Das Geburtsland des Christentums ist das hellenistische Judäa.

Konzentrisch breitet es sich von hier aus. Die bedeutendsten Gemeinden

der Apostelgeschichte liegen noch im kleinasiatischen Gebiet. Früh

tritt Ägypten hinzu, in dem die ersten Klöster gegründet werden, dann

erst dringt die neue Religion nach dem Abendlande vor. Es soll damit

nicht gesagt sein, daß sie hier und in Rom nicht noch neue Elemente

in sich aufgenommen hat, aber sie hat vieles schon fertig mitgebracht

und ist an Orten, nach denen der hellenistische Strom auf Handelswegen

vom Orient aus direkt floß, mindestens so früh gewesen wie in Rom,

z. B., wie die Lazaruslegende anzudeuten scheint, in Massilia, dem

heutigen Marseille. Rom war kirchlich noch nicht maßgebend, als es

im Orient fast schon ein organisiertes Christentum gab. Es vergehen

noch Jahrhunderte, bevor die Kirche sich in einen morgenländischen

(griechisch-katholischen) und einen abendländischen Zweig spaltet, der

abendländische Zweig seine Religion als die katholische proklamiert und

das Mutterland der Kirche als ketzerisch verdammt.

Eine Darstellung wie die Opferung Isaaks auf der Elfenbeinpyxis

des Berliner Museums (Abb. 32) zeigt klar, wie unmerklich sich

der Übergang von der späthellenistischen zur christlichen Kunst

vollzog. Sie entstammt wohl dem 4. Jahrh. n. Chr. und ist vielleicht

alexandrinischen Ursprungs. Die hellenistischen Traditionen sind

hier viel treuer bewahrt als in Rom. Das sog. Eierstab-Ornament des

oberen Randes ist klassisch dorisch, und in den Gestalten sprechen

noch künstlerische Formen, die in Italien längst Floskeln und Phrasen

geworden, selbst verkümmert sind. Man nehme den Abraham. Seine Haltung

ist vollkommen die im 3. Jahrhundert v. Chr. ausgebildete. Das eine

Bein steht fest, das andere, das Spielbein, ist leicht bewegt, die

Hüfte herausgebogen, und während die Bewegung der Arme nach links

gerichtet ist, ist der Kopf nach rechts gewandt, der Hand Gottes zu,

die sich aus den Wolken streckt. Wie hier das Gegensätzliche der

Bewegung das einzelne Glied in seinem Stil ausdrucksvoller macht,

wie das Gewand sich um die Glieder strafft und sie hervortreten

läßt: das ist echt hellenistisch. Man vergleiche die bekannte

Sophoklesstatue, und man wird sehen, daß das Christentum hier

künstlerische Ausdrucksformen verwendet, die Hellas geprägt und der

Hellenismus zu geläufigen Typen ausgebildet hat. Auch sonst sind antike

Philosophenstatuen oft das Vorbild für christliche Heilige gewesen, und

der Christus dieser Zeit ist der unbärtige, jünglinghafte Gott, wie

ihn Griechenland im Apollo-Typus geschaffen hat. Aber es ist die Folge

der neuen christlichen Inbrunst, daß der antike Formenreichtum sich

in das Kleingerät des Kultus flüchtet, das der Priester liebevoll in

die Hand nimmt, Messekelch und Patene, gemalte und kostbar gebundene

Evangelienhandschriften. Dagegen wird das Gotteshaus ein reiner

Versammlungsraum. Es hat fast siebenhundert Jahre gedauert, bis die

Stileinheit ganz wiederhergestellt war.

[Illustration: Abb. 32. Elfenbeinpyxis mit Opferung Isaaks.

Berlin, Kaiser-Friedrich-Museum.]

Auch die Baukunst leitet ihre Kirchenformen vom hellenistischen

Orient ab. Sie kennt zwei fast gegensätzliche Grundrißformen, den

Zentralbau und den Langbau. Daß der christliche Zentralbau aus dem

Orient stammt, war eigentlich immer feststehende Meinung, nur nahm man

Byzanz als seine Heimat an, das ihn in Wirklichkeit erst aus Kleinasien

übernommen zu haben scheint. Hier war er heimisch in jenem typischen

Aufbau einer Kuppel über meist polygonalem Grundriß, wie die berühmte

Kirche der Hagia Sophia, heute zur Moschee umgewandelt, ihn zeigt (Abb.

33). Daß ihre Erbauer im 6. Jahrhundert Anthemios von Tralles und

Isidoros von Milet waren, also kleinasiatische Architekten, ist wichtig

genug.

Die Kuppel der Hagia Sophia wirkt so groß, weil das architektonische

Leben, das sie unter sich zusammenfaßt, sehr viel reicher ist als

noch beim Pantheon. Dort ruhte die Kuppel mit ihrem ganzen runden

Rande auf der von Nischen durchbrochenen Mauer. So ging von der Decke

eine Begrenzung des Raumes bis zur Erde. Bei der Hagia Sophia aber

ruht die Kuppel zunächst auf Zwickeln (~pendentifs~), Mauerdreiecken,

die mit ihren Viertelbogenrändern die Last auf vier gewaltig dicke

Mauerpfeiler übertragen, die in den vier Ecken eines Quadrates stehen.

So ist der Unterbau nur in den vier Ecken begrenzt, und die Bögen, die

sich von Pfeiler zu Pfeiler spannen, bereiten vor auf die krönende

Größe der Kuppel; zwischen den Eckpfeilern aber ist der Raum offen,

gestattet die Anlage von Seitenschiffen, Nischen, Galerien, Emporen,

die mit ihren reichen Säulenstellungen ungemein lebhaft wirken. Und

während so einerseits das raumerweiternde Prinzip der späten Antike

noch fortgebildet scheint, macht sich andererseits wieder eine Neigung

zur Raumbegrenzung geltend. Gerade, daß der Saal nicht ganz rund ist,

sondern durch die vier Eckpfeiler eine quadratische Orientierung

erhält, gibt seiner Ausdehnung Grenzpunkte, und eine noch engere

Begrenzung läuft an zwei Seiten dieses Quadrates entlang, indem

Säulenreihen eine Verbindung zwischen den Eckpfeilern herstellen und

vom Eingang bis zu den drei Altarnischen eine Art Langschiff abgrenzen.

Hier liegt eine fruchtbare Neuschöpfung des christlichen Kirchenbaues.

Wir finden es oft, daß die höchste Ausprägung des einen Stilprinzips

bereits die ersten Symptome des neuen enthält, wie eine allzu schnell

rotierende Scheibe stillzustehen scheint. So zeigt sich hier im

spätantiken Zentralbau die Ankündigung des Langbaues. Das ist eine

notwendige Folge der kontinuierlichen Entwicklung, und wir werden noch

ein Parallelbeispiel in der Ornamentik der Zeit kennen lernen.

Die Entwicklung der raumbegrenzenden Form ist die eigentlich

stilbildende Tat der frühchristlichen Kunst. Das Herausschneiden eines

Langschiffes in der Hagia Sophia bedeutet bereits einen Schritt in

dieser Richtung, der die Basilika den vollen Ausdruck gegeben hat.

[Illustration: Abb. 33. Konstantinopel. Hagia Sophia. Inneres.]

Man hat nun gerade die Basilika, für die sich auf italienischem

Boden, in Ravenna und Rom besonders, die zahlreichsten Beispiele

erhalten haben, für ein Gebilde abendländischer Kunst gehalten und

ihren Ursprung noch in Italien gesucht, als man den Wert des Orients

für die christliche Kunst längst erkannt hatte. Nachdem die alte

Meinung aufgegeben war, sie wäre aus der römischen Basilika, der

Markt- und Gerichtshalle, entstanden, kam die Ableitung ihrer Anlage

aus dem Bau des römischen Hauses, in dem sich die Gemeinde zuerst

versammelt haben soll. Aber ihr Grundtypus läßt sich im Orient in

sehr früher Zeit nachweisen, in viel mannigfaltigeren Variationen

der Anlage, als das Abendland sie kennt, so daß die hellenistische

Ableitung auch für diesen Typus festzustehen scheint. Ob es allerdings

die hellenistisch-jüdische Synagoge war, die den Grundriß hergab,

mag dahingestellt sein, ist aber bei dem durch lange Zeit gewahrten

Zusammenhang zwischen Judentum und Christentum nicht unmöglich.

Jedenfalls hat Rom die Basilika, auch wenn sie eine Schöpfung des

Orients ist, mit der Ausdehnung der päpstlichen Macht in allen Gebieten

des Okzidents heimisch und zu jener Hauptform des christlichen

Gotteshauses gemacht, deren Weiterbildungen noch heute demselben Zwecke

dienen.

[Illustration: Abb. 34. Ravenna. ~S. Apollinare in classe.~ Inneres.]

Im Gegensatz zum Zentralbau ist in der Basilika dem Auge des

Eintretenden durch die Säulenreihen sofort eine feste Richtung, durch

die Altarnische ein bestimmtes Ziel gegeben (Abb. 34). Das Wort, daß

der Zentralbau die Ruhe, der Langbau die Bewegung bedeute, ist, absolut

genommen, unrichtig; fast ist das Entgegengesetzte der Fall. Für den

Zentralbau könnte der Mittelpunkt unter der Kuppel ein Ruhepunkt sein,

wenn er zugleich die wichtigste Stelle im Gebäude ist. Wenn aber,

wie bei der Hagia Sophia, in S. Vitale in Ravenna und in anderen

christlichen Zentralbauten der Altar in einer großen Wandnische steht,

dem Eingang gegenüber, fällt das Augenziel nicht mit dem räumlichen

Mittelpunkt zusammen, und es entsteht eine Dissonanz, die für die noch

spätantike Stilempfindung sehr charakteristisch ist. Bei der Basilika

(Abb. 34) dagegen führen alle Linien des Baues nur auf den Altar

hin, der so zugleich für Auge und Sinn das Ziel bedeutet. Zweck und

Form sind hier in Einklang. Der ganze Bau hat nur eine Richtung, die

nach der Apsis, der Altarnische an der Ostseite. Dorthin führen den

Eintretenden, sobald er den zur Kirche gehörigen Vorhof, das Atrium,

verlassen hat, von der Eingangshalle aus die ununterbrochen fließenden

Reihen der Säulen, dorthin die horizontalen Linien der Wandteilung,

die Balken der flachen Decke, die Musterung im Pflaster des Bodens.

Die Seitenschiffe, hier, wie meist, eines auf jeder Seite, nehmen,

durch die Säulenreihen und die Wand geführt, dieselbe Richtung auf. Und

dort, wohin alle diese Linien zusammenfließen, faßt die Apsisnische,

ausgeschnitten aus der Hochwand, die hier das Schiff abschließt und

als Triumphbogen übrigbleibt, den Altar in sich. Die führenden Linien

der Säulenreihen werden von ihr aufgenommen, und von oben her schließt

die runde Wölbung den kleinen Raum unter sich zusammen. So ist jeder

Bauteil aus seinem Zweck abgeleitet, aber auch jede Einzelform. Wie

der Dachstuhl mit offenem Balkengerüst den Augen die Konstruktion

klar aufzeigt, so tragen auch die Säulen ihre Last mit vollkommener

Festigkeit des Ausdrucks. Aus spätantiken Formen abgeleitet, sind sie

doch weitaus beruhigter. Es war notwendig, daß sich die Ornamente

um so kräftiger gegen den Grund absetzen mußten, je schärfer die

plastische Dekoration, antike Entwicklungen fortführend, den Gegensatz

zwischen Licht und Schatten ausdrückte. Aus der weichen Modellierung

wurden hartbegrenzte Formen, und damit näherte sich die Auffassung

notwendig wieder der flächenmäßigen Bildung. So sehr im ravennatischen

Kapitell des 6. Jahrhunderts (Abb. 35) der Gegensatz zwischen Licht und

Schatten, Ornament und Grund verschärft ist, so ist er doch benutzt,

um den Umriß des Ornamentes zu betonen, das an sich ganz flächenhaft

gegeben ist. So dient es der Form des Kapitells, die es bestimmt.

Denn das Kapitell trägt wirklich; es strebt nicht mehr auseinander,

wie das korinthische oder gar dessen römische Nachbildungen mit ihrem

wirren Schmuck. Fest haftet das Ornament am Grunde, und wenn der

scharfe Gegensatz von Licht und Schatten den tektonischen Charakter des

Gebildes zerstören zu können scheint, so faßt die strenge Begrenzung

an den Kanten kraftvoll den Flächenschmuck zusammen. Sie ist es, deren

nach unten weisende Linien zugleich die Last in den Säulenschaft

hineinführen. Und auch sie ist überlegt geteilt. Das Ende des Bogens,

der die Obermauer trägt, setzt nicht unmittelbar auf das Kapitell auf.

Ein allmählich schmäler werdendes Zwischenglied, der Kämpfer, führt ihn

mitten hinein ins Kapitell, an dessen stärksten Punkt, wo es vollkommen

der Säule aufliegt.

[Illustration: Abb. 35. Ravenna. S. Vitale. Kapitell und Kämpfer.]

Wie bei jedem reinen Bedürfnisbau ist die Außenseite nur Mantel um

das zweckgemäß gestaltete Innere. Sie trägt bei der Basilika (Abb.

36) keinen überflüssigen Schmuck und stellt den Grundriß offen zur

Schau. Das Mittelschiff, die beiden Seitenschiffe und die Apsis

werden auch hier vollkommen klar in ihrem Aufbau und ihrer räumlichen

Lage, und die tragende Mauer ist formfest wie die tragende Säule.

Die Gliederungen der Wand sind nicht mehr vorgelagerte Säulen wie

beim Lysikratesdenkmal, sondern flache, arkadenartig geführte

Mauervorsprünge. Wie eine empfindliche Epidermis legt sich diese feine

Schicht über die Wandfläche, sie belebend und doch in so geringer

Erhebung an die Wand geschmiegt, daß sie die raumbegrenzende Kraft

der Wandfläche nicht hindert, sondern verstärkt. Der Glockenturm, der

nicht zum Versammlungsraum gehört, sondern zu den Wohnstätten der

Gemeinde, die er in das Gotteshaus ruft, wird als walzenförmiges Gerüst

neben den Hauptbau gestellt und trägt einen selbständigen Teil des

architektonischen Ausdruckes.

Erschien im ersten Anblick das Nebeneinander der Bauteile

zusammenhanglos und wenig ausgeglichen, so zeigt sich jetzt, wie

es bedingt ist; kein notwendiger Bauteil, der nicht im Außenbau

ausgedrückt, keine Gliederung, die nicht durch den Grundriß begründet

wäre. Was fehlt, ist die funktionelle Durchbildung der Bauglieder. Wand

und Säule sind nicht als Träger ausgedrückt, und der Glockenturm ist

geradezu formlos. Allein die Grundlagen für einen zweckvoll formenden

Stil, wie der dorische es war, sind wieder gegeben. Und wenn auch

zunächst der antike Zentralbau der Basilikaform die Herrschaft streitig

macht, so ist es doch die Klarheit ihrer Anlage, der die Zukunft

gehört. Der romanische Baustil in Deutschland hat aus ihr die Erfüllung

aller mittelalterlichen Bauforderungen geschaffen.

[Illustration: Abb. 36. Ravenna. ~S. Apollinare in classe.~ Äußeres.]

Malerei und Plastik folgen auf dem neuen Weg. Sie gehen als freie

Künste unter und werden Diener der Architektur. Aber gerade sie zeigen,

daß die neuen Stilformen nicht plötzlich entstehen. Der Kopf Kaiser

Justinians auf dem zeremoniellen byzantinischen Stiftungs-Mosaik von

S. Vitale in Ravenna (Abb. 37) ist im Grunde noch antik empfunden.

Schon das Interesse am Porträt ist dafür charakteristisch, und der

Stil ist der impressionistische der spätantiken Malereien. Ihm gehört

dieses Mosaik so gut an wie die anderen frühchristlichen Mosaiken,

wie die pastos hingestrichenen Wandmalereien in den Katakomben oder

die Buchmalereien in den ältesten illustrierten Handschriften. Noch

spricht bei ihm nicht der Umriß, sondern die Form, der farbige Lichter

und Schatten den Ausdruck geben. Ja, es scheint, als könnte die

Mosaiktechnik überhaupt nur Ausdrucksmittel einer impressionistischen

Epoche sein, da sie mit ihrem Zusammensetzen aus farbigen Steinchen die

Linien nur grob zu zeichnen, aber um so besser Farbenflächen zu geben

vermag. Die ältesten uns erhaltenen Mosaiken stammen jedenfalls erst

aus späthellenistischer Zeit.

[Illustration: Abb. 37. Ravenna. S. Vitale. Kopf des Justinian vom

Mosaik des Altarraumes.]

Indessen zeigt auch das Porträt Justinians und die anderen

gleichzeitigen Werke das Nahen des neuen Stilempfindens. Das starre

Enface des Gesichts bedeutet einen Schritt über die bewegten Bildungen

der Antike hinaus zu linearer Auffassung. Licht und Schatten begegnen

sich ohne vermittelnde Übergänge, konzentrieren sich und werden zu

linienscharfen Kontrastflächen. Und wie die Formbildung der Wand,

ordnet sich die Komposition der Architektur unter. In S. Apollinare

nuovo wirken die zum Altar ziehenden Märtyrerfriese mit den Säulen

unter ihnen zu einer Bewegung zusammen, die die Mosaiken der Apsiswand

weiterführen, und deren Ziel der Altar ist. Es gibt keinen stärkeren

Gegensatz als zwischen ihrer Bewegung und der zügellos frei den Altar

umkreisenden des Gigantenkampfes von Pergamon.

Diesen linearen Zeichnungsstil hat das oströmische Reich im Laufe

der Jahrhunderte als seinen eigenen, byzantinischen Stil entwickelt,

der nach mannigfachen Wandlungen erst in dem Moment untergeht, in

dem die Türken das oströmische Kaisertum und die oströmische Kultur

vernichten (1453). Am Anfang seines Weges stehen diese oströmischen

Mosaiken auf italienischem Boden, in denen sich Antike und Mittelalter

für einen Augenblick begegnen. Wie Byzanz als neue Hauptstadt des

römischen Reiches an die Stelle der Stadt Rom trat, so hatte es auch

das künstlerische Erbe der Antike und die Bildgedanken, die das alte

Christentum geschaffen hatte, übernommen. Es hat sie zu feststehenden

Schematen umgebildet und um so schematischer immer wiederholt, je mehr

seine Kräfte schwanden. Indessen waren im westlichen Europa die Völker

emporgewachsen, denen das Mittelalter die klassische Zeit ihrer Kunst

bedeutet, die, während im Osten der Baum der antiken Kunst allmählich

verdorrte, neuen Samen ausstreuten und neue Früchte zur Reife brachten.

Sechstes Kapitel.

Das frühe Mittelalter in Deutschland und der sog. romanische Stil.

Die Anfänge der germanischen Völkerwanderungskunst entwickeln

sich überall auf antikem Kulturboden. Der Süden Rußlands, Spanien

und Gallien waren schon seit hellenischer Zeit kolonisiert, das

Rheingebiet war seit Cäsar vielleicht das wichtigste Zentrum römischer

Provinzialkunst, selbst Ungarn, das in der Völkerwanderung der

Tummelplatz aller Stämme war, hatte sich dem römischen Reichtum nicht

verschließen können. So stießen die Germanen überall, wo sie weilten

oder sich ansiedelten, auf eine Kunst, die zwar nicht klassisch antik

war, aber doch als Provinzialkunst unter antikem Einfluß stand, und

an deren Formenreichtum sie nicht ohne weiteres vorbeigehen konnte.

So ist beispielsweise das Grabmal, das die Ostgoten in Ravenna ihrem

König Theoderich errichteten, trotz mancher germanischen Züge doch im

wesentlichen ein Monument spätantiker Kunst. Die Entwicklung wird durch

die Völkerwanderung ebensowenig unterbrochen wie durch die Entstehung

des Christentums; so wenig, daß man die Völkerwanderungskunst nur als

ein Bindeglied ansehen darf, das spätrömische Elemente hinübergeführt

hat bis ins germanische Mittelalter. Jener aus spätantiken Elementen

gebildete Schmuckstil, den man kurzweg den Völkerwanderungsstil genannt

hat, ist fortgebildet worden bis weit in die karolingische Zeit hinein.

[Illustration: Abb. 38. Griff und Beschlag v. Schwert d. Childerich.

Paris.]

Überall, wo in diesen Jahrhunderten germanische Völker geweilt haben,

hebt man aus ihren Gräbern Schmuckstücke, vor allem Gewandnadeln

(Fibeln), geziert mit Goldzellen, in die rote indische Almandine

gefügt sind (Abb. 38). Glänzend umfassen die goldenen Linien den

tiefroten Stein, Zelle drängt sich neben Zelle, so strahlend und

köstlich, daß auch der geringere Mann, für den das edle Material zu

kostbar war, des Schmuckes nicht entbehren mochte und rotes Glas in

Bronze faßte, ein interessanter Beweis für die auch sonst belegte

Behauptung, das Altertum hätte die Bronze nicht patiniert, sondern in

ihrer glänzenden Naturfarbe angewandt. Indessen ließen die einfachen

Motive dieser sog. Verroterie den Schmuck als barbarisch erscheinen,

bis die Entwicklung aus antiken Stilelementen zu diesem flächenhaften

und doch farbigen Ausdruck nachgewiesen wurde, dessen Farbenkontraste

mit dem scharfen Gegensatz von Licht und Schatten im ravennatischen

Kapitell eng verwandt sind. Sicher ist, daß diese Technik dem Orient

entstammt, sicher, daß sie von Byzanz aufgenommen und weiter entwickelt

worden ist; von dort wahrscheinlich haben die germanischen Völker sie

übernommen. Auf ihren Spuren finden wir sie in Südrußland und Ungarn,

bei den Ostgoten von Ravenna und den Westgoten in Spanien. Immer feiner

wird die Technik, immer zarter das Zellengewebe, immer zierlicher das

Muster. In Paris bewahrt man das Schwert des Merovingers Childerich,

dessen Griff in so feiner Verroterie gearbeitet ist, daß man sie

geradezu für byzantinisch hält, und bis in die karolingische Zeit

hinein ist in dieser Technik gearbeitet worden.

[Illustration: Abb. 39. Gewandnadel aus einem alemannischen Grab.]

Ein im engeren Sinne germanischer Schmuckstil, bei dem jeder

Zusammenhang mit Ostrom ausgeschlossen scheint, ist ein hauptsächlich

in Süddeutschland heimischer, dessen Ornamente aus Wurmformen und

Bandverschlingungen weitergebildet sind (Abb. 39). Mit verschlungenen

Bändern, wurmartig gekrümmten Tierleibern, wirren Rankengespinsten

durchflicht seine lebhaft erregte Phantasie Schnallen und Fibeln.

Die Technik ist selten die der Verroterie, die mit ihren großen

Zellen nur für großzügige Muster geeignet ist, meist die beweglichere

Metalltauschierung, bei der der Gegensatz zwischen hellem und dunklem

Metall an die Stelle des Gegensatzes zwischen Gold und Almandin

tritt. Also auch er, wie die Verroterie, ein malerischer Stil.

Das isolierte Alemannien scheint ihn ausgebildet zu haben, aber

er bleibt nicht auf seine Heimat beschränkt. Reichste Schöpfungen

verschnörkelter Linienführung, köstlich in der Verschlingung

phantastischer Tiergeschöpfe hat er in Irland hervorgebracht und ist

hier nicht nur in der Kleinplastik, sondern auch in der Buchmalerei

der eigentliche Stil des Landes geworden. Von hier aus ist er nach dem

Nordland gewandert und hat in Skandinavien bis weit ins Mittelalter

fortgewirkt. Ein Zusammenwirken beider altgermanischen Stile, die aber

nie zu einer Einheit zusammengeflossen sind, findet zur Zeit Karls

des Großen statt, eine Folge der Kulturentwicklung unter ihm. Denn

er hat die Länder diesseits und jenseits des Rheines zu einem großen

Reiche vereinigt und damit auch die spätantiken und die germanischen

Kunstweisen, die getrennt in seinen Ländern sich entwickelt hatten, zu

Werkzeugen +einer+ Kulturströmung, der sog. karolingischen Renaissance,

umgeschaffen.

Man darf freilich dieses Wort heute nicht mehr so verstehen wie damals,

als man es nach literarischen Quellen zuerst prägte, als ob es sich um

eine Wiederbelebung der antiken Kunst gehandelt hätte. Man überschätzt

die Macht eines einzelnen Mannes, selbst von der Persönlichkeit

Karls des Großen, wenn man nicht berücksichtigt, daß auch er von der

Kultur, in der er aufwächst, abhängig ist. Vielmehr war die antike

Tradition gerade im Frankenreiche bisher noch nie zerrissen worden,

selbst durch die Völkerwanderung nicht. In dieses Land hatte sich

die antike Kultur durch Jahrhunderte in tausend Strömen ergossen. Es

erhielt auch jetzt noch, wohl über Massilia (Marseille), stets neue

Anregungen aus der hellenistisch-christlichen Welt, vor allem aus

Syrien, die die alten Traditionen lebendig nährten. Wenn fast ein

Jahrhundert nach Karl die Normannen Paris belagern, so greifen sie mit

denselben Kriegsmaschinen an, mit denen die Römer sich Gallien erobert

hatten, und der Geistliche, der diesen Kampf beschreibt, bedient sich

für sie noch derselben Worte wie Cäsar im Gallischen Krieg. In der

kirchlichen Kunst wird immer noch die Erde als nährende Frau, das Meer

als Neptun mit dem Ruder, werden Sonne und Mond als Götter auf ihren

Viergespannen gebildet, und die vier Sangmeister vor David wie antike

Ballettänzer. Für Karl den Großen handelte es sich nun um eine Stärkung

der Bildung in seinem Lande. So erklärt sich das Paradoxon, daß er

unzählige Evangelienbücher schreiben und zugleich die altdeutschen

Heldensagen auszeichnen läßt, daß er Abteien gründet und zugleich die

Namen der Monate verdeutscht. Um seinem Volke die Gelehrsamkeit nicht

vorzuenthalten, die natürlich, nicht trotz der Zeitkultur, sondern

ihr entsprechend, noch die antike der sieben freien Künste war, zieht

er von allen Seiten die Männer an den Hof, die Träger der Bildung

in ihrer Zeit sind, in erster Linie Geistliche. So werden hier die

Kulturströmungen aller Länder zusammengeleitet. Die Folge davon ist,

daß einerseits Karls Aachener Münster und einige andere Bauten im

Grundriß und im Stil ebenso auf hellenistische Traditionen zurückgehen

wie die Verroterie und gewisse Ornamente in der Buchmalerei der

fränkischen Epoche vor Karl, daß gleichzeitig mit antikem, raumtiefem

Impressionismus blattmäßig stilisierte Gestalten entstehen und vor

allem mit den hochgebildeten irischen Geistlichen jenes phantastische

Bandornament auch in die fränkische Kunst kommt, das wir in der

alemannischen bereits kennen gelernt haben.

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Erster Band.: Vom Altertum bis zur Gotik · 第 5 / 10 段