Über diese Epoche des alten Reiches hinaus schreitet die Ent

####################################################################

Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1917 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute

nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original

unverändert; fremdsprachliche Begriffe wurden nicht korrigiert.

Das Original enthielt einen Gesamtkatalog der Buchreihe „Aus

Natur und Geisteswelt“, welcher bereits auf Project Gutenberg

veröffentlicht wurde (https://www.gutenberg.org/ebooks/53614). Die

restlichen Buchanzeigen wurden zusammengefasst am Ende des Texts

wiedergegeben.

Dieses Buch enthält Verweise auf Passagen im zweiten Band, welcher

auf Projekt Gutenberg veröffentlicht wurde und dort eingesehen bzw.

heruntergeladen werden kann (https://www.gutenberg.org/ebooks/68263).

Die gedruckte Ausgabe wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere

Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen

gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_

fett: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

unterstrichen: #Rautenzeichen#

####################################################################

Aus Natur und Geisteswelt

Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen

317. Bändchen

Die Entwicklungsgeschichte

der Stile in der bildenden Kunst

Von

~Dr. phil.~ Ernst Cohn-Wiener

Dozent an der Humboldt-Akademie -- Freie Hochschule Berlin

Erster Band:

Vom Altertum bis zur Gotik

Zweite Auflage

Mit 66 Abbildungen im Text

[Illustration]

Verlag und Druck von B. G. Teubner in Leipzig und Berlin 1917

[Illustration]

Schutzformel für die Vereinigten Staaten von Amerika:

~+Copyright 1917 by B. G. Teubner in Leipzig+~

Alle Rechte, einschließlich des Übersetzungsrechts, vorbehalten.

Frau Gemma

zugeeignet

Vorwort zur zweiten Auflage.

Aus dem Bedürfnis des Unterrichtes und der eigenen Klärung ist dieses

Buch entstanden, mit der Absicht, einen konsequenten Überblick über die

Stile zu geben, der nicht nur, wie die allgemeinen Kunstgeschichten,

Tabelle von Namen und Zahlen oder, wie die Stilkunde meist, Tabelle von

Stilkennzeichen ist. Sie soll vom Wesen des Stiles ausgehen und die

Formen aus der Kultur seines Geschmackes verstehen lassen. So mußte von

einem Register nach Stichworten abgesehen werden.

Für einzelne Epochen ist über diese Bewegungen bereits Klarheit

geschaffen. Für das Verständnis der Renaissance hat Heinrich Wölfflin,

der römischen Kunst Riegel und Wickhoff uns vieles gewonnen, für

das Verständnis der hellenischen Antike Furtwängler das letzte Wort

gesprochen. Für andere Stilgebiete aber, besonders für das Mittelalter,

fehlen die stilgeschichtlichen Untersuchungen bisher fast vollkommen.

Daran liegt es, daß Quellenangaben für das Buch kaum möglich sind. Ich

habe versucht, die historischen Tatsachen bis auf die neusten Resultate

fortzuführen, soweit die große Erstreckung des Stoffgebietes das

gestattet. So würde das Zitieren auch nur der wichtigsten Werke Seiten

füllen, während für das, was in diesem Buch das Wesentliche sein soll,

nur wenige Vorarbeiten vorhanden sind.

Gegenüber der ersten Auflage ist diese zweite wesentlich verändert und

namentlich an Abbildungen bereichert worden.

+Berlin+, im März +1917+.

=Ernst Cohn-Wiener.=

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Einleitung 1

Erstes Kapitel. Die ägyptische Kunst 3

Zweites Kapitel. Die prähistorische Kunst des Ägäischen Meeres 14

Drittes Kapitel. Die hellenische Kunst 22

Viertes Kapitel. Die hellenistische und die römische Kunst 44

Fünftes Kapitel. Die frühchristliche Kunst 60

Sechstes Kapitel. Das frühe Mittelalter in Deutschland und der

sog. romanische Stil 70

Siebentes Kapitel. Die Anfänge der Gotik 87

Achtes Kapitel. Die hohe Gotik 97

Neuntes Kapitel. Die Spätgotik 112

Einleitung.

Jedes Kunstwerk gibt dem Betrachter zwei Genußmöglichkeiten, je nachdem

man es an sich, absolut, oder nur als Glied im künstlerischen Schaffen

seiner Zeit empfindet. Bachs hohe Messe in ~H~-Moll erschüttert auch

im Konzertsaal -- aber lebendig ist sie erst als Glied der Andacht in

einer Kirche ihrer Barockzeit, in der das prachtvolle Pathos ihrer

großen Fugen eins wird mit der pathetischen Bewegung der Pfeilerreihen

zum Altar und wieder zurück, der Jubel ihrer Bekenntnisse und

Huldigungen mit dem Licht, das durch ihre hohe Kuppel strömt, ihre

Begleitungen mit den Stuckranken, die jedes Glied des Baues an jedes

andere heften. Ein Schnitzwerk von Tilman Riemenschneider ist immer

schön. Aber es ist etwas anderes, es im Museum zu sehen, als bloßen

Schaugegenstand, oder in seiner zierlichen Rahmung, die sich in die

Sterngewölbe spätgotischer Kirchen auflösen soll.

Wenn wir daraus die Konsequenz ziehen, so ergibt sich als Erstes,

daß die Geschichte der bildenden Künste kein Recht hat, den Stil

unter Vernachlässigung aller anderen Kunstformen nur als Baustil zu

verstehen. Der Stil ist vielmehr in all seinen Charakterzügen nur aus

der Summe alles von ihm Geschaffenen zu begreifen. Alle Ausdrucksformen

des Zeitgeschmacks, Baukunst und Kunstgewerbe, Malerei und Plastik,

Mode und Theater, sind zugleich Stilglieder. Und nur, indem man das

ihnen Gemeinsame sucht, zeigt sich jene Einheit, die man eigentlich

Stil nennt. Aber selbst dann erscheint sie nicht gleichbleibend,

sondern als Bewegung, als gemeinsames Streben nach demselben

Schönheitsziel. Selbst diese Einheit besteht nur für gleichzeitig, aber

nicht für nacheinander geschaffene Werke. Denn das ist das Zweite,

daß in der Kunst kein Stil konstant bleibt, daß langsam, aber mit

Notwendigkeit, jeder sich fortbildet, um ganz allmählich seine Kraft zu

verlieren und einer neuen Schönheit, einem neuen Stil Platz zu machen.

Und diese Entwicklung ist die Geschichte der Kunst.

Man hat in der Frühzeit der geologischen Wissenschaft geglaubt, daß

die ungeheure Geschichte der Erde, das Verdrängen jeder Schicht durch

eine andere, unmöglich ohne gewaltsame Prozesse hätte vor sich gehen

können. Heute wissen wir, daß diese Entwicklungen sich allmählich

und mit Notwendigkeit vollzogen. Aber es ist Zeit, daß dieser

Grundsatz der Entwicklungsgeschichte nicht nur der Naturwissenschaft,

sondern auch den anderen Wissensgebieten die Richtung des Gedankens

vorzeichnet. Man weiß nichts von der Geschichte der Kunst, wenn

man nichts als die Merkmale der Stile kennt, die sich nur auf ganz

wenigen Kunstwerken gleichen, da sie mit dem Geschmack allmählich

sich verändern. Wir dürfen nicht nur diese Merkmale der vollendeten

Stile suchen, denn es liegt kein Grund vor, die feineren Übergänge

zwischen den Epochen, in denen sich die Entwicklungsgeschichte der

Kunst werdend ausspricht, geringer einzuschätzen. Es ist falsch, von

der Frührenaissance zu sprechen, als wäre die Kunst in Italien von

1420 bis 1500 von einheitlichem Geschmack gewesen, während doch die

allmähliche Abkehr von gotischen Prinzipien und der Übergang zur

Hochrenaissance der eigentliche Inhalt der Epoche war, an dem Kräfte

verschiedener Richtung mitwirkten. Es gibt auch keinen Begriff „die

Antike“; zwischen den Anfängen der klassischen griechischen Zeit und

ihren Werken in der Zeit der Diadochen liegt ein Weg wie vom Beginne

christlicher Kunst bis zur reichsten Gotik. Wie die schaffenden Kräfte

des Volkslebens nicht still stehen, so ist auch die Kunst nicht einen

Augenblick ohne Fortentwicklung. Diese Fortentwicklung ist das innere

Leben des Stils, ist das Wollen und Suchen aller Kräfte der Zeit. Das

Werden des Stiles ist ihr Kampf gegen den vorhergehenden Stil, den

sie auflösen; sie schaffen ihren eigenen Stil, den Stil ihrer Zeit,

und seine Fortentwicklung ist ein allmähliches Überwinden seines

Schönheitsgefühles durch den Geschmack eines neuen Wollens, eines

neuen Stils. Ja, man hat nicht einmal ein Recht, vom Aufstieg und der

Entartung des Stiles zu sprechen, sondern muß von der Entwicklung der

bildenden Kunst reden wie von einer Wellenbewegung.

Damit ist der Weg vorgezeichnet, den die Geschichte der Stile zu

gehen hat. Die beherrschende Aufgabe ist, die Wege zu zeigen, auf

denen die Kunstentwicklung, die Kunstgeschichte schreitet, von

einem Stil zum anderen, von einer Epoche zur anderen, und die Fäden

bloßzulegen, die die Geschichte über Zeit und Raum hinwegspinnt, als

Gesetze der Entwicklung. Vorbedingung dafür aber ist die Erkenntnis

des Stiles; nicht seiner Kennzeichen, deren Summe man so oft als Stil

bezeichnet, sondern seines schaffenden Willens und der Einheit seiner

künstlerischen Absichten. Es ist der Unterschied, wie zwischen dem

Linnéschen Benennungssystem der Pflanzen und dem biologischen Studium

ihres Lebens. Aus dem Werden und der Gestalt des Erschaffenen hat man

zu schließen auf das Wesen des Schaffenden, auf das innere Wollen, auf

den Geist des Stiles.

Um aus den Erscheinungen jedesmal diesen „Stil an sich“ zu erschließen,

müssen alle Gebiete bildender Kunst in gleicher Weise analysiert und

beurteilt werden. Indessen sind -- und das erleichtert die Klarlegung

-- je zwei Kunstübungen den Bedingungen nach, unter denen sie schaffen,

parallel. Architektur und Kunstgewerbe dienen dem Bedürfnis, sind

Zweckkünste; Malerei und Plastik dagegen sind freie Schöpfungen

künstlerischer Phantasie. Wir werden sehen, daß trotzdem diese

freien Künste in stilstrengen Perioden dem Zweck untergeordnet, die

Zweckkünste in formfrohen Zeiten Schöpfer freier Schönheit werden. Aber

man wird von den Zweckkünsten ausgehen müssen, weil der Grad, in dem

ihre Werke durch die Aufgabe bedingt sind, den annähernd sichersten

Maßstab für eine sachliche Untersuchung gibt. Nirgends aber sprechen

die Zeiten in so großen, klaren Worten zu uns, wie in den Werken der

Baukunst. Nicht nur um des größeren Maßstabes willen, der alles dem

Auge so deutlich entgegenträgt. Aber von allen Musikinstrumenten ist

die Orgel das einzige, das jede leiseste Untermelodie herauszuführen

fähig ist, doch auch den kleinsten Fehler nicht verschweigt,

eben weil ihr musikalischer Stil so gewaltig ist. Mit derselben

Empfindlichkeit prägt die Baukunst die leisesten Entwicklungen aus

und äußert schöpferische Kräfte in Wirkungen, die den Kraftaufwand zu

vervielfachen scheinen.

Erstes Kapitel.

Die ägyptische Kunst.

Es ist die Stärke der ägyptischen Kunst, daß in ihr nichts um des

Menschen, alles um des Werkes willen geschieht. So schafft sie eine

Stileinheit, die keinen Abweg oder Umweg duldet, sondern nur die

vollkommenste Form. Des Königs Untertanen waren Knechte, die ihm

fronen mußten. So konnte er ungeheure Bauten errichten, alle Künste

ihnen dienstbar machen, aber außer den Bauten weniger Großer sind sie

die einzigen Kunstleistungen des Landes gewesen. Die Lebensanschauung

des Ägypters bedingte, daß diese Bauten fast nur religiösen Zwecken

dienten, dem Kult der Götter und dem Kult der Toten, sogar von den

Palästen der Könige ist uns wenig erhalten. Tempel und Grabbauten

waren die architektonischen Hauptleistungen. Lange Zeit machte die

Starrheit dieser Werke jedes persönliche Verhältnis zu ihnen unmöglich.

Man sprach von ihnen als von rätselhaften Schöpfungen mit äußerster

Bewunderung, aber ohne innerliches Verstehen ihrer fremdartigen Formen.

Und erst unserer Zeit gelingt es, von ägyptischer Kunst allmählich eine

historische Anschauung zu gewinnen.

[Illustration: Abb. 1. Totentempel des Königs Ne-user-re. Säulenhof

(Papyrussäulen mit geschlossenen Dolden). Rekonstruktion von Borchardt.]

Der künstlerische Eindruck beruhte in ihr auf der Einfachheit der

Linien und Formen, deren Steigerung ins ungeheuer Große sie zur

Monumentalität erhob. Eben diese Einfachheit aber erschwerte die

kunsthistorische Erkenntnis in einer Zeit, welche die einfachsten

Formen von vornherein für die frühesten hielt. In Ägypten aber --

und nicht nur hier -- ist die Abfolge der Phasen genau umgekehrt.

Der Urmensch, der Wilde, besitzt eine Frische des Auges und ein

so unmittelbares Verhältnis zur Natur, daß die Höhlengemälde der

Steinzeitmenschen reine Impressionen sind, unmittelbar gesehene und

ebenso unmittelbar wiedergegebene Natureindrücke. Der Gedanke, der

den Begriff „Primitivität“ gebildet hat, als müsse jeder Kunstbeginn

unbehilflich sein, ist sicher falsch. Auch im alten Orient, in

Mesopotamien, von dessen Kunst wir uns aber noch kein klares Stilbild

machen können, ebenso wie in Ägypten ist die frühe Kunst reicher

als die Hauptperiode, aber doch durch eingewurzeltes Stilgefühl so

gebändigt, daß kein Impressionismus entsteht. Im alten Reich Ägyptens

(3. Jahrtausend v. Chr.) stehen die Grabanlagen, die wichtigsten und

fast einzigen künstlerischen Zeugnisse, nicht nur technisch, sondern

auch künstlerisch bereits auf einer hohen Stufe der Entwicklung. Ihre

Wurzeln greifen in prähistorische Zeiten zurück. Es war ägyptischer

Glaube, daß beim Tode eines Menschen ein seelischer Rest von ihm

zurückbleibe, der sich frei auf Erden bewegte, solange sein Körper

erhalten blieb, und für dessen Nahrung und Bequemlichkeit durch

wirkliche oder nachgebildete Speisen und Gerätschaften gesorgt

werden mußte. Damit waren die Erfordernisse eines ägyptischen Grabes

bedingt. Aber die Anlage, die ursprünglich nur aus einem hügelförmigen

Grabgebäude (Mastaba), unter dem in der Erde der Sarkophag bestattet

war, und einem Kultplatz davor bestand, entwickelte sich beim

Königsbegräbnis zu einem reichen Organismus. Die Pyramide war niemals

ein monumentales Einzeldenkmal. Schon in der vierten und fünften

Dynastie des alten Reiches, etwa seit dem Jahr 2800 v. Chr., ist

die Anlage harmonisch und reich durchgebildet. Von einem Torbau im

Tale des Niles führt ein überdachter Aufweg zum Kultgebäude vor der

Pyramide, in dem hintereinander Säulenhof, Säulensaal und Kultraum

liegen. Das Ganze ist eine architektonische Anlage von vollkommener

Einheitlichkeit, in der jedes Gebäude für sich von demselben

Schönheitswert ist wie als Teil eines einheitlichen Ganzen. Borchardts

Rekonstruktionen des Grabdenkmals für den König Ne-user-re (Dynastie

5) zeigen, daß hier eine künstlerische Absicht vollkommen klar

durchgeführt wurde. Für unser Auge, das gewohnt war, die ägyptische

Architektur als Massenwirkung zu empfinden, war die Entdeckung dieser

feingegliederten Anlagen eine erstaunliche Überraschung. Beim Torbau im

Tale ist noch nicht, wie später in ähnlichen Fällen, das Mauerwerk das

ästhetisch Bedingende, sondern dem Zweck entsprechend die eigentliche

Eingangshalle mit ihren logisch und fein geformten Säulen. Totentempel

und Pyramide sind ebenso gut gegeneinander abgestimmt (Abb. 1). Denn

die Zartheit erscheint noch feiner neben dem Wuchtigen und das Wuchtige

noch energischer durch den Kontrast gegen das Zarte, da jedes dem Auge

als Maß für das andere gilt. Die einheitliche Tendenz des Stiles aber,

eindringliche Klarheit in der ruhenden Form zu finden, läßt auch so

verschiedene Bauformen im Organismus des Ganzen aufgehen. Zwar ist

jedes Formmotiv der lebenden Natur entnommen. Aus dem Boden wächst

eine pflanzenförmige Säule gegen die als Himmel gedachte Decke empor.

Im Säulenhof des Ne-user-re-Tempels sind vier Papyrusstengel, die aus

gemeißelten Blättern emporsteigen und je in eine geschlossene Dolde

auslaufen, durch steinernen Bast zur Säule zusammengeknüpft. Daneben

kommen Papyrussäulen mit offener Dolde, Lotossäulen (Abb. 2) mit

offenen und geschlossenen Blüten und Palmensäulen vor. Aber das Gefühl,

daß die Säule Stütze ist, ordnet diese Naturformen der Zweckform

unter. Eine runde Basisplatte trennt sie vom Erdboden, das allmähliche

Emporsteigen der Stengel aus der Rundung zur geraden Senkrechten führt

den Säulenschaft der Last entgegen. Der Bast wirkt als Zusammenschluß

dieser Kraft, die gedrungene, schnell ausbiegende Blüte, in allen

Teilen eine Steigerung der Schaftbewegung, als Kapitell. Eine

viereckige Platte (~abacus~), schon nicht mehr Natur-, sondern

Bauform, ladet ihr die Last auf. Sie ist ein einfacher Steinbalken,

nur in ihrer naturgemäßen Linie entwickelt, der wagerechten, die

dem Erdboden parallel gehend die eigentliche ruhende Linie ist. Das

Kraftverhältnis zwischen Last und Träger ist für das Auge bis zur

völligen Ausgeglichenheit abgestimmt.

Dagegen ist die Pyramide eine bloße Steinmasse, zwischen einfache

Linien in großen Flächen geordnet, wuchtig und lastend. Wohl war

sie gebaut, um den Leichnam des Königs zu schützen, den in dieser

Steinmasse eine versteckte Kammer barg; ein enger Gang führte zu ihr,

durch den man den Sarg hineingeführt hatte, und den man mit Steinen

verstopfte und mit dem Material der Außenbekleidung verschloß, um ihn

unauffindbar zu machen. Aber darüber hinaus hat sie die künstlerische

Absicht, Denkmal zu sein, sich sofort dem Beschauer einzuprägen in

großen, herrschenden Formen. Die Monumentalität ist vielleicht niemals

wieder so klassisch ausgedrückt worden wie in der Pyramide. Daß die

Könige, die wie alle anderen schon bei Lebzeiten für ihre Grabstätten

sorgten und zunächst einen kleinen Bau aufführten, dessen Art und

Anlage um so mehr ausgestalteten, je länger sie lebten, ist beweisend

dafür, daß hier mehr als nur ein Zweck, daß eine Wirkung erreicht

werden sollte.

Die Klarheit dieses Stilgefühls macht alle Künste der Architektur

untertan, als der eigentlichen Zweckkunst. Selbst die Freiplastik gibt

dem Körper keine Bewegung, sondern hält in den Würfelformen dieser

Räume gefesselt, und die Reliefplastik ist reine Dekoration der Wand.

[Illustration: Abb. 2. Lotossäule des alten Reiches. Kapitell in Form

der geschlossenen Blüte.]

[Illustration: Abb. 3. Relief aus dem Grab des Ma-nofer. Berlin.]

Die meisten späteren Epochen malten Bilder mit starker Tiefenwirkung,

mit Darstellung weiter Landschaften und Räume an die Wand, in

die sie gleichsam hineinführten; so nahmen sie ihr ihren Sinn

als Raumbegrenzung, dem Raum selbst seine Geschlossenheit. Der

Ägypter begnügt sich damit, die Darstellungen von Göttermythen, von

Königstaten, vom Besitz des Verstorbenen als wagerecht fortlaufende

Friesreihen in flachem, bemaltem Relief zu geben. Denn er denkt logisch

von der Wandfläche aus, deren Wert nicht gemindert werden darf, deren

Hauptbegrenzungen durch Erdboden und Decke die wagerechte, ruhige

Aufteilung verlangen, deren fortlaufende Fläche die ununterbrochene

Reihung fordert. Diese Betonung der Wagerechten gibt dem Raum die Ruhe,

während die vertikalen Linien, die von der Erde aufstreben, Träger

architektonischer Bewegung sind. Es ist kein Zufall, daß gerade in

der untersten Friesreihe, von der Abbildung 3 nur den Anfang geben

kann, die Doppelreihe des Kleingeflügels fast wie ein Saum die Wand

abschließt, mit Tieren, deren Kleinheit und Zartheit den schweren

Schritt der Rinder über ihnen um so wuchtiger erscheinen läßt. Die

Fläche schreibt auch der Einzelform das Gesetz vor. Nirgends treten

die Darstellungen aus ihr heraus. Sie gibt dem Ägypter die Oberfläche

seiner Figuren (Abb. 3). Um ihre Konturen herum tieft er den Grund aus,

doch so, daß dieser Grund wieder eine vollkommene Ebene bildet (Relief

~en creux~). Er projiziert also seine Gestalten vollkommen in die

Fläche und nimmt ihnen jede Tiefenwirkung. Sie schreiten im Profil, das

am leichtesten die Bewegung auf die Linie zurückzuführen erlaubt, gehen

auf einem Strich, statt auf einem Fußboden, und der Ort, an dem der

Vorgang sich abspielt, wird durch keinen Hintergrund angedeutet. Und

doch besitzen diese Künstler ein äußerst feines Naturgefühl, das aber

völlig im Stilbewußtsein aufgeht. Man sehe, wie auf einem Relief des

alten Reiches aus dem Grabe des Ma-nofer, wenn dem Verstorbenen sein

Besitz vorgeführt wird (Abb. 3), das schwere Schreiten des Stieres, die

elegante Zeichnung der Stelzvögel, der steife Gang der Enten gegeben

sind. Man verfolge die Halslinien der prachtvollen Kranichgruppe vom

Kopf bis herab zur Brust, den Kontur des Stieres in Brust und Rücken.

Die Modellierung der Tierleiber innerhalb der Fläche des Reliefs ist

von so vollkommener Feinheit, daß man diese ganz leisen Hebungen und

Senkungen, diese feinsten Bewegungen der Fläche fast mit der Hand

abtasten muß, wenn man sie ganz genießen will. Sie sind absichtlich so

zart modelliert, und auch die Bemalung gab einst nur Farben und keine

Eigenschaften der Haut. Denn für das Auge muß der Kontur das wichtigste

bleiben, der als scharfe Linie in Licht und Schatten sich am Rande der

Gestalten zeichnet und das Relief der Zeichnung gleichstellt. Die Linie

ist die beherrschende Ausdrucksform. Sie erklärt auch jenes sonderbare

Vorschieben einer Schulter in der ägyptischen Profildarstellung des

Menschen. Es ist allerdings fraglos, daß bei Darstellungen der ältesten

Zeit die Tendenz dahin ging, die Figur möglichst in allen Teilen

klarzustellen, so daß man den Kopf im Profil, die Brust von vorn und

die Füße wieder im Profil zeichnete. Aber es handelt sich dabei nicht

um die Klarheit der Körperflächen, sondern vielmehr der Umrisse, des

Kontur. Es will scheinen, als sei der Hauptgrund für die Vorschiebung

der Achsel, etwa bei dem Schreiber in Abb. 3, die Absicht gewesen, die

beiden Arme in der Zeichnung klar voneinander zu lösen. Die Beine gaben

diese Klarheit durch die Schreitstellung von selbst her, die Stellung

der Arme zueinander aber konnte so nicht ausgedrückt werden, da sich

zwischen sie der Körper schob. Der Ägypter sah also zeichnerisch,

wenn er als Maß der Entfernung vor allem die Achsellinie nahm und

die Entfernung vom Halsansatz durch sie ausdrückte. Dem Bauch fehlt

dagegen die Klarheit. Man merkt seinen Linien, die nur Übergänge zur

Profilstellung der Beine sind, die Verlegenheit um logischen Ausdruck

allzu deutlich an, und hier versagt auch die Modellierung des Körpers.

Dafür, daß bei dieser Zeichnung nur Arm- und Schulterlinien maßgebend

sind, nicht die Klarstellung der Flächen, scheint es ein vollkommener

Beweis zu sein, daß, wenn beim dahinschreitenden Stier die Hörner

symmetrisch in der Fläche dargestellt werden, wie auf unserem Relief,

nur der obere Rand der Stirn mit ihnen in Vorderansicht gestellt wird,

ohne daß der Kopf dieser Richtung folgt.

[Illustration: Abb. 4. Tempel von Luksor. Fassade.]

[Illustration: Abb. 5. Ammontempel zu Karnak. Schnitt durch die Halle

(Papyrussäulen mit geöffneten und geschlossenen Dolden).]

[Illustration: Abb. 6.

König Seti I. räuchernd. Relief des neuen Reiches.]

Über diese Epoche des alten Reiches hinaus schreitet die Entwicklung

weiter. Wie wir in ihr den Entwicklungsgang am Grabbau verfolgen

konnten, so zeigt von nun an der Tempelbau den Weg. Schon im mittleren

Reich, das um das Jahr 2000 zu setzen ist, war die Technik des

Pyramidenbaues immer schlechter geworden, da der König nicht mehr

absolut herrschte, nicht mehr so unumschränkt über das ganze Volk

gebot. Das neue Reich, das das 2. Jahrtausend v. Chr. in seiner zweiten

Hälfte ausfüllt, kennt die Pyramiden überhaupt nicht mehr und stellt

den Tempel in den Mittelpunkt seines architektonischen Interesses.

Aber es erstrebt nicht mehr Formklarheit, sondern seelische Wirkungen,

bestattet deshalb die Fürsten in düstere Felsengrüfte, deren Wände

mit geheimnisvollen Götterszenen und Todesmythen gefüllt werden, und

formt den Tempel als große ungegliederte Masse, um die Seele des

Andächtigen zu erschüttern. Die Formen sind allerdings, wie stets, aus

den vorhergehenden entwickelt, und man kann sagen, daß diese Richtung

auf maßstäbliche Größe eine Folge der vorhergehenden, auf innere Größe

gerichteten war. Die drei Haupträume des Tempels, den Säulenhof, den

großen Saal und den Kultraum dahinter, hatte schon der Totentempel des

alten Reiches besessen; aber die Zeiten differenzieren sich sofort,

wenn man die feinfühlige Gliederung eines Torbaues im alten Reich mit

der Fassade eines Tempels, wie etwa des von Luksor, vergleicht, der

der Zeit kurz vor dem Beginn des neuen Reiches angehören dürfte. An

Stelle der zweckvollen Gliederungen ist die gesammelte Energie des

Ausdruckes getreten. Darauf beruht die ungeheure Kraft dieser Bauwerke,

daß ihre Art so gewaltsam ist gegenüber der Natur des Bodens, in

dem sie wurzeln. In Luksor, einem typischen Beispiel (Abb. 4), ist

die Fassade rein als Masse empfunden; die Wand, mit flächenhaften,

teppichartig gedachten Darstellungsreihen übersponnen, die aus dem

Leben der Könige und den Mythen der Götter entnommen werden, spricht

als große Fläche, und die Begrenzung muß um so schärfer sein, muß die

Wand energisch zusammenschließen, da allein der Kontur dem ganzen

Gebilde den Halt gibt. So ist es empfunden, wenn die Begrenzungslinien

von unten aufsteigen, nach oben zu einander sich nähern und die Wand

zwischen sich immer enger zusammendrängen, bis die wagerechte Hohlkehle

oder eigentlich das von ihr weit vorgeschobene Sims den Bau oben gegen

den Luftraum abschließt. Dekorativ empfindende Zeiten haben immer

versucht, durch Vasen, Statuen und andere Schmuckformen, die sie auf

das obere Sims stellten, eine allmähliche Überführung in den Luftraum

herzustellen, und betonten das Hauptportal dadurch, daß sie über

ihm das Dach am höchsten hinaufführten. Der Ägypter verfährt gerade

umgekehrt. Er schließt den Bau in strenger Horizontale und betont das

Portal dadurch, daß er die Wand hier niedriger abschließt. Dieses

Herausheben soll nur dem Nahenden den Eingang weisen. Die ruhende

Mauerfläche muß trotz seiner das Beherrschende bleiben. So nimmt man

dem Portal möglichst seinen Wert als gliedernde Unterbrechung der

Mauerfläche und führt die Einsenkung durch schräg aufsteigende Linien

den seitlichen Pylonen wieder zu. Genau ebenso wertet die ägyptische

Architektur im Innenbau des Tempels die Tür, die aus dem Säulensaal

zum Allerheiligsten führte, und die nur wenigen Auserwählten sich

öffnete. Und doch mußten in einer Halle, wie etwa der des Ammontempels

zu Karnak (Abb. 5), diese kolossalen Säulen des Mittelganges, die

wie riesige Wächter vor der geheimnisvollen Tür standen, das Auge des

Beschauers durch ihre Reihung gerade dorthin führen, wie sie noch heute

unseren Blick unwillkürlich dorthin leiten. Es war der religiöse Zweck

der ägyptischen Kunst, auf das Geheimnisvolle hinzuweisen, ohne es zu

entschleiern. Aber in der Architektur der Halle, in den gewaltigen

Massen des Säulensaales kommt diese Tür kaum zum Wort gegenüber dem

Gesamteindruck. Denn neben diesen führenden Säulenreihen ziehen

andere dahin, und das Auge trifft nirgends einen Raum, der nicht nach

wenigen Schritten begrenzt wäre. Ein solcher Raum ist gar nicht als

Halle in unserem Sinn aufzufassen. Er ist eine gewaltige Masse von

Säulen, zwischen denen ein schmaler Raum zum Wandeln bleibt. Nicht der

freie Raum war die Hauptsache, sondern die atemraubende Dichtigkeit

der sperrenden Architektur. Es ist also das Prinzip des möglichst

wuchtigen Eindrucks im Innenbau dasselbe wie im Außenbau. Aber es ist

selbstverständlich, daß auch beim Innenraum das Prinzip sich allmählich

ausgebildet hat. Vergleicht man diese Halle der 19. Dynastie (um

1300 v. Chr.) mit Hallen aus früherer Zeit, so haben diese viel mehr

Luftraum, viel mehr Bewegungsfreiheit für den Wandelnden. Dabei bedingt

die Stilentwicklung, daß auch die Säule selbst früher empfindlichere

Formen hatte. Wenn die Säulen des alten Reiches (Abb. 1) in Schaft und

Kapitell nach Maßgabe der zugrunde liegenden Pflanzen durchgegliedert

waren, so ist es für die Säulen des Tempels in Karnak ganz unwichtig,

daß auch ihnen Pflanzenformen zugrunde liegen, die geöffnete

Papyrusdolde den Säulen des Mittelganges, die geschlossene denen der

begleitenden Reihen. Die Säule ist ein Steinklotz geworden, und die

Pflanzenmotive sind nur noch traditionell beibehalten. Die Säulen

sind zu ungeheurer Zahl gehäuft, aber sie scheinen als Masse viel zu

tragfähig im Verhältnis zur wirklichen Last. Unausgenützte Kraft aber

wirkt als Trägheit. Eine Masse ist noch kein organisches Gebilde. Der

tektonisch Denkende verlangt den klaren Ausdruck der Verhältnisse

zwischen Kraft und Last im Raume sowohl wie in der einzelnen Säule.

Es ist notwendige Stileinheit, daß wie die Architektur so auch Plastik

und Malerei im späteren Reich allmählich zu summarischer Behandlung

der Formen kommen (Abb. 6). Man hat nicht einmal ein Recht, von

Erstarrung zu sprechen. Die Entwicklung zum Gewaltigen verlangt das

Vernachlässigen des Details. Der große Eindruck der spätägyptischen

Wand würde gelähmt sein, wenn ihr Bilderschmuck nahe Betrachtung

forderte. Die Plastik soll den Beschauer erdrücken wie die Baukunst.

Auch ihr Streben geht nach der Monumentalität des maßstäblich

Großen; Kolossalstatuen und Riesenreliefs entstehen wie nie zuvor,

Vergrößerungen der alten durch die Religion geheiligten und geforderten

Typen. Aber ihre Formen sind verarmt, weil kein schöpferisches Gefühl

mehr stilbildend tätig ist, sind zur Phrase geworden, weil der

Künstler keine Naturform mehr erlebt, um sie zur Kunstform umzumünzen.

Daher die Unfähigkeit, diese Gestalten mit Formleben zu erfüllen,

ihre Leere, ihr Glattwerden oder das unwillkürliche, verstohlene

Eindringen realistischer Alltagszüge, eines Lächelns oder Drohens,

das deutlich zeigt, wie wenig man noch die Augenstrenge hat, die die

klassische Kunst des alten Reiches schuf. Daß dann der rücksichtslose

Naturalismus, in der Malerei sogar der Impressionismus, der stärkste

Gegensatz zur altägyptischen Formstrenge, von den Ägäischen Inseln

eindringend, zum Durchbruch kommt, sobald ihm König Amenophis’

IV. Echnatons Kampf gegen die alte Götterreligion für kurze Zeit

Lebensmöglichkeit schafft, ist nur natürliche Konsequenz. Aber es

handelt sich hier um eine reine Episode. Eine wirkliche Stilentwicklung

findet späterhin nicht mehr statt; nur daß die herben, hieratisch

strengen Formen immer weichlicher, immer ausdrucksloser werden, je

mehr die gefühlvolle Liebe unschöpferischer Perioden sie festzuhalten

strebt. Im wesentlichen finden noch die fremden Völker, die seit dem 6.

Jahrhundert v. Chr. Ägypten abwechselnd unterjochen, finden Alexander

der Große und seine Nachfolger bis zu den römischen Kaisern in Ägypten

dieselbe Kunst vor wie der Perser Kambyses, als er im Jahre 525 v.

Chr. Ägyptens letzten Pharao entthronte. Die Usurpatoren fügten sich

der Tradition des Landes, bauten ihre Tempel dort im alten Stil und

erschienen in der Plastik als Nachfolger der alten Pharaonen in Kostüm,

Haltung und Handlung; und so bewahrte die offizielle ägyptische Kunst,

deren große Taten dem alten und mittleren Reich gehörten, ein langes

Scheinleben, indes längst neue Völker mit neuer Kraft eine Welt der

Schönheit in Leben und Kunst geschaffen hatten.

Zweites Kapitel.

Die prähistorische Kunst des Ägäischen Meeres.

Es ist kein Zufall, daß die ägyptische Kunst, sobald ihre Entwicklung

sie für die impressionistische Auffassung reif gemacht hatte, unter den

Einfluß der sog. mykenischen Kultur geriet. Sie ist die glänzendste

Erscheinung der Bronzezeit. Der augenfrische Impressionismus

des Urmenschen hat hier, auf später hellenischem Boden, Werke

von überraschender Ausdrucksenergie geschaffen. In Malerei und

Goldschmiedekunst, in Elfenbeinplastik und Steinschnitt gibt sie

Tiere und Menschen in den kompliziertesten Bewegungen, schafft die

zartesten, feinlinigsten Ornamente und belebt mit ihnen die bewegteste

Architektur und das graziöseste Kunstgewerbe. Es ist jene Kultur, von

deren Schönheit die Epen Homers erzählen. Von Kreta aus, dem Ort ihres

Ursprungs und ihrem Hauptsitz, sandte sie ihren Reichtum in die Welt.

Diese strömende Gestaltungskraft, die aus der Fülle ihres Reichtums

Gestalten und Werke schuf, welche noch heute mit der Unmittelbarkeit

des künstlerisch Geschauten zu uns sprechen, hat damals die ganze Welt

befruchtet bis nach Spanien hin und ins vorisraelitische Kanaan. Und in

den griechischen Mythen spielt König Minos von Kreta eine Rolle, die

diese Macht auch die Nachwelt ahnen ließ.

[Illustration: Abb. 7. Palast von Knossos. Treppenaufgang.]

[Illustration: Abb. 8. Jüngling ein Gefäß tragend. Fresko im Palaste

von Knossos.]

Ein stärkerer Gegensatz als zwischen ägyptischen und kretischen Bauten

(Abb. 7) ist kaum denkbar. Der Ägypter schließt jeden Raum streng gegen

den anderen ab, überall soll man sich umgrenzt, eingehegt fühlen; der

kretische Palast von Knossos öffnet die Räume gegeneinander, um durch

die formenreiche Folge malerischer Durchblicke das Auge anzuregen.

Die ägyptische Säule ist wuchtige, oft überschwere Trägerin; die

kretische, unten zugespitzt, scheint zu balancieren, und ihr wulstiges

Kapitell wirkt wie ein Pfühl, der sich unter dem Druck elastisch biegt.

Die ägyptische Säule, die das Tragen stärker ausdrückt, ist also

struktiver geformt als die kretische. Und ebenso ist die ägyptische

Wand strenge Begrenzung des Zimmers, während die kretische es liebt,

sich mit räumlich tiefen Darstellungen zu schmücken. Es genügt, eine

der kretischen Wandmalereien aus demselben Palast von Knossos (Abb.

8) mit einem ägyptischen Relief der frühen, von fremdem Einfluß

unberührten Zeit (Abb. 3) zu vergleichen, um die Gegensätzlichkeit

zweier Kunstanschauungen zu empfinden. Der Ägypter gräbt die Linien

des Umrisses, wie er sie bei genauer Detailbetrachtung feststellt, in

die Fläche und sucht durch flache Modellierung der Innenform Herr zu

werden. Der Kreter gibt den Gesamteindruck, die „Impression“, gibt die

Form, wie sie dem Auge beim ersten Blick erscheint, und vernachlässigt

das Detail. In der Plastik ebenso wie in der Malerei. Furtwängler sagt

über die Gemmenplastik dieser Kultur: „Die mykenische Kultur kümmert

sich wenig um klare Technik und den Knochenbau des Körpers, darin die

ägyptische sich auszeichnet, aber die Wiedergabe des Fleisches, der

Muskeln ist ihr Element.“ Damit ist der impressionistische Charakter

dieser Plastik scharf gezeichnet, in der, ebenso wie in der Malerei,

die gesehene Form und nicht die Zeichnung Mittel der künstlerischen

Gestaltung ist. Das unmittelbare Festhalten des Geschauten bewirkt,

daß eine Figur wie dieser kretische Gefäßträger so persönlich uns

gegenübersteht, daß in den Gliedern der Stiere und ihrer Bändiger

auf Goldreliefs das Leben zu pulsieren scheint, wie nie in einer

ägyptischen Skulptur. Impressionismus und Realismus haben sich zu allen

Zeiten gegenseitig bedingt.

[Illustration: Abb. 9. Tongefäß aus Kreta.]

Diese Stärke des Bildausdruckes macht die Figur körperhaft und

unabhängig von der Wand, an die sie gemalt ist. Die zeichnende

ägyptische Kunst geht, wie wir sahen, von der Wandfläche aus und bildet

ihre Gestalten flächenhaft, der kretische Impressionismus geht von

der Erscheinung der Gestalt aus und sucht die Form dann der ruhenden

Fläche einzugliedern, ohne daß das vollkommen gelingen kann. Der

Impressionismus hat zu jeder Zeit, in der er herrschte, den Grundsatz

~l’art pour l’art~ -- jede Kunst ist Selbstzweck -- proklamiert.

Am klarsten sprechen hier die Gebilde des Kunstgewerbes. Es war

schon in der Einleitung die Rede davon, daß das Kunstgewerbe als

Zweckkunst jedesmal ähnliche Stiltendenzen verfolgen müßte wie die

Architektur. In der Tat legt ein kretisches Gefäß (Abb. 9) den Wert

nicht auf die funktionelle Gliederung, sondern allein auf die schöne

Form. In wundervoller Ruhe gleitet hier die begrenzende Linie vom

Mund bis zur spitzen Endigung hinab. Gerade dieser Abschluß beweist

das Untektonische des Stiles. Denn ein struktiv empfindender Stil

bildet den Fuß des Gefäßes zum Feststehen aus, während diese Spitze

zwar einen wundervollen Zusammenfluß der Linien gibt, aber stets einer

besonderen Stütze bedarf. Wir werden diese spitze Endigung bei fast

allen untektonischen Epochen, in der deutschen Spätgotik, im Rokoko

wiederfinden, ebenso den schmalen Hals, der die Linie des Gefäßbauchs

in so ruhigem Fluß weiterführt. Nur der Wulst, der den Hals abgrenzt,

aber nicht energisch genug, um die ruhige Überführung der Linien zu

hemmen und Hals und Körper wirklich zu sondern, gibt Kunde davon,

daß ein Gefühl für die Funktionen der Gefäßteile überhaupt vorhanden

ist. Ebensowenig wirkt der Schmuck gliedernd. Er geht nicht von der

begrenzenden Fläche der Gefäßwand aus, sondern von der körperlichen

Erscheinung seiner Motive, gliedert nicht das Gefäß, sondern steigt an

ihm auf. Man hat den Eindruck, vor einem Aquarium zu stehen. Auf dem

Meeresboden wachsen Korallen und Seetang empor, die in der Strömung zu

fluten scheinen, Seeschnecken und Seesterne schwimmen zwischen ihnen,

all das, wie etwa in den Strähnen der schattenhaft sich wiegenden

Seepflanzen, von einer vollkommenen Formschönheit.

Es ist dasselbe Verhältnis wie in der Wandmalerei. Eine Impression sagt

hier in Schwarz und Weiß dasselbe, wie dort in Farben, und wird durch

Zurückführung auf einfachste Licht- und Schattenflächen, ähnlich wie in

japanischen Holzschnitten, der Wandung eingefügt.

[Illustration: Abb. 10. Das Löwentor zu Mykenai.]

Es ist einmal gesagt worden, daß der Unterschied zwischen den

Fürstensitzen auf Kreta und denen im gleichzeitigen Griechenland

derselbe gewesen sei wie zwischen einem Prunkschloß, wie Versailles,

und einer Burg, wie der Wartburg. Der Gegensatz ist vollkommen. Während

in Kreta die Gemächer und Vorratsräume sich um offene Höfe gruppieren

und miteinander durch eine Unzahl Türen verbunden sind, geht die

Tendenz auf dem Festland auf die Klarstellung des einzelnen Gemaches.

Das μέγαρον, der Männersaal, ist der Zentralraum der Anlage. Er liegt

vollkommen isoliert, und auch die Nebengemächer liegen nicht Wand an

Wand, sondern an Korridore gereiht. Das einzelne Gemach hatte seinen

Eingang an der Schmalseite, so daß man es beim Eintritt vollkommen

überblickte, während in Kreta die Haupttür an der Langseite lag. Und

ebenso war die Gesamtheit der Anlage auf dem Festlande energischer,

wo der Mauerring den ganzen Komplex zusammenhielt, als in Kreta, wo

die Burgen Prunkpaläste waren, die offen im Land lagen. Es ist in

jeder Hinsicht der Kontrast zwischen Zweckbau und Prunkbau, zwischen

klarem Nebeneinander und malerischem Reichtum. Naturgemäß sprechen

die eigentlichen Zweckbauten des Festlandes, die Befestigungsanlagen,

diese Logik am strengsten aus. Sie sind es, die als pelasgische

oder kyklopische Mauern so seltsame Legenden von Urweltriesen

gezeugt haben. Aber sie sind, wenn auch roh gefügt, in Wahrheit

von großer architektonischer Gewissenhaftigkeit. Das Löwentor von

Mykenai (Abb. 10), die wichtigste Architektur des Festlandes, ist ein

wohldurchdachtes Werk von gutem Ausdruck. Zwei Blöcke tragen einen

steinernen Balken, der aber selbst nur Last ist, von dem die ganze

Schwere der darüberliegenden Mauerschichten abgeleitet und durch

abgeschrägte Steinblöcke auf die seitlichen Mauern übertragen ist. So

bleibt über dem Tor ein dreieckiger unbelasteter Raum, der mit einer

leichten skulpierten Steinplatte gefüllt wird. Man versteht also noch

nicht, in Bogen zu wölben, aber es zeugt von hoher architektonischer

Geschmackskultur, daß gerade nur diese Platte ausgeschmückt ist, die

im Aufbau keine Funktion hat. Nun weiß man sofort, welches Bauglied

trägt, und welches getragen wird; nur dem unbelasteten, füllenden

Glied hat das tektonische Gefühl hier dekorative Gestalt zu geben

gewagt. So sind auch die festländischen Geräte, deren Goldprunk die

Burggräber von Mykenai hergegeben haben, in ihrer Form mehr durch die

Aufgabe bedingt, als die kretischen. Sie sind geteilt nach der Funktion

des Gerätes, stehen mit breitem Fuß, nehmen mit geöffnetem Kelch den

Wein auf. Ihre Dekoration ist nicht einfach aus der Natur geholt,

sondern zum Gefäßornament geworden, das etwa als Saum wirkt. Zwar ist

Griechenland in der Epoche, in die die Burgen von Mykenai und Tiryns

weisen, d. h. etwa in der Mitte des 2. Jahrtausends v. Chr., stark von

Kreta beeinflußt. Es gab damals dort Geräte mit lebhaften Jagdszenen

in landschaftlich tiefem Raum, die fraglos von Kreta importiert sind.

Auch die eigene Plastik, wie die Skulptur im Entlastungsdreieck des

Löwentors, spricht ihren Einfluß aus. Nicht nur im Stil, der dem

kretischen wesensverwandt ist und den Körper in wundervoll fleischiger

Rundung gibt; auch die Darstellung findet sich im ganzen Kulturkreis,

zwei Löwen, mit ihren Vorderpranken auf eine Art Altar gestützt, zu

Seiten der charakteristischen Säulenform des Stils. Wahrscheinlich

ist die Säule hier Symbol einer Gottheit, die die Löwen bezwungen

hat, zumal die Tiere gelegentlich wirklich an die Säule gefesselt

erscheinen. Dadurch ist eine zweite Deutung weniger wahrscheinlich

geworden, die wohl, als man die Paralleldarstellungen noch nicht

kannte, gerade durch das Löwentor entstanden ist, daß nämlich die

Säule das Haus symbolisierte, vor dem die Löwen Wache hielten. Der

Darstellung, die auch sonst oft, vor allem auf geschnittenen Steinen,

vorkommt, scheinen orientalische Mythologieen zugrunde zu liegen.

Jedenfalls ist die kretisch-mykenische Kunst, die in dieser Vorzeit

sich plötzlich mit solcher Lebenskraft zutage drängt, nicht wurzellos

gewesen.

Es muß freilich überraschen, hier, wo man in der Bronzezeit fast an

den Anfängen europäischer Kultur steht, eine ausgesprochene Luxuskunst

zu finden, deren Formen nicht aus dem Zweck geboren sind, sondern,

besonders in Kreta selbst, den klaren Zweckausdruck geradezu negieren.

Der Impressionismus im Fresko und in der Dekoration der Vasen hat rein

auflösende Funktion. Und wenn man sieht, wie die Frauentracht damals

den Körper mit einem glitzernden Meer von ornamentierten Goldflittern

umschimmerte, wider seine Struktur in der Hüfte zusammenschnürte und

die Brust hervorpreßte, ja, wie die schlanke Taille auch beim Mann ein

Schönheitsideal ist (Abb. 8), so fühlt man unmittelbar den Reichtum

des Rokoko als den nächst verwandten Stil. Die hellenische Kunst, die

auf demselben Boden erwächst, ist in ihrem tektonischen Bewußtsein,

das jede Form ihrer Aufgabe gemäß ausgestaltet, der denkbar stärkste

Gegensatz.

Die Beziehungen zu Ägypten ermöglichen es, die Epoche ziemlich sicher

zu datieren. Schon ums Jahr 2000 v. Chr. muß der Verkehr zwischen

diesen beiden mächtigsten Anwohnern des Mittelländischen Meeres

begonnen haben. Unter dem Namen Kaphtor kennt die Bibel ein Volk, das

als Kephtiu huldigend auf ägyptischen Reliefs erscheint, dieselben

trichterförmigen Gefäße tragend wie auf dem Fresko von Knossos.

Man hat, wie wir sahen, in Ägypten mykenische Stücke technisch und

künstlerisch kopiert, und auch die ägäische Kultur entnahm Ägypten

manches Vorbild zu selbständiger Verarbeitung. Aber um 1200 holen

die Anwohner des Ägäischen Meeres zu einem gewaltigen Schlage aus,

unternehmen, alle Kraft zusammenraffend, einen kriegerischen Vorstoß

gegen das Ägypterreich und werden zerschellt. Von da ab hören wir

nichts mehr von der ägäischen Kultur, und wenn wir dann sehen, daß die

Gefäße, die Hellas kurz darauf hervorbringt, ägäische Überlieferungen

in ärmlicher Entartung fortsetzen, dann haben wir das Gefühl, einer der

großen Tragödien in der Menschheitsgeschichte gegenüberzustehen.

Drittes Kapitel.

Die hellenische Kunst.

Und nun ist es, als käme Ordnung in ein Chaos, wenn im nächsten

Jahrtausend auf hellenischem Boden der dorische Tempel festgefügt

vor uns steht. Die erste Architektur, die alle Wucht des Monuments

begründet in der Gliederung der Einzelform, in der klaren Scheidung

von Kraft und Last, tragendem und getragenem Gliede und sie wieder

vereinigt durch den edlen Rhythmus des Ganzen. Der Poseidon-Tempel

von Pästum (Abb. 11) ist nicht nur ein Bau von ungeheurer Kraft: zum

erstenmal tritt das Verhältnis der Bauglieder zueinander, der Rhythmus

der Proportionen, tritt die Schönheit als Meister des Baues ein. Sein

tektonisches Gewissen hebt ihn weit über die Kunst der kretischen

Paläste, seine Eurhythmie weit über die ägyptische Massenhaftigkeit.

Aber, so edel die Erscheinung des Tempels auch ist, fehlt ihm heute

vieles, um uns seinen ursprünglichen Sinn verstehen zu lassen; es

fehlen ihm die Skulpturen im leeren Giebelfeld, die Reliefs im Fries,

die Farben, die alle Glieder dieses Organismus überzogen. Er scheint zu

ernst, zu streng, zu herb. Die Zeit hat die Festlichkeit zerstört, die

der hellenischen Kunst wie dem hellenischen Leben die Harmonie mit dem

Ernst des Daseins gab.

Es ist bei dem eindringlichen Studium gerade der hellenischen Kunst

natürlich, daß wir eine ganze Anzahl von Rekonstruktionen griechischer

Tempel haben. Wenn in Bauwerken, wie diesem Tempel von Pästum etwa,

die Grundelemente des Stils völlig erhalten sind, schien es nicht

schwer zu sein, die Einzelheiten zu ergänzen. Aber gerade das

Empfinden für diese Einzelheiten verlangt ein feines Stilgefühl, wie

es wenige besitzen. Erst seit wenigen Jahren, seit Furtwängler, als

er Ägina für die Kunstgeschichte gewann, eine Rekonstruktion des

vorher Athena-Tempel genannten Aphaia-Tempels gab, besitzen wir eine

vollendete Nachschöpfung, gegründet auf strengste Forschung, geschaffen

mit feinstem Stilgefühl (Abb. 12).

[Illustration: Abb. 11. Tempel des Poseidon zu Pästum.]

[Illustration: Abb. 12. Westfront des Tempels von Ägina. Rekonstruktion

von Furtwängler.]

Die Entwicklungsgeschichte der Stile in der bildenden Kunst. Erster Band.: Vom Altertum bis zur Gotik · 第 1 / 10 段