»Das ist mein letztes Lager!« sagte mit sehr schwacher Stimme

=Philippintje=, die nur Leiden, aber nicht Freuden des Brautstandes

kennen lernen sollte. »Ich war des ledigen Standes müde und wollte nun

selbander das Glück der Jugend genießen, denn: >es ist nicht gut, daß du

allein seyst,< und: >Er schuf ein Männlein und ein Fräulein;< sagt die

Schrift. Aber es soll nicht seyn! Das Beißen und Prickeln auf der Zunge

und in den Augen hätte ich wohl ertragen dem Bootsmanne zu Liebe, aber

der Qualm ist mir in's Herz gedrungen und will nun heraus und wird es

zersprengen zur Strafe meiner Sünden. Ach, wer nur ein reines Gewissen

hätte in dieser Stunde!« fuhr sie jammernd fort. »Aber was liegt nicht

Alles darauf und drückt es schwer hinab, so daß es sich nicht erheben

kann von der Erde? =Clötje=, wenn du je wieder heim kommest in die

fromme Stadt =Rotterdam=, so sprich deinen Vater an um Verzeihung für

die arme Sünderin, die dann nicht mehr lebt und gestraft worden ist

durch das, woran sie gesündigt. Entdecke ihm, daß der kostbare Canaster,

den er so oft im Gewölbe vermißt, durch mich dem Domine zugetragen

worden, daß ich glaubte mir mit dem Tabak ein Stühlchen im Himmel zu

erbauen, das aber, wie ich nun wohl einsehe, ein rauchender, quälender

Sitz in der Hölle geworden ist. Ich kann nicht mehr, lebe wohl,

=Clötje=! Haltet sie gut, Junker =Cornelius=!«

Sie schwieg und kehrte sich tief aufseufzend nach der Wandseite. So

große Unbequemlichkeit dieser Zustand ihr auch erregen mußte, so hatte

er doch nichts, was ernstliche Besorgnisse hätte verursachen können. Bis

zum Morgen war gewiß Alles vorüber und =Philippintje= war um eine gute

Lehre und eine nützliche Erfahrung reicher!

»Laßt mich allein mit ihr, Junker =Cornelius=!« bat =Clelia=. »Sie wird

sich eher beruhigen und alle Pflege, deren sie bedarf, kann sie von mir

erhalten. Sendet mir nur Thee. =Der= wird die beste Arznei für sie

seyn.«

=Cornelius= schob den Hausknecht, der noch immer das ihm unbegreifliche

Schauspiel anglotzte, vor sich her zur Thüre hinaus. Er sorgte dafür,

daß der verlangte Trank in das Krankenzimmer gebracht wurde und überließ

sich dem Nachdenken über seine tollen Streiche und die Begebenheiten des

heutigen Tages, indem er, bei dem Klange der schreienden Instrumente,

vor dem Hause auf und nieder ging. Es war ein sternenheller Abend. Für

einen der letzten Tage des Oktobers wehete die Luft ziemlich lau. In

den leicht bewegten Wellen schwankte das Spiegelbild des Mondes lieblich

hin und her. Von der Barke schwammen einzelne laute Worte, munteres

Gelächter und der Gesang =Beckje's= herüber. =Cornelius= empfand einen

Augenblick Lust, seinem Freunde =Jansen= noch einen späten Besuch zu

machen; allein diese Anwandlung verlor sich bald in ernste Betrachtungen

über seine Lage, über die Zukunft, der er =Clelien= ausgesetzt. Eine

finstere Stimmung, wie er sie früher nie gekannt, bemächtigte sich

seiner. Es war Unzufriedenheit mit sich selbst, mit dem Schicksale, das

ihn, wie er meinte, dahin getrieben, dumme Streiche zu machen.

Er war wohl über eine Stunde in solche Gedanken versunken am Strande hin

und her gewandelt, als die Musik im Innern des Hauses verstummte.

Schweigend und geisterartig schlichen die schwarz verhüllten Frauen von

der Kuhvisite nach Hause. Sie waren selig in ihrem Innern. Sie hatten ja

Thee getrunken und Butterbrod mit Stockfisch gespeist! Welcher Wunsch,

welche Sehnsucht wäre noch in ihren Herzen zurückgeblieben?

Auf die Ermahnung =Janneke's=, der die Hausthüre verschließen wollte,

begab sich =Cornelius= in die gastliche Wohnung zurück und suchte sein

Zimmer. Er gedachte einige Stunden zu ruhen, aber die Schwermuth, die

über ihn gekommen war, verscheuchte den Schlaf von seinen Augen. Er

fühlte, daß er in einem Wendepunkte seines Lebens stehe. Die

tausendfarbigen Bilder, die der Leichtsinn erschaffen, die seine

Phantasie genährt hatte, waren in dunkele Nacht untergegangen. Die

Zukunft starrte ihm mit einem finstern, drohenden Antlitze entgegen;

aber er beschloß gegen alles Ueble, das sie bringen könne, zu kämpfen,

wie ein Mann, =Clelien= als unerschütterlicher Beschützer redlich zur

Seite zu stehen und sich das geliebte Mädchen, das seine Unbesonnenheit

aus dem ruhigen Geleise ihres häuslichen Lebens gerissen, durch ein

edles Benehmen zu gewinnen. --

Wir müßten den Pinsel und den Sinn eines niederländischen Malers für

solche Dinge besitzen, wollten wir -- wenn es auch der Leser vergönnte

-- alle Qualen und Uebel, die =Philippintje= im Laufe dieser Nacht

überstand, zu schildern versuchen. Es war schon nahe gegen Morgen, als

Junker =van Daalen= durch den Hausknecht in das Krankenzimmer beschieden

wurde, wo man seiner begehre. In einem Augenblicke war er drüben.

Die Gepeinigte saß halbaufrecht und reichte ihm sehnsuchtsvoll beide

Arme entgegen. =Clelia= stand an einem Tische und bereitete frischen Thee,

während sie ihn aus dem bleichen, überwachten Angesichte freundlich

anlächelte.

»Ach, es ist gut, daß Ihr kommt, hochedler Junker!« sagte =Philippintje=

mit gepreßter, aber doch erkräftigter Stimme. »Ich kann nicht leben und

nicht sterben. Das Goldstück, das mir =Herrmanneke= für das Verlöbniß auf

die Hand gegeben, brennt mir auf dem Herzen und läßt mich nicht von

dannen fahren. Erzeigt mir noch einen Dienst auf der Welt, den letzten

Liebesdienst. Nehmt das Goldstück, gebt es ihm zurück und bringt mir den

Ring wieder, den ich treuer hätte bewahren sollen, da er noch von

=Balthasar= selig stammt. Ich habe furchtbare Dinge gesehen in dieser

Nacht. Auf der einen Seite stand =Balthasar=, auf der anderen, mit dem

Stummel im Munde, =Herrmanneke=, und beide rissen sich um mich, wie die

höllischen Geister um eine arme Seele. Das Gezerre wollte kein Ende

nehmen. Da trat aus dem schrecklichen Tabaksqualm, den der Bootsmann

verbreitete, Heern =Tobias van Vlieten's= lange hagere Gestalt hervor und

schrie mit Donnerstimme: Hebt Euch weg von ihr, denn sie ist mein, weil

sie mir ihre Seele dahingegeben hat für Caffee und Zucker, so sie mir

gestohlen! =Balthasar= und =Herrmanneke= verschwanden und ich glaubte nun

nicht anders, als der hochmögende =Heer= werde mir den Hals umdrehen, so

daß ich mit dem schwarzangelaufenen Gesichte hinter mich sehen müßte,

allem Gebrauche und aller Schicklichkeit zuwider. Aber =Clötje's= liebe

Stimme, die tröstlich dazwischen klang, verscheuchte die entsetzlichen

Bilder und der Zuckerthee, den sie mir einflöste, trieb den kalten

Schauer fort, der mir durch alle Glieder rann. Geht, hochedler Junker,

geht: ich beschwöre Euch! Die Seele will sich vom Leibe lösen, aber sie

vermag es nicht, denn das Goldstück und der Ring hält sie am Irdischen

fest. Da ist der halbe =Ruyter= des Bootsmannes. Holt mir meinen Ring und

bringt mir gleich auch den Siechentröster und den Ansprecher mit!«

Aus =Philippintje's= überströmender Redseligkeit erkannte der Junker, daß

ihr Uebel bereits im Abnehmen sey und nur die erregte Einbildungskraft

ihr noch immer den Tod als eine nahe, unvermeidliche Sache vorspiegle.

Ein Wink =Clelia's= bestimmte ihn, das Goldstück aus =Philippintje's=

bebender Hand anzunehmen.

»Nun eilt, eilt, hochmögender Heer =Cornelius=!« flehete sie von Neuem.

»Laßt die arme Seele nicht zu lange kämpfen und nach Erlösung

schmachten! Sagt dem Bootsmann, daß wir geschieden seyen für die

irdische Zeitlichkeit und die himmlische Ewigkeit! Er hat mich ums Leben

gebracht mit seiner Pfeife, aber ich verzeihe es ihm auf dem Sterbebett,

als eine gute Christin, die keinen Groll mit hinübernimmt ins

Himmelreich. Eilt, lieber Junker! Erlöset die arme Seele!«

Sie sank in die Kissen zurück. Ehe noch =Cornelius= die Thüre erreichte,

verriethen schon laute unmelodische Töne, die ihren Lippen entschwebten,

daß sie in einen tiefen, ihr wahrscheinlich höchst wohlthätigen Schlaf

gefallen sey.

Es war ein kühler, feuchter Morgen. Dicke Nebel lagen auf dem

Hollands-Diep und dem flachen Küstenlande. Wie durch einen grauen Flor

schimmerte die Leuchte von der Barke herüber. Noch fand =Cornelius=

niemand ermuntert, als den Bootsmann, den er suchte und der am Steuer

Wacht hielt. Die glimmende Pfeife in =Herrmanneke's= Munde zeigte dem

Junker den Weg. Es hielt nicht schwer, jenen zu bewegen den leichten

silbernen Ring, den er von =Philippintje= als Liebeszeichen empfangen

hatte, gegen das werthvollere Goldstück herauszugeben.

»Ich möchte sie nicht, und wenn sie in Zucker und Caffee eingepökelt

wäre!« sagte der unfeine Seemann. »Was thäte ich mit einer Frau, der

eine halbe Pfeife Tabak den Kopf verdreht und die den Wachholder wohl

gern haben mag, aber keine Natur, ihn zu vertragen? Es ist auch besser,

ich bleibe ledig. Capitän =Jansen= zahlt mir doch nicht mehr, wenn ich

auch eine Frau nehme und da meine Frau durchaus Tabak rauchen muß, so

gäbe das eine doppelte Ausgabe, die ich am Ende nicht bestreiten könnte.

Sie hatte mich beschwatzt, die Jungfrau! Sie sprach mir so viel vor von

meiner Aehnlichkeit mit ihrem lieben seligen =Balthasar=, von ihrem

Reichthum an Zucker, Caffee und selbst Canaster, daß es mir am Ende in

den Sinn kam: Blixen! das wäre eine Frau für dich. Ich platzte heraus

mit dem Antrag und sie hielt mich fest an meinen Worten, wie die Harpune

den Wallfisch. Und als sie sich gar eine Pfeife stopfte und anfing zu

dampfen, wie ein Alter, da ging mir das Herz auf, als wäre ich erst

zwanzig Jahre alt und sie wäre ein Mädchen von siebzehn. Ich sah sie

nicht hinter der Rauchwolke und machte mir weiß, sie wäre entsetzlich

schön. Doch genug von dem Schatze! Es ist vorbei und ich will sie mir

aus dem Sinn schlagen.«

Er stieg auf und machte einen Gang nach dem Vorderkastelle hin.

=Cornelius= suchte indessen =Clelia's= Gepäck zusammen und rief den

Schiffsjungen, der in der Küche schlummerte, herbei, damit er es an's

Land trage. =Jansen= war nirgends zu sehen. Der Junker ließ ihn und

=Beckje= durch =Herrmanneke= grüßen und von der Veränderung seines

Reiseplans benachrichtigen.

Als =Cornelius= wieder leise in das Frauengemach trat, um den Erfolg

seiner Sendung zu melden, lag =Philippintje= noch in tiefem Schlafe. Auch

=Clelia= war auf ihrem Sitze in einen leichten Schlummer gefallen. Er

näherte sich ihr vorsichtig. Er konnte sich das Vergnügen nicht

versagen, die reizende Geliebte, deren Wangen mit lieblichen Rosen

prangten, einige Augenblicke zu betrachten. Ihre Odemzüge waren sanft;

leicht hob sich die Brust, in der alles Glück seiner Zukunft ruhete. Die

geschlossenen Wimpern zuckten, um die Purpurlippen begann ein

freundliches Lächeln zu spielen.

»=Cornelius!=« bebte es von dem halbgeöffneten Munde.

Sein Entzücken war vollkommen. Er mußte sich bezwingen, nicht laut den

Namen der Geliebten zu rufen, nicht den süßen Traum zu stören, dessen

glücklicher Gegenstand =er= war. Kaum konnten sich seine Blicke von ihr

trennen. Wie schön war sie doch! Der Engel seines Lebens, von dem er

nicht allein ein glückliches, auch ein edleres Daseyn erwarten konnte,

lag da in sanfter Ruhe, den Himmel im schönen Antlitze, der im Herzen

heimisch war. Von einem Gefühle der Ehrfurcht ergriffen, trat er zurück.

Es that ihm leid, schon so lange verweilt zu haben, es war ihm, als habe

er einen Verrath an dem herrlichen Mädchen begangen.

Auch er genoß jetzt einiger Stunden ruhigen Schlummers. Als er erwachte

und durch's Fenster sah auf den Spiegel des Hollands-Diep, war es hell

geworden, die Sonne stand schon ziemlich hoch, von der =Syrene= war nichts

mehr zu erblicken. Die Heiterkeit, die auf Land und Wasser ruhete, fand

er auch in seinem Gemüthe wieder. Der Anblick der ruhig schlummernden

=Clelia= hatte einen unbeschreiblichen Eindruck auf ihn gemacht, und sich

so fest in seine Seele geprägt, daß er das liebliche Bild fortwährend

vor sich zu sehen wähnte. Seine guten Vorsätze gaben ihm die

Zufriedenheit mit sich selbst zurück. Er nannte den frohen Sinn, der ihn

immer belebt hatte, wieder sein Eigenthum, aber er war nun auch

überzeugt, Festigkeit und Willen zu besitzen, ihn zu zügeln, daß er

nicht wieder seine Dämme durchbreche und in unbesonnenen, tollen

Streichen ausströme.

Erst gegen Mittag fand er Einlaß bei =Clelien=. =Philippintje= war, wie er

vorausgesehen hatte, frisch und gesund, fuhr geschäftig im Zimmer umher

und suchte seine Blicke zu vermeiden. Als er ihr den silbernen Ring

zurückgab, trat eine Thräne in ihr Auge.

»Hat es ihm nicht sehr wehe gethan, dem =Herrmanneke=?« fragte sie. »Um

Gotteswillen! Er hat sich doch nicht etwa ein Leid zugefügt?«

»Das ich nicht wüßte!« versetzte kaltblütig Junker =Cornelius=. »Er

schien im Gegentheile ganz zufrieden mit dieser Wendung der Sache. Eine

Frau, die das Rauchen nicht ertragen könne, wäre ein für allemal nichts

für ihn, meinte er.«

»Der Bösewicht!« grollte =Philippintje=. »Er hätte es doch noch einmal

probiren können! Aber ich verliere nichts an ihm. Frau Bootsmann kann

ich immer noch werden.«

Alles war zur Fortsetzung der Reise auf dem Landwege bereit. Sie hatten

einen weiten, ziemlich unbebaueten Landstrich zu durchziehen. Mancherlei

Beschwerlichkeiten stellten sich ihnen in den Weg, aber sie durften auch

hoffen, hier nicht so leicht auf feindliche Streifpartheien zu stoßen,

die sich mehr in jenen Gegenden hielten, wo sie erwarten konnten, ihre

Raub- und Plünderungssucht befriedigt zu sehen.

=Cornelius= hatte, vermittelst guter Bezahlung -- er war gewohnt, immer

eine ansehnliche Summe in Gold bei sich zu führen -- von der Wirthin des

Hauses einen Wagen, mit vier starken ostfriesischen Pferden, für die

nächsten Tage gemiethet. =Janneke=, der Hausknecht, sollte den Kutscher

machen und für die richtige Rückkehr des Fuhrwerks sorgen. Freilich war

dieses weit entfernt, die Bequemlichkeiten zu bieten, welche in unseren

Zeiten von einem wohleingerichteten Reisewagen gefordert werden. Es war

ein einfacher Leiterwagen, mit einem Dache von Wachstuch versehen, das

man öffnen und verschließen konnte, wie es der Wechsel der Witterung

gebot. Aber das Innere hatte =Cornelius= mit aller Sorgfalt eines

Liebenden so behaglich eingerichtet, wie es die Umstände zuließen. Die

Seiten waren mit warmhaltendem Tuche beschlagen, der Boden mit Kissen

belegt und zu dem Sitze für =Clelia= hatte er den prächtigen und höchst

bequemen Lehnstuhl der Wirthin theuer erkauft und schaukelnd in starke

Riemen eingehängt. Nach damaligen Begriffen war dieses schon ein sehr

stattliches Fuhrwerk, das die Tochter des dicksten Mannes in =Rotterdam=

sich nicht schämen durfte zu besteigen.

Bald war man freundlich eingerichtet in der kleinen beweglichen Wohnung.

Auch für Proviant, für Leckerbissen, so gut sie das Gasthaus geboten,

hatte der Junker gesorgt. Rasch trabten die vier muthigen Rosse

landeinwärts von dannen. =Clelia= saß voll stillen Seelenfriedens dem

glücklichen =Cornelius= gegenüber. =Philippintje= schien sehr in sich

gekehrt. Von einer kleinen Anhöhe warf sie noch einmal einen Blick hinab

auf das silberglänzende Hollands-Diep, dessen Wellen sie gestern noch

als eine hoffnungsvolle Braut geschaukelt hatten.

»Der Treulose! Der Tabakstyrann!« murmelte sie in sich hinein, dann

verschloß sie die Augen und stellte sich, um allen beschämenden Fragen

auszuweichen, als ob sie schliefe.

3.

Der Kutter, den Capitän =Jonas= befehligte, hatte indessen, durch seine

leichte Bauart und den besten Wind begünstigt, mit der Eile eines die

Lüfte durchschneidenden Vogels, seine Fahrt durch das =Hollands-Diep= nach

dem =Kramer= fortgesetzt. So sehr auch die zwei jungen Leute, die dem

Professor =Hazenbrook= durch die Zurückführung der schönen =Clelia= die

Aussicht auf den Besitz des Mumienkörpers von Heer =Tobias van Vlieten=

sichern wollten, sich früher der Flüchtigkeit des =lustigen Freiers von

Rotterdam= erfreut hatten, so lästig fiel sie ihnen jetzt, da eben sie es

war, die sie immer weiter von dem Gegenstande ihres Forschens und ihres

Verlangens entfernte. Sie sahen auch wenig Hoffnung vor sich, bald von

ihrer unerwarteten Haft befreit zu werden. Capitän =Jonas= ging finster

und schweigend auf dem Verdecke auf und nieder, würdigte sie keines

Blickes und die Mannschaft folgte seinem Beispiele. Die schöne =Juliane=

war auch, nachdem sie vernommen, daß die spanische Schebecke in die Luft

geflogen und nach dieser Himmelfahrt, keine weitere Gefahr vorhanden

sey, wieder erschienen und tanzte und sang leichtfertig am Bord umher.

Dann und wann sah sie wohl nach den Gefangenen hin, aber in ihren Augen

zeigte sich so viel Hohn und Schadenfreude, daß selbst =La Paix=, der

bisher nur sich selbst Vorwürfe über seine vorschnelle Verliebtheit und

die in dieser begangenen Thorheiten gemacht hatte, sich gestand, es

müsse ein süßes Gefühl seyn, an dieser Sünderin Rache zu nehmen. Sie

schien mit allen Personen der Mannschaft genau befreundet. Sie plauderte

so vertraut mit dem Schiffsjungen und mit den Matrosen, wie mit dem

Steuermann und dem Bootsführer. Alle nannten sie =du= und manche

Freiheiten, welche sich die jungen Männer nahmen, wurden von ihr mehr

muthwillig und auffordernd, als ernst und zurückweisend, abgelehnt.

»=La Paix!=« sagte =Le Vaillant=, indem er mit dem Freunde zur Seite trat

und einen verächtlichen Blick auf das Mädchen warf. »=Die= hätte mich zu

keinem dummen Streiche verleiten können! _Cadédis!_ In dem Lande, wo die

herrliche Garonne strömt, hätte sie, nach altem Gebrauche, einen gelben

Kittel tragen müssen, um ein Abzeichen zu haben vor andern ehrbaren

Frauen. Ich will ihr nur rathen, mir nicht zu nahe zu kommen, sie möchte

sonst Dinge hören, die ihr nicht lieb wären und ich wollte ihr einen

Spiegel vorhalten mit ihrem ganzen vortrefflichen Wesen und Wandel, vor

dem sie zurückprallen sollte, als hätte sie einen Drachen erblickt.«

»Sey ruhig und verstelle dich!« ermahnte =La Paix=. »Ich habe wohl größere

Ursache, sie zu hassen, als du, aber ich sehe ein, daß wir doch nur

durch sie allein unsere Freiheit erlangen können. Wir dürfen es nicht

noch mehr mit ihr verderben, als es schon geschehen ist. Sie ist listig

und boshaft, aber sie ist auch habgierig. Gieb Acht! Sie kommt von

selbst, um als eine gute Seelenverkäuferin mit uns zu handeln über unser

Lösegeld. Sie sieht uns für Citronen an, die man so lange auspressen

muß, als nur noch der Gewinn eines Tropfens zu erwarten ist.«

»_Sandis!_« fuhr der junge Gascogner fort, ohne seines Gefährten Rede zu

beachten. »Der werthe Professor hat uns da in eine schöne Patsche

gebracht, aus der wir uns nun selbst herausarbeiten können. Was hat der

Mann auch für tolle Gedanken! Welcher Mensch, außer ihm, käme in der

weiten Welt auf die wunderbare Idee, aus einem Rotterdammer Theekaufmann

eine egyptische Mumie, einen Pharao und Sesostris zu machen? _Morgué!_

Wenn ich die Geschichte einmal in meinen alten Tagen meinen Kindern und

Kindeskindern erzähle, so werden sie behaupten, ich binde ihnen etwas

auf oder der Professor sey wahnwitzig gewesen.«

»Ist er es denn etwa nicht?« entgegnete kaltblütig der andere. »Er ist

sonst ein gescheidter und gelehrter Mann, von dem wir Mancherlei lernen

können, aber er hat einen Tick und dieser Tick besteht eben in seinem

unsinnigen Gelüst nach einem viertausendjährigen Bewohner der Nilufer,

mit dem er sein Schooßkind, das Naturalienkabinet, putzen will. Hat es

denn nicht Leute gegeben, mit denen man die anmuthigste Unterhaltung von

der Welt führen konnte, die man als Wunder von Verstand anstaunte, bis

zufällig die Rede auf Macedonien oder Jerusalem kam, und dann der eine

ganz ernsthaft versicherte, er sey =Alexander der Große= und habe den

=Darius= besiegt, oder der andere in aller Ruhe hinwarf, =er=, als der

=weise Salomo=, müsse am Besten wissen, wie es beim Tempelbaue von

Jerusalem hergegangen sey? Gerade ein solcher Thor ist unser Professor.

Er ist belehrend, vernünftig, geistreich, bis ihm etwas aufstößt, das

seine egyptische Narrheit aufrührt. Dann sind aber auch von ihr mit

einemmale alle Dämme, die sein Verstand ihr entgegenstellen kann,

überschwemmt, er wird fortgerissen zu den köstlichsten Tollheiten und

wir -- nun wir haben dann einen Gegenstand zum Lachen, wir sind seiner

lästigen Aufsicht entledigt und können dann unserer Freiheit genießen

-- wie wir es zum Beispiel jetzt thun.«

»Eine schöne Freiheit, das!« brummte =Le Vaillant=. »Eingeschränkt auf das

Verdeck eines kleinen Schiffes, ohne Waffen, bewacht von fünfzig Augen

--«

»Du irrst!« wandte mit stoischer Ruhe =La Paix= ein. »Es sind

neunundvierzig oder einundfünfzig, denn unser edler Capitän zählt nur

eins. Ach, =Le Vaillant=, was mich weit mehr betrübt,« fuhr er in

schwermüthigem Tone fort, »ist, daß auch wir zwei, jeder in seiner

besonderen Weise, einen solchen wahnwitzigen Tick haben!«

»_Corbleu!_« fuhr sein Freund auf. »Ich ersuche dich, in solchen

Ausdrücken von dir allein zu sprechen. Ich, Gottlob! habe mir meinen

gesunden Verstand bewahrt und hoffe, daß ich dermaleinst in dem Schlosse

meiner edeln Eltern, an dem die herrliche Garonne vorüberfließt, weder

als =Alexander der Große=, noch als =weiser Salomo= auftreten werde.«

»In welchem schmählichen Irrthume lebst du doch, bester Freund!« sprach

sehr sanft =La Paix= weiter. »Ist denn das nicht schon ein Tick, daß du

dich für so ganz erstaunlich gescheidt hältst, und wie weit ist denn der

Sprung von diesem Wahne der Gescheidtheit bis zum Wahne der Weisheit,

der dich im nächsten Augenblicke in deinen eigenen Begriffen zum weisen

=Salomo= erhebt? Und daß du mit deinen Gedanken nur immer in der Gascogne,

deren Vorzüge ich übrigens nicht bestreiten will, lebst, daß du die

Zwiebel von der Garonne höher schätzest, als die köstliche Ananas von

Amboina, daß du gar nicht herauskommen kannst aus den Kraftwörtern, die

in deiner Heimath beliebt sind, ist denn das nicht ein arger Tick? Und

ich? Ach, theuerer =Le Vaillant=, mit mir steht es noch weit schlimmer!

Ich sehe jedes hübsche Mädchen mit Blicken an, wie =Hazenbrook= die

egyptischen Mumien. Habe ich nicht ein schauderhaftes Beispiel meines

Wahnwitzes im Laufe des heutigen Tages gegeben? Hätte mir ein

geringfügiges Mädchen, wie die =Juliane=, mein sämmtliches Geld, nebst der

sonst so werthgehaltenen goldenen Kette, dem theueren Angedenken meiner

Mutter, abnehmen können, wenn ich nicht von einem entsetzlichen Tick

befallen wäre? Und noch einmal von dir zu sprechen, Liebster! Womit

willst du deine Rauflust bei jeder unbedeutenden Gelegenheit, die Wuth,

dein Blut oder das eines andern zu vergießen, dein Leben um einer

Lumperei willen auf's Spiel zu setzen, anders entschuldigen, als mit dem

Wahnwitze, der heimlich in deinem Innern wohnt, den aber die geringste

Kleinigkeit ins Daseyn ruft? Glaube mir, Bester! Wir sind sehr zu

beklagen.«

»Du magst wohl recht haben!« versetzte im Tone einer bei ihm seltenen

Niedergeschlagenheit =Le Vaillant=, auf den die schwermüthige Stimmung, in

die sich sein Freund hineingeredet, ansteckend gewirkt hatte. »Wir sind

übel dran! Wir treiben wahnwitziges Zeug, _ergo_: sind wir wahnwitzig.«

Sie gingen schweigend und in sich gekehrt auf dem Verdecke hin und her.

Ihre Blicke waren zur Erde gerichtet, in ihren Zügen lag der Ausdruck

eines Kummers, der schwer auf ihrem Herzen zu lasten schien. Aller Muth

war, ihrem Aeußern nach, von ihnen gewichen. Was würden ihre Mitschüler

in =Leyden= gesagt haben, wenn sie die zwei sonst so lebensfrohen

Franzosen, den kecken =Le Vaillant=, der mit den verwegenen Blicken die

Welt erobern zu wollen schien, den milden =La Paix=, dessen immerwährende

Freundlichkeit sprüchwörtlich geworden war, in diesem Zustande erblickt

hätten?

=Juliane=, die sie heimlich, aber sehr aufmerksam beobachtete, holte ihre

Laute hervor, ließ ein Paar Griffe durch die Saiten rauschen und sang

ein munteres französisches Liedchen, das zu Freude und Frohsinn

aufforderte. Die Studenten hatten das Ansehen, es nicht zu hören. Die

Falten von ihrer Stirn wichen nicht, der Ausdruck tiefen Grams beharrte

in ihren Mienen. Da legte =Juliane= das Instrument weg und näherte sich

ihnen mit theilnehmender Gebehrde. Sie glaubte den Augenblick günstig,

wieder eine Art von Vertraulichkeit mit ihnen anzuknüpfen, die ihr zur

Ausführung ihrer still entworfenen Plane behülflich seyn sollte. Der

Schwermüthige ist nicht grob, dachte sie, er giebt im schlimmsten Falle

keine Antwort und darauf hin kann ich's wagen.

Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil · 第 4 / 14 段