Selbstsucht, eine so rücksichtslose Verachtung aller andern Menschen
und ihrer berechtigten Wünsche. Vielleicht ist er nicht eigentlich
schlecht, aber auch der schlechteste und gemeinste Mensch, den ich
bisher sah, schien mir nicht so unmenschlich wie er. Meinen Mann hat
er wie bezaubert, sodaß der nur noch mit seinen Augen sieht -- und was
sind das für Augen! Ich möchte sagen: er sucht überall sein Unglück,
und in seinem Gesicht steht geschrieben, daß er es überall gefunden
hat. Sicher hat er nie etwas geglaubt, nie einem Menschen vertraut,
nie einen Menschen geliebt; bis jetzt wußte ich nicht, daß es möglich
ist, der Liebe gänzlich unfähig zu sein. Aber ich weiß noch nicht
einmal, ob das alles richtig ist, was ich sage, denn er scheint nur
aus Widersprüchen zu bestehen. Er will Kriegsdienst nehmen, obgleich
er stark lahmt; nur das Kriegswesen scheint ihn zu interessieren,
und wiewohl bei seinem Körperfehler doch eine soldatische Laufbahn
ausgeschlossen sein müßte, wiewohl er schon an die Dreißig zu sein
scheint, erstrebt er sie doch mit aller Leidenschaft, die diesem
phlegmatischen Menschen möglich ist. Für alles Geistige hat er eine
tiefe Verachtung, und insbesondere die Dichtung scheint er geradezu zu
hassen, obschon er ein sehr lebhaftes Interesse für sie zu besitzen
scheint.
Ich habe keine Kinder und wünsche nicht, welche zu haben. Ich weiß
genau, daß mein Charakter unedler ist wie der meines Mannes, daß nur
in meinem Gefühl zu ihm das Gute, dessen ich fähig bin, zutage kommt,
vielleicht auch sogar erst gebildet wird; und ich würde unsagbar
betrübt sein, wenn unsere Kinder Eigenschaften von mir hätten, nicht
ganz Abbilder meines edlen Mannes wären. Durch einen unglücklichen
Zufall kam das Gespräch auf Kinder, und statt mich zu schonen,
statt auf eine Ablenkung einzugehen, die ich versuchte, stellte er
die unerhörtesten Behauptungen auf: nur als Mutter werde das Weib
liebenswert, nur gegen ihre Kinder zeige sie ihre Schönheit, und man
müsse ein Weib hassen, das keine Kinder gebären könne. Als ich weinend
aufstand und mein Mann einige verlegene Worte sprach, entschuldigte
er sich und sagte, er habe nur mit Worten gespielt, und seine eigene
Ansicht sei vielmehr: nur die kinderlose Frau könne die Freundin des
Mannes sein und ihn in seinem Wesen ergänzen, und erst durch eine
solche Beziehung entstehe ein vollkommener Mensch. Ich konnte mich
nicht halten und rief ihm zu: »Wer nicht an das Gute glaubt, der wird
es nie erleben.« Er verbeugte sich und sagte ironisch: »Sie haben
recht.«
Schreiben Sie mir, ich bitte Sie flehend: wer ist dieser Mensch, wie
kann ich mich vor ihm schützen? Er macht mich selbst unsicher. Ja,
ich wünschte, daß mein Gatte mich finden möge; ich betete zu Gott, daß
er seine Schritte zu mir führen möge; aber ich schwöre es Ihnen: ich
bin ihm nicht entgegengekommen. Seit dieser neuen Bekanntschaft muß
ich immer über mein Leben nachdenken, und überall finde ich Grund, mir
Vorwürfe zu machen. Ja bei seinem spöttischen Blick glaube ich nicht
mehr an das Gute in mir selbst; das einzige, was er mir nicht rauben
konnte, ist der Glaube an meinen Mann: aber ich fürchte, ihm wird er
alles nehmen.
8
Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.
Chateau Tournay, Mai 1750.
Den Brief von Frau de Saint-Cyr sende ich Ihnen mit verbindlichstem
Dank zurück. Ich habe in demselben freilich keine Veranlassung
gefunden, meine Ansichten über die Dame zu ändern; indessen hat mir
aber mein Porträt, das er enthielt, große Freude gemacht. Man erfährt
doch zu selten, wie man eigentlich ist. Besonders interessierte mich
der Bericht meines indiskreten Gespräches über Kinder, das ich, wie Sie
sich wohl gedacht haben, aufbrachte, um zu erfahren, bei welchem Teil
der Ehegatten der Wunsch nach Kinderlosigkeit vorhanden ist.
Ihrem eigenen Brief habe ich natürlich nichts hinzuzufügen. Nur möchte
ich doch noch einmal von der Beziehung Ihres jungen Vicomte zu Mlle.
de Villars sprechen. Ich schreibe sehr ernst; hielten mich nicht zur
Zeit ganz dringende Geschäfte hier fest, so würde ich nach Paris
reisen: wenigstens diese Angelegenheit wird mir nicht zum Lustspiel in
meiner Empfindung (Sie wissen, ich habe eine unüberwindliche Neigung,
das Tragische komisch zu finden: möchten Sie nicht die Kolombine in
meinem nächsten Lustspiel spielen? Es heißt »Der verliebte Dichter«).
Also: Sie werden nicht verstehen, was ich schreibe, vielleicht werden
Sie es wenigstens fühlen: Ich hasse die Unvernunft, ich hasse die
Unsittlichkeit, und ich bin an beide gekettet durch meine dichterische
Begabung; ich hasse diese dichterische Begabung, denn sie macht
den Menschen zu ihrem Werkzeug, der sie besitzt, sie zwingt ihn zu
Dingen, die er nicht will und nicht darf; ich hasse eine unvernünftige
und unsittliche Leidenschaft, die dem Mann vorgaukelt, er werde ein
vollkommenes Wesen erst durch eine notwendige Ergänzung. Ich will
eine vernünftige und sittliche Leidenschaft, bei der ich frei bin,
unabhängig von einem andern Menschen, von einer Mauer umgeben. Ist mein
Wille weniger mein Selbst wie meine Begabung? Meine Begabung ist es
weniger, denn mein Selbst ist nicht unvernünftig und nicht unsittlich,
ist nicht unterjocht durch etwas Fremdes, sondern ist frei -- frei,
hören Sie, Eugenie?
Ich habe mich sehr töricht gegen Sie benommen -- Sie meinen, weil ich
töricht bin? Glauben Sie, ich weiß nicht, wie man ein Weib nimmt?
Glauben Sie, ich wußte nicht, wie ich Sie hätte nehmen können, daß Sie
willenlos mir gegenüber wurden? Aber ich streife da an Dinge, die in
Wahrheit verhüllt werden sollten; denn wer auch die beiden Menschen
sein mögen, es ist etwas Heiliges um den Augenblick, wo das Weib, das
so lange verweigert hatte, begehrt. Seien Sie nicht wieder klein,
werden Sie nicht gekränkt darüber, daß ich den Augenblick empfand,
ihn nicht benutzte, und Ihnen das jetzt sogar noch sage; es ging
Furchtbares vor in mir; ich liebte Sie zu sehr, und ich haßte meine
Leidenschaft; Sie hätten mich damals schonen müssen, schonen Sie mich
wenigstens jetzt.
9
Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.
Paris, Juni 1750.
Geehrter Herr, ich fand gestern bei mir Ihre Karte vor. Wenn Sie
wünschen, wegen der mir zugewiesenen Rolle in Ihrem neuen Lustspiel
mit mir Rücksprache zu nehmen, so erwarte ich die Ehre Ihres Besuches,
zu dessen Annahme mich mein Beruf verpflichtet, morgen zu der Ihnen
bekannten Stunde. Sollten Sie wegen der Verlobung von Mlle. de Villars
mit Herrn Vicomte de Palafoy Näheres von mir zu erfahren wünschen, so
muß ich Ihnen schon jetzt mitteilen, daß die Nachricht mir selbst eine
völlige Überraschung war.
10
Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.
Paris, Juni 1750.
Liebe Freundin, ich liebe Sie mehr, wie ich Sie je geliebt, aber ich
sage Ihnen Lebewohl. Wenn ich nur an Sie denke, so fühle ich Glück,
aber ich muß mich von Ihnen trennen. Alles war ja Glück, was von Ihnen
kam, auch das, daß Sie ein Glück für mich zerstörten. In Ihnen habe ich
mich vergessen, und mein ganzes Leben habe ich mich danach gesehnt,
einmal, nur ein einziges Mal mich zu vergessen, mich, diesen grausamen
Tyrannen, der mich quält seit meiner frühesten Kindheit. Wissen Sie
noch, im Vorfrühling, im Anfang des März, als das verwesende Gras noch
auf dem Rain lag und noch keine jungen Spitzen waren, da sagte ich:
»Ich habe keine Scham vor Ihnen«; ich weiß nicht, ob ich es damals
nicht im Haß sagte, und sicher habe ich Sie später tief gehaßt darum,
daß ich das einmal sagte; aber gestern, als wir uns trennten, als ich
Ihre dunkle Treppe leise tastend hinabstieg, vorsichtig tastend Ihre
Haustür aufschloß, um den Pförtner nicht zu wecken: da erinnerte ich
mich plötzlich an diese Demütigung, diese tiefste Demütigung, die ich
je erlitt; und ich war Ihnen dankbar dafür und empfand Glück; denn ich
hatte mich verloren, selig verloren, wie eine Welle im wogenden Meer,
mein Ich war weit geworden.
Ich habe mein ganzes Leben dem Schicksal geflucht, das mich zum Dichter
machte, denn mir war die Kunst eine Qual, eine Krankheit, an der ich
litt, ein Alp, der mich bedrückte. Gestern empfand ich es, daß es ein
Glück sein kann, ein Dichter sein -- das Glück, das höchste Glück. Ich
wollte nicht mehr Welle sein, ich wollte das ganze Meer sein, alles
spiegeln: den blauen Himmel, den Mond, die Sterne, Ufer mit Bäumen
und den Zug der fliehenden Kraniche, alles spiegelnd in meiner Tiefe
bergen, eine Insel schaffen und die schmeichelnd umspülen. Meine Brust
hätte ich weit machen mögen, denn so viel Glück umschloß sie, daß sie
nun alle Leiden umschließen wollte; alles wollte ich fühlen, fühlend
alles genießen, die Leiden nicht weniger wie die Freuden.
War ich einmal hart gegen Sie, war ich grausam? Gegen mich war ich es,
und weil Sie schon in mir waren, war ich es gegen Sie. Habe ich gegen
Sie gekämpft? Gegen mich habe ich gekämpft, die junge Saat des Glückes
in mir ließ ich zertreten durch die rohen Hufe wilder Gedanken. Aber
heute fliegen meine Gedanken wie Tauben blitzend im Sonnenschein um
einen Kirchturm und ihre erstaunten Augen trinken die Weite, die sonnig
ist.
Wie ganz anders ist die Welt geworden! Ich wußte ja stets, daß sie ist,
was ich sehe; aber ich wußte es nur, ich glaubte es nicht. Ich war ja
steinern geworden; als Sie mir Emiliens Selbstmord erzählten, als Sie
mir aus ihrem Brief vorlasen, daß sie sich töte, weil sie fürchte, ihr
Mann könne beginnen, seine Liebe zu bereuen, da rief ich lachend:
»Ich glaube nur dem Menschen, ich zweifle an seinen Taten, mißtraue
seinen Worten, und traue nie seinen Empfindungen.« War das ich, der
das sagte? Habe ich Emiliens Schönheit nicht empfunden? Erst mußte ich
meinen Stolz vergessen, erst mich in meiner Liebe verlieren, erst mich
des Dichters freuen, bis mein Herz mitschlagen konnte bei Emiliens
Empfindungen.
Früher hätte ich gesagt: ein Dichter darf nicht vornehm sein, er muß
ein gemeiner Mensch sein; heute liebe ich den Buchenwald, in dem die
Zweige sich oben vereinen und eine weite Halle decken, die getragen
wird von befreundeten Stämmen; wie heiter ist diese leichte Halle,
wie glücklich geht das Reh -- und ich hasse den Fichtenwald und die
starren, himmelstrebenden Stämme; die jeder einzeln sein wollen und
sich wehren mit Nadeln; die zu einer Spitze aufragen.
Ja, ich weiß nun, was Glück ist, und ich bin zufrieden, daß ich es
einmal erfahren habe; es wäre doch merkwürdig: älter werden und
sterben, und wie ein Farbenblinder sterben kann ohne zu erfahren, daß
er nie die höchste Trunkenheit des Auges erfahren hat; zu sterben, ohne
wissen, was Glück ist.
Ich liebe Sie, denn Sie sind großmütig; glücklich bin ich, daß ich Sie
lieben darf. Wissen Sie noch, wie ich einmal weinen wollte in Ihrem
Schoß? Damals hatte ich Kampf. Heute möchte ich weinen vor Glück in
Ihrem Schoß; so glücklich bin ich, daß mir mein Herz weh tut -- eben
tat es weh, nun aber schwebe ich wie fliegend in der Luft, und die Erde
sinkt unter mir.
Aber ich muß Ihnen Lebewohl sagen, für immer Lebewohl. Fühlen Sie,
daß ich muß? Ach, Sie sind ein Weib und können es nicht fühlen: Sie
dürfen es nicht fühlen, denn sonst könnte ich Sie nicht lieben. Käme
ich nochmals zu Ihnen, öffnete Ihre Tür, Sie gingen mir entgegen mit
Freude auf Ihrem schönen Gesicht und mit ausgebreiteten Armen -- dann
müßte ich Sie hassen, denn ich würde mich als Unterjochter fühlen;
ich würde wieder den Gedanken in mir aufsteigen fühlen, Sie zu töten.
Spüren Sie, was ich meine? Ich kann mich nicht deutlicher ausdrücken;
aber Sie spüren ja, denn Sie haben ja mit mir gelitten, und daß Ihre
Seele wie eine gleichgestimmte Saite zart mitschwang bei meinen Tönen,
das war ja mein höchstes Glück. War es Demütigung gewesen? Jeden andern
Menschen müßte ich hassen, der mit mir litte, Sie liebe ich; aber ich
muß mich hüten, daß mein Gefühl nicht umschlägt, denn ich will diese
Liebe bewahren, und wenn ich einst weißhaarig bin und gebückt, dann
will ich sie noch empfinden, wie heute. Lassen Sie mich nicht auf den
Gedanken kommen, daß Sie, die ich empfinde, nur meine Empfindung sind;
daß in Wirklichkeit ein triumphierend lächelndes Weib eine sklavische
Huldigung annimmt; haben wir gegeneinander gekämpft, und bin ich
besiegt? Ich will solche Gedanken nicht haben, denn ich will Sie lieben
bis an das Ende meines Lebens. Es genügt ja für mich, daß ich einmal
geliebt habe, ich bin zufrieden, und wie ein Geizhals will ich täglich
meine Goldstücke zählen.
Leben Sie wohl -- nicht um meinetwillen allein, um Ihretwillen. Ich
will Sie behalten in meinem Geist, aber Sie sollen mich vergessen; Sie
sollen wieder glücklich sein, wieder vergessen und wieder glücklich
sein. Umarmen Sie einen neuen Vicomte de Palafoy; ich freue mich bei
dem Gedanken, daß Sie neues Glück genießen: Sie, die Wirklichkeit,
nicht meine Empfindung; denn Ihr wahres Ich ist gänzlich mein Werk; ich
habe es gedichtet und behalte es für mich allein; auch Sie selbst sehen
es nie mehr, Sie, die Wirklichkeit; in ewiger Jugend wird es bei mir
leben.
11
Herr de Saint-Cyr an Mlle. Eugenie Chabert.
Chateau Anmey, September 1750.
Verehrtes Fräulein, ich bin glücklich, Ihnen endlich durch eine kleine
Gefälligkeit ein Zeichen meines dankbaren Sinnes geben zu können; meine
geliebte Gattin, der Sie in den schwersten Zeiten ihres Lebens mit
solcher Güte zur Seite standen, dachte täglich an Sie; und seit ihrem
frühzeitigen Tode durch jenen entsetzlichen Unfall hat sie mir ihre
Gesinnungen fast wie eine Erbschaft hinterlassen; denn in Wahrheit,
hätte ich nicht Ihre tröstenden Briefe empfangen, ich wüßte nicht,
wie ich die ersten Zeiten meines Schmerzes überstanden hätte, eines
Schmerzes, der nicht frei von Selbstvorwürfen war; denn ich hätte sie,
die sonst so sanft und gefügig war, vielleicht durch inständigeres
Bitten abgehalten, das unglückselige Pferd zu besteigen, dem ihre
Reitkunst nicht gewachsen war.
Heute hatte ich endlich eine Unterredung mit Herrn de Voisenon. Auf
Ihren Wunsch faßte ich Mut zu der indiskreten Frage, was ihn, den ich
sonst als spielenden Skeptiker kannte, als einen Philosophen, dessen
freundlicher Gleichmut durch nichts zu erschüttern war und den gewiß
nie ein Gefühl zu übermannen vermochte, dessen selbstlose Güte ihm
gewiß nie erlaubt hat, irgendeinem Menschen Böses zuzufügen, der nicht
einmal einem böswilligen Dienstboten ein hartes Wort sagen konnte
-- was ihn, wenn es weder Frömmigkeit, noch Weltüberdruß, noch Reue
war, denn veranlassen konnte, sich dergestalt von allen Menschen
zurückzuziehen und wie ein Asket zwischen Büchern und Papieren in
einem ärmlichen Stübchen zu leben. Er sah mich mit seinem gütigen und
liebenswürdigen Lächeln an und erwiderte: »Wenn die Kämpfe, die wir
gegen uns selbst führen, allzugefährlich werden, so ist es gut, unserer
Kriegslust ein neues Ziel zu setzen.« Mehr vermochte ich nicht von
ihm zu erfahren. Er schien an einem großen Werk zu arbeiten; ich sah
Zeichnungen von Kriegsmaschinen auf seinem Tisch; er vermied es aber,
von seiner Beschäftigung zu sprechen.
Eine Weile dachte ich, daß vielleicht sein körperlicher Fehler, der ihn
verhinderte, nach seinem Lieblingswunsch Soldat zu werden, die Ursache
seiner eigentümlichen Lebensweise sei. Aber ich gab diesen Gedanken
auf, als ich ihn sah, wie er mit einer sonderbaren Zärtlichkeit eine
späte Rose berührte, die er in einem Blumenscherben im Fenster stehen
hatte. Vielleicht war seine Seele zu weich geschaffen, und er hat
allzujugendlich, trotz seiner bereits männlichen Jahre, irgendeine
zufällige trübe Erfahrung mit Menschen verallgemeinert. Solche
Verallgemeinerungen sind gewiß ein Unrecht, das wir an der Menschheit
begehen, denn im Grunde sind doch alle Menschen gut, mögen sie auch oft
anders scheinen; aber wer könnte einer so zarten und feinen Empfindung
einen Vorwurf machen?
Daß Sie solches Interesse für den Freund von Emiliens Gatten nehmen,
ist mir ein neues Zeichen für die reine Güte Ihrer Seele; seien Sie
versichert, daß Ihnen mein Herz immer erkenntlich sein wird.
Aus den Aufzeichnungen des Musikers
Ich lebte in Berlin in der Philippstraße bei derselben Wirtin mit
einem etwa dreißigjährigen Arzt, der Assistent in einer der großen
Kliniken war. Man kann jahrelang Wand an Wand mit jemandem wohnen,
ohne ihn kennen zu lernen; unsere gemeinsame Wirtin, eine brave
Berlinerin aus dem bessern Mittelstande, hatte uns aber eines Morgens,
als sie uns beiden den Kaffee brachte, miteinander bekannt gemacht,
indem sie uns in ihre Stube rief, das sogenannte Berliner Zimmer
der Wohnung mit einem lederbezogenen Schlafsopha und einem bunten
Velourteppich, der jeden Abend getreu zusammengerollt wurde; und unter
dem merkwürdigen Lobe, daß sie so »anständige Herrn« noch nie gehabt
habe, uns gegenseitig vorstellte. Wir lebten beide allein, fast ohne
jeden Verkehr, wie das so in der Großstadt möglich ist, und wiewohl wir
uns kaum viel zu erzählen hatten, sprachen wir doch oft miteinander
bei gelegentlichem Begegnen auf der Treppe oder wenn einer den andern
abends um irgend ein gefälliges Aushelfen bat.
An einem Morgen teilte mir die Wirtin kopfschüttelnd mit, daß mein
Nachbar krank sei. Ihr merkwürdiger Gesichtsausdruck fiel mir wohl
auf, aber ich fragte nicht weiter; gegen Mittag klopfte ich bei ihm
an, um ihm einen kurzen Besuch zu machen und ihn zu fragen, ob ich ihm
vielleicht etwas besorgen dürfe.
Er lag mit großen fiebrigen Augen im Bett. Als ich ihm die Hand bot,
hielt er mich einen Augenblick lang fest; nur einen kurzen Augenblick
lang; aber ich spürte, daß dieser verschlossene und einsame Mensch das
Bedürfnis nach einem anderen Menschen hatte. So sagte ich ihm denn,
nachdem wir die gewöhnlichen Redensarten gewechselt hatten und die
bekannte Pause entstanden war, indem ich mich verabschiedete, ich werde
am Nachmittag wiederkommen. Er nickte, indem er mich eigentümlich mit
sehnsüchtigem Blick aus verzehrten Augen ansah, und hielt wieder meine
Hand sonderbar fest. Sein Kopf mit dem dünnen, hellblonden Haar,
blassen schmalen Lippen und spärlichem, blondem Schnurrbärtchen sah
sehr krank aus auf dem weißen Kissen. Als ich die ausgetretene und
schmutzige Treppe hinunterging, wurde mir klar: er wird sterben und
will mir etwas anvertrauen, da er sonst keinen Menschen kennt.
Wie ich ihm versprochen, ging ich am Nachmittag wieder zu ihm. Er
ergriff meine Hand und lenkte mich ohne weiteres auf den Stuhl, der
neben dem Bett stand; er zeigte mir ein Heft in blauem Umschlag, in
dem er mit Bleistift geschrieben hatte und sagte mir: »das ist mein
Krankheitsbericht, der ist sehr wichtig, denn ich mache ein Experiment
mit mir.« Er bat mich, für den Fall seines Todes das Heft einem
Gelehrten zu übergeben, den er mir nannte. Dann begann er unvermittelt
zu erzählen.
»Vor fünf Jahren hatte ich eine heftige Furcht vor der Einsamkeit.
Ich ging abends in eine Kneipe, zuweilen auch in ein Tanzlokal. Sie
können mir glauben, daß mir die Menschen dort zuwider waren, aber
ich war krank durch das Alleinsein und mußte Menschen sehen. In einem
Tanzlokal in Halensee lernte ich ein Mädchen kennen, eine Näherin in
einem Wäschegeschäft. Ich hatte mich durch Zufall an den Tisch gesetzt,
an dem sie saß; sie war allein gleich mir und machte den Eindruck,
daß sie sich das erstemal hier befand. Sie war siebzehnjährig und
trug ein verwachsenes schwarzes Kleid, das von der Beerdigung ihrer
Mutter stammte. Ihr Vater war schon sehr lange tot, und sie lebte
in Schlafstelle bei Leuten, vor denen sie Furcht hatte. Sie schien
überhaupt in beständiger Furcht zu leben, sie hatte ein sanftes und
schönes Gesicht und einen unentwickelten Körper. Hierher war sie
gekommen, wie sie sagte, um ihr Leben zu genießen, weil sie jung
sei, aber sie fürchtete sich vor den Männern und meinte, daß man sie
schlagen werde. Sie konnte nicht tanzen und wußte selbst nicht, was sie
eigentlich hier erwartet hatte, nur, daß sie unbestimmt hoffte, daß sie
die Bekanntschaft eines »gebildeten Herrn« wie sie sich ausdrückte,
machen könne.
Ich empfand Mitgefühl und Zuneigung. Sie sprach ein ganz reines
Deutsch, ohne den mir widerwärtigen Berliner Klang und Fall. Als wir
aufbrachen, nahm sie meinen Arm, wie wenn das selbstverständlich wäre.
Nachdem wir uns auf eine Verabredung am nächsten Tag noch einmal
getroffen hatten, wurde sie meine Geliebte. Sie war zärtlich, sanft und
gut. Einmal weinte sie und sagte: »Wenn du mich heiraten könntest, dann
wollte ich dir eine gute Frau sein, und du solltest es immer ordentlich
im Hause haben; aber das ist ja unmöglich, deshalb will ich ein paar
Monate lang glücklich sein.« Sie empfand, daß ihre zerstochenen Finger
mir mißfielen, deshalb entzog sie mir sie, soweit es nur möglich war,
mit merkwürdig zartfühlenden Ausreden.«
Hier schwieg mein Bekannter, und zwei runde volle Tränen rollten
langsam über sein verarbeitetes und krankes Gesicht. Er sagte: »Ich
schämte mich des Gefühls, das ich wegen der Finger hatte und wollte es
bezwingen; aber sie merkte es doch; und ich hätte es ihr nicht übel
nehmen können, wenn sie ungehalten gewesen wäre, denn sie gab mir
alles, +ich+ aber nahm nur; aber sie demütigte sich. Das ist so einer
von den Stacheln, die ich im Gewissen habe, den ich auch heute noch
nicht entfernen kann. Es ist etwas Furchtbares um die Liebe; wenn sie
uns nicht edler macht, so macht sie uns schlechter, auch gegen unsern
Willen; und in den meisten Fällen wird es bei einem Liebesverhältnis
so sein, daß der eine Teil besser wird und der andere schlechter; denn
dieses Gemeine ist im Menschen verborgen, daß er Güte mißbrauchen muß.«
Er wollte wohl Einzelheiten aus der Geschichte dieser Liebe erzählen,
aber nach verschiedenen Ansätzen verstummte er immer wieder und sagte:
»Ich muß mich schämen.« Nur eine Geschichte erzählte er: »Ich fuhr
mit ihr an einem Sonntag aus der Stadt heraus, wir gingen durch den
Wald und über eine Wiese. Vor einem Marienblümchen blieb sie stehen,
breitete die Arme aus gegen den Himmel und rief: Ich habe noch nie eine
Blume gesehen.«
»Nach einigen Monaten veränderte sie ihr Wesen in auffälliger Weise.
Ich verstand das nicht, wie denn Männer in solchen Fällen oft wenig
einsichtsvoll sind, dachte, daß sie meiner überdrüssig sei oder eine
andere Liebe im Sinne habe und sich von mir trennen wolle. Was wir in
einem solchen Fall empfinden, ist wohl eine gereizte Eitelkeit, der
wir irgend einen besseren Namen unterlegen; und Eitelkeit verführt
uns mehr wie andere Leidenschaften zu Roheit. So kam es, daß ich mich
oft häßlich gegen sie betragen habe. Was nun geschah, erfuhr ich erst
später.
Sie ging an einem Abend außerhalb der Stadt die Bahnlinie entlang,
weinend und mit einem halb gefaßten Entschluß. Da begegnete ihr ein
Streckenarbeiter, der nach Hause ging von seiner Arbeit. Er redete
sie an, daß der Weg verboten sei wegen der Gefahr. Sie wickelte sich
fester in ihr Kopftuch, weinte leise und ging weiter. Der Mann spürte,
welches ihre Absicht war, kehrte um, faßte ihre Hand und fragte mit
freundlicher Stimme, welchen Grund sie doch habe, daß sie sich töten
wolle. Sie antwortete, daß sie eine Liebe habe mit einem Herrn und ein
Kind erwarte und nicht wisse, was sie tun solle. Da ging er weiter mit
ihr zusammen, und sie erzählte ihm alles und sagte ihm auch, daß sie
mich lieb habe; aber sie habe ja von Anfang an gewußt, daß das alles
keinen Bestand haben könne. Und früher habe sie geglaubt, sie wolle
so lange glücklich sein, wie das Glück anhalte, und dann wolle sie so
weiter leben; und auch, daß sie ein Kind bekommen könne, habe ihr keine
weiteren Sorgen gemacht; denn das geschehe doch oft, daß ein Mädchen
ein Kind habe, und sie habe gedacht, daß sie es zu einer Frau geben
werde, und soviel verdiene sie schon, daß sie den Unterhalt bezahlen
könne. Aber nun verspüre sie eine Liebe zu ihrem künftigen Kinde, und
es tue ihr weh, daß das so schlecht aufwachsen solle. Deshalb wolle
sie jetzt mit ihm sterben, solange es noch kein Mensch sei; denn wenn
es erst geboren sei, dann würde sie nicht mehr die Kraft haben, sich
selber und das Kind zu töten.