»Wer sagt das, wer wagt mir zu opponiren?« donnerte =Mauritius= im Tone

der höchsten Erbitterung, den der Angriff auf seine eigene

Persönlichkeit mit sich brachte, den Professor an. »Ich habe noch nie

eine _Disputationem_ über die Kunst des Hypocrates und Galenus

ausgeschlagen, aber, ehe ich mich darauf einlasse, muß ich erst wissen,

ob ich mit einem Manne vom Fache oder einem Ignoranten zu thun habe, als

welchen Euch Euere bisher ausgesprochenen Grundsätze darstellen. Sagt

Euern Namen, ich bin der Doctor =Mauritius=, wohlbekannt in den gesammten

Generalstaaten!«

»Und ich bin =Eobanus Hazenbrook=,« erwiederte mit Würde der

Aufgeforderte, »Professor ordinarius der weltberühmten Lugduner

Academie, Custos _theatri anatomici_ daselbst und ein Freund und College

des großen =Boerhaave=.«

»Des großen =Boerhaave=!« spottete =Mauritius=. »O, ich habe ihn noch sehr

klein gesehen, diesen großen =Boerhaave=, ehe er das theologische Barett

gegen den medicinischen Doctorhut vertauscht. Damals schrieb er

Predigten statt Recepte und es wäre gut, wenn er dabei geblieben wäre,

denn seine tolle Neuerungssucht wird die edle Kunst bald in einen blauen

Dunst verwandeln. Ihr also, =Myn Heer=,« fuhr der Doctor mit grinsendem

Hohne fort, »seyd der Professor =Hazenbrook=, von dem ich schon so vieles

Merkwürdige gehört? Nun es ist mir in Wahrheit eine unerwartete

Annehmlichkeit, ein so seltsames Exemplar wissenschaftlicher

Monstruosität, wie Ihr dem Rufe nach seyn sollt, in dieser Stunde kennen

zu lernen.«

»Ein seltsames Exemplar -- eine wissenschaftliche Monstruosität?« fragte

erstaunt =Eobanus=. »Was wollt Ihr damit sagen?«

»Also den berüchtigten Mumienprofessor sehe ich vor mir, in wahrhafter

leiblicher Gestalt!« sprach, ohne sich stören zu lassen, mit beißendem

Spott der Doctor weiter. »Da wundert's mich freilich nicht, daß Ihr die

Hagerkeit in Schutz nehmt, denn Ihr möchtet gern die gesamte Menschheit

zu =einem= Stockfische ausdörren und sie dann einbalsamiren für Euere

Naturalienkammer. Der edelste, höchste Zweck der ärztlichen

Wissenschaft, Menschenwohl zu erhalten und zu befördern, ist Euch fremd

geblieben, da er keinen Werth für Euch hat und Ihr den Menschen erst

anfangt hoch zu achten, wenn er im Begriff ist, seinen letzten Seufzer

auszuhauchen. O, ich kenne Euch wohl und Euer Treiben! Man weiß, welche

Versuche Ihr daheim angestellt, man weiß aber auch, wie sie Euch

vereitelt worden sind durch die Natur selbst, der Ihr Gewalt anthun

wolltet. Mit Euch consultire ich nicht! Einer von uns beiden ist zu viel

hier,« wandte er sich jetzt zu =Tobias=, dem das ruhige Lager indessen

zum glühenden Laurentiusroste geworden war: »soll =er= gehen oder =ich=?«

»Um Gotteswillen,« stöhnte =van Vlieten=, während =Hazenbrook= bei der

unerwarteten Entdeckung seiner, wie er wähnte, im tiefsten Geheimnisse

betriebenen Einbalsamirungs-Versuche, stumm und starr seinem Feinde

gegenüber stand: »ich will ja gern Rindfleisch essen und Brei schlucken

und fett werden, wenn es nur anschlägt! Aber verlaßt mich nicht, Myn

Heer Doctor! Auf Euch setze ich meine einzige Hoffnung und in dieser

Stunde schwöre ich den Gewürzen, dem Liköre und dem Thee ab. Schickt mir

für heute Etwas aus Euerer vortrefflichen Küche, morgen will ich schon

selbst sorgen und es soll braten, sieden und broddeln in meinem Hause,

wohin man nur blickt.«

»So ist es recht!« sagte belobend =Mauritius= und trat auf die eine Seite

des Bettes, um dem Kranken nochmals den Puls zu fühlen.

In seiner Verzweiflung stürzte =Hazenbrook= auf die andere und raunte dem

Patienten in die Ohren:

»Gedenkt unseres Vertrags! Ich habe schon Nachricht von der Tochter. Sie

hat den Weg nach =Mastricht= genommen, meine Leute setzen ihr nach.«

»Laßt mich in Frieden!« entgegnete unwillig =Tobias=. »Was habe ich von

der =Clötje= und was hat sie von mir, wenn ich todt bin? Erst muß ich

gesund werden, fett muß ich werden, um Vaterfreuden zu genießen, dann

mag sie wieder kommen und dann mögt auch Ihr Euch wieder einfinden zu

weiterer Besprechung. Bis dahin Gott befohlen!«

»Ihr habt es vernommen!« sagte =Mauritius= gebieterisch, indem er in

triumphirender Haltung vor den Professor trat. »Euere Gegenwart ist dem

Patienten lästig, sie kann ihm sogar zu großem Nachtheile gereichen.

Wollt Ihr hartnäckig erwarten, daß man Euch mit Gewalt entferne? Wollt

Ihr es auf Euer Gewissen laden, daß Ihr meinem Kranken durch Euern Trotz

den Appetit verderbt und er dann weder Mehlbrei noch Puterbraten, noch

Rheinwein zu sich nehmen mag, die ihn allein erretten können vom nahen

Tode? Fort mit Euch, Heer Mumienprofessor, oder ich rufe das

Hausgesinde!«

»Alles ist verloren!« jammerte aus dem Zimmer stürzend =Eobanus=. »Er wird

fett oder er stirbt vor der Zeit. Ich bin geprellt, ich bin schändlich

betrogen!«

Erst in der stillen Umgebung seines Zimmers fand er die verlorene

Besinnung wieder, aber sein Leben schien ihm öde und werthlos. Er

wünschte, er hoffte nichts mehr.

5.

Gegen den Mittag eines ziemlich kalten Novembertages hielt vor einem

einsamen Bauernhofe, nur etwa eine halbe Tagereise von =Mastricht=

entfernt, ein ländliches Fuhrwerk, wie es, sobald es die kalte

Jahreszeit erlaubt, in jenen Gegenden gebräuchlich ist. Es hatte die

Nacht gefroren, Kanäle und Teiche waren mit einer festen Eishülle

bedeckt, nur die größeren Flüsse hatten der Gewalt des früh einfallenden

Frostes nicht unterlegen. Das Fuhrwerk, dessen wir gedachten, bestand

aus dem oberen Theile eines Leiterwagens, das auf einer Schleife

befestigt war und mit dieser einen leicht über die Schneeflur und den

Eisspiegel hingleitenden Schlitten bildete. Die beeis'te Leinwandhülle

über den Wagen ließ nicht entdecken, ob jemand sich im Innern desselben

befand. Den zwei magern Pferden, welche ihn zogen, sah man die Ermüdung

und das Bedürfniß, bei gutem Futter im warmen Stalle die verlorenen

Kräfte wiederzuersetzen, an. Ihre Glieder zitterten, ihre Köpfe waren

tief zur Erde herabgesenkt. Demungeachtet schien der Führer, der in

diesem Augenblicke von seinem hölzernen Sitze herabsprang, keinen

längeren Aufenthalt an diesem Orte zu beabsichtigen. Er rief einen

Knaben aus dem Hause und nachdem er diesem bedeutet, den Thieren Brot

und Wasser zu geben, trat er zu dem Fuhrwerke, lös'te die obere Decke

und unterstützte zwei heraussteigende Frauen mit einer Leichtigkeit und

einem Anstande, die mit dem groben Kittel, der ihn verhüllte, im

Widerspruche waren. Die Frauen schienen, wie er selbst, der Umgegend

anzugehören. Ihre Kleidung war ländlich, wohl verwahrend gegen die

Kälte, und sie hatten sich so sehr in das weite schwarze Regentuch

verhüllt, daß man Gestalt und Antlitz nicht zu erkennen vermochte. Die

eine nahm, während sie dem Hause zuschritt, den Arm des Mannes, die

andere folgte langsamer nach, indem sie einen Pack trug, dessen äußere

Hülle aus der feinsten holländischen Leinwand bestand.

Im Kamine der Küche glühete ein freundliches Torffeuer. An diesem nahmen

sogleich die Frauen Platz, ohne jedoch noch ein Wort gegen den Landmann

gesprochen zu haben, der ihnen mit freundlicher Einladung bis zur

Hausthüre entgegen gekommen war.

Indessen schritt ihr Begleiter unruhig in der Küche auf und nieder. Er

trat bald an's Fenster, an das die immer dichter fallenden Schneeflocken

schlugen, und trommelte an den Scheiben; bald that er einige hastige

Schritte nach dem Hauseigenthümer hin, als wollte er eine Frage an

diesen richten, die ihm sehr wichtig sey, aber ehe er sie noch

vorbrachte, schien er sich eines anderen zu besinnen, und kehrte wieder

zum Fenster zurück.

Der Besitzer des Hofes hatte sich, nachdem er eine Zeitlang vergebens

auf die Anrede seiner Gäste gewartet, behaglich in einen weiten

Lehnsessel niedergelassen. Von hier aus beobachtete er ruhig die

Bewegungen und das Benehmen der schweigenden Gesellschaft. Endlich

zeigte sich ein Lächeln auf seinem Angesichte, er stand auf, ging zu dem

Manne hin und sagte mit gutmüthiger Freundlichkeit:

»Ich errathe, was Euch im Kopfe herumgeht! Ihr seyd ein guter

Niederländer und möchtet nicht gern mit dem Franzosengesindel, das hier

in der Gegend schwärmt, zusammenkommen. Ich kann Euch das nicht

verdenken, es ist auch nicht meine Liebhaberei. Warum wollt Ihr aber

Euch nicht einem Landsmanne vertrauen? In den ganzen Generalitätslanden

ist keiner, der einen wackeren Oranier an den Feind verriethe!«

»Holland und England!« rief der andere, in welchem wir nun den Junker

=van Daalen=, so wie in seinen Gesellschafterinnen =Clelien= und

=Philippintje= erkennen, in einem Tone, als wälze sich eine Last von

seiner Brust: »Du hast recht! Kein rechtschaffener Niederländer verräth

den andern. Die Künste und Schliche, die ich in den letzten Tagen

anwenden mußte, um den Streifpartheien zu entgehen, haben mir den Kopf

ganz verwirrt. Dann verließ uns auch, wo die Gefahr am dringendsten war,

der feige Bursche, der uns zum Führer diente, mit Wagen und Pferden, ich

mußte die elenden Thiere mit dem zerbrechlichen Fuhrwerke kaufen und, da

ich die Wege nicht kannte, oft auf's Geradewohl umherirren.«

»Sprecht nicht so laut!« ermahnte mit warnender Gebehrde der Landmann.

»Vor mir seyd Ihr sicher, aber nicht vor anderen, die sich mit halber

Gewalt in mein Haus gedrängt haben.«

»O, ich bin bewaffnet und habe wohl schon eher die Herren Franzosen

meinen Degen empfinden lassen!« antwortete =Cornelius=, indem er seinen

Kittel aufschlug, unter dem sich Pistolen und ein kurzes Schwerdt

zeigten. »Sagt schnell, wer ist es und wie viele sind ihrer?«

In dem ersten Schrecken über die Entdeckung, welche sie aus dem Munde

ihres gutmüthigen Wirthes vernahmen, hatte eine der Frauen sich rasch

umgewendet und das Regentuch, das beinahe zur Hälfte ihr Gesicht

verhüllte, war auf die Schulter niedergefallen. Der für weibliche

Schönheit keinesweges unempfindliche Landmann sah mit Bewunderung in

=Cleliens= reizendes, durch die freie Luft, der sie einige Tage lang sich

ausgesetzt hatte, in blühender Frische glänzendes Angesicht. Tief

erröthend bemerkte sie es und zog langsam wieder das Tuch hinauf.

»Auch ohne die Waffen hättet Ihr den Kriegsmann nicht verleugnen

können!« sagte der ehrliche Niederländer, nachdem er seine freundlichen

Blicke zur Genüge auf =Clelien= hatte ruhen lassen, wieder zu =Cornelius=

gewandt, »Euer ganzes Wesen verräth Euch. Schon als Ihr ankamet und

Euere Pferde halten machtet, sah ich Euch an, daß Ihr nicht gewohnt

seyd, die Handthierung eines Fuhrmanns zu treiben. Ihr hieltet die

Peitsche, wie einen Degen, Ihr schwanget sie, als wolltet Ihr auf den

Feind einhauen. Als Ihr an den Wagen tratet, um die Frauen herabzuheben,

standet Ihr kerzengrade und sahet so kühn um Euch, wie ein Feldhauptmann

an der Spitze seines Häufleins. Die Jungfer da,« fuhr er auf =Clelien=

deutend fort, »ist auch nicht bei uns auf dem Lande gewachsen und ich

wette, es ist dieselbe, der von den wilden Gesellen, vor denen ich Euch

warnte, nachgespürt wird.«

»Nachgespürt -- =ihr=?« fuhr der Junker, von Zorn und Befremden ergriffen

auf, während die zwei Frauen ängstliche Blicke auf den Hausbesitzer

richteten. »Es ist nicht möglich, niemand kann wissen --«

»Ihr könnt Euch darauf verlassen!« unterbrach ihn mit leiser, behutsamer

Stimme der Landmann. »Ihr seyd Herr =Cornelius van Daalen= und das ist

Jungfrau =Clelia van Vlieten=. Man kennt Euch, man hat Euch genannt und

ich bin überzeugt, daß diejenigen, welche Euch nachsetzen, nichts Gutes

gegen Euch im Schilde führen.«

Die drei Reisenden waren im höchsten Grade betreten über diese

Entdeckung. Jeder Gedanke an einen Irrthum mußte verschwinden, als ihr

wohlmeinender Wirth die Namen der zwei Hauptpersonen aussprach. Aber wer

konnten diese Verfolger seyn, die eine so genaue Kenntniß des Weges

besaßen, den das flüchtige Paar eingeschlagen hatte? Sie mußten, so

dachte =Cornelius=, nothwendig im Auftrage des Herrn =van Vlieten= handeln,

sie waren, wie es ihm bald nicht mehr zu bezweifeln schien, abgesandte

Gerichtspersonen von =Rotterdam=, die sich wenigstens der Geliebten

bemächtigen wollten, um sie in das väterliche Haus zurückzuführen.

»Die Wege der Vorsehung sind wunderlich!« jammerte indessen

=Philippintje=. »Um ein gottgefälliges Werk zu thun, dem entsetzlichen

=Schiwa= auszuweichen und der noch entsetzlicheren Nonnenschaft, sind wir

ausgezogen, gleich dem Volke Israels aus dem Lande Egypten, aber auch

uns verfolgt der grimmige Pharao und ich sehe noch kein rothes Meer, das

uns den Gefallen thun will, ihn zu verschlingen!«

»Still!« gebot, durch den Drang der Umstände beunruhigt und gereizt,

=Cornelius= nach ihr hin. »Seyd so gut,« wandte er sich dann zu dem

Hausbesitzer, »und gebt mir eine nähere Kunde von den Leuten, die Ihr

meint. Beschreibt mir ihre Personen, nennt mir ihre Anzahl und sagt mir,

ob Ihr sie für Niederländer oder für Fremde haltet?«

»Einen Augenblick!« erwiederte der Landmann, ging hierauf zur Thüre und

fuhr, nachdem er diese sorgfältig verschlossen und verriegelt, in jenem

gedämpften Tone, den er bisher beobachtet hatte, fort. »Es sind ihrer

vier. Aber nur zwei von ihnen scheinen eigentlich Absichten auf Euch und

Euere Reisegefährtin zu haben. Die anderen beiden kommen mir vor, wie

ein Paar verlaufene Gesellen, die sich gegen Bezahlung zu jedem Streiche

hergeben und wenn ich nicht irre, so habe ich ihre Galgengesichter

schon am Haven von =Antwerpen= gesehen, wenn ich Viktualien zum Verkaufe

dorthin gebracht. Sie mengen sich auch wenig in das Gespräch jener zwei,

unterhalten sich meist in flämischer Mundart und von niedrigen,

nichtswürdigen Dingen. Jene aber sind ein Paar junge Leute von hübschem,

munterem Ansehen. Sie sagen, sie wären Studenten von =Leyden=, aber ich

halte sie für verkappte Franzosen, denn, wenn sie auch mit mir

holländisch reden, so sprechen sie doch unter sich in französischer

Zunge, von der ich bei dem Getreidehandel über die Grenze Manches

verstehen gelernt habe.«

»Und diese sollten uns nachforschen, uns verfolgen?« fiel der Junker im

Tone des Unglaubens und Zweifels ein. »Unmöglich!« setzte er versichernd

zu. »Ich kenne diese Leute nicht, ihr Unternehmen ist gewiß gegen einen

anderen gerichtet!«

»Nein, nein!« versetzte der redliche Warner ärgerlich und

kopfschüttelnd. »Ihr seyd es und noch mehr die liebliche Jungfrau da,

auf welche sie einen Streich abgesehen haben. Meinen Augen und Ohren

kann ich trauen und woher sollte ich denn Euch, die ich in dieser Stunde

zum erstenmale sehe, bei Namen zu nennen wissen, wenn ich diese Namen

nicht von andern erfahren hätte, welchen an den Personen ungemein viel

gelegen ist? Genug! Es war in der Dämmerung des heutigen Morgens, als

mit einemmale Pferdegestampf die Straße herab klang, die Reiter vor

meiner Wohnung hielten und mit heftigem Klopfen und unter wilden

Drohungen Einlaß verlangten. Ich überzeugte mich bald, daß ich mit

meinem fünfzehnjährigen Knaben den Stürmenden einen vergeblichen

Widerstand leisten würde. Ich öffnete also freiwillig und fragte ruhig

nach ihrem Begehren. Sie aber eilten an mir vorüber, gleich die Treppe

hinauf in die besten Zimmer. Hier empfingen mich, der wohl ein ziemlich

saueres Gesicht zeigen mochte, die jungen Leute lachend, versicherten,

ich könne ganz ruhig seyn bei ihrem Besuche, sie stünden für Alles und

würden, was ihnen an Speise und Trank nöthig sey, bei Gulden und Stüber

bezahlen. Zur Bekräftigung ihrer Worte händigten sie mir ein Stück Geld

ein. Dann aber fingen sie sogleich an, sich sehr genau nach einem Manne

und zwei Frauen zu erkundigen, die am gestrigen Tage hier

vorübergekommen seyn möchten. Sie beschrieben Euch und Euere

Reisegefährtinnen auf das Deutlichste, sie nannten, indem sie in dem

Wahne, ich verstehe sie nicht, französisch mit einander sprachen, Euere

Namen und einer von ihnen schwur, er müsse Euch die Tochter des Herrn

=van Vlieten= abjagen und solle er Euch bis an's Ende der Welt verfolgen!

Sie sagten, wenn Ihr noch nicht vorübergezogen wäret, so müßtet Ihr

heute durchaus ankommen, sie hätten die sichere Spur. Jetzt habt Ihr

Alles vernommen, was ich weiß. Ihr seyd ein guter Holländer, deswegen

halte ich zu Euch. Wären nur noch ein Paar Männer, wie wir im Hause, so

wollten wir schon fertig werden mit den fremden Schelmen -- und doch,

wenn ich's bedenke --« setzte er unruhig die Mütze rückend hinzu -- »ich

könnte Euch nicht öffentlich beistehen, denn hier an dem abgelegenen

Orte muß ich jeder Parthei Freund scheinen. Aber Ihr selbst werdet

jetzt am Besten wissen, was Ihr zu thun habt, um in Frieden Alles

auszugleichen, denn gewißlich sind Euch die Leute bekannt und Ihr

durchschaut den Grund Ihres Betragens.«

»Ich will ein Franzose werden, wenn ich sie kenne und mehr von ihnen

weiß, als was Ihr mir gesagt habt!« betheuerte =Cornelius= und ging bewegt

im Zimmer auf und nieder. »O ich fürchte sie nicht,« fuhr er zu sich

selbst sprechend fort, »und wollte ihnen wohl den Weg zeigen, aber --

=Clelia=! Nein, nein! Sie darf keine Gefahr mehr laufen. Der Mann hat

Recht. Wir müssen dem seltsamen Handel auf friedlichem Wege auszuweichen

suchen!«

In diesem Augenblicke rief ihn das geliebte Mädchen mit sanfter Stimme

zu sich heran.

»Ich weiß, Ihr seyd kühn und muthig, Junker =Cornelius=,« sagte sie, »aber

bezwingt diesesmal jede Aufwallung, die uns Allen Nachtheil und mir

vielleicht um Euretwillen schweren Kummer bringen dürfte. Ja, =Cornelius=,

Ihr seyd mir theuer und jede Gefahr, die Euerem Leben droht, jeder

Tropfe Eueres Blutes, der in einem solchen Streite vergossen werden

könnte, würde mich unglücklich und elend machen. Laßt uns still wieder

den Wagen besteigen und unseren Weg fortsetzen. So gelingt es uns

vielleicht, diesen unbekannten, räthselhaften Verfolgern zu entgehen.«

»=Clötje=, du sprichst wie ein Buch!« stimmte ängstlich =Philippintje= ein.

»Ja! Wir wollen wieder in den Wagen, wir wollen fort.«

Der Landmann aber trat kopfschüttelnd zu ihnen heran und sagte:

»Ihr irrt, wenn Ihr glaubt, daß Ihr nicht bemerkt und erkannt worden

seyd! Die zwei jungen Leute haben Falkenaugen und seit dem frühen Morgen

liegen sie schon hinter den Fenstern, um zu spioniren. Kein Hofknecht im

schlechten Kittel, kein Butterweib im Regentuche ist vorübergegangen,

ohne daß nicht einer von ihnen herabgeschossen wäre, wie der Blitz, um

sie näher zu untersuchen. Bei Euch verhalten sie sich still. Das kommt

daher, weil sie ihrer Sache gewiß sind. Aber sie schmieden gewiß einen

Anschlag, wie sie Euch am Sichersten angreifen, wenn Ihr an nichts

denkt. Laßt mich einmal hinauf! Ich will in dem dunkeln Kämmerchen, das

an ihr Zimmer stößt, einmal lauern und lauschen. Da ist jedes Wort zu

vernehmen, da kann ich durch eine Spalte in der Bretterwand selbst jede

ihrer Bewegungen beobachten.«

»Unbegreiflich!« sprach der Junker, der sich einem vergeblichen

Nachsinnen über die wunderliche Angelegenheit hingegeben hatte. »Aber,

wißt Ihr was? Nehmt mich mit! Nichts soll meine Gegenwart verrathen, das

gelobe ich Euch. Vielleicht klärt sich, wenn ich die unbekannten Gegner

sehe, in einem Augenblicke Alles auf, ein unschädlicher Irrthum

enträthselt sich und wir können in aller Sicherheit einige Stunden der

Ruhe bei Euch zubringen, deren die Frauen so sehr benöthigt sind.«

Nach einem kurzen Bedenken willigte der Hausbesitzer ein. Während

=Philippintje=, am Feuer sitzen bleibend, trüben Gedanken nachhing und

=Clelia= durch das Fenster auf die weiten Schneegefilde blickte, begaben

sich die zwei Männer, durch eine Hinterthüre der Küche ein schmales,

düsteres Treppchen hinauf, zu dem Orte, der ihren Absichten in jeder

Beziehung entsprach. In dem finsteren Kämmerchen hörten sie jedes Wort,

das in dem benachbarten Zimmer laut wurde, durch die Wandritze sah

=Cornelius= ganz deutlich diejenigen, die aus einer unerklärlichen Ursache

die Geliebte ihm entreißen wollten.

Seine Blicke verweilten nicht lange bei den unbedeutenden Gestalten der

zwei schmutzigen Bursche, die in einem Winkel saßen und in dummer

Erwartung vor sich hinsahen. Sie richteten sich sogleich auf die

wohlgekleideten Jünglinge, die in unruhiger Bewegung auf und

niederschritten und in einem Wortstreite begriffen schienen. =Cornelius=

hatte sie schon gesehen. Ein augenblickliches Nachdenken belehrte ihn,

daß dieses am Bord des =lustigen Freiers von Rotterdam= geschehen sey, er

ahnete zugleich, daß sie damals schon in dem Unternehmen begriffen

gewesen, das sie jetzt wiederum in seinen Weg führte.

»_Cadédis!_« rief der eine von ihnen mit Heftigkeit. »Die Gelegenheit ist

da, so gut wir sie nur wünschen können. In fünf Minuten ist Alles

abgethan. Wir rücken dem Sire =Cornelius= mit dem Degen auf den Leib, er

muß das Mädchen herausgeben und wir führen sie auf demselben Wagen, der

sie hierher gebracht, im Triumphe zurück nach =Rotterdam= zum Professor

=Hazenbrook=. Er harrt unserer gewiß noch im Gasthofe und finden wir ihn

da nicht mehr, so muß die Schöne mit nach =Leyden= wandern, wo dann der

Professor das Weitere verfügen wird.«

»Es ist nicht möglich, dich zu Ruhe und Besonnenheit zu bringen!«

versetzte mit einer Sanftmuth, die sehr gegen die Heftigkeit seines

Gefährten abstach, der andere. »Es würde an Tolldreistigkeit grenzen,

wenn wir hier, wo der Wirth es sicherlich mit ihm hielte, wo in den

Ställen und Scheunen ein Anzahl Knechte versteckt seyn kann, die auf den

ersten Wink gegen uns stünde, einen Angriff auf den muthigen Kriegsmann

wagen wollten, der gewiß gut mit Waffen versehen ist und sie auch zu

gebrauchen versteht. Nein, =Le Vaillant=, das ist nichts! Wir bleiben

hübsch ruhig und still hier oben. Wir beobachten mit Luchsaugen Alles,

was bei dem Wagen vorgeht. Ungehindert lassen wir sie einsteigen und

abfahren. Sind sie aber ein Paar hundert Schritte entfernt von diesem

Hause, dann auf unsere Pferde, ihnen nach in gestrecktem Gallopp, dem

Junker =Cornelius= die Pistole unter die Nase, ehe er sich dessen

versieht, er herunter vom Bocke, wir hinauf, unsere vier Pferde noch

vorgespannt -- und querfeldein fort über Stock und Stein!«

Der Erstere machte keine weitere Einwendung. Er schien sich schweigend

der besseren Ansicht seines Cameraden zu unterwerfen.

=Cornelius= hatte genug gesehen, genug gehört. Die Namen =Hazenbrook=

und =Le Vaillant= klangen ihm wie Arabisch. Alles war ihm noch

unbegreiflich, nur war er jetzt völlig von den feindlichen Absichten,

welche die, wie Studenten gekleideten, zwei jungen Leute gegen ihn und

=Clelien= hegten, überzeugt. Nichts anderes, als eine Kriegslist konnte

aus dieser kritischen Lage helfen, wenn es nicht zu einem Handgemenge

kommen sollte, dessen Ausgang sehr zweifelhaft war. Indem er seinen

Führer die dunkele Treppe hinabzog, strengte er vergebens seine Gedanken

an, irgend ein Rettungsmittel zu ersinnen.

Er sah sehr verstört aus, als er zu den Frauen in die Küche

zurückkehrte. =Clelia= trat ihm mit forschenden Blicken entgegen. Sie

schien ruhig, aber ihr Inneres war in großer Bewegung. =Philippintje= warf

nun einen Blick auf den Junker. Sie glaubte ihr Todesurtheil in seinen

Zügen zu lesen, sie brach in lautes Weinen aus.

»Ich habe Diejenigen gesehen,« hob =Cornelius= an, »die sich, aus einer

mir unbegreiflichen Ursache, ein Geschäft daraus machen, uns in einer

feindlichen Absicht zu verfolgen. Sie wollen Euch mir entreißen, Euch

einem gewissen =Hazenbrook= zuführen, von dem ich nie etwas gehört habe.

Bei dem Degen des großen Marlborough! Ich fürchte sie alle Vier nicht

und gedächte es mit ihnen aufzunehmen, oder würde gern untergehen im

Kampfe für Euch; aber was sollte dann aus Euch werden, ohne Freund, ohne

Beschützer hier im fremden Lande?«

»=Hazenbrook?=« wiederholte =Clelia=, in Nachdenken verloren. »Auch ich

habe diesen Namen niemals vernommen.«

»Er klingt wie Indisch!« versicherte jammernd =Philippintje=. »Gewiß ist

es ein Götze, wie der =Schiwa=, und wir als schuldlose Jungfrauen sollen

ihm zum Opfer gebracht werden!«

Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil · 第 7 / 14 段