einen Sessel, die schmerzlichen Erinnerungen, welche er wieder
aufgefrischt hatte, nagten an seinem Herzen. Unten in der Schenke
ertönte Musik. Sie schien ihm ein schreiender Mißlaut in seinen Kummer.
Er hörte das Geräusch der Tanzenden, er vernahm einzelne jubelnde
Stimmen. »Das ist dämonischer Hohn,« dachte er, »der dich neckt und
deiner spottet in deiner Verzweiflung.« Um Mitternacht war es still
geworden im Hause; auf den Straßen aber wisperte und regte es sich
seltsam. Dieses Geräusch und Geraschel beachtete der Professor nicht,
nur der nahe Lärm hatte ihn in seinen schwermüthigen Betrachtungen
gestört. Er war nicht zu Bette gegangen. Noch unberührt stand sein
Abendbrot auf dem Tische. Das Blut kochte in seinen Adern, sein Herz
klopfte ungestüm, sein Kopf brannte fieberhaft. Er sprang auf und trat
an's Fenster. Gegenüber in =van Vlietens= Hause dämmerte ein mattes Licht,
wie dem Erlöschen nahe, hinter einem der Vorhänge. Er öffnete das
Fenster. Seine sehnsüchtigen Blicke hingen an dem flackernden Lichte.
Das wunderliche Gewisper und Rauschen in den Straßen drang vernehmlicher
herauf, aber wie hätte =Eobanus= jetzt für etwas Anderes Sinn gehabt, als
für seinen =Tobias=, der ohne Zweifel hinter dem matt glänzenden Vorhange
weilte?
»O wer jetzt ein Rabe wäre oder ein Engelein!« seufzte =Eobanus=. »Wer
sich nur so hoch zu schwingen vermöchte, wie der fabelhafte =Icarus=! Die
Strahlen der Sonne könnten mir nicht schaden in dieser Stunde und =Luna=
ist ja Verliebten günstig. Nur einen Blick möchte ich werfen durch die
Spalte des Vorhangs, nur ein Weniges sehen von den lieblichen
Knochenspitzen seines Antlitzes, von den langgereckten Gliedern seiner
holdseligen Hände. Grausames Schicksal, das mich ihm nicht näher
gestellt, das mich nicht zu seiner Tochter oder seiner Schwester
gemacht hat! Wie wollte ich mich stets seines Anblicks erfreuen, wie ihn
schützen und bewahren vor Allem, was in das Zellgewebe häßliche fette
Massen werfen könnte? Und wenn ein plötzlicher, schneller Tod -- das
glücklichste was nach einem Ausspruche des delphischen Gottes dem
Menschen begegnen kann -- ihn träfe, wenn ein schmerzloser Schlagfluß
dem kummervollen sublunaren Leben ein Ende machte, wenn ich dann in dem
reizenden Cadaver den Erben des pharaonischen Königsthrones vor meinen
leiblichen Augen sähe, wie wollte ich dann erst ihn lieben, wie alle
Mittel der Kunst aufbieten auch die irdische Gestalt zu erhalten mir zur
Erquickung und _in usum_ der Musen! Er erkennt meine Liebe nicht, er
versteht nicht sie zu würdigen, er duldet sie blos gegen schnöde
Vergeltung. Aber Ihr, meine wackern _famuli_, =La Paix= und =Le Vaillant=,
Ihr werdet die geraubte =Helena= zurückbringen, mir verschreibt sich der
Liebliche im Testamente als Legat und dann, =Tobias=, dann wird auch die
glückliche Zeit nicht fern seyn, in der du mir als Eigenthum
heimfällst.«
Er hatte in hoffnungsvoller Verzückung die Arme zum Fenster
hinausgebreitet, das glühende Antlitz war nach dem erleuchteten Fenster
im van Vlietenschen Hause aufgerichtet, seine Augen hingen mit dem
Vorgefühle süßer Wonne an dem Dämmerlichte hinter dem Vorhange: da
bewegte es sich lauter dicht unter ihm in der Straße, da schoß es
rauschend empor und ein mächtiger Wasserstrahl, der heftig und kältend
ihm gerade ins Gesicht fuhr, warf ihn mit unwiderstehlicher Gewalt auf
den Boden des Zimmers nieder. Ehe er sich besinnen konnte, drang noch
ein Strom von Wasser nach, durchnäßte ihn gänzlich und überschwemmte den
Boden. Sein wissenschaftliches Liebesfeuer war in einem Augenblicke
abgekühlt. Er sprang auf und verschloß instinktmäßig das Fenster. Aber
wohin sollte er sich flüchten in dieser unerwarteten Noth? Er selbst
durchnäßt, keine trockene Stelle am Boden, wohin er seinen Fuß setzen
konnte! Und immer rauschte und strömte es draußen fort an den Wänden und
Fenstern des Hauses, als wenn eine Sündfluth einbräche, als ob
Wasserfluthen gegen ein brennendes Haus geschleudert würden, und es war
doch Alles dunkel draußen und friedlich, wie in einer gewöhnlichen
Nacht! Aber =Eobanus= sah schon klar den Grund seines Mißgeschicks, er
erkannte, daß seine eigene Vergessenheit ihn in die unangenehme Lage
gebracht hatte, in der er sich befand. War denn der vergangene Tag nicht
ein Sonnabend gewesen und war es denn in den gesammten Generalstaaten
nicht löblicher Gebrauch, daß in der Nacht vom Sonnabend auf den Sonntag
die Außenseite aller Häuser, vermittelst gewöhnlicher Feuerspritzen, von
oben bis unten mit Wasser gereinigt wurde? Daran hatte, von seiner
Leidenschaft verblendet, =Hazenbrook= nicht gedacht, er hatte das Geräusch
in den Straßen nicht vernommen und also auch nicht gedeutet, er hatte
die Gefahr, in der er schwebte, erst erkannt, als sie wirklich einbrach
und plötzlich seinen süßen Schwärmereien ein schmähliches Ende machte.
Er war auf einen Stuhl gesprungen. Zähneklappernd stand er hier und
bemühete sich, von einem Nagel in der Wand einen alten Pelz
herbeizulangen, den er als Schlafrock zu benutzen pflegte. Das
Unternehmen war mißlich, er konnte einen gefährlichen Fall auf den
nassen Boden thun. Aber er brachte es glücklich zu Stande, schnell
kleidete er sich um und erreichte dann mit einem verwegenen Sprunge das
Bett, unter dessen thurmhoher Federdecke er seine bebenden Glieder
vergrub. Früher, als er gehofft hatte, fand sich der Schlummer zu ihm.
Die Natur übte ihr Recht und die erschöpften Kräfte des Professors
ließen, nach dem überstandenen kalten Bade, sich leicht von der Macht
des Schlafes bezwingen, ohne wieder durch erregende Phantasiegebilde zu
neuen Anstrengungen veranlaßt werden zu können.
Wie dieser Tag dem unglücklichen, sehnsüchtigen =Hazenbrook= langsam
verstrichen war, so gingen noch mehrere vorüber. Auch die Nächte glichen
jener ersten Nacht, die er in dürstender, wehmüthiger Leidenschaft am
Fenster verweilt; nur war er jetzt auf acht Tage hinaus gegen jeden
Angriff von unten gesichert und konnte seine Mondscheinklagen ungestört
gegen den erleuchteten Fenstervorhang, die Lichthülle des Gegenstandes
seiner Liebe, wie er ihn nannte, ausströmen. Er wurde von Stunde zu
Stunde melancholischer. Speise und Trank, welche er sonst eben nicht
verachtete, waren ihm jetzt gleichgültig. Die reizendsten Mädchen aus
der Stadt und vom Lande, an denen er in früheren Zeiten so gern die
Muskellehre studirt hatte, konnten jetzt dicht unter seinem Fenster
vorübergehen und er würdigte sie keines Blickes. Immer nur hing sein
Auge an dem geheimnißvollen Vorhange, dem Isisschleier, der sich für ihn
nicht heben wollte. Nur Abends betrat er auf ein flüchtiges Stündchen
die Straße, aber nicht um etwa lustzuwandeln und sich zu entschädigen
für die selbst auferlegte Gefangenschaft im engen Zimmerchen; nein! er
nahm dann einen Platz im Schatten eines Baumes, dicht neben der Thüre
des =van Vlietenschen= Hauses ein. Hier lauschte er in ängstlicher
Spannung auf jedes Geräusch, auf jeden Laut, der sich im Innern
vernehmen ließ, er hoffte einen Aufschluß, eine Kunde von seinem =Tobias=
zu erhorchen, aber Alles, was er vernahm, beschränkte sich auf fern her
tönendes Geklapper mit Töpfen und Schüsseln aus der Küche, auf ein
zärtliches Gespräch des Hausknechtes mit der Stubenjungfer hinter der
Thüre. Er war untröstlich. Verließ in dieser Abendstunde einer von den
Leuten des Herrn =van Vlieten= das Haus, so befand er sich mit einem
mächtigen Sprunge sogleich an dessen Seite, suchte mit ungemeiner
Höflichkeit eine Unterhaltung anzuspinnen und eine oder die andere
Mittheilung über des Patrons Wohlbefinden und seinen Gemüthszustand
herauszulocken; die Dienerschaft des dicksten Mannes war aber so
wortkarg und wurde bald so grob gegen den zudringlichen Fremden, daß
=Eobanus= gänzlich von diesen Entdeckungsversuchen abstand. Seine
Leidenschaft quälte ihn unsäglich.
»Ich muß etwas Außerordentliches wagen;« sagte er eines Abends zu sich
selbst, als er wiederum vergebens den trotzigen Hausknecht auf einem
Gange über die Straße angeredet hatte. »_Aut Cesar aut nihil!_ Wie jener
Römer dem Staate zu Liebe, stürze ich mich zur Ehre der Wissenschaft
und des erlauchten _Lugdunum_ in den feuerigen Schlund. Wagen gewinnt. Der
Lohn ist der That werth.«
Er stand zum Sprunge gerüstet auf seiner Stelle. Da kam der Diener von
seinem Gange zurück, schloß arglos die Thüre auf und trat in's Haus. Ihm
auf dem Fuße sprang =Hazenbrook= nach. Aber auch dieses kühne Unternehmen
fiel zu seinem Unheile aus. Ehe er noch durch die Thüre gelangte, schlug
der Hausknecht diese so gewaltig zu, daß des Professors Fuß entsetzlich
gequetscht wurde und er selbst mit einem Wehelaute auf das Pflaster
niedersank. Unter den heftigsten Schmerzen und mit der größten
Anstrengung hinkte er in seine Wohnung zurück. Der Seelenqual hatte sich
nun auch körperliches Leiden gesellt; er mußte mehrere Tage das Zimmer
hüten.
Es war ein heiterer Morgen, als er zum erstenmale wieder die im
Erdgeschoße liegende Schenkstube betrat, um hier sein Frühstück
einzunehmen. Er war sehr trauerig gestimmt. Er hoffte das laute
Treiben, das hier um diese Stunde herrschte, werde ihn zerstreuen. Neben
seiner Hauptsorge um die Erhaltung des Herrn =van Vlieten=, bis die rechte
Zeit gekommen, um dessen mögliche Hinneigung zu etwaiger Corpulenz,
hatten sich nun auch Bedenklichkeiten über das Schicksal der zwei jungen
Leute in ihm erhoben, die er zur Verfolgung des Herrn =Cornelius van
Daalen= und der schönen =Clelia= abgesendet. Er hörte und sah nichts von
ihnen. Täglich hatte er in's =Wappen von Rotterdam= geschickt und nach
Briefen fragen lassen, aber immer war der Bote leer zurückgekommen. In
welche tödtliche Verlegenheit brachte nicht seine unglückliche Liebe den
Professor? Wo war sein frischer Lebensmuth, wo war seine Freude an der
Wissenschaft, die ihm sonst in so vielfacher Gestalt willkommen gewesen,
hin? Ach, Alles weilte hinter dem neidischen Vorhange des Herrn =van
Vlieten=! Sein besseres geistiges Selbst war dort und er mußte, getrennt
von diesem, in einer schnöden Kneipe hausen, gemeinen Wachholder trinken
und mit einem Heringe seinen geschwächten Appetit zu reizen suchen. Und
die jungen Leute? Waren sie nicht seiner väterlichen Aufsicht anvertraut
worden von den Eltern? Hatte er sich nicht verpflichtet, sie in _literis
et moribus_ zu bilden und wie hatte er dieser Verpflichtung Genüge
geleistet, indem er sie von seiner Person, in deren Umgang ihnen die
Wissenschaften beigebracht werden sollten, entfernt und indem er sie
auf's Geradewohl zu Jungfernraub und Entführung ermuntert? Nur der
Gedanke an =Tobias=, an die Zukunft, die seinen lang gehegten, so oft
verfehlten Wunsch endlich erfüllen werde, konnte ihn einigermaßen
erheben. Er rief den schönen Augenblick wieder in seine Erinnerung
zurück, wo er zum Erstenmale den würdigen Handelsherrn am Haven von
=Rotterdam= erblickt, wo er trunken vor Entzücken sogleich alle Keime
einer trefflichen Mumie, die seine Kunst zur Entwicklung und Reife
bringen könne, in ihm erkannt, wo das süße Feuer der jugendlichen Liebe
ihn wonniglich durchströmt und er selbst sich gleich mit hoher
Betheuerung gelobt: »=Den= mußt du haben, um jeden Preis, =der= muß dein
=Amenophis=, dein =Sesostris= werden, =der= muß die Ehre deines Kunst- und
Naturalienkabinets retten und behaupten vor aller Welt!«
Begeistert von diesem reizenden Bilde der Vergangenheit, genoß =Eobanus=
etwas mehr Wachholder, als gewöhnlich. Im Stillen trank er auf das Wohl
seines theueren =Tobias=, aber er war besonnen genug, diesen Wunsch nicht
weiter, als bis zu der Zeit auszudehnen, wo =La Paix= und =Le Vaillant= die
entflohene =Clelia= zurückgebracht haben und die Testamentsclauseln, zu
denen sich der Vater anheischig gemacht, fest und unwiderruflich
niedergeschrieben seyn würden. »Der Himmel schenke ihm ein langes Leben
bis dahin und behüte ihn vor Fett!« setzte er vergnügt hinzu.
An den übrigen Tischen wurde indessen sehr lebhaft gesprochen. Die
Gesellschaft bestand hier aus Matrosen, aus Lastträgern und andern
Leuten, die in großen Handelsstädten ihren Erwerb auf freier Straße
finden. Man unterhielt sich über die neuesten Kriegs- und Welthändel,
über den Untergang der spanischen Silberflotte im Haven von =Vigo=, über
die jüngsten Waffenthaten des Herzogs von =Marlborough=.
=Hazenbrook= hatte bis jetzt auf das Gespräch dieser Leute, das von
manchem derben Schiffmannsfluche, von mancher kräftigen Bemerkung der
Lastträger gewürzt wurde, nicht geachtet. Erst als der Name =Cornelius
van Daalen= genannt wurde, horchte er hoch auf und näherte sich auf eine
unscheinbare Weise den Lärmenden.
»Die Landratze!« fuhr einer von den Matrosen im Tone der Verwunderung
auf. »Wer hätte ihr das zugetrauet? Der Bursche ging immer so steif und
vornehm in seinem Tressenrock an unser einem vorüber, daß man ihn eher
für eine geputzte Segelstange, als für einen kühnen Jungen, der seinen
Hals einmal an ein Wagstück setzt, gehalten hätte. Und er selbst hat die
Schebecke in Brand gesteckt, eigenhändig sagst du?«
»So wahr ich =Peter Trip= heiße und ihr mich frei haltet am heutigen
Morgen!« erwiederte mit schwerer Zunge der Angeredete und leerte ein
großes Glas. »Freilich, müßte ich nicht immer wichtiger Geschäfte halber
im Haven bleiben, hätte ich können auf der =Syrene= seyn, als es drunter
und drüber ging mit dem überlegenen Spagnol, so hätte es eines solchen
Naseweis von Landjunker nicht bedurft, um den Feind in die Luft zu
sprengen!«
»Wenn sich das mit Saufen thun ließe, so wärest du gewiß der erste
gewesen!« bemerkte, unter dem schallenden Gelächter seiner Genossen, ein
Anderer. »Das ist dein wichtigstes Geschäft zu Land und zur See.«
»Laßt ihn weiter erzählen!« rief der erste. »Ihr werdet ihn böse machen
mit Eueren aufgewärmten Witzen und dann erfahren wir nichts. Daß =Peter
Trip= gern trinkt ist eine alte Geschichte hier in =Rotterdam= und wir
wollen Neues hören von Draußen herein!«
»Er möchte nur gern allen Wachholder in der Welt für sich allein haben,«
sagte =Trip= mit einem giftigen Blick auf den Spötter. »Aber ich lasse
mich nicht irre machen, der Ruhm des Schiffes, dem ich angehöre, soll
so laut werden, wie ihn =Peters= Mund nur auszubringen vermag und ihr alle
da, die ihr auf Linienschiffen und Fregatten dient, sollt Respect
bekommen vor der Barke =Syrene=, Capitän =Jansen=!«
»Erzähle nur, lieber =Trip=!« bat sein Freund. »Trink erst noch einmal!
Das macht die Zunge geläufig.«
Weder zu dem einen, noch zu dem andern ließ sich =Peter= lange nöthigen.
Der lauschende =Hazenbrook= erfuhr nun das kriegerische Abentheuer im
Biesbosch, das unsern Lesern bereits bekannt ist. Der Erzählende selbst
war von dem Bootsmanne eines Schiffes, welches der =Syrene= am Tage nach
dem Gefechte begegnete, davon unterrichtet worden. Aber =Eobanus= erfuhr
noch mehr. Er hörte, daß eine wunderschöne Jungfer mit =Cornelius= an Bord
der Barke gewesen, daß beide schon am Abende des ersten Tages die =Syrene=
verlassen, um ihre Reise nach =Mastricht= zu Lande fortzusetzen, er
vernahm auch von zwei jungen Leuten, die auf dem nachfolgenden =lustigen
Freier von Rotterdam= sich eingeschifft hatten und, der genauen
Beschreibung zu Folge keine andern seyn konnten, als die Leydener
Studenten =Le Vaillant= und =La Paix=.
Er sah seine Angelegenheit in schönster Blüthe stehen, der gedeihlichen
Frucht entgegenreifend. Nichts schien ihm gewisser, als daß die zwei
Jünglinge die Spur der Entflohenen gefunden haben mußten, daß entweder
=La Paix= durch List oder =Le Vaillant=, der ein vortrefflicher Fechter
war, durch Gewalt sich in den Besitz der Jungfrau =van Vlieten= setzen
würde, um sie ihm zurückzubringen, als Pfand für des Vaters
testamentarische Verfügung. Er war seelenvergnügt und stimmte, ohne an
den Ort zu denken, wo er sich befand, zum Erstaunen aller Anwesenden das
lateinische Lied an:
_Ecce quam bonum,
Bonum et jucundum etc._
Das tobende Gelächter der Matrosen riß ihn aus seiner Zerstreuung empor.
Von ihren Spottreden verfolgt, floh er auf sein Zimmer, aber indem er
die Treppe zu diesem hinaufrannte, kam ihm noch ein sehr glücklicher
Gedanke in den Sinn. Konnte er denn die Nachrichten, die er aus dem
Munde des wachholderdurstigen =Peter Trip= gesammelt, nicht zum Vorwande
eines Besuchs bei Herrn =van Vlieten= benutzen? Gab ihm nicht der
glücklichste Zufall Mittel und Wege an die Hand, den Isisschleier, der
sich vor ihm nicht lüften wollte, zu umgehen und hinter ihn zu blicken
nach demjenigen, der seiner Sinne und Gefühle Meister geworden? Er
kleidete sich rasch an. Der beste Rock und die Sonntagsweste wurden
hervorgeholt, ein kleiner zierlicher Stahldegen an die Seite gesteckt
und das Seidenhütchen mit der rothen Besetzung, das seine akademische
Würde bezeichnete, unter den Arm genommen. Er betrachtete sich, nachdem
Alles zu Stande gebracht, wohlgefällig im Spiegel.
»Du siehst ja aus, wie ein Bräutigam, =Eobanus=?« schmunzelte er sich
selbst an. »Und bin ich es denn etwa nicht?« erwiederte er. »Bin ich
nicht ein Bräutigam der Musen und will eben hingehen, ein neues
Verlöbniß mit ihnen zu feiern _per procurationem_ durch einen ihrer
Stellvertreter?«
Er mußte, um das Haus zu verlassen, seinen Weg durch die Schenkstube
nehmen. Hier war es indessen still geworden. Die Leute waren ihren
Geschäften nachgegangen und nur die aufräumende Wirthin erblickte zu
ihrer nicht geringen Verwunderung ihren Miethsmann im Glanze eines
Feiertagsstaates, wie ihn in der guten Stadt =Rotterdam= nur die
hochmögenden Herrn Bürgermeister bei festlichen Gelegenheiten zu tragen
pflegten. =Hazenbrook= grüßte mit einem gnädigen Lächeln. Zufällig warf er
einen Blick durch's Fenster nach dem gegenüberliegenden =van Vlietenschen=
Hause. Eben schritt, von dem Hausknechte, dessen Derbheit =Eobanus= zum
Oeftern empfunden hatte, begleitet, ein ansehnlicher, sehr wohlbeleibter
Mann, den großen Klappenhut tief auf die borstigen Augenbrauen gedrückt,
die starkgliederige Gestalt in einen schwarzen Talar gehüllt, auf den
Eingang los. =Hazenbrook= wurde bei dem Anblicke des Mannes -- er wußte
nicht warum, -- von einem unangenehmen Gefühle ergriffen.
»O weh!« rief die Wirthin, indem sie ihrer Geschäftigkeit Einhalt that.
»Es muß ein gefährlicher Kranker drüben im Hause seyn. Das ist der
Doctor =Mauritius=, den man gewöhnlich nur den Leichendoctor nennt, da er
immer erst gerufen wird, wenn die Kranken schon dem Tode nahe sind und
die meisten ihm dann wegsterben unter der Hand. Er ist der geschickteste
in der Stadt, aber er ist auch so reich, wie geschickt, und geht deshalb
nur zu solchen, die von den andern Doctoren schon aufgegeben worden
sind. Gewißlich ist Heer =van Vlieten= selbst der Kranke, denn man hat ihn
schon seit vielen Tagen nicht außer dem Hause gesehen und von Jungfer
=Clötje= und =Philippintje= wird Allerlei gemunkelt, das dem Alten wohl
schwer aufs Herz und in die Glieder gefallen seyn mag. Aber nun ist's
vorbei mit Reichthum und Herrlichkeit -- ich gebe keine Caffeebohne
dafür, daß der =Myn Heer= nicht in einer halben Stunde kalt und todt auf
seinem Damastbette liegt; der Doctor =Mauritius= läßt nicht mit sich
spaßen!«
»Da muß ich auch dabei seyn!« rief =Hazenbrook=, dem der kalte
Angstschweiß in dicken Tropfen auf Stirn und Wange getreten war. Wie ein
Pfeil, schoß er aus dem Zimmer, über die Straße hinter dem Doctor her.
Er fand die Thüre nur angelehnt, man hatte in der dringenden Eile und in
der Besorgniß um den Kranken, der in der That den Besuch des verrufenen
Leichendoctors veranlaßt, vergessen sie zu verschließen. =Eobanus= flog,
ohne einem der Hausbewohner zu begegnen, die Treppe hinauf, nach dem
Zimmer, in welchem er jene merkwürdige Uebereinkunft mit Herrn =Tobias=
geschlossen. Es war leer. Nur das Fratzenbild des =Schiwa= grins'te ihn
grauenvoll an, und die Pagoden wackelten, wie zum Gruße, mit den
widrigen Kahlköpfen. Er fuhr zurück. Er lauschte ängstlich in den
Gängen, ob er nicht irgendwo ein Geräusch vernähme, das ihm den
Aufenthalt des Ersehnten anzeige. Da hörte er in seiner Nähe Stimmen:
eine schwache, klagende, eine andere, die sich laut und ermahnend
erhob. Nur eine Thüre trennte ihn von dem Gemache, in dem gesprochen
wurde. Er legte das Ohr an und horchte. Kein Zweifel! Das war Herrn =van
Vlietens=, ihm so lieblich klingender, heiserer Ton und die andere Stimme
konnte keinem anderen angehören, als dem Leichendoctor. =Tobias= sprach so
leise, daß =Hazenbrook= sich vergeblich bemühete, die Worte zu
unterscheiden. Bald aber wurde jener von dem Doctor =Mauritius=
unterbrochen, der sich sehr verständlich in folgender Weise vernehmen
ließ:
»Ihr selbst tragt die Schuld Eueres Uebels, =Myn Heer van Vlieten=! Das
heiße Clima Indiens hat Euere besten Kräfte aufgezehrt und Ihr thut
nichts, sie zu ersetzen, Euch wieder ein Wenig in's Fleisch zu werfen,
das Euch, wie Figura zeigt, an allen Orten und Enden abgeht. Sehet mich
an, =Myn Heer=! Ich bin gesund, weil ich wohl beleibt bin, ich bin
wohlbeleibt, weil ich kräftige, nahrhafte Speisen genieße. Was soll aus
Euch werden, wenn Ihr hier fortlebt in derselben Art, wie Ihr in
Batavia existirt? Die scharfen Gewürze, die Liköre, das leider
allgemein gewordene Theetrinken, werden Euch nach und nach ganz
aufzehren von innen heraus, so daß Ihr vergeht, wie eine Lampe, der das
Oel fehlt. Von dieser Stunde an müßt Ihr Euere Diät ändern oder Ihr seyd
in den nächsten acht Tagen dem Schooße der Erde wiedergegeben. Ich werde
zuvörderst für Euer Mittagsmahl sorgen. Ich schicke Euch Rindfleisch und
Kartoffeln, eine Schöpsenkeule mit Gurken, einen Puterbraten mit Reis
und einen Mehlbrei, der Euch, wenn Ihr ihn ein viertel Jahr lang täglich
genossen habt, gewißlich das Zellgewebe ausfüllen soll mit schöner,
spiegelblanker Corpulenz. Dazu eine Flasche alten Rheinwein, die Ihr
leeren müßt bis auf den letzten Tropfen. Ladet Euch heitere
theilnehmende Gäste ein. Auch ich werde zum Oeftern an Euerer Tafel
erscheinen, um darauf zu sehen, daß Ihr mir tüchtig esset. Die häßliche
Zimmetfarbe Eueres Antlitzes, das Gelb in Eurem Auge -- sie müssen fort,
denn sie sind widerwärtige Zeichen innerlicher Destruction. Essen müßt
Ihr, essen -- so viel als möglich, damit Ihr fett, das heißt gesund und
glücklich werdet. Sagt es denn nicht schon die Stimme des Volks, die
einen reichen, glücklichen Mann =dick= nennt, daß nur in der Corpulenz das
einzige irdische Heil liegt? Und _vox populi vox Dei_: das lasse ich mir
nicht wegläugnen!«
Dem lauschenden =Hazenbrook= sträubte sich das Haupthaar bei diesen
entsetzlichen Rathschlägen, die seinen theuersten Hoffnungen Verderben
droheten. Er konnte nicht länger ein gleichgültiger, unthätiger Zuhörer
bleiben. Doch besaß er Geistesgegenwart genug, um einzusehen, daß es
gerathen seyn dürfte, den innerlich kochenden Zorn unter äußere Milde
und Freundlichkeit zu verbergen. Er öffnete leise die Thüre und trat
ein. Das Zimmer war nicht groß, er stand gleich vor dem Lager, auf
welchem der Kranke ruhete, zwischen diesem und dem Doctor =Mauritius=.
»Der Herr Collega verzeihen,« redete er mit sanfter einschmeichelnder
Stimme, die sich aber bald in den Ton der gereizten Leidenschaftlichkeit
verwandelte, den Doctor an, »aber ich kann unmöglich, was die Diät des
Patienten betrifft, der gleichen Meinung seyn, die ich zufällig vor der
Thüre vernommen! Was ist Gesundheit? Körperliches Wohlbefinden: der
Körper mag nun dick oder dünn seyn! Im Gegentheil ist eine edle
Hagerkeit, welche die ursprünglichen Formen der menschlichen
Leibesgestalt rein hervortreten läßt, weit vorzuziehen jener schwammigen
Beleibtheit, die allenthalben, statt schöner, wohl und weise von dem
Schöpfer berechneter Form, nur monströse Auswüchse, häßliche
Balggeschwulste zeigt. Nichts ist auch dem irdischen Leben
nachtheiliger, als wenn die besten Kräfte sich im unseligen Fette,
dieser Schmachgeburt der Schlemmerei und Völlerei, verlieren. Wie kann
das Blut belebend die Adern durchströmen, wenn immer der Schwamm des
Zellgewebes an ihm saugt? Wohin kann die Spannkraft der Nerven noch
wirken, wenn Alles erschlafft ist unter gemeinen sinnlichen Reizen? Habt
Ihr je vernommen, bester Heer Collega, daß =Methusalem= Corpulenz besessen
habe? Ist nicht Fettleibigkeit der sichere Vorbote der Schlag- und
Steckflüsse, der Gicht und Wassersucht? Hinweg mit ihr! Hager, fettlos
muß die Welt werden, um sich einer dauerhaften Gesundheit zu erfreuen.«
Herr =Tobias= sah ängstlich zu dem Doctor hinauf. Er bemerkte, daß sich
auf dessen Stirn eine dunkele Wolke zusammenzog, er wollte sie durch
einige entschuldigende Worte zerstreuen, aber ehe er zum Sprechen kommen
konnte, brach das drohende Wetter schon los.