»Verbannt Euern Kummer, Messieurs!« sagte sie, indem sie den Studenten

in den Weg trat. »Heute mir, morgen dir! sagt das Sprüchwort, und alle

Dinge in der Welt sind veränderlich, wie Ihr wißt. Was habt Ihr auch

groß zu klagen? Ihr seyd hier in so guter Gesellschaft, als sich nur auf

irgend einem holländischen Schiffe findet, Ihr werdet anständig

behandelt, als Kriegsgefangene, und Ihr dürft nur wollen, so werde ich

selbst gern mich bemühen, Euch die Zeit auf eine angenehme Weise zu

verkürzen. Habt Ihr noch sonst ein Begehren? Entdeckt Euch mir. =Juliane=

ist gewiß Euere Freundin und wird Alles thun, Euere Wünsche zu

befriedigen. Sprecht! Fehlt Euch etwas?«

»Eine Kleinigkeit, Mademoiselle,« versetzte, nachdem er einen langen

starren Blick auf sie gerichtet hatte, in dumpfem Tone =La Paix=. »Wir

sind wahnwitzig: weiter nichts!«

=Juliane= bebte zurück. Die beiden jungen Leute hatten in der That Etwas

in ihrem Wesen, das den Worten desjenigen, der zu ihr gesprochen hatte,

Bestätigung zu verleihen schien. Sie sah sich furchtsam um, ob auch

Leute in der Nähe seyen, die ihr im Falle der Noth Beistand leisten

könnten. Zu ihrem Troste stand ihr Vater nicht weit und einige Matrosen,

die ihr Ruf sogleich erreichen konnte, waren in der Nähe beschäftigt.

Ihre Bestürzung wurde sogleich von =La Paix= bemerkt. Er trat rasch auf

sie zu, ergriff stark die Hand der sich Sträubenden und hielt sie, trotz

aller Versuche von ihrer Seite, sie ihm zu entziehen, fest in der

seinigen.

»Ja, Mademoiselle, wir sind wahnwitzig und ich sage dieses, nicht etwa

um Euch zu täuschen, sondern im vollen Ernste,« fuhr =La Paix= in einem

noch hohleren Tone, als er vorher angenommen hatte, fort. »Es ist ein

Familienfehler bei meinem Freunde und mir. Wenn unser Uebel zum

Ausbruche kommt, kann uns niemand widerstehen. Menschenhände sind nicht

fähig uns zu greifen, Menschenkraft vermag nicht uns zu bewältigen. Wir

zertrümmern Alles, wir vernichten Alles, was sich in unserer Nähe

befindet. Nichts was nied- und nagelfest, ist vor uns sicher und -- ich

muß das Aergste gestehen! -- wir sehen in unserer Verblendung Alle, die

dem weiblichen Geschlechte angehören, für Raubthiere an, die wir von der

Erde vertilgen müssen und kostete es unser eigenes Leben. So ist es,

unvergleichliche =Juliane=! Einem solchen Ausbruche geht dann immer ein

Zustand der Schwermuth, der Beängstigung, einer kaum zu ertragenden

Niedergeschlagenheit voran, wie ungefähr Derjenige, in dem wir uns jetzt

befinden. Wir sehen dann allerlei Phantome, ganz gewöhnliche Dinge und

Menschen erscheinen uns wunderbar und seltsam, ganz anders, wie sie in

der Wirklichkeit sich verhalten. So kommt Ihr zum Beispiel, treffliche

Mademoiselle, mir in diesem Augenblicke einigermaßen wie die heidnische

Zauberin =Circe= vor. Es ist mir, als hättet Ihr wie jene gewaltige Dame

des Alterthums die Passion, Menschen in Thiere zu verwandeln, und es

fehlte Euch nichts dazu, als die Macht. Aber meine Einbildungskraft

stürmt dann, ohne daß ich sie zu zügeln vermag, immer weiter. Ihr

verwandelt Euch vor meinen sichtlichen Augen. Jetzt, Mademoiselle, sehe

ich Euch mit einemmale ganz anders, als vorher. Bei allen Stürmen des

Hollands-Diep und des Biesbosches, Ihr seyd der Drache, der das goldene

Vließ bewacht, und ich bin =Jason=, der Held der Argo, der gekommen ist,

Euch zu ermorden! =Medea=, die Hexe, steht mir bei, ich vergifte Euch,

ich verbrenne Euch in feueriger Lohe -- Beruhigt Euch, holdselige

=Juliane=!« sprach er weiter und verwandelte den wilden schreienden Ton,

durch den er sie entsetzt und fast zu dem Entschlusse, nach Hülfe zu

rufen, gebracht hatte, in den Laut sanfter Schwermuth. »Seyd ohne

Furcht, Allerliebenswürdigste! Dergleichen Anwandlungen sind nur

vorübergehend, wie Wetterleuchten vor dem Ausbruche des Gewitters. Für

heute habt Ihr nichts zu besorgen. =Le Vaillant= und ich, wir halten uns

noch bis morgen. Es können noch einzelne Zufälle sich zeigen, aber die

sind unschädlich. Ihr werdet uns in eine immer tiefer werdende

Schwermuth versinken, vielleicht Ströme von Thränen vergießen sehen,

eine seltsame Einbildung wird die andere jagen -- das darf Euch nicht

kümmern, das ist nur noch der leichte unschuldige Zeitvertreib des

Wahnwitzes. Aber morgen, morgen --« setzte er, mit einem tiefen Seufzer,

bedeutungsvoll hinzu, »morgen erscheint der Tag des Kampfes, der

Vernichtung, des blutigen Verderbens. Dann stehe ich für nichts. Dann

vermögen keine Stricke, keine Banden, keine Ketten uns zu halten!«

»Ihr wollt nur scherzen!« sagte =Juliane= mit einem erzwungenen Lächeln,

indem sie sich fort und fort bemühete, ihre Hand aus des jungen Mannes

pressender Rechten loszuwinden. »Ihr und Euer Freund habt zwar ein

betrübtes Ansehen, aber keineswegs das von tollen Leuten. Der Rosoli

meines Oheims spukt Euch wohl noch im Kopfe und wenn der verflogen ist,

werden auch wohl die Wahnbilder aus Eurem Gehirne entweichen.«

»O daß es so wäre!« erwiederte =La Paix= mit gedämpfter Stimme und zum

Himmel gerichteten Blicken. »Aber ich kenne uns: den schrecklichen =Le

Vaillant=, wenn sein Unstern über ihn aufgeht, und mich, der sich selbst

in den Augenblicken der Wuth verschlingen möchte. In =Leyden=, der

herrlichen Universitätsstadt, nennt man uns nur den Löwen und den Tiger;

denn man hat uns gesehen in dem furchtbaren Zustande, der die Welt zu

vernichten droht, man verschloß alle Thore, man ließ Regimenter gegen

uns marschiren -- Alles vergebens! Die Wuth mußte sich in sich selbst

verzehren. Dann waren wir wieder die besten Bursche von der Welt und

tranken Brüderschaft mit den Soldaten und den Commilitonen, die wir

vorher angefallen hatten wie reißende Thiere. Ihr wißt nun Alles. Ihr

seyd gewarnt. Laßt jetzt ab von mir, denn ich fühle, daß meine

Einbildungskraft wieder anfängt sich zu regen! Es könnten sich Gestalten

zeigen, ich könnte Dinge sprechen -- Ja, ja, trefflichste =Juliane=! Es

ist besser, wir brechen jetzt ab. Erwägt Alles wohl, was ich Euch

entdeckt habe. Morgen, morgen wird Blut fließen in Strömen, vielleicht

das Euerige, das noch heute Euere Wangen röthet, das noch heute Euer

edles Herz hebt zu gefühlvollen Schlägen für die halbe Menschheit!«

=Juliane= wußte noch immer nicht, ob das was sie hörte, Scherz oder Ernst

sey. Dennoch ließ ihre natürliche Furchtsamkeit, die sie auch jetzt,

nach ihrer sonstigen Gewohnheit, unter muthig klingenden Worten zu

verstecken strebte, sie das Schlimmste erwarten.

»O ich habe ganz andere Dinge gesehen!« versetzte sie, aber nicht in

jenem muthwilligen Tone, wie sie dieselbe Redensart bei dem übereilten

Zweikampfe zwischen den beiden Studenten vorgebracht hatte. »Ich fürchte

mich nicht. Mein Vater ist da, der Bootsmann ist ein starker Mann und

von den übrigen Leuten steht einer immer für zwei.«

=La Paix= antwortete nichts. Mit einem großen, bedauernden Blicke

betrachtete er das Mädchen von oben bis unten, schüttelte traurig den

Kopf und preßte aus tiefer Brust einen so klagenden Seufzer, daß er

=Julianen= durch Mark und Bein ging.

»Schade um das reizende Wesen!« sprach er dann, sie mit gläsernen Augen

anstarrend, dumpf in sich hinein. »Heute noch so schön und morgen -- Tod

-- Blut -- Asche!«

Er wandte sich mit seinem Freunde ab und ging nach einer andern Seite.

=Juliane= sah ihnen zitternd nach. Ein Frösteln zog durch ihre Glieder.

Sie versuchte zu lächeln; sie mußte mit den Zähnen klappern und Thränen

traten ihr in die Augen. Es war bereits dämmerig geworden. Die

Düsterheit, die auf den Wellen und auf dem Schiffe lag, erhöhete das

unheimliche Gefühl, von dem sie sich ergriffen fand, um Vieles.

»Es ist Alles Lüge, es ist Alles lächerlich!« sagte sie sich selbst.

»Wie können denn zwei Menschen den vereinten Anstrengungen so vieler

andern widerstehen, wenn diese sich ihnen entgegenwerfen im Ausbruche

ihrer Tollheit, um sie zu bändigen und zu knebeln? Pah! ich glaube

nichts von dem ganzen Geschwätz. Das ist Prahlerei, blauer Dunst!« Aber

in ihrem Innern sprach eine Stimme, die den gewaltsam aufgebotenen Muth

zu Schanden machte. Sie war in früheren Jahren einmal bei einer

Verwandten in =Friesland= zu Besuch gewesen. Dort brachte es die Sitte mit

sich, daß Frauen und Jungfrauen sich öfters zu Abendversammlungen

zusammenfanden, in denen alte seltsame Geschichten erzählt wurden, deren

Inhalt gewöhnlich die Herzen mit Schauder erfüllte, und die Gemüther zu

Bangigkeit und Zagen stimmte. Dort war auch von den ehemaligen

friesischen Königen erzählt worden, von gewaltigen Seehelden, die weit

vom Norden herabgekommen waren und Wunder der Kraft und der Tapferkeit

verrichteten. Wenn diese nun in Zorn geriethen, so waren sie in eine

Wuth verfallen, deren Aeußerungen keine Gewalt, keine Uebermacht zu

hemmen vermocht. Es war über sie gekommen, wie eine Krankheit. Nicht

alle waren ihr unterworfen gewesen, nur einzelne, und man hatte dieses

Uebel die Berserkerwuth genannt. =Juliane= dachte in ihrer Aufregung nicht

daran, daß die zwei jungen Leute nichts weniger, als Nordlands-Reken

seyen. Die Stimme aus ihrem Innern rief ihr nur immer zu: »=Juliane=,

=Juliane=, dein letztes Stündlein ist nahe! Du hast dich des Lebens

erfreuet, aber du wirst nun bald starr, blutig und kalt daliegen.« Sie

konnte mit allem Aufgebote ihrer Besonnenheit diese Stimme nicht zum

Schweigen bringen. In diesem Kampfe widriger Zweifel zog sie sich an das

Steuerruder neben ihren Vater zurück und verfiel hier in ein tiefes

Nachdenken. Von Zeit zu Zeit warf sie aber doch einen und den andern

verstohlenen Blick auf die beiden Studenten, deren dunkele Gestalten

sich in der Dämmerung schattenartig am Vordertheile des Fahrzeuges hin

und her bewegten.

»_Cadédis!_« sagte =Le Vaillant=, als er sich mit seinem Freunde allein und

unbelauscht sah, zu diesem. »Du treibst es zu weit. Einen kleinen Tick

ließ ich mir schon gefallen, aber du machst uns ganz und gar zu Narren

und ich will es loben, wenn man nicht hinterrücks über uns herfällt, um

uns gebunden an einen sicheren Ort zu bringen.«

»Der Spaß war köstlich!« versetzte leise der Angeredete. »Er hat mich

aus meiner trübseligen Stimmung herausgerissen, er hat mir meine Ruhe

wiedergegeben. Wie die schöne Sünderin zitterte um das Bischen Leben,

das sie so übel anwendet, wie sie ihre Hand so gern losgerungen hätte,

aus der des Wahnwitzigen, wie ihre Seele gepeinigt und geprickelt wurde

zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Grauen und dem lächerlichsten

Wahne! =Le Vaillant=, du thust mir leid, denn bei deiner Denkart, bei

deinen Gefühlen, die nur rasch und heftig, aber nicht tief und

ergreifend sind, konntest du unmöglich den Genuß haben, den mir die

Folterqual der listigen Gaunerin gewährte. Deine Besorgniß ist thöricht.

Sie wagt nichts gegen uns, sie fürchtet den Alles vernichtenden Ausbruch

unserer Wuth zu beschleunigen. Ich ahne, daß noch ganz andere Dinge sich

aus meinem glücklichen Einfalle entspinnen werden. Halte dich nur immer

hübsch ruhig an meiner Seite. Schlage die Arme unter, wie ich, hefte die

Blicke auf den Boden, nimm einen langsamen abgemessenen Schritt an,

bleibe stehen, wenn ich stehen bleibe, stöhne kläglich, wenn ich es

thue, genug, folge in Allem meinem Beispiele und du wirst sehen -- es

ist unser Schade nicht!«

Trotz der einbrechenden Nacht schwebte der Kutter noch immer mit

ausgespannten Segeln über die Wellenfläche hin. Laternen waren

ausgehängt worden, die Strahlen des Mondes zitterten auf dem bewegten

Wasser und ließen nach der linken Seite hin einen dunkeln Streif sehen,

der das Uferland bezeichnete. Bei der milden Luft, welche Abends der

frischen Kühle des Tages gefolgt war, blieben die meisten der Leute auf

dem Verdecke, wo sie sich mit Segelflicken, Netzausbessern und

dergleichen beschäftigten. Nur Capitän =Jonas=, der den Abend gern ruhig

in seiner Cajüte bei der Madeiraflasche zubrachte und diejenigen der

Matrosen, denen die heutige Nachtwache zufiel, hatten sich

zurückgezogen. =Juliane= saß noch immer in Sinnen verloren an einer

Stelle, wo sie durch die arbeitenden Matrosen von den Gefahr drohenden

Gefangenen geschieden war. Diese beharrten in ihrer Theilnahmlosigkeit,

in ihrem düstern Hinbrüten. Mit untergeschlagenen Armen wandelten sie

auf und nieder, kein Wort ging über ihre Lippen, nur tiefe, lauthallende

Seufzer, die selbst bis zu der fernen =Juliane= herüberdrangen, entquollen

von Zeit zu Zeit ihrer Brust.

Es mochte gegen die zehente Abendstunde seyn, als auf des Steuermanns

Geheiß, der im Auftrage seines Capitäns befehligte, nicht weit vom

Lande die Anker ausgeworfen wurden. Einige Matrosen lagen schon

schlafend auf den Bänken des Verdeckes, andere rüsteten sich, ebenfalls

zur Ruhe zu gehen. Niemand schien sich um die Kriegsgefangenen zu

kümmern.

»Kannst du schwimmen, =La Paix=?« raunte diesem sein Freund zu. »Was mich

betrifft, so getraue ich mich wohl, diese Handvoll Wasser zu

durchschneiden, wie ein Delphin, und in zehn Minuten spätestens am Lande

zu seyn. _Morgué!_ ich habe dir ganz andere Kunststücke gemacht in dieser

Gattung. Die Garonne ist Zeuge meiner Thaten gewesen und man gab mir

wegen meiner Schwimmfertigkeit den Namen des =Fisches=, wie jenem

Sizilianer, der einen goldenen Becher aus dem Schlunde der Charybdis

holte.«

»Ich kann nicht schwimmen!« gab =La Paix= trocken zur Antwort. »Es ist

auch gar nicht nöthig, daß du deine Fischnatur zu besonderen

Anstrengungen in diesen Gewässern aufbietest, die vielleicht nicht so

freundlich seyn dürften, wie deine heimathliche Garonne. Gedulde dich

nur eine ganz kurze Zeit und ich verspreche dir, man wird uns auf die

höflichste Weise einladen, ein Boot zu besteigen, das uns frei und ledig

an's Land bringt, die vortreffliche =Juliane= selbst wird sich alle Mühe

geben, uns -- vielleicht noch mit einiger Berücksichtigung ihres

zeitlichen Vortheils -- von dem =lustigen Freier von Rotterdam=

wegzuschaffen und dann -- nun dann können wir ja, wenn es uns beliebt,

die Barke des Sire =Jansen= erwarten und unsern Plan auf die schöne

=Clelia= verfolgen.«

Früher, als =La Paix= selbst erwartet hatte, ging seine Prophezeiung in

Erfüllung. Das letzte Wort war kaum seinen Lippen entschwebt, so fühlte

er sich an seinem Kleide gezupft. Um nicht aus seiner Rolle zu fallen,

wandte er sich mit einem schweren Seufzer um. Einer der Schiffsjungen

stand vor ihm, aber mit so gerader und argloser Miene, daß der Student

wohl einsah, diesem ahne nichts von den entsetzlichen Dingen, welche

=Juliane= befürchtete.

»Die Schiffsjungfer läßt Euch grüßen!« sagte vertraulich und leise der

Knabe, so daß es nur die beiden Jünglinge hören konnten. »Sie hat

Mitleid mit Euch und sähe es nicht gern, wenn Ihr in's Unglück

geriethet. Sie will suchen, einige Matrosen zu gewinnen, die Euch

heimlich, während der Capitän bei'm Weine sitzt, an's Ufer bugsiren.

Aber dazu braucht sie Geld oder Geldeswerth. Sie meint, der Ring, den

der Junker am Finger trägt, wäre wie dazu gemacht, die Leute zu

verblenden. Er soll ihr ein Zeichen seyn, daß Ihr den Vorschlag annehmt.

Gebt ihn! Im Augenblicke hat ihn die Schiffsjungfer, in einer

Viertelstunde seyd Ihr am Lande!«

»_Sandis!_ Wenn es nur daran liegt!« fuhr =Le Vaillant= heraus und gab ihm

den Ring. »Jetzt geh, schaffe die Leute und das Boot. Ich wußte doch,

daß die listige Hexe mich noch um den Ring bringen würde! Aber es geht

nichts über die Freiheit und lieber frei bei einem Stücke Haferbrot und

einem Glase Wasser, als gefangen bei Rehbraten und Champagnerwein.«

»Unbesonnener!« zürnte =La Paix= halblaut zu ihm hin. »Wir wären auch ohne

dieses Opfer zum Ziele gekommen! Geh, mein Sohn,« wandte er sich dann

in einem hohlen dumpfen Tone, der den Knaben wirklich stutzen machte, zu

diesem: »sage deiner Jungfer, wir sendeten ihr den Ring, weil in unserem

Zustande nichts Irdisches mehr einen Werth für uns hätte. Im Uebrigen

möge sie thun was sie wolle, sie möge uns an Bord behalten oder ans Land

bringen lassen: morgen breche der Tag der Schrecken an, die sie kenne,

die keine Gewalt der Erde abzuwenden vermöge!«

Verblüfft schlich sich der Junge fort. Während =Le Vaillant= seinen

Gefährten noch mit Vorwürfen bestürmte, daß er =Julianen= eine Antwort

ertheilt, die sie leicht in ihren günstigen Gesinnungen schwankend

machen könne, hörten sie plötzlich zu ihrer Seite ein Plätschern im

Wasser. Ein Blick über den Schiffsrand belehrte sie, daß ein Boot schon

losgemacht sey, daß mehrere Matrosen im Begriffe waren, leise

hinabzusteigen, daß =Juliane= auf diese Weise ihr Wort lösen und, wie =La

Paix= einsah, sich von den Gegenständen ihrer Furcht befreien wollte.

»Kommt mit mir!« flüsterte ihnen der Junge zu, der vom Steuerborde

zurückgekehrt war. In wenigen Augenblicken saßen sie in dem Boote, die

Ruderer rührten emsig die Arme, weder über ihre Lippen, noch über die

der jungen Leute ging eine Silbe. Der dunkle Streif, der vor ihren

Blicken lag, kam ihnen immer näher, die höher gehenden Wellen, die sich

an den Faschinendämmen des Ufers brachen, erhielten das kleine Fahrzeug

in heftiger schaukelnder Bewegung. Fern herüber leuchteten die Laternen

des Kutters. In ängstlicher Spannung sahen die Studenten auf diesen.

Bald schien es ihnen, als erblickten sie viele dunkle Gestalten, die

sich in unruhigem Treiben vor den Lichtern hin und her bewegten, es war

ihnen, als vernähmen sie verworrene Stimmen vom Schiffe herüber, sie

glaubten ihre Flucht entdeckt, vielleicht von der treulosen =Juliane=

selbst verrathen; dann dünkte sie es gar, der Kutter rücke von seiner

Stelle, ihnen nach und seine Gestalt vergrößerte an dem Dämmerglanze des

Horizonts sich zu einem furchtbaren, gigantischen Schiffsungeheuer.

Aber sie erkannten leicht die Bilder des Wahns, welche die erregte

Phantasie ihnen vorführte. Keine Verfolgung bedrohete sie mit neuer

Gefangenschaft, kein Hinderniß trat ihnen in den Weg. Die kundigen

Matrosen fanden einen Platz, welcher zum Landen geeignet war. =La Paix=

und =Le Vaillant= sprangen, ohne eine Einladung hiezu abzuwarten, an's

Ufer. Sie vernahmen, daß man ihnen etwas nachwarf. Es waren ihre Degen,

die sie freudig aufrafften, um sich sogleich damit zu umgürten. Das Boot

stieß ab. Sie standen allein an einer flachen öden Küste, in einem

unbekannten Lande, ohne Freund, ohne Führer. Nirgends war ein Strauch

oder ein Baum zu erblicken, kein gastliches Obdach zeigte sich, wohin

sie die Augen auch richteten.

»Was nun?« sagte =La Paix=, indem er sich vergebens nach einem betretenen

Pfade umsah. »In diesem verwünschten Sumpflande, zwischen den

labyrinthisch verschlungenen Canälen ist es gefährlich, Nachts

umherzuirren. Hier am Ufer in der Nähe des Kutters den Tag abzuwarten,

möchte ich ebensowenig rathen --«

»Alberne Bedenklichkeiten!« rief sein Freund. »Vorwärts, immer vorwärts,

das ist der Wahlspruch meines Hauses, seitdem einer meiner Ahnherrn die

eisernen Reihen der Schweizer in der Schlacht bei Marignano durchbrach!

_Cadédis!_ Wir wollen dieses Land im Sturm erobern, du und ich, und wenn

es von unzählichen Morästen und Canälen geschützt wäre. Vorwärts, =La

Paix=! Unser gutes Glück wird uns führen.«

»Meinetwegen!« antwortete sein Gefährte. Ihre Leitung dem Zufalle

überlassend, schritten sie rasch am Ufer hin in die von Mond- und

Sternenlicht sanft erhellte Nacht.

4.

Der Professor =Eobanus Hazenbrook=, den wir vielleicht schon zu lange aus

den Augen verloren, hatte, nachdem er die kleine Schenke, dem =van

Vlietenschen= Hause gegenüber bezogen, den ganzen Tag über, wie ein Fuchs

vor dem verschlossenen Taubenschlage, hinter dem Schiebfensterchen

seines Zimmers sehnsuchtsvoll geharrt, ob nicht wenigstens ein Theil

von dem Gegenstande seiner wissenschaftlichen Liebe, das hoch gehaltene

Antlitz des Herrn =Tobias=, sich zeigen werde. Vergebliche Hoffnung! Alle

Vorhänge hinter den Fenstern waren niedergelassen, die Hausthüre öffnete

sich selten und dann war es immer nur eine untergeordnete Person, eine

Magd, oder ein Knecht, die schnell heraushuschte und bei der Rückkehr

ebenso rasch wieder durch den Eingang verschwand. =Eobanus= befand sich in

einer Unruhe, wie er sie noch nie empfunden hatte. Dem lange

nachgerungenen Ziele seiner Wünsche, das ihn so oft getäuscht, stand er

jetzt so nahe und dennoch -- so fern. Konnte der reiche Handelsherr,

wenn er malitiös war, sich nicht in der Verzweiflung all zu stark aufs

Trinken legen, vielleicht gar auf den Genuß nährenden Bieres, das dann

gedeihlich auf seine Fettzellen wirkte, indem es alle schöne Hoffnungen

=Hazenbrooks= untergrub? Konnte er nicht -- quälte sich der Professor

weiter -- überdrüßig der gegenwärtigen Einsamkeit seines Hauses, sich in

Zerstreuungen stürzen, die sonst der Holländer nur vor dem dreißigsten

Jahre sich gestattet, und, wie der Beispiele ja so viele vorkamen, eben

durch diese Zerstreuungen, indem sie nur unbedeutend an seinen

gewaltigen Geldsäcken zehrten, jugendlich wieder aufblühen und -- was

bei allen Vermuthungen, denen sich =Eobanus= überließ, ihm als das Aergste

erschien -- wiederum Fett ansetzen?

»O Fett, Fett!« rief der Professor, indem er wie verzweifelt durch sein

kleines, von einer Lampe nur düster beleuchtetes Gemach hinstürmte. »Du

nagst an meinem Leben, du nagst an der Blüthe der Wissenschaft, die sich

eben entfalten will und gedeihen zur köstlichen reifen Frucht. Deine

feindselige Gegenwart droht der hieroglyphischen Vorwelt, ihrer

Wiedergeburt in reizender Mumiengestalt, schmähliches Verderben. Wie oft

hast du, ob ich dich gleich immer in Ehren gehalten und nicht ein

elendes halbes Pfund deines Eigenthums dir für meinen Leib entwandt,

nicht schon meine trefflichsten Plane, meine herrlichsten Werke,

Meisterstücke, die für eine tausendjährige Dauer bestimmt waren,

boshaft zerstört in einer warmen Frühlingsnacht? Ja, Schändliches, das

hast du gethan und gerade in der schönen jugendlichen Zeit des Jahres,

wo in dem Wurme, wie im Nilpferde, in der Kröte, wie im Crocodille, in

der Rose, wie in der Camillenblume, sich frische Lebenskräfte regen, in

dieser von der Natur geheiligten Zeit hast du heimtückisch gemordet, was

ich mit unsäglicher Mühe und einer Kunst, die nirgends ihres Gleichen

hat, in's wissenschaftliche Leben gerufen! Ich sehe sie noch vor mir,

alle die Geliebten, die ich mir selbst bereitet und die ich großmüthig

als Eigenthum der erlauchten Lugduner Akademie überlassen wollte.

Glaubst du, ich hätte dich vergessen, schalkhafte Artemisia, mit dem

Grübchen in der goldbelegten Wange, mit der sanftgewölbten Brust, im

Glanze deiner dunkelbraunen Schönheit? Und du, majestätischer Memnon,

einst ein stattlicher Grenadier im Leibregimente König =Wilhelms=, du,

dessen Mumienhülle sieben Fuß maß und dessen Adlernase sich erhaben

aufdrängte unter der sinnvollsten Hieroglyphenschrift, mußtest auch du

zu einem jammervollen Nichts werden im flüchtigen Laufe eines warmen

Lenzmorgens? _Vanitas Vanitatum, omnia Vanitas!_ Alles ist vergänglich auf

dieser Erde!«

Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil · 第 5 / 14 段