Ich bin in Czenstochau geboren und lebte bis zu meinem fünfzehnten

Jahre bei meinem Vater, der einen großen Handel mit Lumpen und altem

Eisen hatte. Damals hörte ich zum ersten Male über die Flibustier von

einem deutschen Handwerksburschen, der bei uns auf dem Boden nächtigte,

und es fiel mir gleich in den Sinn, daß sich mit denen ein Geschäft

machen ließ. Denn auf ihren Raubzügen nehmen sie außer dem baren Geld

nur Ware mit, die leicht zu versilbern ist, namentlich Edelsteine und

Schmuck, und wenn sie von einer Fahrt zurückkommen, so ruhen sie nicht

eher, bis sie alles verpraßt haben. Deshalb machte ich mich an einige

hübsche Mädchen und versprach ihnen reiche Männer, wenn wir drüben

wären, zog mit denen nach Amsterdam, unter großen Geldkosten, nahm

in Amsterdam noch eine Anzahl Fässer mit feinen Likören und schweren

Weinen mit und begab mich auf ein Schiff, das auf Kuba heimlich

Kakao holen wollte. Meine Frauenzimmer machten auf dem Schiff einen

greulichen Spektakel, wie sie merkten, worauf es abgesehen war, aber

der Kapitän war ein anständiger Mann und stand auf meiner Seite, denn

so einhundert Gulden hatte mich jedes Mädchen schon gekostet. Er sagte

mir freilich gleich voraus, daß ich bei den Flibustiern mit der Ware

nichts verdienen würde. Wie wir auf der Höhe der Schildkröteninsel

waren, traf uns ein Flibustierboot. Der Kapitän zog die spanische

Flagge nieder, unter der wir bis dahin in diesen Gewässern gesegelt

waren und hißte die holländische, die Flibustier kamen aber doch an

Bord. Sie hatten nichts an, wie Hose, Hemd und Hut und kletterten wie

die Eichhörnchen an den glatten Planken hoch. Sie hatten ungeheuer

große Büchsflinten in der Hand, und wie sie oben waren, nahm jeder

gleich einen Mann aufs Korn. Wie sie sahen, daß wir wirklich Holländer

waren, beruhigten sie sich. Mich warfen sie gleich in ihr Boot, wie

ich gesagt hatte, daß ich zu ihnen wollte, ich dachte, ich hätte alle

Rippen gebrochen. Dann warfen sie meine Fässer hinterher und brachten

auch die drei Mädchen mit. Es schien, daß die drei stärksten sie sich

genommen hatten, mich fragten sie gar nicht. Die drei stellten sich vor

sie hin mit ihren Flinten und sagten: »Was ihr vorher getan habt, das

geht uns nichts an, wenn jetzt etwas passiert, dann haben wir unsere

Büchse. Nun seid ihr unsere Frauen und müßt unsere Hemden waschen.«

Dann wurde fortgerudert und ich mußte mitrudern, und wie ich ohnmächtig

wurde, da band einer seinen Gürtelriemen ab und schlug mich, daß mir

das Blut den Rücken herunterlief. Da bin ich nicht wieder ohnmächtig

geworden, aber ich habe mir beinahe die Zunge durchgebissen. Ich sagte

ihnen, sie sollten mir wenigstens etwas für die Jungfernschaft der drei

Mädchen geben, aber sie lachten und sagten, aus der Jungfernschaft

machten sie sich nichts. Sie setzten uns auf der Schildkröteninsel ab,

ich ging zu dem Gouverneur Seiner Majestät des Königs von England,

er erlaubte mir meinen Handel. Ich bekam meistens Goldstaub, den ich

in einer Schweinsblase hielt. Man konnte alles offen liegen lassen,

es wurde nichts gestohlen. Es waren wenig Flibustier da, denn Morgan

machte gerade seinen berühmten Zug, von dem ich nun erzählen will.

Wie die Nachricht kam, daß er Karthagena geplündert hatte, wurden

alle wütend, die auf der Schildkröteninsel waren, denn da hatte es

große Beute gegeben, sie schoben ihre Boote in die See und wollten

zu ihm rudern, denn es wurde auch schon von Panama gesprochen. Mir

redeten sie zu, ich sollte auch mitkommen, und da war etwas zu holen,

und damals war ich so mutig geworden, daß ich mir aus dem Leben gar

nichts mehr machte, denn ich dachte: einmal muß ich doch sterben. Zwei

in unserem Boot mußten immer schöpfen, denn das Wasser floß immer

oben hinein, weil die Wogen hoch gingen, aber die Flibustier ruderten

in ihrer Wut immerzu. Wir brauchten fünf Tage bis zu dem Fort San

Lorenzo an der Mündung des Chagro, das Morgan erobert hatte. Zu der

Zeit aßen wir nur Zwiebäcke, die vom Wasser aufgeweicht waren, denn

es war nichts trocken zu halten im Boot, und ich hatte zwei Fässer

guten Branntwein mit, dadurch kamen die Flibustier sehr in Schulden bei

mir, denn sie mußten alle zusammen bürgen, damit ich keinen Schaden

hatte an den Toten. Wie wir kamen, hielt Morgan gerade Musterung; er

nahm dreizehnhundert Mann mit nach Panama; wie wir in unsere Boote

stiegen, brachten wir ein Hoch auf den König von England aus und auf

Morgan, aber bei Morgan schrien sie lauter. Wir mußten den Chagro

aufwärts rudern, aber wir hatten so wenig Platz in den Fregatten, daß

wir uns nicht einmal setzen konnten. Da wurden wir sehr müde. So kamen

wir am ersten Tag bis Rio de los Braços, da wollten wir uns etwas

zu essen holen, denn wir hatten nichts mitnehmen können. Aber die

Spanier, die da wohnen, hatten alles Korn abgeschnitten und das Vieh

fortgetrieben, und die Häuser waren ganz leer. Wir schliefen wenigstens

in den Häusern auf dem Fußboden, aber zu essen gab es gar nichts,

so stopfte sich jeder eine Pfeife Tabak. Ich hatte noch ein Fäßchen

Branntwein, das verkaufte ich, das Gläschen für eine Unze Gold, auf

Kredit; da wurde ich ein reicher Mann, denn die Flibustier bezahlten

immer ehrlich, nur meine Mädchen hatten sie mir ohne Geld abgenommen,

denn sie sagten: man darf mit rotem und schwarzem Menschenfleisch

handeln, denn das ist von Gott dazu geschaffen, daß wir es brauchen,

aber mit weißem Menschenfleisch zu handeln ist Sünde. Am zweiten Tage

ließen wir unsere Fregatten liegen, denn der Fluß war nicht mehr tief

genug und war auch ganz versperrt von Baumstämmen. Ein Teil der Leute

mußte dableiben, damit uns die Spanier nicht hinter unserem Rücken die

Schiffe wegnahmen. Wir wollten zu Fuß weiter, aber der Morast war so

tief, daß viele nicht wieder heraus konnten und erstickten. Deshalb

setzten wir uns in kleine Kähne. Aber weil wir zu wenig Kähne hatten,

so fuhr ein Teil von uns immer flußaufwärts, dann stiegen wir an einer

festen Stelle aus und warteten, und die Kähne fuhren zurück und holten

andere. Da sah mich Morgan das erstemal und sagte den Flibustiern,

sie sollten mich in den Fluß werfen, weil ich nichts nütze wäre. Aber

die Flibustier antworteten ihm, daß sie mir schuldig wären, deshalb

dürften sie das nicht. Den zweiten Tag mußten wir im Freien schlafen.

Den dritten Tag ging es genau so wie den zweiten. Da schimpften die

Flibustier, daß sie noch keinen Spanier gesehen hatten, denn sie waren

ganz schwach vor Hunger und dachten, daß die Feinde etwas zu essen bei

sich hätten; sie aßen aber Laub und Gras, und darunter war manches

Ungesunde. Auch war es schlecht, daß wir im Freien schlafen mußten,

denn die Nächte waren so kalt, daß es am Morgen reifte, und wir hatten

nur Hose und Hemd an und weiter nichts. Am vierten Tag wurde es besser,

da konnte man am Fluß entlang marschieren, weil wir höher kamen, und

da ruderte die eine Hälfte in den Kähnen und die andere marschierte.

Und zwei Flintenschüsse vor uns gingen immer zwanzig oder dreißig Mann

mit dem Führer und waren ganz leise, denn wir hofften, daß die Spanier

uns einen Hinterhalt gelegt hätten und hofften, sie zu überraschen,

daß sie nicht vor uns flohen, denn wir dachten, daß sie etwas zu

essen bei sich hätten. Am Mittag trafen unsere Leute auch auf einen

Hinterhalt, da freuten wir uns, und jeder schüttete frisches Pulver auf

die Pfanne, und dann schrien wir laut und stürzten auf die Verschanzung

los, und ich war auch dabei, denn ich fürchtete mich nicht, ich

hatte aber keine Flinte; aber da fielen wir beinahe um vor Schreck,

denn sie hatten immer solche Angst vor den Flibustiern, daß ihrer

zehn vor einem fortliefen. Und sie hatten alles Essen mitgenommen,

nur leere Tornister lagen noch da. Da freuten wir uns zuletzt doch,

schnitten das Leder ab und nahmen es mit. Und am Nachmittag hatten

wir noch einmal eine vergebliche Freude, denn wir fanden wieder eine

leere Verschanzung, aber die Spanier hatten wieder ihre Tornister

zurückgelassen. Da hatten wir am Abend wenigstens etwas zu essen, denn

wir schnitten das Leder in kleine Stücke, weichten sie in Wasser auf,

schabten die Haare ab, klopften sie zwischen zwei Steinen und rösteten

sie dann. Am fünften Tag hatten wir ein großes Glück, da war wieder

eine Verschanzung, aber die Spanier hatten zwei Säcke Mehl vergraben,

ehe sie flohen, die fanden wir und schleppten sie vor Morgan, und der

verteilte sie an die, welche das Leder nicht vertragen konnten, da

habe ich auch wohl ein viertel Pfund Mehl erwischt. Am sechsten Tage

mußten wir uns oft ausruhen, denn wir waren sehr schwach, weil wir zu

wenig gegessen hatten, da fanden wir aber eine Scheune, die war voll

Mais, der noch im Kolben war, da stopfte sich jeder sein Hemd über dem

Gürtel voll, daß er aussah wie eine Rübe mit zwei Wurzeln, und dann

aßen wir den rohen Mais im Marschieren, denn wir dachten, wenn wir

uns mit Kochen aufhielten, so würden wir immer schwächer und könnten

nachher nicht mehr unseren Mann stehen, wenn es ans Arbeiten ging,

denn schon beim Schießen ist es ja schlimm, wenn der Arm nicht ganz

fest ist. Jetzt konnten auch die Kähne nicht mehr weiter, da mußten

wir alle gehen. Am siebenten Tag morgens schoß jeder seine Büchse

ab, putzte sie ordentlich und lud sie neu, aber wir kamen erst nach

Cruz; da waren die Leute auch geflohen und hatten alles angesteckt; es

brannte noch, wie wir kamen, und die Flibustier lachten und glaubten,

sie könnten ihr Fleisch bei dem Feuer braten, aber es waren nur noch

ein paar Hunde und Katzen da, die aßen wir. Am achten Tag hielt Morgan

morgens Musterung, da waren wir noch elfhundert Mann, und nun wurde

es gefährlich, denn von Cruz bis Panama, jenseits der Wasserscheide,

ist der Weg so eng, daß oft nur zwei Mann nebeneinander gehen können.

Wie wir in dem Engpaß waren, kamen plötzlich viele Pfeile von oben,

und etwa zehn Mann wurden getroffen, aber man sah oben nur Sträucher

und Bäume. Da schossen wir aufs Geratewohl nach der Richtung, und

schossen zwei von den Indianern herunter, die andern flohen, und wir

zogen weiter. Vor dieser Stelle hatten wir Furcht gehabt, denn wenn

die Spanier nicht solche Angst hätten, so hätten hundert Mann uns hier

alle zusammenschießen können. Aber nun wurde es sehr schlimm, denn es

kam ein kalter Regen, und wir waren fast ganz nackt, weil die Dornen

uns alles zerrissen hatten, und des Nachts deckten wir uns mit Gras und

Laub zu, wenn das auch naß war, daß wir die Wärme im Körper behielten.

Hier war es aber, wo mich Morgan zuerst in seine Macht bekam. Denn es

war ihm ein Pfeil durch den Fuß gegangen, wir waren doch alle barfuß,

und unten war die Spitze abgebrochen, und wie er ihn herausziehen

wollte, da brach auch das obere Ende ab. Da mußte ich mich auf allen

vieren niederknien, und er setzte mir den Fuß auf den Rücken, steckte

einen Ladestock in die Wunde und schlug mit einem Stein darauf, daß

das Stück von dem Pfeil, das in der Wunde steckte, herauskam. Dann

wickelte er erst saubere Blätter um den Fuß und zerriß sein Hemd und

verband ihn damit, und weil er nicht gehen durfte wegen der Entzündung,

so hüpfte er auf einem Bein und stützte sich auf mich, das war sehr

anstrengend für mich. Am neunten Tag schossen wir wieder die Büchsen

ab und luden neu, wegen der Nässe, dann kamen wir in die Ebene. Da

sahen wir Vieh und einige Spanier zu Pferde. Die Männer flohen, und

wir machten uns an die Rinder, zogen sie ab und zerschnitten sie;

aber Feuer durften wir nicht anzünden, denn einer war auf einen Baum

gestiegen und hatte die Türme von Panama gesehen. Da schrien wir alle

vor Freude, und die Spanier waren ausgerückt und schrien auch, und

wir aßen unser Fleisch roh. Da wurden wir satt, und obwohl es noch

zwei Stunden vor Sonnenuntergang war, so legten wir uns doch hin und

schliefen, denn wir wollten frisch sein für den Kampf. Und die Spanier

hatten die ganze Nacht durch Wachtfeuer. Am andern Morgen führte uns

Morgan einen versteckten Weg; wir beide gingen immer voran, er war

auf mich gestützt und hüpfte, und wir kamen auf einen Hügel und sahen

unten die Spanier. Die schickten zuerst zweitausend wütende Stiere

gegen uns und dann ihre Reiterei, und Morgan, der seinen Ort ausgesucht

hatte, schickte ihnen nur zweihundert Flibustier entgegen. Die Stiere

und Reiter gerieten in einen Sumpf, das hatte Morgan gewollt, und die

Flibustier schossen, und jeder traf immer seinen Mann; da waren in

einer halben Stunde nur noch etwa fünfzig Reiter übrig, die flohen;

und gegen die Stiere liefen einige Mann, die ihre Lumpen in der Luft

schwenkten und schrien, und so wendeten sie die Stiere zur Seite, daß

sie immer weiter fortstürzten und zuletzt nicht mehr von ihren Leuten

eingeholt werden konnten. Wie die Fußsoldaten das sahen, schossen sie

ihre Gewehre in die Luft und liefen fort, und die Flibustier liefen

hinter ihnen her und schossen viele tot, namentlich zielten sie auf die

Mönche, die bei den Soldaten waren; Gefangene aber machten sie nicht,

denn das hatte Morgan verboten, sondern wenn einer sich ergeben wollte,

so wurde ihm der Hals abgeschnitten, um Pulver zu sparen. Die Spanier

waren im ganzen dreitausend Mann stark gewesen, und wir hatten nur zwei

Tote und zwei Verwundete, die Spanier aber ließen sechshundert Mann

auf der Strecke. Das ist schwer zu glauben, aber die Flibustier hatten

die Meinung, daß ihnen alles glückte, wenn sie Morgan anführte. Morgan

aber spuckte seinen Priem aus und steckte seine Pfeife an, denn damals

rauchte er nur, wenn Gefahr war, und das Priemen war er gewohnt von der

Zeit her, wo er noch Matrose gewesen war. Jetzt raucht er, weil ihm

das Pulver die Backen fortgerissen hat, aber er kann nicht ordentlich

ziehen, deshalb ist die Pfeife immer kalt, aber er merkt es nicht. Er

sagte, jetzt müßten wir gleich auf die Stadt losgehen, ehe sich die

Feinde wieder sammelten; und auf allen Hauptstraßen hatten die Spanier

Barrikaden von Mehlsäcken gemacht und hatten Kanonen dahinter, aber

wir gingen durch eine Nebenstraße in die Stadt und fanden alles leer,

bis wir auf den Marktplatz kamen, da standen Kanonen, und eine wurde

losgeschossen und tötete fünfundzwanzig Mann; die andern aber wurden

nicht mehr abgeschossen, denn wir schnitten der Bedienung gleich die

Kehlen durch. Nun hatte Panama siebentausend Häuser und allein acht

Klöster, und alles Gold und Silber aus Peru wurde nach Panama gebracht,

ehe es nach Spanien ging, dazu waren allein zweitausend Maultiere

da. Deshalb war die Stadt sehr reich, aber die Spanier hatten alle

ihre Schätze in den Kellern und sonstwo vergraben. Deshalb war es die

Hauptsache, daß wir die Spanier fingen. Zuerst streckten wir sie auf

Heuwagen, wir banden sie mit den Füßen an der Schere fest, wickelten

ihnen das Heuseil um die Handknöchel und zogen sie von hinten mit der

Winde lang. Aber dabei starben viele, ehe sie gesagt hatten, wo sie

ihre Schätze hatten, weil wir zu hastig waren, deshalb erfand Morgan,

daß wir sie schnürten und mit den Füßen über Feuer legten, da gestanden

sie, und wenn welche starben, so starben sie nachher, und das war

uns ganz recht, denn wir konnten so viele überflüssige Esser nicht

gebrauchen.

Und damals geschah die Geschichte mit der Spanierin, die wir unvermutet

wiedergetroffen haben. Sie war damals vierzehn Jahre alt und das

schönste Mädchen, das ich gesehen habe, und ich verstehe mich darauf,

denn mir sind nachher noch viele Mädchen durch die Hände gegangen,

denn ich habe Morgan mit meiner Arbeit ernährt, wie er blind war.

Sie war in einem versteckten Landhaus gefangen, das über zwei Stunden

von Panama entfernt war, wo ihre Eltern sie sicher geglaubt hatten.

Wie Morgan sie sah, ließ er sie gleich losbinden und gab ihr drei

Negerweiber zur Bedienung und wies ihr ein schönes Haus an, dann

mußte ich ihm das Haar schneiden und ihn rasieren, und er zog eine

goldgestickte Uniform an und Stiefel. Sie lachte immer und sagte, ihre

Leute erzählten immer, die Flibustier seien Teufel und keine Menschen,

aber wir wären doch sehr gutmütig und ließen jedem seinen Willen,

und wären eben solche Menschen wie die Spanier. Damals sang sie auch

oft zur Gitarre das Lied, das sie hier sang, und Morgan saß stumm zu

ihren Füßen und hörte zu, denn er scheute sich zu sprechen, weil seine

Stimme durch das viele Trinken und Schreien und die vielen Erkältungen

sehr häßlich war, denn auch sonst war er für ein Mädchen nicht schön,

weil er kurz und breit war und lange Arme mit breiten Händen hatte

und kurze Beine, und die Uniform paßte ihm gar nicht. Die Flibustier

schimpften untereinander über ihn, daß er sie aus Verliebtheit in

Panama zurückhalte, bis ihnen die Spanier auf den Hals kämen, aber es

wagte ihm keiner etwas zu sagen. Morgan ließ ihr durch eine Negerin

sagen, daß er sie heiraten wollte und mit ihr nach England gehen und

vornehm leben, denn Morgan war ein Schlauer, der sein Geld vergrub. Wie

er kam, sagte sie ihm, er sei ein Hund und solle nicht zu ihr kommen.

Da schickte er die Negerweiber fort und war allein mit ihr und wollte

sie küssen, sie aber zog einen Dolch und stach ihn, und wußte Bescheid

und stach von unten nach oben, sodaß sie ihn beinahe getötet hätte. Da

ging er fort, ließ an ihre Eltern schreiben und ließ sie auslösen für

dreißigtausend Piaster. Und seit der Zeit hatte er keine Freude mehr am

Flibustierleben. Denn dann machte er den Betrug und betrog uns alle,

denn er sagte, es solle jeder seine Beute auf einen Haufen bringen, und

er wolle abschätzen und teilen, und da behielt er heimlich das meiste.

Viele sagten untereinander, sie wollten ihn totschlagen, aber ihm

ins Gesicht machte keiner Vorwürfe; ich selber habe damals ganz gut

verdient, denn es waren mir wohl hundert schuldig, die bezahlten und

ich bekam fast alles, was auf ihr Teil gefallen war.«

Wie der Reeder seinen Bericht geendet hatte, schwiegen die andern eine

Weile. Dann sprachen einige ihren Zweifel aus, ob der Jude nicht für

seine zwei Schillinge gelogen habe, denn viele behaupten auch, daß

Morgan gehängt sei, wie er nach England kam. Zuletzt aber meinten sie

alle, daß die Erzählung jedenfalls außerordentlich sei, was den Marsch

von San Lorenzo nach Panama betreffe, auch wenn sie gelogen sei, und

daß der Reeder zwei Schillinge ganz gut für sie habe bezahlen können.

Inhalt

Der Tod des Cosimo 1

Der Dichter und die Schauspielerin 14

Aus den Aufzeichnungen des Musikers 66

Das Gespenst 84

Das hölzerne Becherlein 116

Die Venus 127

Ein Eid 146

Der Tod des Dichters 156

Manto und Sextilius 168

Die beiden Maler 190

Die Liebe des Flibustierführers 204

Die Schriften von Paul Ernst sind jetzt sämtlich in dem Verlage von

Meyer & Jessen in Berlin und Wien vereinigt worden. Da von einigen

der Bücher nur noch sehr geringe Vorräte vorhanden sind, so seien

Interessenten gebeten, bald zu bestellen. Ausführliche Verzeichnisse

verlange man kostenfrei.

Es sind erschienen:

Theoretisches:

Der Weg zur Form. Abhandlungen zur Technik des Dramas und der

Novelle.

Ein Credo.

Dramatisches:

Demetrios. Tragödie in fünf Akten.

Eine Nacht in Florenz. Lustspiel in vier Aufzügen.

Ritter Lanval. Lustspiel in drei Aufzügen.

Canossa. Trauerspiel in fünf Aufzügen.

Über alle Narrheit Liebe. Lustspiel in drei Aufzügen.

Brunhild. Trauerspiel in drei Aufzügen.

Ninon de Lenclos. Trauerspiel in drei Aufzügen.

Der Hulla. Lustspiel in vier Aufzügen.

Das Gold. Tragödie in vier Aufzügen.

Der heilige Crispin. Lustspiel in fünf Aufzügen.

Erzählendes:

Sechs Geschichten.

Die Prinzessin des Ostens und andere Novellen.

Der schmale Weg zum Glück. Roman.

Die selige Insel. Roman.

Der Tod des Cosimo und andere Novellen.

Hochzeit. Ein neues Novellenbuch.

Es sind noch Exemplare der älteren Schriften vorhanden:

Wenn die Blätter fallen. -- Der Tod. Zwei Trauerspiele.

Lumpenbagasch. -- Im ~Chambre Séparée~. Zwei Schauspiele.

Polymeter.

Gedruckt bei Emil Herrmann senior in Leipzig

Titel und Einband zeichnete Lucian Bernhard

Weitere Anmerkungen zur Transkription

Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend

korrigiert.

Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):

S. 16: gegekränkt → gekränkt

den ich so sehr {gekränkt} habe

S. 100: Ahnlichkeit → Ähnlichkeit

keinerlei {Ähnlichkeit} mit den Zügen des Briefes aufwies

S. 116: Armchen → Ärmchen

seine {Ärmchen} nach uns ausstrecken lassen

S. 119: Arzten → Ärzten

befahl den {Ärzten}, daß sie nach ihrer Kunst

S. 151: Ahnlichkeit → Ähnlichkeit

die wunderbare {Ähnlichkeit} der beiden

S. 151: Armeln → Ärmeln

die Hände in den weiten {Ärmeln}

Der Tod des Cosimo · 第 9 / 9 段