=Clelia= war in einem so hohen Grade betroffen über den Anblick, den die

hier befindliche Gesellschaft gewährte, daß sie von =Jansens= Rede wenig

vernahm. =Beckje= saß recht behaglich auf der Bank neben ihrem Manne und

-- rauchte ihr Pfeifchen mit dem Anstande einer Raucherin, die längst

die ersten Beschwerden dieses Vergnügens überwunden und das Lehrgeld

der edeln Kunst abgetragen hat, nun aber sie in ihrem ganzen Umfange, in

allen ihren Feinheiten zu würdigen und zu genießen versteht. Sie dampfte

mit =Jansen= und dem Bootsmanne =Herrmanneke=, der auf der anderen Seite

neben ihr saß, um die Wette. So wenig Jungfrau =van Vlieten= diesen Genuß

dem zarten Geschlechte angemessen hielt, so war ihr doch recht wohl

bekannt, daß viele Frauen in =Holland=, die durch ihren Beruf meistens im

Freien beschäftigt sind, sich so an ihr Pfeifchen gewöhnen, daß es ihnen

oft werther ist, als selbst der sonst so sehr beliebte Thee. Deshalb

mochte sie auch der Frau des Capitäns nicht grollen über die Uebung

einer Neigung, die ihr auch gut anstand und die sie mit vieler

Zierlichkeit zu treiben wußte. Aber =Clelia= traute kaum ihren Augen, als

sie auch =Philippintje= in einer recht traulichen und hingebenden Stellung

neben dem Bootsmanne erblickte, ein großes Glas mit dampfendem Würzwein

vor sich und zwischen den ängstlich zusammengekniffenen Lippen -- ein

dampfendes Stummelchen. Sie hatte das Gesicht widerwärtig verzogen, als

kämpfe sie zwischen ihrem Willen und dem Uebelgeschmack der ungewohnten

Sache. Sie wollte diesen aber mit Gewalt verbergen und der Zwang, den

sie sich anthat, eine Behaglichkeit zu zeigen, die in diesen

Augenblicken ihr ganz fremd war, gab ihr ein höchst lächerliches

Ansehen. Sie schien übrigens gar nicht bestürzt, von ihrer jungen

Gebieterin in dieser Beschäftigung betroffen zu werden. Sie sah sie so

keck und sicher an, daß =Clelia= wohl ahnete, es müsse hinter dieser

Gemüthsruhe noch etwas anderes stecken, als der bloße Weinmuth.

»Holland und England!« rief mit einem lauten Gelächter Junker =Cornelius=,

indem er zu =Philippintje= trat. »Ihr raucht ja wie die spanische

Schebecke, ehe sie gen Himmel fuhr! Nehmt Euch in acht! Wer das

Kräutlein noch nicht kennt, soll nicht mit ihm scherzen. Die erste

Bekanntschaft führt immer ihr Unangenehmes mit sich.«

»Stört mir das liebe Kind nicht!« legte sich =Beckje= eifrig dazwischen.

»Sie weiß wohl, was sie thut und warum sie es thut. Auch hat sie schon

treffliche Anlagen gezeigt und bis morgen -- dafür ist mir gar nicht

bange -- hält sie mit =Herrmanneke= gleichen Schritt, der den ganzen Tag

über an seinem Stummel kauet und den Schlaf nur deshalb nicht leiden

kann, weil er sich mit dem Rauchen nicht verträgt.«

»Man muß sich an Alles gewöhnen!« sagte mit erzwungener Ruhe

=Philippintje=, während eine leichte Blässe über ihre gefurchten Wangen

flog. »Man weiß nicht, wo man es nöthig hat und wenn man es einmal kann,

so braucht man wenigstens nicht zurückzustehen in einer guten

Gesellschaft, wie die hier gegenwärtige.«

Mit einem tüchtigen Schlucke des dampfenden Getränkes suchte sie alle

häßlichen Empfindungen, die sich ihr vorübergehend aufdrängten,

hinabzuspülen. Der Bootsmann nickte ihr vertraulich und ermunternd zu.

Es schien sich zwischen beiden ein Verständniß entsponnen zu haben, das

=Clelien= neu war und das sie sich noch nicht erklären konnte.

»Du wirst dich krank machen, =Philippintje=;« sagte in gutmüthig

ermahnendem Tone die Jungfrau. »Leg' die Pfeife weg! Für dich ist das

Rauchen eine überflüßige Sache und im Hause meines Vaters würde dir es

auf keine Weise gestattet werden.«

»Versuche es nur selbst einmal, =Clötje=!« erwiederte =Philippintje= und

bot der abwehrenden Herrin die Pfeife dar. »Es ist etwas Köstliches. Es

prickelt und pizgelt so angenehm auf der Zunge, daß ich es mit nichts

vergleichen kann. Nur einen Zug, =Clötje=, und du wirst ganz anders

sprechen.«

=Clelia= wandte sich mit Widerwillen zur Seite.

»Du magst nicht?« fuhr =Philippintje= fort. »Auch gut! Ich will dich nicht

zwingen. Wenn du aber meinst, daß ich das Rauchen nicht nöthig hätte, so

lebst du in einem großen Irrthume. Auch ist es ein löblicher und

christlicher Gebrauch, denn unser Domine in =Rotterdam= raucht auch und

noch dazu aus einer Pfeife, so groß wie eine Theekanne. Freilich würde

in deines Vaters Hause der Tabaksrauch die Vorhänge schwärzen, die

schöne weiße Wäsche verderben und dem hochmögenden Heern selbst wohl zur

Last fallen; aber mein Haus wird in Zukunft ein anderes seyn. In freier

Luft, zwischen Himmel und Wasser werde ich leben, das Steuerbord wird

meine Küche, das Backbord mein Kämmerlein seyn. Ich werde keinen Caffee

mehr brennen, keinen Zucker mehr stoßen, keine Rosinen mehr belesen.

Alle diese Kleinigkeiten bleiben mir fern; nur die herrlichen

Meereswogen werden mich umrauschen, der Sturm wird über mein Haupt

hintoben -- aber das ist mir Alles nur Spaß, das gilt mir jetzt nicht

mehr, wie das Gebroddel im Theekessel, wenn das Wasser kocht. Vivat das

Seeleben!«

=Clelia= stand erstarrt. Die Begeisterung, zu der =Philippintje= erhoben

war, konnte nichts anderes, als eine Folge des reichlichen Genusses von

=Beckje's= geistigem Getränk seyn. Sie entwickelte Ansichten und eine

Lebendigkeit, die bisher bei ihr geschlummert hatten. =Jansens= und seiner

Frau heimliches und bedeutungsvolles Lachen ließen =Cornelius= vermuthen,

daß irgend ein seltsames Geheimniß hinter der ganzen Sache verborgen

sey. Nur =Herrmanneke= bewahrte seinen Gleichmuth, sah ernsthaft vor sich

hin und ließ im Uebrigen seinem Glase Gerechtigkeit widerfahren.

»Rauchen muß sie, wenn ich sie heirathen soll!« begann jetzt der

Bootsmann mit fester und ruhiger Stimme. »Was hilft mir aller Caffee,

aller Zucker, aller Thee und selbst die Fäßlein Genever, die sie, wie

sie sagt, ihrem Heern verschlampt hat, wenn sie nicht mit mir eine

Pfeife rauchen kann und wenn ich sie nicht vom Dampfe verschönert sehe,

der wie ein Schleier um ihr Antlitz schwebt und die Runzeln unkenntlich

macht. Ja, sie muß rauchen! Hundert Dukaten jährlichen Einkommens fallen

ihr einmal heim, wie sie versichert, aber an dem Gelde ist mir nichts

gelegen, denn ich lebe und sterbe am Borde der =Syrene= mit dem Stummel im

Munde. Mann und Weib sind ein Leib; deshalb muß sie rauchen. Ich habe

ihr die Ehe versprochen und ihr einen halben Ruyter auf die Hand

gegeben gegen einen silbernen Reif, den sie mir verehrt; aber Alles

unter der Bedingung, daß sie Tabak raucht und gleich im Augenblicke

anfängt zur Probe. Sie hat es rechtschaffen gethan und Blixen! es soll

ihr gut gehen, als eines Bootsmanns Frau, wenn sie gut raucht.«

»So ist es, mein =Clötje=!« bestätigte die liebenswürdige Braut

=Herrmanneke's=, indem sie von Neuem die Pfeife zu den bleichen, zuckenden

Lippen führte, die sie einige Augenblicke lang hatte ruhen lassen. »Ich

bin noch früher in den lieben Brautstand gekommen, als du, Kind, und das

ist nicht mehr als recht und billig, da ich einige Jahre älter bin. Aber

sey nicht traurig deshalb, =Clötje=! Auch dich wird die Reihe treffen und

wir Beide werden dann glücklich seyn, du zu Land und ich zu Wasser. Habe

ich ihm denn widerstehen können, dem Schalk von Bootsmann, wie Ihr ihn

da seht? O, er besitzt Ueberredungskünste, mit denen er nur zu leicht

ein unerfahrenes Mädchenherz bezwingt! Und dann -- ach, =Clötje=! Gott

hat ihn gezeichnet, aber nicht zum Bösen sondern zum Guten. Er hat ihn

gezeichnet mit der Gestalt, mit den Gebehrden und den Gesichtszügen

meines seligen =Balthasar=! Es war mir als kehre dieser aus dem Grabe

zurück und begehre die Liebe, die ich ihm gelobt. Und das Rauchen! Hat

denn nicht der liebe =Balthasar= auch seine Pfeife geliebt und den

amerikanischen Canaster, den ich ihm aus des Heern Gewölbe oft

zugesteckt, wie sein Leben? Wer kann für sein Herz, Seelen-=Clötje=? Es

ist ein schwaches und wankelmüthiges Ding, wie schon die Schrift sagt

und die Schrift Lügen strafen, wäre sündlich! Habe ich nun die ersten

Tage meiner Jugend als Jungfrau =Philippintje= in Ehren verlebt, so will

ich nun die schönste Zeit meines Lebens als Frau Bootsmann auf der

=Syrene= genießen.«

»Aber =Philippintje=,« flüsterte =Clelia=, die hinter sie getreten war, ihr

in's Ohr, »denkst du denn gar nicht mehr an mich, an meine Lage, an mein

Verhältniß mit Junker =Cornelius=, an dein Versprechen uns zu begleiten zu

der Muhme und dort das Weitere zu erwarten?«

»Ja, ja! Ich erinnere mich wohl!« entgegnete die glückliche Braut und

blies eine dicke Dampfwolke vor sich hin. »Umstände verändern die Sache.

Ich hatte Unrecht, so etwas zu versprechen, denn der Mensch steht in

Gottes Hand und soll nicht eigenmächtig über sich verfügen; ich würde

noch größeres Unrecht haben, wenn ich ein so sündiges Versprechen halten

wollte. Führe mich nicht in Versuchung, =Clötje=! Du warst sonst immer ein

frommes Kind und wirst deiner Herzensfreundin nichts Schlechtes zumuthen

wollen. Weißt du was, Kind? Heirathe du deinen Bruder, den Junker

=Cornelius=: dann ist uns allen geholfen!«

Erglühend trat =Clelia= zurück und wandte ihr Gesicht ab, indem sie auf

das Ufer mit den gastlichen Wohnungen blickte, dem sich die Barke

näherte. =Beckje= und =Jansen= hatten sich bei =Philippintje's=

unbedachtsamer Aeußerung bedeutungsvolle Blicke zugeworfen, als sähen

sie nun bestätigt, was sie bereits geahnt.

»=Philippintje=,« sagte jetzt =Cornelius=, der =Clelias= Stelle hinter dem

Sitze der schmauchenden Hausjungfer eingenommen hatte, mit erbittertem

und verbissenem Tone: »Ihr kennt unsern Vertrag. Hundert Dukaten

jährlich auf Lebenslang, wenn Ihr bei uns bleibt, bis alles geschlichtet

ist, zwischen uns und Heern =Tobias=; keinen Deut, wenn Ihr früher uns

verlaßt!«

»Was frag' ich viel nach Geld und Gut, wenn ich zufrieden bin!«

erwiederte das Mädchen und trank einmal dazu. »Behaltet Euere Dukaten

und ich behalte meinen Bootsmann. =Herrmanneke= macht sich nichts aus dem

Gelde, wie Ihr selbst gehört habt, und mir geht jetzt seine Liebe über

Alles. Ja, das eigentliche Leben soll nun erst recht anfangen! In der

Küche und in der Rauchkammer ist meines Bleibens nicht mehr, ich muß

hinaus in die frohe, weite Welt. Niemand soll mich davon abhalten und

gegen Gewalt wird mich mein Bootsmann schützen.«

»Das wird er!« versicherte =Herrmanneke=, indem er die geballte Rechte

drohend vor sich hinstreckte und mit der Linken an das Messer in seinem

Gürtel griff. »Wenn sie raucht und mich haben will, so sollen sie

tausend Teufel nicht von mir losreißen. Galgen und Rad schneide ich =dem=

ins Gesicht, der sich dagegen auflehnt und trüge er einen Bratspieß an

der Seite, so lang wie die große Raa eines Dreideckers, und wäre er noch

dazu der beste Freund meines Capitäns! Abspenstig lasse ich mir meine

Braut nicht machen, notabene: wenn sie raucht.«

In diesem Augenblicke stieß die Barke an's Land. Es war völlig dämmerig

geworden. Aus den Häusern am Ufer schimmerten freundliche Lichter

herüber. Auch schien es ziemlich lustig dort herzugehen. In einer der

Wohnungen, die am Hellsten erleuchtet war, ertönte Musik: eine

Sackpfeife und eine Geige, die sich in den schreiendsten Mißlauten zu

überbieten suchten. Am Strande war Niemand zu sehen. Irgend ein Ereigniß

im Innern ihrer Häuser mochte den Bewohnern in diesem Augenblicke

wichtiger erscheinen, als die Ankunft eines Fahrzeuges, das sie schon

oft bei sich gesehen hatten und dessen Mannschaft ihnen genau bekannt

war.

Jenes Haus, aus welchem die Musik herüberschallte, wurde dem fragenden

=Cornelius= von =Jansen= als das bezeichnet, wo er Bewirthung und

Nachtlager finden könne.

»=Beckje=, ich und meine Leute, wir bleiben an Bord,« setzte der Capitän

hinzu. »Wir sind das so gewohnt und überdem müssen wir jetzt noch

besonders auf unserer Hut seyn. Morgen früh um sechs Uhr werden die

Anker gelichtet, die Böller geben das Zeichen und wer dann nicht an Bord

ist, der bleibt am Lande: so will es die Schiffsregel. Gute Nacht,

=Cornelius=.«

Dieser war schon =Clelien= nachgeeilt. Das Mädchen empfand eine besondere

Sehnsucht, den festen Boden zu betreten und in der gewohnten Umgebung

häuslicher Gegenstände sich von den Abentheuern des Tages zu sammeln und

zu erholen. Sie stand dicht am Rande des Schiffes, der das Ufer

berührte. =Cornelius= hatte sie erreicht und ergriff ihren Arm, um ihr

an's Land zu helfen.

»Nehmt mich mit! Nehmt mich mit!« rief da =Philippintje's= Jammerstimme.

»Ist das recht und fromm von dir gehandelt, =Clötje=, daß du Diejenige,

die Mutterstelle bei dir vertreten hat, zurücklassen willst, wenn du zu

Musik und Freude gehest? Warte nur, Kind! Ich komme schon, ich komme.«

Sie warf dem überraschten Bootsmann die Pfeife hin und stand eilig auf.

Aber das Schiff, Himmel, Wasser und Land dreheten sich um sie in

wirbelnden Kreisen. Vor ihren Augen flammten Blitze auf, sie

durchzuckten schmerzhaft ihr Haupt, sie verwirrten sie, so daß sie kaum

wußte, wohin sie ihre Schritte richten sollte. Wie das Hohngelächter

höllischer Geister tönte ihr dazwischen der Spott =Jansens= und =Beckje's=

in die Ohren, die ihren Zustand erkannten und eine Lust daran fanden,

die bei Leuten ihres Gewerbes wohl zu entschuldigen war. Dem

entsetzlichen Schiwa gleich starrte =Herrmanneke's= Angesicht aus einer

dicken Rauchwolke ihr entgegen. Taumelnd entfloh sie. Sie griff sich an

dem Schiffsgeländer fort bis zu dem Junker =van Daalen= hin. Diesem, der

eben =Clelien= an's Land gehoben hatte, sank sie in die Arme.

»Die nehme ich nicht!« sprach ganz ruhig der Bootsmann hinter ihr her.

»Sie lernt das Rauchen nimmermehr. Der Tabak verträgt sich nicht mit

ihrer Natur und eine so bejahrte Natur läßt sich nicht zwingen.«

Indessen hatte sich =Philippintje=, von tödtlicher Beängstigung ergriffen,

fest an =Cornelius= geklammert. Ihr Antlitz brannte in Fiebergluth, sie

zitterte an allen Gliedern.

»O nehmt mich mit, Herzensjunker!« flehete sie. »Ich bin elend, ich bin

krank, der Tod sitzt mir schon auf der Zunge und ich fühle es, ich

überlebe die Nacht nicht! Ihr habt mich fortgelockt aus dem Hause, wo

alle Herrlichkeiten der Welt, Caffee, Zucker, Thee und Rosinen mir im

Ueberflusse zu Gebote standen, Ihr müßt nun auch für mich sorgen und mir

ein ruhiges Sterbestündlein bereiten, mit dem Siechentröster, und ein

ehrliches Begräbniß mit dem schwarzbeflorten Ansprecher[A] und dem

stattlichen Leichenkonducte. Auf einmal ist mir's an's Herz geschossen

eiskalt und in den Kopf siedend heiß und ich weiß nun, daß es aus ist

und ich bald Rechenschaft geben muß von jedem Stückchen Canel, von jedem

Loth Zucker, von allen Dingen, die ich dem hochmögenden Heern =Tobias van

Vlieten= ungetreu vertragen. Und wie wird's mir gehen, wenn die Rede

kommt auf den gottlosen Schiwa, daß ich ihn alle Sonnabende gewaschen

und gebürstet habe? Aber, nein! Das fällt mir nicht zur Last, das war im

Herrendienste und =der= geht vor Gottesdienst.«

[A] =Aanspreeker=. Dieser ladet die Gäste zum Leichenbegängnisse ein

und führt den feierlichen Zug an.

=Cornelius= sah ein, daß =Philippintje= auf dem Wege war, in einer freilich

schmerzhaften und quälenden Weise, von ihrer Verirrung geheilt zu

werden. Es mußte ihm viel daran gelegen seyn, sie als =Cleliens=

Gesellschafterin beizubehalten. Er war überzeugt, daß sie, wenn sie

wieder völlig Herrin ihrer Besinnung geworden, ihren Vortheil zu sehr in

Anschlag bringen werde, um noch weiter an die tolle Heirath mit

=Herrmanneke= zu denken. Rasch schwang er die Jammernde auf seinen Arm und

schritt, von der unbedeutenden Last wenig gehemmt, =Clelien= nach, die

indessen sich den hell erleuchteten Häusern genähert hatte.

»Sie ist krank,« sagte er in gedämpftem Tone zu der erschreckenden

Geliebten: »aber es wird vorübergehen und keine schlimmen, sondern für

uns die besten Folgen haben.«

»Ja, =Clötje=, mein Kind, ich bin elend zum Sterben;« wimmerte

=Philippintje= von =Cornelius= Schulter herab. »Die Strafe folgt der Sünde

auf dem Fuße und ich muß nun sterben an der Pfeife Tabak, die ich dem

verführerischen Bootsmann zu Gefallen geraucht. Aber verlaß mich nicht

in meiner letzten Stunde! Denke daran zurück, wie ich deiner gepflegt,

als du im Scharlachfieber und in den Blattern lagst, wie ich Tag und

Nacht bei dir hingebracht und jeder Bissen, den du genossest, jeder

Trunk, der dir Kühlung brachte, durch meine Hand gegangen ist. Gehe auch

mit zu meiner Leiche, Kind! Lege mir einen Kranz von weißen Blumen auf

das Grab, wie er mir gebührt, als einer heimgegangenen Jungfrau.«

=Clelia=, in deren Seele sich mitleidige Theilnahme in einem hohen Grade

regte, wollte die Bedrängte trösten, aber diese hörte nicht darauf. Ihre

Klage verlor sich in ein unartikulirtes Weinen, das nur durch einzelne

Ausrufungen ohne besondere Bedeutung gestört wurde. Sie rührte sich

nicht, sie schien aller Herrschaft über ihre Glieder beraubt.

Als die Reisenden das Haus betraten, nach dem sie =Jansen= hingewiesen

hatte, fanden sie den Hausflur festlich geschmückt. Es glänzte Alles von

Reinlichkeit, der rothe Backsteinboden war mit farbigem Sand in allerlei

zierlichen Figuren bestreut, an den Wänden hingen Kränze von künstlichen

Blumen aus buntem Papier geschnitten, zwischen diesen Schildereien von

unterschiedenem Werthe.

Die Musik tönte aus der Küche, die in vielen Häusern auf dem Lande auch

zugleich das Prunkgemach ist, in dem man die Gäste empfängt. =Cornelius=

und =Clelia= waren zu vertraut mit den Gewohnheiten ihres Vaterlandes, um

nicht sogleich den Zweck der nahe an der Hausthüre aufgestellten großen

Filzschuhe zu erkennen und sie über die ihrigen zu ziehen, damit der

saubere Hausgang und der Porzellanboden der Küche, in der sie nun die

Hausfrau aufsuchen mußten, nicht befleckt würden.

Es ging sehr lustig her in der Küche, nämlich in so weit es die

holländischen Anstandsregeln erlaubten. Vor dem blankstrahlenden Heerdte

thronte auf einem erhabenem Sitze die Wirthin des Hauses, eine Frau von

mittlerem Alter, die mit unerschütterlicher Gemüthsruhe in die Tasse

Thee blickte, die eben die eine Hand zum Munde führte, während die

andere eine Butterschnitte mit geräuchertem Stockfisch hielt. Ihre Stirn

wurde von einer ungeheueren Spitzenhaube beschattet, bis zum Halse

steckte sie in der reichbeblumten Calamankjacke, deren mächtige Schöße

weit über die Kniee hinabreichten. In ähnlicher Beschäftigung und

Haltung saßen in einem Halbkreise ihre Freundinnen und Nachbarinnen ihr

zur Seite. Alle sahen starr in die dampfenden Theetassen und auf den

duftenden Stockfisch des Butterbrotes. Nur zeichneten sich die Gäste

von der Hausfrau dadurch aus, daß sie sämmtlich die großen schwarzen

Regentücher, deren Zipfel den Boden berührten, um den Kopf geschlungen

hatten, welche die Holländerinnen auf dem Lande, sobald sie nur die

Schwelle ihrer Wohnungen übertreten, bei Sonnenschein und

Schneegestöber, bei Windstille und Sturm, nicht verlassen. Im Uebrigen

schien sich die ganze Gesellschaft sehr behaglich zu fühlen. Keiner der

Theetrinkenden fehlte das beliebte, sanft von unten erwärmende

=Feuerstövchen= und jede hatte zu gelegentlicher Dienstleistung das

zierliche =Quispeldöschen= neben sich. Es war eine Gesellschaft von

Freundinnen im höchsten Grade der geselligen Freude: keine sprach ein

Wort, aber alle Bedürfnisse holländischer Bequemlichkeit waren

befriedigt und das blank gescheuerte, funkelnde und strahlende

Messing- und Kupfergeschirr, der glänzende Reichthum des englischen

Zinns, des japanischen Porzellans in den gebohnten Glasschränken

erquickte noch überdem die Augen der versammelten Frauen, wenn sie diese

einmal von der Theetasse und vom Stockfische aufschlugen. Je weniger

aber die Gesellschaft sich laut machte, desto mehr glaubten die zwei

Musikanten für eine lärmende Unterhaltung sorgen zu müssen. Der

Dudelsackbläser, eine hagere bleiche Figur, schien die letzten Odemzüge

aufwenden zu wollen, um durch seine melodischen Töne über die schwer zu

erschütternden Herzen seiner Zuhörerinnen zu siegen. Der Geiger, noch

kleiner und hagerer, rang mit ihm um den Preis des Sieges. Beide saßen

in einem Winkel der Küche auf einer umgestürzten Tonne und hatten einen

ungeheueren Bierkrug zwischen sich.

Wenn der Zweck, der diese muntere Gesellschaft hier vereinigt hatte,

nicht durch sie selbst und ihre Aeusserungen klar wurde, so befand sich

doch =ein= Gegenstand in der Küche, der jedem Eingebornen sogleich einen

vollständigen Aufschluß gab. Es war nämlich =Kuh-Visite= bei der

gastfreien Wirthin und die geschlachtete, ausgeweidete, zierlich mit

Bändern und goldpapiernen Blumen geschmückte Dulderin, die den

Bedürfnissen des nahenden Winters zum Opfer gefallen war, hing an einem

eigenen Gestelle von hell polirtem Nußbaumholz der Hausfrau gerade

gegenüber, so daß sie von allen Anwesenden fortwährend angeschaut und

bewundert werden konnte. Sie hatte das treue Haupt nach ihrer ehemaligen

Herrin hingewendet und sah diese aus den lichtlosen Augenhöhlen ebenso

geistreich an, wie sie wiederum von ihr in einzelnen Augenblicken der

Trennung von Thee und Stockfisch, angeblickt wurde. Es lag wirklich

etwas Rührendes in dem Umtausche dieser Blicke. Beide waren gewiß

Herzensfreundinnen gewesen, aber das unerbittliche Schicksal hatte

geboten und die eine mußte fallen, wenn auch nicht unter der Hand der

Freundin, doch unter ihren Augen und auf ihr Geheiß.

Kaum hatte =Cornelius= einen Blick in die hell erleuchtete Küche geworfen,

so sah er auch gleich die Bedeutung des Festes ein und daß er dieses

nicht durch einen Aufruf der Wirthin stören dürfe.

»=Janneke!=« rief er zurücktretend, und sogleich haspelte sich hinter der

Tonne, auf welcher die Musikanten ihr entsetzliches Gelärm trieben, der

Hausknecht hervor, der gewöhnlich in Holland bei diesem Namen gerufen

wird. Dem kleinen kugelrunden Burschen fiel es schwer, sich zwischen den

trinkenden Frauen hindurch zu winden, ohne eine von diesen, was ein

unverzeihliches Verbrechen gewesen wäre, durch Berührung zu stören. Er

begann auf verschiedenen Seiten seine Versuche, aber hier traten ihm die

ungeheueren Schöße einer Calamankjacke, dort die langen Zipfel eines

Regentuches in den Weg. Gerade gehend hindurchzukommen, war eine reine

Unmöglichkeit, denn die Ellnbogen der Damen hielten so eng zusammen, daß

bei dem taktmäßigen Theetrinken, zu dem die Hausfrau immer das Zeichen

gab, eine allgemeine geräuschvolle Reibung entstand. Endlich faßte

=Janneke= einen raschen Entschluß zu einer kühnen That. Er warf sich nahe

an der Küchenwand glatt auf den Leib nieder und kroch nun zwischen

dieser und dem eher zu berührenden Feuerstövchen, das die Füße der hier

sitzenden trug, hervor, um das Verlangen des angekommenen Gastes zu

vernehmen.

Er stand odemlos vor dem Reisenden und sah mit Blicken dummen Erstaunens

auf =Philippintje=, die noch immer seufzend und stöhnend auf =Cornelius=

Schultern ruhete und seinen Hals so ängstlich umklammert hielt, als

wolle sie ihn nicht lassen ihr Lebelang. Des Junkers Gebot trieb den

Hausknecht, sie in das Gastzimmer des obern Stocks zu führen, wo der

Kriegsmann sich sogleich seiner süßen Last entledigte und sie auf ein

Ruhebett niederließ.

Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil · 第 3 / 14 段