Es ist die Giebelseite, die alle Eigenschaften des Baues am

energischsten konzentriert; die Säulenreihen der Längsseiten sind nur

Verbindungen zwischen ihnen. Hier drücken Säulenreihe und Giebel das

Verhältnis der Baumasse zum Dach, der Kraft zur Last mit vollkommener

Klarheit aus. Was bei der ägyptischen Pyramide rohe Masse

aufeinandergetürmter Steinschichten war, wird hier in Baufunktionen

aufgeteilt. Von einem dreistufigen Postament, dem Stylobat, steigen

unvermittelt sechs Säulen auf, senkrechte Rillungen, Kannelüren,

schmücken den Schaft, führen die Säule aufwärts, dem Kapitell zu und

der Last, die darauf ruht. Drei kleine Rillen umziehen oben die Säule,

fassen ihre Kraft noch einmal zusammen, dann fügt sich das Kapitell

an, leicht eingebogen, als wiche es ein wenig unter der Last zurück.

Eine sichere Rechnung: nun hat man das Gefühl, das Verhältnis sei

ausgeglichen; so weit ist die Säule unterlegen, nun trägt sie fest.

Eine kleine quadratische Platte über jedem Kapitell, der Abakus, ist

ihr Abschluß; ihre Kantigkeit, ein kleines Abbild der darüberliegenden

Steinbalken, leitet schon zu ihnen hinüber, als wolle man sie nicht

unmittelbar auf das Kapitell laden. Dann folgt die Last des Gebälkes,

ein fester Steinblock, der Architrav, und ein kräftig gegliederter

Fries; in ihm wechseln dreifach gekerbte Platten, Triglyphen, an

denen Tröpfchen hängen, und flache Felder, Metopen, die leer sind,

da sich bei den Ausgrabungen in Ägina keine Füllungen fanden, die

aber anderwärts mit kleinen Reliefs gefüllt waren. Dieser Fries

ist vermittelndes Glied zwischen Sockel und Krönung, zwischen dem

unskulpierten rohen Balken, dem Architrav, der trägt, und dem freudigen

Schmuck des Giebelfeldes. Nicht ohne Vermittlung durfte diese reiche

Dekoration aussetzen auf den schweren Stein. Erst schiebt sich der

leichtere Fries dazwischen, dessen Tröpfchen über die Abschlußlinien

hinweg nach unten führen, dessen kräftiger Schmuck auf das Giebelfeld

weist, das über ihm auf dem schmalen Steinbalken, dem Geison, ruht.

Denn nun schließt sich der Bau, nun fassen die Fittiche des Giebels,

den das ausdrucksvolle griechische Wort ἀετός, den Adler, nannte, vom

Erdboden her das ganze Werk zusammen. Die beiden Greifenakroterien an

den Ecken schließen, nach außen gewandt, ab. Die ganze Front unter

sich fassend, gleiten von ihnen aus die Linien der Traufrinne (des

Sima) aufwärts, gipfeln auf in dem edel gestalteten Akroterion der

Mitte, das all die Köstlichkeit in den Raum führt. Es ist erstaunlich,

wie hier der Skulpturenschmuck des Giebelfeldes dieses Zusammenfassen

unterstützt, wie dieser schmuckreichste Teil des Baues dadurch

organisches Glied der Architektur wird. Nur bei dieser einzigen

Rekonstruktion ist uns das bisher fühlbar gemacht worden. Es ist vom

strengsten Stilgefühl, wie die Dekoration die Architektur abschließt,

die Architektur ihrerseits die Gruppen des Giebelfeldes gliedert. Die

äußeren Säulen geben den Abschluß, von den vier inneren trifft jede

auf einen niedergesunkenen Krieger. So erheben sie ihn zum wichtigsten

Glied der Gruppen, die sich von ihm aus sondern und gliedern, und

scheiden zugleich die vier Gruppen im Kampf. Nur Pallas Athene steht,

emporgehoben durch das Akroterion, beherrschend im Zwischenraum, wie

die Pause in einer Symphonie Beethovens den Akkord, der ihr folgt, am

stärksten betont. Zugleich aber faßt die Füllung des Giebelfeldes mit

denselben Linien Säulen und Fries zusammen und führt sie empor zum

Akroterion, dem krönenden Schlußstein des Baues.

[Illustration: Abb. 13. Grundrisse. _a_ Antentempel; _b_ Antentempel

mit Hinterhalle.]

Vollkommen durchgeführt ist in dieser Rekonstruktion die ausdrucksvolle

Bemalung des Giebels. Wir tragen vom griechischen Tempel ein viel

zu strenges Bild in uns. Ein Bau, wie der farblos herbe Tempel zu

Pästum (Abb. 11), bedeutet uns den Sinn der griechischen Architektur.

Aber das tektonische Gefühl des Hellenen gibt nicht nur die klaren,

edlen Formen, sondern gibt diesen Formen durch die farbige Dekoration

Ausdruck und Begründung. Den Abakus akzentuierte ein gemaltes

scharfkantiges Mäanderband als viereckige Platte, kleine gemalte

Blättchen umkränzten das Kapitell, daß es schien, als bögen sie sich

unter der Last. So wurden sie Motivierung. Die gemalte Ornamentation

des Sima, der Regenrinne, die an den äußersten Linien des Tempeldaches

entlangläuft, läßt das Auge an sich hingleiten von Akroter zu Akroter.

Denn das Ornament ist keineswegs ein nur äußerlicher Schmuck; sein Sinn

ist, die Bewegungen der Form auszudeuten, die es bekleidet.

Ein so durchdachtes Gebilde muß das Werk von Jahrhunderten sein. Der

wahrscheinlich ursprünglichen Form, der ungeteilten Tempelzelle, deren

Name Naos (Cella) auch in der erweiterten Anlage dem Raum für das

Götterbild immer geblieben ist, hatte man in der Epoche des dorischen

Stiles bereits die Vorhalle (Prodomos, Abb. 13 ~a~) und das Hinterhaus

(Opisthodomos, Abb. 13 ~b~) hinzugefügt und so ein reicheres Gebilde

geschaffen. Aber architektonisch war es streng zusammengehalten.

Diese Nebenhallen wurden in die Architektur des Naos miteinbezogen.

Man schob seine Seitenmauern vor und ließ sie in zwei Stirnpilastern

(Anten) endigen; deren Form entsprach der Gliederung der beiden Säulen,

welche zwischen ihnen den Eingang zur Cella, zugleich wohl die einzige

Lichtquelle des Tempels, öffneten (~Templum in antis~). Bei den reichen

Anlagen, wie wir sie in Ägina und Pästum kennen gelernt haben, umgab

man diese Bauform, um sie unter eine einheitliche Bewegung zu bringen,

rings mit einer Säulenhalle und schuf so die bekannteste Anlage des

dorischen Tempels, den Peripteros (Abb. 14). Es ist Stilgesetz, daß

die seitlichen Reihen nicht genau die doppelte Zahl der Frontsäulen

haben. Ein einfaches Verhältnis würde hier seinen Wert allzu schnell

erschöpfen.

[Illustration: Abb. 14. Grundriß eines Peripteros.]

Für die Bauformen ergibt sich eine parallele Entwicklung. Es ist

wichtig, daß an den ältesten Steintempeln, die durchforscht sind, Sima

und Akroterien aus Ton gearbeitet waren. Das ist nur zu erklären,

wenn man annimmt, daß der archaische Tempel ein Holzbau gewesen ist,

bei dem die Teile, die durch Regenwasser zu leiden hatten, aus Ton

gearbeitet waren, und daß man beim Steintempel zunächst diese Tradition

beibehielt. In der Tat können wir am Heraion in Olympia, das auch noch

tönernes Sima und Akroterion gehabt hat, den Übergang vom Holzbau zum

Steinbau verfolgen. Dort gleicht kein Säulenkapitell dem anderen,

und es scheint, daß das Heraion ursprünglich ein Holzbau war, bei

dem allmählich jede angefaulte Säule durch eine steinerne ersetzt

wurde. So erklärt sich auch zwanglos die energische Gliederung des

dorischen Frieses überhaupt, deren strenge Art vollkommen den Eindruck

macht, daß sie von vornherein nicht dekoratives, sondern tektonisches

Glied gewesen wäre. Die Triglyphen scheinen ihren Ursprung in den

geschnitzten Außenendigungen der Dachbalken zu haben; die Öffnungen

zwischen ihnen verkleidete man mit Holztafeln, an deren Stelle dann

die Metopen traten, und hielt alles durch Nägel oder Pflöcke, aus

deren Köpfen der Ursprung der Tropfen sich herleiten läßt. Mag hier im

einzelnen noch manches hypothetisch sein, so ist doch sicher, daß im

Holzbau, vielleicht sogar im mykenischen, die Wurzeln des hellenischen

Tempels liegen. Die Form des Grundrisses, die nur vom Zimmer auf den

Tempel übertragen wird, ist evident die mykenische des Festlandes,

und es ist möglich, daß auch die Säulenform, die in frühen Beispielen

das wulstige mykenische Kapitell besitzt, sich aus der mykenischen

Holzsäule entwickelt hat. Im frühdorischen Stil herrscht unbedingt

noch die dekorative Tendenz der Vorzeit. Es gibt ein athenisches

Giebelfeld frühdorischen Stiles, dessen obere Begrenzung seitlich nicht

von einem Akroter abgeschlossen wird, sondern sich in eine Schnecke

zusammenrollt. Daraus folgt, daß diese Zeit die Linien des Giebelfeldes

anders sah als die klassisch dorische, daß man die Linien noch nicht

als von unten nach oben, sondern als von oben nach unten geführt

empfand. Der konstruktive Stil aber geht vom Träger aus, der dekorative

von der Bekrönung.

Trotzdem die Entwicklung sich also ganz allmählich vollzieht, sind

mykenischer und dorischer Stil scharf geschieden durch eine Epoche

künstlerischer Armut, die von der Schaffensfreudigkeit des einen, der

ihr vorausging, zur Strenge des anderen, der ihr folgte, die Brücke

schlägt. Die Einwanderung der Dorier nach Griechenland seit dem Jahre

1200 v. Chr., die wohl nicht ohne Schuld am Schicksal der ägäischen

Kultur ist, mag wohl auch der Grund für diese Verarmung gewesen sein,

und der Stil, der dann folgt, trägt den Namen des dorischen wohl mit

Recht. Die Eroberer zerstörten die alte Kultur und vermochten selbst

nur langsam eine neue zu schaffen, ohne sich dabei ganz dem Einfluß des

künstlerischen Reichtums, der im Lande wurzelte, entziehen zu können.

Genau wie bei der Völkerwanderung ist auch bei der dorischen die erste

Folge der gewaltsamen Zerstörung eine Verödung der Kunstformen, die

zugleich in sich den Übergang zum neuen konstruktiven Stile birgt.

[Illustration: Abb. 15. Vasenscherbe des sog. Dipylonstiles.]

Die Vasenmalerei, die diesen Übergang am klarsten ausspricht, ist auch

im Beginn des 1. Jahrtausends v. Chr. noch immer dekorativ in ihren

Absichten. Friesartige Streifen, mit Ornamenten geschmückt, umziehen

das Gefäß und wahren das Gleichmaß aller Teile der Gefäßfläche. In

Athen ist man damals ruhig bis zur künstlerischen Erschöpfung. Hier

hat man vor dem Doppeltore, dem Dipylon, auf Gräbern eine ganze

Reihe bauchiger Kratere dieses sog. Dipylonstiles gefunden, die zu

Totenopfern bestimmt waren. Auf ihnen bilden arme gradlinige Ornamente

in wenig variierten Formen schmale Friese, die selbst auf ungeheuren

Gefäßen nicht breiter werden, sondern nur mehr Reihen bilden

(Abb. 15). Leichenzüge oder Kriegerreihen wiederholen in endloser

Folge immer dieselbe in der Taille stark geschnürte Figur, die in

schwarzer Silhouette gegeben wird, eintönige Friese immer das gleiche

geometrisch einfache Ornament. Während also der Stil der Zeichnung

noch auf mykenischer Grundlage ruht, bedeutet gerade die gleichmäßige

Reihung das Erwachen des konstruktiven Verständnisses. Man beginnt

auch schon, diese attischen Gefäße tektonisch zu gliedern, den Fuß

gegen den Leib abzusetzen und zu festem Stehen auszubilden. Die

Weiterentwicklung vollzieht sich in Athen, dem Hauptsitz des ionischen

Zweiges der Hellenen, unter dem Einfluß der Kunst der stammverwandten

kleinasiatischen Ionier. Nun schafft die archaische Keramik des 7.

und 6. Jahrh. einen Stil, der tektonisch so vollkommen ist wie der

dorische in der Baukunst. Er bildet beim Gefäß Fuß und Mündung aus

und macht seinen Leib zu einem einheitlichen Gebilde dadurch, daß er

dort an die Stelle der parallelen Friesreihen eine Darstellung aus

Leben oder Mythus setzt, die den eigentlichen Körper in seiner ganzen

Ausdehnung bedeckt. Abb. 16 gibt ein besonders edel geformtes Gerät

dieses Stiles, eine Hydria (Wasserkrug), die vielleicht von einem

Ionier in dem von Attika früh beeinflußten Etrurien gearbeitet worden

ist. Auf breiter, starker Fußplatte, deren Rundung durch einen Kranz

schwarzer Linien sich ausdrückt, steht das Gerät. Scharf setzt sich der

Fuß gegen den Leib des Gefäßes ab, in dem Strahlen sofort die Richtung

nach oben aufnehmen. Es folgt ein schmaler Fries von Jagdszenen, wie

ein Auftakt zu dem eigentlichen Gefäßleib, der dann mit breiter Fülle

kräftig ausladet. Eine einzige Darstellung umzieht ihn, die zwischen

zwei schwarze Linien gefaßt ist, auf der einen Seite Herakles, der den

ägyptischen König Busiris erwürgt, auf der uns zugekehrten Seite die

Neger, die dem König mit energisch gezeichneter Hast zu Hilfe eilen.

Diese Teilung ist vollkommen tektonisch; sie wird gefordert durch die

beiden Seitenhenkel, an denen das Gefäß gehalten wurde, wenn man es mit

Wasser füllte, genau so wie der dritte senkrechte Henkel, an dem man es

beim Ausgießen hielt, die Gruppe der Neger gliedert. Außerordentlich

fein sind die Strahlen empfunden, die geformt sind, als hefteten sie

den Henkel an den Gefäßleib. Energisch grenzt sich oben der abgeflachte

Leib ab. Steil und klar erhebt sich der Hals und schließt mit einer

breiten Mündung, deren kräftigen Außenrand ein Mäanderband streng

begrenzt. So hat die Malerei hier wie bei dem dorischen Tempel der Zeit

den gleichen Zweck, nämlich die Funktionen der Gerätteile auszudrücken.

Die Harmonie zwischen Form und Dekoration ist vollkommen. Beide sind

aus dem Zweck der Gerätteile gewonnen und fügen sich zu kraftvoller

Einheit zusammen. Und wie die Malerei die streng geformten Teile feiner

scheidet und verbindet, so betont sie energisch den Wert der Fläche

als Begrenzung. Wie beim Dipylonstil, sind auch noch bei diesem sog.

schwarzfigurigen Stil alle Ornamente und Gestalten mit wenigen Farben,

unter denen Schwarz herrscht, auf den Tongrund gemalt. Aber man gibt

mit geritzten Linien auch die Konturen und die Innenzeichnung und

schafft so den impressionistischen Stil in einen zeichnerischen um, der

der Gefäßfläche unterworfen ist.

[Illustration: Abb. 16. Hydria schwarzfigurigen Stiles.]

[Illustration: Abb. 17. Amphora rotfigurigen Stils.]

Gegen das Ende des 6. Jahrh., kurz vor den Perserkriegen, vollzieht

sich auch hier eine Ausdruckssteigerung. An die Stelle des

schwarzfigurigen Stiles tritt allmählich der rotfigurige, der den

Tongrund schwarz firnißt, in ihm die Figuren ausspart und ihre

Innenzeichnung mit schwarzen Linien gibt. Dieser Stilwandel war

Notwendigkeit. Die Dramatik der Gestaltung hatte sich immer mehr

entwickelt. Alles drängte nach plastischem Ausdruck im Raum. So war

schließlich der schwarzfigurige Stil nur noch eine traditionelle

Fessel, deren selbst Verfeinerung der Zeichnung nicht Herr werden

konnte. Und so erscheint bereits auf den schwarzfigurigen Vasen vom

Ende der Epoche zugleich auch das rotfigurige Bild, durch das die

alte Technik bald vollkommen verdrängt wird (Abb. 17). Der neue Wert

ist die ausdrucksvollere Zeichnung. Die Darstellung wird wirklicher.

Die Innenzeichnung spricht schärfer schwarz auf der roten Fläche der

Figuren, die Figur körperhafter vor dem schwarzen Hintergrund. Erst

jetzt können Bewegungen überzeugend gegeben, Körperformen modelliert,

Dinge hintereinander im Raum gezeichnet werden. Die ersten Bilder des

neuen Stiles sind noch streng in der Zeichnung, straff in der Linie,

der Gefäßwand angemessen. Aber die Technik war jeder Verfeinerung fähig

und bildete die zarteste Linienführung aus. Mit fein bewegten Zügen

zeichnete man nun alles, was das Leben des Tages brachte, Gastmähler

und Kampfspiele, Schlachten und Stunden der Liebe neben den alten

Göttermythen und Heldensagen, und die Harmonie dieses Lebens machte

auch das Alltäglichste wert, Gegenstand der Darstellung zu sein.

Entsprechend dieser größeren Ausdrucksfähigkeit des neuen Stiles, die

die Darstellungen ohne Rücksicht auf die Gefäßwand selbst räumlich

zu zeichnen beginnt, wird die Dekoration selbständiger. Die das

Götterbild kränzenden Mänaden auf unserer Amphora füllen die ganze

Gefäßfläche, dringen in sie ein und stehen in keinem tektonischen

Verhältnis mehr zum Gerät. Aber diese Freiheit wäre unmöglich, wenn die

Gerätteile selbst nicht ihre straffe Scheidung verlieren würden und

durch Auflösung der zweckmäßigen Gliederung die Möglichkeit zu größerer

Freiheit für die Dekoration gäben. Das Gerät selbst wird eleganter

im Umriß, die feine Silhouette ersetzt die charaktervolle Scheidung.

Die Fußplatte ist schmäler geworden. In schlanker Linie steigt von

ihr der Leib des Gefäßes in die Höhe, geht in weicher Wendung in den

zartgebogenen Hals über, die Henkel schmiegen sich diesen Linien an,

und so ist das Ganze von erstaunlicher Feinfühligkeit. Der ästhetische

Ausdruck beginnt an die Stelle des Zweckausdruckes zu treten. Wenn bei

einer Trinkschale des schwarzfigurigen Stiles der Fuß, die eigentliche

Schale und der Rand streng voneinander getrennt sind, und die Stelle,

wo unten der Fuß ansetzt, im Innern der Schale durch einen kleinen, oft

mit einem Kopf gefüllten Kreis, wie durch einen Nietenkopf, bezeichnet

war, so werden nun die Teile der Schale miteinander zu wundervoll zart

gefühlten Formen verschmolzen; aber es ist ungemein bezeichnend, daß

jetzt das Innenbild der Schale seine tektonische Funktion verliert,

weitaus größer wird und nur noch den Anlaß für eine umfangreiche

bildliche Darstellung abgibt.

So geht die Tendenz dieser Kunstentwicklung von der archaischen Strenge

zur feinsten Empfindlichkeit in Form und Linie, von der Straffheit

in der Epoche der Perserkriege zur Gelöstheit des Perikleischen

Zeitalters. Genau dieselbe Entwicklung macht auch die +Plastik+

im dorischen Stile durch, die von der tektonisch gebundenen zur

freien Form übergeht, und die Architektur, die von der Straffheit

des dorischen zum gelösten ionischen Stil sich entwickelt. Der

Parallelismus dieser Reihen ist äußerst instruktiv; jede ist in

sich logisch zusammengeschlossen, und ihr Nebeneinander bedeutet

die Einheitlichkeit der hellenischen Kultur und die Harmonie ihrer

Entwicklung.

Die griechische Freiplastik ist vom pfahlförmigen Holzidol der

Dipylonzeit ausgegangen, und sie erscheint in ihrer Frühzeit stets noch

durch ihre Aufgabe gebunden. Kunstwerke nur um der Schönheit willen zu

schaffen, ist für das Hellas der Frühzeit unmöglich. Ein frühattisches

Grabrelief, wie die Stele des Aristion (Abb. 18), entspricht der

schwarzfigurigen Keramik in Zeit und Stil. Der Zweck ist entscheidend

für die Form. Die Aufgabe ist der Denkstein, seine Einprägsamkeit ist

entscheidend für die Ruhe der Form, und die Darstellung ordnet sich der

Fläche ein wie das ägyptische Relief.

Später, gegen 480 v. Chr., bezeichnen die Skulpturen im Giebel des

Tempels von Ägina (Abb. 12) den Moment, in dem man die Bewegungskraft

des Körpers zu spüren beginnt. Es sind Willensmenschen, die hier tätig

sind, nicht Gefühlsmenschen, wie die Ionier, und so ist der Ausdruck

nicht der der Grazie, sondern die Energie des Kriegers, die kräftige

Bewegung des Zustoßens, wie die gespannte des Lauerns. Aber die Fläche

des Giebels bindet auch jetzt noch die Gestalten, die sich wie Reliefs

innerhalb einer Fläche bewegen und Teile der Architektur bleiben. Schon

der zweite, dem Stil nach etwas spätere Giebel von Ägina, der an der

Ostfront des Tempels steht, hat die strenge Gliederung und den festen

Zusammenhang mit der Architektur verloren. Auch hier steht Athena noch

in der Mitte. Auch hier kämpfen ihr zur Seite je zwei Helden, und

in den Giebelecken liegt jedesmal ein Gefallener. Aber die strenge

durch die Säulen bedingte Ordnung innerhalb der beiden Giebelhälften

ist aufgehoben. Das Giebelfeld ist selbständiger geworden gegenüber

dem Gefüge des ganzen Baues, nur noch die beiden Mittelsäulen haben

architektonische Beziehung auf die Kämpfe. Die Plastik ordnet sich

nicht mehr durch die Architektur, der sie dienen sollte, sondern durch

die Darstellung selbst, und an die Stelle der Zweckformen treten

auch hier, wie in der Keramik, allmählich die Ausdrucksformen. Alle

Gestalten jeder Seite beteiligen sich am gleichen Kampf, und selbst

Athena hat ihre hieratische Starrheit verloren und nimmt Partei. So

wird das Ganze zwar einheitlicher als bildnerische Komposition, aber

weniger übersichtlich.

[Illustration: Abb. 18. Grabstele des Aristion.]

[Illustration: Abb. 19. Westgiebel des Zeustempels zu Olympia.]

Kaum eine Generation später sind am Zeus-Tempel zu Olympia (erbaut

nach 480) die Giebelfelder nur noch Gebilde der Plastik (Abb. 19).

Ihr Wert als Teil des architektonischen Gefüges ist vollkommen

verloren gegangen. Die einzige Schranke ist die Form des Dreiecks,

um derentwillen noch immer der Gott beherrschend in der Mitte steht,

unsichtbar für die Teilnehmer gedacht, so daß noch immer die Gestalt

neben ihm auf jeder Seite die Richtung nach der Ecke hat, und so die

Hälften sich scheiden. Die Ausdruckskunst des Bildhauers aber hat sich

inzwischen weiterentwickelt. Man hat gelernt, den Körper, den man

in Ägina nur im klaren Profil gab, in allen Gliedern zu bewegen, in

allen Gelenken zu drehen. So hebt man das reliefklare Nebeneinander

der Figuren auf, um einem Kampf wie dem der Lapithen und Kentauren im

+westlichen+ Giebel eine Fülle von Ausdruck zu geben (Abb. 19). Die

räumlich gewordenen Bewegungen führen über den eigenen Körper hinaus

und fordern die Gruppe. Man scheut sich nicht mehr, die Körper der

Kämpfenden so dicht nebeneinander zu schieben, daß die Bewegungen der

Leiber im kräftigsten Kontrast stehen, ohne Rücksicht darauf, daß die

Gestalten sich gegenseitig überschneiden und sich teilweise verdecken.

Wie die Bewegung so wird auch die Ruhe im Ausdruck gesteigert. Im

Ostgiebel desselben Tempels ist der Augenblick dargestellt, in dem vor

dem Wettkampf zwischen Perseus und Oinomaos Kämpfer und Zuschauer den

Beginn des Wagenrennens erwarten. Nun aber wird nicht mehr, wie in

Ägina, der Kämpfer dargestellt, der lauert, bis sein Moment gekommen

ist -- ruhiges Lagern und müßiges Hocken unbeteiligter Zuschauer,

unstraffes Stehen der Kämpfer, Steigerung der Ruhe bis zur Schlaffheit

geht der Steigerung des tätigen Ausdrucks vom energisch geführten

Kampf zum leidenschaftlichen Handgemenge parallel. Es kommt zur Zeit

des Perikles, um 450, Myron, der die augenblicklichste Bewegung des

Diskusschleuderers in Bronze bannt, es kommt Phidias, der der Ruhe ihre

Verinnerlichung gibt, Polyklet, der durch das Studium der Proportionen

die Gesetze der Körperschönheit selbst der Natur abzuringen sucht. Der

ganze schöpferische Reichtum hellenischer Kunst strömt sich jetzt in

den Bauten aus, die Perikles in Athen errichten läßt. Das Parthenon,

447 bis 432 erbaut, steht am Ende der Entwicklung des dorischen Stiles.

Kaum eine Generation liegt zwischen ihm und dem Zeus-Tempel von

Olympia, mit ihr aber die wichtigste Entwicklung hellenischer Plastik.

Sie geht im Streben, das architektonische Element auszuschalten,

vollkommen konsequent weiter. Die letzte Form, in der das Giebelfeld

sich noch als Bauglied ausdrückt, fällt mit der beherrschenden Gestalt

des Gottes in der Mitte. Spielten sich schon in den beiden Hälften

des Ostgiebels von Olympia, von denen jede eine Partei aufnahm, nicht

mehr getrennte Kämpfe ab, so stehen sich nun etwa im Westgiebel des

Parthenon bei dem Streit zwischen Athena und Poseidon um den Besitz des

attischen Landes die beiden Parteien in ungehemmtem Gegensatz gegenüber

und prallen in der Mitte aufeinander. Nun ist das ganze Giebelfeld

der Darstellung freigegeben, nun hat die Plastik freien Raum, auch

hier alle Möglichkeiten der Bewegung auszuschöpfen. Die allmähliche

Erkenntnis der Funktionen des menschlichen Körpers führt zu seiner

Bewegung nach allen Seiten, zum dreidimensional räumlichen Ausdruck

und zur Gruppenbildung. Ein Grabrelief aus dem Kreis des Phidias, wie

die schöne Stele der Hegeso (Abb. 20), hat nur noch scheinbar den

tektonischen Charakter der Aristion-Stele (Abb. 18). Seine Gestalten

bleiben zwar Glieder der Fläche, aber nur noch äußerlich. Die Absicht

ist stärkerer Ausdruck, und sie werden so verkürzt gezeichnet, wie die

rotfigurigen Vasenbilder, und führen wie diese in die Tiefe, vernichten

also die Flächenruhe des Denkmals. Die Bewegungen sind zwar ruhig, aber

sie sind nicht mehr selbstverständlich statuarisch, sondern bedürfen

der Begründung durch die Dienerin, die der Herrin das Schmuckkästchen

reicht, so daß die Ruhe als Stimmungsmoment fast genrehaft erscheint.

So werden die architektonischen Gesetze des Giebels, des Grabsteines

und aller anderen plastischen Aufgaben im gleichen Augenblicke

zerstört, in dem die entwickelte Körperzeichnung in der Vasenmalerei

die Tektonik der Gefäßfläche vernichtet.

Es ist bezeichnend, daß die Geschichte der hellenischen Plastik sich

gerade in der Bauplastik so gut verfolgen läßt. Die Kraft dieser

Entwicklung, die alle Fesseln der Zweckform sprengt, kommt in der

Baukunst am klarsten zum Ausdruck. Denn wie der Entwicklung der

keramischen Malerei eine Lockerung der Gefäßformen parallel ging,

läuft neben dieser Entwicklung in der Plastik eine Entwicklung in der

Architektur her, die ebenso das feste Gefüge des Tempels allmählich

löst.

[Illustration: Abb. 20. Grabstele der Hegeso.]

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Erster Band.: Vom Altertum bis zur Gotik · 第 2 / 10 段