Früher als die Stele des Aristion wurde der Poseidontempel von Pästum

geschaffen (Abb. 11). Gleich ruhig und energisch sprechen beide zu

uns. Mit ungeheurer Wucht pflanzt der Tempel seine Säulen in die Erde.

Kraftvoll ist seine starre Gliederung, breit lastet das Giebelfeld.

Das Ganze ist schwer und wuchtig und in dieser Schwere von logischer

Geschlossenheit. Die Entwicklung beginnt dann die Masse zu bewegen.

Den Giebelskulpturen des Tempels von Ägina entspricht die Architektur

des Tempels selbst (Abb. 12). Nun ist in die dorische Säule stärkeres

Leben gekommen, wie in die Krieger des Giebels Leben gekommen war; ein

Emporstreben, das sich in der Schlankheit äußert, in der Verringerung

des Durchmessers im Verhältnis zur Höhe. Die Säulen beginnen sich zu

strecken und das Gebälk emporzuheben, das auf ihnen ruht. Die Zeit des

Phidias bringt auch der Architektur die ungezwungene, fast grazile

Bewegung. In Pästum lastete der Giebel auf den Säulen, und die Säulen

schienen fest genug, ihn zu tragen. Beim Parthenon dagegen strecken

sie sich leicht und elegant in die Höhe und tragen ein Giebelfeld, das

sie emporzuschnellen scheinen und das deshalb auch seinerseits in den

Skulpturen den strengen Zusammenhang mit der Architektur aufheben darf.

So ist der dorische Stil auf seinem Entwicklungswege immer gelöster

geworden, und man hat das Gefühl, als wäre er beim Parthenon angewandt

wie ein traditioneller hieratischer Baustil, und als riefe die Zeit

nach einem Stil, der formreicher wäre. Diesen hat sie sich im ionischen

geschaffen.

Der ionische Stil selbst ist freilich nicht in Hellas geboren. Seine

charakteristischen Elemente hatten Kleinasien und die ionischen

Städte und Inseln geschaffen. Er kam herüber zugleich mit ionischen

Formen in Plastik und Keramik; das stammverwandte Athen war auch hier

die Einfallspforte. Es ist leicht möglich, daß manches ursprünglich

Eigentum asiatischer, anderes Eigentum kretisch-mykenischer Kultur war.

Die Volute des Kapitells, der fortlaufende Fries außen um die Cella,

die Karyatiden, kurz die wichtigsten dekorativen Bauglieder finden sich

schon weit früher im ionischen Asien und an einem Schatzhaus, das die

Ionier der Insel Siphnos in Delphi weihten. Ganz allmählich hat der

ionische Stil in Hellas Eingang gefunden. Es ist ein starkes Anzeichen

für die dekorative Tendenz in der spätdorischen Epoche Attikas und

für die Gesetzmäßigkeit dieser Stilwandlung, daß sich am Parthenon,

dem spätdorischen Bau, der ionische Cellafries bereits findet. Ums

Jahr 430, in den letzten Jahren des Perikles, hat der ionische Stil in

Hellas festen Fuß gefaßt.

[Illustration: Abb. 21. Athen. Tempel der Nike Apteros.]

[Illustration: Abb. 22. Grundriß des Amphiprostylos.]

Ein edles Beispiel seiner Art birgt die Burg von Athen, den Tempel

der Nike Apteros, der Athena als Siegesgöttin (Abb. 21). Gleich der

Grundriß ist lockerer geworden. An Stelle des Doppelantentempels tritt

der Doppelhallentempel, der Amphiprostylos für die Antenvorhallen, die

durch die vorgeschobenen Seitenwände der Cella in die Architektur

einbezogen waren, sind lose davorgestellte Hallen, von vier Säulen

gestützt, eingetreten (Abb. 22). Und diese Säulen und das Gebälk, das

auf ihnen ruht, sind von ganz neuer Art (Abb. 21). Man sehe, mit dem

Empfinden des dorischen Stiles noch im Auge, wie schlank sie sich

in die Luft strecken, wie leicht sie das schmale Gebälk tragen, wie

die Funktionen des Tragens und Getragenseins aufgehoben scheinen. An

Stelle des architektonischen Gleichmaßes ist die Absicht getreten, dem

Ganzen etwas von lässiger Eleganz zu geben, an Stelle der Unterordnung

der Einzelform die möglichste Ausbildung ihrer besonderen Schönheit.

Die Gliederung geht darauf aus, für das Auge an die Stelle der

funktionellen Wirkung der Bauglieder eine ästhetische, nur schöne

zu setzen. Tragen die ionischen Säulen überhaupt ein Giebelfeld --

was nicht Stilgesetz gewesen zu sein scheint --, so war es flach

und leicht. Unbelastet fast strebten die Säulen in die Höhe. Es ist

wichtig, daß sie hier in kürzeren Intervallen nebeneinander stehen als

bei den dorischen Tempeln, -- der untere Abschluß, die horizontale

Linie des Postaments wurde so durch das Emporstreben der Säulen

energischer aufgelöst. Fast ausgeschaltet aber wurde er durch die

Basis. Starr und stark stieg die dorische Säule über den Stufen des

Tempels empor, deren horizontale Linie Abschluß des Sockelbaues war.

Nun schiebt sich die Basis mit ihren weichen Profilierungen hinein,

als vermittelndes Glied zwischen ihnen und der Säule. Diese selbst ist

schlanker geworden und steigt schon deshalb leichter empor. Überdies

aber unterstützen bei ihr die Kannelüren diese Bewegung weitaus stärker

als beim Schaft der dorischen Säule. Es ist wesentlich, daß bei dieser

die Rillen in scharfen Graten aufeinanderstoßen; bei der ionischen

Säule sind die Rillen tief, die Grate abgestumpft. Kannelüren aber

erhalten ihren Ausdruck durch die Wirkung von Licht und Schatten

in ihnen; bei der dorischen Säule waren die Übergänge von Rille zu

Rille zart, bei der ionischen dagegen tritt die Grenze zwischen ihren

tiefbeschatteten Rillen scharf hervor durch den hellen Streifen, den

der stumpfe Steg zwischen sie fügt. Es kommt hinzu, daß der Schaft

der dorischen Säule in etwa 16-20 Kannelüren, der der ionischen aber

in 24 zerlegt ist, so daß bei der ionischen die Zusammendrängung der

Lichtkontraste die Richtung viel intensiver ausprägt. So spricht

die Aufwärtsbewegung bei der ionischen Säule viel stärker, und

zugleich entsteht eine in Licht und Schatten ausgesprochen malerische

Auflösung der Form. Es folgt als Übergang, schon im Kapitell selbst,

ein verkümmertes dorisches Kapitell und darauf eine Doppelvolute,

der die Lilienform der ägyptischen oder mykenischen Kunst zugrunde

liegt. Sie wendet herabhängend die Säule vom Gebälk nach unten und

grenzt beide Bauteile so vollkommen gegeneinander ab, daß hier nicht

mehr das Verhältnis von Kraft und Last empfunden wird. Das Auge

fühlt nicht mehr die Arbeit in der tragenden Säule, sondern diese

Arbeit wird als selbstverständlich fast lässig geleistet, und nur die

Formbewegung des Baugliedes kommt voll zum Bewußtsein. Sie ist auch

die Tendenz der Gebälkgliederung. Über den Säulen setzt die Bewegung

mit den drei Stufen des abgetreppten Architravs neu an, darüber

läuft ein reliefgeschmückter Fries; ein kontrastierendes Ornament,

der sog. Zahnschnitt, gibt den oberen Abschluß. Der strenge Wechsel

von Triglyphen und Metopen erhielt dem dorischen Fries die Schwere

des Architektonischen; der fortlaufende Fries des ionischen Baues ist

leicht und macht das Gebälk zum nur schmückenden Gliede. Wir sahen

eben, daß das Giebelfeld jetzt keine Rolle mehr zu spielen scheint. Der

Fries tritt geradezu an seine Stelle. Das ist die letzte Folge aus der

Entwicklung der Plastik, die bereits im Giebelfeld zuletzt zu einer

friesähnlichen Komposition geführt hatte und nun die Randlinien als

letzte tektonische Schranke zerstört.

So ist der Unterschied der Stile in allen Bauteilen derselbe. Der

dorische Stil gliederte energisch, den Baufunktionen gemäß, der

ionische sucht die weichen Vermittlungen, die Bewegungen, die Eleganz.

Trotzdem die Säulen des Parthenon, des Spätlings dorischen Stiles,

sich der schlanken Proportion des ionischen Stiles nähern, ist der

Unterschied zwischen den beiden Stilen fundamental, wie der Unterschied

zwischen Energie und Zierlichkeit, zwischen sicherer Ruhe und leichter

Bewegung. Es ist unmöglich, die ionische Volute oder den Fries in

strenger architektonischer Logik aus der Gliederung des Baues zu

begründen. Nur als ornamentale Glieder darf man sie auffassen. Der

ionische Stil ist eben wegen der allzu differenzierten Durchbildung

seiner Formen tektonisch weniger vollkommen als der dorische.

Damit bekommen wir die Erklärung für eines des seltsamsten Gebilde

hellenischer Baukunst, für die Korenhalle am Erechtheion in Athen.

Der Tempel selbst ist ein Bau ionischen Stiles, und man hat kein

Recht, wie es so oft geschieht, davon zu sprechen, daß hier die

Karyatiden an Stelle gerader ionischer Säulen getreten wären, daß die

fließenden Gewandfalten an Stelle der Kannelüren ständen, und ein

fast dorisches Kapitell auf dem Kopf der Mädchen liege. Gehören doch

gerade Karyatiden bereits zu den Bestandteilen des ältesten ionischen

Stiles am Schatzhaus der Siphnier. Man mußte diese Figuren vielmehr so

gehalten wie möglich meißeln, sollte der Eindruck der tragenden Frauen

nicht unerträglich sein. Peinlich ist er immer, trotz ihrer ruhigen

Schönheit. Sie läßt uns glauben, daß die Last leicht sei; die Mädchen

tragen ohne Anstrengung, wie die ionische Säule ohne Anstrengung

trug. Aber man hat vor menschlichen Gestalten nie das Gefühl des ewig

Dauernden, das seine Stellung nicht ändert, wie bei leblosen, festen

Baugliedern, die tragen, ohne den Nebenzweck, etwas darzustellen. Wir

aber verlangen von keiner Kunst ein so starkes Gefühl ewiger Sicherheit

wie von der Architektur. Schon bei der Analyse des Löwentors von

Mykenai ergab sich, daß dekorative Verarbeitung eigentlich nur bei

Baugliedern möglich ist, die nicht unmittelbare tektonische Funktionen

haben, daß sie bei diesen den Zusammenhang des Ganzen zerreißen und

ihnen etwas nur Momentanes geben würde, das dem Wesen dauernder Glieder

widerspricht. Bei der Halle des Erechtheion tritt nun zum ersten Male

in Griechenland Dekoration an einer Stelle auf, wo das Auge ein in

allen Linien unbewegtes Glied verlangt, beim tragenden Glied, dem

empfindlichsten Teil des Baues. Man kann nach den Erörterungen über

den ionischen Stil verstehen, wie es kam, daß man bei den Versuchen,

die Säule immer eleganter zu machen, die Säule selbst aufgab und das

bewegungsfähigste Element, den menschlichen Körper, als Träger an

ihre Stelle setzte. Es gibt keinen charakteristischeren Beleg für die

Tendenzen des ionischen Stils.

Der Augenblick, in dem er Griechenland erobert, bedeutet einen

Wendepunkt in hellenischer Kunst und Geschichte. Von den dorischen

Spartanern war die Hegemonie in Hellas auf die ionischen Athener

übergegangen. Zwei Rassen von vollkommener Gegensätzlichkeit: der

Spartaner Aristokrat und von strengster Disziplin, der Athener Demokrat

mit starkem Hang zur Freiheit, selbst zur Leichtfertigkeit; Sparta,

die amusische, die einen Rhapsoden bestraft, der eine Saite mehr,

als traditionell, auf seine Leier zieht, Athen voll künstlerischer

Phantasie und jeder neuen Kunstform froh zugänglich; Sparta, die Stadt

ohne Mauern, in der allein die Tapferkeit der Bürger Wehr und Waffe

sein sollte, Athen, die Stadt der hochragenden Akropolis, die die

Zeit des Perikles allmählich in einen Festplatz umwandelte. Nichts

ist belehrender als die Stellung der Frau in den beiden Ländern. Die

Spartanerinnen, hochgeachtet von den Männern, im Staatswesen durchaus

nicht ohne Stimme, haben ihren Körper geformt in gymnastischen Kämpfen,

und die Sittlichkeit des Staates steht so hoch, daß sie ihren Körper

in der geringen Bekleidung zeigen dürfen, die ihnen jede schnelle und

gewandte Bewegung gestattet. Die Athenerin, auf das Haus verwiesen,

hüllt sich von der Schulter bis zur Fußsohle in schweren Stoff. In

Sparta, wo die Frau dem Manne gleich stand, gab es keine Hetären,

während sie in Athen nicht nur geduldet wurden, sondern infolge der

häuslichen Beschränkung der Bürgerin die einzigen gebildeten Frauen

waren. So erklärt sich der Anstoß, den die Athenerin an der Nacktheit

der Spartanerin nahm, als ein moralisches Vorurteil, gegründet auf die

eigene Schwäche.

Es ist sicher kein Zufall, daß die spartanische Stärke der attischen

Gewandtheit zur selben Zeit weichen muß, wie der kräftige dorische Stil

dem eleganten ionischen. Wir sahen diese Umgestaltung nacheinander

in der Keramik, in der Plastik und der Architektur sich vollziehen,

aber diese Entwicklung schafft damals die ganze hellenische Kultur

vollkommen um. In der Kleidung tritt an Stelle des Linnens die

weiche Wolle, im Kampf an Stelle des schwerbewaffneten Hopliten der

leichtbewaffnete, bewegliche Peltast. In den Wettkämpfen besitzen nicht

mehr die gymnischen Agone das Hauptinteresse, die persönliche Kraft

verlangen, sondern die hippischen Agone, die Pferd- und Wagenrennen,

die für das Auge reichere Schaustellungen sind. Im Dithyrambus war

bisher das Wort der Träger der Empfindung und die Musik melodramatische

Begleitung. Jetzt wird das Wort nebensächlich und die Musik führende

Kunst. Derselbe Weg führt im Drama von Aischylus zu Euripides.

War also der dorische Stil, stark wie die Tragödien des Aischylus, das

Geschöpf der kraftvollsten Epoche des hellenischen Volkes, der Zeit der

Perserkriege, war der euripideisch-schönredende ionische Stil Geburt

seiner vornehmsten Kultur zur Zeit des Perikles, so hat die Zeit der

Entartung, die Zeit, als Hellas den Heeren des Barbaren Alexander

unterlag, im korinthischen Stile eine Kunsttendenz gezeugt, in der

jedes tektonische Empfinden erstickt wurde unter dem wuchernden Glanz

der Dekoration.

Wir haben nur wenige Dokumente dieses Stiles auf hellenischem Boden,

und vieles ist erst in römischer Zeit entstanden. Verhältnismäßig

früh, kurz vor Alexander dem Großen, und fest datiert ist das kleine

Denkmal des Lysikrates in Athen (Abb. 23). Lysikrates hatte mit einem

Knabenchor im Gesangswettkampf 335 v. Chr. gesiegt und weihte den

gewonnenen Siegespreis, den Dreifuß, der Gottheit. Die Ausführung

des Denkmals gibt eine seltsame Umkehrung der Absichten, die ein

Monument haben soll. Der Dreifuß, der oben auf das Kapitell gestellt

ist, spielt im Monument nur die Rolle des oberen Abschlusses, der

Sockel hat entschieden das Übergewicht. So untektonisch empfand man

jetzt, daß das Bauwerk nur auf den Eindruck berechnet wurde und seine

Zweckabsicht Nebensache war. Genau so ist der Wert der Bauglieder ein

rein dekorativer. Nicht die Säule trägt hier, sondern der Mauerkern;

sie tritt nur vor ihn, um das Tragen äußerlich anzudeuten, die Fläche

zu gliedern und mit ihren weich abgestuften Profilen aufwärts zu

leiten. Auch die Form des Monumentes selbst ist untektonisch. Eine

frühere Zeit hatte dem Dreifuß in einem einfachen eckigen Sockel die

energischste Unterstützung gegeben; denn jede durch Kanten deutlich

begrenzte Form gibt dem Auge die ruhenden Linien, von denen aus es

das Bauwerk gliedert. Hier dagegen gewährt die runde, gleitende

Fläche dem Auge nirgends einen Ruhepunkt, macht es unmöglich, das

Bauwerk von irgendwoher scharf zu begreifen. Man wird empfinden, wie

untektonisch das ist. Daß auf so reiche Formen erst ein mißbrauchtes

Kapitell als weiches Vermittlungsglied zum krönenden Dreifuß folgen

mußte, ist verständlich. Jeder scharfe Abschluß ist einer untektonisch

empfindenden Zeit stets unerträglich gewesen. Ganz gleich, ob in

horizontaler Richtung, wie an Kanten, oder in vertikaler, wie hier bei

der Krönung -- weiche Übergänge sind dem unenergischen Auge solcher

Epochen Notwendigkeit.

[Illustration: Abb. 23. Athen. Denkmal des Lysikrates. (Rekonstruiert.)]

Es handelt sich dabei nicht um die vereinzelte Lösung einer besonderen

Aufgabe, sondern um den Charakter des Stiles. Man vergleiche die

korinthische Säule (Abb. 23) mit der ionischen (Abb. 21). Das Bauglied

selbst ist durch Dekoration aufgelöst. Die Basis der korinthischen

Säule, weicher abgestuft als die der ionischen, führt zu einem

schlanken Schaft, dessen Kannelüren noch enger nebeneinanderstehen.

Im Kapitell sind an die Stelle der beherrschenden Doppelschnecke

vier Voluten in den Ecken getreten, die es nach vier Richtungen

auseinanderreißen und richtungslos in die Decke gleiten lassen. Sein

Leib ist formlos geworden, überwuchert durch die krautige Fülle der

Akanthusblätter. Denn lineare Ornamentformen sind dem neuen Stilwollen

zu leblos. Stets tritt in diesem Stadium der Umbildung tektonischer

Stile das vegetabilische Ornament ein. Bei den Laubkapitellen der

deutschen Spätgotik, die die gleiche Tendenz hat, ist es das in

spitzige Zacken auslaufende Epheu- oder Weinblatt, beim korinthischen

Kapitell der ebenso scharf gerippte, ebenso spitz endigende Akanthus,

die das Kapitell überkleiden und seine Form vollkommen verwischen.

Dieselbe Tendenz, die diese zierlichen, spitzen Formen sucht, bedingt

es, daß sie scharf vom Grunde losgelöst werden, nicht nur als Form,

sondern um die Fläche reich in Licht und Schatten zu zerlegen. Auch das

in den Hauptzügen ionische Gebälk ist reicher, bewegter in den Formen,

eleganter in der Aufeinanderfolge der Gliederprofile. Das schwere

Giebelfeld fehlt zumeist, wird nur in später Zeit ganz dekorativ

verwandt.

Damit haben wir die Haupttendenz der späthellenischen Kunst in allen

ihren Richtungen. Denn es ist dieselbe unarchitektonische Auflösung

in Licht und Schatten, zu der wir Baukunst, Malerei und Plastik

der hellenistischen Kunst entwickelt finden werden. Aber man wird

verstehen, daß nur ein ornamentaler Stil der Universalstil der späten

Antike in fast allen Ländern des Mittelmeerbeckens werden konnte,

daß seine äußerliche, dekorative Art das autochthone Kunstempfinden

überwucherte und erstickte. Ähnliches haben wir auch im 19. Jahrhundert

erlebt. Das zierliche, einschmeichelnde Ornament stiehlt sich leicht

in eine fremde Kunst hinein. Künstlerische Energie ist bodenständig,

und ihre Herbheit wehrt jedem das Verständnis des künstlerischen

Nachschaffens. Sie gehört dem Stamm und dem Land, die sie geboren

haben.

Viertes Kapitel.

Die hellenistische und die römische Kunst.

Das 4. Jahrhundert, das im korinthischen Baustil bereits die Dekoration

über die Tektonik stellt, bezeichnet auch in den anderen Künsten den

Punkt, an dem das Malerisch-Bewegte über die ruhigen, klaren Formen

die Oberhand gewinnt. Unmerkbar freilich vollzieht sich der Übergang.

Skopas und Praxiteles, die Meister der Zeit, ziehen eigentlich nur

die Folgerungen aus den Resultaten der vorhergehenden Epoche. Sie

führen die beiden Möglichkeiten des Affektes weiter, Skopas die

leidenschaftliche Bewegung, Praxiteles die Ruhe. Aber ihr Künstlertum

ist bewußter, eigenwilliger, sie sind individueller, ordnen ihr

Werk nicht mehr dem Bau unter, und das führt sie, wie viele nach

ihnen, bis an die Grenze des Virtuosentums. Es ist kein Zufall, daß

die interessantesten Darstellungen aus dem Kreise des Skopas seine

Amazonenkämpfe sind, Reliefs, die die Auflösung der Fläche bis an den

Beginn der Zersetzung treiben (Abb. 24). Hier sprechen die Affekte

am stärksten; zu dem muskulösen Körper des Mannes sind die weicheren

Formen der Frau ein künstlerischer Gegensatz, der zugleich das Mitleid

mit der Schwächeren bei dem Betrachter bedingt. So wird die Kraft des

Mannes bis zur Roheit gesteigert, der Körper der Amazone zum Träger

weicher Schönheit gemacht. Eine solche Auffassung des Themas ist erst

jetzt möglich. Noch für Polyklet ist die starke Schönheit der Amazone

ebenso Träger der Kraft wie der Körper des Jünglings. Und dieses

Suchen nach der Schönheit des Zarten wird in Praxiteles das zweite

Streben der Zeit. Aus ihm kann man verstehen, warum all die Götter,

die früher reife Männer waren, wie etwa Hermes oder Dionysos, jetzt

als Jünglinge dargestellt werden, die Kraft starken Stehens jetzt der

rund, fast weiblich ausgebogenen Hüfte über lässig stehenden Beinen,

die große Ruhe des Gesichts weicher Süße Platz macht und die nackte

Frau nun höchste Aufgabe der Kunst wird. Praxiteles wagt hier noch

nicht alles. Er muß für die Nacktheit noch nach einer Begründung

suchen und läßt seine knidische Aphrodite eben das Gewand ablegen,

um ins Bad zu steigen. Aber von ihm ab wird die nackte Schönheit der

Frau Selbstzweck. Es tritt eine Verweichlichung ein, die sich auf den

Grabstelen in fast schon sentimentalen Abschiedsszenen äußert und

als erster Vorläufer des Realismus eine Genrekunst entwickelt, die

besonders in den kleinen Terrakottastatuetten von Tanagra Bilder

weiblicher Eleganz und drolliger Derbheit hinterlassen hat.

[Illustration: Abb. 24. Amazonenkampf. Relief vom Mausoleum zu

Halikarnaß.]

Der Hellenismus, dieses internationale Ausströmen späthellenischer

Kultur, dem die Schlachten Alexanders des Großen die Welt eroberten,

führt dann diese Kunstentwicklung in allen Ländern des Mittelmeeres

zur letzten Konsequenz. Es ist bezeichnend, daß schon die Zeitgenossen

des Praxiteles ihre entscheidenden Aufträge nicht in ihrer Heimat

erhalten. Das 4. Jahrhundert vereinigt seine Hauptmeister für

ein Denkmal kleinasiatischen Despotenstolzes, das Mausoleum zu

Halikarnaß. Wir stehen auf der Grenze zweier Zeitalter. Für den

Hellenen der klassischen Zeit war seine Stadt, zugleich der Staat,

der Mittelpunkt seiner Anschauungen gewesen. Zu ihr gehörte er als

Glied eines Organismus; die Stadt war stark durch ihre Bürger, der

einzelne Bürger stark im Bewußtsein dieser Zusammengehörigkeit. Daher

das allgemeine Interesse an der Politik, daher die ungeheure Kraft

dieser kleinen Staatswesen, daher aber auch der Partikularismus und

die fortwährenden Reibereien zwischen ihnen. Der Hellenismus dagegen

ist international. Immer stärker hatten hellenische Kultur und

hellenische Sprache die Welt umfaßt. Griechische Kolonien säumten alle

Küsten des Mittelländischen Meeres, drangen bis ins Innere Asiens,

und jede dieser Kolonien schuf neue Wege und Beziehungen -- mitten

in der Mark Brandenburg hat man einen Fund der edelsten griechischen

Goldschmiedearbeiten südrussischen Stiles noch aus archaischer Zeit

gehoben. Aber die Kolonisten fühlten sich noch immer als Bürger ihrer

Mutterstadt, leisteten ihr im Kriege Gefolgschaft, führten die

Waren der Mutterstadt aus und brachten auf deren Markt ihre eigenen.

So mußte gerade das starke Stammesbewußtsein den Gesichtskreis des

Hellenen erweitern. In demselben Maße aber, in dem die materiellen

Interessen des Bürgers außerhalb seiner Stadt lagen, mußte sich der

Zusammenhang innerhalb der Bürgerschaft selbst lockern. Daß im Kriege

der Söldner an die Stelle des Bürgers tritt, ist nur ein Symptom. Der

Bürger wird egoistisch, fühlt sich immer weniger als Glied des Staates,

und der Individualismus entwickelt sich. Gerade die realistische

Eigenwilligkeit des einzelnen Künstlers ist hier der Beweis und das

Überhandnehmen der Porträtkunst. Luxus und Wohlleben gehen damit Hand

in Hand. Nicht nur, wie man oft lesen kann, weil man sie im Orient

kennen gelernt hat, sondern als notwendiges Ergebnis, sobald der

einzelne nicht mehr an das Produkt seines Ackers gebunden ist. So

haben selbst Neugründungen, wie Alexandria, wenn sie nur dem Handel

günstig lagen, in kurzer Zeit Athen und Korinth überflügelt und sind

zu Mittelpunkten griechischer Kultur geworden. Dadurch erklärt sich

das seltsame Paradoxon, daß durch die Züge Alexanders des Großen der

Orient nicht hellenischem Geiste unterworfen wurde, der ihn schon lange

beherrscht hatte, sondern die kulturelle Herrschaft geradezu auf den

Orient überging. Alexanders Siegeszug hatte den ganzen östlichen Bezirk

des Mittelländischen Meeres zu einem griechischen Reiche gemacht.

Sobald es zerfiel, blieb das Übergewicht den stärksten Teilen.

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Erster Band.: Vom Altertum bis zur Gotik · 第 3 / 10 段