So setzte er sich nun neben den Jungen mit einer zierlichen Anrede,

welche der auch mit großer Höflichkeit und Geschwinde der Zunge

erwiderte, erzählte von dem Bilde, wie er großen Gefallen an dem

gefunden, und er sei selber auch Maler und habe viele Tafeln vollendet

in seinem Leben. Der Fremde erwies sich als ein Mann von frohem Mute,

der gern lachte, Späße erzählte und allerlei Scherz trieb mit den

kichernden Mägden. Solches Wesen hatte der alte Meister bis dahin

nicht gekannt; aber er dachte, daß die heutige Jugend wohl in allen

Dingen fröhlicher ist wie die frühere. Während dem Reden und Spaßen zog

dann der Junge ein Büchlein aus der Tasche und zeichnete mit flinken

Strichen des Silberstifts die fliegenden Röcke einer Dirne, welche am

Fenster vorbeijachterte zum Ziehbrunnen mit zwei Eimern in den Händen;

hier erstaunte der Alte wieder über die Lebendigkeit und natürliche

Schönheit der Zeichnung, freute sich des jungen Gesellen und ward gegen

aller Erwarten mit einem Male selber ganz lustig, daß er Wein bestellte

und eifrig mit dem andern becherte.

Nun zeigte es sich, daß der Beiden Art zu arbeiten ganz verschieden

war, denn der Alte setzte sich in die Einsamkeit, brütete über seiner

Aufgabe und brachte es dahin, daß ihm endlich ein herrliches Bild vor

der Seele stand, durch seinen Willen, welchen er auf seine Absicht

gerichtet; das mühte er sich dann auf dem Holz festzuhalten durch

fleißige und sorgfältige Arbeit. Der Junge aber lebte in der Welt,

freute sich mit den Menschen, und die Frauen hatten ihn lieb, trotzdem

er ein frecher Geselle war; da zeichnete er in sein Buch dann viel,

das er sah, mit wenigen Strichen, und dachte: Dieses brauche ich für

dieses Bild, und das für jenes, und auch was ich von solchen schnellen

Zeichnungen nicht brauche, das gefällt mir doch, und macht mir solches

Zeichnen Freude, wie einem jungen Mädchen das Tanzen. Hatte er dann

aber einen Auftrag für ein großes Bild, so suchte er zuerst immer

in seiner Erinnerung, wo er Menschen gesehen, die wohl so aussehen

mochten, wie die Leute, welche auf seinem Bilde abgemalt sein sollten,

Männer und Frauen, und dann ging er hin zu denen, bat freundlich, und

sie gewährten es ihm meistens, daß sie sich vor ihm in der Stellung

halten sollten, welche der Mensch auf dem Bild haben mußte, und danach

malte er dann treu seine Figur, und aus vielen solchen Figuren setzte

er sein Bild zusammen.

An solche Möglichkeit des Arbeitens hatte der Alte noch nicht gedacht,

und wie er erst eine Weile des Jungen Art beobachtet hatte, da sah

er sehr wohl, daß die Jungfrauen, die er selbst malte, Arme hatten,

die eng an die Seite gedrückt waren und das Jesuskindlein hielten mit

steifer Haltung und ohne Lieblichkeit, und so war auch alles andere.

Aber wie er das eingesehen hatte, da ward ihm, als sei er mit einem

Male wieder ein ganz Junger geworden und fange in allem von vorn

an, und fühlte eine Hoffnung und Zuversicht, daß er lachend zu dem

andern sagte, nun werde er ihn noch übertreffen. Der aber, als ein

fröhlicher und leichter Mann sonder Harm und Groll lachte desgleichen

und antwortete, wenn er das vermöchte in seinem Hochalter, so wolle

er ihn für den tüchtigsten Maler halten, den es je gegeben, bei den

alten heidnischen Völkern wie bei den neueren. Und so wurden sie beide

fröhlich, und ließ der Alte Wein holen, wie er denn nun gewohnt war,

seit er des Jungen Gesellschaft hatte, und saßen lange zusammen in

Kunstgesprächen.

Nun geschah es, daß der junge Maler eine leichtsinnige Dirne annahm,

welche hübsch gewachsen war von Körper und auch ein anmutiges Gesicht

hatte; die gebrauchte er für seine Kunst, indem er sie in allen

Stellungen, welche ihm nötig schienen, zeichnete und malte, und in viel

verschiedenen Gewändern, wie auch ohne alle Kleider und gänzlich nackt.

Dieses Mädchen blieb eines Abends noch in der Werkstatt, als der alte

Mann zum Besuch kam, und wie nachher gesprochen und getrunken ward, da

ergriff sie eine Laute, welche des Jungen war, und sang ein lustiges

Lied, das damals von Allen gesungen wurde, und so wurden sie alle drei

recht fröhlich, und der Alte betrachtete mit scharfen Augen alle ihre

Bewegungen und prägte sie seinem Gedächtnis ein, am Ende aber ergriff

er einen Stift und zeichnete auf den Tisch die merkwürdige und schnelle

Wendung ihrer Füße, wie sie in kurzen Kleidern in der Werkstatt hin und

herging, denn sie machte die Wirtin. Da sagte er zu dem andern: »Heute

habe ich meinen Bart im Spiegel betrachtet, der war zwanzig Jahre lang

schneeweiß, und nun finde ich ganz schwarze Haare in ihm; so will auch

mein Körper sich verjüngen, wie sich mein Geist schon verjüngt hat.«

Diese Freude wurde aber durch einen wunderlichen Zufall gestört. Denn

wie das Mädchen wiederum ein Lied sang zur Laute, da ward der Alte

plötzlich ganz still und sah das Mädchen mit großen Augen an, die waren

so dunkel geworden, daß sie sich fürchtete, zu ihrem Herrn trat und mit

Singen aufhörte. Da schlug der alte Mann mit der Faust auf den Tisch

und wollte aufstehen; aber er fiel zurück, legte sein Haupt in seine

Hände und fing heftig an zu weinen.

Der Junge, in Gutmütigkeit, vermeinte ihn zu trösten; und weil

er dachte, daß des Alten Kummer auf irgend welche Weise mit der

Frauensperson zusammenhänge, sagte er ihm, ein Weib sei nur ein Ding

wie ein Hund oder Pferd, aber nicht unseresgleichen; erzählte dann

auch, er werde jetzt ein groß Geld kriegen für sein Bild, dann wollten

sie zwei ein lustig Leben führen und alles vertun. Aber solche Reden

halfen nichts, und am Ende gab sich der Alte von selbst, setzte sich

aufrecht in seinen Stuhl, schickte die Dirne aus der Werkstatt, welche

denn gar gern ging, denn vor dem Alten fürchtete sie sich und des

Jungen Rede hatte sie verdrossen, und begann so zu reden:

»Lieber, wenn ich mein Gemüt nicht bezwingen könnte, so möchte ich dich

jetzt bitterlich hassen. Denn das Lied, welches die Dirne eben sang,

das habe ich selber gemacht vor vielen Jahren, denn ich war damals ein

Jüngling von zwanzig, und heute bin ich ein Neunziger. Das war für

eine Jungfrau, die heiratete mein Freund, und seitdem ist sie selbst

alt geworden und ist gestorben, und ihre Kinder sind alt geworden und

sind gestorben, und ihre Enkelin ist nun schon ein altes Weib, so lange

ist das nun her; aber gegen meinen Freund zog ich damals mein Messer

und verwundete ihn hart, nachher bereute ich, tat Buße und habe ihn

gepflegt in seiner Krankheit, damals war es, daß ich zuerst lenkte alle

meine Inbrunst auf meine inwendigen Bilder und begann zu malen in der

Weise, welche du kennst, und wurde ein froher Mann, auch ohne Weib und

Kind; denn es sind ja Weib und Kind auch ein Hindernis.«

Darauf schwieg er eine Weile. Dann fuhr er fort: »Nun scheint mir aber

jetzt, daß ich verblendet gewesen bin, wie ich deine Bilder gesehen

habe, denn deine ganze Art und Kunst ist törlicher und leichter Art

und kann nicht bestehen vor einem ernsten Gemüt.« Der andere vermeinte

ihn immer noch zu beruhigen, er aber nahm seine Mütze und ging aus dem

Hause ohne Gruß und Abschied; und wie er in seiner eigenen Werkstätte

angekommen war, steckte er einen Kienspan an und beleuchtete alle seine

Bilder, welche er neulich gemacht, seufzte tief, nahm jedes von seinem

Ort und zerspellte es mit einer Axt in der Küche auf dem Fleischklotz,

da seine Haushälterin das Fleisch wiegte, denn er hatte keine Zähne

mehr und konnte nichts Hartes genießen.

Nach diesem hielt er sich Wochen zu Hause und zu seiner Arbeit, ohne

sich um seinen Gesellen zu kümmern, machte dem auch nicht auf, wie

er ihn besuchen wollte, sondern entsendete ihn mit harten Worten,

welche endlich sich auch der in sein harmloses Gemüt nahm und ihn nun

desgleichen mied.

Es vermochte aber der Alte in diesen Wochen nichts zustande zu bringen,

sondern saß nur immer und strengte sich an mit Mischen der Farbe,

Zurichten der Tafeln und anderm handwerksmäßigen Tun. Hierüber faßte

er einen Gram, der fraß ihm am Herzen, daß er krank wurde und im Bett

liegen mußte.

Nun hatte er wohl eine sehr starke Natur, aber das hohe Alter zwang ihn

doch, also, daß er arg von Kräften kam; und am Ende genas er zwar und

stand auf von seinem Bett, aber da war er gar klapperig und schwach

geworden, mochte nicht viel mehr gehen, geschweige daß er hätte ein

Pferd besteigen können, sondern saß gern und viel in der Sonne und

wärmte sich.

Weil er in dieser Verfassung nun wieder freundlicher schien und milder

denn früher, lachte auch wohl einmal mit Kindern, die da auf der Straße

spielten, so dachte sein Beichtiger, daß er ihn wollte wieder versöhnen

mit dem jungen Maler, damit er nicht dereinst in einer Feindschaft mit

einem Menschen abfahren müsse. So ging er zu ihm und sprach mit ihm,

der seufzte und klagte, daß er nichts mehr arbeiten könne, aber auf des

Pfaffen Vorhalten gab er zu, daß er an seines Lebens Grenze angelangt

sei und müsse Gott nur danken für die Gnade eines solchen langen Lebens

voller Kunst und Kraft. Durch diese Gespräche ward er erweichet, daß er

am Ende beistimmte und sprach, er wolle sich versöhnen, und wolle auch

mit dem Jungen zusammen das Abendmahl nehmen auf die neue Freundschaft.

So ward nun alles abgemacht, und trafen sich die Beiden an der

Kirchentür, und nahm der Alte mit einem freundlichen Lächeln die

schwarze Mütze von seinem weißen Haar, drückte dem Jungen die Hand und

sprach mit Herzlichkeit zu ihm, daß der in ganz besondere Fröhlichkeit

kam und ihm die Hand küßte, welche zitterte; denn er hatte vor dem

alten Mann eine sonderliche Hochachtung.

Nun gingen sie zusammen durch die Tür; da faßte der Riemen, daran der

Alte sein Messer am Gurt hängen hatte, in das Schloßblech, sodaß der

schwache Mann ins Wanken geriet; der Junge griff ihn schnell unterm

Arm und stützte ihn, und so schritten sie vorwärts in der Kirche

miteinander, wie der Urahn mit seinem Enkel, so sehr schienen sie

zusammengehörig. Darauf stellten sie sich zusammen hin, recht in die

Mitte der Kirche, vor den Altar, daran der Priester zelebrierte.

Aber auf dem Altar stand ein Bild des Alten, das er gemalt hatte vor

nunmehr wohl fünfzig Jahren, das stellte den Schmerzensmann vor; wie

er das wieder ansah, und er hatte genug Zeit zu solchem Ansehen,

da zog wieder alles in sein Herz, das er einst gefühlt hatte, und

das Herz hob sich ihm. Da zog er sein Messer aus der Scheide, mit

Ungeschicklichkeit, und ehe sich einer solches versah, stieß er zu und

traf den Jungen gerade an einer sichern Stelle, daß er umfiel ohne

einen Laut, und so wenig Aufsehen hatte diese Schnelligkeit und Ruhe

gemacht, daß der Priester noch fortfuhr im Amt, wie schon das Blut aus

dem Toten sich auf den Fliesen verbreitete.

Die Liebe des Flibustierführers

Im Jahre Siebzehnhundert war an einem nebeligen und kalten Herbstabend

in London in der niedrigen holzgetäfelten guten Stube des alten

Wirtshauses zum Anker eine kleine Gesellschaft von Kapitänen und

Reedern versammelt. Die Männer tranken einen schweren Südwein aus

großen Gläsern, priemten und spuckten. Das Gespräch war nach manchen

verschiedenartigen Erzählungen auf das damals in diesen Kreisen

unerschöpfliche Thema der Flibustier gekommen, die im Golf von Mexiko

die merkwürdigsten Taten gegen die Spanier vollführt hatten. Einer

der älteren Kapitäne hatte in seinen jungen Jahren noch unter Monbars

gedient. Er hatte erzählt, wie Monbars in einem kleinen offenen

Ruderboot mit zwölf Mann sich an eine spanische Fregatte gehakt, an

Bord geklettert war, und mit seinen Leuten sich durch die spanischen

Soldaten mit dem Säbel durchgeschlagen, von vorn bis hinten und dann

wieder zurück, und wie er immer ausrief, während die Spanier vor ihm

fielen: »Und das muß ich tun, der ein so weiches Herz hat.« »Wie die

Hammel vor dem Hund drängten sie sich«, erzählte er.

Ein alter weißhaariger Reeder mit ausrasiertem Kinne sagte mit

gespielter Gleichgültigkeit: »Ich habe gestern mit Morgan zusammen auf

einer Bank gesessen und habe ihm Schwamm für seine Pfeife gegeben!«

Die Männer lachten. Er wiederholte unerschüttert »ich habe ihm Schwamm

gegeben.« Dann erzählte er.

»Wie ein alter Affe sah er aus, dem man die Haut im Gesicht abgezogen

hat und schwarze Pflaster auf die Augen geklebt.« Einige behaupteten,

daß man als letztes von ihm gehört habe, vor langen Jahren, wie er nach

England hatte zurückfahren wollen, daß die Matrosen ihn erkannt hatten,

unter denen alte Flibustier waren und nachts in seine Kajütte gekommen

waren; ob die Geschichte gelogen war, wußte man nicht; aber er sollte

auf der Tonne gesessen haben mit den Edelsteinen und dem Gold, das er

den Flibustiern nach der Einnahme von Panama gestohlen hatte, und um

ihn standen sechs Tonnen mit Pulver, und in die eine klopfte er seine

brennende Pfeife aus. Der alte Kasten war in die Luft geflogen, und

so hatte wohl keiner Zeit gehabt, einem die Geschichte zu erzählen.

Aber die Seeleute denken, ein starker Glaube gehört zu ihrem Geschäft.

»Der Bart wird ihm wohl damals versengt sein«, meinte der alte Reeder.

»Man konnte seine zweiunddreißig Zähne hübsch zählen, sie waren alle

da, und weiß wie Elfenbein, und von der Nase waren ihm nur die Löcher

geblieben, durch die konnte man ihm in den Rachen hineinsehen.« Ein

junger Kerl meinte lachend, es gebe wohl so eine Art Liebe, die einen

so zurichten könne. Der alte Flibustier sah ihn strafend an und

sagte: »Wenn wir so etwas hatten, dann fraßen wir vier Wochen lang

Schildkrötenfleisch, dann waren wir wieder wie eine Stange Silber.«

Der Reeder fuhr fort: »Er hatte einen schmutzigen alten Juden als

Führer, der trug keine Hosen unter dem Kaftan, die haarigen Beine

staken ihm unten heraus. Aber er sorgte für ihn, wie die Amme für

das Kind: Hier ist ein Steinchen, da ist ein Klötzchen, da kommt eine

Herrschaft.« Die andern lachten.

Im Hause des Reeders wohnte im Oberstock eine alte spanische

Amerikanerin, aus Panama, die etwas wirr war im Kopf. Sie war gelb wie

eine Zitrone und hatte einen Schnurrbart wie ein Ungar, aber zwei Augen

rollten ihr im Gesicht wie zwei glühende Kohlen, und eine Stimme hatte

sie wie eine Geige, wenn sie sang. Und sie sang sehr viel, daß man sich

wundern mußte, wie sie das aushielt. Es wollte kein Dienstmädchen bei

ihr bleiben, weil sie ihnen immer Stecknadeln in den Arm steckte, wenn

sie ihre spanischen Worte nicht verstanden. Die kam zufällig an der

Bank vorbei. Sie sang ein Liebeslied:

~Por un soto verde y ambroso

Se salió Amor paseando,

De los amentes quejoso,

Porque su fuego amoroso

Trataban los mas burlando.~

Der Blinde sprang auf und zitterte, die holländische Tonpfeife fiel

aus seinen nackten Zähnen und zerbrach auf der Erde, und er sang den

zweiten Vers krächzend und heulend, weil ihm die Nase und Lippen

fehlten:

~Y como yo pude verle

En parte do no me via,

Determiné responderle

A las quejas que traia,

Solo por entretenerle.~

Die wahnsinnige Alte sah ihn an, dann hielt sie den Fächer vor das

Gesicht und warf ihm über den Fächer hin kichernd einen schmachtenden

Blick zu. Dann nahm sie ihr Mädchen am Arm und zog sie eilig fort, sah

sich noch einmal lachend um und sang:

~Y una respuesta buscando,

Que á la de Eco pareciese,

A lo que iba preguntando

Le respondí, procurando

Que esto solo de mí oyese:

Yo soy ese.~

Der Reeder fuhr fort, daß er dem Juden zwei Schilling gegeben habe,

damit er ihm alles erzählte. Dieses ist nun die Erzählung des Juden.

Der Tod des Cosimo · 第 8 / 9 段