Jahre bei meinem Vater, der einen großen Handel mit Lumpen und altem
Eisen hatte. Damals hörte ich zum ersten Male über die Flibustier von
einem deutschen Handwerksburschen, der bei uns auf dem Boden nächtigte,
und es fiel mir gleich in den Sinn, daß sich mit denen ein Geschäft
machen ließ. Denn auf ihren Raubzügen nehmen sie außer dem baren Geld
nur Ware mit, die leicht zu versilbern ist, namentlich Edelsteine und
Schmuck, und wenn sie von einer Fahrt zurückkommen, so ruhen sie nicht
eher, bis sie alles verpraßt haben. Deshalb machte ich mich an einige
hübsche Mädchen und versprach ihnen reiche Männer, wenn wir drüben
wären, zog mit denen nach Amsterdam, unter großen Geldkosten, nahm
in Amsterdam noch eine Anzahl Fässer mit feinen Likören und schweren
Weinen mit und begab mich auf ein Schiff, das auf Kuba heimlich
Kakao holen wollte. Meine Frauenzimmer machten auf dem Schiff einen
greulichen Spektakel, wie sie merkten, worauf es abgesehen war, aber
der Kapitän war ein anständiger Mann und stand auf meiner Seite, denn
so einhundert Gulden hatte mich jedes Mädchen schon gekostet. Er sagte
mir freilich gleich voraus, daß ich bei den Flibustiern mit der Ware
nichts verdienen würde. Wie wir auf der Höhe der Schildkröteninsel
waren, traf uns ein Flibustierboot. Der Kapitän zog die spanische
Flagge nieder, unter der wir bis dahin in diesen Gewässern gesegelt
waren und hißte die holländische, die Flibustier kamen aber doch an
Bord. Sie hatten nichts an, wie Hose, Hemd und Hut und kletterten wie
die Eichhörnchen an den glatten Planken hoch. Sie hatten ungeheuer
große Büchsflinten in der Hand, und wie sie oben waren, nahm jeder
gleich einen Mann aufs Korn. Wie sie sahen, daß wir wirklich Holländer
waren, beruhigten sie sich. Mich warfen sie gleich in ihr Boot, wie
ich gesagt hatte, daß ich zu ihnen wollte, ich dachte, ich hätte alle
Rippen gebrochen. Dann warfen sie meine Fässer hinterher und brachten
auch die drei Mädchen mit. Es schien, daß die drei stärksten sie sich
genommen hatten, mich fragten sie gar nicht. Die drei stellten sich vor
sie hin mit ihren Flinten und sagten: »Was ihr vorher getan habt, das
geht uns nichts an, wenn jetzt etwas passiert, dann haben wir unsere
Büchse. Nun seid ihr unsere Frauen und müßt unsere Hemden waschen.«
Dann wurde fortgerudert und ich mußte mitrudern, und wie ich ohnmächtig
wurde, da band einer seinen Gürtelriemen ab und schlug mich, daß mir
das Blut den Rücken herunterlief. Da bin ich nicht wieder ohnmächtig
geworden, aber ich habe mir beinahe die Zunge durchgebissen. Ich sagte
ihnen, sie sollten mir wenigstens etwas für die Jungfernschaft der drei
Mädchen geben, aber sie lachten und sagten, aus der Jungfernschaft
machten sie sich nichts. Sie setzten uns auf der Schildkröteninsel ab,
ich ging zu dem Gouverneur Seiner Majestät des Königs von England,
er erlaubte mir meinen Handel. Ich bekam meistens Goldstaub, den ich
in einer Schweinsblase hielt. Man konnte alles offen liegen lassen,
es wurde nichts gestohlen. Es waren wenig Flibustier da, denn Morgan
machte gerade seinen berühmten Zug, von dem ich nun erzählen will.
Wie die Nachricht kam, daß er Karthagena geplündert hatte, wurden
alle wütend, die auf der Schildkröteninsel waren, denn da hatte es
große Beute gegeben, sie schoben ihre Boote in die See und wollten
zu ihm rudern, denn es wurde auch schon von Panama gesprochen. Mir
redeten sie zu, ich sollte auch mitkommen, und da war etwas zu holen,
und damals war ich so mutig geworden, daß ich mir aus dem Leben gar
nichts mehr machte, denn ich dachte: einmal muß ich doch sterben. Zwei
in unserem Boot mußten immer schöpfen, denn das Wasser floß immer
oben hinein, weil die Wogen hoch gingen, aber die Flibustier ruderten
in ihrer Wut immerzu. Wir brauchten fünf Tage bis zu dem Fort San
Lorenzo an der Mündung des Chagro, das Morgan erobert hatte. Zu der
Zeit aßen wir nur Zwiebäcke, die vom Wasser aufgeweicht waren, denn
es war nichts trocken zu halten im Boot, und ich hatte zwei Fässer
guten Branntwein mit, dadurch kamen die Flibustier sehr in Schulden bei
mir, denn sie mußten alle zusammen bürgen, damit ich keinen Schaden
hatte an den Toten. Wie wir kamen, hielt Morgan gerade Musterung; er
nahm dreizehnhundert Mann mit nach Panama; wie wir in unsere Boote
stiegen, brachten wir ein Hoch auf den König von England aus und auf
Morgan, aber bei Morgan schrien sie lauter. Wir mußten den Chagro
aufwärts rudern, aber wir hatten so wenig Platz in den Fregatten, daß
wir uns nicht einmal setzen konnten. Da wurden wir sehr müde. So kamen
wir am ersten Tag bis Rio de los Braços, da wollten wir uns etwas
zu essen holen, denn wir hatten nichts mitnehmen können. Aber die
Spanier, die da wohnen, hatten alles Korn abgeschnitten und das Vieh
fortgetrieben, und die Häuser waren ganz leer. Wir schliefen wenigstens
in den Häusern auf dem Fußboden, aber zu essen gab es gar nichts,
so stopfte sich jeder eine Pfeife Tabak. Ich hatte noch ein Fäßchen
Branntwein, das verkaufte ich, das Gläschen für eine Unze Gold, auf
Kredit; da wurde ich ein reicher Mann, denn die Flibustier bezahlten
immer ehrlich, nur meine Mädchen hatten sie mir ohne Geld abgenommen,
denn sie sagten: man darf mit rotem und schwarzem Menschenfleisch
handeln, denn das ist von Gott dazu geschaffen, daß wir es brauchen,
aber mit weißem Menschenfleisch zu handeln ist Sünde. Am zweiten Tage
ließen wir unsere Fregatten liegen, denn der Fluß war nicht mehr tief
genug und war auch ganz versperrt von Baumstämmen. Ein Teil der Leute
mußte dableiben, damit uns die Spanier nicht hinter unserem Rücken die
Schiffe wegnahmen. Wir wollten zu Fuß weiter, aber der Morast war so
tief, daß viele nicht wieder heraus konnten und erstickten. Deshalb
setzten wir uns in kleine Kähne. Aber weil wir zu wenig Kähne hatten,
so fuhr ein Teil von uns immer flußaufwärts, dann stiegen wir an einer
festen Stelle aus und warteten, und die Kähne fuhren zurück und holten
andere. Da sah mich Morgan das erstemal und sagte den Flibustiern,
sie sollten mich in den Fluß werfen, weil ich nichts nütze wäre. Aber
die Flibustier antworteten ihm, daß sie mir schuldig wären, deshalb
dürften sie das nicht. Den zweiten Tag mußten wir im Freien schlafen.
Den dritten Tag ging es genau so wie den zweiten. Da schimpften die
Flibustier, daß sie noch keinen Spanier gesehen hatten, denn sie waren
ganz schwach vor Hunger und dachten, daß die Feinde etwas zu essen bei
sich hätten; sie aßen aber Laub und Gras, und darunter war manches
Ungesunde. Auch war es schlecht, daß wir im Freien schlafen mußten,
denn die Nächte waren so kalt, daß es am Morgen reifte, und wir hatten
nur Hose und Hemd an und weiter nichts. Am vierten Tag wurde es besser,
da konnte man am Fluß entlang marschieren, weil wir höher kamen, und
da ruderte die eine Hälfte in den Kähnen und die andere marschierte.
Und zwei Flintenschüsse vor uns gingen immer zwanzig oder dreißig Mann
mit dem Führer und waren ganz leise, denn wir hofften, daß die Spanier
uns einen Hinterhalt gelegt hätten und hofften, sie zu überraschen,
daß sie nicht vor uns flohen, denn wir dachten, daß sie etwas zu
essen bei sich hätten. Am Mittag trafen unsere Leute auch auf einen
Hinterhalt, da freuten wir uns, und jeder schüttete frisches Pulver auf
die Pfanne, und dann schrien wir laut und stürzten auf die Verschanzung
los, und ich war auch dabei, denn ich fürchtete mich nicht, ich
hatte aber keine Flinte; aber da fielen wir beinahe um vor Schreck,
denn sie hatten immer solche Angst vor den Flibustiern, daß ihrer
zehn vor einem fortliefen. Und sie hatten alles Essen mitgenommen,
nur leere Tornister lagen noch da. Da freuten wir uns zuletzt doch,
schnitten das Leder ab und nahmen es mit. Und am Nachmittag hatten
wir noch einmal eine vergebliche Freude, denn wir fanden wieder eine
leere Verschanzung, aber die Spanier hatten wieder ihre Tornister
zurückgelassen. Da hatten wir am Abend wenigstens etwas zu essen, denn
wir schnitten das Leder in kleine Stücke, weichten sie in Wasser auf,
schabten die Haare ab, klopften sie zwischen zwei Steinen und rösteten
sie dann. Am fünften Tag hatten wir ein großes Glück, da war wieder
eine Verschanzung, aber die Spanier hatten zwei Säcke Mehl vergraben,
ehe sie flohen, die fanden wir und schleppten sie vor Morgan, und der
verteilte sie an die, welche das Leder nicht vertragen konnten, da
habe ich auch wohl ein viertel Pfund Mehl erwischt. Am sechsten Tage
mußten wir uns oft ausruhen, denn wir waren sehr schwach, weil wir zu
wenig gegessen hatten, da fanden wir aber eine Scheune, die war voll
Mais, der noch im Kolben war, da stopfte sich jeder sein Hemd über dem
Gürtel voll, daß er aussah wie eine Rübe mit zwei Wurzeln, und dann
aßen wir den rohen Mais im Marschieren, denn wir dachten, wenn wir
uns mit Kochen aufhielten, so würden wir immer schwächer und könnten
nachher nicht mehr unseren Mann stehen, wenn es ans Arbeiten ging,
denn schon beim Schießen ist es ja schlimm, wenn der Arm nicht ganz
fest ist. Jetzt konnten auch die Kähne nicht mehr weiter, da mußten
wir alle gehen. Am siebenten Tag morgens schoß jeder seine Büchse
ab, putzte sie ordentlich und lud sie neu, aber wir kamen erst nach
Cruz; da waren die Leute auch geflohen und hatten alles angesteckt; es
brannte noch, wie wir kamen, und die Flibustier lachten und glaubten,
sie könnten ihr Fleisch bei dem Feuer braten, aber es waren nur noch
ein paar Hunde und Katzen da, die aßen wir. Am achten Tag hielt Morgan
morgens Musterung, da waren wir noch elfhundert Mann, und nun wurde
es gefährlich, denn von Cruz bis Panama, jenseits der Wasserscheide,
ist der Weg so eng, daß oft nur zwei Mann nebeneinander gehen können.
Wie wir in dem Engpaß waren, kamen plötzlich viele Pfeile von oben,
und etwa zehn Mann wurden getroffen, aber man sah oben nur Sträucher
und Bäume. Da schossen wir aufs Geratewohl nach der Richtung, und
schossen zwei von den Indianern herunter, die andern flohen, und wir
zogen weiter. Vor dieser Stelle hatten wir Furcht gehabt, denn wenn
die Spanier nicht solche Angst hätten, so hätten hundert Mann uns hier
alle zusammenschießen können. Aber nun wurde es sehr schlimm, denn es
kam ein kalter Regen, und wir waren fast ganz nackt, weil die Dornen
uns alles zerrissen hatten, und des Nachts deckten wir uns mit Gras und
Laub zu, wenn das auch naß war, daß wir die Wärme im Körper behielten.
Hier war es aber, wo mich Morgan zuerst in seine Macht bekam. Denn es
war ihm ein Pfeil durch den Fuß gegangen, wir waren doch alle barfuß,
und unten war die Spitze abgebrochen, und wie er ihn herausziehen
wollte, da brach auch das obere Ende ab. Da mußte ich mich auf allen
vieren niederknien, und er setzte mir den Fuß auf den Rücken, steckte
einen Ladestock in die Wunde und schlug mit einem Stein darauf, daß
das Stück von dem Pfeil, das in der Wunde steckte, herauskam. Dann
wickelte er erst saubere Blätter um den Fuß und zerriß sein Hemd und
verband ihn damit, und weil er nicht gehen durfte wegen der Entzündung,
so hüpfte er auf einem Bein und stützte sich auf mich, das war sehr
anstrengend für mich. Am neunten Tag schossen wir wieder die Büchsen
ab und luden neu, wegen der Nässe, dann kamen wir in die Ebene. Da
sahen wir Vieh und einige Spanier zu Pferde. Die Männer flohen, und
wir machten uns an die Rinder, zogen sie ab und zerschnitten sie;
aber Feuer durften wir nicht anzünden, denn einer war auf einen Baum
gestiegen und hatte die Türme von Panama gesehen. Da schrien wir alle
vor Freude, und die Spanier waren ausgerückt und schrien auch, und
wir aßen unser Fleisch roh. Da wurden wir satt, und obwohl es noch
zwei Stunden vor Sonnenuntergang war, so legten wir uns doch hin und
schliefen, denn wir wollten frisch sein für den Kampf. Und die Spanier
hatten die ganze Nacht durch Wachtfeuer. Am andern Morgen führte uns
Morgan einen versteckten Weg; wir beide gingen immer voran, er war
auf mich gestützt und hüpfte, und wir kamen auf einen Hügel und sahen
unten die Spanier. Die schickten zuerst zweitausend wütende Stiere
gegen uns und dann ihre Reiterei, und Morgan, der seinen Ort ausgesucht
hatte, schickte ihnen nur zweihundert Flibustier entgegen. Die Stiere
und Reiter gerieten in einen Sumpf, das hatte Morgan gewollt, und die
Flibustier schossen, und jeder traf immer seinen Mann; da waren in
einer halben Stunde nur noch etwa fünfzig Reiter übrig, die flohen;
und gegen die Stiere liefen einige Mann, die ihre Lumpen in der Luft
schwenkten und schrien, und so wendeten sie die Stiere zur Seite, daß
sie immer weiter fortstürzten und zuletzt nicht mehr von ihren Leuten
eingeholt werden konnten. Wie die Fußsoldaten das sahen, schossen sie
ihre Gewehre in die Luft und liefen fort, und die Flibustier liefen
hinter ihnen her und schossen viele tot, namentlich zielten sie auf die
Mönche, die bei den Soldaten waren; Gefangene aber machten sie nicht,
denn das hatte Morgan verboten, sondern wenn einer sich ergeben wollte,
so wurde ihm der Hals abgeschnitten, um Pulver zu sparen. Die Spanier
waren im ganzen dreitausend Mann stark gewesen, und wir hatten nur zwei
Tote und zwei Verwundete, die Spanier aber ließen sechshundert Mann
auf der Strecke. Das ist schwer zu glauben, aber die Flibustier hatten
die Meinung, daß ihnen alles glückte, wenn sie Morgan anführte. Morgan
aber spuckte seinen Priem aus und steckte seine Pfeife an, denn damals
rauchte er nur, wenn Gefahr war, und das Priemen war er gewohnt von der
Zeit her, wo er noch Matrose gewesen war. Jetzt raucht er, weil ihm
das Pulver die Backen fortgerissen hat, aber er kann nicht ordentlich
ziehen, deshalb ist die Pfeife immer kalt, aber er merkt es nicht. Er
sagte, jetzt müßten wir gleich auf die Stadt losgehen, ehe sich die
Feinde wieder sammelten; und auf allen Hauptstraßen hatten die Spanier
Barrikaden von Mehlsäcken gemacht und hatten Kanonen dahinter, aber
wir gingen durch eine Nebenstraße in die Stadt und fanden alles leer,
bis wir auf den Marktplatz kamen, da standen Kanonen, und eine wurde
losgeschossen und tötete fünfundzwanzig Mann; die andern aber wurden
nicht mehr abgeschossen, denn wir schnitten der Bedienung gleich die
Kehlen durch. Nun hatte Panama siebentausend Häuser und allein acht
Klöster, und alles Gold und Silber aus Peru wurde nach Panama gebracht,
ehe es nach Spanien ging, dazu waren allein zweitausend Maultiere
da. Deshalb war die Stadt sehr reich, aber die Spanier hatten alle
ihre Schätze in den Kellern und sonstwo vergraben. Deshalb war es die
Hauptsache, daß wir die Spanier fingen. Zuerst streckten wir sie auf
Heuwagen, wir banden sie mit den Füßen an der Schere fest, wickelten
ihnen das Heuseil um die Handknöchel und zogen sie von hinten mit der
Winde lang. Aber dabei starben viele, ehe sie gesagt hatten, wo sie
ihre Schätze hatten, weil wir zu hastig waren, deshalb erfand Morgan,
daß wir sie schnürten und mit den Füßen über Feuer legten, da gestanden
sie, und wenn welche starben, so starben sie nachher, und das war
uns ganz recht, denn wir konnten so viele überflüssige Esser nicht
gebrauchen.
Und damals geschah die Geschichte mit der Spanierin, die wir unvermutet
wiedergetroffen haben. Sie war damals vierzehn Jahre alt und das
schönste Mädchen, das ich gesehen habe, und ich verstehe mich darauf,
denn mir sind nachher noch viele Mädchen durch die Hände gegangen,
denn ich habe Morgan mit meiner Arbeit ernährt, wie er blind war.
Sie war in einem versteckten Landhaus gefangen, das über zwei Stunden
von Panama entfernt war, wo ihre Eltern sie sicher geglaubt hatten.
Wie Morgan sie sah, ließ er sie gleich losbinden und gab ihr drei
Negerweiber zur Bedienung und wies ihr ein schönes Haus an, dann
mußte ich ihm das Haar schneiden und ihn rasieren, und er zog eine
goldgestickte Uniform an und Stiefel. Sie lachte immer und sagte, ihre
Leute erzählten immer, die Flibustier seien Teufel und keine Menschen,
aber wir wären doch sehr gutmütig und ließen jedem seinen Willen,
und wären eben solche Menschen wie die Spanier. Damals sang sie auch
oft zur Gitarre das Lied, das sie hier sang, und Morgan saß stumm zu
ihren Füßen und hörte zu, denn er scheute sich zu sprechen, weil seine
Stimme durch das viele Trinken und Schreien und die vielen Erkältungen
sehr häßlich war, denn auch sonst war er für ein Mädchen nicht schön,
weil er kurz und breit war und lange Arme mit breiten Händen hatte
und kurze Beine, und die Uniform paßte ihm gar nicht. Die Flibustier
schimpften untereinander über ihn, daß er sie aus Verliebtheit in
Panama zurückhalte, bis ihnen die Spanier auf den Hals kämen, aber es
wagte ihm keiner etwas zu sagen. Morgan ließ ihr durch eine Negerin
sagen, daß er sie heiraten wollte und mit ihr nach England gehen und
vornehm leben, denn Morgan war ein Schlauer, der sein Geld vergrub. Wie
er kam, sagte sie ihm, er sei ein Hund und solle nicht zu ihr kommen.
Da schickte er die Negerweiber fort und war allein mit ihr und wollte
sie küssen, sie aber zog einen Dolch und stach ihn, und wußte Bescheid
und stach von unten nach oben, sodaß sie ihn beinahe getötet hätte. Da
ging er fort, ließ an ihre Eltern schreiben und ließ sie auslösen für
dreißigtausend Piaster. Und seit der Zeit hatte er keine Freude mehr am
Flibustierleben. Denn dann machte er den Betrug und betrog uns alle,
denn er sagte, es solle jeder seine Beute auf einen Haufen bringen, und
er wolle abschätzen und teilen, und da behielt er heimlich das meiste.
Viele sagten untereinander, sie wollten ihn totschlagen, aber ihm
ins Gesicht machte keiner Vorwürfe; ich selber habe damals ganz gut
verdient, denn es waren mir wohl hundert schuldig, die bezahlten und
ich bekam fast alles, was auf ihr Teil gefallen war.«
Wie der Reeder seinen Bericht geendet hatte, schwiegen die andern eine
Weile. Dann sprachen einige ihren Zweifel aus, ob der Jude nicht für
seine zwei Schillinge gelogen habe, denn viele behaupten auch, daß
Morgan gehängt sei, wie er nach England kam. Zuletzt aber meinten sie
alle, daß die Erzählung jedenfalls außerordentlich sei, was den Marsch
von San Lorenzo nach Panama betreffe, auch wenn sie gelogen sei, und
daß der Reeder zwei Schillinge ganz gut für sie habe bezahlen können.
Inhalt
Der Tod des Cosimo 1
Der Dichter und die Schauspielerin 14
Aus den Aufzeichnungen des Musikers 66
Das Gespenst 84
Das hölzerne Becherlein 116
Die Venus 127
Ein Eid 146
Der Tod des Dichters 156
Manto und Sextilius 168
Die beiden Maler 190
Die Liebe des Flibustierführers 204
Die Schriften von Paul Ernst sind jetzt sämtlich in dem Verlage von
Meyer & Jessen in Berlin und Wien vereinigt worden. Da von einigen
der Bücher nur noch sehr geringe Vorräte vorhanden sind, so seien
Interessenten gebeten, bald zu bestellen. Ausführliche Verzeichnisse
verlange man kostenfrei.
Es sind erschienen:
Theoretisches:
Der Weg zur Form. Abhandlungen zur Technik des Dramas und der
Novelle.
Ein Credo.
Dramatisches:
Demetrios. Tragödie in fünf Akten.
Eine Nacht in Florenz. Lustspiel in vier Aufzügen.
Ritter Lanval. Lustspiel in drei Aufzügen.
Canossa. Trauerspiel in fünf Aufzügen.
Über alle Narrheit Liebe. Lustspiel in drei Aufzügen.
Brunhild. Trauerspiel in drei Aufzügen.
Ninon de Lenclos. Trauerspiel in drei Aufzügen.
Der Hulla. Lustspiel in vier Aufzügen.
Das Gold. Tragödie in vier Aufzügen.
Der heilige Crispin. Lustspiel in fünf Aufzügen.
Erzählendes:
Sechs Geschichten.
Die Prinzessin des Ostens und andere Novellen.
Der schmale Weg zum Glück. Roman.
Die selige Insel. Roman.
Der Tod des Cosimo und andere Novellen.
Hochzeit. Ein neues Novellenbuch.
Es sind noch Exemplare der älteren Schriften vorhanden:
Wenn die Blätter fallen. -- Der Tod. Zwei Trauerspiele.
Lumpenbagasch. -- Im ~Chambre Séparée~. Zwei Schauspiele.
Polymeter.
Gedruckt bei Emil Herrmann senior in Leipzig
Titel und Einband zeichnete Lucian Bernhard
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
korrigiert.
Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
S. 16: gegekränkt → gekränkt
den ich so sehr {gekränkt} habe
S. 100: Ahnlichkeit → Ähnlichkeit
keinerlei {Ähnlichkeit} mit den Zügen des Briefes aufwies
S. 116: Armchen → Ärmchen
seine {Ärmchen} nach uns ausstrecken lassen
S. 119: Arzten → Ärzten
befahl den {Ärzten}, daß sie nach ihrer Kunst
S. 151: Ahnlichkeit → Ähnlichkeit
die wunderbare {Ähnlichkeit} der beiden
S. 151: Armeln → Ärmeln
die Hände in den weiten {Ärmeln}