Der Mann redete ihr aus gutem Herzen zu und brachte sie dahin, daß

sie ihren Vorsatz aufgab. So ging er mit ihr zurück, bis sie zu den

ersten Häusern der Stadt kamen, und dann in die Straßen. Und wie sie

nun angefangen hatte, ihm zu erzählen, was das Allergeheimste bei ihr

war, da hatte er das Gefühl, daß sie sich vor ihm schämen müsse, wenn

er nicht auch ihr vertraue, was ihn bedrückte. Da ergab es sich, daß

er ein einsamer und freudenloser Mann war, der die rohe Gesellschaft

mied und Bücher und Schriften für sich las. Im ganzen waren sie kaum

eine Stunde zusammen gewesen, aber sie waren so vertraut geworden,

als kennten sie sich schon lange. Deshalb drang er in sie, daß er am

nächsten Abend wieder mit ihr gehen konnte, und nicht eine Woche war

vergangen, da sagte er zu ihr, er habe sie lieb gewonnen, und wenn

sie möge, so wolle er sie heiraten, und ihr Kind wolle er auferziehen

wie sein eigenes. Sie weinte und sagte, das dürfe er nicht tun. Aber

er erwiderte, er brauche doch keinen Menschen zu fragen bei seinem

Handeln, und er gehe nur nach seinem Gewissen. Das aber rede ihm

zu, denn er spreche nicht zu ihr in Leichtsinn oder besinnungsloser

Leidenschaft; er sei ein Dreißigjähriger und habe es immer schwer

gehabt im Leben, da sei ein Mensch denn ernst und prüfe seine Absichten

und Pläne. Sie hinwiederum gestand ihm, daß sie mich noch lieb habe.

Aber er entgegnete, das wisse er wohl; aber sie wisse ja doch auch,

daß diese Liebe zu keinem Ziel führen könne, und sie werde allmählich

mich vergessen; aber sie müsse ihm versprechen, daß sie mir alles sagen

wolle und Abschied nehmen und mich nie wiedersehen.

Nun bat sie ihn, bei diesem Abschied solle er zugegen sein; und dann

kamen beide an einem Sonntagvormittag zu mir. Sie vermochte nicht zu

sprechen, sondern weinte beständig; aber der Mann nahm das Wort und

erzählte mir alles. Da zog auch mir ein furchtbares Weh ins Herz,

denn nun erst wurde mir klar, wie ich das liebe Kind geliebt hatte,

über alle Unterschiede von Stand, Bildung und äußern Manieren hinweg;

denn ich hatte bis dahin immer geglaubt, eine wahre, vollkommene

Liebe sei nur da möglich, wo nichts Störendes im Wesen der Geliebten

vorhanden ist. Da weinte auch ich, und der Mann zog sich anständig

und bescheiden zurück, nahm die Türklinke in die Hand und sagte, er

wolle auf die Straße gehen. Aber da kam es über mich, ich ergriff ihre

tränennasse Hand und fragte sie: Bist du zufrieden mit seinen Worten?

Sie nickte. Da trat ich ans Fenster, und wunderte mich, wie doch die

Leute seelenlos die Straße entlangeilen mögen.

Ich schrieb dem Mann, daß ich für das Kind sorgen wolle, wie ich könne,

und ich wolle ihm monatlich ein Kostgeld schicken. Aber er kam zu mir

und sprach, das wollte er nicht, denn er würde sich gedemütigt fühlen,

wenn er das annähme; aber für meinen guten Willen danke er mir.«

Mein Bekannter schwieg eine lange Zeit, indem er nachdenklich seine

schmale Hand betrachtete, die auf der Bettdecke lag. Dann fuhr er fort.

»Wir, die man so zu den höheren Ständen rechnet, und die doch von der

Gesellschaft nur eben so hin verbraucht werden wie die Menschen aus den

untern Klassen, wir führen doch ein furchtbares Leben. Wir haben nicht

die Unbefangenheit und den sorglosen Sinn, die Freiheit und Freude des

Volkes, und es fehlt uns eben so das sichere und versorgte Dasein der

wirklich höheren Klassen; und wenn man so mit seinem Herzen bei der

Arbeit ist wie wir, so müßte man doch nach außen versorgt sein; aber

wir vertrocknen durch unser Leben.

Ich stehe jetzt vor dem Angesicht des Todes, und es ist jämmerlich,

daran zu denken, daß ich nur einhundertundfünfzig Mark Gehalt den Monat

hatte und keine Hoffnung haben konnte, je viel mehr zu erwerben; denn

mir fehlt jenes Besondere, das den Arzt zu einem guten Verdiener machen

kann. Aber ich bin verkümmert und vertrocknet, ich wußte selbst nicht

wie, ich war ja kein Mensch mehr mit einem Herzen und mit Mut, ich war

nur noch eine Art Beamter, der seine Pflicht tat, wie die Uhr ihre

Pflicht tut. Ich war kein Mensch mehr. Ich habe ja nichts Schlechtes

getan, das ich bereuen mußte; nein, ich war ordentlich, häuslich, gut

angezogen und machte keine Schulden. Ach, ich habe nichts Gutes getan,

nein, nicht eine gute Tat; und schlimmer noch: ich habe auch nichts

Gutes empfunden. Ein Mörder ist vielleicht ein besserer Mensch wie ich,

denn er hat vielleicht einmal Reue empfunden; aber ich habe nichts

empfunden.«

Er schwieg eine Weile. Dann sah er mich mit einem Blick an, der mich

auf das tiefste erschütterte, und sprach: »Lassen Sie sich die Worte

eines Sterbenden zur Lehre dienen. Sie gehen denselben Weg wie ich.

Und wie ich als junger Mensch einmal dachte, ein Arzt müsse alle

Menschen lieben und allen helfen, und ein Mensch, dem man helfen könne,

der könne nicht schlecht oder gemein sein; so haben auch Sie einmal

gedacht, ein Künstler müsse die größte Güte haben und alle Menschen

glücklich machen; und nun denken Sie nur an Gegner, an Durchdringen, an

Geldverdienen. O, was hat Jesus gesagt von uns: Ihr seid das Salz der

Erde. Wenn nun das Salz dumm wird, womit soll man's salzen?« Er faßte

meine Hand. »Vergessen Sie alles Kleinliche und Gemeine, sonst können

Sie nicht leben, sonst müssen Sie sterben wie ich.«

Er fuhr fort.

»Man brachte in die Klinik einen Eisenbahnarbeiter, dem ein Wagen über

den Körper gefahren war. Ich kann die Verletzungen nicht beschreiben,

es quält mich zu sehr; jahrelang habe ich nie an den Leidenden gedacht,

immer nur an meine berufliche Pflicht. Jetzt kommt alles Leiden zurück

zu mir, das ich nicht mitgelitten habe.

Er war der Mann meiner früheren Geliebten. Ich sah, daß ihm unmöglich

zu helfen war; er blickte mir ins Gesicht und nickte, als er meinen

Ausdruck verstanden hatte. Er mußte unsagbare Schmerzen ausstehen.

Seine Stirn war in Falten gezogen, welche zitterten, sein Mund war

zusammengezogen und zitterte. Ich bereitete eine Morphiumspritze, um

ihm die Schmerzen zu ersparen, er sollte in der Betäubung verscheiden.

Er erfaßte meine Hand, winkte mit den Augen und sprach: »Ist es wahr,

daß es Mittel gibt, welche das Leben um einige Stunden verlängern?

Dieses ist es nicht!« Es war neun Uhr abends. Ich antwortete: »Eine

Kampfereinspritzung regt die Herztätigkeit wieder an.« Er sprach:

»Machen Sie, daß ich bis nach zwölf Uhr lebe.« Ich entleerte die

Morphiumspritze und reinigte sie, dann bereitete ich die Kampferlösung

vor.

Seine Frau kam, meine frühere Geliebte. Sie hatte ihr Kind an der Hand,

mein Kind. Still kniete sie an dem Bett nieder, der Knabe weinte still.

Der Mann sah die beiden an. Nur selten, wenn er den Schmerz nicht mehr

unterdrücken konnte, stöhnte er leise, dann ging ein Schütteln durch

den Körper der Frau. Ich saß in einer Ecke des Saales, ging zuweilen zu

dem Sterbenden und fühlte das Herz. Gegen halb elf machte ich ihm eine

Kampfereinspritzung. Er dankte mir mit den Augen, kein Wort hatte er

gesprochen, seit Frau und Kind bei ihm waren, das Sprechen war ihm zu

schmerzhaft. Die Uhr im Saal schlug elf. Ich empfand, wie der Leidende

die Schläge verfolgte, er ersehnte den Tod, mir war, als fühlte ich das

Ringen seines Willens gegen den Schmerz mit dem Herzen. Die Frau konnte

seine furchtbaren Verletzungen nicht sehen, nur sein Kopf war sichtbar

auf den weißen Kissen.

Gegen halb zwölf wurde der Herzschlag ganz matt, sein Blick verlor die

Kraft und den Ausdruck des Willens, er war im Begriff, in den Tod zu

gehen. Plötzlich schoß mir ein Strahl aus den eben umflorten Augen ins

Gesicht. Ich verstand, machte ihm eine neue Einspritzung. Seine Lippen

bewegten sich, aber sie formten keinen Laut.

Die Uhr schlug zwölf. Er zählte die Schläge, seine Augen waren wieder

voll Ausdruck, ich konnte seinen Gedanken wieder folgen. Dann sprach er

zu mir: »Sie können bezeugen, daß ich den ersten Oktober noch erlebt

habe; von heute an bin ich angestellter Weichenwärter, meine Frau

bekommt die Beamtenpension, das Kind kann erzogen werden.« Er sprach

mit großer Ruhe, manche Buchstaben konnte er nicht mehr bilden. Dann

seufzte er, seine Augen brachen.«

Mein Bekannter schwieg wieder eine lange Zeit. Dann fuhr er fort:

»Was ich nun tat, war vor dem Verstand gänzlich unsinnig.

Vernünftigerweise hätte ich nach meinen Kräften die Witwe und das Kind

unterstützen sollen. Aber vor dem toten Mann hatte ich ein so heftiges

Gefühl der Scham, daß ich einsah, ich könne nicht mehr leben. Nein, ich

konnte nicht mehr leben.

Ich bin ja kein schlechter Mensch. Ich habe ja nichts Schlechtes getan.

War es denn ein Unrecht, daß ich jenes Mädchen liebte? Wir waren beide

glücklich, einige Monate lang. Nie bin ich sonst glücklich gewesen,

auch sie wird nie sonst glücklich gewesen sein. Und was sollte ich denn

weiter tun? Auch jetzt noch könnte ich ja nicht anders handeln, wie

ich gehandelt habe; nur ein törichter Mensch hätte von mir verlangen

können, daß ich sie zu meiner Frau machte; wir hätten uns nur beide

gequält. War es denn ein Unrecht, daß ich sie liebte? Ich hätte

entsagen können; nun, ich wäre einige Jahre eher vertrocknet; auch sie

hätte entsagen können; kann man denn von Menschen, die so leben wie

wir, Entsagung verlangen? Entsagung müßte doch aus einem freudigen und

stolzen Herzen kommen, nicht aus einem dürftigen und bettlerhaften. Und

was denn wäre verhütet oder besser geworden? Ja wenn sie sich damals

selbst getötet hätte, ich könnte keine Gewissensbisse haben über mein

Handeln; denn wichtiger ist es, einmal im Leben ein Mensch sein und

dann sterben, wie lange leben als dürftiges, elendes Tier, das seine

Arbeit tut, um sich zu ernähren.

Und doch sah ich ein: ich kann nicht leben, und meine Schuld ist es,

daß ich nicht leben kann. Als der Arbeiter starb, da wußte ich es:

ich trage Schuld an mir, daß ich so dürftig und elend und gemein bin,

deshalb kann ich nicht leben.

Damit mein Tod denn doch irgend einen Zweck habe, nehme ich ein Gift,

dessen Wirkung erprobt werden sollte für einen wissenschaftlichen

Zweck -- dieser wissenschaftliche Zweck kam mir ja selber albern vor,

als ich nun so vor den Toren der Ewigkeit stand; aber die Albernheit

war noch das einzige, wozu ich nütze war. Ich habe genau Buch geführt

über die Fortschritte der Vergiftung und werde bis zuletzt alles genau

beschreiben. Sie kennen das Heft bereits.«

Er wendete sich zur Wand, und ich ging leise aus dem Sterbezimmer.

Das Gespenst

1

Im letzten Jahre des Siebenjährigen Krieges wurden größere preußische

Truppenmassen in der Umgebung von Breslau in Winterquartiere gelegt.

Ein junger Rittmeister, wir wollen ihn v. K. nennen, kam mit seiner

Schwadron auf das Rittergut O. Die Räumlichkeiten auf dem Gute waren

sehr beengt; die Herrschaft, eine freiherrliche Familie von O., wohnte

in einem uralten burgartigen Schloß, das noch mit einem tiefen Graben

umgeben war und in seinen dicken Mauern nur einen Saal, eine Unzahl

schmaler und hoher Gänge und wenige Zimmer barg, die alle, mit Ausnahme

eines einzigen, von der Familie täglich benutzt wurden. So konnte man

nur den Rittmeister selber im Schloß unterbringen; die drei jungen

Offiziere wurden bei dem Pfarrer einquartiert und die Unteroffiziere

und Mannschaften an die armseligen Büdner verteilt.

Am ersten Abend, als Herr v. K. mit dem gichtbrüchigen alten Freiherrn,

dessen Gemahlin und der einzigen Tochter das leidliche Abendessen

einnahm, entschuldigte sich die Frau vom Hause, daß sie dem fremden

Herrn das Spukzimmer habe anweisen müssen. Herr v. K., der ein starker

Freigeist war, erkundigte sich lachend danach, welche Bewandtnis es

mit dem Spukzimmer habe; der alte Freiherr und seine Gemahlin machten

ernste Gesichter; sie waren ehrliche und einfache Landedelleute vom

alten Schlage, die sich jeden Sonntag vormittags und nachmittags in

zwei altväterischen Sänften in ihren Prunkkleidern in die Kirche

tragen ließen und bei den Liedern der frommen Gemeinde der Tagelöhner

vorsangen. Das achtzehnjährige Töchterchen blickte mit unbeweglichem

Gesicht in den Schoß. Der alte Herr berichtete dann, daß jedem

Besucher, welcher die erste Nacht in dem fremden Zimmer schlafe, ein

Geist erscheine, welcher mit Ketten raßle, kläglich stöhne und zuweilen

von innen heraus durch höllisches Feuer leuchte. Herr v. K. lachte noch

mehr und behauptete, daß das Gespenst sich nicht an einen preußischen

Offizier wagen werde, und daß er schon unbesorgt schlafen wolle. Es

schien ihm, als ob in dem hübschen, kecken Gesicht des Fräuleins ein

leichtes Lächeln aufblitzen wollte, das sie unterdrückte; und indem

er sich den Unterschied zwischen den braven Leuten und dem zierlichen

Figürchen der Tochter, ihrem silberhellen Lachen, ihren leichten

Bewegungen und ihrer modischen Figur klar machte, kam ihm ein Verdacht,

daß das anmutige Persönchen irgendwie an den Spukerscheinungen

beteiligt sein könne.

Man ging in dem ordentlichen Hause schon um neun Uhr schlafen. Herr v.

K. leuchtete die Wände seines Zimmers ab und fand eine unscheinbare

Tapetentür, die von seinem Bett aus nicht zu sehen war. Er verschob

sein Bett, daß er sie sofort ins Auge fassen konnte, kleidete sich dann

mit großer Seelenruhe aus, löschte das Licht und legte sich zu einem

tiefen Schlaf, denn er hatte einen anstrengenden Ritt hinter sich.

Etwa um Mitternacht erwachte er durch ein mörderliches Gepolter,

Rasseln und Klirren. Er schlug Feuer, zündete sein Licht an,

bekleidete sich notdürftig, und sah auf die Tür. Diese öffnete sich;

ein gespenstisches Wesen von etwa sechs Fuß Länge, in ein weißes Tuch

gewickelt, mit einem ungeheuren Kopf, aus dessen Augen, Nase und Mund

Feuer strahlte, stutzte einen Augenblick, dann schritt es in das

Zimmer unter Dröhnen und Klirren. Herr v. K. sah, daß der Kopf ein

ausgehöhlter Kürbis war, in den ein Licht gestellt sein mochte; er ging

zu der offenen Tür, zog den außen steckenden Schlüssel ab, schloß sie

mit diesem zu, steckte den Schlüssel in die Tasche, und wendete sich

um nach dem Gespenst. Dieses war in die entfernteste Ecke entwichen.

Er ging hin, nahm den Kürbis mit leichter Mühe ab, stellte ihn auf

den Tisch, umarmte das Gespenst, wickelte den wirklichen Kopf aus dem

weißen Laken heraus und küßte das hübsche Fräulein tüchtig ab; denn es

war wirklich die Tochter seiner Wirtsleute.

Plötzlich erschrak er, denn große runde Tränen rollten ihr aus den

Augen; es war ihm merkwürdig rührend, daß die Tränen rund blieben und

sich nicht verteilten. Er sah sie bestürzt an; da lachte sie plötzlich

und rief: »Ach, Sie sehen so dumm aus.« Diese unerwartete Ansprache

machte ihn noch mehr verlegen; er ließ sie aus seinen Armen und fragte

sie, aus welchem Grunde sie diesen Gespensterspuk aufführe.

Sie wickelte sich gänzlich aus dem weißen Laken, warf es zu den Ketten,

die auf der Erde lagen, setzte sich, und erzählte folgende Geschichte:

Ihre Eltern lebten so gänzlich zurückgezogen von der Welt, daß sie

außer ihren allernächsten Verwandten nur noch die Einwohner des

Fleckens sah. Nun hatte der Pastor einen Sohn, der bereits Kandidat der

Theologie war; dieser hatte von der Universität die Bücher der neuen

Dichter mitgebracht, besonders die Schriften von Klopstock. Die hatten

sie zusammen gelesen, und indem sie unter der Lektüre eine vollkommene

Gleichheit ihrer Gedanken und Gefühle bemerkt hatten, wurden sie von

gegenseitiger Liebe entflammt trotz der Verschiedenheit ihres Standes.

Der Kandidat hatte dann sein theologisches Amtskleid angezogen und

war auf das Schloß gegangen, um dem alten Freiherrn mitzuteilen, daß

die Natur ihre beiden Herzen zusammengeführt habe, ihm die Nichtigkeit

der gesellschaftlichen Unterschiede sowohl philosophisch wie auf Grund

des Naturrechts nachzuweisen, und um ihre Hand anzuhalten. Der alte

Freiherr aber war sehr erstaunt über seine Rede gewesen und hatte ihm

nichts Bestimmtes geantwortet, sondern nur den Vater ihres Geliebten

rufen lassen und dem anbefohlen, seinen Sohn fortzuschicken; was der

alte Pastor auch getan hatte.

Nun hatte aber das junge Fräulein sich eine List ausgedacht, wie sie

ihre Eltern zwingen wolle, doch noch das Jawort zu ihrer Wahl zu

sprechen. Wenn nämlich ein Besuch auf das Schloß kam, so verkleidete

sie sich als Gespenst, machte sich, wenn sie konnte, einen hohlen

Kürbis zurecht, nahm eine alte Kuhkette und vollführte den oben

beschriebenen Lärm, und zeigte sich dann durch die Tapetentür dem

Besucher. Bis jetzt nun hatte jeder Angst vor der Erscheinung gehabt,

was ihr auch für ihren Zweck sehr lieb war; und so hatte sich denn bei

den Eltern durch die verschiedenartigen Erzählungen, durch Hinzudichten

und Übertreiben der Besuchten ein fester Glaube an ein umgehendes

Gespenst gebildet.

Nachdem sie nun glücklich in dem jungen Rittmeister einen beherzten

und klugen Mann gefunden hatte, bat sie inständig um eine zweckmäßige

Weiterführung ihrer List. Herr v. K. solle am andern Morgen den Eltern

sagen, auch ihm sei das Gespenst erschienen; auf Anreden habe es

erklärt, es sei der Ahnherr des Geschlechtes, und es werde nicht eher

zur Ruhe kommen, bis die Tochter den Sohn des Pastors geheiratet habe;

denn nur so könne ein Unrecht gesühnt werden, das er selber vor langen

Jahrhunderten begangen habe.

Der Rittmeister lachte über die lustige Zumutung und warf ein, daß

der Scherz doch auch übel auslaufen könne, und wenn ihre Verabredung

entdeckt werde, so könne er von seinem Vorgesetzten einen harten

Verweis bekommen. Da weinte das Fräulein, setzte sich auf seinen Schoß

und küßte ihn; und bei der dunkeln Nacht und dem unruhig flackernden

Öllicht wurde ihm ganz wunderlich zumute, sodaß er ihr gegen seine

erste Absicht zusagte. Wie sie seine Zusage hörte, sprang sie auf

und tanzte fröhlich im Zimmer herum, indem sie immer wiederholend

sein »Ja« unter Händeklatschen nach einer wunderlichen Melodie sang.

Diese Lustigkeit wirkte auch auf ihn zurück. Er nahm ein angekohltes

Stückchen Holz und malte an die Tür die rohen Umrisse einer Hand; dann

hielt er die Lampe so nahe an die Zeichnung, daß einige verkohlte

Stellen an der Tür entstanden, die man mit einiger Beihilfe wohl für

den Abdruck einer feurigen Hand mochte halten können. Als er mit seiner

Arbeit fertig war, sahen sich beide einen Augenblick an und lachten

dann zugleich los; er umarmte und küßte sie wieder, aber sie nahm ihm

geschickt den Schlüssel aus der Rocktasche, steckte ihn ins Schloß und

entwischte ihm lachend; nach einer Weile öffnete sie nochmals, steckte

den Kopf durch die Spalte und sagte, er küsse viel schöner wie ihr

Bräutigam, aber den habe sie dennoch viel lieber.

Der Rittmeister blieb mit dem Laken, der Kuhkette und dem Kürbis

zurück. Er legte die Gegenstände in einen Wandschrank, verschloß ihn

und ging dann vergnügt vor sich hin pfeifend wieder zu Bett.

Am andern Morgen bat er mit einem sehr ernsten Gesicht die alten

Herrschaften in sein Zimmer. Der Freiherr setzte sich verängstigt in

den großen Lehnstuhl, und seine Gemahlin begann sich gegen ihn und den

Rittmeister zu verteidigen, daß es wirklich ganz unmöglich gewesen

sei, ein anderes Zimmer so schnell bereit zu machen, aber schon diese

nächste Nacht werde sie ihn umquartieren. Der Rittmeister schnitt

höflich die Entschuldigungen ab, indem er beteuerte, daß ihm selber

durchaus nichts geschehen sei, wegen dessen seine Wirtsleute sich

Sorge zu machen brauchten, und daß sein Erlebnis vielmehr sie, seine

Wirtsleute, selber sehr nahe berühre. Er bedaure seine leichtfertigen

Reden von gestern abend hinsichtlich der Gespenstererscheinungen,

und sein Erlebnis werde ihm für die Vertiefung seiner Welt- und

Lebensauffassung förderlich sein. Hierzu nickte der alte Freiherr

beifällig. Der Rittmeister fuhr fort, indem er erzählte, daß das

Gespenst auf sein Befragen sich ihm als den Ahnherrn des Geschlechtes

zu erkennen gegeben habe. Derselbe sei in den Besitz der Güter durch

ein Verschulden gegenüber seinem jüngeren Bruder gekommen; nach seinem

Tode habe er dafür jahrhundertelang büßen müssen; als Zeichen für

den Brand, der ihn inwendig verzehre, habe er seine Hand auf die Tür

gedrückt. Mit schauderndem Gemüt erkannten die alten Herrschaften die

verkohlte Handspur, und die Freifrau bemerkte mit Überraschung eine

alte Familieneigentümlichkeit in einem etwas gekrümmten Goldfinger.

Das Gespenst habe weiter erzählt, daß der Pastor des Ortes der letzte

Nachkomme des jüngern Bruders sei, der damals einen bürgerlichen Namen

angenommen habe; und nun sehe er eine Möglichkeit, aus seiner Pein

erlöst zu werden durch eine leichte Rückerstattung der geraubten Güter,

wenn nämlich das Freifräulein mit dem einzigen Sohn dieses Pastors

verheiratet werde. So werde die jüngere Linie in ihren rechtmäßigen

Besitz gesetzt, und vielleicht werde er selbst, der Ahnherr, so von

seiner Qual befreit.

Hier schüttelte der alte Freiherr bedenklich den Kopf, da der

Rittmeister eine Pause machte. Er gab zu, daß der Pastorssohn von der

Schwertseite her wohl ebenbürtig sei; seine Mutter aber sei früher

Kammerjungfer bei seiner verstorbenen Mutter gewesen und wegen ihrer

langjährigen treuen Dienste habe seinerzeit sein Vater die Verleihung

der Pfarre an den Pastor an die Bedingung geknüpft, daß er sie heirate.

Und wenn man auch gegen die treue und brave Person durchaus nichts

einwenden könne, insofern vor Gott alle gleich sind, die einen rechten

Wandel führen, so könne doch sein Ahnherr nicht verlangen, daß ihr

Nachkomme sich mit einem im ehelichen Bett erzeugten Freifräulein von

zweiunddreißig untadeligen Ahnen verbinde. So schwer es ihm falle,

müsse er doch das Verlangen des Ahnherrn abweisen, als der Ritterehre

zuwiderlaufend. Im übrigen sei er gern bereit, dem jungen Mann jede

Förderung zuteil werden zu lassen, die er vor Gott und seinem adeligen

Gewissen verantworten könne.

Der Rittmeister nahm seine Erzählung wieder auf, indem er fortfuhr,

daß der Ahnherr diesen Einwurf wohl bedacht habe, deshalb habe er

hinzugefügt, wenn man seinem Wunsche nicht nachgebe, so werde er das

Schloß mit allen seinen Insassen durch eine Feuersbrunst vernichten

und die Felder im nächsten Frühjahr durch eine Überschwemmung gänzlich

zerstören. Dieses sei die Botschaft, die er zu überbringen habe. Mit

großer Höflichkeit setzte er noch hinzu, daß die Herrschaften natürlich

durchaus Herren ihres Willens seien, und daß er sich in die nur sie

angehenden Angelegenheiten nicht weiter mischen wolle, als er durch

die Mitteilung des Geistes verpflichtet sei; immerhin aber müsse er

um Entschuldigung bitten, wenn er sich heute noch ausquartiere; denn

wenn er auch als Soldat die Gefahren seines Berufes bestehen müsse

und sich ihnen nie entziehen werde, so sei er selber doch auch der

einzige Sohn seiner Eltern und wolle sich derentwegen nicht in eine

augenscheinliche Lebensgefahr gelegentlich der angedrohten Zerstörung

des Schlosses begeben; er werde jedoch in unmittelbarer Nähe des

Schlosses wohnen bleiben, um jedenfalls gleich mit seiner Hilfe zur

Hand zu sein.

Die alte Dame begann in ein lautes Wehklagen auszubrechen; der Freiherr

aber geriet in eine große Erregung und rief mit zorniger Stimme seine

Tochter; die kam schnell, da sie an der Tür gestanden hatte. Dann ging

er und kehrte mit einer großen Pergamenttafel zurück, auf welcher der

Stammbaum der Familie aufgezeichnet stand; den zeigte er der Tochter

und fragte sie, ob das möglich sei, hier den Namen einer früheren

Kammerjungfer zu verzeichnen. Die Tochter erwiderte schüchtern, man

könne vielleicht an der Stelle einen Tintenfleck machen, der den Namen

verdecke. Über diesen Vorschlag geriet der Freiherr in noch größeren

Ärger. Herr v. K. bat, sich entschuldigen zu dürfen, da er seinen

Auftrag ausgerichtet habe und bei den weiteren Verhandlungen nicht

stören möge, verließ das Zimmer und ging auf den Gutshof, wo er seine

versammelte Mannschaft zu inspizieren hatte.

Im Laufe des Nachmittags teilte der alte Herr dem Rittmeister mit, daß

er sich dazu entschlossen habe, dem Wunsch des Ahnherrn nachzugeben,

und daß der Kandidat schon in den nächsten Tagen eintreffen werde, da

man nunmehr die Heirat möglichst beschleunigen wolle.

Der Tod des Cosimo · 第 3 / 9 段