gesehen hatte, wie er gleichgültig vor einem Werk saß, das er früher
gemacht hatte und mit Anstrengung und Willen etwas verändern wollte. Er
sah ihm ins Gesicht und sprach zu ihm, er habe gewiß eine Liebe, die
nicht erwidert werde; aber er müsse nicht verzagen, denn wenn jemand
ernstlich liebe, so erwecke er auch bei dem andern eine Zuneigung, wenn
dessen Herz nicht etwa vorher vergeben sei, nur müsse er heiter sein
und suchen, daß er glücklich aussehe. Über diese Worte weinte André
plötzlich, sodaß der Herr in Verlegenheit fortging.
In der Nacht aber nahm André einen Becher, aus dem Nicolette einmal
getrunken hatte, als sie noch bei ihm war, mischte ein Gift und tötete
sich selbst.
Ein Eid
In den letzten Zeiten des Merowingerstaates in Frankreich lebte ein
Graf Austregisil. Er hatte zwei Söhne, Landegisil und Fortunatus, mit
denen er allein in seinem alten Hause wohnte. Seine Gattin war schon
seit Jahren gestorben. Er selbst war ursprünglich gemeiner Soldat in
der Leibwache des Königs gewesen und hatte sich durch Tüchtigkeit und
Schmeichelei seine hohe Stellung errungen. Jetzt war er ein kräftiger
Mann in der Mitte der Vierziger mit einer blutroten Narbe von einem
Axthieb über die Stirn und mit schwarzem, dichtem und kurzgeschorenem
Haupthaar und Bart. Der älteste Sohn, welcher seine Stelle erben
sollte, wenn er dem König gefiel, schien sein verjüngtes Ebenbild;
der jüngere, den er hatte zum Priester weihen lassen, war ein blasser
Mensch mit unheimlichen, verzehrten Augen.
Ein reicher Grundherr in der Nachbarschaft starb und ließ eine einzige
Tochter zurück namens Pelagia. Der Vorsteher von Austregisils
Schreibern brachte eine Klage ein, er habe vor Jahren dem Herrn seine
Güter für eine bestimmte Summe abgekauft, mit der Bedingung, daß er
erst nach seinem Tode den Besitz antreten solle. Der Rechtsfreund
Pelagias erklärte das Dokument für gefälscht; Austregisil legte dem
Schreiber auf, er solle in der Kapelle des Grafenhauses auf die Gebeine
des heiligen Remigius schwören, daß seine Behauptung wahr sei; der
Schreiber leistete den Schwur und trat den Besitz an; nach einigen
Monaten verkaufte er die Güter an Austregisil.
Fortunatus ging im Frühjahr auf das Land, trat in ein Bauernhaus und
fand Pelagia, welche bei dem Bauern wohnte, wie sie kostbare Borten
webte; der Bauer sagte, daß er die Borten in der Stadt teuer verkaufe,
und daß er an Pelagia verdiene. Fortunatus fragte sie nach ihrem Namen;
sie antwortete: »Ich bin Pelagia, die Herrin dieses Gebietes, welches
dein Vater gestohlen hat.« Er sprach: »Du mußt nach deinem Stande
leben, ziehe in das Haus meines Vaters.« Sie antwortete ihm nicht. Er
erzählte alles seinem Vater, und der zwang sie, zu ihm zu ziehen; er
gab ihr ein eigenes Zimmer in seinem Haus und eine Magd zur Bedienung.
In einer Nacht pochte er an ihrer Tür. Sie fragte: »Wer ist draußen?«
Er sprach: »Ich bin Austregisil, öffne mir.« Sie rief um Hilfe,
er versuchte die Tür aus den Haspen zu heben. Auf das Rufen kam
Landegisil, sein ältester Sohn; er sprach zu ihm: »Ich habe noch nicht
gewagt, ein Wort mit ihr zu sprechen; du bist ein alter Mann; du
darfst sie nicht zu meiner Mutter machen, sie soll mein Weib werden.«
Austregisil lachte. »Heiraten will ich die Bettlerin nicht, mein Gut
soll zusammenbleiben bei einem Erben.« Landegisil zog sein Schwert und
schlug ihn über den Kopf, dann erschrak er, warf das Schwert fort,
verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte, indem er rief: »Du
bist mein Vater.« Austregisil wischte sich das Blut aus dem Gesicht,
damit es ihm nicht in die Augen lief und ging. Pelagia öffnete die Tür
eine kleine Spalte, hing die Kette ein und flüsterte: »Hast du ihn
erschlagen?« Er antwortete: »Nein, Gott und die Heiligen haben mich vor
dem Vatermord behütet, er trägt einen starken Blechstreifen in seiner
Mütze eingenäht.« Sie sprach: »Ich will beten, daß ihr euch gegenseitig
mordet, ihr Räuber.« Er antwortete: »Ich bin kein Räuber.« Dann ging er
fort.
Fortunatus saß in der Kapelle auf den Stufen des Altars vor dem
silbernen Sarkophag des heiligen Remigius. Er dachte: »Gott hat mich
geführt; denn wenn ich mein Leben bedenke, so finde ich, daß alles
notwendig war für mich, auch das, was mir als Zufall erschien damals,
als es mir geschah. Wenig Freude habe ich gehabt in meinem Leben, aber
ich durfte auch keine Freude haben, sonst wäre ich nicht der geworden,
der ich bin. Aber nun, wohin gehe ich nun weiter? Ich weiß es nicht,
aber Gott weiß es. Alles ist nötig für mich gewesen bis nun, so wird
alles weitere auch nötig sein; und wenn ich das nicht jetzt mache, so
werde ich es später machen, wenn alles andere geschehen ist und ich
an meinem Ende bin. Aber vielleicht ist dieser ganze Gedanke falsch?
Ich erscheine mir selbst heute notwendig, so, wie ich bin; deshalb muß
mir auch alles notwendig scheinen, was mir geschehen ist, und was ich
getan habe, denn durch das alles bin ich ja, was ich jetzt bin. Hätte
ich nun anderes getan, und wäre mir anderes geschehen, so wäre ich
heute der Mensch, der diesen anderen Geschehnissen entspräche, und also
ein anderer; dann würde ich, der andere, mir jetzt ebenso notwendig
vorkommen, und mein bisheriges Leben, das anders war, als ebenso von
Gott geleitet.«
Dann dachte er: »Vielleicht bin ich der andere?« Und er fürchtete sich.
Pelagia wurde in ihrer Kammer ermordet gefunden. Sie lag mit dem süßen
Gesicht auf dem Boden, erschlagen mit dem Schüreisen des Kamins.
Der König in seinen langen Haaren, die von dem goldenen Reif
zurückgehalten wurden, fuhr durch das Land, in seinem Wagen, gezogen
von weißen Stieren, und überall strömten die Menschen ihm zu, damit
sein Blick auf sie falle. Er saß in dem Saal im Hause des Grafen
Austregisil, um selbst den Mörder zu erforschen. In einem Halbkreis,
niedriger wie er, saßen die Vornehmen seines Palastes und die Großen
der Grafschaft. Der König sprach: »Wer etwas zu sagen weiß über den
Mord, der stehe auf und spreche«.
Da erhob sich Landegisil und sprach: »Kein anderer kann die Tat
vollbracht haben wie mein Vater, denn es hatte zu Pelagia niemand
Zugang wie wir; und ich weiß, daß er sie mit unzüchtigen Anträgen
verfolgte. Ich klage ihn des Mordes an und will mit meinem Schwert
gegen ihn eintreten für meine Klage.«
Austregisil erhob sich, und wie er dem Sohn gegenüberstand, fiel allen
die wunderbare Ähnlichkeit der beiden auf, und einige flüsterten: »Er
ist sein Vater.« Austregisil schwieg eine Weile, dann fragte er seinen
zweiten Sohn Fortunatus, der in seinem Priestergewand dasaß, gesenkten
Hauptes und die Hände in den weiten Ärmeln. Er fragte ihn: »Wenn dein
Bruder stirbt, willst du dann die Kirche lassen, wieder in die Welt
gehen, mein Gut und Amt erben, ein Weib nehmen und Kinder zeugen?«
Fortunatus schüttelte das Haupt und sprach mit leiser Stimme: »Ich will
Priester bleiben und ein frommes Leben führen, gleich dem heiligen
Remigius, dessen Sarg ich bewache. Er war der Sohn eines Grafen wie
ich, wurde Priester und ist nun ein Heiliger; und auf seine Gebeine
legen wir die Hand, wenn wir schwören, und er hat solche Macht, daß er
den tötet, der falsch schwört über seinen Gebeinen.«
Austregisil sprach: »So willst du auch als Priester kein Weib nehmen,
damit ich Enkel sehe aus meinem Blut, welche erben, was ich mir
erworben?«
Fortunatus schüttelte wieder den Kopf.
Da sprach Austregisil: »Ich werde mir neue Söhne erzeugen. Ich bin
unschuldig an dem Mord; aber aus demselben Grunde wie mein Sohn
Landegisil mich, klage ich ihn an; denn außer mir und meinen beiden
Söhnen hatte niemand Zutritt zu Pelagia; und ich weiß, daß mein Sohn
eine Neigung zu ihr hatte. Und ich will meine Anschuldigung beweisen im
Schwertkampf gegen diesen, der aus meinen Lenden entstammt.«
Der Älteste der Beisitzer erhob sich und sprach: »Es ist nicht erhört
bis heute, daß Vater und Sohn einander mit dem scharfen Schwert
gegenüber gestanden haben. Und wenn das geschähe, so habe ich Furcht,
daß Gott eine Strafe auf unsere Völker sendet, so groß wäre das
Verbrechen. Deshalb ist mein Rat, lieber bleibe der Mörder unbekannt
und die Tat ungesühnt, als daß ein so schändlicher Kampf von dem König
angeordnet werde.« Die anderen Männer murmelten beistimmend.
Es hatte sich ein schweres Gewitter am Himmel zusammengezogen, ein
Frühlingsgewitter. Während der König ruhig überlegend verharrte und
eine große Stille im Saal war, kam plötzlich ein heftiger Donnerschlag
zugleich mit einem leuchtenden Blitz; die an der Wand aufgehängten
Waffen klirrten. Erschrocken sprangen die Beisitzer auf, denn sie
dachten, der Blitz habe im Raum eingeschlagen, dann flehten sie den
König an, der Meinung des Alten beizustimmen.
Der König sprach: »Der Blitz darf mich nicht erschrecken, und es wäre
ebensolche Sünde, den Mord ungesühnt zu lassen, als wenn Vater und
Sohn sich mit tödlichen Waffen schlügen. Aber ich habe einen andern
Weg gefunden, die Wahrheit zu treffen. Dieser Priester sagte, daß die
Reliquien eines Heiligen hier im Hause sind. Vater und Sohn sollen auf
diese Reliquien schwören, daß sie unschuldig sind an dem vergossenen
Blut. Ist der Heilige so mächtig wie der Priester sagte, so wird er
denjenigen von den beiden bestrafen, welcher der Meineidige, Mörder und
falsche Ankläger seines nächsten Verwandten ist.«
Der König erhob sich langsam und schritt zur Kapelle. Die andern
folgten.
Der Vater gürtete sein langes Schwert ab, legte es zur Seite und
stieg die Stufen des Altars empor. Auf dem Deckel des Sarges war in
dem blanken Metall eingeritzt und mit Niello ausgelegt die Figur des
Heiligen, ruhend, mit geschlossenen Augen, die Hände über die Brust
gelegt. Der Graf erhob die Schwurfinger der linken Hand, legte die
rechte Hand auf das Haupt des Heiligen und sprach mit lauter und fester
Stimme die Worte des Schwurs nach, welche ihm Fortunatus, am Fußende
des Sarges stehend, vorsagte. Alle schwiegen, als er geendet; und in
der tiefen Stille ging er mit schweren Schritten die Stufen wieder
herab.
Nun machte sich Landegisil bereit, und in die Stille kam von außen ein
leises Rollen des Donners, als ziehe das Gewitter ab. Die Stimme des
Fortunatus war noch leiser wie vorhin, Landegisil sprach ruhig und
laut nach. Als er die Worte fast beendet hatte, erfüllte plötzlich das
Licht eines Blitzes die Kapelle, daß alle die Augen schließen mußten,
und unmittelbar folgte ein entsetzlicher Donnerschlag. Als die Männer
wieder aufblickten, stand nur noch Landegisil aufrecht, die Hand auf
dem Haupt des Heiligen; Fortunatus lag tot am Fußende des Sarges.
Der Tod des Dichters
Fünf Frank habe ich. Schnaps ist Unsinn. Burgunder will ich trinken,
guten alten Chablis, in einer verschimmelten Flasche, die in einem
Körbchen auf den Tisch gestellt wird. Hier liegen ja auf allen Tischen
Servietten. Vier Frank fünfzig, fünfzig Trinkgeld, das reicht gerade.
Was? Das ist ein feines Restaurant? Man will mir nichts geben? Herr
Kellner, ich bin ein Dichter, eine Berühmtheit. Das ist lächerlich, zu
sagen Herr Kellner, man sagt nur Kellner; aber ich kann nicht anders,
es ist gegen die Menschenwürde. Was? Hier verkehren nur feine Leute?
Vorige Woche war ich fünfzig Jahre alt, da haben die Zeitungen Artikel
über mich gebracht, nur die besseren natürlich; die Artikelschreiber
gehen in Zylinder und Handschuhen, die dürfen hier wohl sitzen, aber
ich nicht? Sie haben geschrieben, daß es eine Schande ist, wie man mich
verkommen läßt, noch nicht einmal die erste Auflage ist verkauft von
meinem Buch; aber Fagerolles, ja Fagerolles hat ein eigenes Auto. Ich
nenne ihn Fagerolles, Herr Kellner. --
Ach, ich gehe schon. Sie sind ja nicht bösartig, Herr Kellner, Sie
dürfen bloß nicht.
Es ist kalt auf der Straße, aber wenn man fünf Frank hat in der
Tasche, das wärmt einen. Soll ich essen? Ich habe wohl die ganzen drei
Tage nichts gegessen, wo ich an dem Buch übersetzte. Unrecht ist es
eigentlich doch, man verkauft seine Seele an den Schweinehund, und
er gibt einem nur fünf Frank, fünf Frank für drei Tage Arbeit, meine
Herren. Soll ich essen? Ich habe keinen Hunger. Wie ich damals mein
Buch schrieb, ach, das war schön, das war der Höhepunkt. Da wohnte ich
bei Fagerolles, er hatte mir eine schöne Dachkammer abgetreten, da war
ich den ganzen Tag allein, nur am Abend, da mußte ich unten essen, und
dann las ich vor. Seine Frau weinte vor Neid, er lief auf und ab im
Zimmer, auf den Teppichen hörte man den Tritt nicht; ich aber lachte
heimlich und dachte: Ihr seid ja reich, aber auf mich werden einmal
die Menschen hören, die jungen Menschen, die noch nichts wissen, die
lesen mein Buch, und da erfahren sie die Schönheit. --
Ach, die Schönheit, ich muß weinen, denn ich denke an den Waldrand
und den Kuckucksruf, Vorfrühling auf brauner Wiese, Rieseln des
Quellwassers, und dieser Vogelruf -- wie hieß nur der Vogel? Ich
vergesse jetzt so viel. Vielleicht dieser große schwarze Vogel mit
gelben Füßen. Da brennt eine rote Laterne, man wird so naß im Regen
draußen, ich will hineingehen, aber Burgunder will ich, wie ich
ihn damals zuerst bei Fagerolles getrunken habe. Ei, du Gauner, du
Fagerolles, du hast mich untergekriegt. Jetzt sagen die Leute auch
noch, du hast ein gutes Herz. So ein Halunke! Mich friert so, es ist
auch nichts, wenn einem das Wasser durch die zerrissenen Sohlen an
die Füße kommt. Die Füße sind empfindlich. Auch sollte man doch mehr
essen. Die Miete kann man ja schuldig bleiben, aber das Essen ist
doch eine Hauptsache. Aber heute Abend will ich Burgunder trinken,
in einer verschimmelten Flasche, in einem Körbchen. Und wie sie es
dem Fagerolles gegeben haben, die Artikelschreiber! Ja, das ist wahr;
ohne mich, was wäre er? Ein Kuhfladen. Eigentlich ist er doch mein
Bourgeois. Und wie gesund er ist, wie fleischig und rot! Ich habe ihn
gestern gesehen, oder war es vorgestern? Er hat mich gut verdaut, es
ist ihm angeschlagen. Bekomme es ihm weiter! Böse will ich ihm nicht
sein. Nur, er hätte sich doch können einmal anpumpen lassen, einmal
wenigstens, es brauchte ja gar nicht so viel zu sein, fünfzig Frank
vielleicht. Ob ich ihm noch einmal schreibe? Wenn ich fünfzig Frank
hätte, dann fütterte ich mich erst wieder einmal ordentlich auf, dann
wäre auch ein anständiger Anzug nötig und ordentliche Stiefel, feste
Stiefel, Stiefel, die nicht zerrissen sind, dann müßte ich eine Bude
haben mit einem Ofen. Ein Ofen ist unbedingt nötig. Es ist ja alles
fertig, ich brauche es bloß niederzuschreiben, aber sorglos muß man
sein; wenn ich fünfzig Frank hätte, so ginge es. Was die sich von der
Cäsur denken! Die Cäsur, da steckt die Seele des Verses. Das habe
ich früher nicht so gewußt, da war es mehr Instinkt. Ach, Fagerolles,
wenn das deine Verse wären, die ich morgen schreibe! Und jetzt wird
ja auch besser bezahlt. Wir sind ja durchgedrungen, Fagerolles
verdient ja Hunderttausende. Hunderttausende, das ist viel. Aber er
braucht auch viel: Auto, Dienstmädchen, Kutscher, zwei Hunde, auch
Steuern. Aber tausend Frank Honorar bekomme ich doch gewiß, vielleicht
tausendundfünfzig, wenn der Verleger anständig ist. Tausendundfünfzig.
Wieviel ist das doch? Man müßte auch Kontrakte machen, daß es einem
nicht wieder in alle Sprachen übersetzt wird, und man kriegt keinen
Heller dafür. Damit müßte man doch auch viel verdienen. Woher verdient
denn Fagerolles so viel?
Wie wunderschön ist die Welt, wie bin ich glücklich. Das ist eine
schmutzige Kneipendiele, Zigarrenstummel liegen da, da sind nasse
Flecke von der Feuchtigkeit, welche die Männer von außen hereingebracht
haben, sie haben auch gespuckt. Die Bretter, aus denen diese Diele
gemacht ist, sind einmal im Wald gewachsen und waren Bäume, welche im
Winde leise schwankten, und Sand ist gestreut, der ist tief aus der
Erde geholt hier unter uns, denn dieses alles war einst Meer, und der
Wind wehte über die leichten Wellen hin, und Möven flogen, mit der
Spitze des einen Flügels in die Wellen tauchend. Wie schön ist die
Weite des Meeres, die grenzenlose, ich möchte meine Arme ausbreiten und
tief atmen.
Nun sind es dreißig Jahre her, da war ich ein Jüngling, und da war die
erste Liebe. Wie wunderbar das ist, daß einen ein Mensch lieben kann!
Sie sind wie die Kinder, die Mädchen, aber sie denken doch nachher
auch daran, daß ein Mann genug verdienen muß, denn da muß Miete sein
und Wirtschaftsgeld und Wäsche und allerlei. Es wäre unrecht von mir,
wenn ich ihr böse wäre, daß sie einen Mann geheiratet hat, der eine
Anstellung hatte; und jetzt ist das auch so lange her, vielleicht ist
sie schon tot; ja, ich glaube, man hat mir einmal eine Todesanzeige
geschickt, aber ich konnte nicht zum Begräbnis gehen, denn ich hatte
keinen guten Anzug, und gerade diese kleinen Beamten halten am meisten
auf solche Äußerlichkeiten.
Und dann war da Apfelblüte, die habe ich wahrscheinlich viel mehr
geliebt, denn da war ich älter und klüger. Fagerolles machte mir
Vorwürfe, er sagte: Sie ist eine Dirne, was sollen meine bürgerlichen
Bekannten sagen, wenn sie mich mit euch beiden sehen? Ich sagte ihm:
Ja, sie ist eine Dirne, aber es ist so wunderbar, daß sie mich liebt!
Ihr Vater war Tischler, da hat sie sich als Kind Hobelspäne vor die
Schläfen gehängt wie Locken, damals kannte ich sie schon, denn ich
wohnte bei ihren Eltern, und nannte sie Apfelblüte, so ein Gesicht
hatte sie. Sie sang viel, wenn es heute wäre, so wären es meine
Gedichte, die sie sänge, denn ich bin ja heute durchgedrungen, und
vielleicht hätte sie dann etwas von der Schönheit verspürt. Sie lief
ihren Eltern fort mit einem Liebhaber; und wie der sie nicht mehr
wollte, da hatte sie Angst und kam zuerst zu mir, daß ich mit ihren
Eltern sprechen sollte. Da sagte ich ihr: »Weshalb hast du das getan?«
Sie antwortete: »Ich bin jung. Aber du warst es, der mich hätte nehmen
sollen, ich habe dich geliebt, aber du hast es nicht gemerkt.« Ich
sprach: »Wie hätte ich das tun können, ich bin arm, und ich hätte dich
nur zur Dirne gemacht.« Da weinte sie und sprach: »Ich bin zur Dirne
bestimmt, nun hat mich ein anderer dazu gemacht, den ich nicht lieb
hatte, und auf den ich nicht stolz sein konnte, wenn ich mit ihm auf
der Straße ging, trotzdem er feiner gekleidet war wie du.« Ich nahm sie
auf den Schoß, küßte sie und sprach: »Nun wollen wir das vergessen.«
Sie lachte. Ach, wie süß war ihr Lachen! Ja, auch damals war ich
sehr glücklich, und am glücklichsten, wenn ich meine Gedichte an sie
schrieb. Sie war gut und rein, und so heiter, alle Arbeiten machte sie
singend, und selbst ihr Vater konnte sie nicht schlagen.
Ja, der Wein macht uns frei, mir ist wie dem Vogel in der Luft. Wir
sind schwermütig, wenn wir nicht trinken, und Schwermut ist etwas
Gemeines.
Er trat auf die Straße, in den Pfützen spiegelte sich das
Laternenlicht. Er lachte und sang leise vor sich hin, ein Liebeslied,
das er damals gedichtet hatte. Ein Freund hatte die Musik dazu
geschrieben, der war nun schon lange tot, er war irrsinnig geworden,
weil er sich überarbeitet hatte. Denn er konnte nur des Nachts
arbeiten, weil er den Tag über Klavierstunden geben mußte, an
Bäckerstöchter für fünfzig Centimes die Stunde. Aber heute, ja, da war
er auch durchgedrungen. Sie hatten ihm sogar schon ein Denkmal gesetzt.
Da begegnete ihm die, welche früher Apfelblüte gewesen war. Ihr Gesicht
war verbunden, sie humpelte an einem Stock, in durchnäßten Filzschuhen,
und ihre Lumpen hingen schlaff an ihr nieder. Er rief sie an. Sie
sprach: »Schämst du dich denn nicht, daß du mich kennst?« Und dann
rollten ihr Tränen aus den entzündeten Augen über den Verband ihres
Gesichtes. Er antwortete: »Ich bin ja auch älter geworden, ganz kahl
ist mein Schädel, alle Haare sind mir ausgegangen.« Er lehnte sich
an eine Hauswand. Sie streckte die Hand aus und sprach: »Du könntest
mir ein paar Sous geben, damit ich nicht im Freien schlafen muß.«
Er antwortete: »Ich schlechter Mensch habe alles vertrunken, aber du
kommst auf mein Zimmer, nur habe ich keinen Ofen.« Sie schüttelte den
Kopf »das ist eine häßliche Krankheit, die ich habe, du kannst mich
nicht mitnehmen.« »Du warst gut«, sprach er, »und hast allen Menschen
nur Freude machen wollen, weshalb sind die Menschen so schlecht gegen
dich gewesen? Aber sie wissen ja nicht, was sie tun, sonst wären sie
anders.« Dann faßte er sie unter den Arm, und er sagte: »Ich habe
einen Stoß alte Zeitungen und etwas schmutzige Wäsche, daraus machen
wir noch ein Lager.« Sie weinte und sprach: »Seitdem ich von dir ging,
vor zwanzig Jahren, hat nie wieder ein Mensch ein gutes Wort zu mir
gesprochen. Aber ich ging nur fort, weil ich damals so jung war und
gern tanzte.« Langsam gingen sie, denn sie hatten beide wenig Kräfte.
Wie sie auf seinem Zimmer waren, setzte er sich und sprach: »Mir ist
so sonderbar, ich habe den guten Wein zu schnell getrunken.« Sie
dachte, er sei betrunken, und holte das Nachtgeschirr; es hatte keinen
Henkel. Aber ihm war der Kopf auf die Brust gefallen, und die Zunge war
zwischen die Zähne geklemmt. Da fühlte sie, daß er tot war, drückte ihm
die Augen zu und legte ihn auf die Stubendiele, denn sie konnte ihn
nicht in das Bett heben.
Wie das nun am andern Tag in den Zeitungen stand, daß der große Dichter
gestorben war, und wie groß sein Elend gewesen war, da kam der, den er
Fagerolles nannte, ging in seinem feinen Pelz die schmutzige Treppe
hinauf und fand die Prostituierte mit dem verbundenen Gesicht neben
dem toten Dichter kauern. Er bezahlte Leute, die für das Begräbnis
sorgten, und er folgte seiner Leiche zusammen mit der Prostituierten.
Ihr Verband hatte sich verschoben durch das Weinen und Tränentrocknen,
man sah, daß die Krankheit ihr die Nase fortgefressen hatte. Er war ein
sehr berühmter Dichter, sah gesund und reich aus.
Wie der berühmte Dichter am andern Tage in den Zeitungen die Artikel
las, da las er auch, daß seine Werke nur von zeitlicher Dauer seien,
aber das Buch des Toten werde ewig dauern. Da geriet er in Angst, daß
die Menschen das schrieben, denn er dachte, daß er sehr viele Schulden
hatte bei seinem kostspieligen Hausstand, und daß schon begannen die
Einnahmen sich zu vermindern. Seine Frau kam zu ihm und zeigte ihm ein
neues Kleid, und seine beiden in Reichtum erzogenen Kinder kamen; sie
sahen vornehm und unschuldig aus; und er dachte, wie das sein werde,
wenn man ihm seinen ganzen Hausrat verkaufte und er in einer armen
Dachstube leben müßte mit der Frau und den Kindern, wie der Tote gelebt
hatte, und er ängstigte sich vor seiner Lüge.
Manto und Sextilius