rede und denke da wie ein Feldhauptmann, dachte er

lachend. Bald darauf befand er sich wieder zu Hause.

* * * * *

Joseph hatte in einer Elastique-Fabrik gearbeitet, ehe er zum Militär

kam. Er erinnerte sich jetzt jener vormilitärischen Zeit und sah vor

sich ein altes, längliches Gebäude, einen schwarzen Kiesweg, eine enge

Stube und ein bebrilltes, strenges Prinzipalengesicht. Er war dort, wie

man sagt, aushilfsweise engagiert gewesen, nur so vorübergehend. Er

schien mit seiner ganzen Persönlichkeit nur ein Zipfel, ein flüchtiges

Anhängsel zu sein, ein nur einstweilen geschlungener Knoten. Beim

Antritt der Stellung war ihm bereits lebhaft der Austritt aus derselben

vor Augen getreten. Der Lehrling im Elastique-Geschäft war ihm in allem

»über«. Joseph mußte diesen unausgewachsenen Menschen bei jeder

Gelegenheit um Rat fragen. Aber eigentlich kränkte ihn das nicht einmal.

O er war schon an so vieles gewöhnt gewesen. Er arbeitete kopflos, das

heißt, er mußte sich gestehen, daß ihm mancherlei durchaus notwendige

Kenntnisse abhanden gekommen waren. Gewisse, für andere Menschen

erstaunlich leicht zu erfassende Dinge prägten sich ihm so merkwürdig

schwer ein. Was war da zu machen gewesen. Sein Trost und sein Gedanke

war die »Vorübergänglichkeit« der Stellung. Er wohnte bei einem alten,

spitznasigen und -mundigen Fräulein, die eine sehr sonderbare, hellgrün

gestrichene Stube bewohnte. Auf einer Etagere befanden sich einige alte

und moderne Bücher. Das Fräulein war, wie es schien, eine Idealistin,

aber keine feurige, sondern eher eine durch und durch erfrorene. Joseph

bekam rasch heraus, daß sie einen eifrigen Liebesbriefwechsel

unterhielt, und zwar, wie er eines Tages aus einem achtlos auf dem

runden Tisch liegenden, langen Schreiben ersah, mit einem nach

Graubünden ausgewanderten Buchdrucker oder Architektenzeichner, er

konnte sich dessen jetzt nicht mehr so recht genau entsinnen. Er las

rasch den Brief, er hatte das Gefühl, daß er dadurch keine sehr

bedeutende Ungerechtigkeit begehe. Übrigens war der Brief kaum der

verstohlenen Lektüre wert, man hätte ihn ruhig dürfen an alle Säulen der

Stadt plakatieren, so wenig Geheimnisvolles und dem Fernstehenden

Unverständliches enthielt er. Er war den Büchern, die die Welt liest,

nachgeschrieben und enthielt vorzugsweise kühnlinierte und schraffierte

Reisebeschreibungen. Die Welt sei doch herrlich, hieß es da, wenn man

sich die Mühe nehme, sie zu Fuß zu durchwandern. Dann wurden der Himmel,

die Wolken, die Halden, die Geißen, Kühe, Kuhglocken und die Berge

beschrieben. Wie wichtig das alles war. Joseph hatte eine kleine Stube

nach hinten gehend inne, dort las er. Sowie er nur dieses Stübchen

betrat, fing ihm auch gleich die Bücherlektüre über den Kopf zu flattern

an. Er las da so einen von jenen großen Romanen, an denen man monatelang

lesen kann. Die Kost hatte er in einer Pension von Technikumsschülern

und Kaufmannslehrlingen. Er hatte große Mühe, sich mit dem jugendlichen

Volk einigermaßen zu unterhalten und schwieg daher meist bei Tisch. Wie

war das alles für ihn erniedrigend. Auch da war er ein Knopf, der nur

lose hing, den man gar nicht mehr festzunähen sich abmühte, da man zum

voraus wußte, daß der Rock doch nicht lange getragen werde. Ja, seine

Existenz war nur ein provisorischer Rock, ein nicht recht passender

Anzug. Nahe bei der Stadt lag ein runder, mäßig hoher Rebhügel, der oben

mit Wald gekrönt war. Nun, das war fürs Spazierengehen ganz artig. Die

Sonntagvormittage verlebte Joseph regelmäßig dort oben, während welcher

Erholung er sich jedesmal in ferne, beinahe krankhaft schöne Träumereien

verwickelt sah. Unten in der Fabrik ging es weniger schön zu, trotz des

zunehmenden Frühlings, der seine kleinen duftenden Wunder an den Bäumen

und Sträuchern zu entfalten begann. Der Prinzipal machte Joseph eines

Tages ganz gehörig herunter, ja, er machte ihn schlecht, er nannte ihn

geradezu einen Betrüger, und weswegen? Das war auch wieder so eine

Kopfträgheit gewesen. Hohle Köpfe können ja nun allerdings einem

Handelsgeschäft erheblichen Schaden zufügen. Man kann schlecht rechnen,

oder aber, und das ist das Schlimme, man rechnet einfach gar nicht.

Für Joseph war es so schwer gewesen, eine in englischer Pfundwährung

aufgestellte Zinsenrechnung zu prüfen. Dazu fehlten ihm die paar

Kenntnisse, und statt das nun offen dem Geschäftsherrn einzugestehen,

wovor er sich schämte, setzte er unter die Rechnung, ohne sie wahrhaft

geprüft zu haben, die lügnerische Bestätigung. Er schrieb mit Bleistift

ein M zu der Schlußzahl, was so viel zu bedeuten hatte als die feste und

ruhige Tatsache des Richtigbefundes. An diesem einen Tage nun kam es

plötzlich durch eine mißtrauische Frage seitens des Prinzipals heraus,

daß die Prüfung nur geschwindelt, und daß ja Joseph gar nicht imstande

war, eine derartige Rechnung im Kopf zu lösen. Das waren eben englische

Pfund, und Joseph wußte mit solchen absolut nicht umzugehen. Er

verdiene, sprach der Vorgesetzte, mit Schimpf und Schande fortgejagt zu

werden. Wenn er etwas nicht verstehe, so sei das keine Unehrenhaftigkeit,

wenn er aber Verständnis lüge, so sei das Diebstahl. Man könne es nicht

anders nennen, und Joseph solle sich in Grund und Boden hinab schämen. O

das war ein tobendes Herzklopfen für ihn gewesen. Er spürte eine

schwarze, fressende Welle über seinem ganzen Dasein. Die eigene, sonst,

wie ihm immer schien, nicht schlechte Seele schnürte ihn von allen

Seiten zu. Er zitterte so heftig, daß die Zahlen, die er eben schrieb,

nachher ungeheuerlich fremd, verschoben und groß aussahen. Aber nach

einer Stunde war ihm so wohl. Er ging zur Post, es war eben schönes

Wetter, er ging so, und da meinte er, küsse ihn alles. Die kleinen süßen

Blätter schienen alle in einem liebkosenden, farbigen Schwarm auf ihn

zuzufliegen. Die vorübergehenden, im übrigen ganz alltäglichen Menschen

sahen so schön aus, zum rein An-den-Hals-werfen. Er schaute glücklich in

alle Gärten hinein, zum offenen Himmel hinauf. Wie rein und schön waren

die weißen, frischen Wolken. Und das satte, süße Blau. Joseph hatte das

eben Vorgefallene, das Wüste, nicht vergessen, er trug es beschämt mit

sich, aber es hatte sich in etwas Unbekümmert-Leidvolles, in etwas

Ebenmäßig-Verhängnisvolles verwandelt. Er zitterte noch ein wenig und

dachte: »Also muß man mich mit Demütigungen zur reinen Freude an der

Welt Gottes aufpeitschen?« Nach Feierabend trat er gemütlich in einen

ihm wohlbekannten Zigarrenladen. Eine Frau hauste dort, eine womöglich,

ja wahrscheinlich und nur zu sehr wahrscheinlich käufliche Frau. Joseph

pflegte sich in ihrem Laden Abend für Abend auf einen Stuhl zu setzen,

eine Zigarre dazu zu rauchen und zu plaudern mit der Inhaberin. Er

gefiel ihr, das merkte er bald. »Wenn ich dieser Frau gefalle, so

erweise ich ihr einen kleinen Dienst, regelmäßig bei ihr zu sitzen,«

dachte er und tat auch so. Sie erzählte ihm ihre ganze Jugend und

manches Schöne und Unschöne aus ihrem Leben. Sie alterte schon und hatte

ein ziemlich häßlich geschminktes Gesicht, aber gute Augen leuchteten

aus demselben hervor, und ihr Mund: »wie oft wird er geweint haben,«

dachte Joseph. Er blieb immer artig und höflich bei ihr, als ob dieses

Betragen selbstverständlich gewesen wäre. Einmal streichelte er ihr die

Wangen, und er bemerkte die Freude, die sie über dieser Bewegung

empfand, sie errötete und ihr Mund zuckte, als ob sie hätte sagen

wollen: »zu spät, mein Freund.« Sie war früher eine Zeitlang Kellnerin

gewesen, aber was hatte das alles zu bedeuten, da doch der ganze

Anhängezipfel nach ein paar Wochen abgetrennt wurde. Der Chef schenkte

Joseph zum Abschied eine Gratifikation, trotz jenes Vorfalles mit der

englischen Geldwährung, und wünschte ihm Glück in die Kaserne. Jetzt

kommt eine Eisenbahnfahrt durch ein frühlingverzaubertes Land, und dann

weiß man nichts mehr, denn von da an ist man nur noch eine Nummer, man

bekommt eine Uniform, eine Patronentasche, ein Seitengewehr, eine

regelrechte Flinte, ein Käppi und schwere Marschschuhe. Man ist nichts

mehr Eigenes, man ist ein Stück Gehorsam und ein Stück Übung. Man

schläft, ißt, turnt, schießt, marschiert und gestattet sich Ruhepausen,

aber in vorgeschriebener Weise. Selbst die Empfindungen werden scharf

überwacht. Die Knochen wollen anfänglich brechen, aber nach und nach

stählt sich der Körper, die biegsamen Kniescheiben werden zu eisernen

Scharnieren, der Kopf wird frei von Gedanken, die Arme und Hände

gewöhnen sich an das Gewehr, das den Soldaten und Rekruten überall hin

begleitet. Im Traum hört Joseph Kommandoworte und das Knattern der

Schüsse. Acht Wochen lang dauert das so, es ist keine Ewigkeit, aber

bisweilen scheint es ihm eine.

Doch was soll das alles, da er doch jetzt in Herrn Toblers Hause lebt.

* * * * *

Zwei oder drei Tage sind noch keine gar so sehr lange Zeit. Dieser

Zeitraum genügt nicht einmal, um sich in einem Zimmer ganz

zurechtzufinden, wie viel weniger in einem immerhin stattlichen Haus.

Joseph war ja ohnehin schwer von Begriff, wenigstens bildete er sich das

ein, und Einbildungen sind nie gänzlich ohne grundlegende Berechtigung.

Das Toblersche Haus war überdies noch zweiteilig, es bestund aus einem

Wohnhaus sowohl wie aus einem Geschäftshaus, und Josephs Pflicht und

Schuldigkeit war, beide Sorten Häuser ergründen zu lernen. Wo Familie

und Geschäft so nah beieinander sind, daß sie sich, man möchte sagen,

körperlich berühren, kann man das eine nicht gründlich kennen lernen und

zugleich das andere übersehen. Die Obliegenheiten eines Angestellten

liegen in solch einem Haus weder ausdrücklich da noch ausdrücklich dort,

sondern überall. Auch die Stunden der Pflichterfüllung sind keine exakt

begrenzten, sondern erstrecken sich manchmal bis tief in die Nacht

hinein, um bisweilen plötzlich mitten am Tag für eine Zeitlang

aufzuhören. Wer das Vergnügen haben darf, nachmittags draußen im

Gartenhaus in Gesellschaft einer gewiß gar nicht üblen Frau Kaffee zu

trinken, muß nicht böse werden, wenn er abends nach acht Uhr rasch noch

irgend eine dringende Arbeit erledigen soll. Wer so schön zu Mittag

ißt, wie Joseph, muß dies durch verdoppelte Leistungen wieder gut zu

machen suchen. Wer Stumpen rauchen darf während der Geschäftsstunden,

der darf nicht brummen, wenn ihn die Herrin des Hauses um einen

häuslichen oder familiären Dienst kurz ersucht, auch wenn der Ton, womit

dieses Gesuch ausgesprochen wird, eher ein befehlshaberischer als ein

schüchtern bittender sein sollte. Wer hat alles Annehmliche und

Schmeichelnde immer zusammen? Wer wird so anmaßend der Welt gegenüber

sein, von ihr nur Kissen zum Daraufruhen zu verlangen, ohne zu bedenken,

daß die samtenen und seidenen, mit feinem Flaum gefüllten und gestopften

Kissen Geld kosten? Aber Joseph denkt gar nicht so. Man muß bedenken,

daß Joseph nie viel Geld auf einmal besessen hat.

Frau Tobler fand an ihm etwas Seltsames, sozusagen Unalltägliches, ohne

ihn aber auch nur im geringsten gut zu beurteilen. Sie fand ihn ziemlich

lächerlich in seinem dunkelgrün gefärbten, abgetragenen und erbleichten

Anzug, aber auch in seinem Benehmen wollte sie etwas Komisches entdeckt

wissen, worin sie in gewisser Beziehung recht hatte. Komisch war sein

undezidiertes Auftreten, sein augenscheinlicher Mangel an

Selbstbewußtheit, und komisch waren auch seine Manieren. Hinwiederum

muß bemerkt werden, daß Frau Tobler, eine Bürgersfrau von echtester

Abstammung, sehr leicht geneigt war, vieles komisch zu finden, was auch

nur ein ganz klein wenig ihre Anschauungsweise fremd berühren konnte.

Wenn das aber so ist, so wollen wir uns weiter nicht darüber aufregen,

daß eine solche Frau einen solchen jungen Menschen komisch fand, sondern

berichten, was sie zusammen redeten. Versetzen wir uns wieder in das

Gartenhäuschen und in die Fünf-Uhr-Abend-Stunde.

»Es ist doch ein prächtiger Tag heute,« sagte Frau Tobler.

O ja, es sei wirklich herrlich, sagte seinerseits der Gehülfe. Er drehte

sich, am Tisch sitzend, halb um, und schaute in die bläuliche Ferne. Der

See war ganz blaßblau. Ein Dampfschiff mit klingender Musik fuhr gerade

vorüber. Man konnte die wehenden Tücher unterscheiden, die dort unten

von den Vergnügungsreisenden geschwenkt wurden. Der Rauch des

Dampfschiffes flog nach hinten und wurde von der Luft eingesogen. Die

Berge am andern Ufer waren in dem Dunst, den der vollendet schöne Tag

über den See verbreitete, kaum zu sehen. Sie schienen aus Seide gewoben

zu sein. Ja, die ganze runde Aussicht war blau, selbst das nahe Grün

und das Rot der Dächer sahen sich bläulich an. Man hörte ein einziges

Gesumme, wie wenn die ganze Luft, der ganze durchsichtige Raum leise

gesungen hätten. Auch das Summen und Surren hörte und sah sich blau an,

beinahe! Wie schmeckte wieder einmal der Kaffee. »Warum denke ich an zu

Hause, an die Kindheit, wenn ich diesen sonderbaren Kaffee trinke?«

dachte Joseph.

Die Frau fing an, von der letztjährigen Sommerfrische am

Vierwaldstädtersee zu reden. Dieses Jahr gebe es, sagte sie, leider

nichts aus so etwas. Keinen Gedanken! Und dann sei es ja hier wirklich

auch ganz schön. Man brauche eigentlich gar keine Sommerfrische mehr,

wenn man so wohnen könne, wie sie. Im Grunde genommen sei man fast immer

sehr unbescheiden, man habe stets Wünsche, und das sei ja auch ganz

natürlich -- Joseph nickte -- aber zuweilen ähnele es einer wirklichen

Arroganz.

Sie lachte. »Wie seltsam sie lacht,« dachte der Untergebene und fuhr

fort zu denken: »An diesem Lachen könnte einer, der sich darauf

versteifen wollte, Geographie studieren. Es bezeichnet genau die Gegend,

wo diese Frau her ist. Es ist ein behindertes Lachen, es kommt nicht

ganz natürlich zum Mund heraus, als wäre es früher durch eine

allzupeinliche Erziehung stets etwas im Zaum gehalten worden. Aber es

ist schön und fraulich, ja, es ist sogar ein bißchen frivol. Nur

hochanständige Frauen dürfen so lachen.«

Inzwischen hatte die Frau längst weitergesprochen, und zwar von jener

geradezu ideal schönen und traulichen Sommerfrische. Ein junger

Amerikaner habe sie jeden Tag in der Gondel auf den See hinausgerudert.

Das sei noch ein Kavalier gewesen. Und dann war es doch für eine

verheiratete Frau, wie sie eine sei, reizvoll und neu, einmal ein paar

Wochen ganz allein sein zu können und dazu noch in solch einer schönen

Gegend. Ohne Mann und ohne die Kinder. Man brauche dabei noch lange

nicht an was Unfeines zu denken. Man tue den ganzen Tag nichts, esse

köstlich und liege da so im Schatten, unter solch einem herrlichen,

breitästigen Kastanienbaum, wie dort, wo sie das letzte Jahr gewesen

sei, einer war. Solch ein Baum. Immer wieder sähe sie ihn und sich

selbst drunter. Sie habe auch ein kleines, weißes Hündchen gehabt, sie

habe es immer zu sich ins Bett genommen. So ein feines, sauberes

Geschöpfchen. Nun, dieses Tier habe sie in dem reizenden Gefühl, das ihr

vorgegaukelt habe, sie sei eine Dame, eine wirkliche Dame, noch

bestärkt. Später habe sie es weggeben müssen.

»Ich muß an die Geschäfte gehen,« sprach Joseph und erhob sich.

Ob er so fleißig sei?

»Nun, man tut, was man für seine Pflicht hält.« Mit diesen Worten

entfernte er sich. Im Bureau trat ihm eine unsichtbar-sichtbare

Erscheinung entgegen: die Reklame-Uhr. Er setzte sich an den

Schreibtisch und fing an zu korrespondieren. Der Briefbote kam, um eine

Nachnahme zu präsentieren, es war ein geringer Betrag, Joseph bezahlte

aus seiner Privattasche. Dann schrieb er ein paar Briefe im Interesse

der Reklame-Uhr. Was man für so eine Uhr nicht alles aufwenden mußte!

»Sie ist wie ein kleines oder großes Kind, solch eine Uhr,« dachte der

Angestellte, »wie ein eigensinniges Kind, das der beständigen,

aufopfernden Pflege bedarf, und das nicht einmal dankt dafür. Gedeiht

denn eigentlich dieses Unternehmen, wächst dieses Kind? Man merkt wenig

davon. Ein Erfinder liebt seine Erfindungen. Diese kostspielige Uhr ist

Tobler beinahe ans Herz gewachsen. Was aber denken andere Leute von

dieser Idee? Eine Idee muß hinreißen, muß überwältigen, sonst ist es

eine schwere Sache, sie zu praktizieren. Was mich selber betrifft, so

glaube ich fest an die Möglichkeit einer Realisierung derselben, und ich

glaube deshalb daran, weil es meine Pflicht ist, weil ich dafür bezahlt

werde. Zwar, wie steht es denn nun mit meinem Gehalt?«

Es war in diesem Punkt tatsächlich noch nichts abgemacht worden.

Bis zum Sonntag verlief alles ruhig. Was hätte passieren sollen? Joseph

war folgsam und bemühte sich, ein heiteres Gesicht an den Tag zu legen.

Aber warum hätte er besonders mißmutig sein sollen, wo ja doch vorläufig

nur Ursache zur Zufriedenheit für ihn vorhanden war. Im Militärdienst

ist er auch nicht verzärtelt worden. In das Wesen der Reklame-Uhr drang

er immer tiefer ein und glaubte bereits, sie vollständig erfaßt zu

haben. Was hatte es zu bedeuten, daß zwei Wechsel zu je vierhundert Mark

nicht bezahlt wurden. Man schob den Verfalltag dieser Billetts einfach

auf einen Monat hinaus, es war sogar riesig nett für Joseph, an den

Aussteller der Akzepte schreiben zu dürfen: »Bitte, haben Sie noch

Geduld. Die Finanzierung meiner Patente läßt nur noch kurze Zeit auf

sich warten. Bis dahin wird es mir möglich geworden sein, die fälligen

Verpflichtungen prompt einzulösen«.

Er hatte mehrere solcher Briefe zu schreiben, und er freute sich über

die Leichtigkeit, mit der er den gesamten kaufmännischen Stil

beherrschte.

Das Dorf hatte er bereits halb durchstöbert. Zur Post zu gehen war ihm

jedesmal ein großes Vergnügen. Es gab zwei Wege, einen dem See entlang,

auf der breiten Landstraße, und einen über den Hügel, an Obstbäumen und

Bauernhäusern vorbei. Er wählte fast immer den letztern. Ihm schien das

alles sehr einfach.

Am Sonntag erhielt er von Tobler eine gute, deutsche Zigarre nebst fünf

Mark Taschengeld, damit er sich hie und da »etwas leisten könne«.

Das Haus lag so schön da in dem hellen Sonnenschein. Es schien Joseph

ein wahres Sonntagshaus zu sein. Er ging den Garten hinunter, die

Badehose in der Hand schwenkend, an den See, zog sich in einer

verfallenen Badehütte, durch deren Bretterritzen die Sonne

hineinleuchtete, behaglich aus und warf sich nachher ins Wasser. Er

schwamm weit hinaus, es war ihm so wohl zumute. Welchem Badenden und

Schwimmenden, wenn er nicht gerade am Ertrinken ist, ist es nicht wohl

zumut? Es kam ihm vor, als wölbe und runde sich die heitere, warme,

glatte Seeoberfläche. Das Wasser war frisch und lau zugleich. Vielleicht

strich ein leiser Windzug darüber her, oder irgend ein Vogel flog über

seinem Kopf, hoch in der Luft, daher. Einmal kam er einem kleinen Boot

nahe, ein einzelner Mann saß drin, ein Fischer, der friedlich den

Sonntag verangelte und verschaukelte. Welche Weichheit, welche

schimmernde Helle. Und mit den nackten empfindungsvollen Armen macht man

Schnitte in dieses nasse, saubere, gütige Element. Jeder Stoß mit den

Beinen bringt einen ein Stück vorwärts in diesem schönen, tiefen Nassen.

Von unten her wird man von warmen und kühlen Strömen gehoben. Den Kopf

taucht man, um den Übermut in der Brust zu bewässern, auf kurze Zeit,

den Atem und den Mund und die Augen zudrückend, hinab, um am ganzen Leib

dieses Entzückende zu spüren. Schwimmend möchte man schreien, oder nur

rufen, oder nur lachen, oder nur etwas sagen, und man tut's auch. Und

dann von den Ufern her, diese Geräusche und hohen, fernen Formen. Diese

wundervollen hellen Farben an solch einem Sonntagsmorgen. Man plätschert

mit den Händen und Füßen, steht im Wasser schwebend und trapezturnend,

möchte man sagen, aufrecht, immer dazu die Arme bewegend. Und es gibt da

kein Untersinken. Nun preßt man noch einmal die Augen geschlossen in das

flüssige, grüne, feste Unergründliche hinab und schwimmt ans Land. --

Wie herrlich das war!

Zum Mittagessen hatten sich Gäste eingefunden.

* * * * *

Dieses mit den Gästen ist Folgendes: Josephs Vorgänger im Amt war ein

gewisser Wirsich gewesen. Diesen Wirsich hatten die Toblers sehr lieb

gewonnen. Sie erkannten in ihm einen anhänglichen Menschen und schätzten

seine Tüchtigkeit hoch. Er war ein exakter Mensch, aber er war es nur in

der Nüchternheit. Solange er nüchtern war, verfügte er über fast alle,

ja man darf sagen, alle Angestelltentugenden. Er war über die Maßen

ordnungsliebend, er besaß Kenntnisse sowohl auf kaufmännischem wie auf

dem juristischen Gebiet, er war fleißig und energisch. Seinen Chef wußte

er zu jeder Zeit und in beinahe allen vorkommenden Fällen in

vertrauenerweckender und überzeugender Weise zu vertreten. Zudem hatte

er eine saubere Handschrift. Hell von Verstand und mit lebhaftem

Interesse begabt war es diesem Wirsich ein Leichtes gewesen, die

Geschäfte seines Brotherrn zu dessen vollkommener Zufriedenheit ganz

selbständig zu führen. In der Führung der Bücher war er sogar

mustergültig. Alle diese Eigenschaften nun konnten zuzeiten mit einem

Mal gänzlich verschwimmen, und zwar in der Trunkenheit. Wirsich war kein

junger Mann mehr, er zählte ungefähr fünfunddreißig Jahre, und das ist

ein Alter, wo gewisse Leidenschaften, wenn sie der Träger nicht vorher

gelernt hat zu bezwingen, ein schreckliches Aussehen und eine furchtbare

Ausdehnung anzunehmen pflegen. Der Alkoholgenuß machte jeweils, das

heißt von Zeit zu Zeit aus diesem Menschen ein wildes, unvernünftiges

Tier, mit dem begreiflicherweise nichts anzufangen war. Mehrfach wies

ihm Herr Tobler auch die Tür und befahl ihm, seine Sachen zu packen und

sich nie wieder blicken zu lassen. Wirsich ging dann auch, fluchend und

Beleidigungen ausstoßend, zum Haus hinaus, kehrte aber jeweils, sobald

er wieder er selber geworden war, mit einem zerknirschten

Armesündergesicht zu der Schwelle zurück, die nie wieder zu betreten er

ein paar Tage vorher im Unfug und Wahnsinn seiner Betrunkenheit heftig

geschworen hatte. Und Wunder: Tobler behielt ihn immer wieder. Er hielt

ihm bei solcher Gelegenheit je eine gesalzene Strafpredigt, wie man sie

auch ungezogenen Kindern gegenüber anwendet, sagte ihm aber dann, er

könne dableiben, man wolle über das Vergangene einen Schleier werfen und

es nochmals mit ihm probieren. Das geschah vier oder fünf Male. Wirsich

hatte etwas Unwiderstehliches an sich. Dies trat besonders hervor, wenn

er den Mund zu einer Bitte oder Abbitte auftat. Er erschien in diesem

Fall so vollkommen reuig und unglücklich, daß es den Toblers warm und

heiß wurde und sie ihm verziehen, ohne daß sie sich Rechenschaft gaben,

warum eigentlich. Dazu kam noch der sonderbare, wie es schien, tiefgehende

Eindruck, den es Wirsich verstand auf die Personen weiblichen Geschlechtes

zu machen. Es ist als ziemlich sicher anzunehmen, daß auch Frau Tobler

diesem fremdartigen Zauber, diesem Unerklärlichen, nicht widerstand. Sie

respektierte ihn, solange er ruhig und vernünftig blieb, und mit dem

Rohling und Wüstling hatte sie ein ihr selber ganz unerklärbares

Mitleiden. Schon sein Äußeres war ja wie für das Urteil der Frauen

geschaffen. Seine scharfen, männlichen Gesichtszüge, in der Schärfe und

Sicherheit durch eine blasse Hautfarbe noch unterstützt, sein schwarzes

Haar, seine tiefliegenden, großen, dunklen Augen gefielen ebenso

unwillkürlich wie eine gewisse Trockenheit, die seinem ganzen sonstigen

Auftreten und Wesen anhaftete. Eine solche Hausbackenheit macht in der

Regel den Eindruck der Herzensgüte und der Charakterfestigkeit, zwei

Erscheinungen, denen keine fühlende Frau widersteht.

Der Gehülfe · 第 1 / 20 段