Das Kreuzgewölbe ist in Frankreich, wohl an der Kirche von Cluny,

zuerst zur Einwölbung des ganzen Baues verwandt worden. Zwar hatte man

in ganz Deutschland, wie schon auseinandergesetzt, kleinere Räume mit

Kreuzgewölben einzudecken verstanden (Abb. 44). Aber zur Einwölbung der

ganzen Kirche gelangt Deutschland doch erst mit dem gegen 1100 erbauten

Dom zu Mainz (Abb. 47). Sein System kann geradezu als Schulbeispiel

für dieses Stadium des romanischen Stiles gelten. Mit Graten, den

scharfen Kanten aneinanderstoßender Gewölbefelder, die zu zweit zum

Halbkreis sich zusammenschließen, kann man ohne Gefahr des Einsturzes

nur quadratische Felder überwölben, und da beim Mainzer Dom die Kurve

nur ganz wenig vom Halbkreis zum Spitzbogen abweicht, so war man

gezwungen, alle Gewölbejoche möglichst quadratisch zu machen und auf je

ein Mittelschiffsquadrat zwei Seitenschiffsquadrate zu rechnen. Diese

Notwendigkeit, die natürlich in der ganzen ersten Zeit romanischer

Gewölbetechnik vorhanden war, und für die der Dom zu Mainz ein bis zu

monumentaler Größe strenges Beispiel ist, bedingt einen Rhythmus der

Architektur, der der romanischen Gesetzmäßigkeit durchaus willkommen

sein mußte. Denn man ist dadurch gezwungen, zwischen die Hauptpfeiler

je einen Nebenpfeiler einzuschieben, der die Last des quadratischen

Seitenschiffsjoches aufnimmt (sog. gebundenes System). Das genügt. Denn

es ist der große Fortschritt des Gratgewölbes gegenüber der Flachdecke,

die auf einer fortlaufenden Mauer liegen muß, daß die Last der sich

gegenseitig stützenden Kappen großenteils auf den runden Gurten und

Mauerbögen ruht, so daß man zwar deren Endigungen durch Pfeiler

unterstützen muß, aber die Mauern, auf denen die Gewölbe ruhen, weniger

tragfähig zu machen braucht. So werden beim Dom von Mainz durch die

Halbsäulen und die hinter ihnen liegenden Pfeiler die rundbogigen Gurte

zwischen den Gewölbequadraten getragen, die zugleich die ästhetische

Funktion erfüllen, die Gewölbejoche voneinander zu scheiden. Die

beiden anderen Kappen ruhen zwar noch auf den Mauern des Schiffes,

allein auch von ihrer Schwere wird so viel durch die Bögen aufgenommen,

daß es möglich ist, die Obermauer des Mittelschiffes zwischen den

Pfeilern schwächer zu bauen. Allerdings ist das nur rechts und links

des Mittelpfeilers angängig, der die Last des Seitenschiffsgewölbes

aufnimmt, und auf den durch kleinere Bögen in der Mauer zugleich die

Last des darüberliegenden Teiles der Obermauer übertragen wird. Die

folgenden Bauten, die Dome von Speyer und Worms, bilden das System

noch stärker aus, lehnen an die Hauptpfeiler, die die Gurte tragen,

Nebenpfeiler an, die die Grate aufnehmen, und höhlen zwischen diesem

starken Tragegerüst die Mauern so sehr aus, daß die vom kleineren

Mittelpfeiler aus an der Wand heraufgeführten Bögen die Fenster der

Obermauer miteinschließen. Es ist sehr die Frage, ob die Durchbrechung

hier nicht schon so stark ist, daß man ein Recht hat, vom vertikalen

Emporstreben der Pfeiler zu sprechen gegenüber der horizontalen

Richtung romanischer Baulinien, und die Bauten bereits den Vorläufern

der Gotik in Deutschland, die man zum sog. Übergangsstil zusammengefaßt

hat, zuzurechnen. Denn beim Dom zu Worms ist auch an den Außenseiten

die Verbindung der Türme mit dem Hauptbau bereits sehr eng, ihre Form

sehr steigend, der ganze Aufbau sehr der Gotik angenähert, die dann die

Mauern auflöst und die Türme völlig in den Bau einbezieht.

Mit diesen Bauten bricht die konsequente Stilentwicklung in Deutschland

fast plötzlich ab. Aus welchen Gründen, wird noch zu erörtern

sein. Wenn Frankreich bereits in diesem letzten halben Jahrhundert

bahnbrechend war, so übernimmt es nun für die Epoche der Gotik

vollkommen die Führung, und was Deutschland schafft, ist zunächst nicht

viel mehr als umwertende Kopie.

Siebentes Kapitel.

Die Anfänge der Gotik.

Es ist heute keine Frage mehr, daß die Gotik, die man in der

romantischen Zeit des 19. Jahrhunderts als den deutschen Stil an sich

ansah, in Frankreich geboren wurde. Von diesem Lande gehen nach der

strenggesinnten romanischen Epoche alle Regungen eines modernen Geistes

aus. Die Scholastik nimmt von hier ihren Ursprung, die zuerst wieder

das philosophische Denken neben den reinen Glauben stellt, kirchliche

Reformbewegungen, wie die der Cluniacenser, die vielleicht die

Gratwölbung mit sich nach Deutschland geführt hat, die modischen Sitten

des Rittertums, der Minnesang, die mystische Erregung der Kreuzzüge

und die gotische Kunst. In diesem Lande, in dem man zuerst von der

flachgedeckten zur gewölbten Basilika überging, vollzieht sich nun auch

die Weiterentwicklung der Wölbungstechnik, wird der Schritt vom Grat

zur Rippe, vom Rundbogen zum Spitzbogen getan (Abb. 48). Die Rippe ist

ein ummantelter Grat, der dadurch aber eine sehr erhebliche Verstärkung

seiner Tragkraft gewonnen hat. Denn während der Grat nur eine Linie

ist, die den Druck des Gewölbes gewissermaßen in sich summiert, ist

die Rippe ein Körper, ein Gebilde mit eigener Tragfähigkeit, das den

Druck der Gewölbe in sich aufzunehmen vermag. Bedeutet so das Eintreten

des Rippengewölbes an Stelle des romanischen Gratgewölbes schon ein

wesentliches Hinausführen über das romanische Prinzip, so bedeutet die

konstruktive Verwendung des +Spitz+bogens den neuen Stil. Denn während

beim Halbkreisbogen, wie die romanischen Grate und Gurte ihn bildeten,

die Steinschichten der Gewölbekappen nebeneinanderliegen, und so immer

der Seitenschub wirkt, der der stützenden Mauer bedarf, liegen die

Schichten beim steileren Spitzbogen übereinander, der Seitendruck ist

fast ganz aufgehoben und in einen Druck nach unten verwandelt, der sich

an den vier Eckpunkten des Gewölbefeldes summiert (Abb. 48 ~e~). So

ist es möglich, die Mauer, die nun keinen Seitenschub mehr trägt und

damit ihre eigentliche Funktion verloren hat, zu durchbrechen, wo man

irgend will. Dagegen ist es notwendig, diese Eckpunkte, auf denen nun

ein ungeheurer Druck liegt, zu stützen, und dazu genügen nicht einmal

die gewaltigen Pfeiler des Kirchenschiffes. Sie müßten einknicken

unter der Last, die sich auf sie türmt, wenn nicht auch sie an den

empfindlichsten Stellen gestützt würden.

Dazu dient das Strebesystem. An den gefährdetsten Punkten eines

jeden Pfeilers, vor allem dort, wo das Gewölbe in ihn übergeht,

werden freigeführte Bögen, sog. Strebebögen (~c~), angesetzt, die

den Druck nach außen auf einen gewaltigen, massiv gemauerten Pfeiler

(~a~) ableiten. Diese sog. Strebepfeiler, die an die Außenwand

der Seitenschiffe angelehnt sind und dort zugleich den Schub der

Seitenschiffsgewölbe aufnehmen, sind Mauerklötze von ungeheurer Stärke.

Sie sind die eigentlichen Träger des Gewölbeschubes. Andererseits

aber müssen auch innerhalb der Kirche im Scheitelpunkt des Joches

die Gewölberippen zusammengehalten werden, wenn sie sich nicht

voneinander lösen sollen (~e~). Das geschieht durch einen einzigen fest

hineingekeilten Stein, den Schlußstein, dessen wichtige Baufunktion

meist durch ornamentalen Schmuck besonders betont wird.

[Illustration: Abb. 48.

Gotisches System. (Kathedrale zu Amiens.)

~a~) Strebepfeiler.

~b~) Fiale.

~c~) Strebebogen.

~d~) Triforium.

~e~) Gewölbe mit Rippen und Schlußstein.

]

[Illustration: Abb. 49. System der Kathedrale von Noyon.]

Dieses ganze System, das es ermöglicht, die Kathedrale vollkommen

auf Stützen zu bauen und die Wand überflüssig zu machen, entwickelt

sich trotz der Gesetzmäßigkeit, mit der in ihm jeder Teil den andern

bedingt, erst ganz allmählich zur vollkommenen Freiheit. Obgleich in

der französischen Frühgotik der zweiten Hälfte des 12. Jahrh., in den

Kathedralen von Paris, Laon, Noyon u. a. bereits alle wesentlichen

Elemente des Systems vorhanden sind, sind sie doch noch keineswegs

vollkommen ausgenutzt. Hatte doch die romanische Architektur in der

Mauer den einzigen Träger der Eindeckung gesehen, und die Tendenz

dieser neuen Kunst war die ganz entgegengesetzte, die vollkommene

Ausschaltung der Wand. Betrachtet man das System einer solchen

frühgotischen Kathedrale, etwa der von Noyon (Abb. 49), genauer,

so sieht man, wie schrittweise die Entwicklung von der gewölbten

romanischen Basilika her sich vollzieht. Aus den rundbogigen Graten

sind zwar schon spitzbogige Rippen geworden, aber was hier zugrunde

liegt, ist doch noch vollkommen das gebundene romanische System, in

dem auf ein Mittelschiffsjoch zwei Seitenschiffsjoche kamen. Wir sahen

auch schon, wie bei den spätromanischen Domen von Worms und Speyer

die mittleren Pfeiler, die ursprünglich nur die Seitenschiffsgewölbe

aufnehmen sollten, in die Höhe geführt wurden, um auch noch einen

Teil des Druckes von Obermauer und Gewölbe aufzunehmen und die Wand

zu entlasten. Dieser Funktion werden sie jetzt weit intensiver

dienstbar gemacht. Denn nun werden auch von ihnen aus Halbpfeiler mit

Gewölberippen in die Höhe geführt, um sich mit den Hauptpfeilern in

die Last des Gewölbes zu teilen. Zwar gelten die Mittelpfeiler auch

jetzt noch, wie in Mainz (Abb. 47), allzu deutlich als Nebenpfeiler,

denn während bei den Hauptpfeilern die Gliederung des Gurtes und der

Rippen bis zur Erde durchgeführt ist, ruhen sie auf einem säulenartig

gebildeten Träger, wie um anzudeuten, daß sie mehr zum Nebenschiff

gehören als zum Hauptschiff, mehr stützen als tragen. Aber die

Funktion stellt sie doch schon vollkommen den Hauptpfeilern gleich.

Denn jedes Gewölbejoch wird gleichmäßig von den sechs Rippen getragen,

die es durchschneiden, und dieses sog. sechsteilige Gewölbe ist das

charakteristische Kennzeichen der französischen Frühgotik. Auch die

Durchbrechung der Wand schreitet weiter. Gegenüber der Kraft der

romanischen Mauer scheint sie förmlich zerfetzt. Die hohen Fenster zu

oberst, darunter die kleine, nur als Trennung wirkende Zwerggalerie

(Triforium), schließlich die Bogenöffnungen der Empore über dem

hochgewölbten Seitenschiff, all das bedeutet ihre völlige Auflösung.

Und wenn auch die Simse und Gliederungen noch vollkommen horizontal

laufen, wie die romanischen, so werden sie doch beherrscht durch die

strebende Vertikale der Pfeiler, die so charakteristisch für den neuen

Stil der Gotik ist. Wenn auch die Form dieser Stützen noch säulenhaft

rund, der freitragende Teil im Kirchenschiff geradezu noch eine Säule

ist, so bedeutet doch die neue Kapitellform, das Hörnerkapitell,

bereits eine Auflösung des Kapitell-Leibes durch eine Knospenform, ihre

Biegung eine Abkehr von der Last, die an die Wirkung der ionischen

Volute erinnert (Abb. 50). Daß sich der Spitzbogen hier, wie an

vielen anderen Bauten der Zeit, in der Dekoration noch nicht überall

durchgesetzt hat, beweist nur, daß solche äußerlichen Kennzeichen für

die Zuweisung an einen Stil gar nicht maßgebend sind.

[Illustration: Abb. 50. Frühgotisches Hörnerkapitell. Paris, Notre

Dame.]

Wie im Innenbau dringt der Spitzbogen nun auch im Außenbau immer mehr

durch. Schon die Aufreihung der Strebepfeiler an den Längswänden

hätte es unmöglich gemacht, diese auch jetzt noch als Hauptwände der

Kirche anzusehen. Die Schmalseite (Abb. 51) wird jetzt der wichtigste

Fassadenteil, und von der ästhetischen Bedeutung dieses Schrittes wird

noch die Rede sein müssen. Hier befindet sich jetzt das Hauptportal,

hier sind die Haupttürme. Denn diese stehen jetzt nicht mehr lose neben

dem Bau, sondern sind ihm organisch eingegliedert, ja, beginnen die

Fassade nach oben aufzulösen. Freilich verlaufen nur die Pfeiler an den

Turmecken vom Erdboden auf konsequent in vertikaler Richtung. Noch sind

die wagerechten Linien der Simse und der Statuengalerie mächtig genug,

um immer wieder die horizontale Richtung zur Geltung zu bringen und

nicht mehr als eine bloße Durchbrechung der Wand zuzulassen. Denn das

ist die Absicht etwa des großen Radfensters (Fensterrose), das den Raum

zwischen den Türmen ausfüllt, der hohen malerisch dekorierten Fenster

im Turm, des feinen Maßwerks der obersten Galerie. Auch die Skulptur

ist hier keineswegs mehr so organisch dem Bau eingegliedert, sondern

bedeutet in der Königsgalerie über dem Portal ebenso wie in den noch

immer energisch abgetreppten Portalen zwar eine verstärkte Betonung der

Richtungen, aber eine Auflösung der Form.

Es ist nun diese frühe Form der französischen Gotik, die von

Deutschlands Stilentwicklung entscheidend fortgeführt wurde. Mit dem

großen französischen Kulturstrom kam auch die Kenntnis von Stil und Art

der Gotik nach Deutschland hinüber, das schon durch die Entwicklung

seiner spätromanischen Baukunst auf so bewegte Formen vorbereitet war

und sie geradezu als die Lösung der eigenen Aufgaben ansehen mußte;

aber es scheint, als hätte man der Schnelligkeit der französischen

Entwicklung nicht mit gleicher Elastizität zu folgen vermocht. Denn die

deutsche Kunst des 13. Jahrhunderts wird noch nicht mit ihr zu einer

Einheit des gotischen Stilgebietes, sondern sie übernimmt einzelne

Formen, einzelne Symptome des fremden Stiles fast regellos, so daß oft

eine fast barocke Mischung von romanischen und gotischen Elementen

entsteht. Unsere kunsthistorischen Handbücher gliedern diesen sog.

Übergangsstil nach seinen Ornamentformen immer dem romanischen Stil

an, allein er ist ohne Kenntnis der gleichzeitigen französischen

Frühgotik nicht denkbar. Gerade an solchen Grenzgebieten wird klar,

daß die Stilbenennungen Klassifikationen sind, die der Erkenntnis des

lebendigen Stromes der Kunst nur hindernd im Wege stehen. Das Linnésche

System leistet zwar dem Botaniker bei der Bestimmung der Pflanze

gute Dienste, aber die biologische Kenntnis ihres Lebens fördert es

nicht. Die Bezeichnung Übergangsstil ist aus deutschen Verhältnissen

gefolgert, ohne Beziehung zum allgemeinen Kunstschaffen, ist aus der

Erscheinung geschlossen, anstatt aus den Stilbewegungen.

[Illustration: Abb. 51. Paris. Notre Dame. Fassade.]

In der Tat ist man in Deutschland von den französischen Stilabsichten

abhängig. Hatte schon die gewölbte Basilika von Worms die Türme in

den Organismus des Baues aufgenommen, so fällt ihnen jetzt, im Beginn

des 13. Jahrhunderts, ebenso wie in Frankreich, die Funktion zu, den

Bau nach oben aufzulösen. Mag das durch zwei Türme geschehen, wie in

Limburg oder Andernach, oder durch einen, wie in Neuß, immer ist trotz

der Rundbogenformen diese Auflösung wirkungskräftig, um so mehr, als

die Türme sich in den Dachlinien zuzuspitzen beginnen. Aber es ist

bezeichnend für die allmähliche Verarbeitung der gotischen Tendenzen,

daß man die neuen Stilforderungen, die Auflösung durch die Türme und

die Zerfaserung der Wand, noch durch den Rundbogen auszudrücken sucht.

Nur die runde Fensterrose wird, was verständlich ist, übernommen,

auch sie aber als einfaches Loch in der Mauer; sonst besteht die

Auflockerung der Außenwand darin, daß das romanische Bauelement immer

formenreicher, immer bunter in der Verbindung von Lisenen, Bogen,

Rundbogenfriesen und Fenstern wird, die sich schichtenweise in die

Mauer hineinfressen. So wird die Wand allmählich vernichtet, bis ihre

Fläche in bunten, licht- und schattenreichen Wechselbewegungen für

das Auge kaum mehr herauszulösen ist. Wir werden später sehen, daß

die Ausbildung dieses malerischen Prinzipes eines der wichtigsten

Ergebnisse des gotischen Stiles ist.

Im Innenbau wird nicht nur das spitzbogige Rippengewölbe übernommen,

sondern oft das ganze System, samt den Hörnerkapitellen, wie man

in Limburg (Abb. 52) das Noyon nahe verwandte Laon in Wand und

Gewölbe fast vollkommen kopierte. Nur daß der mittlere Halbpfeiler

in Limburg nicht bis nach unten durchgeführt, sondern mit einer

Konsole an den romanischen Pfeiler angesetzt ist, macht den Eindruck

des Aufgepfropften, zeigt, daß das fremde System noch nicht ganz zum

eigenen Besitz geworden ist. In Freiberg i. S. entsteht damals ein

Prachtportal mit reichem Skulpturenschmuck, die sog. goldene Pforte,

die im Thema vollkommen französisch ist. Aber sie ist noch rundbogig,

und nur die kräftige Betonung des Scheitelpunktes durch die Dekoration

verrät die Bekanntschaft mit der neuen Tendenz des Spitzbogens.

[Illustration: Abb. 52. Limburg a. L. Dom. Inneres.]

[Illustration: Abb. 53. Marien-Reliquiar im Dome zu Aachen.]

Aber wenn auch diese Verbindungen anderswo noch lockerer sind, so liegt

das eben darin begründet, daß man das fremde Kunstgut sich erst zu

eigen machen muß. Bis in ganz paralleler Weise die deutsche Spätgotik

die italienische Renaissance verarbeitet hatte, hat länger gedauert.

Auch hier bestätigt die allmähliche Vernichtung des rein zweckgemäßen

Aufbaues im Kunstgewerbe und des Flächenstils im Dekor unsere

Erfahrungen über den Parallelismus der Künste. Der Kelch, früher von

straffer Form, die Fuß, Kuppa und Knoten streng schied (Abb. 46),

verliert allmählich diese Kraft. Das Reliquiar (Abb. 53) ist nicht

mehr ein einheitlicher kastenartiger Behälter, sondern wird durch die

Dekoration in Teile zerlegt, von denen jeder einzelne mit dreifach

gerundetem Kleeblattbogen oder gar schon mit spitzem Winkel ebenso

allmählich verläuft, wie die Krönung mit einem durchbrochenen Kamm

die Festigkeit des oberen Abschlusses vermindert. Dieses Auflösen der

Form, das die anderen Gattungen des Gerätes in gleicher Weise der

strengen Gestalt beraubt, wird aber erst vollendet durch das Verlassen

des Flächenprinzips beim Ornament. An seine Stelle tritt plastischer

Schmuck. Ein reiches Spiel verknoteter Ranken zerfasert im Kelch zuerst

den Knoten, dann allmählich auch die Zweckglieder, Kuppa und Fuß. Das

Filigran wird nun nicht mehr gleichmäßig auf den Grund gelegt, sondern

löst sich in zierlichster Kräuselarbeit überall von ihm los. Die

Heiligen werden nicht mehr mit Email, Gravierung oder Niello in die

Wandfläche des Reliquiars gezeichnet, sondern treten in plastischer

Treibarbeit, zuletzt, im 13. Jahrhundert, als vollkommene Freifiguren

vor sie hin (Abb. 53). Denn selbstverständlich greift dieser

Zersetzungsprozeß auch auf die Figurenzeichnung über. In der Wand- und

Buchmalerei werden die Linien der Gewänder zunächst faltenreich, dann

wirr und kraus, schließlich in den seltsamsten knittrigen Brüchen und

Zick-Zack-Linien gezeichnet.

Darin beruhte auch das erregende Moment für die Weiterentwicklung der

Plastik. Bei den Portalen von Notre Dame in Paris (Abb. 51) und ihren

Zeitgenossen fügt sich zwar der Skulpturenschmuck noch der Architektur

ein, und die stärkere Abstufung, die die Skulpturenreihen im Gewände

bedeuten, hat das romanische Hineinführen noch verstärkt, fast in

ein Hineinreißen verwandelt. Andererseits aber sprengen die großen

Figuren in den Leibungen, die hohen Reliefs im Tympanon die Ruhe des

Architektonischen. Die Einzelfiguren mußten allmählich immer mehr aus

dem Gewände heraustreten, immer mehr zu Freiskulpturen werden, während

im Relief die gebundene Ruhe und die Isoliertheit der einzelnen Figur,

die sie zum Architekturglied machte, verschwinden mußte. Parallel

damit mußte auch die Bewegung immer freier, immer selbständiger

werden, mußten die Gestalten zueinander in Beziehung treten und an

Stelle der einfachen Aufreihung die Gruppe, die Handlung setzen. All

das mußte dazu führen, die Plastik aus einer Dekorationsweise zu

einer selbständigen Kunst zu entwickeln. Auf dieselbe Art wird auch

die Malerei immer mehr der Wand- und Buchmalerei abgewandt und zur

selbständigen Kunst, zur Tafelmalerei. Es ist dieselbe Umwandlung, die

Hellas während des dorischen Stiles durchführte. Indessen fallen diese

Entwicklungsgänge wesentlich bereits in die Epoche der vollendeten

Gotik.

Achtes Kapitel.

Die hohe Gotik.

Um 1250 zieht dieses Stilwollen die letzte Folgerung, wird die

klassische Form der gotischen Kathedrale gefunden, das System, das oben

(Abb. 48) besprochen wurde. Seine Hauptschöpfungen sind in Frankreich

die Dome von Reims, Chartres, Amiens, in Deutschland die von Marburg,

Straßburg, Freiburg und Köln. War in Noyon (Abb. 49) die Wand in ihrer

ganzen Ausdehnung, wenn auch durchbrochen, so doch vorhanden, so hat

in Reims (Abb. 54 ~a~) die Durchbrechung die Wand völlig aufgezehrt.

Ihr ganzer oberer Teil zwischen den Pfeilern ist in große Fenster

verwandelt, und nur dort, wo das Pultdach des Seitenschiffes ansetzt,

muß sie stehen bleiben, wird aber durch die dekorative Triforiengalerie

verkleidet. Im Straßburger Dom (Abb. 55), und in anderen Kathedralen

des 14. Jahrhunderts fällt auch dieser letzte Rest der Mauer. Die

Dächer der Seitenschiffe werden flach, so daß der kleine Raum unterhalb

des Triforiums für sie genügt. So wird die Triforiumsmauer gleichfalls

zum Fenster und ihre Galerie unten ebenso Fenstergliederung wie das

Maßwerk oben. Dieses Maßwerk ist ein Stabwerk, in reichen Formen zackig

gegliedert und kantig profiliert. Es hält nicht nur, wie das romanische

Fenstergerüst, das Glas fest, sondern hat selbständigen ornamentalen

Wert.

[Illustration:

_a_ _b_

Abb. 54. _a_ Inneres und _b_ äußeres System des Domes zu Reims.]

[Illustration: Abb. 55. Straßburg. Dom. Inneres.]

Diese Teilung des Fensters ist ungemein wichtig; im Zusammenhang mit

der Glasmalerei, die nun an die Stelle der Wandmalerei treten muß und

die Fenster mit ornamentalen und figuralen Darstellungen überkleidet,

bedeutet sie, daß für das Gefühl dieses Stils selbst das Fenster noch

viel zu flächenmäßig, selbst die Glaswand noch viel zu wandmäßig ist

und durch das Maßwerk geteilt, durch die Malerei tief durchschimmert

und so des Flächenwertes beraubt werden muß.

[Illustration: Abb. 56. Gotisches Pfeilerkapitell. Reims, Kathedrale.]

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Erster Band.: Vom Altertum bis zur Gotik · 第 7 / 10 段