Der Kandidat erschien als ein schüchterner und schmaler junger Mann,

mit einem würdigen schwarzen Rock bekleidet, der in einer größeren

Versammlung nichts sprach, aber wenn er mit einem Menschen allein war,

in ganz erstaunlicher Weise fortgesetzt reden konnte. Der Rittmeister

war bei der ersten Begegnung der Verlobten anwesend; es schien ihm, als

fliege ein leichter Schatten von Enttäuschung über das lustige Gesicht

des Fräuleins; mit einem flüchtigen Blick streifte sie den Rittmeister,

der ein Lächeln über die lange und linkische Gestalt des Kandidaten

verbiß, und ein plötzliches Rot färbte ihr Gesicht.

Es folgte nun eine eifrige Tätigkeit in Heraussuchen von

Leinwandballen, Zerschneiden und Säumen und sonstigem Nähen und

Schneidern. Der Kandidat machte regelmäßig jeden Tag von zwei bis vier

Uhr einen Besuch auf dem Schloß. In der ersten Zeit brachte er Bücher

mit, aber nachdem das Fräulein mehrmals erklärt hatte, die Bücher seien

langweilig, saß er mit zusammengeschlagenen Händen stumm in der großen

Stube, indem er mit den Bewegungen seiner runden Augen dem Fräulein

folgte.

Der Rittmeister wunderte sich, daß die Braut nach einiger Zeit

plötzlich gegen ihn verlegen zu werden schien und ihn zu meiden suchte.

An einem Abend sagte sie ihm, sie müsse ihn noch heute notwendig

sprechen, er möge sie in seinem Zimmer erwarten. Sie kam mit dem

Zeichen höchster Befangenheit und sagte ihm, daß sie ihm Vorwürfe

machen müsse, weil er sie erst zu einem Briefe an ihn veranlaßt habe

und den nun nicht beantworte. Gewiß habe er nur die Absicht gehabt,

sich mit ihrem Brief vor seinen Kameraden zu rühmen. Nach diesen Worten

begann sie heftig zu weinen und schluchzen.

Der Rittmeister war ganz verwundert, denn er wußte weder von einem

Briefe, den er erhalten, noch von einem, den er veranlaßt haben sollte;

dazu rührten ihn sehr die Tränen und rührenden Klagen des Mädchens.

Aber als er ihr nun zuerst sagte, daß er nichts verstehe, geriet sie

in noch größere Aufregung. Nur mit großer Mühe vermochte er sie zu

bewegen, ihm folgende Geschichte zu erzählen: Die Kammerjungfer sei

heimlich zu ihr gekommen und habe ihr einen Brief des Rittmeisters

gebracht; in diesem habe der Rittmeister ihr geschrieben, daß er sie

liebe, und wohl wisse, daß sie nicht ihn, sondern den Kandidaten liebe;

aber sie würde ihm eine Linderung verschaffen, wenn sie ihm eine Locke

ihres Haares schicke; diese wolle er dann immer bei sich tragen und

wolle sie häufig ansehen, wenn er allein sei, und wenn er einst sterbe,

so solle diese Locke mit ihm begraben werden. Dieser Brief habe sie

sehr gerührt, und besonders die Stelle, daß die Locke mit ihm begraben

werden solle. Deshalb habe sie sich eine Locke abgeschnitten und einen

Brief geschrieben, in welchem sie ihn getröstet habe und auf den

Himmel verwiesen, und dann habe sie die Locke beigelegt und den Brief

der Jungfer übergeben, damit sie ihn dem Rittmeister überbringe.

Der Rittmeister war über diese Erzählung noch mehr erstaunt wie vorher

und versicherte ihr treuherzig und der Wahrheit gemäß, er habe ihr

nie einen solchen Brief geschrieben. Da vergrub sie ihr Gesicht in

den Händen und sprach zu ihm, nun müsse sie sich erst recht vor ihm

schämen; denn er werde nun gewiß sich allerlei von ihr denken; und

sie könne sich gar nicht vorstellen, wie denn alles zusammenhänge.

Der Rittmeister forderte ihr den Brief ab, und sie brachte ein

zerknittertes Zettelchen zum Vorschein, auf welchem Spuren von Tränen

bemerkbar waren. Er hielt sie zuerst für Wasserflecken, aber sie sagte

ihm mit großer Verlegenheit, sie habe so sehr über seine Liebe und

über seinen schönen Brief weinen müssen. Dann sagte er, der Brief sei

ganz offenbar von einer Frau geschrieben und zeigte ihr seine eigene

Handschrift, die denn auch keinerlei Ähnlichkeit mit den Zügen des

Briefes aufwies. Hierüber erwies sie sich immer erstaunter. Er sagte

am Ende, die Erklärung der wunderlichen Geschichte werde bei der

Kammerjungfer zu suchen sein; diese habe wahrscheinlich den Brief und

die Locke von ihr haben wollen, um dann Erpressungsversuche bei ihr

zu machen, und ganz gewiß habe sie den ersten Brief, der von ihm sein

solle, selber geschrieben. Das Fräulein zeigte eine große Verwunderung

über die Schlechtigkeit und Schlauheit der Person. Der Rittmeister

fuhr fort, immerhin sei sehr merkwürdig, daß die Fälscherin nicht die

Entdeckung gefürchtet habe, da sie beide sich ja doch, wie sie wohl

wußte, jeden Tag sprechen konnten. Dem stimmte das Fräulein zu und

sagte, es sei doch gut, daß solche schlechte Pläne durch die eigene

Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit der Böswilligen immer wieder ans

Licht kämen. Aber wie nun am Ende der Rittmeister sagte, er wolle alles

dem Freiherrn mitteilen, damit der die Person gehörig strafe, da bat

sie ihn inständig, doch die Sache zu verschweigen; denn bestrafen könne

man die Jungfer doch nicht mehr, da sie seit heute früh heimlich aus

dem Dienst nach Breslau entwichen sei, wohin ein Liebhaber von ihr

verzogen sei; und wenn der alte Herr die Geschichte erfahre, so werde

er nur nutzlos aufgeregt und mache alsdann ihr die größten Vorwürfe

wegen ihrer Unvorsichtigkeit, daß sie den Brief beantwortet habe; und

sie sei ja auch wirklich sehr unvorsichtig gewesen, einen solchen

Brief zu schreiben, der nun in der Hand einer solchen Person sei; denn

wenn ein Fremder ihn lese und die Locke sehe, so werde ihr das sehr

peinlich sein; denn er, der Rittmeister, wisse ja gar nicht, was sie

in dem Brief geschrieben habe. Bei diesen letzten Worten sah sie den

Rittmeister mit einem solchen Blick an, daß dieser plötzlich verspürte,

das Fräulein liebe ihn; da nahm er sie in den Arm und wollte sie

küssen, sie aber erwehrte sich seiner mit sanften Bewegungen und sagte,

sie wolle am nächsten Abend wieder zu ihm kommen, wenn er es erlaube,

denn es sei ihr eine große Freude, mit ihm ungestört zu plaudern, da er

sich ihr doch als ein treuer Freund erwiesen habe. Mit diesen Worten

entschlüpfte sie ihm leicht und war aus dem Zimmer, ehe er es sich

versah.

Der Rittmeister dachte lange über das Abenteuer nach, und es kam

ihm der Gedanke, ob nicht das Fräulein, um sich ein Gewerbe bei

ihm zu machen, selbst den gefälschten Brief geschrieben habe, den

sie angeblich von der Jungfer empfangen. Schnell aber verwarf er

diesen Gedanken wieder als unwürdig und sagte sich, ein windiger und

geckenhafter Franzose möge wohl solche Vorstellungen von den Frauen

haben, aber ein Deutscher müsse anders denken.

2.

Am nächsten Abend kam das Fräulein wieder durch die bekannte Tür, aber

sie war in einer wunderlichen Verfassung, denn ihr Gesicht war von

Weinen ganz verstört, ihre Backen blaß, und die Augen geschwollen, und

rot umrandet. Sie sagte, sie wisse, daß sie sehr häßlich aussehe, aber

sie müsse trotzdem zu ihm kommen, weil sie ihm Wichtiges anzuvertrauen

habe und um seinen Rat bitten wolle. Sie könne den Kandidaten nicht

heiraten, denn es sei ihr klar geworden, daß ihre gemeinte Liebe zu

ihm nur eine Phantasie gewesen sei, die sie aus den Büchern geschöpft;

denn indem in diesen die Zeichen der Liebe ganz genau beschrieben

seien und sie einen übermäßigen Fürwitz gehabt habe, sei ihr in den

Sinn gekommen, ihre Gemütsstimmung mit der Stimmung der Personen zu

vergleichen, welche in den Büchern beschrieben waren; und zwar habe sie

zuerst keinerlei Ähnlichkeit bemerkt, nach einer Zeit aber sei es ihr

gewesen, als empfinde sie in einigen Stücken so, wie sie gelesen, und

da sie zuletzt einen englischen Roman gelesen habe, in welchem erzählt

wurde, wie ein vornehmes weißes Mädchen in den Kolonien sich in einen

edelgesinnten Neger verliebte, und der sich in sie, und wie die beiden

Liebenden sich immer treu geblieben seien, bis dem Neger aus Sehnsucht

das Herz brach und die weiße Dame aus Kummer darüber ins Kloster ging;

so sei es ihr vorgekommen, als sei sie ganz genau so wie jene Dame und

der Kandidat wie der Neger, und der Kandidat habe ihr gesagt, auch

ihm sei so. Nun aber sehe sie wohl ein, wo es in einigen Wochen zum

Ernst kommen solle und sie seine Frau werden müsse, daß sie lieber ins

Wasser gehen wolle, wie einen solchen Kandidaten heiraten. Und sie habe

das auch ihrem Bräutigam gesagt, und der sei nun ganz ratlos geworden,

daß die Stimme des Herzens in ihr schweige, und wisse nicht, was er

beginnen solle; und sie glaubte, daß auch er jetzt Angst bekommen habe,

wenn auch nicht so große wie sie.

Der Rittmeister lächelte sehr bei dieser Erzählung, und das Fräulein

erschien ihm recht kindisch. Aber wie sie so verschüchtert in der

Ecke des großen Lehnstuhls saß und sich mit den Handrücken die Augen

wischte, da überkam ihn plötzlich eine Zärtlichkeit wie zu einem

lieben, kleinen Vögelchen, und sein Herz rührte sich, daß sie ihm leid

tat. Indessen durchkreuzten sich in diesem Augenblick in ihm eine

Menge verschiedener anderer Gedanken, und er bedachte bei sich, daß er

dieses reizende und quecksilberige kleine Wesen auf den Arm nehmen

möchte und in sein Haus tragen, damit es als ein lustiger Kobold in dem

herumwirbele. Aber er sah auch zugleich ein, daß er eine ganz bestimmte

Art ihr gegenüber zeigen mußte, damit sie zugleich eine angemessene

Frau wurde und ihm mit Würde gehorsam blieb. Deshalb gab er nicht

seinem ersten Antrieb nach, sondern machte ein ernstes Gesicht und ging

scheinbar nachdenklich im Zimmer auf und ab, indessen die Kleine ihn

mit ängstlich gespanntem Gesichtsausdruck mit den Augen verfolgte.

Zuletzt erzählte er ihr mit kurzen Worten: Er habe sie nicht in Angst

versetzen wollen, deshalb habe er über einen Vorfall geschwiegen,

den er ihr nunmehr, da sie ihre Gesinnungen und Wünsche so gänzlich

geändert habe, doch mitteilen müsse. Er habe nämlich im Traum wirklich

eine Erscheinung des Ahnherrn gehabt; dieser sei sehr zornig über ihrer

beider Eulenspiegelei gewesen. Näheres könne er ihr nicht sagen. Das

Fräulein schien zuerst nur halb gläubig; als sie aber des Rittmeisters

ernstes Gesicht sah, wurde sie ganz bestürzt und ängstlich, und begann

von neuem zu weinen, denn es überkam sie nun auch eine Furcht vor dem

Gespenst, die sie vorher noch nie gehabt hatte. Der Rittmeister fuhr

fort, daß es auch sehr schwierig sein werde, die Verlobung bei ihren

Eltern rückgängig zu machen, denn es sei doch unmöglich, denen zu

gestehen, daß die Erscheinung nur von ihnen erlogen gewesen sei. Das

Fräulein antwortete schüchtern, sie habe sich gar nichts mehr überlegt,

sondern habe nur immer fest auf ihn und seine Hilfe gebaut. Er tröstete

sie, daß er einen Plan überlegen wolle. Dann ging sie in ihr Kämmerchen

zurück, er mußte sie aber begleiten, da sie sich fürchtete.

Am andern Tag bat der Rittmeister seinen General um einige Wochen

Urlaub, indem er ihm den Grund erzählte. Dann sorgte er für Wagen und

Pferde und beschaffte alles andre, das nötig war, um eine Entführung

ins Werk zu setzen; und wie nun der Vorabend des Hochzeitstages

gekommen war, verließ er gegen Mitternacht heimlich mit dem Fräulein

das Schloß, fuhr einige Meilen weit in ein kleines Städtchen, ließ

sich hier von einem Pfarrer seines Regimentes trauen und zog mit seiner

jungen Frau in eine vorbereitete Mietwohnung.

Die Eltern waren am andern Morgen früh aufgestanden, der alte

Freiherr mit ärgerlichem Schelten und seine Gemahlin mit frommer

Gottergebenheit. Der Bräutigam kam in einem neuen priesterlichen Kleide

aus feinem schwarzen Tuch, in einiger Unruhe und Sorge. Wie die Braut

immer nicht erscheinen wollte und auch auf Klopfen und Rufen nicht

antwortete, öffnete man ihr Zimmer mit einem Nachschlüssel; da zeigte

sich, daß das Bett unberührt war und ihre besten Kleider fehlten. Wie

dem Bräutigam klar wurde, daß die Braut entflohen war, kniete er mitten

im Zimmer hin, faltete die Hände und sendete ein Dankgebet zu Gott, daß

er die Hochzeit vereitelt; der alte Freiherr aber geriet in einen so

maßlosen Ärger auf den Kandidaten, daß er schrecklich fluchend seinen

Degen zog und auf den betenden Kandidaten loshumpelte. Dieser schrie

laut vor Schreck, sprang auf und verbarg sich hinter der Baronin, die

eben erst ihre Krinoline umgeworfen hatte, um den Sitz zu probieren,

und noch kein Kleid übergezogen hatte, sodaß man das geängstigte

Gesicht des knieenden und sich mit beiden Händen an der Krinoline

festhaltenden Theologen durch das stählerne Gitterwerk sehen konnte.

Der Baron humpelte in seiner blinden Wut mit dem Degen auch auf die

Krinoline los, um hindurchzuspießen; da erschrak auch die Baronin,

stieß durchdringende Schreie aus und lief davon, der Kandidat sich

immer festhaltend hinter ihr her. Dann zeigte sich, welchen Haß der

alte Freiherr immer auf den Kandidaten gehabt hatte; denn wie sich auch

das Entweichen des Rittmeisters herausstellte, sagte er ernsthaft: es

sei ihm lieber, seine Tochter als Geliebte eines braven Offiziers und

echten Edelmanns zu wissen, wie als Frau eines Pastors. Am Abend ließ

er ein Paket Lichter in das Fremdenzimmer bringen, lud selbst seine

Pistolen, nahm seinen Degen, und erwartete, in dem alten Lehnstuhl

sitzend, das Gespenst. Denn er wollte dem auseinandersetzen, daß er

für seine Person alles getan habe, was er konnte, um es zu befriedigen,

und wollte ihm auch erklären, daß es nicht kavaliermäßig handeln würde,

wenn es nun doch seine Drohung erfüllte. Aber da das Gespenst nicht

kam, so schlief er endlich auf seinem Stuhle ein, denn er hatte sich

auch einige Flaschen Rotwein mitgenommen.

Am andern Tage kam ein Brief des Rittmeisters an, in welchem die

vollzogene Eheschließung mitgeteilt war. Die junge Frau hatte noch

einen rührenden Nachsatz geschrieben, durch den sie um Verzeihung bat,

daß sie ihrer Liebe gefolgt sei; aber sie habe ihren Eltern nichts

sagen dürfen, damit die nichts wußten und dem Gespenst gegenüber

unschuldig waren. Der alte Freiherr antwortete, ihm sei die Ehe ganz

recht, insofern er nun von dem theologischen Schwiegersohn befreit

sei; und wenn auch der Rittmeister außer seinem Degen nichts habe, so

sei seine Tochter einzige Erbin und besitze genug, um eine Familie zu

unterhalten, besonders, wenn er sich der Wirtschaft annehmen wolle und

die Betrügereien der Leute abstellen, welches ihm wegen seiner Gicht

und sonstigen Gebrechlichkeit unmöglich sei.

Hierauf fuhr das junge Paar zu den Eltern zurück; der Freiherr und

seine Gemahlin erwarteten sie am Tore, umarmten und küßten sie, der

Rittmeister mußte gleich vom ersten Abend an die Wirtschaftsbücher

durcharbeiten, und es war alles gut.

Da nun in dieser Zeit die Friedensunterhandlungen begannen, so hielt es

der Rittmeister für erlaubt, um seinen Abschied einzukommen, der ihm

auch in Gnaden bewilligt wurde. Er wandte sich nunmehr ganz auf die

Bewirtschaftung des Gutes und lebte mit seinen braven Schwiegereltern

und seiner jungen Frau recht fröhlich und zufrieden, indem er wohl

wußte, daß er vor dem abenteuerlichen Sinn seiner Frau doch immer auf

der Hut sein müsse.

Nun kam noch mancherlei wechselnde Einquartierung und sonstiger Besuch,

infolge des Friedens, der Rückmärsche und Verabschiedungen. So erschien

eines Abends spät ein verabschiedeter preußischer Offizier und bat um

Obdach. Er war ein geborener Franzose, stellte sich als Marquis vor

und machte auf den Rittmeister einen sehr abenteuerlichen und stark

abgerissenen Eindruck. Durch seine Lustigkeit und gewandtes Benehmen

wußte er sich bei den alten Leuten und der jungen Frau so beliebt zu

machen, daß er sich gänzlich einnisten konnte und auch nach Wochen

nicht an eine Weiterreise dachte. Dem Rittmeister fiel wohl auf,

daß seine junge Frau ihm immer mit den Augen folgte und mit großem

Eifer seine Geschichten aufnahm, auch wenn sie offenkundige Lügen

und Aufschneidereien waren. So beschloß er, dem Unwesen ein Ende zu

machen, ehe es zu spät wurde. Er gab vor, daß er auf einen Tag nach

Breslau reiten wolle und verbarg sich heimlich im Hause. Wie es gegen

Mitternacht war, holte er die Kette und das Laken hervor, die seine

Frau damals in seinem Zimmer gelassen hatte, wie sie zum ersten Male

als Geist bei ihm war, kleidete sich an wie sie damals gekleidet war,

und ging kettenrasselnd durch den Gang zu ihrem Schlafzimmer, öffnete

es, trat vor ihr Bett, die sich grausend aufgerichtet hatte und ihn

mit großen Augen sprachlos vor Angst anstarrte, und drohte ihr stumm

mit dem Finger. Dann wandte er sich und verließ das Zimmer wieder,

indem er klirrend den Gang langsam zurückschlürfte.

Sobald er angeblich von der Reise zurückkam, zog ihn seine Frau zur

Seite und klagte ihm, daß der Fremde so sehr lange bei ihnen bleibe

und daß ihr seine Gegenwart wegen seines vielen Redens sehr unangenehm

sei. Er antwortete ihr, daß er das wohl gemerkt habe, wie lästig ihr

der Mensch werde; und da sie es wünsche, so wolle er ihm einen Wink

geben. So sprach er denn mit ihm, sagte ihm, daß er ihm die Sehnsucht

nach seinem Vaterlande wohl angemerkt habe, und wenn er sein Anerbieten

nicht unfreundlich auffassen wolle, so wolle er ihm als Freund und

alter Kriegskamerad, der wohl wisse, wie man in zeitweilige Not kommen

könne, das Geld leihen, das er zur Rückreise brauche. Damit drückte

er dem überraschten Franzosen ein Päckchen mit einigen Dukaten in die

Hand und ließ ihn; und der Franzose reiste denn auch wirklich sofort

ab, mit vielem Dank und Einladungen auf sein heimatliches Schloß in der

Gascogne.

Nach diesem Erlebnis war es lange Zeit ruhig bei den beiden; und es

kamen Kinder, die Eltern starben, die Kinder wurden größer; und das

Leben floß unaufhaltsam hin.

Als der älteste Sohn zehn Jahre alt war, wurde ein fröhliches Fest

gefeiert, zu dem auch alle Gutsnachbarn eingeladen waren. Der Tag war

recht mühsam für die Mutter; aber sie fühlte sich glücklich und froh;

und als ein ganz alter Herr von den Gästen ihr sagte, sie gleiche jetzt

ganz ihrer seligen Mutter, als die noch jünger gewesen sei; und als sie

im Spiegel gesehen hatte, daß sie in Wahrheit nicht mehr so schlank

und biegsam war wie früher, sondern eine breite Taille hatte, da wurde

sie in glücklicher Weise nachdenklich. Am späten Abend fuhren alle

Gäste fort; die Kinder lagen längst in ihren Betten und schliefen; in

der Küche klapperten und schwatzten noch die Mägde. Da stand sie mit

ihrem Mann am Fenster und sah in die Mondnacht hinaus, und erzählte

ihm, wie einst ihre Liebe zu ihm einmal wankend geworden sei durch den

lustigen Franzosen, und wie sie damals eine Erscheinung des Ahnherrn

gehabt, sie wisse nicht, ob im Traum oder im Wachen; er habe aber genau

so ausgesehen, wie sie selbst vorher ihn gespielt hatte mit einem Mut,

den sie heute nicht verstehen könne; der habe sie gewarnt; da sei

ein Schrecken über sie gekommen und sie habe eingesehen, daß sie auf

unrechten Wegen gehe und habe ihn gleich den andern Tag gebeten, den

Franzosen zu entlassen. Da nickte ihr Mann und sagte, durch dieses

Geständnis sei sie ihm doppelt lieb geworden; und wir Menschen können

nicht alle Geheimnisse enträtseln und sollen uns in Ehrfurcht beugen

vor dem Unbegreiflichen.

Das hölzerne Becherlein

Von einem alten König in Asien wird erzählt, daß er ein sehr

barmherziger und mildtätiger Herr gewesen ist.

Die Geschichtsschreiber berichten, daß er einst auf der Jagd ein

unmündiges Kind weiblichen Geschlechtes fand. Dieses hatte gar schöne

Augen und war auch sonst so wohlgestalt, daß man es gewiß lieben mußte,

denn es lachte die Herren, welche es umstanden, auch recht freundlich

an; aber es trug die Merkzeichen einer bösen und ansteckenden

Krankheit, welche man die Miselsucht nannte, und deshalb mochte keiner

der Herren sich des Kindes erbarmen, denn ein jeder fürchtete sich,

daß er die schlimme Krankheit von dem Kind bekommen könne, wenn er es

berührte. Da sprach der König: »Das soll uns niemand nachsagen, daß wir

haben ein unmündiges Kind umsonst seine Ärmchen nach uns ausstrecken

lassen«, nahm es vor sich auf sein Pferd und ritt mit ihm heimwärts.

Und wie wir häufig sehen, daß einem Menschen, welcher Gutes tut mit

Tapferkeit und Freude, nichts Böses geschieht, so blieb er unversehrt

von der Ansteckung und schlechten Krankheit.

Indem er nun seine Guttat zu Ende bringen wollte, fragte er seine Ärzte

nach einem Mittel, um des Mägdleins Krankheit zu heilen. Da sagten

die, es müsse ein anderes Kind, welches gesund ist und gutgeartet,

ein Schüsselchen voll seines eigenen Blutes hergeben, damit man das

kranke wasche, und hiervon werden seine Geschwüre trocken und sein

Leib wird wieder so blank wie eine Silberstange. Wie das die vornehmen

Herren am Hofe hörten, hatten sie Angst, daß der König einen von ihnen

bitten möchte, er solle von seiner Kinder Blut hergeben, gingen zum

König und sprachen: »Was willst du, daß diesem armseligen Findling so

kostbares Opfer gebracht werde, denn vielleicht ist es von niedrigen

und üblen Eltern und hat schlechte Sitten, wenn es erwachsen ist,

unsere Kinder aber sind edler Abstammung und werden deshalb einst gut

und edel werden, und deshalb bringe sie nicht in eine Gefahr um so

geringen Nutzen.« Und die armen Leute im Lande, wie sie hörten, daß

die vornehmen Herren so geredet hatten für ihre Kinder, kamen auch zum

König, baten und sprachen: »Unsere Kinder sind uns ebenso lieb, wie den

vornehmen Herren ihre Söhnchen und Töchterchen, und manchem vielleicht

noch lieber, denn viele von uns haben keine andere Freude im Leben,

als daß sie sich an den roten Bäcklein ihrer Kleinen ergötzen und sich

Hoffnungen machen, daß sie in Zukunft brave und gute Menschen werden.

Deshalb bitten wir dich, du wollest dich auch unser erbarmen und sie

nicht in Gefahr versetzen um den schlechten Findling.«

Es hatte aber der König selber ein einziges Kind, einen gar schönen,

klugen und guten Knaben. Dieser sprach: »Vater, ich bitte dich, daß

du von mir das Blut nehmest, mit welchem das fremde Mädchen geheilt

werden soll. Denn da ich als dein Erbe und der spätere König dieses

Landes an solcher Stelle bin, daß alle mich betrachten und meine

Handlungen kennen, so sehe ich wohl, daß ich Schwereres tun muß wie

alle andern. Und vielleicht überstehe ich die Entziehung des Blutes;

wenn aber nicht, so will ich mich trösten, indem ich bedenke, daß doch

alle Menschen sterben müssen, und daß es keinen bessern Tod geben kann,

als einen solchen, für welchen ich von allen guten Leuten muß gelobt

werden.«

Als der König diese Worte gehört hatte, wurde er zwar traurig in seinem

Herzen, denn er fürchtete sehr für den Knaben; aber sagte ihm nichts,

sondern lobte ihn um seinen frohen Mut und befahl den Ärzten, daß sie

nach ihrer Kunst verfahren sollten, dem Knaben Blut nehmen und das

Mädchen damit heilen.

Die Meister der Arzneikunde taten nun nach ihrer Kunst, und des Königs

Kind lächelte unerschrocken, wie sie ihm eine Ader öffneten und sein

hellrotes Blut in eine Schale laufen ließen. Aber da sie ängstlich

waren, denn sie hatten nicht gedacht, daß ein so kostbares Wesen sich

ihnen darbieten werde, so wurden sie ungeschickt bei ihrer Hantierung

und verletzten das mutige Knäblein so, daß es sterben mußte. Dieses

fühlte wohl, wie sich ihm der Tod nahte, nahm noch einen herzlichen

Abschied von seinem Vater und verblich dann.

Der Vater jammerte über dem blassen Gesichtchen des toten Kindes, und

alle Herren und Damen am Hofe klagten, und auch alle armen Leute waren

traurig; und alle schämten sich, und war ihnen, als sei durch ihre

Schuld das hoffnungsreiche Kind getötet, und versprachen bei sich alle,

daß sie besser werden wollten von nun an und nicht mehr geizig sein mit

ihrem eigenen Glück, denn wie sie das lächelnde und friedvolle Antlitz

des Gestorbenen sahen, wurde ihnen klar, daß alles Glück beschlossen

ist in einem gütigen und edlen Herzen, aber nicht bestehen kann bei

Habsucht und Gier; und ist es nicht genug, nur gute Taten zu tun, denn

das können auch schlechte Menschen, und werden dadurch doch nicht

glücklich und froh, sondern es ist nötig, einen guten Sinn zu haben;

denn dann wachsen schöne Taten aus dem Herzen, wie Korn, Blumen und

obsttragende Bäume aus der lieben Erde in die helle Luft, in welcher

der Sonnenschein spielt.

Der Findling aber wurde gewaschen mit dem Blute des tapfern

Königskindes, und alsbald vertrockneten seine Geschwüre, und nach einer

Zeit fielen sie ab, und das Mädchen wurde gesund und wacker an seinem

ganzen Körper.

Der Tod des Cosimo · 第 4 / 9 段