Zu der Zeit, als das Christentum die Herrschaft über die anderen

Religionen erlangt hatte, waren in Alexandria häufige und schwere

Unruhen; denn das untere Volk, nämlich die Arbeiter, die Armen und

die Sklaven hingen der christlichen Lehre an, die Vornehmen aber und

Reichen glaubten noch an die alten Götter, erwiesen ihnen Verehrung

und beschäftigten sich mit der Philosophie. Und indem das Volk auch

Neid und Haß zeigte gegen die anderen, wegen ihres Reichtums und ihrer

Bildung, und zugleich stolz war auf seine bessere Religion, beruhigte

es sich wohl die meiste Zeit, weil es ein Reich hoffte, welches nahe

bevorstand, in welchem es selber alles Glück und Wohlleben haben würde,

denn alsdann, dachten sie, trägt das Korn tausendfältig ohne Mühe

des Landmanns, und der Weinstock bringt Trauben, so schwer, daß zwei

Menschen sie tragen müssen, und eine Olive hat so viel Öl, wie eine

ganze Familie braucht zu ihrer Mahlzeit, die Stadt ist aus Edelsteinen

gebaut, und ihre Tore sind von lauterem Golde; die Reichen aber und

Gebildeten werden dann in den tiefsten Abgrund geworfen zu dem alten

Drachen, da ist Heulen und Zähneklappen, weil sie bis nun ein großes

Wohlleben gehabt haben. Jedoch nur die meiste Zeit beruhigten sich

durch solche Hoffnungen die armen und einfältigen Leute, und wenn große

Krankheiten kamen und Teuerungen, welche denn damals häufig waren, so

wurden sie ungeduldig, meinten, der große Umschwung stehe schon bevor,

und zogen mit vielem Lärmen durch die Stadt, erbrachen die Häuser der

Reichen, raubten und plünderten, zerrissen Schuldbriefe, und wenn sie

einen vornehmen Reichen antrafen, so ermordeten sie ihn auch. Das taten

sie aber in eigener Weise; denn da geschrieben steht: des Herrn Wort

wird die Ungläubigen töten, so nahmen sie ihre heiligen Bücher, welche

eben des Herren Wort enthielten, die waren in großen Büchsen aus Erz

aufbewahrt, und mit denen schlugen sie auf die Reichen ein, welche sie

fanden, Männer, Frauen und Kinder, bis die tot waren; die Leichname

schleppten sie dann durch die Straßen und sangen fromme Lieder, und es

wurde auch erzählt, daß sie einige von den Leichen gegessen haben, denn

es steht geschrieben: des Herren Zorn wird sie fressen. Als Anführer

hatten sie bei solchem Treiben Mönche, welche nackt gingen oder sich in

große Decken hüllten und aus der Wüste kamen, wo sie sonst lebten und

viele Erscheinungen hatten von Geistern, Engeln und Teufeln.

Damals lebte eine vornehme Jungfrau in ihrem großen und vornehmen Hause

allein mit einigen Dienerinnen. Ihr Name war Manto, und sie war eine

Griechin aus einem uralten und stolzen Geschlechte in Elis, welches

seine Vorfahren noch in der heroischen Zeit hatte. Schon seit mehreren

Geschlechtern aber war die Familie nach Alexandria übergesiedelt und

war auch hier immer vornehm, stolz und reich gewesen. Wie denn nun

damals in rätselhafter Weise oft viele Menschen starben, als sei eine

Krankheit gekommen, welche nur eine bestimmte Klasse, Stand, Schicht

oder Familie befiel, daß viele an Brunnenvergiftungen durch die

Christen, viele an heimliche Tücken der Verwandten der Erbschaften

wegen dachten, und noch andere an Geheimbünde wollüstiger und frommer

Art, so überfielen auch plötzliche und verschiedene Krankheiten die

Familie der Manto, daß ihr alle Anverwandten in wenigen Tagen starben

und sie allein zurückblieb in dem hallenden Palast.

Nun hatte sie sich schon als Kind an der Kunde des Himmels und der

Sterne erfreut, denn ihr Vater war ein stiller und schweigsamer

Mann gewesen, welcher seine Nächte auf dem hohen Turm seines Hauses

verbrachte mit Betrachtung der Sternbilder an dem blauen und klaren

Himmel, und mit vielen Berechnungen und Voraussagen. Diese Freude

hatte sie beibehalten; und wie sie nun ohne Eltern, Geschwister und

selbst Vormund war, denn in jenen unruhigen Zeiten wurde von den

Behörden wenig auf die Schicksale der Bürger geachtet, dachte sie nur

noch daran, des Abends auf dem viereckigen, quadergemauerten Turm zu

sitzen, der hoch über das flache Dach des Hauses in die dunkelblaue

Nacht hinausstand, und durch allerlei Rohre die glitzernden Sterne

zu betrachten, Beobachtetes aufzuschreiben und älterer Sternkundigen

Niederschriften nachzulesen.

Bei diesem Forschen gewann sie einen Freund, welcher jung war wie sie,

und ein Gelehrter der Sternkunde, von jüdischer Abstammung, mit dem

Namen Sextilius; denn er gehörte einem Judengeschlechte an, welches

sich den Dingen anpaßte und nicht streng festhielt an allem, was es

einst in Palästina geglaubt hatte, weil es wohlhabend war und gebildet.

Mit diesem Freund verbrachte sie manche Nacht unter dem klaren Himmel

bei dem blassen Sternlicht auf dem flachen Dache des alten Turmes; und

auch Sextilius war der letzte und einzige seines Geschlechtes, denn

seine gesamte Familie war umgekommen bei einem Aufstand des Pöbels

gegen die Juden, wo viele vornehme Judenfamilien gänzlich ausgerottet

waren.

Nun geschah es an einem Abend, als die beiden in ihrer gewohnten Weise

zusammen waren, daß sie ein ungewohntes Lärmen hörten in den Straßen.

Es kam nämlich für gewöhnlich nur ein dumpfes und gleichmäßiges

Dröhnen an ihr Ohr, welches herrührte von der Vermischung vieler

verschiedenartiger Geräusche, die ihr Besonderes unter einander zu

verlieren schienen, wie auch der Blick über die Stadt selbst ganz

gleichmäßig schien durch die vielen Lichter, obschon doch die Straßen

ganz verschieden waren und die Häuser. Es entstand aber das neue Lärmen

durch die gleichmäßigen Fußtritte vieler, und durch einen allgemeinen

Gesang, der einen wilden und wüsten Takt hatte, und dazwischen war das

allgemeine Dröhnen der Stadt doch noch vernehmbar.

Wie sie sich noch verwunderten, kam eine Sklavin in Eile die Enge

des Turmes heraufgestiegen und erzählte, daß die Christen in große

Unruhe geraten seien und sich zusammengerottet hätten, weil sie

glaubten, daß Zauberkünste angewendet würden, um die alten Heidengötter

zurückzurufen, welche durch die Heiligen und Märtyrer verbannt waren;

denn es strömte da eine Quelle, welche früher der jungfräulichen

Artemis geweiht war, wo Leute geheilt wurden von allerlei Gebrechen,

indem sie badeten und tranken, nun aber war Artemis vertrieben, und

an ihrer Stelle herrschte hier eine christliche Heilige, welche mehr

Wunder tat wie die Göttin. Und an eben dem Tage waren zwei arme Männer,

welche lahm waren, in das Wasser gestiegen, hatten sich bekreuzt und

die Heilige angefleht: da war ein böser Geist gekommen, der hatte sie

erwürgt, daß man sie tot herauszog aus dem Wasser; und nun meinten

die Christen, das sei Artemis gewesen, welche durch Zauberkünste der

Heiden zurückgerufen sei und die Heilige vertrieben habe. Deshalb

zogen sie durch die Straßen und wollten sich an den Heiden rächen, und

vornehmlich an solchen wie Manto, welche ihnen verdächtig schienen

wegen ihrer Wissenschaft.

Da sagte Manto, daß es zu dem Turme nur einen Eintritt gebe, nämlich

durch eine eiserne Tür, welche vom ersten Stockwerk des Hauses in den

Turm führte; und wenn die Christen wirklich ihr Haus angreifen würden,

und würden eindringen, so wollten sie die Tür verschließen und Feuer

in das Haus legen, daß das verbrennen müßte, der Turm aber unversehrt

bliebe, denn alsdann werde der Pöbel keinen Zugang zu ihnen gewinnen,

welche auf dem Turme blieben, und später müßten sie dann durch die

Behörde gerettet werden. Sextilius wurde sehr traurig über diese Rede,

denn er dachte an die vielen Kostbarkeiten, Bücher und Bilder, welche

in dem großen und schönen Hause aufbewahrt waren. Aber indem erblickte

Manto auch schon von oben die ersten der wütenden Schar, welche in die

Straße liefen mit geschwungenen Fackeln und brüllend, und ihr Name

wurde gerufen unter heftigen Verwünschungen. Da raffte sie ihr weites

Gewand zusammen, schlüpfte durch die schmale Falltür die enge und

gewundene Treppe hinunter und lief in das Haus, da brannten in leeren

Zimmern Lichter, die riß sie herab und warf sie zwischen kostbare

Decken und Teppiche, und in einem kleinen und dunkeln Zimmer traf sie

eine ganz junge Sklavin, die verschüchtert in einem Winkel hockte, die

trieb sie heraus; und wie schon die Schläge und Stöße der wüsten Menge

gegen das eisenbeschlagene Tor hallten, warf sie noch Kleidungsstücke

über die Geländer der großen Treppe in den Hausflur und warf eine

Fackel hinterher, dann eilte sie zurück zu der eisernen Tür des Turmes,

zog die nach sich und verschloß und verriegelte sie.

So kam sie atemlos nach oben, fand da Sextilius und die Sklavin, welche

schweigend saßen. Und wie sie sich in ihrem weißen Gewand über die

Brüstung des Turmes beugte, um nach unten zu sehen, wo die Menge an dem

starkbohligen Haustor arbeitete, ward sie gesehen von unten, und Johlen

und Pfeifen drang nach oben, heftige Verwünschungen und verächtliche

Namen auf die alten Götter. Aber indem sprang aus einem Fenster spitz

die erste Flamme, wie ein Pfeil vom Bogen, und die Menge ward plötzlich

still; dann folgte wirbelnder Rauch, und ein Sturmwind kam plötzlich;

da johlte die Menge lauter und heulte vor Wut, und die Stöße und

Schläge gegen das Haustor wurden heftiger, bis am Ende ein Krachen und

Splittern gehört ward; aber wie der eine Flügel sich nach innen neigte,

sprang auch aus dem Tor die spitzige Flamme und flog dem Vordersten ins

Gesicht, daß der Pöbel heulend auseinanderstob; unterdessen klirrten

noch andere Fenster, und die Flammen leckten hoch an dem schweren

Gemäuer.

Der Rauch zog wirbelnd in die Höhe und flog über den Turm hin; da

legten sich die drei, welche oben standen, auf den Boden des Turmes

hinter die Brüstung, denn sie fürchteten, daß sie ersticken möchten,

und der Wind trieb den Rauch fort über ihnen, so daß sie nun atmen

konnten. Und im Liegen sprach Sextilius und klagte über die Schätze,

welche verbrannten; denn in dem Hause stand goldenes und silbernes

Gerät, kunstvoll gearbeitet von berühmten Handwerkern der alten Zeit,

das schmolz nun zu schlackigen Klumpen; und kostbare Gewebe waren da

mit allerhand künstlichen Figuren, wie sie in früheren Zeiten von den

Frauen in Alexandria gewebt wurden, und seltene Bücher standen in

Rollen, viele Werke der Gelehrten und Dichter, welche in Alexandria

ein friedliches Leben geführt hatten, und auch die Werke der alten

Dichter des heimatlichen Griechenlands. Dann hingen an den Wänden

Bilder, welche Götter und Göttinnen darstellten, und die Geschichte

der alten Helden und merkwürdige und schöne Landschaften. Aber das

Kostbarste war ein uraltes Holzbildnis der Aphrodite, welches in einem

kleinen und dunklen Heiligtume des Hauses aufgestellt war. Das hatten

die Vorfahren der Familie mit aus ihrer griechischen Heimat gebracht,

wo es einen eigenen Tempel gehabt hatte und verehrt wurde, und es

stammte noch aus der Zeit, da die Götterbilder mit geschlossenen Füßen

gestaltet wurden und mit Armen, welche eng am Körper anlagen. Von

allen diesen Schätzen und Heiligtümern sprach Sextilius, denn auch die

Dichtwerke waren Heiligtümer und die schönen Bilder, weil sie Erhabenes

darstellten, das die Menschenseele in die Höhe reißt. Nun verschwelte

und verkohlte das alles, oder brannte auch mit lichter Flamme; und es

war nicht anders, als sei da nur schlechtes Brennholz und alte Lumpen.

Die alte Sklavin lag dem Sextilius gerade gegenüber, und in ihren Augen

erglänzte merkwürdig das Weiße, indem die Pupille sich fast ganz in

die Höhe geschoben hatte. Da stand sie plötzlich auf und trat auf die

Brüstung, so daß die Schwaden des Rauches sie umzogen; ihr graues Haar

war hinten in ein ärmliches und dünnes Zöpfchen geflochten, das stand

wunderlich von ihrem Kopfe ab. Zuerst heulte sie in einem hellen und

durchdringenden Ton, indem sie mit den Händen um sich schlug, und dann

fing sie in abgebrochenen Worten an zu schreien und rief, daß eine

Feuersbrunst das Herrlichste ist, und des Menschen Herz jauchzt vor

Lust und Schmerz und voller Wohligkeit gegen die Flamme, und alles jagt

in den rauchumzogenen Himmel, denn es gibt nur einen Gott, der macht,

daß unsere Eingeweide sich umwenden; und wir suchen den Schmerz und die

Schande, denn auch seine Heiligen jauchzten im Kot der Gefängnisse und

indem Eiter und Blut von ihren gepeitschten Rücken rann, darum ist es

süß, wenn wir unrecht leiden.

Solche und ähnliche Worte schrie sie mit brüllender Stimme, dann

sprang sie wieder herunter von der Brüstung, riß die Falltür auf,

welche zu der schmalen und gewundenen Turmtreppe führte. Eine grausige

Glut spie die schmale Treppe aus, sie aber eilte hinab, der eisernen

Tür zu, welche den Turm mit dem Hause verband; Manto und Sextilius

liefen ihr nach, aber die Sklavin glitt aus und ward wie eine Kugel

und kollerte die steilen Stufen hinunter, die rund um die Spindel der

Treppe liefen; ihr Kopf schlug dumpf auf den Steinen auf, aber sie

schrie in einem fort ihre Worte, die sie vorher geschrieen hatte;

da war am Ende die eiserne Tür, die war rotglühend geworden von dem

Brande, gegen die rollte sie; da geschah ein Zischen und Fauchen und

ein ganz lauter Schrei, und Brandgeruch drang nach oben, denn Manto

und Sextilius hatten nicht weit folgen können wegen der Hitze; und wie

ein paar gellende Schreie gewesen waren, ward alles still, nur ein

ganz scheußlicher, stinkender Schwaden kam herauf. Da kletterten die

beiden entsetzt zurück und schlossen wieder die Falltür und legten sich

wieder dicht an die schützende Brüstung; aber es war nun sehr heiß oben

geworden, und der Rauch beizend und scharf, und senkte sich nieder,

und viele Asche senkte sich auch nieder und bedeckte hoch die Fläche

des Turmes oben und die Brüstung, und quälte die beiden sehr. Und auch

einen heftigen Durst bekamen sie, daß sie fast ihre Lage nicht mehr

aushalten konnten.

* * * * *

Manto dachte daran, daß das alte Schnitzbild der Aphrodite verbrannt

war, und dachte an die alte Sage in ihrer Familie, welche sich an das

Schnitzbildnis knüpfte.

Vor Urzeiten, als die Heroen noch lebten, noch vor dem trojanischen

Kriege, waren zwei Schwestern, die lebten in einem Hause, das lag an

dem Wege nach Elis. Diese gerieten untereinander in Streit, welche

von ihnen die Schönere wäre, und nachdem sie alle ihre Gliedmaßen

einzeln und auch ihre ganzen Personen insgesamt miteinander verglichen

hatten, konnten sie doch zu keinem Ende kommen. Da beschlossen sie, ein

Urteil Fremder anzurufen, gingen aus dem Hause und setzten sich an der

Landstraße auf einen Stein. Wie sie eine Weile gewartet hatten, kam ein

Wanderer, ein junger und schöner Mann, dem trugen sie ihren Streit vor

und sagten ihm, er solle entscheiden, und so legten sie ihre Gewänder

ab und traten nackt vor ihn, damit er urteile. Er prüfte sie, und ihm

schien die Ältere schöner zu sein; das sagte er auch; und weil sie aber

so sehr schön war, und er hatte alle ihre Glieder gesehen, so faßte

er eine große Liebe zu ihr, fragte sie, ob sie ihn zu ihrem Ehegatten

wolle, und wie sie ihm erwiderte, ja, nahm er sie und ging mit ihr, die

Vermählung zu vollziehen.

Die Jüngere wurde sehr traurig und blieb zurück, zog ihr Gewand wieder

an, setzte sich auf den Stein und weinte sehr vor Kummer. Da kam ein

zweiter Wanderer des Weges, der war ein jüngerer Bruder des vorigen.

Wie der die weinende Jungfrau sah, hatte er Mitleiden und fragte

sie, weshalb sie so traurig sei. Sie erwiderte ihm, indem sie alles

erzählte und auch sagte, daß der andere ihrer Schwester Schönheit

vorgezogen habe. Da sagte der Wanderer, daß es in diesen Dingen kein

sicheres Urteil gibt, und daß die einen so urteilen über die Schönheit

und die anderen so, und vielleicht, wenn er an Stelle des älteren

Bruders hätte entscheiden sollen, so hätte er die Jüngere vorgezogen.

Da trocknete die Jungfrau ihre Tränen und sagte, wenn das so sei, so

wolle sie sich auch vor ihm entkleiden, und er solle ein Urteil fällen,

ob es wohl möglich sei, daß ihre Schwester schöner sein könne. Damit

war er auch einverstanden, und sie entkleidete sich. Aber wie er sie

nun so gesehen hatte, da sagte er, sie habe recht gehabt in ihrem

Urteil, und er wenigstens könne sich nicht denken, daß eine Jungfrau

schöner sein könne wie sie. Deshalb habe er eine plötzliche und starke

Zuneigung zu ihr gefaßt und frage sie, ob sie nicht seine Ehefrau

werden wolle. Da sagte sie ja, und nun gingen auch diese beiden gleich

nach Hause und vollzogen ihre Vermählung.

Nun lebten die beiden Schwestern mit den beiden Brüdern zusammen und

waren sehr froh und zufrieden, hatten ihre Kinder und wurden sehr

alt, und keinerlei Unglück traf sie. Da sagten sie, daß Aphrodite

ihres Glückes Ursache gewesen sei, welche ihnen den Streit um ihre

Schönheit aufgeregt und ihnen dann auch aufgegeben hatte, daß sie an

die Landstraße gehen sollten, wo sie ihre Männer getroffen hatten. Und

weil sie sich nun für solches Glück der Urheberin dankbar erweisen

wollten, so bauten sie der Aphrodite einen kleinen Tempel, und durch

einen geschickten Arbeiter ließen sie das Standbild machen und beteten

an, dankend und preisend. Solche Verehrung wurde dann auf die Kinder

vererbt und auf die Kindeskinder, und indem die Familie viele hundert

Jahre blühte, wurde das Standbild immer in der alten Weise verehrt

durch die jungen Mädchen des Geschlechtes, welche vor ihm die Hände

aufhoben und Blumen brachten. Am Ende zogen dann die letzten der

Nachkommen von Elis fort und gingen nach Ägypten, da nahmen sie das

alte Heiligtum mit, aus Frömmigkeit und in dankbarer Gesinnung, denn

Aphrodite war der Familie immer günstig gewesen.

An dieses alte Märchen dachte Manto und dachte, daß nun das alte

Götterbild verbrannt war; und sie wunderte sich, daß man in der Urzeit

sich nicht seines Körpers geschämt hatte, sondern man war seiner froh

gewesen, heute aber hatte man Schamgefühl auch in bezug auf die Seele.

Ganz schwarz und schmutzig waren die Gesichter und Hände der beiden

geworden, welche oben auf dem Turm lagen, und ihre Kleidung war mit

lauter Flugasche bedeckt; es durstete sie sehr, und sie fühlten sich

sehr unglücklich und krank und dachten, daß sie sterben müßten; und so

schwach und elend waren sie, daß der Tod ihnen gar nicht abscheulich

und schreckenerregend schien, sondern als etwas ganz Leichtes.

Sextilius dachte an eine Begegnung, die er vor wenigen Tagen gehabt.

Seine Vorfahren, die strenge Juden gewesen, hatten einen Fluch auf die

Unkeuschheit gelegt, und vornehmlich auf die, welche mit heidnischen

Dirnen verübt wurde. Nun hing er zwar nicht mehr an dem strengen

Glauben seiner Väter, aber doch lebte noch in ihm jenes Gebot. So

geschah es ihm, daß er vor den Toren der Stadt lustwandeln ging und kam

in eine Gegend, wo viele Gärten sind und kleine Häuser, welche sich

die Reichen gebaut haben zu ihrem Vergnügen, an den Sommerabenden da

die Frische und Kühle zu genießen. Diese Gärten waren so geordnet, daß

Straßen zwischen ihnen liefen und Nebenstraßen, wie in einer Stadt; und

wie in einer Stadt war da auch eine entlegene Gegend, wo die Dirnen

wohnten. Dahin geriet er durch einen Zufall. Da war ein ganz kleines

Häuschen, das war weinüberrankt, und gelbe Trauben leuchteten aus dem

Laube, und Rosen blühten vor dem Eingang; die Tür war geöffnet und wies

in ein dämmerndes grünes Dunkel, und in der Tür stand eine Dirne, ein

ganz junges Mädchen, die hatte die leichte und durchsichtige Tracht

des Landes, durch welche man jedes Glied sehen konnte, und mit einem

heitern und unbekümmerten Lächeln winkte sie Sextilius zu, er solle

kommen; ihre Zähne blitzten in dem sonnenbraunen und frischen Gesicht:

ein Weintrieb war vor ihrem duftigen und weißen Kleid, mit den schönen

Blättern und der fein geschwungenen Ranke. Ihm pochte das Herz vor

Freude und Sehnsucht, aber etwas anderes machte, daß er sich abwendete

mit einer verächtlichen Gebärde; da sah er, wie über das helle und

offene Gesicht des Mädchens eine Enttäuschung flog.

* * * * *

Schmutzig und ganz erbarmungswürdig sahen die beiden aus, wie sie auf

dem Turm lagen, ihre Augen waren gerötet. Sie mochten schon lange

nichts mehr zu einander sprechen, denn der Gaumen war ihnen ganz

ausgedörrt. Sie meinten, daß sie sterben müßten in der Hitze und

durch den Rauch, und schon erwog Sextilius, ob es nicht ein besseres

Ende sei, sich von dem Turme auf das Pflaster herabzustürzen. Noch

lärmte und schrie der Pöbel unten, aber ein großer Teil des Volkes war

abgezogen, um an einem anderen Orte zu rauben und zu töten. Da wendete

sich plötzlich der Wind und machte den Turm von dem Rauch frei, und

auch die Hitze schien minder arg zu sein. Bald darauf stürzte das

Dach des Hauses nach innen, und obgleich eine kurze Weile dann eine

hohe Flamme in die Höhe schlug, schien doch der Brand abzunehmen,

als würde er durch die schweren und großen Dachsteine erstickt. Die

beiden erhoben sich und traten an die Brüstung, um mehr von dem

kühleren Windhauch zu genießen. Da johlte die Menge von unten und rief

Schimpfworte nach oben, und rief, Manto habe einen Liebhaber bei sich.

Wie sich die beiden aber anblickten, da erschraken sie, so entstellt

sahen sie aus.

Manto sprach: »Ich bin allein auf der Welt, denn alle meine Verwandten

sind gestorben, und meine ganze Familie ist ausgestorben, und ich

glaube auch, daß mein Volk tot ist, dem ich angehöre; denn diese da,

welche heulen, sind anders wie ich und sind mir ganz gleichgültig. Nun

will ich in die Gegend dieser Stadt ziehen, wo die Dirnen wohnen, und

will mich preisgeben jedem, der mich kaufen will.«

Sextilius sprach: »Ich will in die Wüste gehen, wo die Einsiedler

und Heiligen der Christen wohnen. Sie fasten und kasteien sich, und

die Teufel kommen in allerlei Gestalt, um sie zu verlocken, sie aber

sind standhaft. Deshalb will ich ein Christ werden und leben als ein

Heiliger und Einsiedler.«

Manto sprach: »Wenn ich an uns denke wie an fremde Menschen, so meine

ich, daß wir uns lieb haben könnten, heiraten und Kinder haben, und in

Ehre und Freude leben, denn wir könnten ja auch in einer andern Gegend

leben wie in Alexandria. Sehr wunderbar ist es, daß das nicht geschehen

kann, und ich weiß dessen keinen verständigen Grund. Aber es kann nicht

geschehen, sondern ich werde in die Dirnenvorstadt gehen und du in die

Wüste.«

Die beiden Maler

Zu der Zeit, als das Mittelalter sich zu Ende neigte und neues Wollen

in allen Künsten und Wissenschaften aufkam, lebte in einer nördlichen

Stadt ein ganz alter Maler, welcher bei seinen Leuten als der

kunstfertigste Maler galt. Er hatte nicht Weib und Kind und führte ein

recht einsames Leben, indem er nur immer fleißig war, sich in seiner

Kunst weiterzubilden und vollkommener zu werden; und wiewohl er zu

jener Zeit, von welcher wir sprechen wollen, schon das neunzigste Jahr

erreicht hatte, schienen seine neuen Bildnisse auch in Wahrheit immer

schöner und lebendiger geworden zu sein wie seine früheren; so sagte

er auch von sich: »Bis zu meinem fünfundachtzigsten Jahre bin ich nur

ein Lehrjunge gewesen und gut genug, die Farben zu reiben, nun bin ich

ein Geselle worden, aber so mir Gott das Leben gönnt, so werde ich mit

hundertundzehn Jahren ein Meister sein.« Und solchen Glaubens fröhlich

lebte er seine Tage dahin im Winter und Sommer.

Nun geschah es, daß ein reicher Kaufmann, welcher viele Reisen machte,

auch einmal eine Reise machte zu den großen Handelsstädten, die im

Westen liegen, wo stolzes Tuch gewebt wird und schöne Leinwand. Der sah

dort Bilder eines neuen Meisters, die ihm gar wohl gefielen, und besser

wie die Bilder des alten Mannes, den sie daheim hatten; und indem

diesem Meister viele Schüler zugeströmt waren, welche alle von ihm

seine vollkommenere Art gelernt hatten, so kaufte er von einem solchen

Schüler ein schönes Bildnis unserer Frauen um ein nicht allzu teures

Geld, denn die Bilder des Meisters selber wurden allzu hoch gehalten im

Preise, also, daß er nicht darankommen konnte. Solches Bild bewahrte er

sorgfältig auf, nahm es mit nach seiner Stadt und schenkte es in die

Kirche seines Viertels als einen besonderen Schmuck an der Wand des

Chores.

Wie der alte Meister das neue Bild gesehen hatte, kam über ihn ein

tiefes Stillschweigen, und wiewohl die meisten Leute sagten, deren

Art es ja immer ist, daß sie das Einheimische loben, aus Stolz, daß

es geringer sei wie die Bilder, welche er selber gemalt hatte, so

erwiderte er doch, daß sie das nicht verständen, und sei dieses Bild

das herrlichste, welches er je gesehen; er glaube auch nicht, daß er

je solche Kunst und Geschicklichkeit erreichen könne, ein dergestaltes

Werk zu schaffen.

Darauf ging er zu wichtigen Ratspersonen, stellte denen vor, wie

bedeutsam es für eine Stadt sei, wenn berühmte Künstler in ihr leben,

denn die ziehen viel Geld von außen herein, und sprach dann, daß er

selber seines Lebens zur Genüge habe und nicht auf den Erwerb mehr

angewiesen sei, und sollte der Rat den jungen Maler herziehen, welcher

die Tafel gemalt habe, durch einen Auftrag eines großen Bildes mit

vielen Figuren, das eigentlich er selbst, der Alte, hatte malen sollen.

Die Ratspersonen wunderten sich wohl, daß der alte Mann gar keinen Neid

gegen den Fremden aufwies, aber sie dachten, daß er doch wohl sein

Handwerk aufgeben wolle seines hohen Alters wegen, und schien ihnen

auch gut, was er gesagt, daß sie den jungen sollten herziehen. Also

schrieben sie Briefe und schickten die fort, und es wollte auch das

Glück, daß der Junge ja sagte, sich auf die Reise machte und angezogen

kam.

Der Alte hatte eine große Begier, ihn zu sehen, und wie denn von einem

Bauern durch Zufall erzählt wurde, daß er einige Meilen vor der Stadt

in einem Wirtshause dem Manne begegnet sei, der da gesessen habe und

habe getrunken und viel Rühmens gehabt von seiner Kunst, da zog er

sein gutes Kleid aus feinem Tuch an und seinen Pelzmantel, setzte sich

auf ein Pferd, dem Fremden entgegenzureiten. Wie er ihn noch in der

Wirtschaft antraf, wunderte er sich zwar sehr, daß der Mann gar nicht

erschien nach ehrbarer Bürger Art, sondern hatte einen langen Raufdegen

an der Seite und als Gewand trug er einen lumpichten Koller wie ein

gartender Lanzknecht.

Der Tod des Cosimo · 第 7 / 9 段