Er knitterte das Papier zusammen und steckte es zu sich. Es war ihm

klar, daß =Clelia= mit Gewalt müsse fortgebracht worden seyn, denn, wenn

sie auch als ein folgsames Kind sich dem Willen ihres Vaters unterworfen

hätte, so würde sie sicher darauf gedrungen haben, seine Rückkehr zu

erwarten, damit auch er an der Rettung Theil nähme. Schweigend ging er

mit den Männern. Diese Wendung seines abentheuerlichen Unternehmens

brachte ihn in seine gewöhnliche Gemüthsstimmung zurück. Es galt nun

neues Handeln, neues Ringen nach dem Besitz der Geliebten. Der

unbekannte =Hazenbrook=, dem Herr =van Vlieten= seine väterliche Gewalt

über =Clelien= übertragen und der diese wieder durch andere üben lassen,

konnte, wie er glaubte, nur ein vom Vater begünstigter Nebenbuhler seyn.

Es schien ihm einleuchtend, daß der Knoten, zu dem sich sein Schicksal

verschlungen hatte, jetzt nur in =Rotterdam= gelös't werden könne. An

=Cleliens= Treue zweifelte er keinen Augenblick. In dem Vertrauen auf

diese sah er immer noch, wenn auch wie durch Nebel, einer glücklichen

Zukunft, seiner Vereinigung mit dem theueren Mädchen entgegen.

Sie hatten den Ausgang erreicht: nicht jene enge Höhlenöffnung, durch

welche =Cornelius= am Abende zuvor mit seinen Reisegefährtinnen das

Labyrinth des Petersberges zum erstenmale betreten, nein! sie standen

unter einem hohen, weiten Schwibbogen, unter einem mächtigen Portal,

dessen Seitenwände entfernt genug von einander waren, um einem

bespannten Wagen Einlaß zu gestatten. So sehr auch =Cornelius= sich zur

Eile bewogen fühlte, so mußte er doch einige Augenblicke verweilen und

der Scene, die sich vor ihm eröffnete, seine Aufmerksamkeit schenken. Da

lag =Mastricht= mit seinen weißen Häusern und glänzenden Thürmen. Glocken

und Glockenspiele ließen sich von diesen vernehmen, das Te Deum rauschte

im heiligen Gesange aus den Kirchen zum Himmel auf, und die Sonne

lächelte so mild vom sanft blauen Gewölke hernieder, daß es ihm war,

als müsse sie selbst ihre Freude an der Dankbarkeit der Sterblichen

haben, die diese im frommen Gesange zum Himmel trugen. Eine laue Luft

wehete, wie Frühlingsodem. Die weiße Hülle, die noch gestern die Erde

bedeckte, war verschwunden und von den Hügeln jenseits der =Maas= grüßte

ein verspätetes Grün, wie ein verhallender, letzter Abschiedsruf des

schon geschiedenen Sommers. Drüben am anderen Ufer des Flußes sah man

umgestürzte Kanonen, zerbrochene Pulverkarren und ähnliche Werkzeuge,

welche die Wahlstatt eines Gefechtes, nach seinem Ausgange, bezeichnen.

Viele Leute waren um diese Gegenstände versammelt. Ganz und gar aber

hatte sich das Land zwischen der Stadt und dem Petersberge in seiner

äußeren Gestalt verändert. Hier stand Alles unter Wasser. Jener Hohlweg,

in welchem unter dem Schutze der Dunkelheit, die Feinde gegen die

Petersschanze gezogen waren, der niedere Grund, durch den =Cornelius= und

die Frauen ihre Flucht nach der aufsteigenden Anhöhe und der düsteren

Vertiefung gerichtet hatten, sie lagen unter einem Wasserspiegel, der

noch immer zu steigen schien und dessen Wellchen nicht weit von

=Cornelius= Füßen den Berg bespülten. Viele Boote und Kähne, alle mit den

Orangewimpeln lustig prangend, fuhren hin und her. Man vernahm den

munteren Zuruf der Schiffenden, wo vor einigen Stunden der Donner des

Geschützes, das Getöse der Kämpfenden, das Wimmern der Verwundeten und

Sterbenden in wilder Verwirrung die Lüfte durchdrungen hatte. Einzelne

Kähne hielten an verschiedenen Stellen und die darin Befindlichen hatten

große Netze und Haken ausgeworfen, um nach verlorenen Waffen und anderen

Beutestücken zu suchen.

Die Männer, welche den Junker =van Daalen= begleiteten, ließen ihre Freude

über diesen Anblick laut werden. Einer von ihnen sagte lachend:

»Das wird ihnen eine gute Lehre seyn und sie werden so bald nicht wieder

versuchen, die feste Stadt =Mastricht= zu nehmen, wie ein offenes Dorf,

das weder Wälle noch Kanonen hat. Aber der =Jeker= hat doch auch

diesesmal das Beste gethan! Das Wasser hat dem Feuer geholfen und als

die in der Stadt die Schleußen geöffnet, ist der =Jeker= über die Feinde

gekommen, wie die Sündfluth über die bösen Menschen, die von der Erde

vertilgt werden sollten.«

Auf sein näheres Befragen erfuhr =Cornelius=, daß der =Jeker= ein nicht

unbedeutender Fluß sey, der sich innerhalb der Stadt in die größere =Maas=

ergieße und durch Schleußen auf das flache Land nächst dem Petersberge

geleitet werden könne, was bei früheren Belagerungen der Stadt schon zum

größten Vortheile gereicht sey. Jetzt erkannte er deutlich in der

nothgedrungenen Flucht in die Irrgänge des Berges die Leitung einer

höheren Macht, die ihm und =Clelien= wohlwollte. Wäre es ihnen auch

geglückt, einen Versteck in den Niederungen am Fuße des Berges zu

finden: jetzt würden sie wahrscheinlich, mit so vielen anderen

Verunglückten, =ein= Grab unter den immer höher andrängenden Wogen

gefunden haben!

Die Männer verließen ihn, um sich zu den zurückgebliebenen Ihrigen in

den Berg zurückzubegeben. Er belohnte sie reichlich. Dann ging er am

Rande des Wassers hin, um einen Nachen aufzusuchen, der ihn zur Stadt

brächte. In einem anliegenden Boote sah er einen Mann stehen, der ihm

den Rücken zukehrte. Auf seinen Ruf wandte sich dieser um. Eine Wolke

von Rauch, die aus seinem Munde strömte, zertheilte sich und ein

bekanntes Gesicht, von einem Ende bis zum anderen von einer mächtigen

Schmarre durchzogen, grinsete ihn an.

»=Herrmanneke=, du?« rief =Cornelius= im lebhaften Erstaunen. »=Nassau und

Oranien!= Wie kommst du hierher? Wo ist dein Herr, wo die =Syrene=?«

Der Bootsmann lachte dumpf aus dem dichten Rauch, der aufs Neue sein

Antlitz verbarg, bot seinem alten Gefährten bei dem Angriffe auf die

Schebecke, treuherzig die Hand und erwiederte:

»In =Antwerpen= war unseres Bleibens nicht lange. Wir bekamen schon am

ersten Tage Fracht nach =Mastricht=, lichteten und hatten kaum den Anker

geworfen und ausgeladen, als der Spaß mit den Franzmännern losging. Die

=Syrene= liegt unten, mitten im Fluße, und hat die Nachtgäste nach beiden

Seiten hin gut bedient mit eisernen Pillen, die manchem von ihnen

Kopfweh gemacht haben mögen. Was den Capitän angeht, so hat der seine

Fahrt auf die Schanze dort oben gerichtet und bringt Munition ein. Harrt

nur einen Augenblick, Junker =Cornelius=! Er muß gleich zurückkommen. Dann

geht's auf die Barke und bei dem guten Winde werden noch in dieser

Stunde die Anker gehoben zur lustigen Fahrt nach =Rotterdam=.«

»Nach =Rotterdam=?« rief =Cornelius= froh überrascht. »Beim Waffenruhme

=Marlborough's=! das heißt Glück im Unglück. Ich fahre mit Euch. Wir

wollen es noch einmal zu Wasser mit einander versuchen, alter Camerad!«

=Herrmanneke= ließ die Hand mit der Pfeife aus dem Munde sinken. Er

blickte schüchtern umher, dann sah er bedenklich den Junker an.

»Wo ist denn Euer Frauenvolk?« sagte er mit einem Ausdrucke von Unruhe

und Besorgniß in seinen Zügen, der diesen bisher fremd gewesen war.

»Die Junge meine ich nicht, sondern die Alte, mit der ich nicht gern

wieder auf einem Ankerplatze zusammenkommen möchte, da sie den Tabak

doch nimmermehr vertragen lernt.«

=Cornelius= konnte sich eines Lächelns über die Furcht, welche der

Bootsmann vor dem allzugroßen Eindrucke von =Philippintje's= Reizen auf

sein empfängliches Herz zu hegen schien, nicht erwehren.

»Sey unbesorgt, =Herrmanneke=!« antwortete er in launigem Tone. »Ich bin

ganz allein und diejenige, deren Anblick dein Liebesfeuer wieder

anzuschüren vermöchte, wandelt jetzt auf Pfaden, wo wir ihr schwerlich

begegnen. Ueberdem hat sie dir auch das Goldstück zurückgeschickt, das

du ihr auf die Treue gegeben, und das ist der deutlichste Beweis, daß

sie ihr Herz ganz und gar von dir abgewendet hat und als Jungfrau leben

und sterben will.«

Der Bootsmann erwiederte nichts, aber indem er die süßen Erinnerungen an

=Philippintje= zu bekämpfen suchte, dampfte er stärker, als bisher.

=Jansen= kam jetzt den Berg herab und rief schon aus der Ferne dem Freunde

ein herzliches Willkommen zu. Er war nicht sehr erstaunt, ihn hier zu

finden, da er ja aus seinem Munde wußte, daß =Mastricht= das Ziel seiner

Reise sey. Während =Herrmanneke= die beiden Freunde nach der Stelle

hinruderte, wo die =Syrene= vor Anker lag, erfuhr =Jansen= von =Cornelius=

Alles, was diesem seit ihrer Trennung begegnet war. Er sah seine

Vermuthung über die nur vorgebliche Verwandtschaft =Cleliens= mit dem

Junker bestätigt. Als dieser von den beiden Studenten sprach und ihre

Personen beschrieb, rief =Jansen= wild aus:

»Bramsegel und Backbord! Die beiden Schelme habe ich auf der =Syrene=

gehabt und dir selbst sie nachgeführt bis =Antwerpen=. Hätte ich damals

gewußt, was ich jetzt weiß, wie hätte ich sie anführen und abführen

wollen! Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Laß uns nur erst wieder

in =Rotterdam= seyn! Da stehe ich dir bei als ein dankbarer Freund, und

die Jungfrau =Clelia= muß dafür Frau =van Daalen= werden, daß du den

Spagnol, wie einen feuerigen Drachen, zum Himmel fahren machtest. Ein

Dienst ist des andern werth. Eine Frau für einen Drachen -- umgekehrt

findet sich das oft in der Welt!«

Sie langten bei der Barke an. Frau =Beckje= empfing den Freund ihres

Mannes mit ihren gewöhnlichen Neckereien. In der nächsten Viertelstunde

schon wurden die Anker aufgewunden und, von günstigen Winden fortbewegt,

schwebte die =Syrene=, zwischen den Häuserreihen der Stadt =Mastricht= und

der Vorstadt =Wyk=, die =Maas= hinab ihrer Heimath zu.

8.

Niemand verlebte indessen eine trostlosere Zeit, als der Professor

=Eobanus Hazenbrook=. Täglich mußte er aus dem Fenster der unbequemen

Wohnung, in die er sich der Wissenschaft zu Liebe einquartirt hatte, die

köstlichen Gerichte vorübertragen sehen, welche der Doctor =Mauritius=

seinem Patienten schickte. Dieser aber selbst blieb ihm unsichtbar und

schien für ihn ein Gegenstand unerreichbarer Wünsche geworden zu seyn.

Hoffen und Harren macht Manchen zum Narren! Dieser Spruch lag ihm immer

im Kopfe und ob es ihm auch dünkte, daß er nahe daran sey, den Verstand

zu verlieren, so konnte er doch nicht ablassen, nach dem verhängten

Fenster sehnsüchtig hinaufzuäugeln und eine Zukunft zu ahnen, die ihm

alle Entbehrungen, alle Leiden des Körpers und des Geistes reichlich

vergelten würde.

=Eobanus= hatte das Bedürfniß oft in Gesellschaft zu seyn. Vor der

Mumienangelegenheit aber mußte alles Andere zurückstehen. Er beschloß,

sich in die Umstände zu schicken und nur eine Morgenstunde unter den

Leuten, die sich in der Schenkstube des Hauses um diese Zeit

versammelten, hinzubringen. Freilich fand er Anfangs die Unterhaltung

der Matrosen und Lastträger nicht ganz nach seinem Geschmacke, als er

aber erfuhr, daß =Peter Trip=, dessen sich der gütige Leser wohl noch als

eines immerdurstigen Untergebenen des Capitän =Jansen= erinnert, in

früheren Jahren in =Alexandrien= gewesen sey und von da mit einem

gelehrten Reisenden eine Wanderung in das Innere =Egyptens= unternommen

habe, rechnete er diese Stunden zu den köstlichsten seines Lebens. Er

nahm nun seinen Platz immer neben =Peter= ein, der sehr in seiner Achtung

gestiegen war, bewirthete ihn täglich und notirte, was dieser zum

schuldigen Danke über die Pyramiden und ihre Katakomben berichtete,

sorgfältig in sein Gedächtnißbuch. So geschah es, daß beide herzinnige

Freunde wurden: der Professor aus Begeisterung für das Land, das der Nil

bewässert, =Peter Trip= aus reiner Liebe zum Wachholder.

Am Meisten kränkte es den Professor, seinen wohlbeleibten Gegner, den

Doctor =Mauritius=, immer mit einer Miene aus dem Hause des Herrn

=Tobias= zurückkehren zu sehen, in der sich Vergnügen und

Selbstzufriedenheit malten. Was konnte diese anders erzeugen, als das

Gelingen, der glückliche Fortgang seiner entsetzlichen Cur? In den

triumphirenden Blicken, in dem breiten Lächeln, das auf den vollen

Wangen des Leichendoctors lag, glaubte =Eobanus= das Vernichtungsurtheil

seiner letzten, ohnehin nur schwachen Hoffnung zu lesen. Gewiß war Herr

=van Vlieten= schon auf dem besten Wege, ebenso corpulent, ebenso fett

und nutzlos für die Kunst der leiblichen Verewigung zu werden, wie

=Mauritius= selbst. Des Professors Phantasie, die sich freilich nur für

einen Gegenstand, aber für diesen grenzenlos entflammte, malte dann in's

Große. =Tobias= trat auf ihn zu in dem allbekannten zimmetfarbenen

Ueberrocke, aber er war ihm an allen Ecken und Enden zu eng geworden.

Mit großer Mühe schien der Rock über dem gerundeten Bauch

zusammengeknöpft und mit einemmale sprangen mit lautem Geräusche die

Knöpfe und der Rundbauch in der schwarzen Sammetweste trat weit über die

zurückfahrenden Schöße des kaneelfarbigen Kleides hervor. Ansehnliche

Waden strotzten unter dem Kniebande gleichsam höhnisch nach =Hazenbrook=

hin, die Farbe der Wangen war weiß und glänzend geworden, die sonst

nadelfeine Spitznase hatte sich zwischen den herausquellenden Pausbacken

in ein angenehmes Stumpfnäschen verwandelt und das Stumpfnäschen rümpfte

sich, als das abscheuliche Bild lebenslustige Blicke auf =Eobanus= warf,

als der schwellende Mund sich zu einem malitiösen Lächeln verzog, und

die Mißgeburt seiner Phantasie nun in jenem dicken, gedämpften Tone, der

auch den Fettansatz in Brust und Hals verrieth, zu sprechen begann: »So

du lange lebest auf Erden, so du vergnügt bist! Der =Heer Eobanus

Hazenbrook=, Professor vielberühmter Lugduner Academie, wie auch Custos

_theatri anatomici_, ist in einen tiefen Irrthum versunken, wenn er sich

schmeichelt, mich einzuschlachten für seine egyptische Vorzeit. Jetzt

erst fängt mir's an, recht wohl zu werden auf der lieben Welt, ich will

mir Gutes thun und gedeihen, und ich hoffe unter dem Beistande des

würdigen Doctor =Mauritius=, der die rechte Behandlungsart getroffen,

meine hundert Jährchen herauszubringen. Ja, =Myn Heer Professor=, es ist

mir selbst gar nicht bange dafür, die Nachricht von Euerem zeitlichen

Hintritt noch lange vor dem meinigen zu vernehmen und zum Danke für

Euere guten Absichten mit mir sinne ich schon darauf, einen Bleikeller,

gleich =dem= in der guten Stadt =Bremen= erbauen zu lassen, in welchem

dann Euer Balg verwahrt werden soll, bis zum Stündlein des jüngsten

Gerichtes!« -- So ungefähr redete =Hazenbrook= sich selbst im Namen des

Herrn =van Vlieten= an. Nichts aber war dem Professor verhaßter, als

jene Bleimumien, die sich in dem gedachten Keller und in einigen

Kirchengewölben finden. Sie existirten weder für, noch durch die

Wissenschaft. Sie äfften das Leben nach, aber nur das gegenwärtige

bedeutungslose, nicht ein altvergangenes, klassisches, das geheimnißvoll

durch Jahrtausende gehegt worden war und, wenn man ihm nachspürte, schon

in seinen Nebendingen eine Quelle von Bereicherungen für die

Wissenschaft ward. Er rief =Trip=, den er über die Straße gehen sah,

herauf, um sich von ihm die häßlichen Bilder ausreden zu lassen. =Trip=

kam gern und bald befand sich =Hazenbrook= durch seine Erzählungen

wieder seelenfroh an die Ufer des Nils versetzt. Er lauschte und

lächelte. Er war ganz Ohr: warum besaß er nicht das Wünschhütlein des

=Fortunatus=, um im nächsten Augenblicke im Innern einer der wunderbaren

Pyramiden von =Sakhara= oder =Ghizeh= zu sitzen und in den Grabmälern

längst entschlafener Könige, als ein wissenschaftlicher Leichenwurm,

herumzustöbern? --

Uebrigens befand sich Herr =van Vlieten= keinesweges in einem so

behaglichen und gedeihlichen Zustande, wie =Eobanus= fürchtete. Die

veränderte Lebensweise wirkte nachtheilig, statt günstig auf ihn. Die

reichlichen, nahrhaften Mahlzeiten erschöpften seine Kräfte, indem sie

diese für Augenblicke erhoben, denen dann wieder Stunden der tiefsten

Abspannung folgten. =Mauritius= versicherte zwar täglich, es gehe besser,

der Puls sey lebenskräftiger und frischer geworden und es unterliege

keinem Zweifel, daß, wenn Herr =Tobias= fortfahre, Rindfleisch und

Kartoffeln zu speisen, die vollständige Genesung bald erfolgen werde;

allein der Patient selbst empfand eine fortschreitende Abnahme der

Kräfte, Kopfschmerz und Fieber plagten ihn unaufhörlich, keine Nacht

wollte ihm den ersehnten Schlaf bringen. Wenn er das dem Doctor klagte,

so lachte dieser und sprach: »Habt auch Ihr den thörigten Glauben, daß

der Schlaf das Zeichen einer gesunden Natur sey? Thorheit! Unsinn! der

kraftlose, erschlaffte Körper unterwirft sich diesem sklavischen Zwange;

der starke, genesende weiset ihn zurück. Es ist lächerlich, wenn man von

einem alten Menschen behauptet, er habe siebenzig oder achtzig Jahre

gelebt, da er, wenn er sich dem gewöhnlichen Mißbrauche des Schlafes

hingegeben, doch nur fünfunddreißig oder vierzig Jahre gelebt, indem er

die übrige Zeit verträumt und verschlafen hat. Schlaft =nicht= und seyd

gesund, das ist besser, als wenn Ihr, wie ein Murmelthier in seine

Höhle, Euch in das Federbett verkriecht, um jedesmal, wann es Nacht

wird, bis zum andern Morgen einen todten Menschen vorzustellen.«

So wußte der Doctor =Mauritius= Alles zum Besten zu erklären und =Tobias=

glaubte ihm gern, wenn er's auch anders fühlte. Der Doctor mußte es ja

besser verstehen, als er, dafür hatte er studirt, strich zu Neujahr sein

gutes Honorar ein und der Kranke dachte schon mit Grauen an die

ungeheuere Rechnung, die jener für gelieferte Rindsbraten, Kapaunen,

Welsche und Rheinweine aufstellen würde! Er war sehr vergnügt über die

Besserung, die, nach =Mauritius= Aussage, von Stunde zu Stunde

selbstständiger und offenkundiger wurde. Der Druck im Kopfe schmerzte

ihn sehr, Hitze wechselte mit Frost, aber er lachte unter Zähneklappern

und sagte seinem alten Geschäftsführer, der ihn täglich zu Abend

besuchte, die Mittel des Doctors schlügen trefflich an, er fühle schon,

daß er bald anfangen werde, sich wie ein Fisch im Wasser zu befinden und

der Frost, der sich von Zeit zu Zeit melde, sey ein erfreuliches

Vorzeichen dazu. Der alte treue Diener des Hauses sah ihn bedenklich an.

Es wollte ihm vorkommen, als belebe eine ungewöhnliche Aufregung seinen

wohlmögenden Patron, der nicht aufhören konnte, von den angenehmen

Gefühlen des Frostes und der Hitze, von dem Nutzen der Schlaflosigkeit,

von den vortrefflichen Heilkräften im Rindsbraten und in den Kartoffeln

zu sprechen.

»Er liegt im Fieber, er phantasirt!« war das Resultat der Betrachtungen,

die der Geschäftsführer über Herrn =Tobias= anstellte. »Sein Stündlein

kann kommen, ehe er es selbst erwartet, und ich als ein christlicher

Handlungsdiener muß dafür sorgen, daß er nicht hinfährt in seinen Sünden

an den Ort der ewigen Fieberschauer, des Heulens und des Zähneklapperns.

Ich will den Domine rufen. Er muß ihn vorbereiten, er muß die Seele

reinigen vom sündigen Profit, den er an Caffee und Zucker, an Tabak und

Indigo genommen.«

Der alte Mann schlich, während Herr =van Vlieten= noch im besten Zuge war,

die Curmethode des Doctors =Mauritius= zu preisen, unbemerkt und leise zur

Thüre hinaus. Der Patient bemerkte seine Abwesenheit nicht. Er sah den

Schlafrock, der über einer Stuhllehne hing, für den Geschäftsführer an.

Bei dem düsteren Lichte, das die sehr verdeckte Lampe verbreitete,

konnte dieses um so leichter geschehen, da es in der Weise des Dieners

lag, bei solchen Reden des wohlmögenden Patrons, die nicht bestimmte

Fragen über Handlungsgegenstände enthielten, in ehrerbietiger Stille zu

verharren. Nach einiger Zeit aber mußte =Tobias= verstummen. Der Reiz des

Fiebers begann nachzulassen, er fühlte sich schwach, er griff nach der

Weinflasche, die ihm, als ein vorzügliches Mittel die Kräfte

wiederzubeleben, der Doctor vor das Bett gestellt hatte. Eben war er im

Begriff, einen tüchtigen Schluck den übrigen, die diesem schon

vorangegangen waren, folgen zu lassen, als die Thüre sich langsam

öffnete und mit feierlichen Schritten der Domine hereintrat.

Ohne ein Wort zu sprechen, schritt er auf das Lager des Kranken los und

nahm den Sessel ein, der zu dessen Füßen stand. Jetzt erst erblickte

Herr =Tobias= die ganz schwarz gekleidete Gestalt. Er erkannte den Domine

und verbarg die halb geleerte Flasche schnell unter sein Kopfkissen.

Die Nachrichten und Familienurkunden, welche uns zur Quelle unserer,

will's Gott! dem Leser wohlgefälligen Erzählung dienen, enthalten keine

nähere Mittheilung über die Unterredung des Domine mit Herrn =van

Vlieten=. So viel aber ist gewiß, daß der Geistliche weit vergnügter

fortging, als er gekommen war, daß er dem Geschäftsführer, der ihn

draußen erwartete, die Versicherung gab, er habe den Leidenden in der

allerchristlichsten Gemüthsstimmung verlassen und, daß gleich darauf die

Schelle im Krankenzimmer den Hausknecht beschied, welchem Herr =van

Vlieten= mit schwacher, aber ruhiger Stimme anempfahl, dem Doctor

=Mauritius= fernerhin unter keinerlei Vorwand den Eintritt zu gestatten

und noch in dieser Stunde das gotteslästerliche Bild des =Schiwa= den

Flammen zu übergeben. Dann ließ er den alten Diener wieder eintreten. Er

redete ihn sehr sanft, fast wehmüthig an. Er bat den hoch Erstaunten,

ihm einige Capitel aus einem Erbauungsbuche vorzulesen. Nachdem dieses

geschehen war, beurlaubte er ihn und fiel zum erstenmale, seit langer

Zeit, in einen ruhigen, fieberlosen Schlummer.

=Hazenbrook= hatte das Kommen und Gehen des Domine wohl erlauert. Er

ahnete die Wahrheit, es schien ihm auch ganz natürlich, daß Herr =Tobias=

durch die unsinnige Cur des Doctor =Mauritius= hingeopfert werde vor der

Zeit, wenn nicht etwa schlummernde Kräfte in seinem Körper zum

siegreichen Widerstande erwachten, alle Angriffe der nahrhaften Speisen

und geistigen Getränke zurück und in ihre entfernteste Zufluchtsstätte,

in das Zellgewebe, verwiesen, damit sie dort unseliges,

verabscheuungswürdiges Fett ansetzten. Das Letztere sollte nun freilich

nicht erfolgen. Aber war =Eobanus= deshalb besser daran? Fett oder todt

=vor= dem ausgesetzten Selbstlegate, das war für ihn die nämliche Sache:

das eine wie das andere raubte ihm die hoffnungsvolle Aussicht, seinem

Schooß- und Herzenskinde, dem Leydenschen Naturalienkabinet, mit einem

jungen Egyptier, dem seine zwei, bis dreitausend Jährchen recht wohl

anstanden, ein Geschenk zu machen.

Er lag noch spät im Fenster seiner Wohnung. Die Glockenspiele von den

Thürmen kündigten eben die eilfte Stunde Abends an, als er einen letzten

Seufzer zu dem dämmerigen Fenster des Herrn =van Vlieten= hinaufschickte

und sich nun in sein Zimmer zurückziehen wollte. Da wurden seine Blicke

von einer dunkeln Wolke, die gerade hinter der gegenüberliegenden

Häuserreihe aufstieg, angezogen. Die Wolke breitete sich rasch aus, sie

drängte sich unglückdeutend über dem Hause des reichsten Mannes von

=Rotterdam= empor, rothe züngelnde Flammen folgten ihr in wenigen

Augenblicken.

»Feuer! Feuer!« wollte der Professor schreien, aber das Wort erstarb ihm

auf der Zunge. Er stand bewegungslos, stumm und starr, als schon das

Getöse in den Straßen sich wild heranwälzte zu der Brandstätte, als die

Melodieen der Glockenspiele in schaueriges Sturmgeläute übergegangen

waren, als zahllose Menschen nach den Hintergebäuden des =van

Vlietenschen= Hauses strömten, wo das Feuer ausgebrochen war. Die rothe

Gluth am nächtlichen Himmel wirkte auf ihn, wie der Blick der

Klapperschlange auf Thiere, die sie sich zum Opfer erkoren hat. Er

konnte seine Augen nicht abwenden von den aufzischenden Flammen, er war

nicht Herr seiner Bewegungen, seiner Sprache, er stand wie gebannt,

obgleich ihm ein dunkeles Gefühl sagte: du mußt hinüber, aus diesem

Brande kann dein Glück, wie der Phönix aus der Asche, erstehen, du mußt

handeln und retten, du rettest dein besseres Selbst, du gewinnst der

wissenschaftlichen Idee, für die du kämpfest und ringest, endlich ein

Leben! --

Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil · 第 11 / 14 段