erwarten konnte, denn er war schon hochbetagt, so wendete er seine
ganze Liebe auf dieses Mägdlein, als wäre es sein eigen Kind geworden.
Bestellte ihm daher gute Pfleger, Vormünder und Lehrer und ließ es
erziehen mit aller Sorgfalt und Treue. Und so wuchs der Findling heran
und kam zu seinen Jahren, als eine wunderschöne und kluge Jungfrau.
Oftmals weinte der König im stillen, wenn er ihr wunderliebliches
Gesicht ansah, denn er dachte an sein eigen Fleisch und Blut, daß
sein Söhnchen jetzt ein frischer und stolzer Jüngling wäre, wenn er
ihn nicht hingegeben hätte; aber dann hatte er seinen Trost, wenn er
bedachte, daß wir Menschen nicht wissen, wohin unsere Wege gehen, und
daß uns deshalb nichts bleibt, als das Rechte zu tun unbekümmert und in
Fröhlichkeit.
Durch solche Gedanken gewann er das gefundene Mädchen immer mehr lieb;
deshalb suchte er unter den vornehmsten Edelleuten seines Reiches den
schönsten und tapfersten und gab ihr den zum Mann; und wie sie ihre
Hochzeit feierte, welches mit großer Pracht und Herrlichkeit geschah,
sagte er ihr und ihrem Manne, wenn er einst sterbe, so wolle er ihnen
sein Reich verlassen als seinen Erben, denn er sehe sie an wie seine
leibliche Tochter.
Nun hatte aber die junge Frau ganz die Geschichte ihrer ersten Kindheit
vergessen und nicht anders gemeint zu allen Zeiten, als daß sie die
leibliche Tochter des alten Königs sei. Denn sie war noch zu klein
gewesen in der Zeit, wie sie gefunden wurde im Wald und nachher, wie
sie mit dem Blut des Königsknaben gewaschen wurde; und später hatte
ihr niemand etwas von diesen Geschichten gesagt, denn der König hatte
verboten, daß an seinem Hofe davon gesprochen wurde, aus großem Kummer
über seinen Sohn, denn er dachte, es lobte ihn vielleicht einmal einer
vor seinen Ohren, der den Knaben nicht wahrhaft lieb gehabt hätte.
Deshalb wurde die junge Frau erstaunt über die Rede des Königs und
fragte heimlich ihren Mann, was das bedeute, und der erzählte ihr
alles, nach der Reihe, und welche Guttaten ihr der König erwiesen, auch
wie er seinen einzigen Sohn für sie gegeben. Hierüber schwieg sie und
verriet nicht ihres Herzens Meinung.
Nun geschah es, daß zu ihrer Zeit die Frau eines schönen und gesunden
Knäbleins genas, über welches sich alles freute, besonders aber der
alte König; und wie das Kind aus den Windeln gewachsen war und laufen
konnte und etwas sprechen, war es immer viel bei dem Großvater. Da sah
es einmal einen schlechten, hölzernen Trinkbecher und begehrte ihn, wie
Kinder oft einen plötzlichen Wunsch haben; der alte König aber nahm den
Becher und verschloß ihn. Hierüber weinte der Knabe, lief zu seiner
Mutter und erzählte ihr die Geschichte. Die ging zum König und fragte
ihn, da erzählte der, daß dieses hölzerne Becherchen seines toten
Kindes Eigentum gewesen sei, aus dem es immer getrunken habe.
Die Frau erwiderte nichts, sondern schalt ihren Sohn; in ihrem Herzen
aber hatte sie einen Groll gegen den König. Deshalb begann sie ihren
Mann aufzureizen mit allerlei Reden, indem sie ihm vorhielt, daß der
alte Mann kindisch werde und ihr Erbteil schmälere, indem seine Diener
sich neue Rechte anmaßten, und die Feinde an den Grenzen des Landes
bereiteten einen Krieg vor, den er nicht mehr werde bestehen können;
und wie sie viele derartige Reden häufte, bewegte sie endlich ihren
Mann zu dem Glauben, es sei wahr, was sie ihm erzählte, und er müsse
sich nach Freunden umtun, ihm zu helfen, daß der alte König ermordet
werde, damit er und seine Frau früher die Herrschaft ergreifen könnten.
So tat er auch und stiftete eine große Verschwörung an; seine Sache kam
aber heraus, und er selbst nebst seiner Frau und seinen Freunden wurden
gefangen gesetzt.
Nun wurden die Verräter von den gewöhnlichen Gerichten zum Tode
verurteilt. Wie der König aber dachte, daß auch seine Pflegetochter
hingerichtet werden sollte, dachte er an alles, was er für sie getan,
und an das Blut seines Sohnes, und hatte ein großes Erbarmen. Deshalb
entzog er sie den ordentlichen Gerichten und rief die Weisesten seines
Landes zusammen, ihm zu raten, was er mit ihr beginnen sollte; denn
wenn es möglich wäre, dachte er, daß sie Reue empfinden sollte, dann
wollte er sie vom Tode erretten.
Die Weisen sahen wohl den Wunsch des Königs, und weil sie ihn liebten,
so wollten sie den gern erfüllen; aber sie fürchteten sich, daß sie ein
so großes Verbrechen und so unmenschlichen Undank sollten unbestraft
lassen. Da kamen sie nach langem Besinnen auf einen ganz neuen und nie
gehörten Beschluß. Sie trugen der Frau auf als Strafe für ihr Vergehen,
daß sie solle vor den König gebracht werden und dem in die Augen sehen;
und wenn sie ihm in die Augen gesehen hätte, so solle sie von aller
weiteren Strafe der Buße frei sein.
So wurde sie nun vor den König geführt, und stand vor ihm, und hatte
die Augen auf den Boden gerichtet. Der König aber saß auf seinem
Thron, tröstete und ermahnte sie. Er sagte, daß ihr Vergehen aus ihrem
Blut komme, denn sie sei niederer Abkunft und deshalb mißtrauisch,
und es sei ein großes Unglück, wenn jemand einen Sinn im Blut habe,
der nicht zu seinem Stande passe, wie ja auch umgekehrt ein Mensch
im niederen Stande leide, der ein hochherziges Gemüt hat. Aber uns
sei gegeben, solche Neigungen zu überwinden durch unsern Willen, und
deshalb müssen wir nur unser Vergehen einsehen und uns vornehmen, unser
Herz zu ändern. Und das werde sie gewißlich tun, denn er bitte sie
herzlich darum, weil er sie erkauft habe mit dem Blut seines geliebten
Kindes.
Als der König diese Rede beendet hatte, erhob die Frau ihr Haupt und
sah ihm in die Augen; und da schrie sie plötzlich laut auf, und dann
fiel sie zur Erde, denn eine heftige Scham hatte sie plötzlich getötet.
Die Venus
Zur Zeit Ludwigs des Vierzehnten lebte in Paris ein junger Bildhauer
namens André, der von seinen Freunden wegen seiner Kunst wie um sein
fröhliches Wesen sehr geschätzt war. Dieser ging an einem Morgen in der
Frühe zu einer Arbeit, die ihm in einem vornehmen Hause aufgetragen
war, und indem er einen anderen Weg nahm wie den gewöhnlichen, sah
er in einer engen und armen Straße, etwa zwanzig Schritte vor sich,
ein junges Mädchen aus einem bescheidenen Hause treten, sich flüchtig
umblicken und dann mit schnellen und zierlichen Schritten vor ihm
hergehen. Zwar hatte er ihr Gesicht nur flüchtig bemerken können, aber
sie machte doch einen sehr tiefen Eindruck auf ihn, sodaß sein Herz
plötzlich schneller schlug, durch ihre gerade und schöne Haltung und
ihre ebenmäßige und schlanke Figur, und besonders durch die Art, wie
sie die Arme hielt. Wie er sich von seiner ersten Bestürzung erholt
hatte, beschloß er, alles zu versuchen, um ihre Bekanntschaft zu
machen; deshalb beschleunigte er seinen Gang und verringerte schnell
den Zwischenraum von ihm zu ihr; aber da die entlegene Straße in dieser
frühen Stunde noch menschenleer war, so hörte sie sein eiligeres Gehen,
wurde ängstlich und beschleunigte gleichfalls ihre Schritte. Als er das
sah, ging er in eine noch schärfere Gangart über, sie aber begann fast
zu laufen vor ihm her. So kamen sie aus der engen Straße und eilten
quer über das Seineufer zu der Brücke Heinrichs des Vierten; auf deren
Mitte holte der junge Mann das Mädchen ein. Er zog höflich seinen Hut,
indem er sich etwas zu ihr beugte; und sie blickte ihn erst mit einem
erschrockenen Lächeln an, indem sie die Hand auf ihr Herz legte, das
von dem raschen Gang pochte; da vergingen ihm aber plötzlich die Worte,
er wurde rot und stotterte, und sie lachte mit einem silberhellen
Lachen auf, als sie seine Verlegenheit verspürte. Er fragte, ob er sie
begleiten dürfe, und sie erwiderte, sie wolle es ihm gestatten, wenn er
sie nicht belästigen wolle.
So gingen denn die beiden mit nunmehr gemäßigten Schritten weiter. Das
Mädchen erzählte, daß sie Nicolette heiße und bei einem großen Kaufmann
die Geschäftsbücher führe. Sie bat ihn, daß er sie wegen des Geredes
der Leute an der letzten Straßenecke verlassen möge; er dürfte sie
indessen am Abend wieder erwarten, um sie heimwärts zu begleiten.
Am Abend aber versäumte André die bestimmte Zeit, da er sich zu sehr in
seine Arbeit vertieft hatte. Deshalb wartete er am andern Morgen auf
sie an der Brücke Heinrichs des Vierten. Sie sah ihn schon von weitem,
beachtete ihn aber nicht; als er grüßend zu ihr trat, erwiderte sie
seinen Gruß stumm, und während er sie wie den vorigen Tag begleitete
und zu ihr sprach, betrug sie sich zwar nicht ablehnend gegen ihn, aber
antwortete ihm auf keine Frage und sprach auch sonst nicht ein Wort,
bis sie an der bekannten Straßenecke ankamen; dort verabschiedete sie
sich von ihm mit einem stummen Gruß. An diesem zweiten Abend versäumte
André die Stunde nicht, sondern erwartete sie und gesellte sich
grüßend zu ihr; aber auch jetzt wieder blieb sie gänzlich stumm.
In dieser Weise begleitete André das schöne Mädchen jeden Morgen und
Abend die ganze Woche hindurch, bis zum Sonnabend. In der allerersten
Zeit hatte er ihr immer gleichgültige Dinge erzählt, wie man sie jedem
Menschen sagen kann; dann war auch er schweigsam geworden, und an einem
Abend hatten sie beide den Weg zurückgelegt, von Anfang bis zu Ende,
ohne ein einziges Wort zu sprechen. Wie aber durch das gemeinsame
Schweigen eine Vertraulichkeit und Sicherheit in sein Herz gezogen war,
erzählte er ihr von seinen Absichten und Plänen und beschrieb, was er
für Figuren zu arbeiten gedenke.
Am Samstag Abend nun brach sie plötzlich ihr Schweigen und sagte zu
ihm, wenn er möge, so solle er sie und ihre Eltern, bei denen sie
wohne, zum Mittagessen besuchen; und nach dem Essen solle er einen
Spaziergang mit ihr vor das Tor machen. Er dankte ihr vielmals und
versprach ihr, zu kommen, und kam auch zu der bestimmten Stunde mit
einem schönen Blumenstrauß zu der Tür, öffnete die, ging die Treppen
hinauf und klopfte am Eingang der Mansardenwohnung. Nicolette schloß
ihm auf, zog ihn in die Stube und stellte den Blumenstrauß in ein
Glas. Da traten ihre Eltern herein, ehrbare und freundliche alte
Leute, die ihn zutraulich begrüßten; sie sagten ihm, daß ihre Tochter
ihnen von seinem Begleiten erzählt habe. Nicolette band eine große
blaue Schürze mit Brustlatz vor ihr zierliches Kleid und ging mit der
Mutter in die Küche; und André setzte sich mit dem weißhaarigen alten
Mann in die Nische des Mansardenfensters, vor dem allerhand blühende
Blumen in Töpfen standen, sauber gehalten und an weißlackierten
Stäbchen aufgebunden. Der alte Mann plauderte von seiner Jugend, und
wie er Diener bei einem großen Herrn gewesen sei, viele Reisen mit dem
gemacht habe und nun in seinem Alter gern an diesem Fenster sitze und
dem Zug der Wolken zuschaue, die vielleicht aus den fernen Gegenden
hergeschwommen, die er ehedem bereist.
Nicolette richtete indessen hurtig den Tisch zu, indem sie ein
glänzendes Leinentuch aufdeckte mit scharfgebrochenen Falten, und
altererbte Teller aufstellte, die mit bunten Farben bemalt waren, und
Messer und Gabeln zur Seite legte, die geschnitzte Griffe aus Knochen
hatten und von dem Gebrauch durch Menschenalter dünn geworden waren. In
die Mitte stellte sie den Blumenstrauß. Dann trat die stattliche Mutter
herein und trug mit beiden Händen auf einer großen zinnernen Schüssel
einen wohlzubereiteten Schweinebraten, dessen zierlich eingekerbte
Kruste golden schimmerte. Der Vater erhob sich mit einem listigen
Gesicht und holte aus dem Winkel eine Flasche alten Wein, den er da
zurechtgestellt hatte, und wie er sie öffnen wollte, nahm André sie ihm
aus der Hand und zog sie auf. Dann setzten sich alle, und die Mutter
schnitt gleiche Stücke von dem Braten und legte jedem vor auf seinen
Teller, und sie nahmen Messer und Gabel, schnitten und aßen; der Vater
aber erzählte, daß er den Wein vor Jahren geschenkt erhalten habe von
seinem Herrn bei der Hochzeit der jüngsten Tochter, denn bei besondern
Gelegenheiten mußte er immer noch bei der Familie zur Hand sein.
Wie sie zu Ende gegessen hatten, erhoben sich alle, und Nicolette
räumte flink den Tisch ab. Die Eltern machten keine Anstalten für
einen Ausgang, und wie André fragte, ob sie nicht mit ihnen beiden
vor das Tor gehen wollten, da sagten sie, daß ihre Tochter lieber den
Nachmittag mit ihm allein verbringe, und daß sie keinerlei Besorgnis
hätten, sie mit ihm ohne eine Begleitung gehen zu lassen, denn sie sei
immer ein sehr besonnenes und gutes Kind gewesen, das ihnen stets nur
Freude gemacht habe. Bei diesen Worten weinte die Mutter. Nicolette
aber hatte in der Küche ihre Schürze abgelegt und sich eine gefällige
kleine Haube aufgesetzt und kam, um ihn zum Ausgang abzuholen. Sie
gaben den alten Leuten die Hand, und Nicolette nahm eine Blume aus
dem Strauß, um sie in ihr Haar zu stecken, und das tat sie mit einem
flinken Blick auf André und unter Erröten, und dann gingen sie.
Sie begegneten vielen geputzten Menschen, und André erklärte ihr, wie
die Gestalt des Menschen geschädigt wurde durch die Art der Kleidung,
wie unwahr Haltung, Gang und übrige Bewegungen der meisten sind, und
wie das Unwahre auch unschön werde; und dann erzählte er ihr, welchen
besonderen Eindruck ihre ganze Gestalt sofort auf ihn gemacht habe,
und wie er sich gleich ihren Körper in allen seinen Verhältnissen
ohne die Kleider vorgestellt. Sie errötete bei diesen Erzählungen und
wurde sehr verlegen, ohne daß er es verspürte; vielmehr fuhr er in
seiner Erzählung fort, daß er für seine Arbeit notwendig ein lebendes
Modell gebrauche und doch nie das finden könne, was ihm nötig sei, weil
besonders die Frauen ihren Körper verschnüren und verkrüppeln. So liege
ihm die Figur einer Venus im Sinn, und er habe sich in der Phantasie
das Bild auch ganz ausgedacht; aber unter den Mädchen, die Modell
stehen, finde er kein Vorbild; und auch sonst würde ihm die Arbeit
unmöglich sein, denn er wolle sie nicht nur in Ton machen, sondern in
Marmor; aber bei dem jetzt herrschenden Geschmack werde niemand, wenn
er die Tonfigur gesehen habe, das Werk in Marmor bei ihm bestellen; und
er sei zu arm, um für sich selbst einen Marmorblock zu kaufen.
Nach diesen Gesprächen sagte Nicolette zu ihm, daß sie fröhlich
sein müßten und alle schweren Gedanken vergessen, weil Sonntag sei,
wo man sich erhole von der wöchentlichen Arbeit. Und so gingen die
beiden zu einem Bauernhäuschen, dessen Bewohner an die Lustwandelnden
Milch ausschenkten, setzten sich unter die weitschattende Linde vor
dem Hause, unter der glattgehobelte Bänke und Tische in der Erde
eingeschlagen waren, und ein rotwangiges Mädchen brachte ihnen auf
einem weiß gescheuerten Holzbrett in sauberen Krügen kühle Milch.
Sie tranken, und er scherzte viel mit ihr, weil auf den feinen
und unsichtbaren Härchen ihrer Oberlippe zarte Perlen der Milch
zurückgeblieben waren und einen leichten Rand bildeten. Sie nahm ein
Tuch aus der Tasche und lachte leise in sich hinein.
Als die Schatten begannen länger zu werden, brachen sie auf, und
sie legte ihren Arm in seinen, als seien sie seit langem vertraut,
und gingen zurück, und vor ihrer Haustür nahm er Abschied mit einem
freundlichen Händedruck.
Nun erwartete er sie wieder täglich und begleitete sie, wenn sie
morgens zu ihrer Arbeitsstelle ging und abends nach Hause kehrte, und
sie sprachen miteinander wie zwei vertraute Menschen.
Da geschah es an einem Abend, daß sie ihn bat, sie noch eine Weile zu
führen, denn es war eine schöne und frische Luft, und sie sagte, daß
sie ihm etwas mitteilen wolle, aber sie wolle die Dunkelheit abwarten,
und wie die Dunkelheit kam, da sagte sie ihm, daß sie wohl gemerkt
habe, wie sehr ihm seine Arbeit an der Venus am Herzen liege, und sie
wisse jetzt auch, daß er sie an jenem ersten Abend nur seiner Arbeit
wegen versäumt habe; sie habe damals aber geglaubt, daß er irgend einer
leichten Liebschaft wegen nicht gekommen sei; deshalb habe sie damals
die ganze Woche hindurch nicht zu ihm gesprochen, um ihn auf die Probe
zu stellen, aber ehe sie aus dem Hause gegangen sei, habe sie immer im
stillen zu ihrer Heiligen gebetet, daß er sie erwarten möge, und wenn
er damals fortgeblieben wäre, so wäre sie sehr traurig gewesen. Wenn
einem jungen Mann aber seine Arbeit so am Herzen liege, das sei nicht
verwerflich, vielmehr müsse man es auf das höchste loben. Deshalb habe
sie sich auch seinen Plan mit der Venus sehr überlegt, und sie wolle
ihm sagen, daß sie von einem verstorbenen Oheim ein kleines Vermögen
geerbt habe und ihm gern das Geld geben wolle, um den Marmorblock zu
kaufen. Und sie wolle auch zu ihm kommen in seine Werkstätte und ihm
als Modell dienen, wenn er wenigstens ihren Vorschlag so auffassen
wolle, wie er gemeint sei. Aber wenn sie sich auch überwinden könne,
sich vor ihm nackt zu zeigen, so wolle sie doch nicht, daß irgend ein
anderer Mensch die Figur sehe, welche nach ihrem Körper gemacht sei,
denn dann müsse sie sich allzusehr schämen. Deshalb müsse er ihr fest
versprechen, daß kein Mensch je die Figur sehen dürfe. Sie schloß aber
ihre Rede, indem sie sagte, die Dunkelheit habe sie abgewartet, weil
sie ihm das alles nicht habe im Hellen sagen können, aus Scham.
Nun wurde André sehr froh, denn er wußte schon einen schönen
Marmorblock, der für sein Bildwerk paßte. Er machte eine gute Ordnung
in seiner Werkstätte, kehrte Staub und Schmutz fort, richtete einen
Vorhang ein, hinter dem sich Nicolette entkleiden sollte, und erwartete
mit Ungeduld die Stunde, wo er seine Arbeit beginnen konnte. Und wie
Nicolette kam, mit sehr großer Scham in ihrem Gesicht und in allen
ihren Bewegungen, da gab er ihr nur flüchtig die Hand, führte sie
gleich hinter den Vorhang, und indessen sie sich entkleidete, rückte
er nochmals an dem Fußgestell, das er für sie bereitet hatte und
versuchte die Feuchtigkeit des Tons und den Halt des Drahtgerüstes,
wie er aber eine Weile vergeblich gewartet hatte, daß Nicolette hinter
dem Vorhang hervorkommen sollte, hörte er ein leises Weinen; da ging
er hin, wo sie saß, und fand sie entkleidet, nahm sie bei der Hand,
denn er war ganz hingenommen von dem Gedanken an seine Arbeit, und
sie folgte ihm geduldig, wie er sie zog und an ihren Ort stellte und
ihr angab durch Worte, Bewegungen und Richten, wie sie stehen müsse.
Dann eilte er zu seinem Drahtgerüst und Ton und begann mit großem
Eifer zu arbeiten, indem er sie mit scharfen Augen anblickte und ihr
gelegentlich ein kurzes Wort zurief, wenn sie müde schien oder ratlos
aussah. Und dann lachte er mit einem kurzem Lachen und sagte sich
selbst, daß seine Arbeit gut werde, ging einige Schritte zurück, prüfte
Nicolette und die Figur mit andern Blicken, wie er sonst sie ansah, und
begann aus Freude an der Arbeit ein Lied zu singen, indem er Nicolette
ganz vergaß. Nachdem er aber stundenlang gearbeitet hatte, sagte
Nicolette mit leiser Stimme, daß sie ermüdet sei und nicht mehr ihre
Haltung beibehalten könne; da erwiderte er, daß er heute seine Arbeit
beschließen wolle; sie stieg herab und ging hinter den Vorhang, und er
arbeitete immer weiter an seinem Ton; und als er nach einer ganz langen
Zeit sich ihrer erinnerte, da hatte sie sich längst angezogen gehabt
und war leise fortgegangen.
So arbeitete er nun mit großem Fleiß an einem Tonmodell, dann machte
er die Übertragung auf den Marmor und begann an seinem Marmorblock zu
schlagen; und zuletzt wurde er fertig mit seiner Arbeit und freute sich
über sie; da war Nicolette das letztemal in seiner Werkstatt und freute
sich seiner Freude und bat ihn denn nochmals mit bekümmertem Herzen,
daß er die Figur niemandem zeigen wolle; das versprach er ihr und gab
ihr die Hand, sie aber nahm mit beiden Händen seinen Kopf, küßte ihn
auf die Lippen und entfloh mit schnellen Schritten aus der Werkstatt,
indessen er verwundert zurückblieb.
Nun war am Hofe des Königs ein vornehmer Herr, der viel Liebe zur
Kunst hatte und Bildhauer und Maler oft besuchte, ihre fertigen Werke
betrachtete und den König dann von dem Gelungenen erzählte, damit
er es für sich ankaufe. Dieser Herr kam auch zu André, und weil er
unerwartet kam und eintrat ohne anzuklopfen, so hatte André keine
Zeit gehabt, seine Venus zu verbergen, sondern das Werk stand gerade
in der Mitte seiner Arbeitsstube und zeigte sich dem Eintretenden
mit der allerbesten Verteilung von Licht und Schatten. Der geriet in
eine lebhafte Begeisterung über die Arbeit und trotz aller verlegenen
Ausreden Andrés versprach er, dem König einen Bericht zu geben; und
weil er in diesem Bericht sehr große Lobeserhebungen machte, so befahl
ihm der König, das Werk dem Bildhauer für eine große Summe abzukaufen
und es dann in einem seiner Gärten aufzustellen, damit sich viele an
ihm erfreuen könnten.
Gegen diesen Befehl des Königs konnte André sich nicht sträuben; er
mußte seine Venus abgeben, und aus großer Liebe zu ihr besorgte er
alles selbst bis zu der Aufstellung im Garten. Aber als das nun alles
beendet war, da geriet er in große Bedenken wegen seines Versprechens;
und er wußte sich keinen Ausweg aus Schüchternheit, sondern wartete,
bis Nicolette das Geschehene von selbst erfahren werde.
Das geschah aber auf eine sehr schlimme Art.
Denn es hatte sich das Gerücht verbreitet von der schönen Figur, die
im Garten des Königs aufgestellt war, und da der Garten des Sonntags
allen Einwohnern von Paris geöffnet wurde, so versammelte sich am
ersten Sonntag eine sehr große Menschenmenge vor der Venus. Unter
dieser befand sich auch Nicolette, denn durch ihre Freundschaft für
André hatte sie Liebe zur Bildhauerkunst gefaßt, und indem sie nicht
wußte, daß das neue Werk Andrés sei, war sie mit andern hingegangen, es
anzusehen. Wie sie es erblickte, stieß sie einen lauten Schrei aus und
fiel ohnmächtig hin, und ihre Freundinnen dachten, daß ihr durch die
Menge der Menschen übel geworden sei und brachten sie nach Hause. Hier
aber weinte sie und erwies sich als ganz untröstlich. Wie sie allein
war, schrieb sie einen Brief an André, durch welchen sie ihm anbefahl,
daß er sie besuchen solle; und indem André sich wohl dachte, welches
der Grund ihres Briefes war, beschloß er, sich unbefangen zu stellen,
nahm das viele Geld, das er vom König bekommen hatte und ging zu ihr,
in der Meinung, daß er ihr sagen wolle, da ihr der Marmor gehöre und
der Körper der Figur, so solle sie ganz ihr Eigentum sein, und deshalb
bringe er ihr alles Geld, das er bekommen habe, weil es ja ihr gehöre.
Sie aber ließ ihn gar nicht seine ausgedachte Rede vorbringen, sondern
redete sogleich zu ihm, daß er sein Versprechen nicht gehalten habe,
und daß sie sich sehr schäme; und noch mehr: er habe nicht gespürt,
weshalb sie sich ihm als Modell gegeben, nämlich weil sie ihn über alle
Maßen geliebt; und wohl habe sie während der Arbeit gesehen, daß er
von ihren Gefühlen nichts wisse, aber sie habe sich gedacht, daß die
Mädchen wohl zärtlicher sind wie die Männer; und wenn sie auch eine
Weile eine Eifersucht gehabt habe auf die Figur, so habe sie sich doch
nachher bezwungen und sie sogar geliebt, weil sie gemeint, er liebe
sie. Nun sie aber gesehen, daß er das Werk fortgegeben und es sogar
habe in der Öffentlichkeit ausstellen lassen, sodaß jeder es mit den
Augen haben könne, da sei ihr klar geworden, daß er im Innern seiner
Seele ein gemeiner und schamloser Mensch sei, wenngleich er äußerlich
sogar schüchtern erscheine. Nun sei ihr jedoch das Leben in der Welt
überhaupt eine Last geworden, denn alle Menschen seien anders, wie sie
früher gemeint habe, und deshalb wolle sie in ein Kloster gehen, und
heute sage sie ihm das letzte Lebewohl.
André ging mit bestürztem Gemüt von ihr fort und erwog alle ihre
Worte wochenlang; und durch dieses Denken und Überlegen kam eine
immer größere Liebe zu Nicolette in sein Herz, daß er vor übergroßer
Sehnsucht schwachen Herzens wurde, träumte und nachsann mit Kummer.
Der König schickte zu ihm, sprach freundlich mit ihm und gab ihm eine
schöne Stellung, sodaß er keinerlei Sorgen mehr hatte um sein Auskommen
und hätte arbeiten können, wie er wollte; aber er saß nur traurig in
seiner Werkstatt, und es war ihm, als seien alle Pläne und Gedanken
davon geflogen in die Luft.