der Professor =Eobanus Hazenbrook= und bemühete sich, eine Thräne aus
dem trockenen Auge zu pressen. Er stand in seinem kleinen Schlafzimmer
an dem Lager, auf dem, seit der am frühen Morgen erfolgten Ankunft in
=Leyden=, Herr =Tobias van Vlieten= in fortdauernder Bewußtlosigkeit
geruhet hatte. Vergebens hatte der Professor dem Leidenden stärkende
Tropfen eingeflößt, vergebens alle Mittel erschöpft, die, jedem äußeren
Merkmale nach, gänzlich erschlafften Lebenskräfte zu heben. Das Aechzen
des Kranken war von Stunde zu Stunde schwächer geworden, jetzt hatte es
ganz aufgehört.
»Das ist das Werk des Doctor =Mauritius=!« sprach =Hazenbrook=, sich
selbst über den Gewissenszweifel beruhigen wollend, daß die nächtliche
Reise den Tod des Patienten veranlaßt oder beschleunigt habe.
»Rindfleisch und Rheinwein! Es heißt eine Feuersbrunst mit Pech und
Schwefel löschen, wenn man solche Dinge in ein schon erhitztes und
erregtes Blut wirft. Da liegt er nun starr und todt -- geschlachtet von
dem verrückten Leichendoctor! Aber ich will aus ihm selbst ihm ein
Mausoleum bereiten, zu dem die staunende Nachwelt wallfahrten soll, wie
zu einem wunderthätigen Heiligenbilde. Jetzt erst ist er mein. _Habeo
Themistoclem!_«
Er schwieg und sah mit einem milden Lächeln in das Antlitz und die noch
offenen Augen des Liegenden.
»Freilich,« hob er nach einer ziemlichen Pause wieder an, »könnte es
Ignoranten geben, die da meinen möchten, diese Augen seyen noch nicht
eigentlich gebrochen und das leise Zucken in den Wimpern verrathe eine
Lebensspur. Aber haben sie die Natur in ihre geheimsten Gänge verfolgt,
wie der Professor =Eobanus Hazenbrook=? Die erstarrende Ader zuckt noch,
allein es ist nicht das Leben, das sie bewegt. So zappeln auch noch die
Glieder der todten Schlange, der man den Kopf abgeschnitten, das Bein,
das man der Spinne abgerissen hat. Es sind die letzten Regungen des
zurückgebliebenen Leibes, an denen die geschiedene Seele keinen Theil
hat. Meinen Scharfblick täuscht nichts, meine Erfahrung hat sich in
tausend Fällen bewährt!«
Was man wünscht, das glaubt man gern. So ging es auch dem Professor.
Nichts schien mehr der Erfüllung seines heißesten Wunsches
entgegenzustehen. Den =Tobias= hatte er nur geliebt in der Hoffnung auf
seinen Tod: was Wunder, daß er sich jetzt dem freudigen Glauben hingab,
diese Hoffnung sey nun in Wirklichkeit übergegangen? Aber sein in Freude
überschwellendes Gefühl war es eben, was diesesmal seinen Verstand
betrog und seinen ärztlichen Blick trübte. Herr =van Vlieten= war
keineswegs todt, wie =Hazenbrook= mit Sicherheit wähnte. Im
Gegentheile bereitete gerade jetzt eine Crisis im Innern die schleunige
fast wunderbare Genesung des Kranken vor. Er lag im Starrkrampfe. Er
hatte Alles gesehen, Alles gehört, was mit ihm vorgegangen war. Er sah
noch in diesem Augenblicke den Professor mit dem schmunzelnden
Einbalsamirungslächeln auf dem Gesichte, er vernahm aus seinem Munde die
Erklärung, daß er -- der Lebende nun gestorben sey und sich demnächst
selbst, als irgend ein egyptischer Mumienkönig, zum verewigten Denkmale
gesetzt werden solle. Entsetzliche Lage! Er wollte schreien, aber die
Kehle war ihm wie zugeschnürt, die Zunge versagte ihm jeden Dienst. Er
wollte sich bewegen, wüthend um sich schlagen; seine Glieder waren
starr, unvermögend zu der geringsten Thätigkeit. Und immer stand der
Professor vor ihm mit dem gräßlichen Lächeln, mit dem Ausdrucke innigen
Wohlgefallens an der vermeinten Leiche!
Wie ward ihm aber gar, als nun =Hazenbrook= seinen vertrauten Diener rief
und mit dessen Hülfe ihn eine breite Treppe hinauf in einen
hochgewölbten Saal trug, wo ihn allenthalben schauerliche Sinnbilder des
Todes angrins'ten! Es war das anatomische Theater. Der Professor genoß
einer freien Wohnung im Universitätsgebäude und hielt es für das
Rathsamste, sein Einbalsamirungsgeschäft im Zergliederungssaale, der
während der Ferienzeit ihm vollkommene Verborgenheit gewährte, zu
beginnen. Der starre Körper des Herrn =Tobias= war von den beiden Männern
auf eine große Tafel niedergelegt worden. Jetzt sah er freilich nichts
mehr von den Gerippen, die in einzelnen Nischen des Saales aufgestellt
waren, von den Zergliederungs- und Amputations-Apparaten an den Wänden,
die er für Marterwerkzeuge gehalten hatte. Sein starrer Blick haftete an
der gewölbten Decke. Durch die Fenster in dieser schien der Mond,
schimmerten die Sterne herab. Da dachte er: ich sehe noch den Himmel und
seine schönen Lichter und bin dennoch gestorben, ich kann noch denken
und mich sehnen nach meinem lieben Kinde, das ich durch allzu große
Strenge von mir getrieben, und sie heißen mich doch schon den seligen
=Tobias=! Die Wehmuth trat ihm an's Herz. Es war ihm, als müsse er weinen,
wie ein Kind, aber auch die Thränen hielt der Krampf gefesselt.
Indessen durchschritt der Professor seelenvergnügt den Schauplatz seiner
Heldenthaten. Er hatte den Diener fortgeschickt. Seine Blicke ruheten
bald behaglich auf irgend einem wohlgelungenen Präparat, bald auf einem
seltsamen Monstrum, deren mehrere gut erhalten und ausgestopft in dem
Gemache standen; immer aber kehrten sie doch mit dem Ausdrucke einer
vollkommenen Zufriedenheit, eines Wohlwollens, das mit jedem Augenblicke
stieg, nach dem großen Secirungstische zurück, auf dem Herr =van Vlieten=
die Sternlein und den lieben Mond beäugelte. Mitternacht war nahe.
=Hazenbrook= ahnete nicht, daß der Glockenschlag dieser verhängnißvollen
Stunde ihn mit einemmale von dem Gipfel seiner Freude, aus dem
Paradiesgarten seiner, wie er wähnte, erfüllten Hoffnungen schleudern
würde. --
An einem der Stadtthore von =Leyden= fand während dieser Zeit eine Scene
statt, die mit den bedeutendsten Verhältnissen unserer Geschichte in
einer zu innigen Beziehung steht, als daß wir ihrer nur leichthin
gedenken dürften. Ein bedeckter und verschlossener Wagen fuhr langsam
über die Zugbrücke und durch das geöffnete Thor. Die zwei Pferde, welche
ihn zogen, schienen sehr ermüdet und mußten sowohl durch die
Peitschenschläge ihres Führers, wie durch die ermunternden Zureden eines
nebenreitenden Begleiters bewogen werden, ihren matten Schritt
fortzusetzen. Ein anderer Begleiter hielt indessen bei der Thorwache,
um deren pflichtmäßige Erkundigungen zu beantworten und ohne daß er zwei
hinter ihm haltender Reiter, die im scharfen Trabe nachgekommen waren,
sonderlich geachtet hätte. Er schien sehr eilig und verdrießlich über
den nothgedrungenen Aufenthalt.
»Zum Professor =Hazenbrook=! _Cadédis!_ Wie oft soll ich es wiederholen!«
rief er ungeduldig nach der Wache hin, indem er dem langsam
fortkriechenden Fuhrwerke folgte.
»Bramsegel und Backbord!« flüsterte einer der beiden später anlangenden
Reiter seinem Gefährten zu. »Wir segeln mit gutem Winde. Dieser _Cadédis_
ist einer von den zwei Spitzbuben, die ich dir auf der Syrene
nachgeführt, und ich will nie wieder einen Anker auswerfen oder ein
Segel hißen lassen, wenn in dem neumodischen Kasten, den sie eine
Kutsche nennen, nicht Jungfer =Clötje= und =Herrmanneke's= Braut, die
holdselige =Philippintje=, sitzen!«
»Bei dem Ruhme Oraniens! Ich glaube es selbst;« erwiederte =Cornelius=,
der mit seinem Freunde den sechsstündigen Weg von =Rotterdam= nach =Leyden=
in Sturmeseile zurückgelegt hatte. »Wir müssen die Spur verfolgen. Hier
werden sich alle Räthsel lösen, hier werde ich endlich meinen seltsamen
Feind, den Professor =Hazenbrook=, von Angesicht zu Angesicht kennen
lernen.«
Er sprang vom Pferde; =Jansen= folgte seinem Beispiele. Die militärischen
Abzeichen, welche =Cornelius= trug, machten jede weitere Erörterung mit
der Wache überflüßig. Während sie zu Fuß die schneckenartig sich
fortbewegende Kutsche erreichten, blieben die Pferde bei der Thorwache
zurück. Das Herz des Junkers =van Daalen= pochte in stürmischer Unruhe!
Seine Blicke hingen an dem Wagen, sie hätten die dünne Scheidewand, die
ihn von der wahrscheinlich wiedergefundenen Geliebten trennte,
durchbohren mögen. Die Schritte der beiden Freunde waren leise, jetzt
waren sie dem Wagen ganz nahe, jetzt schwangen sie sich von einem
gemeinsamen Gedanken ergriffen im nämlichen Augenblick auf das breite
Hinterbrett der schwerfälligen Kutsche, das zum Tragen der Reisekisten
bestimmt war. Niemand hatte sie bemerkt. Die Begleiter des Wagens ritten
langsam vor diesem her und ahneten nicht, was sich hinter ihrem Rücken
begab. =Jansen= lachte mit unterdrücktem Kichern in sich hinein, während
=Cornelius= lauschte, ob er nicht etwa =Cleliens= theuere Stimme im Inneren
des Wagens vernehmen könne. Seine Mühe war eitel; das Rasseln der
Kutsche auf dem Steinpflaster verschlang jeden anderen Ton.
Durch viele Straßen waren sie schon gekommen und das Licht des Mondes
hätte die beiden Freunde leicht verrathen können, wenn es einem von den
Reitern eingefallen wäre, zurückzubleiben und die Lage der Dinge zu
untersuchen. Aber sie waren ihrem Ziele zu nahe, um noch irgend eine
Gefahr zu befürchten. Sie plauderten sorglos von der Ueberraschung des
Professors, der einen solchen Besuch um Mitternacht gewiß nicht erwarten
würde.
Endlich hielt die Kutsche vor einem großen steinernen Gebäude. Einer der
Reitenden stieg ab und öffnete mit einem Schlüssel, den er bei sich
führte. Mit einem dumpfen Getöse fuhr der Wagen in ein dunkeles Gewölbe.
Das Thor schloß sich hinter ihm.
»Wir sind gefangen!« flüsterte =Jansen= nach =Cornelius= hin.
»Wir haben Waffen;« entgegnete leise dieser.
»Ich muß doch den Alten erst vorbereiten;« sagte in vernehmlichem Tone
jetzt derjenige der zwei Begleiter, der bereits den Boden betreten
hatte. =Cornelius= erkannte ihn an der Stimme. Es war der junge Mann, der
damals in dem ländlichen Gehöfe zu den saumseligen Maasregeln gerathen,
welche des Junkers Flucht mit den beiden Frauen begünstigten. »Er
arbeitet noch oben im Saale, denn es ist Licht dort,« sprach er weiter.
»Führe du indessen die Pferde zum Stalle, =Le Vaillant=! Der Wagen bleibt
bis zu meiner Rückkehr ruhig an Ort und Stelle.«
Alles geschah nach der Angabe des Fortschreitenden. Er schien ermüdet.
Seine langsamen Schritte dröhnten im Wiederhalle von der steinernen
Treppe herab, die er hinaufging. Ringsum herrschte völlige Dunkelheit.
=Cornelius= und =Jansen= schlichen vor zum Kutschenschlage. Der Führer des
Wagens war auf seinem Sitze fest eingeschlafen. =Jansen= bewachte ihn; der
zurückgebliebene Begleiter hatte die Pferde nach dem Hintergrunde eines
geräumig scheinenden Hofes geführt.
»=Clelia!=« sprach leise, aber im Tone der innigsten Liebe, der Hoffnung
und Furcht, =Cornelius= durch die Ritze der Ledervorhänge in das Innere
der Kutsche.
»=Cornelius!=« antwortete eine Stimme, deren Ton ihn mit Entzücken
erfüllte.
Im nächsten Augenblicke war der Schlag geöffnet. =Clelia= sank zitternd an
die Brust ihres Freundes. Laute unmelodische Odemzüge verriethen die
Anwesenheit =Philippintje's=, aber auch zugleich, daß sie sich in
demselben Zustande befand, wie der Rosselenker auf dem Bocke.
»Hinauf, hinan!« sagte hastig =Jansen=, indem er den frei gebliebenen Arm
=Cleliens= ergriff. »Immer den Schritten des Schelmen nach, die uns den
Weg weisen sollen. Wir müssen dem Feind auf den Leib rücken, wir müssen
an sein Bord. Ich ahne, daß wir oben eine Person finden, der unsere
Gegenwart leicht noch erwünschter kommen dürfte, als der Jungfrau
=Clötje=.«
Während der furchtlose Seemann sich hastig an dem Geländer der in das
obere Stock führenden Treppe fortgriff, suchte =Cornelius= mit dem Freunde
gleichen Schritt zu halten. =Clelia= schwebte, von den kräftigen Armen der
zwei eilenden Männer unterstützt, mehr durch den dunkelen Raum aufwärts,
als daß sie sich ihrer Füße zu bedienen brauchte. Man erreichte einen
ebenen Boden. Ganz nahe war man jetzt den hallenden Tritten des
Vorangegangenen.
=Clelia= und ihre Begleiter blieben stehen. Sie hielten den Odem an, sie
lauschten. Auch derjenige, dem sie gefolgt waren, hatte seine Schritte
gehemmt. Er klopfte jetzt an eine Thüre, er nannte seinen Namen: =La
Paix=. =Jansen= drängte =Clelien= und seinen Freund vor, dem Sprechenden so
nahe, daß sie das Rauschen seines Mantels an der Wand vernehmen konnten.
Da öffnete sich die Thüre, ein Lichtglanz strömte heraus, ein schwarz
gekleideter Mann erschien in ihr und breitete die Arme dem Eintretenden
entgegen, mit den Worten:
»_Salve_, Musenkindlein! Du kommst zur guten Stunde: _habeo Themistoclem_!«
Aber im nämlichen Augenblicke drang auch =Jansen= mit =Cornelius= und
=Clelien= dem betroffenen Studenten nach in den hellen Saal, im nämlichen
Augenblicke hob der Hammer der Glocke des Universitätsgebäudes, die sich
gerade über dem anatomischen Theater befand, aus zum ersten Schlage der
Mitternachtsstunde, er dröhnte schwirrend über den Häuptern der seltsam
Versammelten hin, das Glockenspiel in der Uhr fing an das damals eben
neu aufgekommene Lied: =Prinz Eugenius, der edle Ritter=, zu spielen und
-- siehe! der Starrkrampf des Herrn =van Vlieten= war gelöst, die
schlummernde Lebenskraft schien nur einer solchen Anregung von Außen
geharrt zu haben, um, nach der glücklich vollendeten Crisis, wieder frei
und frisch in die Wirklichkeit zu treten. Noch wandte der Professor, den
fremden Besuch anstaunend, ihm den Rücken. Als aber =Hazenbrook= sich
umkehrte, als die Uebrigen ihm auf dem Fuße in das Gemach folgten, da
stand schon Herr =Tobias= mitten im Saale, umwallt von dem weiten Pelze,
der durch seines Herrn Sprung von der Tafel in eine flatternde Bewegung
gerathen war.
=Hazenbrook= verlor die Sprache und sank in einen Sessel, die beiden
Freunde betrachteten mit Befremdung die wunderliche Umgebung, die
Skelette und Mißgeburten, die ausgestopften Thiere und seltsamen
Werkzeuge an den Wänden, deren Bedeutung ihnen unbekannt war. Nur =Clelia=
hatte für nichts anderes Augen, als den schwer gekränkten, schwer
beleidigten Vater. Sie ahnete nicht das Spiel des Zufalls, das sie hier
mit ihm zusammenführte, sie wußte ja nicht anders, als daß sie auf
seinen Befehl hierher gebracht worden sey, sie mußte glauben, daß er sie
absichtlich hier erwarte. Sie warf sich ihm zu Füßen, ihre Thränen
flossen und mit bebender, flehender Stimme sagte sie:
»O verzeihet mir, mein Vater, daß ich mich so arg an Euch versündigt!
Ihr habt großes Recht mir zu zürnen, mich zu strafen, so hart Ihr wollt,
aber schenkt mir dann auch Euere Vergebung, schenkt mir Euere Liebe
wieder!«
Ein Ausdruck von Milde zeigte sich in dem Antlitze des Herrn =van
Vlieten=, als er auf die Tochter niedersah. Dann fuhren seine Blicke wild
im Kreise umher. Sie trafen auf =Hazenbrook=. Er schauderte zurück, als
habe er einen Basilisken erblickt.
»Ich verzeihe dir,« stieß er hastig heraus, »ich verzeihe dem =Cornelius=,
ich verzeihe Allen, aber =dem= verzeihe ich nicht, dem schändlichen
Menschenräuber, dem satanischen Mumien-Professor! Fort von hier im
Augenblicke! Die Luft hier ist vergiftet und die Gerippe starren mich
an, als wollten sie mich begrüßen als ihren guten Freund und
Gevattersmann. Ich ersticke hier! Ich muß ins Freie, in ein anderes
Haus.«
Er schritt mit einer Eile und Festigkeit nach der Thüre, die
augenscheinlich die völlige Rückkehr seiner Kräfte erwiesen. =Jansen= riß
ein Licht an sich und eilte voraus. Von =Cornelius= geführt folgte =Clelia=
dem versöhnten Vater. So leicht hatte sie nicht gehofft, seine
Verzeihung zu erhalten, so bald hatte sie noch weniger geahnt, ihn dem
jungen Manne, dem ihre Liebe gehörte, geneigt zu sehen. Wie ein schöner
Traum dünkte sie Alles. Sie sah wohl ein, daß in dessen Hintergrunde ein
Räthsel stehe, welchem sie die günstige Wendung ihres Schicksals
verdanke, aber sie vermochte es nicht zu erklären und gab sich auch
lieber der Wirklichkeit hin, die sie klar und freundlich ansprach.
=La Paix= sandte den Forteilenden einen staunenden und fragenden Blick
nach, der deutlich sagte, daß er von Allem, was eben unter seinen Augen
vorgegangen war, nichts begreife. Er konnte ihre Entfernung nicht
verhindern, wenn er auch gewollt hätte. Der Zustand des Professors
erheischte seine ganze Sorgfalt.
Jungfrau =Philippintje= hatte indessen im Innern der haltenden Kutsche ihr
Schläfchen fortgesetzt. Sie erwachte erst von dem Schein der Kerze, mit
der =Jansen= in den Wagen leuchtete. Ihr Blick fiel auf Herrn =van
Vlieten=. Sie sah den strengen Brodherrn im wohlbekannten Schlafpelze,
sie glaubte sich in der heimathlichen Wohnung zu =Rotterdam=, sie schrie
laut auf und wollte sich aus dem Wagen stürzen.
»Ruhig!« gebot der Capitän und schob sie unsanft in die Kutsche zurück.
Verstummend schmiegte sie sich in einen Winkel. Sie sah, wie Herr =Tobias=
einstieg, ein Zittern ergriff sie, als sie die Nähe des Gebieters, der
dicht neben ihr Platz nahm, fühlte. =Clelia= folgte dem Vater. Der milde
Strahl des Friedens, der aus ihrem Auge und Antlitze leuchtete, drang
tröstlich in =Philippintje's= Herz.
Während =Jansen= den schweren Riegel am Thore zurückschob und dieses
öffnete, hatte =Cornelius= den noch immer schlafenden Kutscher erweckt und
ihm in einem Tone, der keinen Widerspruch zuließ, angedeutet, den Wagen
augenblicklich umzuwenden und nach dem besten Gasthause zu fahren. Der
Mann war noch schlaftrunken. Er glaubte einen seiner bisherigen Herrn
vor sich zu sehen und gehorchte ohne Umstände.
»_Cadédis!_ Was hat das zu bedeuten?« rief =Le Vaillant=, als er von seinem
Geschäfte, das ihn in den Hintergebäuden des Hofes gehalten hatte,
zurückkehrte und beim Lichte der von =Jansen= am Boden zurückgelassenen
Kerze den Thorweg offen, den Wagen verschwunden sah. Er stürmte die
Treppe hinauf. Er hoffte oben bei =La Paix= und dem Professor Aufschluß zu
erhalten. Als er aber den Saal betrat, herrschte hier eine Stille, wie
im Grabe. Er fand =Hazenbrook= bleich und kraftlos in den Armen seines
Freundes =La Paix=.
* * * * *
Die schönen Hoffnungen, welche den Liebenden diese Mitternachtsstunde
gebracht hatte, wurden erfüllt. In der Frühe des nächsten Tages langte
auch Herr =Jan van Daalen= mit gerichtlichen Vollmachten an, die nun
überflüßig geworden waren. =Cleliens= Vater erwachte erst am Abend aus
einem tiefen und stärkenden Schlafe. Es bedurfte nur weniger Hin- und
Herrede zwischen den beiden alten Herrn, um den bisherigen dicksten
Mann von =Rotterdam= zu überzeugen, daß er, nach dem erlittenen
Brandschaden, den Ruhm jenes Vorzuges mit Herrn =van Daalen= theilen
müsse. Dieser Ueberzeugung folgte die Einwilligung des Herrn =Tobias= in
das Glück der beiden Kinder. Alles kam nun zur Erklärung: die
Leidensgeschichte =van Vlietens=, die Doppel-Entführung =Cleliens= und
=Philippintje's=, die Zartheit und Ehrfurcht, mit welcher sie von den
Studenten behandelt worden waren!
»Der fatale =Schiwa=! Er ist an allem Unglücke schuld;« seufzte =Tobias=.
»Gesegnet sey der =Schiwa=!« flüsterte, die blinzelnden Augen auf =Clelien=
richtend, Herr =van Daalen= für sich hin.
Um jedem übelen Leumunde auszuweichen, wurde beschlossen, die Hochzeit
ganz in der Stille hier in =Leyden= zu feiern. Alles sollte so schnell,
als möglich abgemacht werden und bis dahin die ganze Gesellschaft, wie
sie sich zusammen befand, ruhig an Ort und Stelle bleiben. Schon acht
Tage später erschien für =Clelien= und =Cornelius= der glücklichste Tag
ihres Lebens. Frau =Beckje= war zugegen und half ihn feiern; =Herrmanneke=,
der Bootsmann, aber hatte die Einladung, die =Philippintje= heimlich an
ihn ergehen lassen, ausgeschlagen, indem er sich entschuldigt: bei den
vornehmen Leuten dürfe er keinen Tabak rauchen und seine Pfeife sey ihm
lieber, als eine Hochzeit nebst Frau und Kindern. Von diesem Augenblicke
an schwor die Hausjungfer, den Treulosen ganz und gar zu vergessen und
der reichen Belohnung, die sie von =Cornelius= zu erwarten hatte, sich
allein, im friedlichen Jungfrauenstande, zu erfreuen.
=Hazenbrook= erlebte diesen Tag nicht. Ein Schlagfluß hatte ihn in jener
mitternächtlichen Stunde getroffen. Er starb wenige Tage darauf, in den
Armen seiner Schüler, an den Folgen seiner vereitelten Hoffnungen.
=Le Vaillant= und =La Paix= vollendeten ihre Studien und kehrten in ihr
Vaterland zurück. Der Zufall wollte, daß sie, als sie kaum die Grenze
hinter sich hatten, unter einer Gauklerbande die schöne =Juliane=, die sie
einst auf dem =lustigen Freier von Rotterdam= gekannt, wiederfanden. Das
Schiff ihres Vaters war von einem französischen Fahrzeuge genommen
worden, Capitän =Jonas= an den im Gefechte erhaltenen Wunden gestorben.
Sie wurde als eine gute Beute mit nach Frankreich geführt und widmete
sich bald einer Lebensart, die mit ihren Neigungen vollkommen
übereinstimmte.
Uebrigens blieben die Abentheuer des Herrn =van Vlieten= und die Gefahr,
welche er gelaufen hatte, bei lebendigem Leibe einbalsamirt zu werden,
nicht verschwiegen. Bis an sein Lebensende behielt er den Beinamen der
=Mumie von Rotterdam=.
In demselben Verlage sind folgende empfehlenswerthe Bücher erschienen:
Bilder aus England.
Von Adrian.
Zwei Theile mit 6 Kupfern. Geheftet Thlr. 3. 12 ggr. oder fl. 6.
Die =Hallische=, =Jenaische= und =Leipziger Literatur-Zeitungen=, das
=Berliner Conversationsblatt=, die =Blätter für literarische
Unterhaltung=, =Hesperus= u. A. haben sich über dieses Werk auf das
Vortheilhafteste ausgesprochen. Das ausgezeichnete Darsteller-Talent,
die leichte, lebendige Schilderungsgabe des Verfassers, der reizende
Wechsel der Gegenstände, das Interesse, das den Leser vom Anfang bis zum
Ende fesselt, und der elegante Styl sowie die Wahl der Gegenstände, die
treue, stets aus dem Leben gegriffene Darstellung des anziehenden
Landes, in welches uns der Verfasser einführt, in welchem er uns
heimisch macht, die liebenswürdigen und wunderlichen Charaktere, mit
welchen er verkehrt und die er so treffend schildert, -- alles das sind
Vorzüge, welche die eben so unterhaltenden, als lehrreichen =Bilder aus
England= auszeichnen und ihnen in gebildeten Kreisen einen so großen
Beifall gewonnen haben.
=Inhalt des ersten Theils=: 1) Calais. 2) Das Dampfboot. 3) Dover. 4)
Reise nach London. 5) Ankunft in London. 6) Wohnungen. 7) Der Morgen. 8)
Der Abend. 9) Die Nacht. 10) London im Frühling und im Herbste. 11) Die
Kaufläden. 12) Die Londnerinnen. 13) Spaziergang in London. 14)
Vauxhall. 15) Das Gesinde. 16) Die Matrosen. 17) Franzosen und
Engländer. 18) Die öffentlichen Wagen. 19) Szenen vor Gericht. 20)
Nachtszenen in den Straßen von London. 21) Das Spätjahr. 22) Die
Westminster Abtei. 23) Die Theater. 24) Die Londner Brücke.
=Inhalt des zweiten Theils=: 1) Der St. Valentins-Tag. 2) Der erste
Mai. 3) Ein Sonntag in England. 4) Ein Nachmittag zu Hampton Court. 5)
Der Greis in Dulwich College. 6) Der Alterthümler. 7) Thomas Marshal,
Esq. 8) Ausflug nach Norfolk. 9) Herr North. 10) Die Dichterhalle. 11)
Der geheimnißvolle Wagen. 12) Die Kunst in London. 13) Das Tunnel. 14)
Ueberfahrt nach Boulogne. =Anhang=: I. Vauxhall-Gesänge. II. Valentines.
In ganz ähnlichem Geiste verfaßt, und die Resultate einer neuen Reise
des Herrn Professor =Adrian= nach England, sind die unter der Presse
befindlichen
Skizzen aus England,
von Adrian,
welche eine Fortsetzung der Bilder aus England bilden und noch im Laufe
dieses Jahrs erscheinen werden.
Phantasiegemälde für 1830.
=Von= _Dr._ =Georg Döring=.
Mit einem Titelkupfer von =Fleischmann=. Cartonirt Thlr. 1. 12 gr. oder
fl. 2. 45 kr.