»Ich glaube, ich habe das Mittel gefunden, die sauberen Gesellen um die

Frucht ihrer Mühen zu bringen und ihnen eine Nase zu drehen, die von

hier bis =Mastricht= reicht,« nahm jetzt der Landmann, der bisher in einer

nachsinnenden Stellung hinter dem Junker gestanden hatte, das Wort. »Sie

wollen sich ruhig halten und warten, bis Ihr Euch in den Wagen

zurückbegeben habt und abgefahren seyd? Sie mögen warten! Sie sollen,

wenn Ihr anders meinen Rath befolgt, noch stundenlang am Fenster stehen

und sich die Augen aus dem Kopfe sehen nach Euerer Abreise, während Ihr

schon wenigstens halbweg =Mastricht= seyd und dann von ihnen nichts mehr

zu befürchten habt. Hört mich an! Allenthalben ist das Wasser der Teiche

ausgetreten auf die Wiesen, dann ist es gefroren und von hier bis zum

Ziele Euerer Reise ist die herrlichste Schlittenbahn von der Welt. Ihr

seyd ein Holländer. Ein tüchtiger Holländer läuft jedes Pferd zu

Schanden, wenn er Schlittschuhe unter den Füßen hat. Ich gebe Euch zwei

Stuhlschlitten, in diese packen wir die Frauen, den einen führt Ihr, den

andern mein Junge und der Böse müßte sein Spiel haben, wenn Ihr die fünf

Stunden bis zur Stadt nicht vor Abend zurücklegtet. Ich lasse Euch zur

Hinterthüre hinaus. Die oben warten und warten -- wann die Dämmerung

nahet, trete ich ganz gleichmüthig an den Wagen, spanne aus und ziehe

die Thiere in den Stall. Dann mögen sie kommen und fragen -- mir soll es

nicht an Antworten fehlen! Was sagt Ihr zu dem Anschlage?«

»Nassau und Oranien!« rief =Cornelius=, indem er den Mann in der Freude

seines Herzens umarmte. »Er ist vortrefflich, er ist nicht mit Geld zu

bezahlen!«

=Philippintje= aber stand zitternd auf und seufzte:

»In einem Schlitten soll ich fahren? Ueber's Eis? Einbrechen,

ertrinken?«

Niemand hörte auf sie. Während der wackere Hausbesitzer seinem Sohne die

nöthigen Eröffnungen machte, Schlitten und Schlittschuhe in den

gehörigen Stand setzte, nahmen die Reisenden einige Erfrischungen zu

sich, wie sie der ländliche Haushalt ihres Wirthes darbot. =Clelia= war

jetzt ruhig und gefaßt. Wo sie eben nur dunkele, räthselhafte Nacht

erblickt hatte, erschien ihr tröstlich und freundlich wieder ein

Hoffnungsstern. Sie sprach ihrer Gefährtin Muth ein. Sie stimmte einen

scherzhaften Ton an und brachte es wirklich bald dahin, daß =Philippintje=

anfing, ihre Besorgnisse zu verbannen und sich sogar auf die Lustfahrt

im Schlitten freuete.

Jetzt kam der Landmann zurück. Alles war fertig, Alles zur Abreise

bereit. Sie entfernten sich leise durch die hintere Thüre des Gemaches;

sie schlichen durch dunkle Gänge, durch die geräumigen Viehställe, durch

den Garten. Das Schneegestöber hatte aufgehört. Nur eine dünne

durchsichtige, weiße Flordecke lag auf dem weiten Eisspiegel, der sich,

als sie aus dem Garten traten, ihren Blicken bot. Des Wirthes Knabe

harrte hier mit Schlittschuhen und Schlitten. Vergebens bemühete sich

=Cornelius=, dem Manne eine Belohnung aufzudringen.

»Ihr kommt schon einmal wieder!« antwortete er. »Bis dahin hat es Zeit.

Euer Fuhrwerk und Euere Pferde bleiben mir ja ohnehin im Versatze,«

fügte er lächelnd hinzu.

In dem Augenblicke ihrer Abfahrt brach die Sonne durch Wolken. Sie

röthete =Clelia's= Wangen und ließ das blühende Mädchen in einem

Himmelsglanze erscheinen, der =Cornelius= mit Entzücken und den

nachsehenden Landmann mit Bewunderung erfüllte.

Mit Windeseile flogen die Schlitten über die silberglänzende Eisdecke

hin. =Cornelius= hatte seit seinen Knabenjahren für einen Meister im

Schlittschuhlaufen gegolten; aber der Sohn des Wirthes übertraf ihn,

wenn auch nicht an Zierlichkeit der Bewegungen, doch in Gewandtheit und

Geschwindigkeit bei Weitem. Das mußte =Philippintje= zu ihrem oftmaligen

Schrecken und Entsetzen erfahren. Er machte die künstlichsten Drehungen

und Schleuderungen mit dem Schlitten, in dem sie saß, er fuhr sie wie

toll im wirbelnden Kreise herum, er zog sie lange Strecken hindurch

hinterrücks fort und wenn sie dann anfing, zu schreien und zu schelten,

so lachte er hell auf, sprach ihr freundlich zu und versicherte, das sey

hier zu Lande die Manier, ihre Mädchen und Weiber schrieen auch, aber

sie sähen es doch gern und, weil man das wüßte, kehrte man sich nicht

daran. Er begann dann von Neuem sein neckendes Spiel, ohne sich jedoch

jemals von dem Junker weit zu entfernen, der, seine schöne Last vor sich

hin schiebend, alle Kräfte aufbieten mußte, um nicht hinter dem

flüchtigen Knaben zurückzubleiben.

Der Landmann war in der Gartenthüre stehen geblieben und hatte ihnen so

lange nachgesehen, wie seine Blicke sie erreichen konnten. Er wünschte

ihnen alles Glück auf den Weg. =Cornelius= offenes treuherziges Wesen

hatte ihn angesprochen, und der Eindruck, den =Clelia's= Schönheit auf ihn

gemacht hatte, war von jenen Gefühlen des Wohlwollens begleitet, die wir

denjenigen, die durch einen persönlichen Vorzug sich in unseren Augen

auszeichnen, so gern zu widmen geneigt sind. Er ging in das Haus, in das

Gemach zurück, wo noch am Kamine der Stuhl stand, auf dem das schöne

Mädchen gesessen hatte. Ein zufriedenes Lächeln schwebte auf seinen

Zügen. Er glaubte ein gutes Werk gethan zu haben, er mußte sich im

Stillen über die Täuschung der Laurer im ersten Stocke lustig machen. Er

horchte nach ihnen hin. Alles war ruhig. Sie standen gewiß in gespannter

Erwartung am Fenster und gedachten, in jedem Augenblicke die reizende

Beute, die sie schon in ihrem sicheren Besitz sahen, aus dem Hause

treten zu sehen, sie standen gewiß bereit, sogleich, wenn es ihr

Anschlag mit sich brachte, hinabzustürmen, ihre Pferde zu besteigen und

das Werk zu vollführen, das, nach ihrem Wahne, ihnen gar nicht

fehlschlagen konnte! Der Landmann mußte laut auflachen, wenn er sich das

in seinen Gedanken ausmalte. Um die Täuschung fortzusetzen, ging er

hinaus zu den Pferden, gab ihnen zu trinken und warf ihnen Heu vor, als

sollten sie sich zu der ferneren Reise vorbereiten und stärken. Ein

Blick nach den Fenstern des oberen Stocks belehrte ihn, daß die zwei

jungen Leute ihren Lauerposten nicht verlassen hatten. »Ihr steht mir

gut dort!« dachte er. »Ergötzt Euch nur noch ein Paar Stunden, an der

freien Aussicht, die Ihr oben habt; dann mögt Ihr ausfliegen wohin Ihr

wollt, meine Eisvögel holt Ihr doch nicht ein.«

=Le Vaillant= und sein Gefährte -- in diesem haben unsere Leser schon

längst den Leydener Studenten =La Paix= wiedererkannt -- befanden sich

indessen in jenem peinigenden Zustande, den das Gefühl der Erwartung

einer nahen Catastrophe, des heranrückenden Momentes, in dem sich der

Ausgang eines noch zweifelhaften Unternehmens entscheiden muß, in

seinem Gefolge hat. Sie waren in jener Nacht, in der wir sie verließen,

glücklich zu einer einsamen Küstenwohnung gelangt, sie hatten die

vorüberfahrende Barke =Syrene= bestiegen, allein, indem sie hier gewiß

=Clelien= und =Cornelius= zu finden glaubten, sich in ihren Hoffnungen

getäuscht gesehen. Aber sie kannten ja das Reiseziel der Flüchtlinge! In

=Antwerpen= waren sie an's Land gestiegen. Frische Geldsummen, die sie

hier bei einem befreundeten Handelshause aufnahmen, setzten sie in den

Stand, Pferde zu kaufen und zwei Diener zu miethen, die sie bei ihrem

Unternehmen unterstützen sollten. Sie schlugen den nächsten Weg nach

=Mastricht= ein, aber =La Paix= gebrauchte die Vorsicht, seine Leute zum

Oefteren seitwärts in's Land zu schicken, um hier nach den Verfolgten zu

forschen. So gelang es ihm, die Spur der Flüchtlinge zu finden. Schon

früher würde er sie ereilt haben, wäre nicht der Junker =van Daalen= von

der rechten Straße ab, auf Seitenwege gerathen, auf welchen die

Nachsetzenden ihn nicht vermutheten. Deshalb gewannen sie auch den

Vorsprung einer halben Tagereise vor ihm. In dem einsamen Gehöf, zu dem

sie am heutigen Morgen gelangt waren, beschlossen sie auf gut Glück hin,

einen Tag zu rasten. Sie waren nun überzeugt, daß die Flüchtlinge hier

noch nicht vorübergezogen seyn konnten, sie sahen endlich, wie wir

wissen, am Mittage dieses Tages eine Hoffnung erfüllt, die ihnen schon

so oft fehlgeschlagen war.

»_Morbleu!_« sagte =Le Vaillant= zu seinem Freunde, der nur Augen für das

unten harrende Fuhrwerk zu haben schien, nachdem beide schon über eine

Stunde am Fenster gestanden und nutzlos auf einen Umstand gelauert

hatten, der ihnen die baldige Abfahrt der Flüchtlinge anzeigen möchte.

»=Die= sitzen fest am Kamin und machen uns wohl die Zeit noch lang, ehe

wir uns auf die Klepper werfen können, um ihnen den Spaß zu verderben.

_Sandis!_ Du hättest meinen Rath annehmen sollen. Jetzt wäre Alles gethan,

wir hätten das Vögelchen im Käficht und wären schon auf dem Rückwege

nach der Heimath, wo unser würdiger Professor gewiß mit sehnsüchtig

geöffneten Armen den Preis für seinen Amenophis Pharao erwartet. Du

wirst es noch erleben, daß wir endlich, wenn wir meinen, die Huldgestalt

zu fassen, nur in einen blauen Dunst greifen und daran ist nichts

anderes schuld, als deine ewige Bedenklichkeit, dein endloses Zaudern.

_Cadédis_ --«

»Still, sie kommen!« unterbrach ihn =La Paix= und seine Blicke glänzten.

Aber es war nur der Landmann, der wohlgemuth aus dem Hause trat und den

Pferden Futter vorwarf. Nichts destoweniger nahmen die Studenten seine

Erscheinung als eine günstige Vorbedeutung auf. =Le Vaillant= nahm seinen

großen Raufdegen von der Wand und gürtete sich damit, ebenso =La Paix=.

Die beiden Gesellen, deren übles Aussehen eher ein Paar Wegelagerer

vermuthen ließ, als die Diener zweier Musensöhne, erhoben sich und

dehnten, wie zu baldiger Thätigkeit und zum bevorstehenden Handgemenge,

die gedrängten starkgliedrigen Gestalten, die ebenfalls mit Pistolen und

kurzen Degen wohl versehen waren.

=Le Vaillant= rieb sich zufrieden die Hände, während sein Freund wieder

ungeduldig zum Fenster trat. Der Landmann war verschwunden. Alles wieder

still, wie zuvor.

»Die Weiber können nicht aus dem Neste kommen!« grollte =Le Vaillant=,

nachdem er an die Seite seines Gefährten getreten war. »_Morbleu!_ Hätten

wir es nur mit Männern zu thun, so wären wir längst im freien Felde mit

ihnen aneinander und du solltest sehen, daß keiner vermag vor =Le

Vaillant's= Schwerdt zu bestehen!«

»Die Gelegenheit wird schon kommen, wo du deine Heldenthaten an den Mann

bringen kannst;« erwiederte kaltsinnig =La Paix=. »Jetzt richte deinen

Muth gegen dich selbst und bekämpfe deine Hitze, deine Ungeduld.«

=La Paix= war, durch seines Freundes unaufhörliche Aufforderungen gereizt,

nun hartnäckig geworden und bestand fest auf seinem Sinne, obschon sich

in einzelnen Augenblicken eine gewisse Besorgniß über die Richtigkeit

seiner Ansicht in ihm regte. Immer hatte =Le Vaillant= eine Art von

Oberherrschaft von Seiten seines Landsmannes anerkannt. Dieser unterwarf

er sich auch jetzt, zwar mit Widerwillen, aber nicht ohne alles

Vertrauen, das auf so viele günstige Erfolge des Freundes in ähnlichen

Fällen begründet war.

Aber noch eine Stunde verging in der Pein des Harrens, eine andere

schlich ebenso mit Schneckenschritt vorüber und nichts veränderte sich

in der Lage der Verbündeten. Die Abenddämmerung näherte sich. Viele

Landleute, Männer und Weiber, kamen aus den benachbarten Städtchen, wo

ihr ländlicher Handel sie hingeführt hatte, zurück und kehrten in dem

einsamen Hofe ein, um hier, wie sie es gewohnt waren, zu übernachten und

morgen in der Frühe des Tages ihren Weg nach der entlegenen Heimath

fortzusetzen.

Jetzt war der Augenblick der Enttäuschung gekommen. =La Paix= mußte sehen,

wie im vollen Gelächter mit anderen Landleuten und mit Gebehrden, die

den Studenten und seine Begleiter deutlich genug als den Gegenstand

seines Spottes bezeichneten, der Wirth aus dem Hause trat, die Pferde

ausspannte und das Fuhrwerk, das die schöne =Clelia= getragen hatte, unter

Dach schob. Er biß sich in die Lippen. Er trat hastig vom Fenster zurück

und sagte mit ärgerlicher gepreßter Stimme:

»Wir sind betrogen! Ich durchschaue die ganze Geschichte, den listigen

Streich, den man uns gespielt hat. Der Wirth ist ein Spitzbube. Er hat

uns verrathen, er hat die Beute, die uns schon sicher war, längst weiter

geschafft, während er uns mit dem ruhig wartenden Fuhrwerke genarrt.«

»_Sandis!_ so müssen wir ihm den Hals brechen;« fuhr =Le Vaillant= wild auf

und legte die Hand an den Degen.

»Versuche es nur!« entgegnete spitz sein Freund. »Die fünfzig rüstigen

Bauernhände, die dem Schelm jetzt zu Gebote stehen, werden dir die Lust

dazu schon vertreiben. Ehe du ihm an die Gurgel kommst, werden die

Dreschflegel so auf deinem Rücken herumtanzen, daß du dein Lebelang

nicht wieder gerade gehen kannst. Aber es ist kein Augenblick zu

verlieren! Wir müssen ihnen nach. Führt die Pferde vor!« rief er den

Dienern zu. »Vielleicht ist uns die Nacht günstiger, als der Tag.«

Sie stürmten die Treppe hinab. In der Thüre der Küche stand der

Hauseigenthümer, hinter ihm ein Haufe von Bauern, mit feisten,

wohlgenährten Gesichtern. Sie hielten die derben Knochenfäuste, wie zum

Angriffe gerüstet, empor, sie lachten laut auf, als sie die

Herabeilenden erblickten.

»Ihr wollt schon fort?« rief der Wirth mit scheinbarem Bedauern, hinter

dem der Schalk sich verbarg, ihnen zu: »Gewiß den andern nach? Ja, da

müßt Ihr Euch eilen, denn die sind schon vor mehr als drei Stunden

abgereis't, so rasch und auf so flüchtigem Fuhrwerk, daß sie in diesem

Augenblicke wohl vor den Thoren von =Mastricht= halten können.«

Die Studenten würdigten ihn keiner Antwort. =Le Vaillant= schoß einen

wüthenden Blick nach ihm hin. Aber außer einem: »_Cadédis!_« das ihm

unwillkührlich zwischen den Zähnen hervordrang, ließ er keine

Verwünschung, keine Drohung laut werden. In wenigen Augenblicken standen

die Pferde bereit. Mit wilder Hast schwangen sich die Jünglinge auf und

flogen, wie vom Sturmwinde gejagt, in die winterliche Gegend hin. Die

Diener folgten ihnen nach. Bald war das Geräusch ihrer Rosse verhallt.

Ein lauer Südwind strich über die Fläche und erweichte und lockerte die

Eis- und Schneedecke, die auf den Gewässern und auf dem Lande ruhete.

6.

In einem lieblichen Thale, das die Wellen der Maas durchschneiden, liegt

die Stadt =Mastricht=. Freilich sah man jetzt nichts von dem Grün der

Ufer, das im Frühlinge und Sommer, in weiten blumendurchwirkten

Wiesenflächen sich hindehnt, und der Reiz, der dieser Gegend in einem

geringeren Grade auch im Winter bleibt, war jetzt von den Schatten der

Abenddämmerung verhüllt! Aber dennoch wurde sie von drei Reisenden, die

eben einen Hügel erstiegen hatten, auf dem sich ihnen die aus der Stadt

herüberglänzenden Lichter wie freundliche Sterne zeigten, als das Ziel

einer müheseligen und selbst nicht gefahrlosen Wanderung begrüßt. Die

drei Reisenden waren =Cornelius= und seine Begleiterinnen. Sie hatten in

einer geringen Entfernung von der Stelle, wo wir sie finden, die

Schlitten verlassen müssen, da ihnen der Sohn ihres wohlwollenden

Wirthes auf dem einsamen Gehöf erklärte, er müsse bei dem beginnenden

Thauwetter nothwendig umkehren, um noch, ehe das Eis auf den Wiesen

gänzlich aufgelös't sey, glücklich die Heimath zu erreichen. Der Junker

erkannte die Billigkeit dieses Verlangens und man entschloß sich, den

etwa noch dreiviertelstündigen Weg bis zur Stadt zu Fuß zurückzulegen.

=Cornelius= selbst belastete sich mit =Cleliens= Gepäck, die ruhig und ohne

eine Klage über die Beschwerden, welche sie zu ertragen hatte, an seiner

Seite hinschritt. Um so lauter ertönte =Philippintje's= unermüdlicher

Jammer.

»Es geschieht mir schon recht!« keuchte sie, indem sie sich bemühete,

mit den andern gleichen Schritt zu halten. »Ich habe mich verblenden

lassen von dem Mammon, ich muß zu Grunde gehen, weil ich das goldene

Kalb angebetet. Hätte ich nur das Tabakrauchen vertragen können! Jetzt

säße ich als eine vergnügte und glückliche Braut in der warmen Cajüte

bei Frau =Beckje= und =Herrmanneke=, mein Hochzeiter besuchte mich, wenn es

die Arbeit erlaubte, und brächte mir eine Herzenserquickung. Aber was

habe ich hier? In Schnee und Eis muß ich waten, Hunger und Kummer leiden

und jeder Augenblick kann mein letzter seyn auf diesen schlüpfrigen

Wegen, wo des Menschen Fuß nicht haftet und alle Gebete, die ich in der

Angst meines Herzens ersinne, den Schritt nicht fester und sicherer

machen. Ich weiß wohl, ich habe es verdient, auch um =Herrmanneke= habe

ich es verdient. Warum schickte ich ihm sein Goldstück wieder und

verlangte meinen Ring zurück? >Du sollst Eltern und Heimath verlassen,

du sollst ihm folgen über Land und Meer,< sagt die Schrift. Ach, ich

habe schwer gesündigt und ich fürchte, nahe ist das Stündlein des

Gerichtes!«

Man hatte sich schon so sehr an ihre Klagen gewöhnt, daß man nicht mehr

darauf hörte. =Clelia= stand neben =Cornelius= und blickte in's Thal hinab,

aus dem die Lichter heraufschimmerten.

»Welcher freundliche Anblick!« sagte sie. »Diese glänzenden Punkte

verbannen in einem Augenblicke das drückende Gefühl des Fremdartigen,

der Verlassenheit aus unserer Seele. Es ist, als spräche uns ein

geselliger Geist aus ihnen an, wir fühlen uns den Menschen nahe, deren

Treiben sie erhellen. Es dünkt uns, als gewähre schon ihr ferner

Schimmer einen Schutz, dessen wir bisher entbehrten, und das Vertrauen

in unserer Brust nimmt zu und wir sind fast gewiß, an der Stätte Freunde

zu finden, von der uns ein so willkommener Gruß geworden.«

»Halt! Was ist das?« sprach =Cornelius= mit gedämpfter, aber bewegter

Stimme, indem er die Geliebte, die so eben den Fuß hob, um in's Thal

hinabzuschreiten, zurückhielt. »Ich höre Waffengeräusch, ich vernehme

schwere Tritte, wie von kriegerisch geordneten Reihen, die im Marsche

begriffen sind!«

Er hielt den Odem zurück und horchte. =Clelia= schmiegte sich ängstlich an

ihn.

»Das ist das jüngste Gericht, das heranrückt;« faselte =Philippintje=.

»Jetzt werden sie gesondert werden, die Rechten von den Linken, die

Lämmer von den Wölfen --«

»Still!« gebot der Junker so ernst, daß die Hausjungfer

zusammenschreckend die fernere Rede, die noch auf ihren Lippen schwebte,

tief in ihr Inneres zurückschluckte.

=Cornelius= hatte sich nicht getäuscht. Eine dunkele Masse bewegte sich

einen Hohlweg heran, eine andere rückte, tiefer im Thale, am Flußufer

nach der ruhig und unbesorgt scheinenden Stadt hin. Sein kriegskundiger

Blick ließ ihn sogleich erkennen, daß sie in der Stunde in die Nähe von

=Mastricht= gelangt seyen, wo von einem feindlichen Heerhaufen ein

Ueberfall der Stadt versucht werden sollte. O was hätte er darum

gegeben, wenn er jetzt mit flüchtigen Schritten an den Feinden vorüber

eilen, mit lautem Rufe zu den Waffen die Besatzung aus ihrer

verderblichen Sicherheit hätte aufschrecken können? Aber ein Gegenstand

höherer Besorgniß lag ihm näher. =Clelia's= ängstliche Blicke hafteten an

den seinigen. Sie hatte er in diese Verwirrung, in diese Gefahren

gerissen; sie mußte er schützen und retten.

»Ich kann es Euch nicht verhehlen,« flüsterte er ihr zu: »Die

Heranziehenden sind Franzosen. Der Weg nach der Stadt ist uns

abgeschnitten. Es kann zu blutigen Auftritten kommen. Wir müssen uns

bemühen, ein sicheres Versteck zu finden. Haltet Euch nur stark und

aufrecht, theuerste =Clelia=!«

»Seyd unbesorgt um meinetwillen!« versetzte =Clelia= mit fester Stimme.

»Jetzt kenne ich die Gefahr, jetzt fühle ich mich wieder stark und

gefaßt zu jedem Unternehmen. Sagt, was zu thun ist: in bin bereit!«

»Verlaßt mich nur nicht!« flehete =Philippintje=, indem sie sich an den

einen Arm des jungen Mannes klammerte. »Sind es Franzosen, so bin ich

wirklich noch übler dran, als wenn das jüngste Gericht käme, denn ich

verstehe kein Französisch und könnte nicht Rede und Antwort geben.«

Da stiegen plötzlich zahllose Leuchtkugeln aus der bedroheten Stadt

empor in den dunkeln Abendhimmel und breiteten sich hier zu großen

feuerigen Garben aus, welche die weite Gegend im hellsten Lichtglanze

erscheinen ließen. Man erkannte die Haufen der Feinde, die im Eilschritt

an beiden Ufern der Maas heraufrückten, zwischen den Reisenden und der

Stadt zeigte sich ein verwirrtes Treiben kriegerischer Gestalten.

Der junge Kriegsmann konnte seine Freude nicht unterdrücken.

»Hoho, sie schlafen nicht!« jubelte er laut. »Sie haben nur die Augen

zugehalten, um den vorwitzigen Feind zu betrügen. Jetzt wird's losgehen,

jetzt werden sie gut holländisch mit ihm sprechen.«

Auch aus =Cleliens= Blicken strahlte die Begeisterung der Vaterlandsliebe!

Sie vergaß ihrer eigenen Gefahr, sie hatte nur Sinn für das große

Ereigniß, das sich unter ihren Augen entwickelte. Aber in welchem

entsetzlichen Zustande befand sich dagegen =Philippintje=? Auf einer

wüsten Insel, selbst ohne die Gesellschaft =Herrmanneke's=, wäre sie in

diesem Augenblicke lieber gewesen, als hier, wo mit Feuer und Licht, mit

Pulver und Blei, kein Spaß getrieben wurde!

Während die Leuchtkugeln aus der Stadt mit Blitzesschnelle einander

folgten und das Geschütz von den Wällen Vernichtung in die Reihen der

anrückenden Feinde schleuderte, zog der dunkele Haufe, den =Cornelius=

zuerst bemerkt hatte, mit so wenigem Geräusche als möglich, immer näher

den Hohlweg herauf. Am jenseitigen Flußufer hatten jetzt die Franzosen

ebenfalls Geschütze auffahren lassen und beantworteten das Feuer der zu

ihrem Empfange gerüsteten Gegner. Mit berechnender Langsamkeit wich der

Junker vor Denjenigen, die gerade auf sie zu den Hügel heran rückten,

zurück. Er drängte die Frauen seitwärts, um aus der Richtung, die jener

dunkele Haufe nahm, zu kommen, und wenn er sich durch diese Bewegung

immer weiter von der Stadt entfernte, so sah er auch recht wohl ein, daß

unter den gegenwärtigen Umständen nicht daran gedacht werden könne, in

diese zu gelangen. Sie wurden immer mehr in schräger Richtung den Hügel

hinaufgedrängt. =Clelia= folgte mit Ruhe und Aufmerksamkeit, indem sie

leicht ihren Arm auf den seinigen gelegt hatte, seinen Bewegungen;

=Philippintje= aber hing wie eine schwere Last an ihm, sie sprach nichts,

sie seufzte auch nicht mehr, sie befand sich in einer Geistesstumpfheit,

die sie jedes eigenen Entschlusses, des Willens über sich selbst unfähig

machte.

Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil · 第 8 / 14 段