Es ist unberechtigt, den Begriff der hellenistischen Kunst mit dem

der römischen Kunst so zu verbinden, als hätte die hellenistische

Kunst nach Rom nicht nur gerade ihren kräftigsten Zweig entsandt,

sondern sich einzig und allein dort weitergebildet. Der Grund für

diese Meinung ist allein, daß Italien, in dem Rom, Pompeji, Herkulanum

eine Fülle von Denkmalen dieser Epoche besitzen, besser erforscht war

als der Orient. Nach allem, was uns gerade die letzten Jahre über

orientalischen Hellenismus gelehrt haben, ist in ihm der Ursprung fast

aller künstlerischen Motive zu suchen, die Rom verarbeitet hat. Es

ist kein Zufall, daß der ägyptische Isiskult und der Impressionismus

der ägyptischen Mumienporträts zu gleicher Zeit und aus dem gleichen

Lande des Orients nach Italien gelangten. Allerdings ist Rom nicht

nur in hellenistischer Zeit unselbständig gewesen. Immer mehr stellt

sich Mittelitalien, vor allem Etrurien, als ein Land heraus, das,

solange man seine Kultur zurückverfolgen kann, von Griechenland

abhängig war. Es hat archaische attische Geräte ebenso importiert,

wie die Kunstwerke des reifen Stiles. In der hellenistisch-römischen

Zeit vollends liegt der Schwerpunkt aller Kunst im Osten, Alexandria,

Antiochia und der innere Orient blühen weiter, während Rom alle

griechischen, ägyptischen, syrischen Anregungen verschmilzt und weiter

verarbeitet. Rom ist immer nur ein Räuber gewesen, dem die Kunstwerke

nur Kostbarkeiten waren, eingeschätzt nach dem Namen der Meister, die

sie trugen, nicht Werke, die es mit seiner Seele liebte, wie Hellas,

das sie geboren hatte. Wilde sagt einmal, es wäre das Unglück des

Diebes, daß er den wahren Wert der Dinge nicht kenne, die er entwendet.

Und so setzt Rom an die Stelle der Chöre attischer Bürger, die im

griechischen Theater auftraten, Schauspielvirtuosen, an die Stelle

der feingefügten attischen Komödie die pöbelhafte Farce, macht den

griechischen Philosophen, dem es den Spottnamen Graeculus (Griechlein)

gibt, zum notwendigen Glied im Hofstaat einer eleganten Dame. Es

schleppt die kostbarsten Werke hellenischer Kunst schiffsladungsweise

nach Rom, um sie zur Dekoration seiner Amphitheater zu verwenden, und

seine Pfuscher kopieren gedankenlos die edlen Motive hellenischer

Kunst. Es ist möglich, die römischen Werke der frühen Kaiserzeit, wie

das Isisopfer aus Herkulanum (Abb. 27) oder den Spiegel von Boscoreale

(Abb. 31), zur Charakteristik des Hellenismus zu verwenden. Aber es ist

ungerechtfertigt, die römische Kunst als den allein wichtigen Sproß der

späthellenischen anzusehen.

Wir sahen schon, daß die hellenistische Epoche an einer Stelle der

antiken Kunstentwicklung steht, wo die Kunst den Zweckzusammenhang

verloren hat und frei geworden ist für jede Art des künstlerischen

Ausdrucks. Die starke Innenbewegung der korinthischen Säule wendet sich

nach außen und entzündet den ganzen Bau. Die klassische Tempelform

wird nur noch traditionell beibehalten, und mit der Leichtigkeit oder

Strenge der Säulenstile drückt man nur noch Wirkungen aus. Man liebt

die geraden Linien langer Straßen, wie das aufgedeckte Priene gelehrt

hat, liebt die großen Hallen und die weitausholenden Bewegungen hoher

Stufenbauten.

Der selbstverständliche Ernst des dorischen Tempels ist bei einem Bau

wie dem Zeusaltar von Pergamon (Abb. 25) zum bewußten Pathos geworden.

Aus dem Stylobat des klassischen Baues wurde eine hohe Treppe, die

den Götterbau dem Menschen entrückt, aus dem geordneten Aufbau das

prunkende Schreiten prozessionshafter Säulenreihen. Ihnen entspricht

die Vorliebe für den ununterbrochenen Fries ebenso, wie dem neuen Stil

der Plastik.

[Illustration: Abb. 25. Zeusaltar von Pergamon. Rekonstruiert.]

[Illustration: Abb. 26. Athena im Gigantenkampf. Relief vom Zeusaltar

zu Pergamon.]

Das Streben nach stärkerem Ausdruck und reicherer Bewegung bildet

ihre Mittel weiter aus. Es ist irrtümlich zu glauben, in der Plastik

käme es darauf an, der Naturform in ihrer Modellierung möglichst

gleichzukommen. Es trifft zwar dasselbe Licht auf die Skulpturen, das

auch den lebenden Menschen im Gegenspiel mit dem Schatten plastisch

erscheinen läßt. Aber der Plastiker sucht dieses Licht in die Wirkung

miteinzubeziehen, während es in der Natur ständig wechselt. Je mehr

jetzt Bewegung die Ausdrucksform der Plastik wird, um so mehr bedarf

man des Wechsels heller Lichter und tiefer Schatten. Man sucht

malerische Kontraste und erreicht dadurch eine Wirklichkeit, der

gegenüber die klassische Kunst wie ein unwahrhaftes Idealisieren

erscheint. Ein Relief der Phidiaszeit (Abb. 20) erscheint unbelebt

neben einem der hellenistischen (Abb. 26), wie die dorische Säule

streng ist neben der Bewegung der korinthischen.

Alles geschieht um der Wirkung willen, und diese wird aufs höchste

gesteigert bis an die Grenze der Unbeherrschtheit. Die Zartheit

wird zur sentimentalen Weichheit, die Kraft zur Roheit, die Furcht

zum Grauen. Die Absicht der Künstler geht auf die Erregung der

Lüsternheit und des Entsetzens. Man denke an die grauenvolle Gruppe

des Farnesischen Stieres, wo eine Frau von zwei Männern an die Hörner

eines wütenden Stieres gebunden wird, um von ihm zu Tode geschleift zu

werden. Es war kein Zufall, daß die weichlich sentimentale Schönheit

dieser Frau dem Menschen des 19. Jahrhunderts dasselbe lüsterne

Mitleid erweckte, auf das es bei den entarteten Nachkömmlingen der

Antike berechnet war. Oder man denke an die Laokoongruppe, an dieses

wahnsinnige, grauenvolle Sich-Wehren gegen einen schleichenden,

unabwendbaren Tod. Man sucht die spannendsten Momente in der Mythologie

und drückt die Größe des Gottes nicht mehr durch ruhige Sicherheit,

sondern durch pathetische Bewegung aus. Man liebt das Thema des Kampfes

zwischen Göttern und Giganten (Abb. 26), in dem starke Gefühle und

Leidenschaften sich überall begegnen, der Triumph des Siegers neben

der Demütigung des Unterliegenden, das freudige Flügelrauschen der

krönenden Siegesgöttin neben dem tiefen Schmerz der Mutter Erde steht,

Mitleid und Furcht des Beschauers überall gleich erregt werden. Die

schrankenlose Bewegung wird der Träger des Ausdrucks. Jede Gestalt

entfaltet den höchsten Reichtum in Drehung und Gegendrehung in

allen Gelenken, und jede Nachbarskulptur erhöht dieses Spiel durch

gegensätzliche Kurven. Man verstärkt die Wirkung des Lichtes auf den

Höhen durch die tiefen Schatten in den Faltenhöhlungen, den Bohrlöchern

der wilden Haare, der Höhle des Mundes. Von tektonischer Bindung

ist keine Rede mehr. Es ist kein Zufall, daß jetzt das Hochrelief

zur Herrschaft kommt, das den Reliefgrund völlig zugunsten der frei

bewegten Darstellung preisgibt.

[Illustration: Abb. 27. Isiskult. Fresko aus Herkulanum.]

Man hat dieser Art des Formbildens mit Recht den Namen „malerisch“

gegeben, denn während das Erfassen der begrenzten Form Sache des

Tastgefühls ist, ist das Erfassen der Bewegung Sache des Auges. So

muß die Malerei dieses Zeitalters mindestens den Wert seiner Plastik

besessen haben, wenn auch ihre spärlichen Reste kein vollständiges

Stilbild ergeben. Sie hat eine parallele Entwicklung erlebt. In der

ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts scheint, wie die Vasenmalereien

lehren, Polygnot zwar noch versucht zu haben, die Herrschaft über den

Körper durch genaue Zeichnung seiner Formen zu erzwingen, aber schon

gegen das Ende desselben Jahrhunderts haben wir den „Schattenmaler“

Apollodor, der als erster den räumlichen Ausdruck als das Problem der

Malerei empfunden zu haben scheint. Es ist in der Tat dasselbe Problem

wie in der Plastik, nur modifiziert durch die Ausdrucksmittel, die

zu Gebote stehen. Für die Malerei handelte es sich nicht nur um Licht

und Schatten; sie mußte die Vermählung des Lichtes mit den Farben der

Natur beobachten, die hier in fein abgestuften Nuancen die Formen

modelliert und die Entfernungen im Raum ausdrückt, und mußte versuchen,

dieser Farbenverbindungen Herr zu werden. So ergab sich für die

Malerei der hellenistischen Epoche, die die Erscheinungen als Formen

sieht, der sog. Impressionismus als notwendige Ausdrucksform, da er

die Formen nicht durch abstrakte Zeichnung, sondern durch Wiedergabe

des farbigen Eindrucks auszudrücken sucht. Für unsere Gegenwart, die

den Impressionismus als eigenste Errungenschaft zu besitzen meinte,

war es eine erstaunliche Überraschung, zu sehen, daß Porträts

dieser Epoche, die sich auf spätägyptischen Mumien finden, glänzende

Leistungen breit auftragender impressionistischer Farbentechnik sind,

die den vollkommensten Ausdruck des Lebens geben. Sie sind nicht die

einzigen Werke dieser Art, sondern der Orient, Pompeji, Herkulanum,

kurz, die ganze hellenistische Welt ist voll von Werken dieses Stils,

der die eigentliche Ausdrucksform der Zeit war. Ein außerordentlich

charakteristisches Werk ist in Herkulanum gefunden worden, ein Fresko

mit der Darstellung des Isisdienstes (Abb. 27). Erstaunlich kräftig

und lebensvoll ist sein Eindruck: die Neger in der Mitte vorn, auf

deren schwarzer Haut das Licht glänzt, die Volksmenge zu beiden Seiten,

in der das Licht, als wäre es in lebendigster Bewegung, hier und da

einen Kopf hell aufschimmern läßt, die klar gesonderte Gruppe der drei

Priester im Hintergrunde, kräftig begrenzt durch Sphinxe zu beiden

Seiten. Sieht man näher zu, so findet man, daß keine Linie gezeichnet

ist, daß die Farbenflecken unvermittelt nebeneinandergestellt sind, in

breiten Flächen aufgetragen, ja, daß nur die vorderen Gestalten in der

Volksmenge als Körper geformt sind, daß sie, je weiter nach hinten,

um so mehr dunkle Flecken werden ohne jede Angabe einer Form. Genau

so erscheint unserem Auge die einzelne Form durch die Abstufungen in

den Naturfarben plastisch, und erscheint die Reihenfolge der Gestalten

im Naturbild deshalb als räumliches Hintereinander, weil wir nur

die vordersten Gestalten genau erkennen, und ihre Aufreihung nach

dem Hintergrund zugleich eine Abstufung der Deutlichkeit bedingt.

So ist es möglich, den plastischen Eindruck, den die Natur dem Auge

gibt, wiederzugeben, wenn man auf die Deutlichkeit der Detailformen

verzichtet und die impressionistisch entscheidenden Raumformen sucht.

Zeichnerische Struktivität der Formen und Impressionismus sind also

Stilerscheinungen, die sich gegenseitig befehden.

Man wird verstehen, daß mit dieser Fähigkeit, alle Dinge in ihrer

Erscheinung wiedergeben zu können, ebenso wie mit der Freude der

Kunst an der reinen Darstellung eigentlich alle Vorbedingungen für

den schrankenlosesten Realismus in Malerei wie Plastik gegeben

waren. Es war vielleicht dieser Trieb zum Wirklichsein, der erst die

Augenerkenntnisse als Ausdrucksmittel forderte. Das tägliche Leben

wird in dieser Zeit zu einem wichtigen Gegenstand der Kunst, Barbier

und Koch, die bezechte Frau und der Bauer, der sein Vieh zum Markt

treibt, die groben Komödienmasken begegnen uns in der Kleinplastik

und in Terrakottafiguren. Wir hören schon sehr früh von Malern, die

Barbierstuben und Krämerläden malten, und hören, daß die Vertreter

idealistischer Anschauungen ihnen den Namen „Rhyparographen“,

Schmutzmaler, gaben, wie man bei uns für eine Parallelerscheinung das

Wort „Rinnsteinkunst“ gebildet hat. Es ist zuerst überraschend, den

krassen Realismus dieser Darstellungen, die weiche, fast überweiche

Schönheit weiblicher Göttinnen und das Pathos des Zeusaltars von

Pergamon hier eng nebeneinander zu sehen, und ist doch natürlich. Jede

Kunst schöpft ihre Vorstellungen aus ihrer Gegenwart. Solange das Leben

eines Volkes im Einklang ist mit seiner Vorstellung vom Erhabensten,

solange das tägliche Leben selbst groß ist, entstehen Werke wie die

Ägineten, in denen Kraft und Hoheit eins sind. Eine Epoche aber, in

der das Leben klein ist, vermag die Größe nicht zu gestalten, weil ihr

das Nur-Einfache nicht interessant genug ist. Sie freut sich an der

Buntheit ihres Lebens und verlangt zugleich von ihren Mächtigen ebenso

wie von ihrer Kunst die laute Phrase, die aufdringliche Pose, das leere

Pathos.

Das gilt noch mehr von der römischen Kunst als von der griechischen. Je

mehr die Kraft des römischen Volkes schwindet, desto anspruchsvoller

wird es. Zur Zeit der Kaiser, in der die Ämter nur noch Titel waren,

denen die wichtigsten Funktionen genommen sind, ist die größte Zahl

von Porträtbüsten und Porträtstatuen geschaffen worden, voll des

beabsichtigten Ausdruckes von Hoheit und Würde. Je später allerdings,

desto mehr treten auch die eigentlich realistischen Züge in den

Vordergrund, und es gibt Kaiserporträts der Spätzeit, die jeden Zug

physiologischer Entartung zum Ausdruck bringen.

[Illustration: Abb. 28. Pompeji. Haus der Vettier. Peristyl.]

[Illustration: Abb. 29. Rom. Inneres des Pantheon.]

Es ist von derselben Art, wenn in der Kaiserzeit die rein

repräsentativen Bauten, die Triumphbogen und öffentlichen Gebäude sich

häufen, wenn selbst die Zahl der Tempel sich über jedes Bedürfnis

hinaus steigert. Dieselbe Gesinnung schafft das Wohnhaus zu einer

prunkvollen Flucht von Räumen um, die den Reichtum des Besitzers zur

Schau stellen. Der Hellenismus prägte eine klassische Form des Hauses,

deren Mittelpunkt der Säulenhof, das Peristyl, war, Rom erweiterte

durch sie sein altes Wohnhaus, dessen ursprünglich einziger Raum

der Herdraum, das Atrium war. So wird das Bedürfnis durch bloße

Repräsentationszimmer unverhältnismäßig in den Hintergrund gedrängt.

Im pompejanischen Haus liegt nach der Straße zu das Atrium, jetzt

bloßer Empfangsraum, dann folgt das Tablinum, das Familienzimmer,

und schließlich das Peristyl (Abb. 28) als Stätte behaglicheren

Verkehrs. Dieser reichere Raum ist mit Gartenanlagen geschmückt, in

denen Marmortische stehen, Skulpturen und Hermen; die Säulen sind

reich geformt, die Wände mit Ornamenten und Malereien geziert, all

das mit der Absicht, den größten malerischen Reichtum zu erzielen, in

Durchblicken, wie denen des kretischen Palastes. An ihn erinnert auch

die Freude an der Wandmalerei, deren Entwicklung die Geschichte des

spätantiken Raumgefühls ist. Während die hellenistische Wanddekoration

die Fläche nur durch farbige Inkrustationen, die in echtem Material

gearbeitet oder in Malerei kopiert sind, gliedert und ziert oder

durch Halbsäulen und Architekturornamente, stellt sich in den

letzten Jahrzehnten Pompejis, d. h. um die Mitte des 1. Jahrhunderts

n. Chr., die Dekoration geradezu in Gegensatz zur Wand. Schon der

Impressionismus der Wandgemälde mit seinem außerordentlichen Eindruck

von Raumtiefe (Abb. 27) bedingt eine Auflösung der Mauerfläche.

Allein die Wand wird nun ganz aufgelöst von phantastisch gemalten,

stützlos schwebenden Architekturformen, zwischen denen Durchblicke in

die freie Luft sich zu öffnen scheinen. Die Dekoration scheint den

Blick in unerhörte Weiten zu führen, in Gärten und Landschaft und in

romantisches Märchenland, und wird ein Spiel von Phantasien, denen die

weiten Räume des Hauses zu eng waren. Bei Palästen, Marktanlagen oder

bei den großen römischen Bädern müssen auf diese Weise außerordentliche

räumliche Wirkungen erreicht worden sein. Daß die Entwicklung des

Raumgefühls in der Architektur der Zeit die entscheidende Tendenz ist,

lehrt ebenso Roms religiöse Baukunst. Zuerst begnügte man sich damit,

den altetruskischen Tempel, einen Wandbau mit sehr großer Vorhalle,

die den Zeichendeutungen dient, äußerlich als Peripteros zu gestalten.

Und wenn auch dabei die Säulenform überreich korinthisch wird und ihre

Verwendung als Halbsäule sie zum bloßen Wandschmuck macht, so bleibt

doch die Gliederung altertümlich einfach. Erst das Pantheon (Abb. 29)

aus der Zeit Hadrians bringt die späthellenistische Steigerung aller

Wirkungen. Der Gegensatz einer verhältnismäßig einfachen Front zu

einem wie ohne Grenzen gedehnten Innenraum steigert dessen Wirkung ins

Ungeheure. Es war oben die Rede davon, daß die Kurve des Rundbaues

das Auge sich nirgendwo festklammern läßt. Aber eben dadurch hemmt

er es auch nie und läßt es ins Unbegrenzte blicken. Es ist ungemein

interessant, wie das Pantheon in diesem Kreis jedem Fixpunkt, der sich

etwa aus dem Eingang oder aus einem Altar für die Orientierung ergeben

könnte, dadurch entgegenzuwirken sucht, daß es kleinere und größere

Nischen gleicher Art in gleichen Abständen rings um den Raum verteilt.

Den stärksten Eindruck von Raumfreiheit aber gibt die krönende Kuppel.

Während Flachdecke und Tonnengewölbe auf geraden Wänden liegen und

dadurch den Raum begrenzen, führt die Kuppel über jede Festlegung

hinaus, da sie auf rundbewegten Mauern liegt und überall nur von der

beweglichen Kurve begrenzt, ohne festen Abschluß ist. Die zerlegenden

Kassetten sind wichtige Diener dieser Auflösung. Es handelt sich hier

nicht nur um einen Fortschritt in der Wölbungstechnik -- man wäre nie

dazu gelangt, wenn nicht das religiöse Gefühl, unzufrieden mit den

alten Vorstellungen von der Gottheit, jetzt sehnsuchtsvoll in die Weite

verlangt hätte. Romantische Tendenzen, wie in den Nachschöpfungen

ägyptischer Kultstätten und landschaftlich berühmter Punkte in der

Villa Hadrians, sind von derselben Erregtheit. Der hellenistische

Osten, der so viel dem Römer Fremdes birgt, ist nicht zufällig die

Grundlage ihrer Formen, wie derer des Pantheon. Es ist dasselbe Gefühl,

das den Isiskult nach Rom bringt, den Mithrasdienst und schließlich als

letzte Antwort auf all dieses Gottsuchen das Christentum.

Die Steigerung dieser Erregtheit bedeutet für die Kunst eine immer

größere Entfernung vom Tektonischen. Aus der Bewegung wird die

Ziellosigkeit, und auf die Lösung des Bauzusammenhanges folgt die

zügellose Herrschaft des Ornamentes.

[Illustration: Abb. 30. Baalbek. Rundtempel.]

Der Rundtempel von Baalbek (Abb. 30, erbaut im 2. Jahrh. n. Chr.)

ist überwuchert vom Reichtum einer unsachlichen Dekoration. Alle

Stilformen sind aus ihrem Zusammenhang gerissen. Korinthische Pilaster

mit unreinem Kapitell rahmen die Nischen, zu ionischen Zahnschnitten

im Fries gesellen sich korinthische Säulen ohne Kannelüren und

korinthische Architravbalken, die nur halb aufliegen, damit nur ja auch

hier die wirklichen Träger nicht zu tragen scheinen. Pilaster und Bogen

dienen als Rahmen, kurzum, nirgends ist ein Bauglied durchgefühlt,

immer nur ist es Dekoration vor der runden Mauer, die sogar noch von

Nischen mit Statuen unterbrochen ist. Aber selbst diese unfeste Form

wird noch gelöst, die halbkreisförmig geführten, von Säulen getragenen

Simse wenden sich gegen die Mauer und lösen sie vollkommen in nach

außen geführte Kurven auf.

[Illustration: Abb. 31. Spiegel aus Boscoreale.]

Die gleiche Anschauung zerstörte im Lauf dieser Jahrhunderte die

klare Struktur des Gerätes. Im Boden von Schalen werden Hochreliefs

angebracht, die nicht nur der Reinigung Schwierigkeiten bereiten,

sondern bei der Benutzung so durch den Inhalt verdeckt werden

mußten, daß man ein Stück wie etwa die Athenaschale des Hildesheimer

Silberfundes nur zum Prunkgerät zählen kann. Auch beim Gebrauchsgerät,

selbst beim ärmsten Tonnapf, ist an die Stelle der Flächenbemalung, die

zuletzt impressionistisch genug war, die plastische Reliefdekoration

getreten. Daß jetzt das Glas, dessen Durchsichtigkeit die begrenzende

Fläche vollkommen zerstört, so beliebt wird, ist ungemein bezeichnend.

Und von diesen Geräten steht kaum eines mehr fest auf dem Boden;

sie spitzen sich nach unten zu oder sind auf kleine Füßchen gesetzt

und ebensowenig in ihren Teilen straff geschieden. Es war ganz

sachgemäß gewesen, wenn die klassische Zeit die Rückseite des

polierten Metallspiegels nur durch gravierte Darstellungen, oft von

edelster Zeichnung, belebte und den runden Spiegel streng vom Griff

schied. So blieb die spiegelnde Fläche für den Eindruck des Gerätes

das Beherrschende, waren seine Teile nach ihrem Zweck gesondert.

Es ist erneuter Beweis für das Überhandnehmen der Dekoration, wenn

sich auf einem Spiegel der ersten römischen Kaiserzeit (Abb. 31) die

Rückseite so ungehindert vordrängen darf, daß man glauben könnte, sie

wäre die Hauptsache. Der Reliefkopf des Dionysos in der Mitte, ein

charakteristisches Beispiel für die Freude an komplizierter Bewegung

selbst dort, wo keine Handlung sie nötig macht, arbeitet ebenso der

sachlichen Form entgegen wie das Rankenornament, das den Griff des

Spiegels vollkommen in ein Geflecht auflöst. Daß es dadurch jedes feste

Anfassen unmöglich macht und eine zierliche Fingerhaltung bedingt, ist

ungemein interessant für die Einheitlichkeit einer Kultur in Leben und

Kunst. Die Enden dieser Ranken führen mit weichen Linien hinüber in die

eigentliche Spiegelfläche, deren Rundbegrenzung durch die nach außen

gerichteten Zacken vollkommen zerfasert wird, eine Auflösung, parallel

der, die die Rundform des Tempels von Baalbek zerstörte.

Gegen das Ende der antiken Welt ist die Verwirrung aufs höchste

gestiegen. Nicht Klarheit ist die Tendenz, sondern Reichtum der Gefühle

und des Ausdrucks. Das Bauwerk ist zerfetzt durch die Dekoration,

und das Gerät duldet jede Durchbrechung seiner Flächen, bis es zum

bloßen Netz wird. Die Aufgaben für Malerei und Plastik wachsen ins

Unbegrenzte; überall braucht man sie, überall wirken sie zerstörend

auf die Hauptaufgaben der Baukunst und werden durch die eigene

Fülle zerstört. Die Götter verlieren ihre Majestät und werden leere

Allegorien oder Symbole für religiöse Ideen. Die plastischen Ideen

des Polyklet und Praxiteles werden als öde Schemata wiederholt, und

inbrünstig sucht man die Götter der Urzeit in ihrer Primitivität zu

gestalten, als wäre deren naive Innigkeit dem wahren Wesen der Gottheit

näher, ein Gefühl, das die Romantik des 19. Jahrhunderts ebenso hatte.

Je weniger wertvoll und wichtig der einzelne Mensch in sich ist,

um so mehr wünscht er sich verherrlicht zu sehen; das Porträt wird

wichtigste Aufgabe, und mit leeren Gesten bläht sich der unbedeutende

Mensch in großen Posen. Die andringenden Germanenvölker und die jungen

christlichen Gemeinden finden in Kunst und Leben eine Zersetzung, deren

erst jahrhundertelange Arbeit wieder Herr werden konnte.

Fünftes Kapitel.

Die frühchristliche Kunst.

Diese letzten Jahrhunderte antiker Kultur bedeuten zugleich die

erste Epoche des Christentums. Es ist noch immer die Meinung nicht

ausgetilgt, als hätte es in seinem Entstehen einen ganz neuen Stil,

gewöhnlich als altchristlichen bezeichnet, hervorgebracht. Allein

eine neue Weltanschauung kann der Kunst wohl neue Stoffe bieten, aber

die Augen sind noch zu sehr in den Vorstellungen ihres Jahrhunderts

befangen, um mit einem Schlage eine neue Kultur, einen neuen Geschmack

zu schaffen. Es wäre so, als hätte für die Evangelien eine neue

Sprache geschaffen werden sollen. Und selbst die neuen Stoffe kommen

spät genug. Denn nur sehr allmählich haben die ersten christlichen

Gemeinden, die in jüdisch-hellenistischen und römisch-hellenistischen

Traditionen groß geworden waren, ihre Religion so scharf ausgeprägt, um

für sie neue Formgedanken zu finden.

Man hat es lange bemerkt, daß auf Wandmalereien und Mosaiken

altchristlicher Katakomben und Kirchen dieselben weinkelternden Genien

und impressionistischen Porträts vorkommen wie in Pompeji, und immer

mehr sieht man, daß sogar Darstellungen von heidnischer Gesinnung,

nackte Najaden und Götter, sich unter die altchristlichen Kunstwerke

mischen konnten, ohne daß selbst spätere Zeiten sie anstößig fanden

und vertilgten; an der Kanzel von Aachen haben sie sich bis heute

erhalten. Die Meinung, es hätte das Christentum aus dem Nichts

heraus eine neue Kunst schaffen können, ist uns Heutigen, die wir

entwicklungsgeschichtlich denken, völlig absurd.

Ist dieses Resultat gewonnen, so ist die wichtigste Frage die nach dem

Kunstkreis, in dem sich der Übergang von der antiken zur christlichen

Kunst vollzogen hat. Denn wir haben schon oben festgestellt, daß die

spätantike Kunst keineswegs nur die römische ist, daß sich vielmehr

die hellenistische Kunst in den alten Kunstzentren des Hellenismus,

etwa Antiochien mit seinem Hinterlande Syrien und Alexandria mit

Ägypten, rein und kräftig erhalten hat. Es galt lange Zeit als

selbstverständlich, daß Rom der Ort war, an dem die christliche

Kunst geboren wurde, die Hauptstadt der katholischen Kirche und das

politische Zentrum für die letzten Jahrhunderte der antiken Welt.

Daß es nicht zugleich das einzige Kunstzentrum war, wußte man nicht,

da Gebiete außerhalb Italiens kaum durchforscht waren. So ergab

sich die Kombination fast von selbst. Schließlich erkannte man doch,

daß Rom erst in relativ später Zeit zur Hauptstadt der christlichen

Kirche geworden ist. Die erste Metropole des Christentums war Byzanz

(Konstantinopel), dessen Erhebung zur Hauptstadt des römischen Reiches

im Anfang des 4. Jahrh. von Konstantin vollzogen wurde, demselben

Kaiser, der für die Geschichte des Christentums so wichtig war. Allein

auch in Byzanz darf man den Ursprung der christlichen Kunst nicht

suchen. Die Gegenwart hat gesehen, daß bei einer Institution wie

der katholischen Kirche diejenigen Kunstformen, die sie aufgenommen

hat, bevor sie noch Institution war, aller späteren Ausgestaltung

zugrunde liegen, und daß sie sich mit ihr auf ihrem Wege von der Lehre

zur Kirche entwickelt haben. Man muß die früheste Entwicklung des

Christentums beobachten, wenn man das Entstehen der christlichen Kunst

erkennen will, die mit ihm emporgewachsen ist.

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Erster Band.: Vom Altertum bis zur Gotik · 第 4 / 10 段