Anmerkungen zur Transkription
Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
Buches.
Der
Tod des
~COSIMO~
von Paul Ernst
[Illustration: 1913]
Viertes bis sechstes Tausend
Bei Meyer & Jessen / Berlin
Der Tod des Cosimo
Es war in den Tagen, da Cosimo de Medici starb, welcher der Vater des
Vaterlandes genannt wurde, daß die Bürger von Florenz blindlings dem
Willen Savonarolas gehorchten. Wie das alles so gekommen, war keinem
recht klar; Savonarola hatte schon lange von der Buße gepredigt und von
dem Tage des Gerichtes, und allmählich hatten ihm immer mehr Menschen
geglaubt, zuerst die Frauen und endlich auch die Männer. Nun zitterten
alle, wenn sie dachten, daß er predigen würde, und wiewohl sie eine
heftige Furcht vor seinen Worten hatten, gingen sie doch zu jeder neuen
Predigt, um jede neue Last aufzunehmen, die er ihnen aufladen wollte.
Auf der Piazza Signoria hatte er einen großen Scheiterhaufen errichtet,
zu dem brachte ein jeder, was ihm das Teuerste war, um es zu opfern.
Der Scheiterhaufen schwelte, und nur ab und zu kamen kleine Flammen
an ihm hochgezüngelt. Der Wind trieb den Rauch nach der Seite des
Arno zu. Auf der anderen Seite stand auf einem Stuhl, der ihm als
Rednertribüne gedient hatte, Savonarola. Er hatte die Arme vor dem Leib
gekreuzt, die Hände in den Ärmeln der weißen Kutte und sah mit seinen
scharfen Blicken über die Menschen, die sich lautlos drängten.
Auf der Spitze des Scheiterhaufens war ein großes Bild: eine Venus
von Botticelli, in breitem, geschnitztem Rahmen; aufrecht war es
und wurde zufällig in seiner Lage gehalten durch die regellos
übereinandergeworfenen Gegenstände: eingelegte Tischchen, gold- und
purpurgewebte Kleider, Fläschchen aus Kristall, Bilder, schönbemalte
Kästchen, welche Schmuck enthielten, eine große goldene Kette mit
prächtiger Schaumünze, Bücher und, als Gabe eines ganz Armen, ein
elendes Bett.
So still war die Menge, daß man das Knistern, Knacken und Fauchen des
Feuers hörte. Zuweilen teilte sie sich leise, und ein Mensch trat vor,
der etwas zu dem Haufen warf.
So trat ein vornehmes Weib vor, das in der Reife ihrer Schönheit stand
mit etwa fünfunddreißig Jahren, mit stolzem Nacken und festem Gang. Sie
löste sich eine Perlenkette vom Hals, küßte sie noch einmal und legte
sie zu den Opfergaben. Ein Jüngling wendete sein Gesicht ab und weinte,
der erste Flaum färbte ihm die Wangen dunkler. Eine spitze Flamme kam
plötzlich aus der Mitte des Scheiterhaufens weit heraus, einiges geriet
ins Gleiten, das Venusbild schwankte und schlug dann um, gerade auf die
Flamme. Ein Mann seufzte tief auf, es war Botticelli selbst.
Cosimos Sterbebett stand in dem großen Saal, dessen drei rundbogige
Fenster auf den Platz hinausgingen, denn er hatte Beklemmungen des
Herzens und mußte einen großen Raum um sich empfinden. Unheimlich drang
Unverständliches von unten zu ihm und machte ihn unruhig; denn er
hatte Savonarola geschont, um ihn gegen den Papst zu verwenden, aber
fürchtete immer, daß er einen Aufruhr entfachen werde.
So erhob er sich langsam vom Bett, ließ sich die Schuhe vom Diener
anziehen und schlich an das Fenster. Schon begannen ihm die Augen zu
versagen, und mehr der Verstand zeigte ihm, was unten geschah, als der
Blick. Das fiel ihm auf, und wie zahnlose alte Leute tun, murmelte er
etwas; es war darüber, daß das Innere länger lebte als das Äußere.
Der alte Diener mußte ihm um die Hüften greifen, und er selbst legte
seinen Arm über des Dieners Nacken. So schleppte er sich schlürfend
zu einem Schrank. Schwerfällig zog er ein Schlüsselbund aus der
Tasche und prüfte mit den Fingern, bis er den richtigen Schlüssel
gefunden hatte, dann ließ er sich vom Diener die Finger führen, bis
er das Schlüsselloch fand. Die Tür ging mit leisem Ächzen auf, und
Häufchen Holzmehl lagen inwendig, und ein dumpfer Modergeruch kam aus
dem Dunkeln. Dann suchte er mit den zitternden Fingern den zweiten
Schlüssel und ließ sich die Hand zu dem Schlüsselloch des Schubkastens
führen. Er zog ihn ganz heraus, dann tastete er im Auszug, suchte
die Feder, die Feder sprang, und ein geheimes Kästchen zeigte sich.
In dem lag ein kleiner Ring auf rotem Samt. Es war ein dünner
Goldreif, der einen blauen, goldgetupften Stein hielt; in dem war ein
Schmetterling eingeschnitten; es war ein antikes Stück aus den Zeiten
des römischen Heidentums. Schon war Cosimos Hand schweißbedeckt durch
die Anstrengung. Mit unsicherem Griff drückte er das Kästchen wieder
zurück, daß die Feder einschnappte, dann paßte der Diener das Schubfach
in den Auszug und schob es hinein. Cosimo drehte den Schlüssel um, der
Diener schlug die Tür des Schrankes zu und führte wieder die Hand mit
dem Schlüssel zum Schlüsselloch. Cosimo schloß, zog den Schlüssel ab
und ließ das Bund wieder in die Tasche gleiten. Den Ring hielt er fest
mit Daumen und Ringfinger der linken Hand.
Nun ging er aus dem Saal, geführt und getragen von dem Diener, und
stieg Stufe für Stufe die Treppe nieder, und ging über den Vorplatz,
und trat aus der Tür. Die Menge wich schweigend auseinander und machte
ihm einen Weg frei. Er schleppte sich zu dem Scheiterhaufen, erhob die
linke Hand zu halber Höhe, und warf, mit ungeschickter Bewegung durch
die Schwäche, den Ring zu dem Haufen. Dann wendete er sich und ging so
zurück, wie er gekommen war.
* * * * *
Vor langen Jahren, als Cosimo noch ein unbärtiger Jüngling war, dessen
Hände noch nicht zitterten und dessen Augen scharf sahen, ging er einst
lustwandeln und disputieren mit Savonarola und einem anderen jungen
Mönch, einem Maler, der später der Fra Beato oder Angelico genannt
wurde. Die drei Freunde stiegen den Weg nach Fiesole in die Höhe
zwischen hohen Gartenmauern, über welche sich gelbe Rosen hängten. Wie
sie bei San Domenico angekommen waren, kam ihnen Lucrezia entgegen,
die junge und schöne Frau eines entfernten Vetters der Medici, zu der
Cosimo eine unerwiderte Liebe hegte. Sie trug mit zwei Fingern einen
hohen Lilienstengel, auf dem die Blüten standen. Sie ging mit raschem
Gang, daß ihr blaues Gewand hinter ihr in einem schönen Bogen schlug.
Wie sie vor den Dreien angekommen war, zeigte sie ihnen ihren Fund: in
der Erde hatte seit undenklichen Zeiten ein Ring gelegen; durch einen
Zufall war die Lilie durch ihn hindurchgewachsen und hatte ihn gehoben,
sodaß er nun in der Mitte des Stengels lag, auf einem der schmalen
Blätter. Der Ring umschloß einen dunkelblauen Stein mit Goldflimmern,
auf welchem ein Falter eingeschnitten war.
Savonarola sagte: »Der Schmetterling entsteht am Morgen aus der toten
Puppe, und einen Tag hat er zu flattern. Der Weg der Sonne ist für ihn
das Maß seines Lebens. Er denkt, daß für ihn die Blumen gewachsen sind
und der Berg sich hochzieht, und wenn er abends auf den kalten Erdboden
fällt, so ist die Welt tot. Und wenn wir Menschen auch achtzig Jahre
leben und denken, alles ist für uns da, und uns muß alles gehorchen,
so leben wir doch nicht länger wie der Schmetterling. Deshalb war
er unseren Vorfahren ein Sinnbild der Vergänglichkeit. Aber ruhiger
kann er leben wie wir, denn er weiß seine Stunde, denn die ist, wenn
die Sonne sinkt. Wir aber, wir leben, wie es geschrieben steht, und
+wissen+ die Stunde nicht.« Und er betonte das: wissen. »Deshalb ist
es ein Furchtbares um diesen geschnittenen Stein, der tausend Jahre in
der Erde geruht hat und nun aufersteht, wie der Schmetterling aus der
Hülse. So nimm ihn und vergrabe ihn wieder, damit er weiter ruht, mit
allem Andenken an seinen alten Herrn und an dich, die ihn nun von neuem
betrachtet hat.«
Fra Beato sagte: »Der Schmetterling wird geboren am Morgen und muß
sterben am Abend, ihm sind seine Stunden gezählt. Aber Menschen sah
ich sterben, die zwanzig Jahre gelebt hatten und in der Zeit ihren Weg
durcheilten, und Menschen, die achtzig Jahre brauchten, um an ihr Ziel
zu kommen. Deshalb müssen wir glücklicher sein wie der Schmetterling,
denn wir, wir wissen die +Stunde+ nicht«; und er betonte das: Stunde;
»denn es wäre ein Unrecht gegen unsern gütigen Gott, wenn wir uns nicht
jeder Blume gefreut hätten, weil wir etwa dachten: noch viele Jahre
haben wir vor uns, in denen wir sie umflattern können. Deshalb ist
der Schmetterling ein Sinnbild des Glückes, weil er unschuldig alles
Glück genießt. So ist es etwas Wundervolles um diesen Trost und die
Ermahnung, die nach tausend Jahren aus der toten Erde zu uns kommt. Gib
mir den Ring, Lucrezia. Ich will dich auf meinem Bilde darstellen als
den Engel der Verkündigung, der die Lilie in der Hand trägt; und unter
dem Bild in einem Kästchen will ich den Ring aufbewahren, der so schön
gesprochen hat: Freue dich.«
Cosimo sagte: »Die Raupe starb, und es ward die Puppe, und als
die Puppe starb, ward der Falter. Deshalb ist er ein Sinnbild der
Auferstehung. Und wir wissen nur nicht, was sein wird, wenn der Falter
stirbt. Aber alles das geschieht, weil es so geschehen muß, ohne unsern
Willen, ohne Verdienen, ohne Verschulden. Auch wir werden sterben,
und das ist alles ein ewiger Kreislauf, deshalb wollen wir gleichmütig
sein; denn wir, wir wissen die Stunde +nicht+.« Und er betonte das:
nicht. »Deshalb gib mir den Ring, Lucrezia.« Und er griff nach der
Lilie und nahm sie und wollte Lucrezia küssen; sie aber schrie auf, riß
sich los und eilte den Berg hinab.
* * * * *
Savonarola und Fra Beato waren zu dem sterbenden Cosimo gerufen. Sie
standen vor seinem Bett.
Savonarola sprach: »Du hast in Gewalttätigkeit, Trug und Hinterlist
gelebt, denn du wolltest, dir soll alles gehorchen. Als du ein Jüngling
warst, da waren die Florentiner freie Bürger, du hast sie zu deinen
Sklaven gemacht. Viele Menschen hast du gemordet; aber schlimmer wie
die Morde war es, daß du Freie zu Sklaven gemacht hast, denn du hast
die Seelen erniedrigt. Laß von deinem Wahn der Herrschaft, gib dem
Volk die Freiheit wieder, denn noch kannst du es und kannst vieles
gut machen, denn noch bist du im Leben, und wir +wissen+ die Stunde
nicht.« Und wieder betonte er das: wissen.
Cosimo lag mit dem Gesicht zur Wand gekehrt; lange lag er so; dann
drehte er sich langsam herum und sah Savonarola in das furchtbare
Antlitz, und ein kluges Lächeln huschte über sein müdes Gesicht, und
er sprach: »Savonarola, auch du hast in Gewalttätigkeit gelebt, auch
du hast oft anders gesprochen, als du dachtest, denn du hattest immer
im Auge, was du dein Ziel nanntest: nämlich, daß dir alle gehorchen
sollen. Savonarola, Savonarola, du hast mehr Seelen erniedrigt wie ich,
denn ich machte die Menschen unfrei gegen ihren Willen, du aber hast
sie mit ihrem Willen zu deinen Sklaven gemacht. Aber ich will dich
nicht vermahnen, denn du warst notwendig, wie ich notwendig war, und
nur Gott weiß, weshalb wir so sein mußten, wir aber, wir wissen die
Stunde +nicht+.« Und wieder betonte er das: nicht.
Da sprach Fra Beato: »Mir hat Gott das höchste Glück verliehen, nämlich
die Freiheit, und nicht nur für mich gab er sie, sondern er gab mir
auch, daß ich alle Menschen frei machen kann, die zu mir kommen. Das
aber tat er, indem er mich zu einem Knecht der Schönheit machte. Wie
ein Schmetterling habe ich gelebt, und jeder Tag meines Lebens war
mir so lang wie ein ganzes Menschenleben, und alles Glück habe ich in
mir, denn Schönheit ist Glück. Mitleid habe ich stets für dich gehabt,
Cosimo; denn ein Herrscher muß einen andern Menschen aus sich bilden
neben sich selbst, der hält ihn in Gefängnis und Ketten. Und noch
größeres Mitleid hatte ich mit dir, Savonarola; denn Cosimos wahrer
Mensch lebte wenigstens noch, wenn auch in Banden, und er hatte die
Erinnerung an Jugend, Liebe und Sonne; aber du hast einen solchen
andern Menschen aus dir bilden müssen, der dich selbst, deinen wahren
Menschen, ermordete. Ich aber bin noch, der ich war, und ich freue
mich, daß ich der sein werde bis zu der Stunde, denn deshalb war ich
ja immer freudig, weil ich Gottes Willen mit mir erfüllen wollte, der
war: ich soll immer freudig sein, denn wir, wir wissen ja die +Stunde+
nicht.« Und wieder betonte er das: Stunde.
Savonarola stand stolz da, dann ging er aus der Tür, ohne Abschied;
Cosimo aber hielt seine Hände vor das Gesicht und weinte. Seine Hände
waren sehr fest gewesen.
Der Dichter und die Schauspielerin
Eine Novelle in Briefen
1
Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.
Paris, April 1750.
Lieber Freund: Darf ich Sie noch so anreden nach den harten Worten,
die wir gewechselt haben, ehe Sie von Paris abreisten; noch mehr: darf
ich die acht Tage gänzlich aus meinem Gedächtnis entfernen, in denen
unser Verhältnis plötzlich so ganz anders erschien; und wäre es Ihnen
möglich, auf den Vorschlag einzugehen: daß alles zwischen uns wieder so
sein soll, wie es in den Monaten vor jener stürmischen Woche war?
Ich verlange vielleicht viel. Aber Sie werden mir gewiß glauben, daß
die Erfüllung meines Wunsches mich ebensoviel Überwindung der Scham
kostet wie Sie -- vielleicht noch mehr, da ich Weib bin -- und daß ich
ihn nur ausspreche, weil ich denke: auch Ihnen wird seine Erfüllung
etwas sein. Wir sind ja beide einsam in der Welt: Sie auf Ihrem
stillen Stübchen und ich inmitten der vielen Menschen, welche mich
umdrängen. Sie haben sich wohl nie falsche Begriffe über das Leben
gemacht; mir wurde erst klar durch Sie, daß ich immer allein gewesen,
wie mir seit unserer Trennung klar wurde, welches Glück mir Ihre
Freundschaft bereitete. Es war ein merkwürdiges Glück, denn es entstand
nicht durch das, was Sie mir gaben, wiewohl das kostbar genug war,
sondern dadurch, daß ich selbst mich plötzlich reich fühlte, daß ich
geben konnte, und Dinge geben, von denen ich vorher nie gewußt hatte,
daß ich sie besaß.
Seit Sie mich verlassen haben, bin ich wieder arm geworden, so arm,
daß selbst die Erinnerung an meinen vorigen Reichtum mir unglaublich
wird, und daß ich mich oft frage: waren das Diamanten, was du damals
besaßest, waren es nicht dieselben armseligen Kirschsteine, die du nun
hast? Sie sagten mir in jener Zeit einmal, daß auch Sie neue Schätze
in sich entdeckten, und Sie glaubten in jenen Tagen, daß der Dichter
die Schauspielerin brauche wie die Schauspielerin den Dichter. Wir
sprachen von dem Ausdruck von Empfindungen durch die Haltung des
Nackens, und Sie erzählten mir, wie Ihnen lange gesuchte Worte gekommen
seien durch eine plötzliche Wendung des Kopfes, die ich bei einer
Ihrer Bemerkungen machte. Gewiß erinnern Sie sich noch. Sie erzählten
noch manches, was ich nicht verstand -- ich verstehe es auch jetzt
noch nicht -- aber es machte mir eine merkwürdige Freude: daß für
den Dichter das Leben eine schwere Last sei durch den Kampf zwischen
Schamlosigkeit und Stolz, und daß die Leichtigkeit meiner Füße Ihr
Leben leichter mache.
Sie sehen: wenn ich an diese Erinnerungen komme, so werde ich
geschwätzig. Aber ich darf in diesem Briefe einen solchen Ton nicht
anschlagen. Ich bitte Sie um eine Gunst: Sie sollen mein Vertrauter
sein, vielleicht mein Ratgeber -- ich habe ja niemanden in der Welt,
dem ich mich vertrauen kann, wie Sie, Sie, den ich so sehr gekränkt
habe. Aber Sie müssen mich anhören, denn erst durch Sie habe ich die
Notwendigkeit kennen gelernt, zu sprechen -- wissen Sie noch, was
wir »sprechen« nannten, damals! -- und klar zu werden durch einen
Wiederhall. Ein Wort von Ihnen läßt mich nicht mehr ruhen. Sie sagten:
»Künstler sein heißt Lügner sein -- Sie sind glücklich, daß Sie das
nicht begreifen.« Ich habe es begriffen, ganz ernst spreche ich, ich
habe es begriffen; vielleicht verstehe ich heute manches mehr von Ihrem
Betragen in der letzten Zeit, von meinem eigenen Betragen: weshalb
empfand ich plötzliche Leere? Aber was sind denn die andern Menschen,
wenn wir Lügner sind?
-- Ich hatte bis hierher geschrieben; aus einem Gefühl der Unruhe
las ich meine Sätze wieder durch, und ich finde, daß ich in einem
Hauptpunkte mich falsch ausgedrückt habe: nicht ich habe Sie, sondern
Sie haben mich gekränkt. Ich bot Ihnen ein Herz an -- was machten Sie
mit meinem Herzen? Aber ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, darf
sie nicht machen; nur: schreiben Sie mir eine Zeile, daß ich Ihnen
meine Mitteilung machen darf, daß Sie mein Vertrauen ehren und in
Freundschaft aufnehmen wollen.
2
Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.
Chateau Tournay, April 1750.
Ich habe lange darüber nachgedacht: insoweit man von Schuld sprechen
kann bei unserer Trennung, auf wessen Seite lag denn die Schuld? Aber
ich bin zu dem Ende gekommen, daß das eine unlösbare Frage ist. Als
wir zusammen waren, entstand ein Neues zwischen uns Beiden, das weder
Sie waren noch ich -- das auch nicht einmal Züge von uns Beiden hatte,
sondern es war ganz neu entstanden. Und wie das mit dem Glück war, so
war das nachher auch mit dem Streit und mit dem Auseinandergehen: es
war ein neues Wesen zwischen uns entstanden, das uns trennte.
Von Herzen danke ich Ihnen für Ihren Brief. Er beweist, was er zwar
mir nicht beweisen mußte, daß Sie groß denken: dafür danke ich Ihnen,
daß Sie das vermögen, wie ich Ihnen immer dankbar bin dafür, daß Sie
sind. Erzählen Sie mir, was Ihnen auf der Seele liegt; ich werde Ihre
Worte treu aufnehmen. Vielleicht gibt Ihnen das eine gewisse Beruhigung
in der Aufregung, in welcher Sie sich offenbar jetzt befinden, daß
Sie zu einem Mann sprechen können wie zu einem Fremden, der ein
Beichtvater ist: nicht wahr, Sie wissen, daß Sie nicht mehr von mir
erwarten dürfen, wie einen Fremden, einen sehr gütigen Fremden, der
ein Beichtvater ist? Als wir uns trennten, sagte ich Ihnen: »Ich werde
immer Güte fühlen gegen Sie«; auch das haben Sie gewiß nicht vergessen,
denn als ich es Ihnen sagte, wollte ich, daß Sie es in Ihrem Sinn
behalten sollten.
Ich schließe mit den Worten, mit denen Sie Ihren Brief beginnen: Liebe
Freundin.
3
Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.
Paris, April 1750.
Lieber Freund, hier ist meine Erzählung. Vor etwa vier Wochen erhielt
ich einen seltsamen Brief von einem mir unbekannten Vicomte de Palafoy.
Der Schreiber hatte mich am Abend in einer großen Rolle gesehen -- die
Sie gewiß ahnen, die mir sehr teuer ist Ihretwegen -- und hatte, nach
seiner Darstellung, einen sehr tiefen Eindruck gewonnen. Er erzählte,
daß er noch sehr jung sei und eben den Nachmittag erst in Paris
eingetroffen sei. Meine Darstellung der edlen und schönen Empfindungen,
welche die Heldin des Stückes habe (merkwürdig, daß der junge Mann
in seiner Begeisterung doch den Unterschied zwischen den Worten des
Dichters und der Darstellung machte, den die meisten unserer Verehrer
vergessen; ein Zeichen für seine Intelligenz) -- werde bestimmend für
sein ganzes Leben sein. Der weitere Inhalt des Briefes kann Sie nicht
interessieren.
Ich empfand den Wunsch, den Briefschreiber selbst kennen zu lernen. Es
stellte sich mir ein wirklich sehr junger Mann vor. Um die äußern Dinge
gleich mitzuteilen: er treibt hier wissenschaftliche Studien, ist sehr
reich und sehr vornehm und völlig sein eigener Herr, da beide Eltern
tot sind.
Lieber Freund, es soll zwischen uns die größte Offenheit herrschen,
nicht wahr? Sie wissen, welchen Teil in meiner Seele Sie einnehmen:
nie wird jemand Sie aus diesem Besitz verdrängen können. Aber dieser
achtzehnjährige Vicomte hat noch ein neues Land in mir entdeckt. Ich
glaube Ihr skeptisches Lächeln zu sehen, aber Sie haben unrecht: ich
habe die Schönheit der Tugend empfunden. Mein Ausdruck ist schlecht.
Er sagte einmal: er werde am nächsten Abend zu einer bestimmten Stunde
einen Stern ansehen, den er mir zeigte; ich solle zu derselben Zeit
meine Blicke fest auf den Stern heften und wir würden dann glücklich
sein, indem wir empfinden, daß unser gereinigtes Ich sich auf jenem
Stern treffe.
Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich selbst, wie lächerlich
ich mich Ihnen zeige. Könnte ich mich ausdrücken -- ach, gerade Ihnen
gegenüber kann ich mich nicht ausdrücken! Ihnen habe ich einmal
gesagt: Ehe ich Ihre Freundschaft hatte, habe ich mich selbst nicht
gekannt. Und ich habe dasselbe dem jungen Vicomte gesagt, ich habe es
ihm sagen müssen, indem ich dabei an Sie denken mußte; und wir saßen
dabei in demselben Zimmer, das Ihnen so gut bekannt ist, an demselben
Tischchen, und alles war dasselbe wie damals, nur auf Ihrem Stuhle saß
der Vicomte.
Ich muß mich fragen: Ist denn unser ganzes Leben nur ein Theaterspiel?
Spiele ich nur eine Rolle, heute in einem Stück, das der Vicomte
dichtet, wie gestern in einem, das Sie gedichtet hatten? Aber ich
schwöre es Ihnen: ich bin gegen Sie die alte, und der Vicomte hat Ihnen
nichts, nichts genommen: er hat sich eine neue Welt entdeckt und ein
herrenloses Land erobert.
Als ich meinen ersten Brief an Sie schrieb, ahnte ich, daß die
Begegnung weitere Folgen für mich haben werde, und ich fühlte mich
zu schwach, allein denen entgegenzutreten. Ich fühlte, daß ich Ihnen
und Ihren Gefühlen ein Unrecht antun werde durch meine Mitteilungen,
aber Sie sind ja der einzige Mensch, dem ich mich anvertrauen kann in
meiner Lage, und Sie sind großmütig, Sie wissen, weshalb wir Frauen oft
grausam sind -- schlecht sind. Ich bin schlecht gegen Sie, aber Sie
sind ein guter Mensch.
Gestern war der Vicomte bei mir und trug mir seine Hand an. Ich hatte
seine Worte erwartet, aber als er sprach, war ich so überrascht, daß
ich in Tränen ausbrach, aus dem Zimmer ging und mich einschloß. Er
verließ das Haus, ohne mich nochmals gesprochen zu haben.
Habe ich Ihnen einmal die Geschichte Emiliens und des Herrn de
Saint-Cyr erzählt? Hätte ich Emilie noch hier! Aber ich weiß nicht, in
welcher entlegenen Gegend Frankreichs sie sich verborgen halten mag.
4
Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.
Chateau Tournay, April 1750.
Liebe Freundin, der Vicomte de Palafoy ist achtzehn Jahre alt, Sie
selbst zählen sechsundzwanzig. Sollte eine so kluge Frau, wie Sie
sind, die so viel gesehen hat, nicht wissen, welcher Art die Liebe
des jungen Mannes ist, welcher Art Ihre eigene Zuneigung sein kann?
Lassen Sie uns sprechen als die zwei Erfahrenen der Liebe, die wir
sind: der Jüngling ahnt in Ihnen das Weib, das ihn bilden kann, das
den doppelten Reiz von Geliebter und Mutter auf ihn ausübt. Er ist
gut, vornehm und unschuldig; er versteht den Zug der Natur nicht
zu deuten; das ist die Sache der Erfahrung, ist Ihre Sache, liebe
Freundin. Können Sie glauben, daß seine Beziehung zu Ihnen auch nur
wenige Wochen das Angesicht behalten kann, das sie jetzt hat, das
neue und ersehnte Angesicht, das sie in den ersten Tagen des Taumels
erfüllter Liebessehnsucht haben wird? Ist seine Natur vornehm und gut,
und ist seine jetzige Verfassung nicht durch bloße Zufälligkeiten eines
behüteten und zurückgezogenen Lebens in der Provinz verursacht, so
wird er durch Sie aus dem Jüngling ein Mann werden und muß dann seine
Neigung einem unberührten Mädchen zuwenden, das in ihm den Geliebten
und Vater sehen wird. Um Ihre neue Ausdrucksweise zu gebrauchen: so
tugendhaft wie seine jetzige Liebe zu Ihnen wird dann seine neue Liebe
sein, denn er folgt einem durch die Menschen veredelten Triebe der
Natur.
Möchten Sie wünschen, alsdann den heute noch Unerfahrenen durch ein
unlösliches Band an sich gekettet zu haben, seine Vorwürfe zu hören,
denn wenn er ein Mann wird, muß er die Ihnen machen; Ihre eigenen
Vorwürfe zu übertäuben; unglücklich zu machen und unglücklich zu sein?
Ich glaube, Sie sind zu klug, eine solche Tat zu begehen; und wenn Sie
vielleicht auch nicht Güte des Herzens haben, so haben Sie doch die
wertvollere Güte des Verstandes, die Ihnen eine solche Schlechtigkeit
verbieten wird.
Aber ich warne Sie auch vor anderem.
Frauen sind in der Liebe immer klüger wie wir Männer, so lange es sich
nur um Gefühl und Empfindung handelt; aber sie werden törichter wie der
törichtste Mann, sobald die bürgerliche Ordnung der Liebesbeziehungen
in Frage kommt. Sie haben alle recht in ihrer Klugheit: in ihrer
Torheit haben die Geringeren noch mehr recht, denn die ist ihnen eine
wichtige Waffe im Lebenskampf, der für die Kleinen ja nun einmal den
Lebensinhalt bildet. Wenn ich von unserer Beider Beziehung sprechen
darf: Sie begannen mich nicht mehr zu verstehen, als ich das von
Ihnen verlangte, was Sie nannten »Ein Opfer bringen«. Ich habe mich
beschieden, denn ich bin stolz und weiß, was meine Liebe wert ist,
daß sie wirklich auch das aufwiegt, was Sie Opfer nannten; denn wenn
ich liebe, so will und kann ich geben und brauche nicht zu nehmen; wo
die Hand nicht ausgestreckt ist zum Nehmen, wo sie geballt ist zur
Verteidigung, da ist freilich ein Geben nicht möglich.
Dieselbe Torheit, die sie mir zeigten, zeigen Sie nun auch dem Vicomte.
Liebste, Liebste, sind Sie denn so wenig, daß es erstrebenswert für Sie
ist, mehr zu sein? Sie wollen Vicomtesse werden, Schloßherrin, reich,
und den ganzen Traum einer kleinen Grisette zur Wirklichkeit machen. Es
ist also nichts, eine in ihrer Art einheitliche Persönlichkeit zu sein?
Der junge Mann stammt aus einer vornehmen Familie; er muß eine Frau
vornehmer Abstammung haben, die von seinen Standesgenossen anerkannt
wird, in ihre Lage hineingehört, ihm nachfolgeberechtigte Kinder
gibt und die nach den Anschauungen und Bedürfnissen ihres Standes
erzieht. Eine solche Frau wird auf Grund ihrer Eigenschaften und
ihrer gesellschaftlichen Stellung geachtet. Werden Sie nicht geachtet
auf Grund Ihrer Eigenschaften und Ihrer Stellung in der geistigen
Gesellschaft? Würden Sie es nicht töricht finden, wenn eine Dame aus
den vornehmen Kreisen, bloß, weil sie Ihre Stellung wünschenswerter
findet wie die, zu welcher Natur und Gesellschaft sie bestimmt, das
werden wollte, was Sie sind? Und Sie wollen werden, was jene ist? Jene
könnte nicht unglücklicher werden wie Sie. Oder meinen Sie, daß die
Schloßherrinnen glücklicher sind wie die Schauspielerinnen? Ich habe
das Glück als Regel nur gefunden bei den körperlich schwer arbeitenden
und sich den Tieren nähernden Menschen; als Ausnahme in den Kreisen,
welchen Sie angehören, wo man die Kunst versteht, sich vorzulügen, was
man will und für den Augenblick zu sein, wer man will; und nie fand ich
es in der höheren Gesellschaft. Haben Sie sich das nie klar gemacht:
Je höher einer steht, desto mehr sieht er, desto mehr muß er wünschen,
desto mehr bleibt ihm unerfüllt -- desto weniger bedeutet ihm eine
Erfüllung.
Wenn meine Worte Sie überzeugt haben sollten, so werden Sie vielleicht
auf einen neuen Weg für Ihre Wünsche kommen. Denn Sie lieben den
Vicomte. Wollen Sie ein freies Herzensbündnis mit ihm schließen und
wollen Sie ihm gewähren, was Sie mir versagten? Ich verstehe durchaus,
daß Ihre neue Neigung stärker sein muß, wie die Neigung, die Sie zu
mir haben konnten. Ich sprach zu Ihrem Verstand, zu Ihrer Phantasie,
mit mir lebten Sie in jenem Kreis, der bis zu einem gewissen Grade
-- nämlich soweit die schauspielerische Darstellung Kunst ist -- der
Kreis ist, in welchem sich Ihre höchsten Empfindungen bewegen. Aber
der Vicomte spricht zu ihrem Herzen, in seiner Gegenwart kann das
tiefste Menschliche in Ihnen warm überströmen, das in meiner Gegenwart
erstarren mußte. Er kann Ihnen Kind sein, ich war Ihnen immer Lehrer.
Sie wissen, daß mich selbst nie ein Leiden abhalten würde, wenn ich
meine Seele bereichern kann; und ich kann Ihnen nicht raten, was für
Ihr kleines Wohlbefinden gut ist; dazu schätze ich Sie zu sehr, halte
ich Sie zu sehr für meinesgleichen; ich kann Ihnen nur raten, was ich
selbst tun würde. Das ist: Geben Sie sich ihm hin, machen Sie ihn ganz
glücklich und suchen Sie jedes Glück, das Sie mit ihm haben können;
indem Sie wissen, daß er in kurzem Sie unglücklicher machen wird, als
jemals ein Mensch Sie gemacht hat; denn Sie können ihm mehr geben,
als Sie sonst jemandem geben konnten, und deshalb wird nachher seine
Undankbarkeit die größte sein, Ihre Leere die vollständigste.
Aber mußte ich Ihnen das alles sagen? Haben Sie das nicht alles vorher
gewußt, wollten Sie nicht nur, nach Frauenart, eine Bestätigung,
oder -- einen Vorwand zur Blindheit? Wird Ihnen diesen Vorwand nicht
mein Brief dennoch verschaffen, denn es ist doch der Brief eines
Verschmähten?
Was ist das für eine Geschichte von Herrn de Saint-Cyr und Emilie? Es
lebt in meiner Nähe ein Ehepaar dieses Namens. Ich lernte den Herrn auf
der Jagd kennen, als ich auf der Pirsch durch Unkenntnis in sein Revier
geraten war. Die Beiden scheinen sehr liebenswürdig; nur ist die Frau
wohl etwas gedrückt, vielleicht, weil die Ehe kinderlos ist. Der Mann
gibt sich viele Mühe, sie zu erheitern. Sie haben ihr Gut vor etwa zwei
Jahren gekauft, und es kennt sie sonst niemand von dem umwohnenden Adel.
5
Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.
Paris, Mai 1750.
Lieber Freund, Sie haben mich freilich nicht geschont in Ihrem Brief,
und vielleicht haben Sie nicht bedacht, daß Sie ihn an eine Frau
schrieben. Gestehen Sie nur: wir Frauen mögen unsere große Torheit
haben; aber ist es wirklich klug, den Schleier, den die Natur selbst
uns treibt über manche Empfindungen zu decken, unbarmherzig zu
zerreißen? Wäre es nicht möglich, daß diese Empfindungen dadurch
etwas anderes würden als sie waren und in Wahrheit sein müssen? Sie
nennen den Schleier vielleicht Lüge: üben Sie darin nicht Rache an
der Liebe? Ich habe nicht gedacht, was Sie aussprechen; nachdem Sie
es ausgesprochen, muß ich es denken. Die Natur gibt selbst den Tieren
in der Zeit der Liebe irgend etwas, das nur ein schöner Schein ist,
und merkwürdig, es ist meistens das Männchen, dem sie diese Sorgfalt
zuwendet! Sollten nicht auch die Frauen deuten und überlegen, und wenn
ein Mann zum Dichter wird in der Zeit, da er um ein Weib wirbt, wie
das Männchen einer Vogelart neue und glänzende Federn erhält: könnte
da nicht dem Weib der Gedanke kommen: das ist nur ein bedeutungsloses
Prunken, ein Mittel, um dich für einen bestimmten Zweck gefügig zu
machen? Sollten wir Frauen alle so unwissend sein, daß wir diesen
Schönheiten die Bedeutung zuerteilten, welche sie beanspruchen: nämlich
dauernd zu sein und wesentliche Eigenschaften des liebenden Mannes? O,
viele von uns sind klug genug, um die Wahrheit zu wissen, welche sich
hinter dem Schleier verbirgt, aber nur eine ganz Verworfene wäre so
unedel, sie zu sagen. Ich will Ihnen keinen Vorwurf machen, denn ich
weiß, daß die Männer schamlos sind, daß sie das sein müssen; aber ich
dachte, daß auf den höchsten Stufen der Gesittung die Männer von uns
Eigenschaften annehmen, wie wir von ihnen; und ich habe mich gefragt --
achten Sie ernsthaft darauf, was ich mich gefragt habe: ob Sie an Mlle.
de Villars geschrieben hätten, wie Sie an mich schrieben. Ich bin nicht
eifersüchtig, und ich habe kein Recht, auf Sie eifersüchtig zu sein;
aber wenn Sie meinen Stand und meine Lage als nicht problematisch (wie
sie meines Erachtens sind), sondern als in ihrer Art gleich vollendet
und selbstgenügend hinstellen wie die einer Dame der Gesellschaft; so
muß ich auch verlangen, daß Sie in entsprechender Weise Rücksichten
nehmen, indem Sie das schonen, was Sie ja in Ihrem Innern meine
Lebenslüge nennen mögen. Noch einmal: Stellen Sie sich recht lebhaft
vor, wie Sie an Mlle. de Villars geschrieben haben würden, an das
junge Mädchen von achtzehn Jahren aus vornehmer Familie, das eben
aus dem Kloster gekommen ist, und das Sie zu Ihrer Gattin zu machen
beabsichtigen. Sie würden nicht gedacht haben: ich will ihr schreiben,
was ich selbst tun würde, nachdem ich ihr geschrieben, was ich selbst
denke, sondern ich will mir vorstellen, was sie empfinden muß, was ein
Mensch, der so empfindet, denken und tun muß; denn ein Mann muß Frauen
schonen.
Sie wollen Emiliens Geschichte wissen; ich will sie Ihnen erzählen;
vielleicht, daß Sie aus ihr lernen, was einen Dichter hätte die Natur
lehren sollen.
Sie wurde als ganz junges Mädchen von ihrer Mutter dem Leiter unserer
Truppe vorgestellt, und da sie eine vorzügliche Bühnenfigur besaß, nahm
man sie sogleich mit einem kleinen Gehalt an. In der Folge stellte es
sich heraus, daß sie keinerlei schauspielerische Begabung hatte; nicht,
daß es ihr an Phantasie, Temperament und Verstand gemangelt hätte;
aber sie war durch eine eigenartige Vornehmheit ihres Wesens gebunden
und konnte nicht aus sich herausgehen; Sie sagten einmal selbst: jede
Kunst steht in einem gewissen Gegensatz zur Vornehmheit; man konnte
sie höchstens zu Anmelderollen verwenden. Von ihrem Herkommen sprach
sie nie, es schien mir aber, daß sie von guter Familie sein müsse.
Ein geringer Rest von Vermögen, der wohl noch vorhanden war, wurde im
Laufe der Zeit ausgegeben, da sie mit ihrer Mutter von ihrem Verdienst
beim Theater nicht leben konnte, und es stellte sich die Notwendigkeit
heraus, daß sie den Bewerbungen eines reichen Verehrers nachgab. Über
diese Dinge sprach sie nie mit mir, trotzdem ich die einzige unter
uns war, zu der sie ein Zutrauen gefaßt hatte. Sie wissen, wie es am
Theater hergeht, und daß selbst ein Mädchen ohne besondere Reize,
wenn sie nur irgendwie mit der Bühne in Beziehung steht, auf das
lebhafteste von unseren vornehmen jungen Herren umworben wird. Emilie
scheint ihre Verehrer mehrfach gewechselt zu haben, aus welchen Gründen
ist mir unbekannt; jedenfalls wußten wir alle, daß sie in einigen
Jahren durch die Freigebigkeit der Herren und ihr einfaches Leben ein
beträchtliches Vermögen erworben hatte. Ihre Mutter starb in dieser
Zeit, und als ich sie bei dem Begräbnisse besuchte, sagte sie mir, daß
sie sich ein Landgut in einer entfernten Gegend kaufen wolle, wo sie
niemand kenne, um dort ihr Leben zu beschließen. Sie haben wohl nie
von ihr gehört durch Ihr einsames und zurückgezogenes Leben; bei jedem
andern Herrn Ihres Standes und Alters würde es mich wundern, daß Sie
Emilie nicht gekannt haben sollen. Herr de Saint-Cyr kam um diese Zeit
nach Paris. Durch einen Zufall nahm er seine Wohnung in dem Hause,
wo Emilie wohnte, nur durch den Korridor von ihren Zimmern getrennt.
Diese sah den vornehm aussehenden, aber sehr bescheiden gekleideten
jungen Herrn täglich an ihrem Fenster vorbeigehen, und sein höflicher
und achtungsvoller Gruß machte einen tiefen Eindruck auf das arme
Mädchen, das sehr unter ihrer Stellung litt. Sie bemerkte, daß der
Ausdruck seines Gesichtes täglich trauriger wurde. Da er sich um die
Zeit des Mittagessens immer auf seinem Zimmer aufhielt und sie ihn nie
mit irgend welchen Einkäufen zurückkehren sah, so wurde sie durch ihr
Mitgefühl getrieben, ihn durch das Schlüsselloch zu beobachten; sie
sah, daß er ein Stück Brot aus dem Schrank nahm, es sorgfältig abmaß,
ein Stück abschnitt, und dieses dann ohne weitere Beigabe verzehrte.
Für den nächsten Tag ließ sie ihre Köchin etwas reichlichere Einkäufe
machen und ein für mehrere Personen genügendes Essen vorbereiten; dann
erwartete sie ihn an ihrem geöffneten Fenster, indem sie sich an ihren
Blumenstöcken zu schaffen machte. Er wollte mit seinem gewöhnlichen
Gruß vorbeigehen, sie redete ihn aber an, indem sie ihm scherzend
vorwarf, er sei unhöflich, daß er noch nie zu ihr gesprochen habe; und
indem er erwiderte und sie antwortete, lud sie ihn am Ende zu ihrem
Essen ein und drängte ihn so, daß er kommen mußte.
Nach der Mahlzeit, als sie noch verschiedenes geredet hatten und
vertrauter geworden waren, sagte sie zu ihm: »Ich sehe, mein Herr,
daß Sie sehr unglücklich sind, und vermute wohl mit Recht, daß Sie
hier keinen Freund oder Bekannten haben, dem Sie Ihre Sorgen erzählen
können. Deshalb möchte ich mich Ihnen als Vertraute anbieten, ob ich
vielleicht Sie trösten oder Ihnen sonst irgendwie helfen kann. Und
damit Sie die Scham überwinden, welche ein Unglücklicher naturgemäß
hat, wenn er einem Fremden sein Herz öffnen soll, so will ich selbst
mit einem Geständnis beginnen, welches mir viel schwerer werden muß als
alles, was Sie mir gestehen können, denn mein Leiden ist schwerer, wie
es das Ihre sein kann: ich bin ein Mädchen, das seinen Unterhalt davon
hat, daß es seine Ehre preisgegeben hat.«
Herr de Saint-Cyr erzählte, daß er ohne Eltern sei und durch die
Nachlässigkeit seines Vormundes sein gesamtes Vermögen verloren habe.
Seine Verwandten, die denselben Namen trügen wie er, seien sehr
einflußreich am Hofe, und er sei nach Paris gekommen, um durch ihre
Verwendung eine bescheidene Stellung zu erhalten. Aber da es ihnen
offenbar peinlich sei, einen verarmten Vetter anzuerkennen, so sei
er bei allen entweder durch leere Versprechungen hingehalten oder mit
peinlichen Worten entlassen; und gerade heute habe er seinen letzten
Besuch gemacht, und es bleibe ihm keinerlei Aussicht oder Hoffnung mehr.
Emilie dachte eine Weile nach, dann erwiderte sie ihm: »Ein anderes
Betragen ist von Verwandten in solchen Fällen nicht zu erwarten, wenn
man nicht ein Mittel besitzt, um sie auch gegen ihren Willen zur Hilfe
zu zwingen.« Und als Herr de Saint-Cyr sie fragte, ob sie ein solches
Mittel wisse, fuhr sie fort, indem sie noch mehr errötete, wie bei
den Worten, durch welche sie ihm mitgeteilt hatte, wer sie war: »Sie
müssen Ihren Verwandten drohen, daß Sie sich werden durch die Not, um
Ihr Leben zu erhalten, zu einer ehrlosen Handlung treiben lassen; und
da diese, weil Sie den gleichen Namen haben wie Ihre Verwandten, auch
denen Unehre machen würde, so werden sie gewiß alsdann alles aufbieten,
um Ihr gerechtes Verlangen zu erfüllen. Als eine solche Handlung
schlage ich Ihnen folgendes vor. Ich habe mir ein Vermögen erworben,
welches für den standesmäßigen Unterhalt einer Familie genügen würde;
mein Name und meine Lebensweise sind in den Kreisen der vornehmen
jungen Leute bekannt genug; es genügt, wenn Sie erzählen, daß Sie mich
kennen gelernt haben und mich heiraten wollen, um nicht Hungers zu
sterben.«
Auf diese großmütige Rede Emiliens konnte de Saint-Cyr nicht mit Worten
erwidern. Er küßte ihre Hand, die sie ihm schnell entzog, und ging.
Gegen Abend kam er zurück und suchte Emilie in ihrem Zimmer auf. Mit
traurigem Gesicht erzählte er, als einzige Antwort habe er von seinen
Verwandten erhalten, daß man ihn alsdann als einen Betrüger, der sich
seinen vornehmen Namen fälschlich beigelegt habe, werde verhaften und
in die Bastille führen lassen. Dann fuhr er fort: »Ich habe meine
Eltern nicht mehr gekannt und war stets unter fremden Leuten. Sie sind
der erste Mensch gewesen, der mir eine Freundlichkeit erwiesen hat. Ich
biete Ihnen in Wirklichkeit meine Hand an und verspreche Ihnen, daß ich
Sie lieben und ehren werde, wie Sie es verdienen. Wir werden Paris
verlassen und an einem entfernten Ort leben; und mit einer Güte, welche
der gleich sein soll, die Sie mir erwiesen, will ich mich mühen, Sie
Ihre bisherigen Leiden vergessen zu machen.«
Emilie antwortete ihm, daß er ihr etwas Unmögliches vorschlage, denn
kein Mann könne vergessen, was sie bis jetzt gewesen sei; und wenn er
auch jetzt glaube, daß er mit ihr eine Ehe führen könne, wie sie sein
müsse, nämlich mit Achtung und Liebe für seine Gattin, so werde doch
eine Zeit kommen, wo er seinen Schritt bereuen müsse; sie aber würde es
nie ertragen können, sich als Ursache seiner Erniedrigung zu fühlen,
selbst wenn er ihr, wie sie glaube, nie ein Wort sagen würde.
Sie erzählte mir alles, was ich Ihnen schreibe, mit häufigen Tränen
noch an demselben Abend und sagte, daß sie am nächsten Tage an einen
Ort gehen werde, wo sie niemand finden könne. Am nächsten Tage kam
Herr de Saint-Cyr zu mir, die er als einzige Freundin Emiliens kannte,
berichtete mir ihr Verschwinden und teilte mir mit, daß er von einem
Notar die Nachricht bekommen habe, daß sie ein Landgut auf seinen Namen
habe überschreiben lassen; er war in höchster Erregung und sagte, er
werde nicht eher ruhen, als bis er sie wiedergetroffen habe.
Nun haben sich also die Beiden doch noch gefunden -- und sind glücklich.
6
Herr de Voisenon an Mlle. Eugenie Chabert.
Chateau Tournay, Mai 1750.
Liebe Freundin, Ihre Erzählung finde ich erstaunlich. Gestatten Sie mir
jedenfalls eine kleine Zurechtsetzung: ich habe nicht geschrieben, daß
das Ehepaar glücklich ist.
Ich habe immer gefunden, daß Schauspieler behaupten, gute
Menschenkenner zu sein; und Menschenkenntnis nennt man wohl die
Begabung zum Mißtrauen. Ich selbst bin Dichter, und Dichter sind
gläubige Menschen -- für meine eigene Person mißtraue ich nicht, auch
Mlle. Eugenie Chabert gegenüber war ich ja stets gläubig, ungläubig
war ich immer nur gegen mich selbst. Aber wäre ich Schauspieler, so
würde ich sagen: vermutlich hat Mlle. Emilie Herrn de Saint-Cyr das
Suchen nicht allzu schwer gemacht. Ich habe selten einen so vornehm
empfindenden Mann getroffen, wie ihn: er kann unmöglich in irgend
einer Lage seines Lebens, auch wenn er sein Teuerstes suchte, eine
hervorragende Intelligenz entwickelt haben. Gewöhnlich verbindet
die gütige Natur -- auch das haben Sie ihr gewiß abgelauscht! --
Vornehmheit der Gesinnung mit einem Vermögen, das den Besitzer vor den
Folgen schützt; da Herr de Saint-Cyr einen begabten Vormund hatte, der
ihn seines natürlichen Schutzmittels beraubte, so war es wohl ganz
natürlich, daß schon sein erster Schritt ihn in eine unmögliche Lage
brachte. Aber man bewundere die nie versagende Weisheit der Natur:
sie pflanzte den Lebenskünstlerinnen ein, daß sie einem solchen Mann
rettungslos erliegen müssen; ich bin gewiß, daß Emilie ihren Mann liebt
mit einer Leidenschaft und Aufopferung, wie -- nun, das »wie« sage ich
Ihnen nicht, Sie wissen es nur zu gut, das zeigen Sie mir täglich.
Aber bin ich ein Schauspieler? Ich bin ein Dichter: was ich eben
sagte, war eine Verstandesplattheit. Nein, Emilie ist gegen ihren
Saint-Cyr wahr gewesen; haben denn nicht die Frauen die Begabung,
immer wahr zu sein? Alle ihre Lüge -- und sie lügen wohl immer -- ist
ja nur Oberfläche, ihre Tiefe ist wahr: auch Sie sind wahr, Liebste,
Allerliebste! -- Glauben Sie es auch? Ach, wir Dichter sind allzu
schamhaft!
Bekannte schreiben mir, Ihr junger Vicomte habe die Bekanntschaft von
Mlle. de Villars gemacht. Sollten Sie nichts davon gehört haben? Ich
finde eine allzu große Klugheit unanständig; wenn wir die Handlungen
und Beweggründe der andern Menschen zu gut erraten, so müssen wir
ihnen wohl sehr ähnlich sein und nahe stehen; ich für meine Person
wünsche nicht solche Ähnlichkeit und Nähe. Deshalb möchte ich Ihnen nur
schreiben, daß ich Mlle. de Villars sehr liebe -- wenn ich ein Ihnen
nicht unbekanntes Bild gebrauche: sie besitzt einen Teil meiner Seele,
der Ihnen unbekannt ist.
Wenn ich das Glück hätte, sie zu meiner Gattin zu machen, so würde
ich mit ihr in diesem alten ehrwürdigen Haus leben, das von tüchtigen
Vorfahren gebaut ist; wir würden Kinder haben, welche die Züge
meines Geschlechtes haben, und hoffentlich keine Erbschaft von ihrem
Vater, dem Dichter, überkommen, sondern Krieger werden und gar nicht
bedeutend, wie meine Vorfahren; ich würde täglich ihre Hand küssen,
sie würde zu Tisch in großer Toilette erscheinen, und wir würden jeder
unsere Mauer um uns ziehen; denn finden Sie nicht auch: man kann
sich nicht mehr achten, wenn man zu vertraut miteinander wird; und
seine Gattin muß man doch wohl achten? Ich fürchte, ich habe zu viel
verachtet in meinem Leben.
Ich glaube, besonders sind es die Menschen, die durch sich (ich sage
nicht: an sich) leiden, die sich mit andern vertraut machen. Gott schuf
vielleicht das Weib, daß sie zu dem Mann kommt und ihm sagt, was er
ist. Er schuf es demnach als Schauspielerin. Sie lacht und sagt zu
dem Mann: du bist ja nicht einsam, du hast ja mich. Aber verletzt es
nicht die Scham, wenn sie mit dem Mann mit leidet, mehr noch: nur in
ihrer Phantasie mit leidet? Denn ich glaube ihr ja nicht, daß sie mit
leidet. Sie hat da ein gewisses Land in ihrer Seele, daß sie in solchen
Fällen entdeckt. Für jede neue Rolle entdeckt sie ein solches Land. --
Nebenbei; es fällt mir ein: Haben Sie noch Ihre frühere Auffassung von
der Rolle in meinem Lustspiel, Sie wissen, das an jenem Abend gegeben
wurde, wo der Vicomte sie zum ersten Male sah? --
Sie sagen vielleicht wieder: ich bin herrschsüchtig? Ich werde Mlle.
de Villars nach meinem Willen formen, wenn ich sie heiraten sollte,
und ich werde auf ihre Persönlichkeit keine Rücksicht nehmen? Ja, ich
möchte, daß sie vornehm wird, daß sie das Leben in Heiterkeit erträgt,
daß ich sie immer achten kann; darum liebe ich dieses Kindchen: ich
weiß, daß sie eine Frau zu werden vermag, die ich immer achten kann.
Und ich sehne mich so danach, jemanden zu achten! Ich werde sie lieben
mit aller meiner Kraft.
Und liebe ich denn nicht Sie? Weshalb dürfen wir nicht ein Spiel aus
unserm Leben machen, dem wir in Heiterkeit zuschauen! Ich sagte Ihnen
einmal: ich möchte mein Gesicht in Ihrem Schoß bergen und weinen. Sie
haben mich nicht verstanden. Ich bat Sie einmal um etwas, das Sie mir
hätten geben müssen; und indem ich fühlte: ich dürfte nicht bitten, ich
müßte nehmen; und ich würde nehmen, wenn ich Sie nicht so unendlich
liebte, daß ich durch die Liebe schwach bin; -- indem ich das fühlte,
schmerzlich und nicht ingrimmig, sagte ich: Ich habe vor Ihnen keine
Scham. Auch das haben Sie nicht verstanden. Vielleicht verlangte ich
zu viel von Ihnen; Sie sollten gleichzeitig ein Stern sein, den ich
ersehne und eine Blume, die ich pflücke: unerreichbar und erreicht. Es
scheint, daß Dichter leicht närrisch werden, wenn sie lieben. Fräulein
de Villars liebt der Edelmann, Sie liebt der Dichter. Ich bin nicht
stolz auf die Tatsache, daß ich ein Dichter bin, Sie hätten Grund stolz
zu sein, daß ein Dichter Sie liebt.
7
Mlle. Eugenie Chabert an Herrn de Voisenon.
Paris, Mai 1750.
Geehrter Herr, Ihr Brief ist mir nicht verständlich geworden; nur
weiß ich, daß er auf jeder Zeile eine Kränkung für mich enthält. Aber
ich verstehe jetzt besser Ihr Leben: Sie hatten recht, sich von den
Menschen abzuschließen; denn ein solcher selbstsüchtiger Hochmut muß
jeden zurückstoßen, der sich Ihnen in Güte nahen will. Hoffentlich
kennt Mlle. de Villars nicht Ihre Pläne; wenigstens wird sie vermutlich
den Gesprächen des Vicomte de Palafoy mehr Geschmack abgewinnen.
Über Emilie denken Sie vielleicht anders, wenn Sie den beigeschlossenen
Brief gelesen haben; ich bitte Sie, ihn mir zurückzusenden.
Frau de Saint-Cyr an Mlle. Eugenie Chabert.
Chateau Anmey, Mai 1750.
Verehrtes Fräulein, Ihre häufig mir bewiesene Güte ermutigt mich, nach
langer Zeit mich Ihnen wieder zu nähern. Ich bin Emilie, das damals
so unglückliche Mädchen, dem vielleicht nur Ihre Freundlichkeit und
Großmut ein furchtbares Leben erträglich machte. Heute bin ich Gattin
des Mannes, von dem ich Ihnen erzählte, des edelsten und besten Mannes,
den ich je sah, dem ich vielleicht nur einen Fehler vorwerfen kann: daß
er sich keine würdigere Lebensgefährtin gewählt hat.
Sie haben meine Beichte entgegengenommen; Sie wissen, daß ich vor
meinem Glück fliehen wollte -- nur zu laut rief freilich mein Herz
nach diesem Glück; und in Stunden, wie diese ist, wo mein ganzes Leben
wieder vor mir steht und die schöne Gegenwart verdeckt, klage ich oft
meine Sehnsucht und Hoffnung an, die meinen Gatten zu mir riefen gegen
meinen Willen, die ihn zu seinem Schritt führten, den ich nie billigen
kann, auch wenn er mich namenlos glücklich machte. Seit zwei Jahren
sind wir vermählt; und meine ehrfürchtige Liebe ist nur größer geworden.
Aber nicht im Glück brauchen wir unsere Freunde, wir haben sie im
Unglück nötig; und ich ahne ein nahendes Unglück. Mein Gatte hat seit
einiger Zeit die Bekanntschaft eines Herrn de Voisenon gemacht, der in
der Nachbarschaft begütert ist. Er erwähnte einmal, daß er auch Sie
kennt; wissen Sie etwas von ihm? Ich fürchte von ihm, und diese Furcht
ist die Ursache meines Schreibens.