Diese verschiedenartigen Stilrichtungen strömen nicht nur am Kaiserhof

zusammen, sondern senden einen Zweig an diesen, einen anderen an jenen

Ort, entsprechend dem Wirkungskreis der Männer, die sie verbreiten.

Dort pflanzt sich dann die Tradition fort; es bilden sich Kunstschulen,

und wir können diese für die karolingische Zeit so scharf trennen, wie

die Malerschulen der italienischen Renaissance, und teilweise sogar die

Klöster bestimmen, in denen die Stilformen daheim waren. Daß dabei die

Kleinkünste jeder Art die eigentlichen Werte schaffen, zeigt, daß im

Grunde die karolingische Kunst des Nordens und die frühchristliche des

Südens dieselbe Stilstufe repräsentieren. Namentlich die Schreibstube

von Reims, die auch Elfenbeinschnitzereien und Goldschmiedearbeiten

geschaffen hat, hat sich in ihren Erzeugnissen klar heraussondern

lassen, und es ist bezeichnend, daß sie, wohl die edelste Stätte

karolingischer Kunst, in rein spätantikem Geiste schafft. Auf einem

Blatt aus einem Kodex in Aachen (Abb. 40) sind die vier Evangelisten

dargestellt, vor ihren Schreibpulten sitzend, inspiriert von ihren

Symbolen, denen sie sich zuwenden. Die Bewegungen sind nicht nur

mit aller Freude an ihrem Reichtum differenziert, sondern so frei

und kühn, dabei so kompliziert, daß die antike Grundlage für

diesen Impressionismus unzweifelhaft ist. Mit wenigen großzügigen

Farbenstrichen ist der volle Wurf der Mäntel, sind die Gesichter, die

lichtumflossenen Bäume der Landschaft zu räumlichen Erscheinungen

geformt, die vier gesonderten Evangelistenbilder, die offenbar die

Grundlage bildeten, so zusammenkomponiert, daß die Landschaften in

Licht und Luft zusammengehen. Indessen, so kräftig auch das Nachleben

der Antike in den Werken der karolingischen und selbst noch der

ottonischen Kunst in Deutschland ist, so ist es doch eben nur ein

Nachleben. Inzwischen waren schon die ersten Anregungen jenes neuen

Stiles, den wir in Italien kennen gelernt haben, über die Alpen nach

Deutschland gelangt.

Schon zur Zeit Karls des Großen hatte sich die Basilika auch in

Deutschland neben den Zentralbau -- der bedeutendste ist eben das

Aachener Münster -- gestellt. Aus ihr formt sich allmählich jener

Architekturstil, den wir unter dem Namen des „romanischen“ kennen. Die

Geschichte seiner Ausbildung ist vorläufig noch wenig geklärt. Seine

ältesten Werke im 10. Jahrhundert sind bereits vollkommen schöne

Erzeugnisse seiner Art.

[Illustration: Abb. 40. Die vier Evangelisten. Karolingische

Buchmalerei. Aachen.]

Es ist von vornherein anzunehmen, daß wir die wichtigsten Denkmale

des neuen Stiles in Deutschland zu suchen haben werden. Denn nachdem

Deutschland und Frankreich unter den Nachfolgern Karls sich getrennt

hatten, hatte sich der Schwerpunkt des christlichen Europas immer mehr

nach Osten verschoben. Im romanischen Mittelalter ist Deutschlands

Volkskraft die mächtigste, und ihre Stärke konzentriert sich in den

innersten Gebieten des Landes, in den Ländern am Harz und an der Elbe.

Hier ist die Heimat der kräftigsten Kaisergeschlechter der Zeit, hier

gründen sie ihre Burgen und ihre Kirchen, hier hat auch der romanische

Stil seine vollkommenste Ausbildung erfahren. Es ist ungemein

interessant zu verfolgen, wie der antike Impressionismus noch in der

Buchmalerei der ersten Sachsenkaiser, der Ottonen, nachlebt, sich aber

von antiker Art immer weiter entfernt, immer zeichnerischer wird, bis

er schließlich, ganz linear geworden, sich dem Stil der romanischen

Kunst vollkommen eingliedert.

Das ist der Weg der allgemeinen Zeitkultur. War in karolingischer

Zeit der Klerus die geistliche, wie der Staat die weltliche Macht,

war die Bildung mannigfaltig, das Erbteil der Antike noch nicht ganz

verzettelt, so stellen sich nun Kirche und Staat immer schärfer

gegeneinander, bis Kaisermacht und Papsttum, Adel und Klerus einander

als Feinde gegenüberstehen, die um die Macht in der Welt ringen. Da

aber die Kirche den Geist der Menschen völlig beherrscht, ist sie

nun der einzige Träger dessen geworden, was man damals unter Bildung

verstehen kann, und diese Bildung selbst wird vollkommen kirchlich.

Wenn bis in die ottonische Zeit die Geschichtschreibung blüht, wenn

noch unter Otto dem Großen die Nonne Roswitha ihre geistlichen Dramen

nach antikem Vorbild schreibt, so wird weiterhin die Literatur

vollkommen christlich, und ihre Themen werden nicht einmal mehr der

Bibel entnommen, sondern der Heiligenlegende. Und die Geschlossenheit

dieser kirchlichen Weltanschauung, die immer ärmer, aber auch immer

fester wird, steht im engsten Zusammenhang mit der Geschlossenheit der

Stilanschauungen.

Der romanischen Kirche liegt die Anlage der altchristlichen Basilika

zugrunde. Was sie von diesem Vorgänger unterscheidet, ist die

konsequentere Durchbildung, die organischere Gestaltung. Die Vorhalle

wird verkleinert und in den Bau miteinbezogen, das Querschiff energisch

ausgebildet, der Chor als Raum für die Geistlichkeit zum wichtigsten

Teil der Kirche gemacht und über das Niveau des Schiffes erhoben, so

daß unter ihm in einer Art Untergeschoß Platz für die Gruftkirche,

die Krypta, bleibt. Dem wichtigen Ostchor wird oft im Westen noch ein

zweiter Chor gegenübergestellt.

So bedeutet die romanische Kirche in allen Teilen eine Steigerung

der altchristlichen Bautendenz. Grundriß und Aufbau, Außenbau und

Innenbau sind in ebenso vollkommener Einheit mit dem Organismus des

Baues wie das Baudetail, das sich nie über ihn hinausdrängt, um nicht

durch eigenes Leben die größere Harmonie zu stören. Wir haben in der

romanischen Kirche das organisch vollkommenste Bauwerk zu sehen, das

seit dem dorischen Tempel geschaffen worden ist. Daß unsere Zeit das

bisher nicht erkannt hat, liegt daran, daß sie Reichtum mit Schönheit

verwechselt und so dazu kam, den romanischen Bau mit dem Worte

langweilig abzutun, anstatt seinen Stil zu verstehen. Man muß lernen,

architektonische Klarheit und architektonische Schönheit als eines zu

nehmen, wenn man diesen Werken gerecht werden will.

[Illustration: Abb. 41. Hildesheim. St. Godehard. Äußeres.]

[Illustration: Abb. 42. Portal der Marienkirche in Gelnhausen.]

Es kommt hinzu, daß der Grundtypus schon früh umgeformt worden ist und

wichtige Denkmale zugrunde gegangen sind, so daß es schwer hält, die

klassische Form herauszuschälen. Das sächsische Land, aus dem, wie wir

sahen, in der Blütezeit des Stiles die deutschen Kaiser erwuchsen, hat

sie vielleicht am klarsten, am vollkommensten ausgeprägt.

St. Godehard in Hildesheim (Abb. 41) ist ein klargeformtes, edles Werk

des frühen 12. Jahrhunderts. Jeder Teil des Grundrisses, Mittelschiff

und Seitenschiffe, das sie schneidende Querschiff und die Altarapsiden

sind im Außenbau ausgedrückt und streng in ihrer Gestalt begrenzt.

Scharf, ohne Übergang stoßen die Mauerkanten aufeinander. Die

Mauerfestigkeit des Baues bleibt auch für das Auge vollkommen gewahrt.

Wandgliederungen treten nur als belebende Begleitung auf, mit derselben

Absicht, aber durchgebildeter in der Form wie bei der altchristlichen

Basilika. Ein Sockel grenzt die Wand gegen den Boden ab, ein Fries

von kleinen Bögen (Rundbogenfries) läuft den Dachlinien entlang und

bezeichnet scharf den horizontalen Abschluß, in den seine Zacken die

ganze Wand aufnehmen; flach hervortretende Mauerverstärkungen, Lisenen,

verbinden Rundbogenfries und Sockel über die Wand hinweg und setzen so

Wand und Gliederung in Einheit. So bleibt die Mauer auch für das Auge

die starke Außenbegrenzung des Baues. Die Türme stehen nicht mehr lose

neben dem Bau, ohne jede Beziehung zu ihm, aber sie drängen sich auch

nicht in ihn hinein. Sie sondern sich klar vom Gebäude, dem sie doch an

den Ecken den festen Abschluß geben. Dort, wo der Turm zum Innenraum

Beziehung hat, an dem wichtigen Punkte, wo Langschiff und Querschiff

sich kreuzen, der sog. Vierung, bindet er sie wie mit stark geschürztem

Knoten zusammen. Man muß die Meinung fallen lassen, die seit der

Pseudogotik des 19. Jahrhunderts bei uns herrschend ist, es müsse

die wichtigste Seite einer Kirche die Schmalseite sein, der Eingang

hier zwischen den Türmen liegen, sonst wird man der Schönheit dieser

Bauten nicht gerecht. Denn die Schmalwand ist bei ihnen ungegliederte

Mauer. Der Eingang liegt an der Langseite, der wichtigsten, da sie

den Bau in seiner ganzen Erstreckung umfaßt. Das romanische Portal

ist ein Gebilde von gleicher Selbstverständlichkeit (Abb. 42). Es

ist nicht dem Nahenden entgegengeführt oder durch einen Rahmen von

der Mauer geschieden, wie in der Renaissance, sondern lautlos in die

Wand eingetieft; die Gewändeleibungen streng von den Archivolten

(Bogen) scheidend, schließt es sich immer enger zusammen und zieht den

Nahenden förmlich in sich hinein, nicht aufdringlich, aber mit der

sicheren Kraft architektonischer Notwendigkeit. Wie sicher hier das

Stilgefühl schafft, dafür mag ein Beispiel genügen. Die italienische

Kirche der gleichen Zeit überdacht ihr Portal mit einem Baldachin,

der auf löwengetragenen Säulen ruht, und da sich hier das Portal an

der Schmalseite befindet, läßt man die Löwen senkrecht aus der Wand

heraus dem Nahenden entgegentreten. Man wußte immer, daß ein solches

italienisches Portal dem der Kirche von Königslutter bei Braunschweig

zum Vorbild gedient haben mußte, das die gleichen auf Löwen ruhenden

Säulen zeigt, und wußte doch nichts Rechtes damit anzufangen, denn

hier stehen die Löwen zu beiden Seiten des Portals einander zugewandt,

eng an die Wand geschmiegt. Allein das ist von unserm stilistischen

Standpunkte aus ganz folgerichtig. Denn das Portal befindet sich

hier eben an der Langseite, ihr müssen die Löwen sich einschmiegen,

und gerade die Logik dieser Umwandlung des Vorbildes zeigt, wie die

Gesetzmäßigkeit des architektonischen Gefüges hier jedes Bauglied

durchdringt.

[Illustration: Abb. 43. Hildesheim. St. Michael. Inneres.]

Für die organische Klarheit des sächsischen Innenbaues, die dem

Gefüge des Außenbaues entspricht, kann St. Michael in Hildesheim als

klassisches Beispiel gelten (Abb. 43). Wie bei der altchristlichen

Basilika führen auch hier die Reihen der Stützen auf die Apsis zu,

aber nicht in so hastiger Linie; ernster, strenger macht hier der

tektonische, rhythmisch gliedernde Stützenwechsel von Pfeilern und

Säulen den Weg, wie der Triglyphen- und Metopenfries des dorischen

Tempels strenger ist als der fortlaufende Fries des ionischen. Das

Querschiff begegnet ihm, aber Bögen auf starken Pfeilern begrenzen nach

allen vier Seiten das Vierungsquadrat. Aus ihm führt eine Treppe in

die Krypta (Abb. 44) mit den Heiligengräbern der Kirche hinab, von ihm

nimmt der Chor, der Raum für die Geistlichkeit, seinen Anfang. Erhöht

und häufig durch reliefgeschmückte Schranken vom Schiff getrennt,

ist er nicht mehr die einfache Nische der altchristlichen Kirche,

sondern ein weit hinausgeschobener Raum, der für die größere Zahl

der Geistlichen Platz bieten muß. Aber noch immer hat er dieselbe

Funktion, als rundgeschlossene Nische den Schall der Worte, die am

Altar gesprochen werden, zu sammeln und den Chorraum zugleich kräftig

abzuschließen. So ist der Innenbau logisch gefügt wie der Außenbau.

Auch seine Schönheit beruht auf der klaren Abgrenzung der Teile

gegeneinander und dem klaren Ausdruck ihrer Funktionen. Man sieht, wo

außen die Dächer der Seitenschiffe ansetzen, wo das Querschiff, wo

der Chor beginnt. Daß die Fenster erst in der freien Obermauer des

Mittelschiffes durchgebrochen werden können, ist selbstverständlich,

aber es ist auch kein Versuch gemacht, sie irgendwie, etwa durch

dekorative Halbsäulen, mit den Stützen der Wand zu verbinden.

Das bringt erst das Ende des romanischen Stiles zugleich mit der

Einwölbung. Hier aber ist die Decke noch eine hölzerne Flachdecke, die

das Gebäude oben so wandgemäß abschließt, wie die Mauern an der Seite,

und den Blick zusammen mit der Felderteilung der Obermauer sicher

nach dem Altare lenkt. Und selbst, wo die Decke in dieser strengen

Zeit schon gewölbt ist, über kleineren Räumen, wo die technischen

Schwierigkeiten nicht so groß sind, über der Krypta etwa und allenfalls

über den Seitenschiffen, ist die Wölbung flach und ruhig begrenzend.

[Illustration: Abb. 44. Köln. St. Gereon. Krypta.]

Jedes einzelne Bauglied ist mit dieser Logik gesättigt. Die tragende

Säule (Abb. 44) ist hier ebenso sachgemäß gegliedert wie die tragende

Mauer außen. Eine Platte trennt die Säule energisch vom Boden ab, dem

sie doch durch ihre quadratische Form stärker angehört als die Basis

über ihr, zu der Eckblättchen hinüberführen, und die durch ihre Rundung

schon als zur Säule gehörig empfunden wird. Ungegliedert ruht der

Schaft auf ihr, nicht aufwärts strebend, wie die kannelierte dorische

Säule, sondern objektiv tragend; er endigt in einem Kapitell, dessen

Rundung in einen vierkantigen Würfel übergeht (Würfelkapitell, Abb.

44) und so den runden Schaft hinaufführt in den kantigen Bogenansatz.

Diese Form der romanischen Säule ist die struktivste, weil sie die

architektonischen Funktionen am klarsten aufzeigt, aber die Formen

sind ungemein variabel. Ganz abgesehen von dem Eckblatt, das dem

Steinmetzen jede Freiheit der schöpferischen Phantasie gestattet, wird

oft das Kapitell mit reichgeformtem Schmuck umkleidet, der Schaft mit

Flechtwerk umschnürt, selbst regelrecht kanneliert. Immer aber sind

diese Ornamente streng stilisiert, gehen ihre Formen eng mit denen der

Säule zusammen; immer ist die Säule klar gegliedert, ist sie bei allem

Reichtum stark und kraftvoll, niemals bloße Dekoration. Wie energisch

sind die reichen Kapitelle von St. Michael in Hildesheim (Abb. 43);

die Säulen sind hier um nichts schwächer als die kräftigen viereckigen

Pfeiler zwischen ihnen, die nichts als vierkantiger Mauerrest sind, und

deren Sims nur die Stützen klar vom Bogenansatz scheidet. Wir hätten

heute in ihnen die Formen der Säulen kopiert und das Sims als Kapitell

gestaltet. Der romanische Stil aber ist ehrlich bis zur absoluten

Zweckschönheit.

[Illustration: Abb. 45. Sündenfall an der Decke von St. Michael zu

Hildesheim.]

Es ist kein Zufall, sondern notwendige Logik, daß in dieser Kunst

Freiplastik und Tafelmalerei vollkommen fehlen. Gleich dem dorischen

Stil erkennt der romanische die Zweckkünste als die entscheidenden

an, denen die „hohe Kunst“ sich unterordnen muß. Die Plastik, selbst

die figurale, dient dem Schmuck der Bauwerke, ihrer Säulen, Wände

und Portale, und bei dem Wert der Wand für die Stileinheit ist hier

das flache Relief das erforderte Ausdrucksmittel. Die Darstellung

des thronenden Christus zwischen Heiligen in der Lünette des

Portals von Gelnhausen (Abb. 42) ist typisch. Das ruhige Enface der

Gestalten in einer Aufreihung, die ohne den geringsten Versuch zur

Gruppenbildung fast raumlos wirkt, die lineare Zeichnung der Gewänder

macht sie zum flächenhaften Architekturornament. Aber gerade dadurch

fügen sie sich dem Organismus des ganzen Baues so logisch ein,

wie die Giebelskulpturen dem Tempel von Ägina, und ihre religiöse

Hingegebenheit ist um so stärker, je weniger die Naturbeobachtung

mitspricht. Die wenigen anderen, stets tektonischen Arten der

Plastik, die Grabplastik etwa, schaffen die gleichen Formen unter

den gleichen Bedingungen. Der Malerei steht in der Kirche der breite

Raum der Obermauer des Mittelschiffes, die Fläche der Holzdecke zur

Verfügung, ferner als ungemein reiches Feld die Ausschmückung von

Tausenden und Tausenden geschriebener Bücher. Sie darf im Buch die

Fläche des Blattes, an der Wand die Fläche der Mauer nicht sprengen

durch Tiefenwirkung. So ist ihr zeichnerischer Charakter bedingt. Die

Miniaturen der ottonischen Zeit, etwa des 10. Jahrhunderts, hatten wie

die gleichzeitige Architektur noch manches von antiken Formen, noch

vieles von antikem Impressionismus, von antiker Haltung und Bewegung

der Gestalten besessen. Aber schon im 10. Jahrhundert beginnt, wie wir

sahen, die Erstarrung, vollzieht sich ein Übergang zur zeichnerischen

Darstellung, in der das Ornament eine große Rolle spielt, und zugleich

zur kanonischen Festlegung der Bildtypen. Das 12. Jahrhundert bedeutet

die Vollendung dieses Prozesses, der unter Mitwirkung byzantinischer

Vorlagen vor sich geht. Aber sie sind keine Eindringlinge. Kein

Künstler und keine Epoche erfährt irgendwelche Einflüsse, ohne sie als

schön zu begehren. Losgelöst vom Räumlichen, ohne jede Tiefenwirkung,

ohne jeden Augenblicksausdruck in den Gesichtern der Gestalten,

nur dem Bild hingegeben, sind diese Malereien von einer Größe, die

über jedes Irdische hinwegführt. Man nehme eine Darstellung des

Sündenfalles, wie Meister Rathmann sie im 12. Jahrhundert an die Decke

der Michaeliskirche zu Hildesheim gemalt hat (Abb. 45), und daneben

die Auffassung Dürers vom gleichen Gegenstand (Bd. II, Abb. 12). Dem

Meister der deutschen Renaissance ist der Sündenfall eine Genreszene,

die in einem freundlichen, baumreichen, von buntem Getier bevölkerten

Garten vor sich geht und noch heute so vor sich gehen könnte. Dem

mittelalterlichen Maler, der sich mit den allerknappsten Andeutungen

begnügt, um den monumentalen Stil der Wandmalerei nicht zu verlieren,

der die Bäume durch Ranken, die Gesichter in der strengen Form der

byzantinischen Kunst, das Darreichen und Empfangen des Apfels ohne

jede Erregung gibt, ist sie die ernste, hieratisch streng gebildete

Handlung, die den Fluch des Menschengeschlechtes bedeutet. Das

Räumliche, das Individuelle hätte hier den irdischen Maßstab gegeben,

der zu klein ist, um das Mysterium der Erbsünde in ihn zu fassen. Erst

die Loslösung von jedem menschlichen Maß bedeutet die Loslösung vom

Alltäglichen.

[Illustration: Abb. 46. Romanischer Kelch von Wilthen.]

Es ist interessant, daß die Buchmalerei genau die gleichen Wege geht

wie die Wandmalerei. So selbstverständlich das ist, so beweist es uns

doch, daß auch hier wieder Kunstgewerbe und Monumentalkunst denselben

Gesetzen folgen. Auch das Kunsthandwerk formt und gliedert zweckgemäß.

Das Reliquiar steht fest auf dem Boden und schließt oben kräftig

ab. Der Kelch (Abb. 46), dessen Entwicklung aus den zierlichsten

Trinkgefäßen des Altertums sich schrittweise verfolgen läßt, nimmt

mit breiter Kuppa den Wein auf, steht auf kräftig verbreitertem

Fuß, und der Knoten in der Mitte faßt die Teile zusammen wie die

Vierungskuppel Lang- und Querschiff des Domes. Genau wie die Mauer

oder die Buchseite braucht seine Wandung gleichmäßig flächenhafte

Zeichnung, wenn ihre abschließende Kraft nicht leiden soll. Deshalb

sind die flächenmäßig entrollten Ranken überall Hauptornament,

ist die menschliche Gestalt ihnen gleichgestellt, zum Ornament

geworden, und daher kommt es, daß die linienzeichnende Gravierung im

romanischen Mittelalter eine bevorzugte Technik für die Dekoration

von Metallflächen werden konnte. Ihre Steigerung ist das Niello, eine

schwarze Schwefel-Silberverbindung, die in die vorgravierten Linien des

glänzenden Silbers eingeschmolzen wird und so die Darstellung dunkel

in hellem Grunde zeichnet. Gerade diese Anwendung ist bezeichnend,

denn das Niello ist ursprünglich eine impressionistische Technik mit

dem Zweck, in breite Flächen eingeschmolzen zu werden. So wird es

im hellenistischen Kunstgewerbe verwandt, so in der Kleinkunst der

italienischen Renaissance. Aber im romanischen Mittelalter zeichnet der

dunkle Niellostreif auf dem hellen Metallgrund wie bei der Gravierung

der Schatten in der eingeritzten Furche. Bedürfte es für die Stillogik

dieser Anwendungsart noch eines Beweises, so würde ihn das Email

liefern, an dem sich die Geschichte dieser Entwicklungen besonders klar

ablesen läßt.

Das mittelalterliche Email hat seine früheste Blüte in Byzanz gehabt.

Wie die Verroterie die roten Steine in die Goldzellen bettet,

inkrustiert, so schmilzt diese Technik die farbige Emailmasse in die

Goldzellen. Und doch ist die Differenz sehr groß. Das beweglichere

Email formt mit den Goldstreifchen die Randlinien figuraler

Zeichnungen, füllt diese mit den mannigfaltigsten Farben, deren Flächen

zwischen den dünnen Goldrändern für den Anblick entscheidend sind.

Bei der Verroterie sind die Goldlinien derber, das Ornament strenger

stilisiert, die Farbe einfacher. Kurz gesagt -- Email und Verroterie

sind beides koloristische Techniken, aber die Verroterie entspricht dem

kräftigen Wechsel von hellen und dunklen Tönen, wie im ravennatischen

Kapitell (Abb. 35), das Email dem malerischen Nebeneinander der

Farbenflächen, wie im byzantinischen Mosaik (Abb. 37). So wird es vom

Deutschland der ottonischen Zeit übernommen, in dessen Buchmalerei

wir die parallelen Erscheinungen schon kennen gelernt haben. In

der klassischen Zeit des romanischen Stiles indessen wird dieses

koloristische Zellenemail (~Email cloisonné~) von einer anderen

Schmelztechnik verdrängt, die vollkommen zeichnerisch arbeitet, nämlich

vom Gruben-Email (~Email champlevé~; Plättchen in Abb. 53). Jetzt

hebt man aus einer Kupferplatte die Flächen, die das Email aufnehmen

sollen, aus, und die breiteren Begrenzungslinien, die stehen bleiben

und vergoldet werden, geben, oft noch durch Gravierung unterstützt,

eine energische Zeichnung. Das Email selbst unterstützt diese Wirkung

durch neue Eigenschaften. Waren seine Farben früher, da sie noch mit

raumdurchbrechenden impressionistischen Tendenzen Zusammenhänge hatten,

durchscheinend (transluzid) und ließen den goldenen Grund leuchtend

durchschimmern, so ist nun, bei den undurchsichtigen (opaken) Emailen

des Mittelalters allein die Oberfläche maßgebend für den farbigen

Ausdruck. Das Gerät wirkt nur noch mit der Haut, wie die romanische

Kirche mit der Wand. An die Stelle des tiefen, unersättlichen Glänzens

tritt eine befriedigte Sicherheit, wie überall in diesem ernsthaft

festen Stil.

Er steht als eine Einheit vor uns, wie die Volkskraft einheitlich war,

die ihn bildete, der religiöse Sinn stark, der seine Werke schuf.

Architektur und Kunstgewerbe, Plastik und Malerei folgen demselben

Schönheitsgesetz, und dieses ist im letzten Grunde dasselbe, das dem

dorischen Stil der frühen Zeit seine strenge Größe gab: jede Form

aus dem Zweck entstehen zu lassen und den Zweck in ihr auszudrücken.

Das heißt nicht, daß der Stil phantasielos wäre. Von dem Reichtum

des ornamentalen Details war schon die Rede, und es ist für jede Art

der Dekoration nicht ärmer als für die architektonische. Aber selbst

die Formen der Kirchen variieren in Grundriß und Aufbau nach Zweck

und Landschaft. Westfälische Kirchen, denen ihr kubischer Turm den

Charakter gibt, sind derber, rheinische belebter als sächsische. Sogar

eine Hauptfrage, wie die der Bedachung, wird keineswegs nur durch die

flache Balkendecke gelöst, wenn diese auch in der frühen Zeit die

wichtigste Form ist, sondern auch durch gewölbte Steindecken, wie sie

vor allem im Süden Frankreichs durch das ganze romanische Mittelalter

vorkommen. Hier, wo die römischen Bauten noch immer als die besten

Vorbilder technischer Konstruktion der Zeit vor Augen standen, werden

Kuppeln und Tonnengewölbe in strengen, ruhenden Formen als kräftiger

Abschluß fast regelmäßig verwandt. Aber das Kreuzgewölbe (Abb. 44), das

einen quadratischen Raum in vier, in scharfen Graten zusammenstoßenden

Kappen überwölbt, vermochte eine Reihe von aufeinanderfolgenden

Quadraten, wie der basilikale Grundriß sie darstellt, am ehesten

vollkommen gleichmäßig zu überdachen. Um das Jahr 1100 verdrängt

diese alle anderen Abschlußformen des Raumes. Auf ihr beruht die

Stilentwicklung der Folgezeit.

[Illustration: Abb. 47. System des Domes zu Mainz.]

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Erster Band.: Vom Altertum bis zur Gotik · 第 6 / 10 段