Handelsherrn. Er war es, der noch im Untergange einen Triumph feierte,
der im Sterben das befreundete Element, das so manches ihm einst
dargebrachte Opfer verherrlichte, das nun zu seiner Vernichtung
gebraucht wurde, aufgerufen hatte, seine Rache zu übernehmen. Noch
einmal erschien seine alte Macht. Sie strebte in Gluthen zum Himmel und
schien gegen diesen zu wüthen, daß er nicht hier die Tempel des Götzen
dulde, wie in dem schöneren Hindostan. Darum also hatte man ihn gehegt
und gepflegt viele Jahre hindurch im Prunkzimmer des =van Vlietenschen=
Hauses, um seine geheiligten Glieder unter der Axt des Hausknechtes zu
brechen, um sie in schnöde, unscheinbare Asche zu verwandeln, die vom
Winde verwehet würde? Zündet nur! Brennt nur! In knisternden Funken flog
der tückische Geist des Götzen empor in das Sparrwerk des weiten
Waarenhauses, in dessen Nähe man ihm den Untergang in den Flammen
bereitete, er nistete sich dort still ein und erst als die Nacht
gekommen war, als der Friede sich in Sternenglanz und Himmelsdunkel zu
der Erde neigte, da brach die verhaltene Wuth des Ergrimmten los und
warf sich zerstörend auf die Schätze seines Vaterlandes, die hier die
Gewinnsucht aufgespeichert hatte.
Des Professors Bezauberung war noch nicht gelös't. Die Gebäude, die zu
dem Hause des Herrn =Tobias= gehörten, besaßen einen ansehnlichen Umfang,
sie nahmen fast ein ganzes Stadtviertel ein. Der Brand wüthete
jenseits, noch war es in der Straße, nach welcher die Vorderseite des
Wohnhauses ging, still geblieben. Als aber auch hier jetzt mehrere Leute
heranstürmten, die verschlossene Thüre gewaltsam erbrachen und in das
Innere drangen, fühlte =Hazenbrook= plötzlich seine Besinnung und seine
Kraft zurückkehren. In unruhiger Hast flog er die Treppe hinab, aus dem
Hause, über die Straße, jenen Leuten nach. Er sah sie im Hintergrunde
des Hausganges, nach den vom Scheine des Feuers erhellten Höfen
verschwinden. Das war sein Weg nicht. Er stieg die wohlbekannte Treppe
hinauf. Hier war es still und dunkel. Tastend suchte er nach der Thüre,
die in das Krankenzimmer führte. Er fand lange die rechte nicht, die
Eingänge, auf die er traf, waren verschlossen. Da blieb er stehen und
lauschte mit zurückgehaltenem Odem. Das Geschrei der Löschenden, der
Klang der Sturmglocke drang dumpf zu seinen Ohren, aber dazwischen auch
ein matter Seufzer, ein Geräusch, wie es die Bemühungen eines Kraftlosen
hervorbringen können, der sich liegend auf dem Boden fortzubewegen
sucht. Jetzt flammete ein neuer Feuerstrahl empor und sandte seinen
rothen Schein durch ein Fenster, das bisher in Dunkelheit verborgen
gewesen. Der Gang war erhellt, wie am Tage. =Hazenbrook= erkannte die
Umgebungen. In einem Winkel, weit von ihm ab, lag die Thüre, die er
suchte. Ebenso rasch, wie der Feuerstrahl aufgeschossen war, erlosch er
wieder und die alte Finsterniß trat auf's Neue ein; aber =Eobanus= kannte
nun einmal die Richtung, die er zu nehmen hatte, ging eilig vorwärts und
stieß die nur angelehnte Thüre, hinter der noch einmal jenes Aechzen
erklang, mit einer hastigen Bewegung auf.
Welcher Anblick bot sich ihm hier in dem durch die Nachtlampe nur
spärlich erleuchteten Gemach! Der Kranke war allein, man hatte ihn
wahrscheinlich, da die in den entlegenen Gebäuden wüthende Feuersbrunst
die Thätigkeit Aller erheischte, vergessen. Diese Ueberzeugung schien
sich ihm selbst mit der Furcht, hier verlassen und hülflos zuletzt ein
Opfer des weiter um sich greifenden Brandes zu werden, aufgedrängt zu
haben. Das Geschrei in den Straßen hatte sein Ohr erreicht, es hatte ihm
das Unglück verkündet, das sein Eigenthum, seine ost- und westindischen
Vorräthe getroffen. Der erste Schreck wirkte wie ein Blitzstrahl auf
ihn. Es war ihm, als sey er mit einer unzerreißbaren Kette an sein Lager
gefesselt. Dann aber gab ihm der entsetzliche Gedanke, bei lebendigem
Leibe zu verbrennen, der mächtige Drang nach Selbsterhaltung einige
Kräfte zurück. Er versuchte aufzustehen, er ergriff die nächsten
Kleidungsstücke, in die er sich mühesam hüllte, er warf den dicken
pohlnischen Schlafpelz um sich. Jetzt versuchte er sich der Thüre zu
nähern, allein dieser Anstrengung war seine Kraft nicht gewachsen. Er
sank zu Boden, er bewegte sich kriechend noch ein Wenig vorwärts, dann
konnte er nicht mehr, er wurde ohnmächtig und ein schwaches Aechzen war
das einzige Lebenszeichen, das er noch von sich gab.
So fand ihn der Professor. Die wissenschaftlichen Absichten, welche
dieser mit =Tobias= hatte, wichen in den ersten Augenblicken den Gefühlen
der Menschlichkeit, aber ganz konnte er doch eine angenehme Empfindung
darüber nicht unterdrücken, daß er Herrn =van Vlietens= Angesicht und
Gestalt wo möglich noch hagerer und ausgedörrter wieder fand, als
damals, da er ihn zum erstenmale am Haven erblickt. Er beugte sich zu
ihm nieder, er rief ihn laut bei Namen. Keine Antwort! Nur ein
brechender Blick heftete sich auf ihn. Er fühlte nach dem Herzen. Es
schlug noch, aber sehr schwach; ebenso der Puls. Das Geschrei von Außen
ertönte lärmender und näher. Die Glocken stürmten heftiger. Da ergriff
ein großer Gedanke den Professor.
»Ich will ihn dem Leben wiedergeben oder er soll, dem =Mauritius= und sich
selbst zum Trotz, doch mein seyn im Tode. _Aut Cesar, aut nihil._ Ueber
den Rubicon führt nur Kühnheit.«
So rief er pathetisch und sein Entschluß war gefaßt. =Eobanus= war ein
großer Mann von gewaltigem Knochenbau und besaß eine ungewöhnliche
Stärke. Wie eine Feder schwang er den leichten =Tobias= auf seinen Arm,
wie eine Geliebte drückte er ihn an seine Brust. Ein süßes Gefühl kam
über ihn. Endlich hatte er ihn, nach dem er so lange vergebens
geschmachtet, endlich ruhete er an seinem Herzen. Er glaubte schon die
köstlichste Mumie zu halten, mit geheimnißvollen Hieroglyphen bedeckt,
die Sphinx, die in Zukunft allen Besuchern seines Museums ein
unauflösliches Räthsel, zu dem er nur allein den Schlüßel besaß, bieten
würde. Dennoch stand der Vorsatz fest in ihm, kein Mittel der Kunst
unversucht zu lassen, das Leben des Hülflosen zu erhalten. Ganz im
Hintergrunde seiner Seele keimte auch wohl die Hoffnung, daß in diesem
Falle Dankbarkeit thun würde, was er im entgegengesetzten von seiner
Geistesgegenwart und Verwegenheit zu erwarten hatte. Aber nur unter der
Hülle des tiefsten Geheimnisses konnte er einen, wie den anderen Plan
ausführen, kein =Mauritius=, kein Freund oder Bekannter des Herrn =van
Vlieten= durfte ihn nur ahnen.
Ohne noch über die Art der Ausführung seines kühnen Anschlages mit sich
einig zu seyn, verließ =Hazenbrook= das Gemach. Er trug seine theuere
Last sehr vorsichtig, er nahm sich in Acht, mit ihr irgendwo anzustoßen.
Plötzlich war die Furcht über ihn gekommen, man könne ihn überraschen
und ernstlichen Einspruch thun. Jeder Augenblick längeren Verweilens
schien ihm gefährlich, er betrat eilig den dunkelen Gang. Das
Dämmerlicht, das aus dem Krankenzimmer hinter ihm herleuchtete, fiel auf
eine offene Thüre gerade gegenüber. Ein kühler Luftzug strömte durch
diese ein. Vielleicht bot sich ihm hier ein Ausgang, abgelegen und
verborgen, wo er nicht fürchten durfte, Menschen zu begegnen. In der
That führte hier eine schmale Treppe abwärts, dieselbe, über welche
einst =Clelia= und =Cornelius= ihre Flucht bewerkstelligt hatten. Auf gutes
Glück stieg =Eobanus= hinab. Nur schwach und selten ließen sich noch die
Seufzer des Kranken vernehmen, desto lauter tobte draußen die
Menschenmenge und die Sturmglocke.
Odemlos stand er endlich am Fuße der Treppe. Seine Rechte griff
untersuchend an der Thüre hin und her, die ihm hier den Weg versperrte.
Sie war nur durch einen Riegel von Innen verschlossen. Leicht schob er
diesen zurück. Die schwere Pforte wich und er sah sich unter freiem
Himmel, in einer Nebenstraße, nahe bei einem Canal, der diese
durchschnitt. Aber dieser tröstliche Anblick war es nicht allein, der
sich ihm bot. Zu seinem Entsetzen bemerkte er dicht vor sich zwei
dunkele Mannsgestalten, die, wie es ihm schien, eben bemüht gewesen, die
Thüre, durch welche er trat, von Außen zu öffnen.
»Wer da?« rief er mit der ängstlichen Heftigkeit eines trotzigen
Sünders, der sich auf der That ertappt sieht.
»=Peter Trip!=« war die Antwort, die ihm wie Musik klang.
»=Trip= -- du!« entgegnete freudig =Hazenbrook=. »Dich führt mein guter
Genius, mein Spiritus familiaris, her. Sprich! Was schaffst du, was
treibst du hier?«
»Nun,« erwiederte =Peter= mit verlegener Stimme, »mein Camerad und ich,
wir stehen hier und mein Boot liegt dicht an im Canale. Wir sind da, um
zu retten, Geld und Gut, Kostbarkeiten und Geräth --«
»Ich verstehe!« unterbrach ihn, den Stand der Sache überschauend,
schmunzelnd =Eobanus=. »Ihr wollt in Euere Säcke retten, was hier in der
entfernteren Wohnung die Flamme nicht erreichen kann. Aber ich weiß Euch
einen sicherern und dabei ehrlichern Verdienst. Euer Boot ist da.
Getrauet Ihr Euch wohl, mich mit dem Kranken, den ich hier in meinen
Armen halte -- einen meiner jungen Leute, welcher bei Herrn =van Vlieten=
Tisch und Wohnung gehabt -- unbemerkt und still zu Wasser aus der Stadt
fort und dann weiter nach meinem Aufenthaltsorte =Leyden= zu schaffen? Ich
habe meine Ursachen, daß Alles verborgen und heimlich betrieben wird.
Zehn Dukaten für jeden, wenn wir an Ort und Stelle sind! Was sagt Ihr
dazu?«
=Peter= zögerte einige Augenblicke, ehe er eine Antwort gab. Dann sagte er
in bedenklichem Tone:
»Ein großes Kunststück wäre es nicht, Euch unbemerkt fort zu boogsiren!
Wir haben das zu Nacht hundertmal getrieben, um das Havengeld zu sparen.
Aber es ist so eine Sache -- geradeheraus, Euere Ladung kommt mir
verdächtig vor.«
»Dummes Zeug!« versetzte mit erzwungenem Lachen =Hazenbrook=. Zugleich
schritt er ohne Weiteres mit dem Ohnmächtigen, dem er die Nachtmütze
tief in's Gesicht gezogen hatte, rasch nach dem Boote hin. Während er
dieses betrat und seine Last sanft auf die Bank niederließ, rief er nach
den langsam folgenden Männern zurück: »Vorwärts, Ihr Leute! Sparet Euere
unnützen Bedenklichkeiten! Außer der versprochenen Belohnung erhält noch
jeder freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr.«
»Freien Brandtwein auf ein ganzes Jahr!« wiederholte =Trip= in seligem
Staunen. »Topp! Wir sind die Eueren mit Leib und Seele, mögt Ihr nun ein
Schelmenstück oder ein ehrliches Werk vorhaben! das habt Ihr zu
verantworten.«
Sie sprangen in das Fahrzeug und ihre kräftigen Arme brachten es rasch
aus der Nähe des =van Vlietenschen= Hauses. Geräuschlos zog es über die
schmale Wasserfläche der Canäle, zwischen den hohen Häuserreihen hin.
Bald befand er sich in einer entlegenen Gegend der Stadt, wo man nur
wenig mehr von dem Feuerlärm vernahm. Der röthliche Schein am Himmel
wurde schwächer. Besorgt hatte =Eobanus= den kraftlos ächzenden Kranken in
seinen Pelz gehüllt. Er lauschte auf seine Odemzüge, er hatte die Rechte
auf sein Herz gelegt. Ihm selbst gingen tausend verwirrte Gedanken im
Kopfe herum. Zunächst aber stand der Vorsatz in ihm fest, so bald sie
glücklich die Stadt verlassen haben und sich im Canale von =Leyden=
befinden würden, aus dem ersten Hause ein Bett herbeizuschaffen, um die
Lage des Leidenden zu verbessern. Er war noch von ängstlichen Zweifeln
über das Gelingen seines Unternehmens beunruhigt. Er blickte argwöhnisch
nach den beiden Ruderern. Diesen aber schien es ganz gleichgültig zu
seyn, welche Ladung ihr Fahrzeug enthielt. Ihre Gedanken schwelgten
schon im Vorgenusse der reizenden Zukunft, die ihnen das Versprechen
=Hazenbrooks= eröffnet hatte.
9.
Gegen die Abenddämmerung des folgenden Tages standen an der Brandstätte
des =van Vlietenschen= Waarenhauses drei ansehnliche Männer von
verschiedenem Alter, in denen wir Herrn =Jan van Daalen=, seinen Sohn
=Cornelius= und dessen Freund, den Schiffscapitän =Jansen=, wiederfinden.
Ihre Blicke waren auf den mächtigen Schutthaufen gerichtet. Hier und da
stand noch ein einzelnes Mauerstück, eine schwarze trauerige Ruine. Die
starken Seitenwände des Gebäudes hatten der Wuth des Feuers nicht
widerstehen können und waren unter ihrem Andrange zusammengestürzt.
Viele Arbeiter waren beschäftigt, die zu Kohlen gebrannten, noch
rauchenden Balken hinwegzuschaffen, andere gruben und suchten in dem
Schutte nach Gegenständen, die vielleicht der Zufall unbeschädigt
erhalten hatte. Nur dieses einzelne Waarengebäude war von den Flammen
gänzlich vernichtet worden, nebst seinem kostbaren Inhalte an Gewürzen,
edeln Spezereien und andern werthvollen Handelsartikeln. Das Wohnhaus
stand unversehrt, ebenso waren andere, in dem Umkreise der =van
Vlietenschen= Besitzungen befindliche Waarenbehälter von dem Brande
verschont geblieben. Man schlug den Schaden hoch an, aber keinesweges so
bedeutend, daß er dem dicksten Manne von =Rotterdam= empfindlich hätte
seyn können. Aber dieser dickste Mann selbst? Was war aus ihm geworden,
welch wunderbare Macht hatte ihn aus der Mitte seiner Mitbürger
entrückt, ohne daß nur eine Spur von ihm geblieben wäre?
»Es ist unbegreiflich!« sagte Herr =Jan=, indem die nichtssagenden grauen
Augen in den Schutt starrten und der Kopf mit der ungeheueren
Lockenperücke sich zur Bekräftigung des Gesagten einige Augenblicke lang
wackelnd hin- und herbewegte. Er deutete mit dem Porcellanknopfe seines
spanischen Rohres nach dem im Hintergrunde sichtbaren Wohnhause und fuhr
fort. »Dort war er noch gestern Abends spät, dort hat ihn der Domine
nicht lange vor dem Ausbruche des Feuers verlassen und jetzt -- wie von
der Erde weggeblasen, wie nie da gewesen, wie in eine erbärmliche Null,
die =vor= der Eins steht, aufgelös't!«
»Nassau und Oranien!« hob mit einem verdrießlichen Gesichte =Cornelius=,
der erst vor einer Stunde auf =Jansens= Barke angelangt war, an. »Das ist
eine wunderliche Geschichte. Vater und Tochter fort -- spurlos
verschwunden! Das Haus mit seinem Reichthume, mit dem großen
Handelsgeschäfte verödet, verwais't. Das ist noch das tollste von allen
tollen Ereignissen, die ich im Laufe weniger Tage erlebt habe.«
»Es ist fatal!« brummte Herr =Jan= vor sich hin. »Jetzt wäre die beste
Gelegenheit, den alten Handel wegen =Clötje= und =Cornelius= richtig zu
machen, denn, nachdem ihm das Waarenhaus niedergebrannt, ist Alles
ausgeglichen und ich bin wenigstens ebenso dick, wie =van Vlieten=. Dumme
Streiche! Will man mit dem Alten handeln, so ist er nicht auf dem
Platze; will man nach der Tochter greifen, so faßt man die leere Luft.«
»Er war sehr krank und schwach?« forschte der Sohn weiter. »Es ist nicht
zu denken, daß er ohne Unterstützung, ohne anderen Beistand sich
entfernt habe.«
»Wer kann das wissen?« wandte der alte =van Daalen= ein. »Der Domine sagt,
er habe ihn sehr elend und ermattet gefunden; der Doctor =Mauritius=
behauptet, das sey nicht möglich, denn Mittags noch habe er eine
gebratene Gans mit gutem Appetit allein verzehrt und eine Flasche
Rheinwein dazu ausgestochen. Dem =Tobias= waren immer die Schwarzröcke ein
Dorn im Auge. Ich meinerseits glaube, er hat sich in der Weinlaune nur
einen Spaß mit dem Domine gemacht. Er hat ihm eine Nase gedreht mit der
Mattigkeit und der Todesfurcht. Laßt uns nur das Ende erwarten!
Vielleicht ist er bei der Bemühung, irgend Etwas aus dem Feuer zu
retten, umgekommen und seine Gebeine werden noch unter dem Schutte
gefunden.«
Indessen verfolgten die scharfen Blicke des Barkencapitäns einen
Menschen, der sich taumelnd und dem Anscheine nach betrunken, zwischen
dem Haufen der hier zahlreich versammelten neugierigen Bewohner von
=Rotterdam= umhertrieb. Er war noch zu weit entfernt von ihm, er verlor
sich zu oft hinter den einzelnen Gruppen der Zuschauer, als daß =Jansen=
ihn mit Bestimmtheit hätte erkennen können. Aber eine dunkele Vermuthung
fesselte seine Blicke an den Mann. Jetzt kam dieser näher, jetzt wandte
er sein Angesicht, jetzt sah auch er den Capitän und war nun ängstlich
bemüht, sich wieder unter der Menge zu verbergen. =Jansen= hatte ihn
erkannt! Sein Donnerruf: »=Peter Trip!=« brachte ihn zum Stehen und führte
ihn bald darauf, freilich in einigen Schlangenlinien, die er vergebens
strebte in eine gerade Richtung zu verwandeln, vor den Capitän.
=Jansen= hatte ihm, während er langsam näher kam, finstere durchbohrende
Blicke zugesandt, deren Bedeutung er aber, bei der schon eintretenden
Dämmerung und in der Befangenheit des Rausches schwerlich erkannte.
»Wo kommst du her, =Peter=? Warum warst du nicht auf deinem Posten, als
ich ankam?« fragte in einem rauhen, strengen Tone der Schiffsherr. =Trip=
zögerte mit der Antwort. »Bramsegel und Backbord!« fuhr =Jansen= heftiger
auf ihn ein und hob die gewaltige Faust. »Soll ich dir Rede machen, soll
ich dich deine Schuldigkeit lehren?«
»Capitän,« antwortete mit halb lallender, halb zitternder Stimme =Peter=:
»seyd nicht böse, verzeiht einem armen Teufel, daß er eine Fahrt auf
eigene Rechnung gemacht. Aber seht -- der Verdienst lohnte auch die
Mühe: zehn blanke Dukaten und überdem noch freier Wachholder auf ein
ganzes Jahr!«
»Was soll das heißen?« sagte =Jansen= erstaunt zu =Cornelius=. »Des
Burschen Hand, in der man sonst nur das Ruder oder das Brandweinglas
erblickt, ist mit Gold bedeckt, er faselt noch von andern Dingen, die
meinen Argwohn erregen -- Kerl!« wandte er sich drohend zu =Trip=
zurück: »hast du schlechte Streiche getrieben, so nimm dich in Acht! Ich
könnte dir den hanfenen Zwieback zu schmecken geben und, Sturm und
Wetter! wenn du gar gestohlen hättest, so müßtest du baumeln ohne Gnade
und Barmherzigkeit. Heraus mit der Sprache! Was hast du gethan, wo kommt
das Geld her?«
»Ehrlich erworbenes Geld, ehrlich erworbener Wachholder!« erwiederte
=Peter=, der jetzt seinen Entschluß genommen hatte, mit größerer Ruhe.
»Ich habe geschworen, von der Sache nichts auszuplaudern, aber wenn Ihr
sie zu wissen begehrt, so muß ich sie sagen, denn Ihr seyd mein Herr und
Herrendienst geht vor Gottesdienst. Kurz und gut, ich habe einen Kranken
nach =Leyden= gefahren in dieser Nacht! =Clas Rycke= war auch dabei und
sein Boot mußte über den Spiegel gleiten, wie die fliegenden Fische über
das Meer von =Java=. Der kranke junge Mensch war so zufrieden damit, daß
er sich nicht rührte und regte und der Professor, der uns gedungen,
lobte uns sehr und lachte immer vergnügt in sich hinein.«
»Was für ein Professor?« forschte =Jansen= weiter. »Wie nannte er sich?«
»Wie er sich nannte?« versetzte, seine Mütze verlegen hin und her
rückend, =Peter=. »Genau weiß ich's nicht mehr. =Hasenfuß= oder
=Hasenkopf=: eins von Beiden!«
»=Hazenbrook!=« fiel ungeduldig =Cornelius= ein.
»Wahrhaftig!« sagte im dummen Erstaunen der Matrose. »Ihr wißt's besser,
als ich, und waret doch nicht dabei!«
»=Hazenbrook!=« wiederholte Herr =Jan=. »So wahr ich lebe, das ist derselbe
Professor, der, als ich mit Heern =van Vlieten= das Letztemal am Haven
spazieren ging, ihn durchaus überreden wollte, er solle sich nach seinem
Tode als eine egyptische Mumie einsalzen lassen.«
»=Cleliens= Räuber!« rief in heftiger Bewegung =Cornelius=.
»Nur still, nur ruhig!« ermahnte der Capitän. »Wir werden bald Land
sehen. Ihr müßt mir nur durch Euer Gerede und Gelärm den Burschen nicht
verblüffen. Sprich weiter, =Trip=!« kehrte er sich wieder zu diesem. »Wie
sah der kranke junge Mensch aus? War er zart und schmächtig?«
=Peter= sann ein Weilchen nach. Dann antwortete er in treuherzigem Tone:
»Wahrhaftig, Capitän, das kann ich Euch nicht so genau sagen! Die
Nachtmütze saß ihm tief auf die Nase herab und der Pelz hüllte ihn bis
über's Kinn ein. Der Professor lehnte sich auch immer so über ihn hin,
daß man wenig von ihm sehen konnte. Aber als wir mit Tagesanbruch in
=Leyden= hielten, kam mir die Nase spitz und roth vor und ein stachlichter
Bart trat über den Pelz heraus.«
»So war es =Clelia= nicht!« sagte der Junker, der sich in der Hoffnung,
eine Spur der Geliebten zu finden, unangenehm getäuscht sah.
»Ein junger Mensch mit einer rothen Nase und einem stachelichten Barte?«
hob im Tone des Argwohns und der Erwägung =Jansen= auf's Neue an. »Wo habt
Ihr sie denn eingenommen, Eueren jungen Menschen und Eueren Professor?«
Das war eine Frage, deren Beantwortung =Peter Trip= gern vermieden hätte.
Sie konnte weiter führen und den Capitän mit seinen Rettungsversuchen
während des Brandes, die =Hazenbrook= ganz richtig als Bemühungen für den
eigenen Seckel bezeichnet hatte, bekannt machen. Aber er fürchtete die
Strenge seines Herrn und hatte nicht den Muth ihn zu belügen.
»Ei, dort!« erwiederte er mit gedämpfter Stimme und zeigte nach dem =van
Vlietenschen= Wohnhause. »An einer Hinterthüre. Der Professor brachte den
ohnmächtigen Kranken herab. Er hatte recht seine Last mit ihm. Wir
mußten versprechen, nichts zu verrathen, so ging's fort und wir
schmuggelten die Passagiere glücklich an der Havenwache vorbei.«
»Während des Brandes?« fragte hastig =Jansen=.
»Gleich zu Anfang,« lautete die Antwort. »Es war Alles still dort.
Niemand hat uns gesehen.«
»Blixen, mir geht ein Licht auf!« fuhr Herr =Jan= mit einemmale aus seiner
gewöhnlichen Ruhe empor. »Der Kranke war kein anderer als Myn Heer =van
Vlieten= und der verdammte Professor hat ihn entführt, um ihn auf
egyptische Art einzumachen. Aber das soll ihm übel bekommen, dem
Menschendieb! Ich laufe zum Bürgermeister, ich lasse mir gerichtliche
Vollmacht geben, ich will sehen, ob ein dicker und angesehener
Bewindhebber von =Rotterdam= von einem solchen egyptischen Seeräuber
ungestraft aus seiner eigenen Stube gestohlen werden darf!«
Was er gehört hatte, war hinreichend seinen Zorn zu entflammen. Er
drängte sich rasch durch die versammelten Neugierigen und richtete seine
Schritte nach dem Hause des Bürgermeisters. In der Person des Herrn
=Tobias= schien ihm der ganze Handelsstand von =Rotterdam= schwer
beleidigt. Er selbst wollte noch an diesem Abende die Reise nach
=Leyden= antreten, um dort unter gerichtlichem Beistande den alten
Freund, mit dem er doch manche Schaale Thee im Prinzen-Collegium
getrunken, wenn es noch möglich sey, von dem schmählichen Schicksale des
»Einmachens« zu retten. Dieses war ein großer Entschluß für einen Mann,
der so sehr an ein ruhiges, gemächliches Leben gewöhnt war, wie Herr
=van Daalen=: aber welche mächtige Hebel hatten auch mit einemmale
seine Seele ergriffen? Es war die =Rache=, die er früher noch nie
gekannt, die -- Hoffnung, die ihn neu belebte!
»Fort, fort!« rief auch =Cornelius=, als der Alte kaum den Rücken gewandt
hatte. »Beim Degen des großen =Marlborough=, dieser =Hazenbrook= ist ein
entsetzlicher Mensch! Er läßt die Tochter entführen, während er selbst
den Vater raubt. Welche schrecklichen Absichten lauern unter der Hülle
dieses Geheimnisses? Ich will sie zerreißen, zerhauen mit dem Degen,
wenn es seyn muß. Komm mit, =Jansen=! Meine Pferde sind gesattelt. In drei
Stunden sind wir in =Leyden=. Nassau und Oranien! Ich will den Professor
und der Professor soll mich kennen lernen.«
»Meinetwegen!« versetzte =Jansen=. »Ich bin ein schlechter Reiter und wenn
ich den Hals breche, hast du es auf dem Gewissen. Aber ich habe dir
versprochen, dich nicht allein in der tollen Geschichte stecken zu
lassen und mein Wort halte ich. Du,« rief er, schon im Fortgehen, nach
=Peter Trip= hin, der sich bereits mit dem Gedanken schmeichelte, von
seinem gestrengen Gebieter vergessen worden zu seyn, »du trollst dich im
Augenblicke auf die =Syrene= und wenn du sie eher verlässest, als ich
wiederkomme, so soll dir des Bootsmanns Ruderstange um den Kopf wirbeln,
daß du deine Dukaten für Kopfstücke ansiehest und dir die Wachholderlust
auf lange hin vergeht!«
Die beiden Freunde schritten eilig der nicht weit entlegenen Wohnung des
Herrn =van Daalen= zu. =Peter Trip= schlug taumelnd den Weg nach der Gegend
des Havens ein, wo die =Syrene= vor Anker zu liegen pflegte.
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