dem Hohlwege auf ein Terrain gelangt, wo sich seine einzelnen Glieder
mehr entwickeln und rascher vorwärts bewegen konnten. Die Verlegenheit
des jungen Kriegsmannes stieg von Augenblick zu Augenblick. Er sah ein,
daß es die Absicht der Feinde sey, die Spitze der Anhöhe zu gewinnen,
um sich hier festzusetzen, indem sie zugleich den unteren Theil zu
umzingeln bemüht waren, um die Ausführung ihres Plans zu unterstützen.
Immer blieb ihm nur der schmale Weg seitwärts übrig und selbst diesen
konnte er nur mit großer Besorgniß für seinen theuern Schützling
betreten, da die Geschütze auf den Wällen der Stadt nun auch anfingen
ihre Kugeln nach dieser Richtung zu senden, was er, aus dem während
seiner kriegerischen Laufbahn oft genug vernommenem Sausen und Schwirren
um und über ihm, nur zu gut erkannte. Er drängte jetzt rascher auf
seinem Pfade vorwärts; er mußte fürchten durch die Feinde, die sich
jetzt nach allen Seiten um den Hügel zerstreueten, abgeschnitten zu
werden. Die Erfahrung, die er in früheren Feldzügen gesammelt, kam ihm
jetzt sehr zu statten. Indem er sich mit seinen Begleiterinnen im
Schatten von Hecken und Buschwerk hinschlich, beobachtete sein scharfes
Auge Alles, was vorging, er berechnete voraus, welche Stellen sie den
Andrängenden, die ihm der Lichtglanz der Leuchtkugeln zeigte, am Besten
verbergen würden, er hoffte schon in kurzer Zeit den Hügel umgangen und
das geliebte Mädchen in Sicherheit gebracht zu haben. Aber ein einziger
Augenblick sollte mit einemmale seine Hoffnungen vernichten! Er hatte
eben im Schatten eines Weidenbaumes Halt gemacht, um seine Gefährtinnen
Odem schöpfen zu lassen, als plötzlich eine nahe in seinem Rücken, von
dem Gipfel der Anhöhe aufsteigende Masse von Leuchtkugeln den ganzen
Hügel mit Tageshelle überglänzte, so daß jeder Baum, jeder Strauch, daß
die Uniformen und Waffen der heranziehenden Franzosen zu erkennen waren.
Diese sahen ihr bisher verborgen gehaltenes Unternehmen verrathen. Mit
wildem Geschrei stürzten sie jetzt den Hügel hinauf, von dessen Spitze
der Donner der Kanonen ihr regelloses Gewehrfeuer beantwortete.
»Das ist ein Sturm auf die Schanze!« rief =Cornelius=, die ganze Größe der
Gefahr einsehend. »Fort! Fort! Wir befinden uns zwischen den Stürmenden
und den Vertheidigern. Nur immer links zur Seite! Nur noch hundert
Schritte und wir sind glücklich heraus!«
In wilder Hast riß er die Frauen mit sich fort. Er warf, um weniger in
den eiligen Bewegungen, welche die Umstände erforderten, gehindert zu
seyn, =Cleliens= Gepäck, das er bisher noch auf dem Rücken getragen hatte,
von sich. =Clelia= flog leicht, wie ein Reh über die schlüpfrige
Schneefläche hin, =Philippintje=, von tödtlicher Angst getrieben, bot alle
Kräfte auf, um nicht zurückzubleiben. Eine Vertiefung, ein dunkler
Einschnitt, der die Anhöhe hinauflief, lag vor ihnen. Diesen suchte der
Junker zu erreichen; hier gedachte er mehr Sicherheit und Schutz für die
Frauen zu finden. Indessen zischten immer neue Leuchtkugeln von der
Stadt und von der Schanze über ihren Häuptern auf. Die Geschütze beider
Vertheidigungspunkte donnerten in mächtiger Vereinigung. Die Kanonen der
Gegner am Flußufer blieben ihnen keine Antwort schuldig und das
Gewehrfeuer wurde ringsum allgemein, so daß =Cornelius= mit kriegskundiger
Umsicht erkannte, es müsse ein Ausfall aus der Stadt gemacht worden
seyn, dem vielleicht ein ähnlicher Versuch aus der Schanze die Hand
bieten werde.
Ihre Lage wurde immer mißlicher. Wie ein geheztes Wild flogen sie über
den Boden hin, allein die Feinde drängten allenthalben heran, sie
schienen der Erde zu entsteigen. Mit einer raschen Bewegung schleuderte
=Cornelius= die schwarzen Regentücher von den Schultern seiner
Begleiterinnen, die sie auf der glänzenden Schneedecke verrathen
konnten. Allein diese Vorsicht kam zu spät. Sie waren schon von einigen
feindlichen Soldaten, die hinter einem Busche verborgen gelegen,
entdeckt. Sie sahen sich verfolgt. Ausrufungen, sie zum Stehen zu
bringen, Flüche und Verwünschungen klangen hinter ihnen her und wurden
in Augenblicken, wo der Kanonendonner ruhete, um desto kräftiger wieder
zu beginnen, von den ängstlich Lauschenden vernommen. Sie eilten
unaufhaltsam weiter, aber die Verfolger säumten auch nicht. =Cornelius=
erkannte ihre Gestalten in geringer Entfernung, er sah, wie sie jetzt
stehen blieben, ihre Feuergewehre anlegten, und wenige Augenblicke
darauf hörte er die Kugeln, die sich das theuerste Leben zum Ziele
gesetzt hatten, zu seinem Entzücken unschädlich vorüber pfeifen. Zur
höchsten Wuth gereizt, riß er im Fliehen seine Pistolen aus dem Gürtel
und schoß sie auf die Nachsetzenden ab. Er mußte getroffen haben, er
vernahm einen Schrei, er gewann einen Vorsprung, indem die Gegner einige
Augenblicke bei dem verwundeten Cameraden verweilten.
Die Flüchtlinge standen jetzt in der düsteren Vertiefung, die der Junker
früher für eine Stelle gehalten hatte, welche ihnen Sicherheit gewähren
könne. Aber die Nähe der Verfolger machte jetzt auch diese Hoffnung sehr
zweifelhaft. Er vernahm schon wieder ihr wildes Gebrüll, das Geräusch
ihrer herannahenden Schritte, den Knall ihrer Musketen, die sie auf's
Geradewohl abfeuerten. Er sandte ängstliche, verzweiflungsvolle Blicke
umher, die in der Dämmerung, welche hier herrschte, irgend einen sichern
Versteck erforschen sollten. Da zeigte ihm das Licht einer Rakete, die
aus der Mitte eines feindlichen Haufens am Flussesufer, wahrscheinlich
zu einem bedeutungsvollen Signale, aufstieg, eine dunkele, in das Innere
des Berges führende Oeffnung.
»Da hinein!« stöhnte er aus gepreßter Brust und drängte die zögernden
Frauen nach dem Höhleneingange. »Hier allein ist Rettung zu hoffen.
Diese Zuflucht wird vielleicht gar nicht entdeckt und im Nothfalle kann
ein einzelner Mann den schmalen Eingang gegen ein Dutzend solcher
Schurken vertheidigen.«
Sie traten in die finstere Wölbung. Schon wurden die dunkelen Gestalten
der Verfolger am äußeren Rande der Vertiefung sichtbar, man hörte, wie
sie einander zuriefen und nach den Verschwundenen forschten.
=Cornelius= hatte für nichts anderes Sinn, als für die Gefahr, in der
=Clelia= schwebte. Er hatte mit beiden Händen seine Begleiterinnen
ergriffen und zog sie tiefer in die Höhle, die sich weit in das Innere
der Erde auszudehnen schien. Er horchte zurück. Welche Beruhigung für
ihn, als er kein Geräusch vernahm, das auf eine Entdeckung ihres
Schlupfwinkels durch die Nachsetzenden schließen ließ! Dunkelheit umgab
sie von allen Seiten. Er ließ jetzt nur =Clelien= eine Hand, während er
sich mit der andern an den feuchten Höhlenwänden hingriff. =Philippintje=
faßte mit beiden Händen die freigebliebene ihrer Gebieterin. Der Boden,
auf dem sie hinschritten, war eben und schien aus einem dünngelockerten
Sande zu bestehen, der ihrem weitern Gange keine Schwierigkeiten
entgegenstellte. Bald befanden sie sich so tief im Schooße der Erde, daß
sie das Musketenfeuer nur wenig noch vernahmen und selbst der Donner der
Geschütze, dumpf wie aus weiter Entfernung, über ihren Häuptern
hinrollte. In dem Gewölbe selbst waltete tiefes Schweigen. Kein anderer
Laut war zu vernehmen, als die Schritte der Flüchtigen, als ihre
Odemzüge, die sich schwer der angsterfüllten Brust entrangen.
Ueber eine Viertelstunde weit mochten sie in dem finstern Höhlenschlund
vorwärts gedrungen seyn, als =Cornelius= Halt machte und in einem Tone,
als wälze sich eine Centnerlast von seiner Brust, ausrief:
»Ihr seyd gerettet, theuere =Clelia=! Hört Ihr, wie Kampf und
Blutvergießen weit von uns fern sind, als gehörten sie einer andern Welt
an, die mit unserem Leben in keiner Verbindung steht, die das Euere
nicht bedrohen kann? Nassau und Oranien! Sie werden gut bedient die
Heern Franzosen. Sie glaubten still und unbemerkt als ungeladene Gäste
zum Mahle zu kommen, aber man hatte sie erwartet, man hatte für sie
zugerichtet, um sie nach Verdienst zu bewirthen und sie heimzusenden,
wenn sie satt wären des reichlichen Gastmahles.«
»Ich bin Zeuge eines großen Schauspieles gewesen,« sagte das Mädchen,
indem sie in die Dunkelheit starrte, in deren tiefem Hintergrunde ihre
Phantasie einzelne Gegenstände des erlebten Ereignisses erscheinen ließ:
»ich habe zum Erstenmal den ganzen Werth des Gefühls, ein ruhmwürdiges
Vaterland zu besitzen, erkannt. Glaubt nicht, Junker =Cornelius=, daß
meine Seele einen Augenblick gezagt habe, nur der Körper war nicht immer
stark genug, der Gewalt der äußeren Eindrücke zu widerstehen.«
»Es ist vorbei mit mir!« begann mit schwacher Stimme =Philippintje= und
setzte sich, ohne jedoch =Cleliens= Hand los zu lassen, am Boden nieder.
»Hier werdet Ihr meinen letzten Seufzer hören, hier werdet Ihr mich
begraben. Der Schreck hat mir nichts gethan, die Kugeln haben mich nicht
getroffen, aber die Dunkelheit, die entsetzliche, furchtbare Dunkelheit,
in der jedwedes Unglück unbemerkt heran kommen kann, weil man es nicht
sieht, =die= bringt mich um's Leben.«
»Beruhige dich, =Philippintje=!« tröstete =Clelia=. »Deine beste Freundin
ist dir nahe und in Junker =Cornelius= haben wir einen Beschützer, der uns
in keiner Gefahr verläßt.«
»Beruhigen?« lachte convulsivisch die Hausjungfer. »Kann der Junker
sehen in dieser egyptischen Finsterniß? O, =Clötje=, die Nacht ist keines
Menschen Freund! Am Himmel, wo die lieben Englein wohnen, da ist es
hell, da scheint die Sonne, da leuchtet der Mond, da glänzen die
Sternlein: alles Licht gehört dem Himmel! Aber die Dunkelheit ist
schwarz, schwarz wie der gräßliche Schiwa in Eueres Vaters
Staatszimmer, schwarz, wie der hochwürdige Domine die Höllengeister
beschreibt. Ich habe es gesagt: hier ist mein Grab. Wir kommen nimmer
wieder heraus an das Tageslicht.«
Da fühlte plötzlich =Clelia= die Hand des Junkers, die in der ihrigen lag,
heftig erbeben. Sie nahm voll Besorgniß seinen Arm; sie bemerkte, daß
gewaltige Schauer seinen ganzen Körper erschütterten, er wankte, er
hielt sich sogar einen Augenblick an seiner Begleiterin aufrecht.
»Um Gotteswillen, was ist Euch?« rief diese, von Schrecken erfüllt.
»Wird Euch unwohl, hat Euch ein Schwindel ergriffen?«
»O, daß nur ich es wäre, daß nur mich das gräßliche Schicksal träfe, dem
wir nun Alle nicht entgehen können!« brach er im Tone der höchsten
Verzweiflung aus. »Gerettet wäret Ihr, sagte ich? Ich Thor -- ich
unbesonnener, vergeßlicher Thor! Ihr seyd verloren, =Clelia=, mit weit
entsetzlicherer Gewißheit verloren, als Ihr es mitten unter dem Feuer
der Geschütze, verfolgt von den beutegierigen Feinden waret! Die Kugel
ist vom Zufalle geleitet, in der Brust des Menschen wohnt Erbarmen, ein
wohlwollendes Gefühl für die schwächer Geborne; aber hier, hier -- und
ich selbst, ich Unglückseliger, führte Euch herein!«
Ein Schluchzen, das der bitter aufsteigende Groll gegen sich selbst
hervorbrachte, erstickte seine Stimme. Seine Hand bebte nicht mehr; aber
sie hielt die Rechte =Cleliens= krampfhaft gepreßt, sie erschütterte diese
in unwillkürlichen Zuckungen.
»Erklärt Euch deutlicher!« flehete das Mädchen, mehr von inniger
Theilnahme an dem beunruhigenden Zustande ihres Freundes, als von Furcht
vor dem ihr noch unbekannten Gegenstande seiner Aufregung, bewegt. »Sagt
mir Alles. Ich bin nicht so schwach, wie Ihr vielleicht glaubt. Ich habe
zwar nur eine kurze Lehrzeit in der Schule der Erfahrungen gemacht,
aber, seyd überzeugt, sie ist mir nicht nutzlos vorübergegangen.«
»Es würde auch zu nichts führen, das Unabwendbare Euch verbergen zu
wollen;« erwiederte mit erkünstelter Ruhe, während die krampfhaften
Zuckungen seiner Hand fortdauernd den Sturm im Innern verriethen, der
Junker. »Wir befinden uns hier in einem weiten Grabe, aus dem es keine
Erlösung giebt, als durch den Tod. Diese Gänge, in die wir uns schon zu
tief verirrt, sind endlos, tausendfach verschlungen, auf viele Stunden
weit hinführend in ihren unzähligen Windungen. Habt Ihr nie von dem
=Petersberge= gehört, nie von dem wunderbaren Bau seines Innern, der seit
vielen Jahrhunderten durch Menschenhände gebildet worden, indem sie ihn
nach allen Richtungen hin ausgehölt, um seine herrlichen Mauersteine zu
gewinnen? Die Dunkelheit vor Euren Blicken verbürgt Euch den weit
gewölbten, vielleicht haushohen Gang. Nur die Bewohner der Umgegend sind
mit den labyrinthischen Wegen, die ihn durchkreuzen, bekannt. Aber auch
sie würden nicht wagen, diese ohne Licht zu betreten. Wehe dem, welchem
die Fackel, dieses einzige schwache Werkzeug der Lebenserhaltung, dieser
Bürge für den Wiederanblick des himmlischen Tageslichtes, erlischt!
Wehe uns, die meine Tollheit, die ein unseliges Verhängniß in diesen
Aufenthalt des unentrinnbaren Todes geführt hat!«
»Ich habe es ja gesagt!« stöhnte =Philippintje= in dumpfem Hinbrüten vom
Boden auf. »An der Dunkelheit müssen wir sterben.«
»Macht Euch keine Vorwürfe! Rechnet Euch das nicht zum Fehler an, was
der Drang des Augenblickes gebieterisch verlangte!« nahm =Clelia= mit
bewunderungswürdiger Gelassenheit das Wort. »Meint Ihr, es gäbe keinen
Führer, der auch in der Nacht dieser Grüfte über uns wacht, dessen Hand
uns leitet, dessen Odem uns umweht?« fuhr sie dann begeistert fort. »Wie
eitel ist nicht Menschenhülfe und Menschenthun auf Erden? Unser
Vertrauen muß höher wohnen. Auch über diesem Berge wölbt sich das
Himmelszelt und der Führer, von dem ich spreche, durchschaut Felsen und
Gestein und sein liebevolles Auge leitet diejenigen, die nicht an ihm
zweifeln. O =Cornelius=, Ihr habt mich wenig gekannt, wenn Ihr glaubtet,
die Offenbarung unserer Lage würde mich niederbeugen! Besser hier, als
draußen im blutigen Zwiespalt des Weltgewühls, besser in der Hand
Gottes, als in =der= der Menschen!«
»Und dennoch« -- fuhr in diesem Augenblicke der Junker auf und es war
ihm, als erhelle ein Blitz die Nacht, die sie verhüllte, »und dennoch
ist eine Möglichkeit der Rettung denkbar. Noch dauert das Schießen, noch
dauert außerhalb der Streit. Was andern Verderben, uns kann es Rettung
bringen. Ja, =Clelia=! Wir wollen diese Stelle verlassen, wir wollen dem
Schalle von Außen nachgehen, vielleicht erreichen wir glücklich wieder
den Eingang, vielleicht -- O kommt nur, kommt! Die Augenblicke sind
kostbar. Wie leicht können nicht in dem nächsten schon diese Geschütze
verstummen, wie leicht ist nicht die letzte schwache Hoffnung
vernichtet!«
Sie begannen auf's Neue die mühsame Wanderung durch die dunkeln Räume.
=Cornelius= drängte =Clelien= in unruhiger Hast vorwärts, =Philippintje=
hatte sich wie früher angeschlossen. Bald tönte das Schießen nahe, bald
wieder ferne. Die äußerste Aufmerksamkeit gehörte dazu, sich immer in
einer bestimmten Richtung zu erhalten, da das ganze Innere des
=Petersberges= eigentlich nur =ein= ungeheueres Gewölbe bildet, von
unzähligen dicken Sandsteinpfeilern getragen, zwischen denen sich die
tausendfältigen Gänge hinwinden. Und welche Bürgschaft war, daß man in
der eingeschlagenen Richtung nicht schon irre? Klangen doch die immer
seltener werdenden Schüsse bald rechts, bald links, bald vor den
Bedrängten, bald über ihren Köpfen!
Dennoch waren sie es allein, die =Cornelius= Hoffnung aufrecht hielten.
Als sie jetzt nur in langen Zwischenräumen noch ertönten, schien ihm ein
jeder wie ein neuer Ruf zum Leben, wie ein Gruß der bald eintreffenden
Hülfe. Seine bebende Hand griff sich von Pfeiler zu Pfeiler, hastige
Worte, von zitternder Lippe ausgestoßen, suchten =Clelien= mehr zu
beruhigen, als sie dessen bedurfte.
Endlich war der letzte Kanonendonner über ihre Häupter hingerollt, matt,
hinschwindend, wie das Abschiedswort eines Sterbenden. In unsäglicher
Spannung wartete =Cornelius= auf einen folgenden. Es kam keiner. Sein Herz
pochte schwer, das Blut erstarrte in seinen Adern, Minuten schlichen wie
Stunden vorüber. Alles blieb still, nur die Odemzüge der Verlassenen,
=Philippintje's= Stöhnen, das von Zeit zu Zeit diese unterbrach, tönten in
die schweigende Nacht.
Ohne zu wissen, was er that, drängte der Junker seine Begleiterinnen
noch eine kurze Strecke fort. Dann blieb er stehen und sprach in einem
leisen Tone der Entsagung:
»Der Kampf ist zu Ende und mit ihm unsere letzte Hoffnung!«
Er bemerkte, indem er an der Bergwand hintastete, eine Stelle, die wie
ein Ruhesitz ausgehauen war. Hier ließ er =Clelien= nieder. Er setzte sich
neben sie. Die ältere Begleiterin nahm auf der anderen Seite Platz.
=Philippintje= konnte die für ihre Kräfte übermäßige Anstrengung nicht
länger ertragen. Sie fiel nach wenigen Augenblicken in einen tiefen
Schlaf.
=Cornelius= befand sich in einem qualvollen Zustande. Er konnte den
Gefühlen, die sein Herz zerrissen, nicht Worte leihen. Selbst der sanfte
Händedruck der Geliebten, mit dem sie ihm die Versicherung zu geben
schien, daß sie ihr Schicksal nicht schmerze, daß sie ruhig in eine
Zukunft sehe, die ihm so gräßlich dünkte, konnte keinen flüchtigen
Trost, keinen Augenblick der Ruhe in seine Seele bringen. Trostlos,
erbittert gegen sich und das Verhängniß starrte er in die öde, todte
Nacht.
Aus dieser Geistesdumpfheit wurde er plötzlich durch einen hellen,
klingenden Ton, ganz in seiner Nähe, erweckt. Er fuhr von seinem Sitze
auf, ohne jedoch die Hand =Clelia's= loszulassen, welche, selbst betroffen
über den Klang, der so unerwartet die rings herrschende Stille
unterbrochen hatte, zusammengefahren war. Er griff mit der freien
Rechten, soweit er reichen konnte, umher, er berührte einen feuchten,
steinigen Gegenstand, den seine Hände umspannen konnten, der, frei vom
Boden in die Höhe stehend, die Gestalt eines dünnen Baumstammes zu haben
schien.
Der Zufall hatte sie an die Stelle geführt, wo eine seltsame Laune der
Natur, mitten im Dome des =Petersberges=, zwischen dessen unendliche
Sandsteingeklüfte eine Tropfsteinader eingeschoben hat. Dieses im Laufe
von Jahrhunderten erzeugte Gebilde ist das einzige dieser Art in dem
weiten, unterirdischen Raume. Die Leute, denen das Innere des
=Petersberges= nicht fremd ist, kennen es wohl und bezeichnen es in ihrer
Unwissenheit und nur mit Berücksichtigung seiner äußeren Merkmale, mit
dem Namen des =versteinerten Baumes=.
=Cornelius= war nur im Allgemeinen von dem Wunderwerke, das sich hier im
Schooße der Erde verbarg, nicht von dessen Einzelnheiten unterrichtet.
Er glaubte nicht anders, als daß er glücklicherweise auf ein von
Menschenhänden errichtetes Kennzeichen, auf eine Art von Wegweiser
gestoßen sey, der denjenigen, die mit seinen näheren Beziehungen
vertraut waren, den Ausgang aus den labyrinthischen Gängen erleichtern
konnte. Die ausgehauenen Sitze in der Steinwand schienen seine
Vermuthung zu bestätigen. Er theilte sie, indem ein Strahl von Hoffnung
in seine Seele drang, =Clelien= mit.
»Ich kann mich noch nicht in den Gedanken ergeben, Euch, in dem Wahne
Euch zu retten, in das sichere Verderben geführt zu haben!« fügte er in
einem Tone, der die fortdauernde Bewegung seines Innern zeigte, hinzu.
»Nein, nein! So schrecklich kann eine einzige Unbesonnenheit nicht
bestraft werden. Laßt mich noch einen Versuch wagen! Dieses Merkmal ist
nicht umsonst hier aufgestellt. Wer weiß, ob es mir nicht gelingt, den
Rettungsweg, auf den es hindeutet, zu finden? Als ich genöthigt war,
selbst die Leitung unseres Fuhrwerkes zu übernehmen, dachte ich wohl
nicht, daß an den Fäden der Stricke, mit denen ich auf den Nothfall mich
versehen mußte, die Möglichkeit einer Hülfe aus dem entsetzlichsten
Verderben geknüpft sey! Ja, =Clelia=, ich hoffe, von dem Geschicke, das
unsere Schritte so wunderbar geleitet, auch das Werkzeug erhalten zu
haben, Euer theueres Leben zu retten! Laßt mich nur machen! Schon fühle
ich mich von schöner Hoffnung belebt, mein alter Muth, mein
Selbstvertrauen sind zurückgekehrt!«
Noch während er sprach, war er bereits beschäftigt gewesen, die
einzelnen Fäden der Stricke, mit denen er sich umgürtet hatte,
loszuwickeln. Er knüpfte sie aneinander, das Band, das er aus ihnen
bildete, wuchs rasch zu einer bedeutenden Länge, obschon die herrschende
Dunkelheit ihm seine Arbeit sehr erschwerte.
»Ihr habt Recht!« nahm indessen =Clelia= das Wort. »Die Pflicht der
Selbsterhaltung, welche die Vorsehung in die Seele des Menschen gelegt,
gebietet uns, auch das Letzte zu versuchen, wie der Schiffbrüchige nach
einem dünnen Zweig greift, um, indem er sein Leben zu retten bemüht ist,
den letzten Zoll des Dankes für dieses Geschenk abzutragen. Man hat mir
von einem Mädchen des Alterthums erzählt, das ihrem Geliebten in einem
ähnlichen Falle ein Gespinnst von ihren Händen mitgab, das ihn auch
glücklich wieder an das Tageslicht zurückführte. Geht, =Cornelius=! Ihr
müßt allein gehen, wie der Freund jenes Mädchens, denn ich darf die
Arme nicht verlassen, die keiner weiteren Anstrengung fähig ist. Geht
und sucht einen Rettungspfad! Aber wenn Ihr zurückkehrt und es ist Euch
nicht gelungen, ihn zu finden, so laßt Euch nicht von allzu großem
Schmerze ergreifen -- Gott hat wohl noch andere Mittel, uns zu helfen,
und die Stunden der Prüfung gehen schnell vorüber.«
»Ich bin darauf vorbereitet, allein zu gehen;« versetzte der junge Mann.
»Auch Euere Kräfte dürfen nicht mehr erschöpft werden, als sie es schon
sind. Es können Augenblicke kommen, in denen ein geringer Grad von mehr
oder minderer Stärke über Leben und Tod entscheidet! Ja, =Clelia=, ich muß
Euch verlassen; aber ich kehre hoffentlich als ein Bote der Rettung
zurück. Dasselbe unbedeutende Werkzeug, das uns diese bringen kann,
führt mich auch wieder in Euere beseligende Nähe.«
Unter diesen Worten hatte er das eine Ende des Fadens fest um den
einzeln stehenden Pfahl geschlungen, den er für ein von Menschenhänden
errichtetes Werk hielt. Oft stieg, während dieser Arbeit, der Gedanke
in ihm auf, sein Versuch könne doch unnütz seyn, er könne ihn vielleicht
ganz von =Clelien= trennen; aber er entfernte den quälenden Gedanken mit
Gewalt aus seiner Brust und gab nur der Hoffnung Raum, Hülfe und Rettung
zurückzubringen. Er sagte der Geliebten auch kein Lebewohl, er drückte
ihr nur die Hand und der Gegendruck, den er empfand, erhöhete seinen
Muth und sein Vertrauen. An dem Pfahle hatte er eine erhöhete Stelle
gefunden, die ihm die Richtung zu bezeichnen schien, welche er nehmen
müsse. Mit kühner Hoffnung auf sein gutes Glück trat er die zweifelhafte
Wanderung an. Seine Hand hielt den verhängnißvollen Faden. Bald waren
seine Schritte in den weiten Gewölben verhallt.
=Clelia= hatte ihnen nachgelauscht, so lange sie sie vernehmen konnte. Als
sie verstummten, ergriff sie ein sehr natürliches Gefühl von
Beängstigung, von Verlassenheit, das nur durch =Philippintje's= Nähe, die
sich durch die schweren Odemzüge der Schlafenden bemerklich machte,
durch den Klang des in gemessenen Zwischenräumen niederfallenden
Wassertropfens, einigermaßen beruhigt wurde. Die milde Luft, die in dem
eingeschlossenen, gegen jeden Zudrang stürmischer Winde geschützten Raum
herrschte, wirkte wohlthuend auf =Clelien=. Aber auch sie empfand die
Folgen der Anstrengungen des Tages. Ihre Augenlieder sanken schwer herab
und sie hatte Mühe, sich des Schlafes zu erwehren. Sie kämpfte dagegen,
so sehr sie vermochte. Sie hielt mit Gewalt die Augen offen und starrte
in die Dunkelheit. Allein selbst dieses angestrengte Hinschauen in eine
gegenstandlose Finsterniß, die nichts bot, den Geist zerstreuend zu
beleben, vermehrte ihre Abspannung. Endlich konnte sie nicht länger
widerstehen. Wie aus weiter Ferne hörte sie noch einmal den Fall des
Wassertropfens, =Philippintje's= Odemzüge verstummeten vor ihrem Ohre: sie
fiel in einen tiefen und festen Schlaf.
Mehrere Stunden mochten die beiden Frauen, in dieser ungestörten
Abgeschiedenheit von der Welt, fortgeschlummert haben, als ein Geräusch
in ihrer Nähe, ein Laut von menschlichen Stimmen sie plötzlich
erweckte. Sie versuchten die Augen zu öffnen, aber ein blendender
Lichtglanz, der ihnen entgegenstrahlte, nöthigte sie, diesen Versuch
noch aufzuschieben.
»=Cornelius=, seyd Ihr es?« sagte in dem halblauten Tone einer eben
Erwachten =Clelia=. »Habt Ihr den Ausgang gefunden, bringt Ihr Hülfe?«
Sie erhielt keine Antwort, aber, indem sie sich völlig ermunterte,
vernahm sie das Flüstern mehrerer Menschen untereinander, sie hörte
ihren Namen nennen von Stimmen, die ihr unbekannt waren. Endlich konnte
sie den Glanz des Lichtes ertragen. Sie blickte auf, sie sah sich und
=Philippintje= von mehreren fremden Männern umgeben, die sie mit dem
Ausdrucke freudiger Ueberraschung in ihren Mienen betrachteten. Sie
konnte sich nicht gleich fassen. Erst, als sie bei dem Glanze der
brennenden Fackeln, mit denen einige von den Männern versehen waren, das
weite, weiße Gewölbe über ihrem Haupte, die hochaufstrebenden
Steinpfeiler zu beiden Seiten erkannte, kehrte die Erinnerung der
vergangenen Ereignisse zurück. Jetzt nahm sie die Fremden näher in's
Auge. Zwei von diesen, junge wohlgekleidete Leute, traten ihr mit
ehrerbietigem Anstande näher. Die übrigen blieben in einiger Entfernung
stehen und schienen den Jünglingen untergeben.
»Ihr kennt uns nicht,« nahm einer von diesen mit sanfter, fast
mädchenhafter Stimme das Wort: »aber wir kennen Euch wohl. Das
wunderlichste Verhängniß führt uns in diesen unterirdischen Irrgängen
zusammen und gewährt mir und meinem Freunde das Glück, Euch vielleicht
einen Dienst zu leisten, indem wir zugleich eine Pflicht erfüllen, die
uns gegen Eueren Vater, Heern =Tobias van Vlieten=, obliegt.«
»Ihr kommt von Heern =Tobias=?« rief =Philippintje= in halber Verwirrung.
»Er schickt Euch, uns aus diesem höllischen Abgrunde zu erlösen? Der
brave Mann! Das wird ihm nicht unvergolten bleiben in seinem Liebsten:
im Handel und Wandel.«