Mit dieser Zerstörung der Wand bekommt natürlich der Pfeiler einen

um so größeren Wert. War er noch in Noyon (Abb. 49) der Wand einfach

vorgelagert, hindern selbst noch in Reims (Abb. 54 ~a~), wo die Wand

schon fast ganz zerstört ist, die horizontalen Triforiensimse, die

über ihn hinweggeführt sind, sein freies Emporsteigen, so sind in

Straßburg (Abb. 55) alle diese Hemmnisse verschwunden, und der Pfeiler

entwickelt eine ganz neue Kraft. Seine Gliederung, um nicht zu sagen

Spaltung durch die Nebenpfeiler (Dienste), die sich um den Kern legen,

gibt ihm dieselbe pfeilschnelle Aufwärtsbewegung wie der korinthischen

Säule ihre Kannelüren -- ich sage absichtlich der korinthischen, denn

es handelt sich hier nicht um eine lineare Wirkung, sondern um eine

durchaus malerische, die auf der Differenz zwischen hellen Höhen und

dunklen Tiefen beruht. Es genügt nun nicht mehr, alle Gewölberippen und

Gurte in den Pfeilern bis zur Basis hinab zu führen und die Pfeiler

dadurch zu gliedern -- die Rippen und Gurte selbst werden aufs feinste

profiliert, in den mannigfachsten Zierformen abgestuft und alle diese

Gliederungen nun im Pfeiler bis zur Basis herab durchgeführt, so daß

eine äußerst fein gegliederte Stütze entsteht, die aber immer mehr den

Charakter des wirklich tragenden Gliedes verliert, immer stärker den

Sinn einer Aufwärtsbewegung bekommt. Sogar die viereckige Grundform des

Pfeilers wird aufgegeben, die dem Auge die Möglichkeit der tektonischen

Orientierung bot, und ein runder Kern tritt an seine Stelle, der nur

noch Schattenhintergrund ist. Es ist selbstverständlich, daß die

einzelnen Teile des Pfeilers denselben Gesetzen folgen. Wie die Basis

nicht mehr strenge Trennung, sondern zart abgestufte Vermittlung

zum Erdboden ist, so ist das Kapitell nicht mehr kräftiger Träger

des Gewölbes, sondern nur noch überleitendes Glied. Es ist selbst

vollkommen malerisch geworden. Hatte schon beim spätromanischen

Kapitell das Ornament sich immer mehr vom Kern gelöst, so tritt nun in

der Gotik an Stelle des Ornaments überhaupt das realistische Laubwerk,

wie einst das korinthische Kapitell die spitzige Akanthusranke an die

Stelle der ionischen Voluten setzte. Auch die Gotik wählt lappiges und

gezacktes Laub, das Eichen- und Efeublatt, Ahorn- und Weinlaub, unter

deren bis ins feinste ausmodellierten Formen der Leib des Kapitells,

der den Pfeilerprofilen folgt, allmählich fast völlig unwirksam wird.

(Abb. 56). Und es ist von derselben Art, wenn man den Wasserspeier,

der früher einfaches Röhrenende war, jetzt als phantastische Tierform

gestaltet.

[Illustration: Abb. 57. Grundriß des Domes zu Köln.]

Wie Wand und Pfeiler kommt der ganze Bau in Auflösung. Man hat

inzwischen gelernt, daß man mit Hilfe des Spitzbogens auch das

gestreckteste Joch überwölben kann. So wird nun im Mittelschiff das

große Joch des sechsteiligen Gewölbes in zwei Joche zerlegt, in

deren jedem sich nur noch zwei Diagonalrippen kreuzen, und auf das

nun nicht mehr zwei Joche des Seitenschiffes entfallen, sondern nur

noch eines (Abb. 54 ~a~, Abb. 57). Wenn bisher je sechs Pfeiler mit

ihren Rippen sich zu einer Travee (Joch) vereinigten, so bedeutete

diese gewissermaßen ein Sammelbecken für einen großen Teil des

Mittelschiffsraumes. Die Aneinanderreihung der neuen schmäleren

Traveen, die nur noch vier Pfeiler vereinigen, von denen jeder zugleich

Rippen nach dem Nachbarjoch entsendet, bedeutet eine Verkettung

des ganzen Schiffes. Diese ist um so vollständiger, als nun auch

alle Pfeiler gleichmäßig gestaltet nebeneinander stehen und mit

der Scheidung in Haupt- und Nebenpfeiler das letzte Prinzip fällt,

woran ein ordnender Geist in diesem Raum sich zurechtfinden könnte;

diese Abfolge gleichmäßiger Traveen gewährt dem Auge nirgends einen

Ruhepunkt auf dem Wege zum Chor. Der setzt ohne Trennung die Bewegung

fort, wird auf gleiches Niveau mit dem Schiff gebracht und nicht mehr

durch feste Schranken, sondern einen zierlichen Aufbau gegen die

Gemeinde geschieden, der von der Verlesung der Episteln und Evangelien

den Namen Lettner (lectionarium) erhält. Aber noch mehr -- der Chor

selbst hört auf, Abschluß des Kirchenraumes zu sein. Er wird nicht nur

weiter hinausgeschoben, sondern die inneren Seitenschiffe werden als

Umgang, die äußeren als Kranz von Kapellen, der die Krypta mit den

Reliquienaltären entbehrlich macht, um ihn herumgeführt. Wenn früher

die Chorwand mit den Apsiden die Schiffe gleichmäßig abschloß, so

trifft nun das Auge nicht nur überall auf dieselben hohen Fenster, die

schon die Mittelschiffswand aufgelöst hatten, sondern es wird auch von

diesen Reihungen immer weiter geführt, rings um den Chor herum, ohne

je ein Ziel zu erreichen. Diese Umformungen der Wand, des Grundrisses

und der immer kühner ansteigenden Gewölbe wirken zusammen, um dem Raum

jede Einheit, jede Geschlossenheit zu nehmen. Die Auflösung aller

Begrenzungen ist eine so vollkommene, daß er sich nach allen Richtungen

in unendliche Fernen zu erstrecken scheint. Auch hier ist an die Stelle

der zweckvollen Gestalt die eindrucksvolle getreten.

[Illustration: Abb. 58. Köln. Dom. Fassade.]

Die Außenseiten von Schiff und Chor werden vollkommen vom Strebesystem

beherrscht (Abb. 54 ~b~). Denn an denselben Stellen, an denen innen

die Pfeiler stehen, setzen sich außen die wuchtigen Strebepfeiler

an. Es war selbstverständlich, daß diese Stützen um so kräftiger

werden mußten, je eleganter die Pfeiler des Innenraums wurden. Aber

auch dieser Wucht, dieser breiten Schwere arbeitet man entgegen und

versucht, durch das Aufsetzen einer türmchenartigen Spitze (Fiale)

dem Pfeiler dieselbe Richtung nach oben zu geben, die der Innenraum

hatte. So bereitet die ganze Außenseite jene vollkommene Auflösung

des Baues nach oben, jene weiche Überführung in die Lust hinein

vor, die die Schmalseite vollendet. Daß sich in ihr der Eindruck

des Baues summieren soll, lehrt allein schon die Verschiebung des

Hauptportals hierher. Wenn man jetzt vom Hauptportal aus das Schiff

betritt, so hat man den ganzen Innenraum vor sich; bis in den Chor

hinein reiht sich vor dem Auge Joch an Joch, Pfeiler an Pfeiler.

Und es ist wichtig, daß, wenn noch Notre Dame in Paris (Abb. 51)

die Portale gleichmäßig an der Fassade verteilte und durch strenge

Pfeiler sonderte, sie sich beim Kölner Dom (Abb. 58) und seinen

hochgotischen Zeitgenossen nach der Mitte zusammendrängen. Gerade der

Vergleich dieser beiden Kathedralfronten, der frühgotischen und der

hochgotischen, lehrt die Konsequenz der Stilentwicklung, die sich

in kaum einem Jahrhundert vollzogen hat. War in Paris immerhin noch

die artikulierende Aufteilung vorherrschend, so scheint jetzt die

Fassade durch den malerischen Wechsel von Licht und Schatten in den

Abstufungen von Wand und Pfeilern geradezu wellenartig bewegt. Das

ist eine Folge derselben Auflösung der Wand, die sich im Innern ergab

und mit der hier dieselbe Steigerung der Vertikaltendenz Hand in Hand

geht. Wenn in Paris noch jedes Stockwerk vom anderen durch horizontale

Glieder getrennt war, wenn selbst in Reims diese Glieder noch wirksam

waren, freilich schon durch Vertikalen zerrissen, so ist nun in der

Fassade des Kölner Domes die Vertikaltendenz die einzig maßgebende.

Man sehe, wie schon in den beiden untersten Stockwerken die Quersimse

durch spitze Giebel (Wimperge) verdeckt werden, die von den Fenstern

und Portalen aufsteigen, wie dann, wenn im dritten Stock die Türme

ins Achteck übergehen, alles, was sie nicht in ihren Körper aufnehmen

können, selbständig nach oben aufgelöst wird, die senkrechten Pfeiler

zwischen den Türmen durch Fialen und die Front des Mittelschiffes,

obgleich durch die Türme aufs äußerste komprimiert, durch einen

Wimperg. Die Türme aber sind die Vollendung -- noch in Notre Dame

endigten sie im ersten Stockwerk, und es scheint mir fraglos, daß

sie dort nicht unvollendet sind, sondern so niedrig endigen sollten,

da doch die Glocken keines höheren Aufbaues bedurften. In Köln aber

spricht der Zweck überhaupt nicht mehr mit, sind die Türme die Träger

der vertikalen Auflösung geworden. Immer steiler werden sie, und immer

wird, was der Turmkörper übrig läßt, durch Fialen restlos nach oben

aufgelöst, bis schließlich an den Krabben, den kleinen vorspringenden

Ornamenten des Turmhelmes hin das Auge zur strahlenförmig auflösenden

Kreuzblume emporgleitet. Es ist wichtig, daß sich unter ihr der Turm

schon enger zusammengeschlossen hat. So ist sie wie eine Fackel, deren

Flammen in die Luft schlagen.

So also ist der ästhetische Eindruck der gotischen Kathedrale bedingt,

den man als das Emporheben der Seele über das Irdische hinaus

definiert hat, ein reiner Gefühlsausdruck also, wie alle Triebe in

diesem Zeitalter tiefster Hingabe an die Gottheit Gefühlstriebe

sind. Die Architektur ist Mittel, nicht Zweck, der Dom nicht Haus,

sondern Mittler zwischen Himmel und Erde. Dasselbe Gefühl, das die

Raumweitung des Pantheon entstehen ließ, entwickelt auch die des

gotischen Domes, nur daß der antike Mensch sich, sozusagen, selbst

in den Raum erweitert, der mittelalterliche Dualismus sich zu Gott

emporhebt, indem er sich von der Erde entfernt. Es ist kein Zufall, daß

die Schönheit des Innenraumes am eindringlichsten ist in der Morgen-

und Abenddämmerung, wenn das unsichere Licht mit feinem Finger Säulen,

Pfeiler und Wölbungen betastet. Hat man doch dieses unkräftige Gleiten

des Lichtes durch die Farbigkeit der Glasfenster ein für allemal zur

Eigenschaft des Raumes gemacht. Der Gegensatz zwischen romanischer und

gotischer Kirche ist nicht nur der äußerliche von Wandfestigkeit und

Wandzerstörung, von horizontaler und vertikaler Linie, sondern der

innere des zweckvollen und des für den Eindruck geschaffenen Bauwerkes.

Allein es zeigt sich gerade an der Differenz dieser beiden Stile,

daß nur, solange man zweckvoll baut, die äußere Erscheinung mit dem

inneren Sinn des Bauwerkes in Einklang steht, während das Bauen auf den

Eindruck hin sofort Zwiespältigkeiten ergibt. Die romanische Kirche

folgerte Innenbau und Außenbau in gleicher Weise aus dem Zweck, und das

Resultat war eine vollkommene Einheit. Der gotische Baumeister dagegen

arbeitet auf den Gefühlseindruck hin, erreicht in ihm das Letzte und

Tiefste, aber mit je feineren Sinnen man an sein Werk herantritt, desto

stärker drängen sich die Disharmonien auf.

Schon die Verteilung der Funktionen des Tragens und Getragenwerdens

will uns nicht recht harmonisch scheinen. Es widerstrebt uns, daß die

Arbeit des Stützens auf den Außenbau abgewälzt wird, um den Eindruck

des Innenraumes zur höchsten Freiheit zu steigern. Während beim

romanischen Bau die Mauer innen und außen gleich fest war, sehen wir

beim gotischen innen nicht recht, wo die Gewölbe ihren Halt finden, und

außen nicht, was diese ungeheuren Strebepfeiler zu tragen haben. Das

ist nicht nur ästhetische Reflexion. Je freier und kühner Pfeiler und

Gewölbe im Schiff emporsteigen, desto unübersichtlicher und verworrener

wird das äußere System, so daß vor allem an der Außenseite des Chores

das ungeschulte Auge in den sich kreuzenden Linien der Pfeiler, Fialen

und Bogen nur schwer Klarheit zu schaffen vermag. Dazu kommt eine

arge Divergenz der Richtungen. Zwang das senkrechte Aufsteigen der

Gewölbe die Steine in eine vertikale Lage, die ihrem bodensuchenden

Schwergewicht nicht angemessen ist, so wohnt dem Strebepfeiler, dem

bodenfestesten Glied am Bau, diese ruhende Tendenz ganz außerordentlich

intensiv inne (Abb. 48). Die kleine Fiale, durch die man den Pfeiler

dennoch dem Trieb zur Höhe einzufügen sucht, wird eine lächerlich

kraftlose Dekoration, die auf dem ungeheuren Pfeilerleib sitzt wie der

Vogel auf dem Dach und seiner tektonischen Wucht nicht das geringste

anzuhaben vermag. Für das Auge aber entsteht ein unangenehmes Hin- und

Herzerren hemmender und hebender Kräfte.

Nun könnte man ja das für nicht so wesentlich halten, da die Absicht

augenscheinlich dahin geht, die steigende Tendenz hauptsächlich in

der Turmfront auszudrücken, in ihr gewissermaßen den ganzen Bau zu

summieren und emporzuheben. Allein er wird tatsächlich hier nicht

summiert. Vielmehr ist die Turmfront ganz lose vorgelagert wie eine

Kulisse und steht in keinem architektonischen Zusammenhange mit dem

Langhaus. Denn das Langhaus legt den Hauptton auf das Mittelschiff,

während die Front im Gegensatz dazu die Wand des Mittelschiffes zu

einer schmalen Fläche zusammendrückt und die wichtigste Vertikallinie,

die der Türme, von den Seitenschiffen aus emporführt. So kommt es,

daß eintürmige Fassaden, wie die von Freiburg i. B., einen wesentlich

harmonischeren Eindruck machen. Im allgemeinen aber entsteht hier eine

neue Disharmonie. Denn die Anlage der Portale innerhalb dieser Fassade

führt, wie wir gesehen haben, den Nahenden sofort ins Mittelschiff,

betont das Mittelschiff auch äußerlich, und mit dieser Richtung nach

der Mitte hin ergibt die nach außen zerrende Bewegung der Türme eine

Dissonanz, die dem empfindlichen Auge einen Eindruck macht wie die

Exekution des Vierteilens. Man hat die Empfindung einer Zwiespältigkeit

hier auch schon früher gehabt, nur blieb sie an dem äußerlichen Symptom

haften, daß die Seitenportale neben sich einen gleichbreiten Raum

übriglassen, den je ein Fenster füllt, und so die untere Turmfront in

häßlicher Weise gespalten wird. So äußerlich dieses Symptom ist, so ist

es doch bezeichnend für die Uneinheitlichkeit des Gefüges.

[Illustration: Abb. 59. Karlsreliquiar. Bologna.]

Wenn es alledem gegenüber noch fraglich sein könnte, daß die Gotik

kein tektonischer, sondern ein malerischer, ein Bewegungsstil ist, so

würde das Kunstgewerbe dafür den vollen Beweis erbringen. Wir haben

oben festgestellt, daß das Email in der noch malerisch empfindenden

ottonischen Zeit transluzid, im strengen romanischen Mittelalter

opak ist. Und nun ist es gewissermaßen die Probe aufs Exempel, daß

mit der Gotik sofort wieder das transluzide Email auftritt, als

durchsichtiger Schmelz auf Silbergrund. Ja, die flächenzerstörende

Tendenz ist so stark, daß man in den Silbergrund die Gestalten

modelliert, um nur ja einen räumlichen Eindruck, eine Tiefenwirkung

zu erzielen. Der Vergleich mit spätrömischen Trinkschalen, die

Hochreliefs auf dem Grunde tragen, über welchen der Wein ganz ähnlich

schimmern mußte, liegt auf der Hand. Allein das ist nur ein Schritt

weiter auf jenem Wege der Auflösung, die wir vom streng-romanischen

zum spät-romanischen Stil verfolgt hatten, und auf dem die Gotik

konsequent weiterschreitet. Denn der Reichtum der Dekoration, den

schon der Übergangsstil ausgebildet hatte, steigert sich jetzt

bis zur Zierlichkeit, bis zur Eleganz. Das Mittel dazu ist das

gleiche, das die gotische Architektur anwendet, um den gleichen

Eindruck hervorzubringen, ist die Wertsteigerung des Ornaments und

der Dekoration gegenüber der tektonischen Grundform. Kelch und

Ciborium, Chorgestühl und Altaraufsatz werden zierlich durchlöchert

und schlankgestreckt. Der gotische Reliquienschrein beispielsweise

behält nicht nur den ornamentalen Reichtum und die Freiskulpturen der

spätromanischen Form bei, sondern wird vollkommen zur dreischiffigen

Kirche ausgestaltet mit Strebepfeilern und Strebebögen, mit Spitzbögen,

Maßwerk und Fensterrose, mit Fialen, Krabben und Kreuzblume und dem

vollständigen Figurenschmuck des Portals. So wird hier dasselbe

zierliche Emporstreben wie in der Kathedrale, dieselbe Auflösung der

Wand spielerisch zur Wirkung gebracht. Das ist nicht, wie eine bekannte

Geschichte des Kunstgewerbes sagt, streng und sachlich. Denn ein

solcher immerhin nicht großer Schrein bedarf nicht der Strebebögen,

um sein Dach zu tragen, des Portales, um betreten zu werden, oder

gar der Beleuchtung durch das obendrein noch von innen geschlossene

Rosenfenster.

[Illustration: Abb. 60. Portalskulpturen an der Kathedrale zu Reims.]

Man wird verstehen, daß auf diesem Wege die Hauptsache, das eigentliche

Reliquienbehältnis, unwichtig werden mußte gegenüber dem Schmuck. Aber

auch das liegt tief im neuen Gefühl begründet. Man will nicht mehr

nur ein Reliquienbehältnis schaffen, sondern in ihm einen Teil der

Kirche und des Gottesdienstes, und es wird allmählich zum Attribut des

Schmuckes, der dieses Gefühl auszudrücken vermag. War im romanischen

Stil die Ornamentik dem Reliquiar untergeordnet, so wird das Verhältnis

nun umgekehrt. So kommt es, daß bei einem Aachener Reliquiar mit

der Darstellung Christi im Tempel der Reliquienbehälter nur als

Altar dient, um den sich die großen getriebenen Figuren der Gruppe

vereinigen, oder bei einem Bologneser Reliquiar (Abb. 59) die nur

mit Krabben und Fiale geschmückte Reliquienkapsel von Engeln getragen

wird, die die eigentliche künstlerische Aufgabe darstellen. Es war

selbstverständlich, daß zu gleicher Zeit das parallele bürgerliche

Aufbewahrungsgerät, die Truhe, aufhört, ein nur zweckmäßiger Kasten

zu sein und ihre Wandung durch bauliche, figürliche und pflanzliche

Ornamente zerstört wird. Und zugleich erklärt es die Entwicklung im

gemalten Buch, dessen Blätter am Rand zackiges Pflanzenornament für das

Auge auflöst, während gleichzeitig an Stelle der runden romanischen

Letter die eckige gotische tritt.

So wird allmählich die Unterordnung des Schmuckes unter den Zweck

vollkommen aufgehoben, und mit ihr endet jene organische Verbindung

beider, die den romanischen Stil so einheitlich machte. Die Architektur

gibt die Plastik frei, und diese entwickelt sich zu einer Kunst von

hoher, selbständiger Schönheit. Sie hat eine Kraft und Größe des

Ausdrucks erreicht, vollkommen gleichwertig der Kunst des Perikleischen

Zeitalters, in der sich eine gleiche Befreiung für sie vollzog.

Skulpturen aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, wie die im Bamberger und

Naumburger, Straßburger und Freiburger Dom, und die Meisterwerke in

Amiens, Chartres und Reims (Abb. 60), sind von so gehaltener Größe, daß

ihre edle Art mit unmittelbarer Gewalt uns gegenübertritt. Auch in der

Gotik handelt es sich, wie in der klassischen Antike, um das Erfassen

des Menschen als einer plastischen Form. Wenn Walter v. d. Vogelweide

sagt:

Ich saß auf einem Steine,

Ließ ruhen Bein auf Beine,

Darauf mein Ellenbogen stand,

Und hielt geschmiegt in meine Hand

Mein Kinn und eine Wange.

(Übertr. Obermann.)

so ist das eine Haltung, die für die bildende Kunst der Gotik

typisch ist, und es ist kein Zufall, daß diese energische Bewegung

fast die Haltung des antiken „Dornausziehers“ ist. Sicher hätte die

romanische Zeit diese Haltung als unfein empfunden. Sie bedeutet die

vollkommene Herauslösung des Körpers aus der Gebundenheit, seine

Bewegung nach allen Richtungen. Aber es kann sich für die Gotik --

nicht aus religiösen Gründen, sondern weil ihre Wirklichkeit so ist

-- ebenso nur um den bekleideten Körper handeln, wie für die antike

Menschheit nur um den nackten. Der Meister unserer Gruppe stellt

männliche Kraft und Frauenzartheit beinahe antithetisch einander

gegenüber, aber nicht realistisch, sondern gebändigt durch das Gefühl

des Statuarischen in ihnen, und der Plastiker des Naumburger Domes

formt +Ideal+porträts fürstlicher Männer und Frauen, deren Sinn, so

paradox es klingt, allein im realistischen Charakterisieren liegt. Aber

alle diese Gestalten sind innerlich und formal noch gebunden. Erst

das 14. Jahrhundert bedeutet für das Mittelalter dasselbe wie das 4.

Jahrhundert v. Chr. für das Altertum, und die Folgen sind die gleichen.

Auch in der gotischen Skulptur, etwa der Dome von Ulm und Augsburg,

steigert sich der Ausdruck einerseits zu stärkerem und momentanerem

Realismus, andererseits zu immer schmiegsamerer Grazie (Abb. 61). Bei

hochgotischen Gestalten, auch denen des Bologneser Reliquiars, ist die

weibliche Zartheit des Reimser Kopfes zur Zierlichkeit verfeinert,

umzuckt ein preziöses Lächeln den fein geformten Mund, ebenso typisch

für die gotische Grazie wie die schmiegsame Biegung des Körpers,

die „gotische Kurve“. Diese geschwungene Linie, die sich bei der

Reimser Skulptur schon leise in dem großen Faltenzug ankündigte, der

von der Hüfte zum Fuß ging, hat sich jetzt zu einer Bewegung von

edelster Eurythmie entwickelt. Wie das Lächeln eine Steigerung des

Gesichtsausdrucks, ist die Kurve eine Steigerung des Körperausdrucks,

die Hüften, Brust und Knie in Form und Linien elegant herausbiegt.

Fraglos ist die nächste Parallele die praxitelische Kunst vom 4.

Jahrhundert v. Chr. ab, die Hüfte und Bein ebenso weich heraustreten

läßt, und es sind in Pergamon ganz frappante Analogien zutage gekommen.

Allerdings muß berücksichtigt werden, daß sie immer architektonisch

gebunden ist etwa durch irgendeinen Mauerpfeiler, an dem die Figur

steht, im Bologneser Reliquiar durch den Parallelismus der beiden

Engel. Isoliert würde sie unerträglich wirken.

[Illustration: Abb. 61. Gotische Skulptur (Kluge Jungfrau). Gmünd.

Kreuzkirche.]

Das Lächeln und die gotische Kurve sind beide nur Symptome für die

gesteigerte Charakteristik, die die Gotik in Bewegung und Handlung

allmählich aus der Baugebundenheit entwickelt hat. Und wie die Dramatik

der Einzelfigur, steigert sich auch die Dramatik der Handlung. Das

Relief hat sich aus der romanischen Gestaltenreihung zur Erzählerin

von Vorgängen, zunächst in frieshafter, dann in räumlicher Anordnung

entwickelt. Jede unpersönlich starre Form ist bewegt geworden. Der

Stil des Lebens selbst muß damals erregter geworden, das Blut rascher

durch die Adern der Völker geflossen sein als in der romanischen Zeit.

Unmöglich, daß die Zeit, die an die Stelle der Legenden das ritterliche

Epos setzte und das Minnelied, an die Stelle des Glaubens die Mystik

und die scholastische Philosophie, nicht ein kräftig erregtes Leben

gelebt haben solle. Man nehme die Entwicklung des geistlichen Dramas.

War es in romanischer Zeit ein Spiel, das von den Priestern mit den

Worten der Bibel in ernstem Gesang aufgeführt wurde, ein tatsächlicher

Bestandteil des Gottesdienstes, so läßt die Gotik am Grabe Christi die

Frauen klagen, den Engel frohlocken, kurzum sie bringt den Affekt,

bringt die Erregung. Es ist von derselben Art, wenn seit dem Beginn

der Gotik der ganze Reichtum der biblischen und legendaren Themata zur

Ausschmückung der Kirche und des Buches das Programm hergeben muß, wenn

die ganze kirchliche Weltanschauung mit ihren abstraktesten Gedanken in

Stein und Farben ausgedrückt wird. Szenen, die der Handlung bedürfen,

und an deren Darstellung man vor dem 13. Jahrhundert kaum dachte,

werden nun plötzlich beliebte Themata, wie die Krönung Mariä im Himmel,

deren Geschichte geradezu eine Geschichte der Gruppenbildung ist. Wenn

früher das Jüngste Gericht dargestellt wurde, so thronte Christus über

den Auferstehenden mit der unbeugsamen Starrheit des Weltrichters.

Jetzt wird seine Geste dramatisch, und er verdammt in der Erregtheit

des Zornes. Unzweifelhaft ist diese anthropomorphe Auffassung ebenso

eine Herabminderung der Hoheit, wie etwa das Emporschweben des

früher von Engeln zum Himmel getragenen Christus oder die erregten

Gespräche der Apostel beim Abendmahl. So wird nun auch die Seligkeit

im Paradies, die Verdammnis in der Hölle mit ganz irdischen Zügen

ausgemalt, und es ist ganz sicher kein Zufall, daß schon vor 1200

zugleich mit den ersten Eindrücken der französischen Frühgotik die

detaillierten Höllenschilderungen der byzantinischen Kunst eindringen

und daneben fast abstrakte Allegorien auf Christi Heilssendung und

die Gottesmutterschaft. Es ist kulturhistorisch wichtig, daß stets

zu gleicher Zeit zwei entgegengesetzte Bewegungen zersetzend auf die

Religion einwirken, die Philosophie und der Aberglaube, beide als

Abweichungen vom Gleichmaß der Weltanschauung. Dieser Zersetzungsprozeß

beginnt in Leben und Stil der frühen Gotik, und die späte Gotik

vollendet ihn.

Neuntes Kapitel.

Die Spätgotik.

Die Lockerung der Formen, die schon die hohe Gotik erreicht hatte,

steigert die späte Gotik des 15. Jahrhunderts, deren Zentren zunächst

Burgund, dann Deutschland und die Niederlande sind, zur Zerrissenheit.

Aus der ziellosen Bewegung wird die richtungslose, und auf das

Ausschalten des Zweckgefühls folgt die Tyrannis des Ornaments. Wenn

schon die Fialen an den gotischen Strebepfeilern der dekorativen

Verkleidung tektonischer Notwendigkeiten dienten, werden jetzt auch

Fenstermaßwerk und Wimperg, profilierte Rippen und Pfeilergliederungen

derselben Absicht dienstbar gemacht, alles aus seinem Zusammenhang

gerissen und an beliebigen Stellen rein als Schmuck angesetzt, gedreht

und gebogen, ausgezackt und umrankt. Naturalistische Motive werden

mit Architektur- und Bandformen vermengt, und eine durch nichts mehr

gezügelte Phantasie gibt jeder Einzelform überraschende Reize. Man hat

in Frankreich geradezu von einem „~Style flamboyant~“, einem züngelnden

Stil, gesprochen. Was früher frei stand, wird jetzt als Rahmenwerk

benutzt, und was früher als Stütze diente, hängt jetzt herab. Der

Reichtum an Schmuckwerk wird die Schönheit an sich; eine unverzierte,

standfeste Wand würde man als uninteressant empfunden haben (Abb. 62).

[Illustration: Abb. 62. Straßburg. Dom. Laurentius-Portal.]

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Erster Band.: Vom Altertum bis zur Gotik · 第 8 / 10 段