=Clelia= war aufgestanden. Sie fühlte sich sehr ermattet, ihre Glieder

zitterten. Mit Erstaunen vernahm sie die Worte des fremden Jünglings.

Der Glanz weiblicher Würde, der ihr ganzes Wesen umgab, machte einen

unbeschreiblichen Eindruck auf die jungen Männer. Wäre sie eine Königin

gewesen, so hätte sie ihnen keine tiefere Ehrerbietung einflösen können.

Die zwei Leydener Studenten -- wer von unsern Lesern hätte sie nicht

schon erkannt? -- waren mit dem Vorsatze den Flüchtlingen gefolgt, ihr

Unternehmen, wenn sich die Gelegenheit böte, mit jener Leichtigkeit und

jenem Uebermuthe auszuführen, zu dem sie sich durch den leichtsinnigen

Schritt, der =Clelien= aus dem väterlichen Hause entfernt, berechtigt

glaubten. Vielleicht hatte der entzündliche =La Paix= sogar eine leise

Hoffnung gehegt, dem bevorstehenden Abentheuer noch einen süßern Lohn

abzugewinnen! Als sie aber jetzt das schöne bleiche Mädchen vor sich

sahen, mit der Hoheit der Unschuld in Blick und Miene, waren ihre

Gesinnungen plötzlich umgewandelt. Beide nahmen sich, ohne ein Wort

darüber zu wechseln, vor, dem Versprechen, das sie dem Professor

gegeben, zwar getreu zu bleiben, =Clelien= aber in der aufmerksamsten und

achtungsvollsten Weise zurückzubegleiten.

Diese hatte indessen, während sie sich leicht auf =Philippintje's=

Schulter stützte, über die Erscheinung der Fremden nachgedacht. Die

Begebenheit in dem einsam gelegenen Gehöf kam ihr in den Sinn und eine

Ahnung der Wahrheit, daß sie dieselben Verfolger vor sich sehe, denen

sie damals glücklich entgangen, drang sich ihr auf. Ihr Kopf schmerzte

sie sehr. Der zartgebaute Körper empfand die Folgen der Anstrengungen

und Entbehrungen, der Schrecken und Besorgnisse, welche der vergangene

Tag und der noch stürmischere Abend im Geleite gehabt hatten.

»Mein Vater?« hob sie nach einer Pause mit schwacher Stimme an: »Er

sollte Euch senden? Ihr hättet Pflichten gegen ihn? Unbegreiflich!« fuhr

sie kopfschüttelnd fort. »Ich sah Euch noch nie. Unter den Freunden und

Bekannten meines Vaters, welche unser Haus besuchten, erinnere ich mich

nicht, jemals Euch begegnet zu haben.«

»_Cadédis!_« erwiederte =Le Vaillant= in einem minder lauten Tone, als

gewöhnlich. »Wir sind auch nicht von den ordinären guten Freunden, die

immer da sind, wo es einen Löffel Suppe oder eine Schale Thee giebt. Wir

sind von der besten Sorte: Freunde in der Noth, und ich glaube, daß Ihr,

edle Jungfrau, in diesem Augenblicke Gelegenheit hättet, dieses zu

bemerken, wenn Ihr nur bedenken wolltet, daß ohne unsere Ankunft die

Zeit Euch noch unendlich lang hätte werden können in diesem

labyrinthischen Souterain, in das wir uns nur mit dem Beistande kundiger

Führer gewagt.«

»Verzeihet, Jungfrau =van Vlieten=!« unterbrach =La Paix= seinen Gefährten,

der noch weiter sprechen wollte: »mein Freund meint es sehr gut, aber er

fehlt oft in der Wahl der Ausdrücke und es könnte dann scheinen, als

vergesse er der Achtung, die er Euch schuldig ist. Hört mich an! Ich

will Euch Alles aufrichtig und unumwunden erzählen, wie es sich verhält.

Wir haben Euerem Vater versprochen, Euch zurückzubringen, wir verfolgten

Euch auf dem Kutter, der bei der Barke eintraf, als gerade das

spanische Schiff in die Luft flog, wir verfehlten Euch dann immer, bis

wir gestern Nachmittags Euch in jener ländlichen Wohnung anlangen sahen,

aus der ihr uns wiederum auf eine fast unerklärliche Weise entkamet. Wir

mußten auf's Neue unsere Verfolgung beginnen. Vor dem =Petersberge=

langten wir gerade an, um einige Minuten lang in die allgemeine Flucht

der zurückgeschlagenen Stürmenden fortgerissen zu werden. Als es uns

gelungen war, uns dem Gedränge zu entziehen, ließ uns ein glücklicher

Zufall Euer Gepäck, Kleidungsstücke, die mit Euerem Namen bezeichnet

waren, finden. Indem wir bei'm Scheine der Leuchtkugeln beschäftigt

waren, es näher zu untersuchen, sprangen einige französische Marodeurs

auf uns ein, behaupteten, diese Beute gehöre mit Recht ihnen, da sie die

beiden Frauen nebst ihrem Begleiter, der das Gepäck abgeworfen, bis zu

dem kleineren Eingange des =Petersberges= verfolgt, sich aber aus Vorsicht

nicht in diesen, den Flüchtlingen nach, gewagt hätten. Ihr mußtet

gerade hier angekommen seyn, als der erste Angriff statt gefunden

hatte. Nichts dünkte uns wahrscheinlicher, als daß Ihr, abgedrängt von

der Stadt, verfolgt von den habgierigen Marodeurs, Schutz in diesen

unterirdischen Gängen, deren Gefahren Euch unbekannt waren, gesucht

haben möchtet! Ich gestehe es Euch, edle Jungfrau, daß wir von der

tödlichsten Besorgniß um Euer Schicksal ergriffen wurden. Erst als es

ein wenig ruhiger geworden war in den Umgebungen des Berges, als der Tag

anfing zu grauen, glückte es uns Leute zu finden, die mit den

unzählichen Höhlenwindungen dieses unterirdischen Gebietes vertraut

sind. Früher, als wir es hofften, hat uns ein günstiger Zufall in Euere

Nähe geführt und es bleibt uns nur die Bitte übrig, daß Euch gefallen

möge, Euch sogleich mit uns auf den Weg in Euere Heimath zu begeben. So

ist es nicht allein mein Wunsch, so ist es der Wille Eueres Vaters, wie

ihn diese Zeilen aussprechen.«

»O fort, fort!« rief =Philippintje=, die noch immer von Grauen erfüllt

wurde, sobald sie in den dunkeln Hintergrund der Gänge blickte. »Fort

aus der Hölle in's Paradies, aus diesem öden Grabe zu den Fleischtöpfen

des Heern =van Vlieten=! Laßt uns nicht zaudern, die Fackeln brennen herab

und wenn noch einmal die entsetzliche Dunkelheit einbricht, so ist es um

mein Leben geschehen!«

=Cleliens= Schwäche hatte unter der Rede des Studenten zugenommen. Sie

vernahm seine Worte nur halb laut, sie begriff nur weniges von dem, was

er sagte. Ein unerträglicher Druck lag ihr im Kopfe. Sie hielt den

Zettel, den er ihr überreicht hatte, fast besinnungslos in der Rechten.

Mit einer letzten, äußersten Anstrengung führte sie ihn vor die Augen.

Sie erkannte die Hand ihres Vaters, sie verstand in einem flüchtigen

Aufglimmen ihrer geistigen Kräfte seinen Inhalt, dann ließ sie ihn matt

zur Erde fallen und sank selbst ohnmächtig zurück auf den Steinsitz.

=Philippintje= schrie laut auf, aber =La Paix=, der in der That bemerkt,

daß das Niederbrennen der Fackeln jeden längeren Aufenthalt gefährlich

machte, bemächtigte sich, ohne weiteres Besinnen, der schönen

Ohnmächtigen und trug sie in seinen Armen nach =der= Richtung fort, die

dem von =Cornelius= eingeschlagenen Wege entgegengesetzt war. Die Führer

eilten mit flüchtigen Schritten voraus. Zum erstenmale dachte

=Philippintje= jetzt an den Junker, der während ihres Schlafes abhanden

gekommen war. Ihr Mitleid erwachte. Sollte =er= denn Hungers sterben in

der grauenvollen Dunkelheit, während sie und =Clelia= gerettet der

Heimath zueilten? Sie fing an laut zu jammern, sie rief seinen Namen; da

aber gebot ihr =Le Vaillant= in einem so herrischen Tone zu schweigen,

daß sie eingeschüchtert verstummte. Keuchend folgte sie den

voraneilenden Männern. Bald war es still geworden an der Stelle, wo noch

=Cornelius= Faden an dem Tropfsteingebild hing. Nur der fallende Tropfen

wiederholte eintönig und abgemessen seinen tausendjährigen Klang.

7.

Herr =Cornelius van Daalen= war in heftiger Unruhe fortgeschritten, als er

die Frauen verließ, um einen Ausgang oder Beistand zu suchen. Der

Drang, recht bald wieder zu =Clelien= zurückzukehren, spornte ihn zur

Eile. In dieser vergaß er oft der nöthigen Vorsicht, stieß an die Ecken

der Wände, strauchelte über kleine Unebenheiten im Boden und war

manchmal nahe daran, den wichtigen Faden seiner Hand entschlüpfen zu

lassen. Noch nie hatte er eine so stürmische Bewegung seines Inneren

empfunden, wie jetzt. Ein inneres Feuer drohete ihn zu verzehren. Seine

Stirn war glühend, seine Zunge brannte am Gaumen. Oft kam es ihm vor,

als blickten häßliche Larven mit teuflischem Grinsen aus der Finsterniß

hervor, lächelten ihn höhnisch an und die tollen Bilder wurden sprechend

und riefen ihm ihr entsetzliches Willkommen zu und sagten: fliehe nur

immerhin, du entgehst uns doch nicht, du nicht und die schöne =Clelia=!

Wir sind die Dämonen des Hungers und werden bald nagen an der Gestalt

des lieblichen Mädchens und wie wir uns ihrer reizenden Glieder

bemächtigen, so zerstören wir sie auch, denn in der Vernichtung besteht

unser Daseyn. Und du hast sie uns zugeführt, du bist unser Genosse,

aber wir zerstören auch dich, wir reißen auch dich in die martervolle

Vernichtung, denn wir kennen keine Dankbarkeit. Wandere hin, wandere

her! du bleibst uns verfallen. Unser Reich ist groß, aber es ist ein

Kerker, aus dem kein Entrinnen!

Dennoch sah er ein, daß diese Gestalten, die er außen zu sehen und zu

hören wähnte, nur in seinem Inneren lebten. Er preßte die Hand an die

brennende Stirne:

»Mein Kopf, mein Kopf!« ächzte er. »O Himmel, erhalte mir =noch= meinen

Verstand!«

Er ward über den Klang seiner eigenen Worte betroffen. Einige

Augenblicke schwebte er in der Täuschung, ein anderer habe gesprochen.

Er blieb stehen, hielt den Odem an und horchte, aber er vernahm nichts,

als das Hammern der Pulse in seinem Haupte, als das Klopfen seines

Herzens. Er stürmte weiter. Die teuflischen Larven erschienen wieder in

den finsteren Räumen, manchmal schien es den gereizten Augen, als zeige

sich dazwischen ein ferner Lichtschimmer, er sandte einen Freudeblick in

die Seele des Jünglings, der aber gleich wieder durch die Erkenntniß

der Täuschung in herben Schmerz überging. Die höhnenden Bilder waren es

nicht allein, die aus dem Gewirre der rastlos arbeitenden, ungezügelten

Phantasie aufstiegen. Es gab Augenblicke, in denen schöne Erinnerungen,

in einem schneidenden Gegensatze zu der Wirklichkeit, hervorbrachen. Er

stand wieder am Bord der =Syrene= und sah in den blauen, heiteren Himmel

und in die grünlichen Wogen. =Clelia= befand sich an seiner Seite, sie

hatte seine Hand ergriffen, sie sprach süße Worte von Vergebung und

künftigem Glücke. Die Schebecke fuhr heran, der kühnste Gedanke, von

Vaterlands- und Frauenliebe erzeugt, keimte in seiner Seele, er warf

Feuer in das feindliche Schiff, dem Vaterlande zum Ruhme, der Geliebten

zum Schutze. Tollheit, nutzlose Verwegenheit! höhneten dann die

Teufelslarven, selbst Wahnbilder, diese Täuschung hinweg. Wir haben sie

doch, sie und dich! Gegen uns hilft kein Muth, nicht Schwerdt, nicht

Geschütz, uns unterliegt der Held, wie das schwache Weib. »Nein, nein!«

schrie von entsetzlicher Qual ergriffen, =Cornelius= laut in die Nacht

hinaus. »Sie ist nicht Euer. Ihr seyd die Geister der Lüge! Ihr habt

keinen Theil an ihr!«

Seine Erschöpfung nöthigte ihn zu einer kurzen Rast. Er lehnte sich an

die Wand des Gewölbes, er preßte den heißen Kopf an den kühlenden Stein.

Er suchte sich zu sammeln. Er bemühete sich seine Gedanken zu ordnen und

die Ueberzeugung recht stark in sich werden zu lassen, daß nur Ruhe und

Besonnenheit helfen könne, wenn Hülfe möglich sey. Die körperliche Ruhe

that ihm wohl. Indem er das erkannte, theilte sie sich unbemerkt,

freilich nur in einem geringen Grade dem Gemüthe mit. Unwillkürlich

richteten sich seine Gedanken nun ernster und milder auf den Gegenstand,

der bisher seine Phantasie zu den peinigendsten Vorstellungen

fortgerissen hatte: auf =Clelien=. Ihr blühendes, lebensfrisches Wesen,

der Friede, der in diesem waltete, trat vor seine Seele. Welcher Liebe,

welcher Verehrung war sie nicht würdig, würdig =geworden= im Laufe weniger

erfahrungsreicher Tage? Sie steht unter einem höheren Schutze, als dem

deinigen! sprach es überzeugungsvoll in seinem Inneren. Zur Rettung

dieses Engels kannst du nur ein schwaches Werkzeug seyn, wenn du

überhaupt dazu erkoren bist!

Er ging weiter, nicht mehr in jener wilden Hast, die bisher seine

Schritte beflügelt hatte, rasch zwar, aber auch aufmerksam und besonnen.

Er hemmte jetzt von Zeit zu Zeit seinen Schritt und lauschte, ob irgend

ein ferner Ton, ein Hoffnung erregendes Geräusch sich vernehmen lasse,

er achtete sehr auf den Faden, den seine Finger hielten, auf das einzige

Mittel, das ihn zu =Clelien= zurückführen konnte. Aber wie sich das

Schicksal oft darin zu gefallen scheint, aller Vorsicht der Sterblichen

gerade dann zu trotzen, wenn diese sich am Sichersten mit ihr geschirmt

zu haben glauben, so geschah es auch hier. Eben wollte =Cornelius= um eine

Windung des Ganges biegen, als er plötzlich über einen am Boden

liegenden Stein strauchelte und fiel. Der Faden entglitt seiner Hand,

sie haschte ängstlich in das Leere, Entsetzen ergriff ihn und

durchströmte in eisigen Schauern sein ganzes Wesen.

Er warf sich lang hin auf den Boden. Seine bebenden Finger gruben sich

in den Sand, sie durchwühlten diesen, so weit er reichen konnte.

Vergebens! Der Faden war nicht zu finden. Er kroch auf der Erde fort und

suchte weiter. Angstschweiß bedeckte seine Stirn. Das entsetzliche

Hammern im Kopfe, das beklemmende Pochen des Herzens begann auf's Neue.

Die teuflischen Larven grins'ten ihn wieder an, er hörte ihre höhnenden

Stimmen, aber die Phantasie hatte ihre Gewalt vor der schrecklichern

Wirklichkeit verloren. »Der Faden, der Faden!« Er dachte nichts anderes,

über seine Lippen bebte unaufhörlich dieses Wort. Die Unbesonnenheit,

den Leichtsinn, der ihn zu =Cleliens= Entführer gemacht, büßte er im

Uebermaße. Er fühlte, daß nicht viel fehle, ihn zum Wahnsinne zu

bringen. Schon wurde seine Besinnung schwächer, er wühlte lange an einer

und derselben Stelle nur mechanisch im Staube, immer ferner und unklarer

wurde ihm der Gegenstand, nach dem er suchte. Stundenlang kroch er im

Kreise umher und tastete und forschte und fand nichts. Die Qualen, die

er empfand, vermag keine Feder zu schildern. Bitter, aber dennoch

beruhigend drang sich ihm endlich die Ueberzeugung auf, daß jede fernere

Bemühung eitel sey.

In dieser Wahrnehmung nöthigte ihn ein seltsames Gefühl, laut auf zu

lachen. Die weiten Gänge nahmen den wunderlichen Schall vervielfältigend

auf und gaben ihn so zurück. Er erbebte. Was er gethan hatte, kam ihm

wie ein Frevel vor. Er lag jetzt unbeweglich an der Erde, den Kopf in

die Hand gestützt. Seine Stimmung war weich geworden.

»Wir wären zusammen gestorben, wenn ich bei ihr geblieben wäre!« sagte

er zu sich selbst. »Jetzt ist es anders. Ich werde nicht den Schmerz

haben, ihren letzten Odemzug zu hören oder ihr ist es erspart, neben

meiner Leiche zu sterben.«

In den entsetzlichsten Lagen, die das Geschick dem Menschen bereiten

kann, führt der Gedanke an den Tod immer etwas Beruhigendes und

Tröstliches mit sich. Er ist der letzte Freund, nach dem wir reichen,

aber auch der sicherste, der die gewünschte Erlösung bringt. =Cornelius=

erfuhr das in diesen Stunden. Er fand eine solche Wonne in der Hoffnung

auf den Tod, daß er bald ganz sich der schönen Aussicht auf die

Wiedervereinigung mit =Clelien=, wenn sie gestorben seyn würden, hingab.

Er dachte nicht an Krankheit, Schmerz und Qualen, die dazwischen lagen.

Ein himmlischer Glanz umgab ihn und in dem Himmelsglanze standen er und

=Clelia= und waren nun verbunden, schöner und besser, als sie es je auf

Erden werden konnten. Aber seltsam war es dennoch, daß in diesen

herrlichen Traum sich immer eine bittere Empfindung drängte, weil er sie

nun nicht mehr auf Erden sehen, nie mehr einen Laut von ihren Lippen

vernehmen werde. Auch diese Empfindung verstummte, als nun ein Zustand

geistiger und körperlicher Abspannung eintrat, als Alles vor seinen

Augen in =ein= Lichtmeer verschwamm und er halb wachend, halb schlafend,

nur Seligkeit und Himmelswonne dachte. So hätte er hinüberschlummern

mögen in das Jenseits, das schon seine Pforten ihm aufgethan hatte.

Welche wunderbare Töne rauschten da mit einemmale zu ihm her aus nicht

großer Entfernung, durch die weiten Hallen, mächtig, feierlich, wie

Kirchengesang? Waren es die Stimmen der Engel, die ihn und =Clelien= im

Voraus willkommen heißen wollten? Er erhob sich, er lauschte. Das

reizende Traumbild verschwand in die öde Finsterniß, aber die Töne

blieben, sie rauschten gewaltiger; die Mauerwand, an der er sich hielt,

schien von ihnen zu erbeben. Er verließ seine Stelle, langsam, horchend

ging er dem Gesange nach. Er tönte oft näher, oft ferner. Selbst von ihm

geleitet, konnte =Cornelius= nicht vermeiden, manchmal vom Wege abzuirren.

Endlich war er so nahe, daß er einzelne Worte des Gesanges unterscheiden

konnte.

Es waren Stellen aus einem geistlichen Liede zum Lobe und Preise Gottes,

das erquickenden Balsam in seine Brust goß. Er blieb stehen und schöpfte

tiefer Odem. »Menschen, Menschen!« jubelte es in seiner Seele. Er hätte

aber noch nicht sprechen können, wenn er jetzt schon unter ihnen

gestanden hätte. Die Freude wirkte erlahmender auf ihn, wie das

Entsetzen. Er vermochte nur mit Mühe sich fortzubewegen. Er schwankte,

wie ein Kind bei den ersten Versuchen zu gehen.

Da stand er plötzlich am Eingange eines hohen Domes. Zahllose Lichter

flammten vor ihm auf, viele Menschen zeigten sich seinem Blicke, zu

Andacht, zur Ehre des Allmächtigen vereinigt. Er mußte die geblendeten

Augen wieder schließen. Aber entzückend ergriff der Gedanke, daß nun

=Clelia= gerettet, daß der Ort, wo er sie verlassen, leicht zu bezeichnen

und von kundigen Führern zu finden sey, sein ganzes Wesen. Von einem

seit lange nicht empfundenen Gefühle bewältigt, stimmte er leise, ohne

das Dunkel, das ihn noch verbarg, zu verlassen, in die letzten Worte des

Liedes, das eben zu Ende ging, ein. Indem er auf diese Weise Theil an

der andächtigen Handlung nahm, fühlte er sich wunderbar gestärkt.

Er trat vor. Einige Frauen flohen bei seinem Anblicke laut schreiend und

zitternd hinter die Männer zurück. Er sah Degen gezückt, Musketen

gehoben. Als man aber nur den einzigen Fremdling gewahrte, dessen

Antlitz Leichenblässe bedeckte, als man beim Lichte der näher

herbeigebrachten Fackeln unter dem zerrissenen Kittel die Farbe Oraniens

erkannte, da kamen viele der Versammelten theilnehmend und neugierig

näher. Bald sah er sich als den Mittelpunkt einer Menschenmenge, die mit

Fragen auf ihn einstürmte. Er mußte schweigen, er mußte sich erst noch

sammeln, um zusammenhängend zu antworten. Aus den Reden der Leute um

ihn, erfuhr er, daß sie Einwohner von =Mastricht= seyen, die aus Furcht

vor dem erwarteten Angriffe mit den Ihrigen und ihrer besten Habe in den

Petersberg geflüchtet waren, wie das in kriegerischen Zeiten oft

geschah. Vertrauete Männer hatten ihnen jetzt von Außen die Nachricht

gebracht, daß das Unternehmen der Feinde vereitelt worden, und sie

wollten eben, nachdem sie dem Höchsten ihren Dank dargebracht, ihren

Zufluchtsort verlassen, um zu dem verwais'ten Heerdte zurückzukehren,

als =Cornelius= unter ihnen erschien.

Endlich vermochte er zu reden. Seine Stimme war schwach, heiser und

erschöpft. Die mitleidigen Menschen, die seinen Zustand erkannten,

reichten ihm eine Erquickung. Er genoß sie, ohne zu wissen, was er that.

Aber er konnte doch nun verständlicher sprechen, er konnte erzählen, wie

er durch die verfolgenden Feinde mit seinen Begleiterinnen in den Berg

gedrängt worden sey, er konnte den Ort beschreiben, wo er diese

verlassen hatte.

»Das ist bei dem versteinerten Baume!« riefen sogleich mehrere Stimmen.

Einige Männer traten vor und erboten sich, ihn dahin zu begleiten. Sie

schienen ihm Boten des Himmels. Die anwesenden Frauen beklagten laut das

arme Mädchen, das sie nicht kannten und das, den schrecklichsten

Zweifeln überlassen, zurückgeblieben war. Sie gaben den Männern

Lebensmittel und Arzneien mit auf den Weg; sie empfahlen ihnen Eile,

aber bei dieser auch Vorsicht, damit sie den nächsten Weg nicht

verfehlen möchten.

Von Hoffnung belebt, vermochte =Cornelius= mit den Führern gleichen

Schritt zu halten. Alles was er ertragen hatte, war vergessen. Nur der

Gedanke, =Clelien= in kurzer Zeit wiederzusehen, sie dem Leben

zurückzugeben, erfüllte seine ganze Seele. Die mächtigen Gewölbe, die

ihm wie eine ungeheuere Todtengruft vorgekommen waren, dünkten ihm jetzt

ein Tempel des allgegenwärtigen Wesens, das sich da am Mächtigsten

zeigt, wo die Noth am Größten ist. Wenn er seitwärts in die

weiteinlaufenden, sich nach allen Richtungen durchschneidenden Gänge

blickte, dann konnte er kaum begreifen, daß gerade =er= glücklich genug

seyn mußte, nicht abzuirren in entlegenere Schluchten, wo ein gewisser

Tod sein Loos gewesen wäre. Die Männer, die ihn begleiteten, deuteten

auf einzelne schwarze Kreuze, welche die glatte, weiße Oberfläche der

Steinwand zeigte. Es waren Denkmale von Todten, die hier, jedes Trostes

und Beistandes von Ihresgleichen entbehrend, das Loos der Sterblichen

ereilt hatte. Sie gingen nachdenklich daran vorüber. =Cornelius= verbannte

die trübe Erinnerung aus seiner Seele. Er sah nur Leben und Freude vor

sich, warum sollte er sich die reizende Aussicht verderben lassen? Er

hatte nun auch Sinn und Gefühl für das collossale Wunderwerk, das seit

einem Jahrtausende vielleicht der Ameisenfleiß des Menschen in den Berg

hineingebaut. Welche mächtige Bogen, deren Decke der Glanz der Fackeln

nicht erreichte, welche unzähliche Menge von Gängen deren einer, nach

Versicherung der Führer, mehrere Stunden weit in gerader Richtung unter

der Erde fortlief! Was war aus den Menschen geworden, die hier, dem

Bedürfniß anderer fröhnend, der Natur den Reichthum abgerungen, den sie

ewig wiedergebährt? Wer wußte noch ihre Namen, während ihr Werk ihr

einstiges Daseyn verkündigte? Was galten die Namen anderer, die

Neugierde und nicht Thatkraft hergetrieben, die zur lächerlichen

Verewigung ihrer flüchtigen Anwesenheit sich, die Stunde und den Tag, wo

sie, von erfahrenen Führern begleitet, den Besuch des Petersberges

gewagt, an die Wände der riesigen Bergsäulen geschrieben hatten? Der

Odem der Zeit verweht sie und den Laut, mit dem man sie nannte. Die

Natur steht, wie eine immer lächelnde Riesin, über dem Grabe alles

dessen, was einst lebte! --

»Hört Ihr den fallenden Tropfen?« unterbrach einer der Männer das

herrschende Schweigen, indem alle einige Augenblicke stehen blieben und

lauschten. »Gleich sind wir da. Es ist eine wunderliche Sache um diesen

einzigen Ton in den sonst stillen und todten Gewölben. Ich habe oft

lange, wenn ich von der schweren Steinhauerarbeit ausruhte, an dieser

Stelle gesessen und konnte nicht müde werden, dem lieblichen Klange

zuzuhören.«

=Cornelius= beschleunigte seine Schritte. Auch jetzt klopfte sein Herz,

aber vor freudiger Hoffnung.

»=Clelia!=« rief er laut, ehe sie noch um den Pfeiler getreten waren, der

die Stelle verbarg. Sein Ruf verhallte in dem Gewölbe, es kam keine

Antwort. Beunruhigt schritt er vor. Da standen sie an dem Orte, den er

suchte, er sah das Tropfsteingebild, von dem noch sein Faden herabhing,

er erkannte die Sitze in der Wand, aber =Clelia= und ihre Gefährtin waren

verschwunden.

»=Clelia, Clelia!=« wiederholte er schreiend. Alles blieb stumm. Mit

tödtlichem Schreck ergriff ihn der Gedanke, sie habe in der Besorgniß um

ihn, in der Ungeduld des Erwartens sich entfernt, um ihn aufzusuchen,

und irre jetzt umher, wie er früher gethan. Die Männer sahen sich

bedenklich an. Da bemerkte einer von Ihnen den Zettel, den =La Paix= dem

Mädchen übergeben und den sie, ihrer Schwäche erliegend, zur Erde hatte

fallen lassen. Er hob ihn auf und reichte ihn dem Junker.

=Cornelius= kannte die Hand. Sein Inhalt, der Name =Hazenbrook= machte ihm

Alles klar. Seine entsetzliche Furcht war gewichen, aber das bittere

Gefühl, überlistet und der Geliebten beraubt worden zu seyn, nahm ihre

Stelle ein.

»Sie ist gerettet!« sagte er mit zusammengekniffenen Lippen zu seinen

Begleitern. »Andere haben sie befreit und ins Leben zurückgeführt. Es

ist nun gut so. Ich habe nur noch eine Bitte an Euch. Führt mich so

schnell aus dem Berge, wie möglich, daß ich ihnen folge und sie auch

von der Furcht um meinetwillen befreie.«

Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil · 第 10 / 14 段