»Nassau und Oranien!« erwiederte lachend =Cornelius=, indem er sich von

einem Matrosen seinen Uniformrock säubern ließ. »Ihr macht viel

Aufhebens um nichts! Die spanischen Butterschläuche waren alle am

Vorsteven mit Entern beschäftigt, da kletterte ich ungesehen im

Pulverdampfe auf ihr Schiff, schlich in die Nähe der Pulverkammer und

machte das glimmende Brandwerk fest -- das ist Alles! Dergleichen Dinge

kommen uns Landsoldaten zu hunderten vor, aber wir halten sie für nichts

Besonderes und reden nicht viel davon.«

=Jonas= schwieg verblüfft, aber durch die Reihen seiner Leute lief ein

Gemurmel des Beifalls. =Le Vaillant= drückte dem =La Paix= die Hand. Beide

verstanden sich. Sie theilten das Gefühl der Achtung vor dem jungen

Helden, aber sie dachten auch daran, daß es ihnen um so größere Ehre

bringen würde, dem kühnen =Cornelius= die entführte =Clelia= wieder

abzunehmen.

»_Sandis!_« flüsterte der Gascogner seinem Freunde zu. »Das ist ein

wackerer Bursche, allein eben darum müssen wir unserm Plane getreu

bleiben und ohne Furcht auf das Ziel los gehen.«

»Gewiß!« entgegnete =La Paix=. »Wir haben unser Wort gegeben.«

In diesem Augenblicke kehrte der erste Gedanke an die Geliebte in

=Cornelius= Seele zurück. Es gewährte ihm eine süße Empfindung, auch ihr,

durch den kühnen Streich, der ihm gelungen, Freiheit, Ehre und

wahrscheinlich das Leben selbst gerettet zu haben. Aber in welcher

Sorge, in welcher entsetzlichen Beängstigung um ihn konnte sie schweben,

während er ruhig und sicher hier verweilte und die Zeit mit unnützen

Dingen hinbrachte!

»Schafft mich schnell zurück auf die Barke!« sagte er hastig zu dem

Kutter-Capitän. »Verliert keinen Augenblick! Jeder kann dem theuersten

Leben Gefahr bringen!«

=Jonas= sah ihn erstaunt an, aber auf seinen Wink ward sogleich ein Boot

in's Wasser gelassen. »Und wohin führt Euch Euer Weg weiter von

Antwerpen?« rief er dem Forteilenden nach.

»Nach =Mastricht=, Capitän!« erwiederte =Cornelius= hinabspringend. Die

vier Matrosen von der =Syrene= und einige Leute des Kutters folgten ihm.

»Jetzt ist es Zeit!« sagte =La Paix= zu seinem Freunde und Beide drängten

sich vor, um auch das nach der Barke abgehende Boot zu besteigen.

»Halt da!« donnerte die Stimme des Kutter-Capitäns sie an, indem er

ihnen in den Weg trat. »Ihr bleibt zurück! Ihr seyd Franzosen, ihr seyd

meine Gefangene!«

Wüthend griffen die zwei Studenten nach den Degen, um sich mit Gewalt

freie Bahn zu machen; aber im nämlichen Augenblicke schon sahen sie sich

ihrer Waffen beraubt. Einige Matrosen hatten sie von hinten ergriffen,

kein Widerstand war möglich.

Das Boot stieß ab. Mit einem schallenden Gelächter ließ =Jonas= die

entwaffneten Jünglinge stehen. Der laute Spott der Matrosen verwundete

sie bis in das tief Innerste.

»Das ist =Julianens= Werk!« knirschte =Le Vaillant= im verbissenen Ingrimm.

»_Corbleu!_ Ich werde mich an ihr rächen.«

»Nur ruhig!« ermahnte =La Paix=. »Mit Gewalt ist hier nichts zu thun.«

Der Kutter zog stolz an der Barke vorüber. Die Capitäne begrüßten sich.

Auf der Bank am Steuerborde lag bleich und, wie es schien, in tiefer

Ohnmacht eine weiß gekleidete Frauengestalt. Man war so nahe, daß man

ihre schönen, regelmäßigen Züge erkennen konnte. =Le Vaillant= und =La

Paix= mußten sehen, wie =Cornelius= hastig an Bord der =Syrene= stieg,

wie er sich in unruhiger Bewegung der Ohnmächtigen näherte und sie mit

dem Feuer, mit der Besorgniß eines Liebenden an seine Brust schloß.

»Das ist =Clelia van Vlieten=!« sprach mit einiger Erbitterung =La Paix=.

»Sie sind glücklich vereint und wir --«

»_Sandis!_« unterbrach ihn der Gascogner mit dem Fuße aufstampfend. »Ich

gönne ihm das Mädchen, aber unsere Ehre gebietet uns, sie ihm zu

entreißen.«

»Wenn wir uns erst selbst dem Capitän =Jonas= und seiner verschmitzten

=Juliane= entrissen haben werden!« setzte =La Paix= kaltblütig hinzu.

»=Mastricht= heißt die Losung: dort finden wir sie wieder!«

Von günstigen Winden getragen, schwebte der =lustige Freier von Rotterdam=

dem =Hollands-Diep= zu. Bald sah man die Barke nur noch wie einen kleinen

schwarzen Punkt, in weiter Entfernung hinter sich. Noch einige Minuten

lang konnten die scharfsichtigen Blicke der Leydener Studenten sie

erreichen. Dann war sie ganz verschwunden.

2.

In =Cornelius= Armen erwachte Jungfrau =Clelia van Vlieten= aus tiefer

Bewußtlosigkeit. Noch war sein Gesicht von Pulverdampf geschwärzt,

versengte Haare hingen auf die Stirn herab. Als sie ihn erkannte, fuhr

sie erschrocken zurück. Die Erinnerung des Geschehenen erwachte in ihrer

Seele. Welchen schrecklichen Gefahren hatte sich nicht der Geliebte blos

gestellt, wie leicht konnte er nicht von den ergrimmten Feinden bemerkt,

von ihnen auf das Grausamste behandelt, wie leicht konnte er nicht

selbst in das Verderben mit hineingerissen worden seyn, das er jenen

durch seine verwegene That bereitet! Aber war diese denn nicht auch um

ihretwillen unternommen worden? Ach, aus der Tiefe ihres Herzens erklang

eine Stimme, die ihr die Versicherung gab, daß nur die Liebe zu ihr den

jungen Mann zu einem so kühnen Werke habe begeistern können! Sie sah

=Jansen= in ihrer Nähe, sie sah sich und den Geliebten von Seeleuten

umgeben, die neugierig auf Beide blickten. Ihre ganze Lage wurde ihr

jetzt deutlich. Schüchtern schlug sie die Blicke nieder.

»Führt mich in die Cajüte!« sagte sie leise zu =Cornelius=, aber in einem

so zärtlichen Tone, wie sie noch nie zu ihm gesprochen hatte. Entzücken

ergriff seine Seele. Er sah ein, daß jetzt erst =Clelia's= Liebe zu ihm

ihre ganze Stärke gewonnen habe, daß sie in ihrer ganzen Macht ihr

selbst klar geworden sey. Bisher war das Mädchen noch mehr Kind als

Jungfrau gewesen, sie hatte mit den Gefühlen ein leichtes, ihr

wohlgefälliges Spiel getrieben, sie hatte den beschränkten Blick nicht

über den Kreis ihres Hauses erstreckt. Der heutige Tag mit seinen

vielfachen, wunderlich verschlungenen Begebenheiten hatte sie gereift.

Sie erkannte die Kraft der Liebe, sie fühlte sich ihr unterthan, sie

wußte nun, daß die Empfindungen, die ihr früher ein Spiel gewesen, ihre

Beherrscher geworden waren.

»Nehmt mir das Schwesterlein wohl in acht!« rief Frau =Beckje=, die eben

vom Cajütendache herab, nach ihrem Manne hinsprang, ihm zu. »Ihr habt

doch kein Feuerwerk mehr bei Euch, womit Ihr dem Kinde Schaden thun

könntet, etwa unter'm Kleide in der Gegend des Herzens?«

=Cornelius= befand sich nicht in der Stimmung, diese Neckerei zu

beantworten. Hätte er aber auch gewollt, so würde seine Rede nur

vergebens gewesen seyn, denn =Beckje= war rasch wie der Wind an ihm

vorübergeflogen, um ihrem lieben =Jansen= ihre Freude über den Sieg und

sein Wohlergehen an den Tag zu legen.

In der Cajüte fand Junker =van Daalen= und seine schöne Begleiterin die

beängstigte =Philippintje= auf den Knieen liegend und sinnlose Gebete vor

sich hin plappernd. Sie hatte nicht den Muth sich umzuwenden, um die

Eintretenden zu betrachten und ihre guten Freunde in ihnen zu erkennen.

»Sie kommen, sie kommen!« zeterte sie im Tone des Entsetzens. »Sie sind

da die spanischen Belialssöhne und wollen mich und mein himmlisches

Theil. Warum habe ich doch immer auf den =Schiwa= geschimpft und ihm nicht

Ehre erwiesen, wie der hochmögende Heer =van Vlieten= gethan aus guten

Gründen und in weiser Absicht! Jetzt könnte mir der Heidengott beistehen

gegen die satanischen Spagnols, die kein Erbarmen haben und alle Ketzer

brennen, wie wir daheim in =Rotterdam= die liebliche Caffeebohne --«

»Ruhig, ruhig, Jungfrau =Philippintje=!« unterbrach sie =Cornelius=. »Wir

sind es ja: =Clelia= und ich!«

Die Knieende starrte betäubt zu ihnen auf. Sie schien jetzt zu wissen,

wer vor ihr stand, aber ihre Angst wollte nicht weichen, ebensowenig wie

der Irrthum, der sich ihrer bemächtigt hatte. Sie betastete mit

zitternder Hand =Cornelius= verbrannte Kleider. Dann sagte sie gepreßt:

»=Er= hat uns, das ist gewiß! Den edeln Junker hat er schon angefangen zu

braten und dann mit Wasser wieder das Feuer gelöscht, damit die Qual

desto länger dauere, da sind die deutlichsten Spuren: die verbrannte

Krause, die geschwärzte Stickerei am Rocke, die Wasserflecken am ganzen

Leibe. Die Männer werden gebraten, die Frauen in's Kloster gesteckt.

Ach, =Clötje=, mein Kind, du siehst schon aus, wie eine unglückliche

Nonne, bleich und abgezehrt, schmachtend und verschmachtend! Wir werden

nimmermehr den würdigen Domine schauen, nie mehr den süßen Ton seiner

Rede hören: ein Mönch, ein entsetzlicher Mönch mit Kutte und Strick

angethan, wird an unserer unsterblichen Seele zerren, bis er sie

hinabgezerrt hat in den höllischen Schwefelpfuhl --«

»Holland und England!« fiel jetzt der ungeduldig werdende Junker mit

rauhem, lautem Tone ein! »So nehmt doch nur Vernunft an! Der Spagnol

kann uns nichts mehr thun, er wird uns weder braten noch sieden, im

Gegentheile ist er halbgebraten auf gen Himmel und wieder hinab in die

Wogen gefahren. Wir haben ihn in die Luft gesprengt.«

»In die Luft,« -- sagte die staunende =Philippintje=, indem einige Röthe

auf die gefurchten Wangen zurückkehrte und sie sich halb vom Boden

erhob. »Ihr habt ihn gesprengt,« fuhr sie zweifelnd fort, »ganz

auseinander gesprengt, den Spagnol, so daß nichts mehr von ihm da ist,

auch nicht ein Stückchen, ein Arm oder ein Bein, mit dem er uns ein

Uebles thun könnte?«

»Weder Arm, noch Bein, noch Fuß und Hand!« versetzte lachend der junge

Kriegsmann. »Die Winde haben sich in ihn getheilt, und jeder hat seinen

Antheil mit sich geführt.«

»Das vergelte Euch Gott!« stöhnte, wie sich von einer schweren Last

erleichtert fühlend, aus tiefer Brust die Hausjungfer und stand ganz

auf. »Ihr habt ein gutes Werk gethan, indem Ihr einen Spagnol gesprengt.

O, ich hätte wohl sehen mögen, wie der gottlose Dieb, der uns das

Bischen Caffee und Zucker nicht gönnt und in seiner Bosheit den edeln

Thee vertheuert, auseinander gefahren ist! Ich habe wohl Thüren und

Schlösser sprengen sehen, aber einen Spanier noch nicht. =Clötje=, wie sah

er denn aus? Hat er Hörner und Bocksfüße gehabt, wie der Leibhaftige?

Sind ihm Flammen aus dem Rachen hervorgegangen, blauer Dunst und

übelriechender Rauch?«

»Besinne dich doch, =Philippintje=!« ermahnte =Clelia= und ließ sich bei

diesen Worten erschöpft nieder. »Wir haben ein Seegefecht bestanden und

das ist siegreich zu Ende gebracht worden durch den Muth des Junker =van

Daalen=, der das feindliche Schiff in Brand gesteckt.«

»Richtig, =Clötje=, richtig!« erwiederte zu sich kommend das Mädchen. »Ich

besinne mich darauf. Also angesteckt hat er den Spagnol, wie ein

Schwefelhölzchen? Das war ein gescheidter Streich. Ja, ja, sie brennen

gut die Spagnols, denn sie sind fett von vielem Oeltrinken und

Butteressen! Aber hatte ich nun Unrecht, als ich dir den hochedlen

Junker anrühmte als einen, dem man wohl sein Schicksal vertrauen dürfe?

Wer kann in diesen wilden, kriegerischen Zeiten ein schwaches Frauenbild

besser beschirmen, als er, der zu Lande Admiral und auf der See General

seyn könnte? Ja, lacht nur, aber =Philippintje= hat doch recht! Es ist

keine Kleinigkeit, einem Spagnol so nahe zu kommen, daß man ihm den

brennenden Zunder an den fetten Leib halten kann, besonders wenn er sich

widersetzt, wie das so in seiner Art liegt. Meine Großmutter selig hat

mir erzählt, daß so ein Don von der ganzen Stadt =Leyden= belagert und

beschossen worden ist, daß er sich durch Zauberspruch und Amulett

feuerfest gemacht habe und zuletzt unter Wasser gesetzt werden mußte,

vor dem die Hexenkünste nicht bestehen können. Das war die berühmte

Belagerung von =Leyden=. Und mein =Balthasar= -- was ist nicht meinem

=Balthasar= Alles begegnet mit ihnen --«

»Erzählt uns das ein andermal, gute =Philippintje=!« fiel ihr =Cornelius=

in die Rede. »Geht lieber hinauf zu Frau =Beckje= und laßt Euch eine

Stärkung geben. Ihr scheint derer zu bedürfen.«

»Ihr habt Recht!« antwortete =Philippintje=, indem sie der Thüre zuwankte.

»Es ist mir schwach um's Herz und auf der Brust. Der Bootsmann besitzt

ein treffliches, stärkendes Elixir. =Den= will ich um einige Tröpflein

ansprechen. Halte dich wacker, mein =Clötje=! Denk' an den gesprengten

Spagnol und an die treue Liebe des hochedlen Junkers!«

Sie schlich seufzend und stöhnend die Treppe nach dem Verdecke hinauf.

=Cornelius= setzte sich an =Clelia's= Seite, nahm ihre Hand und sagte mit

zärtlichen Blicken:

»Habt Ihr Euch erholt von Euerem Schrecken, von der mir so theuern

Besorgniß um mich? O =Clelia=, könnt Ihr mir verzeihen, daß ich aus Euerm

stillen freundlichen Leben Euch herausgerissen habe in dieses unruhige

gefährliche Welttreiben? Wenn Ihr meine Liebe billigt, so könnt Ihr mir

nicht zürnen, denn =sie= hat mich zu Thorheit und Unbesonnenheit

fortgerissen, und -- ich muß es voll Scham gestehen -- zu Lüge und

Betrug. Ich will mich nicht entschuldigen. Ihr mögt mich richten, wie

Ihr wollt. Gebietet mir, Euch zurückzuführen, Euch nie wieder zu sehen,

Euch auf ewig zu entsagen -- ich werde diese Strafe nicht ertragen, aber

ich werde mich ihr unterwerfen ohne Murren.«

»Ihr kennt meinen Entschluß, Junker =Cornelius=!« antwortete mit einem

sanften Lächeln =Clelia= und er glaubte einen leisen Druck ihrer Hand

wahrzunehmen. »Ihr kennt auch meine Gesinnungen. Ich weiß nicht, ob mein

Vater unter den eingetretenen Umständen je das Bündniß zwischen uns

billigen wird, aber das weiß ich, daß ich nie einem anderen Manne, als

Euch, meine Hand reichen werde. Ja, lieber =Cornelius=, ich gelobe Euch

das! Ihr habt freilich auf eine unbesonnene Weise mich thörigtes Mädchen

verleitet, allein Ihr habt auch wiederum Euer Leben gewagt um

meinetwillen und eine Heldenthat vollbracht, von der man erzählen wird

im Vaterlande. Noch gestern war ich ein blödes Kind von geringer

Einsicht, fremd in Welt- und Kriegshändeln, glaubend einem jeden Worte

und fügsam in Alles, was man mir vorschlug. Ich bin eine andere geworden

seitdem. Ich überlege, ich handle selbst. Ich habe nicht allein meinen

Vater, ich habe auch meine Ehre zu bedenken. Wir gehen nach =Mastricht=

zur Muhme. Wie wir es schon verabredet, suchen wir von dort aus um des

Vaters Einwilligung nach. Ach, =Cornelius=, das werden lange Tage der

Erwartung seyn, bis wir seine Antwort erhalten! So stark ich mich auch

zu machen suche, so bin ich doch nur ein schwaches Mädchen, das in

ängstlichen Zweifeln fürchten und schwanken wird. Welches Glück, wenn

ich als Euere Braut, von unsern Vätern willkommen geheißen, nach

=Rotterdam= zurückkehren dürfte! Nur =so= oder nimmer sieht mich die

Vaterstadt wieder. Wird mir des Vaters Verzeihung nicht, versagt er

seine Erlaubniß zu unserm Glücke, in seinem leider gerechten Zorne, dann

bleibe ich ganz bei der Muhme und bringe meine Tage einsam und verlassen

hin, von jeder Weltfreude geschieden, zur Buße meines kindischen

Leichtsinns.«

»=Clelia=, ich verdiene Euch nicht;« sagte erbittert auf sich selbst der

Junker, stand auf und ging bewegt im Zimmer auf und nieder. »Ihr seyd

wahrhaftig zu gut für einen tollen Jungen, der sich arg an Euch

versündigt. Nicht genug, daß Ihr mir verzeiht, daß Ihr mir Euere Liebe

schenkt -- Ihr wollt auch duldsam und ergeben büßen für meine

Thorheiten, für Sünden, die ich, die aber nicht Ihr begangen habt. O,

ich erkenne Eueren ganzen Werth und meinen eigenen Unwerth! Aber ich

will auch ein anderer werden, als ich bisher war. Ihr sollt sehen, daß

ich den Leichtsinn hinter mir lasse und wenigstens =strebe= Euerer würdig

zu werden.«

Der Entschluß, den er in diesem Augenblicke faßte, war in der That der

erste Schritt zu seiner Besserung. Er wollte nicht nur =Clelia= während

der Reise für seine Schwester gelten lassen, er wollte sie auch als eine

solche halten, doch ohne die Vertraulichkeit eines Bruders gegen sie zu

üben, immer in den Schranken der Ehrerbietung, die ihre Gesinnung ihm

einflöste. Mit diesem Vorsatze reifte auch der Gedanke in seiner Seele,

daß es unrecht von ihm gehandelt sey, =Clelien= noch länger auf dem

trügerischen Elemente den Gefahren auszusetzen, welche dieses selbst und

der lebhaft auf ihm geführte Krieg bot. Zu Land schien ihm die Reise

weit sicherer. Waren auch an manchen Stellen feindliche Haufen

vorgedrungen, so konnte man ja das voraus erfahren und seine Maßregeln

darnach treffen. =Cornelius= kannte aus seinen früheren Feldzügen alle

Wege und Stege. Er war mit allen Kriegslisten vertraut, er konnte darauf

rechnen, an den meisten Orten, die der Landweg berührte, Bekannte zu

finden. Aber auf dem Schiffe? Hier war ringsum eine Schranke gezogen,

die niemand überschreiten konnte. Wer einmal in diesen Kreis gebannt

war, der mußte jedem Geschicke stehen, das sich in seine Bahn warf. War

es der entsetzliche Sturm, der verwüstend heranstürzt und Alles

vernichtet, was sich ihm entgegenstellt, war es die furchtbare

Wasserhose, die in ihren Wirbel Segel, Masten und Schiffe wüthend

hineinreißt, war es ein übermächtiger Feind, der das unbedeutende

Fahrzeug unter der Last seines Gewichtes verächtlich in die Nacht der

Wogen hinabdrücken konnte! Freilich hätte der verwegene Muth des jungen

Kriegsmannes allen diesen Dingen Hohn gesprochen, aber =Clelia= -- Nein!

Nein! Ihr Leben, ihre Ehre durfte nicht länger diesen Gefahren

ausgesetzt bleiben.

Die Abenddämmerung fing schon an, das kleine Gemach in Schatten zu

hüllen. Sie befanden sich nicht weit von der Festung =Willemstadt=. Wie

=Jansen= schon früher geäußert hatte, sollte die Barke bei einigen einsam

stehenden Häusern in der Nähe dieses Ortes anlegen und es stand dann

einem jeden frei, die Nacht am Lande, oder an Bord des Fahrzeuges

zuzubringen.

=Cornelius= eröffnete =Clelien= seine Absicht. Er that dieses auf eine

zarte und ehrerbietige Weise, die von ihr sehr wohl aufgenommen wurde

und welche ihn selbst in einem vortheilhaften Lichte erscheinen ließ.

»Wie Ihr es für gut findet, lieber Junker!« entgegnete traulich und

ungezwungen das Mädchen. »Ich habe immer nur still in meinem väterlichen

Hause gelebt und bin unbekannt mit den Regeln der Vorsicht, die man auf

Reisen beobachten muß. Ich verlasse mich ganz auf Euch in dieser

Angelegenheit und ich glaube, ich kann es auch jetzt.«

Ein freundlicher und liebevoller Blick begleitete diese Worte.

»Bei dem Degen des großen =Marlborough=!« rief feuerig der junge Mann:

»ich wäre nicht werth, unter König =Wilhelm= gefochten zu haben, wenn ich

jemals Euer Vertrauen wieder zu täuschen vermöchte. Ihr habt ganz über

mich zu gebieten, wie über einen Diener, der Euch den vollkommensten

Gehorsam schuldig ist. Ja, =Clelia=, ich will Euch durch meine Ehrfurcht,

durch Gehorsam und Treue dahin bringen, daß Ihr vergessen sollt, wie ich

einmal diese Gefühle außer Augen gesetzt und Euch tief gekränkt habe

durch schmählichen Betrug! Ihr sollt in =Cornelius van Daalen= einen neuen

Menschen kennen lernen, der von dem alten nichts übrig behalten hat, als

eben das wenige Gute, was an ihm war. Ich glaubte glücklich zu werden

durch jenen unbesonnenen Streich, aber wie sehr habe ich mich geirrt! Es

gibt kein entsetzlicheres Gefühl, als das des eigenen Unwerths, das fort

und fort am Herzen nagt.«

»Ihr müßt nicht so Viel =denken=!« tröstete gutmüthig lächelnd =Clelia=.

»Sonst war ja das =Denken= Euch zuwider, wie unserer =Philippintje= der

=Schiwa=; warum wollt Ihr Euch jetzt in quälende Gedanken versenken, die

doch nichts bessern können?«

»Mich können und sollen sie bessern;« entgegnete =Cornelius= mit einem

Ernst, der ihm seltsam anstand. »Ich habe ihnen nur zu oft und zu lange

meine Seele verschlossen, ich habe die köstlichsten Gaben des Menschen

von mir verbannt, um ganz den Thorheiten zu leben, die ich aus dem

wilden Kriegstreiben mitheimgebracht.«

»Nein, nein!« bat =Clelia=. »Ihr dürft Euere heitere Laune nicht

verbannen, sie muß uns die Beschwerden der Reise erleichtern, sie wird

uns unvermerkt und freundlich an den Ort unserer Bestimmung führen. Und

weil Ihr mich doch einmal zu Euerer Gebieterin erkoren habt,« setzte sie

schalkhaft und bedeutungsvoll hinzu, »so befehle ich Euch hiermit, jeden

düsteren, unangenehmen Gedanken von Euch fern zu halten und fortan als

ein freundlicher Gesellschafter mir zur Seiten zu bleiben!«

Sie stand auf und näherte sich der Thüre. =Cornelius= betrachtete sie mit

Blicken voll Entzücken. Das war dieselbe =Clelia= nicht mehr, die mit

kindischer Blödigkeit durch die Straßen von =Rotterdam= zur Kirche

geschritten, die, wie einem Bibelspruche, den Worten Glauben geschenkt,

welche der Leichtsinn ihr vorgeplaudert, die nichts kannte als den engen

Raum des Hauses, als den Weg zur Kirche und wieder zurück, die mit

großer Wichtigkeit jede Kleinigkeit behandelt, ohne der Dinge

eigentliche Bedeutung zu erkennen. Wie verständig, wie schonend, wie

zart und liebevoll zugleich begegnete sie nicht ihm, der doch so schwer

gegen sie gefehlt! Welche Selbstbeherrschung wußte sie über sich zu

üben, mit welcher Güte suchte sie ihn zu trösten und zu erheben und wie

schön, wie unvergleichlich und reizend stand ihr nicht Alles an, was sie

sagte und that!

»Sie ist ein Engel!« rief er aus, als sie durch die Thüre verschwunden

war. »Und ich -- ich -- o! ich will den Himmel zu erringen suchen, den

sie nur allein bereiten kann!«

Er eilte ihr nach und erreichte sie noch, ehe sie das Verdeck betrat.

Auf diesem hatte indessen Alles eine andere Gestalt gewonnen. Die

kriegerischen Rüstungen waren verschwunden, das Bord war von

Waffentrümmern und Blut gesäubert worden, die Verwundeten befanden sich

unter sorgsamer Pflege im Raume: Alles hatte ein friedliches Ansehen,

nur der drohende Besen prangte noch an der Spitze des Mastes.

Auf dem Vorder- und Hinterverdecke erblickte man Gruppen fröhlicher

Seeleute. =Jansen= war ein strenger, aber dabei auch ein gutmüthiger und

jovialer Befehlshaber. Seine Leute hatten sich gut gehalten, sie hatten

ihm einen großen Dienst geleistet, indem die reiche, von ihm verbürgte

Ladung vor dem Spanier gerettet worden war. Er wollte ihnen nun auch

vergelten, er wollte ihnen einen lustigen Abend machen. Ein Fäßchen

Genever ward ihnen preißgegeben, die Mundrationen an Käse und Häring

wurden verdoppelt und Tabak erhielt ein jeder soviel, daß er auf mehrere

Wochen hin genug hatte. Was konnte das Herz eines holländischen Matrosen

mehr begehren? Die Seeleute überließen sich auch einer Freude, die sie

ganz aus der Ruhe und Stille, welche auf holländischen Schiffen

gewöhnlich herrscht, herausriß. Sie scherzten und lachten, sie sangen

allerlei Spottlieder auf die spanischen Dons, Volksgesänge, die damals

im Gebrauche und in den Niederlanden allgemein verbreitet waren.

Als =Cornelius= auf dem Verdeck erschien, ward ihm von den Matrosen, die

in einem Kreise am Vordertheile versammelt waren, ein lautes Vivat

gebracht. Alle stürmten auf ihn zu. Er mußte mit jedem trinken, aber er

nippte von dem Inhalte der dargebotenen Gläser nur zum Scheine und um

keinen der fröhlichen Seeleute durch eine Weigerung zu kränken.

»Ein wackerer Junge!« rief der eine. »Er hat die =Syrene= gerettet. Ohne

ihn hingen wir dem Spagnol im Schlepptau!«

»Schade, daß er kein Seehund ist!« schrie ein anderer. »Er würde das

Meer rein halten von spanischen Don's und französischen Mosje's!«

»Er ist so tapfer, wie seine Schwester schön ist;« jubelte ein dritter,

der dem Genever etwas mehr zugesprochen hatte, als seine Cameraden.

»Auch seine Schwester soll leben!«

»Hoch!« stimmten die Uebrigen ein. =Clelia= wandte sich erröthend ab und

ging mit dem Junker nach dem Platz am Steuerruder, wohin =Jansens=

mächtige Stimme sie rief.

»Backbord und Bramsegel! Da ist unser unzertrennliches Geschwisterpaar;«

empfing er sie in spöttischem Tone. »Der Held des Tages erscheint und

die Heldin, denn ich wette zehn holländische Linienschiffe gegen ein

Treekschujt, ohne die Schwester hätten wir uns noch mit dem Hidalgo

herumbalgen können, bis mit Gotteshülfe der Kutter herbeigekommen wäre,

um uns Beistand zu bringen! Kommt! Setzt Euch zu uns! =Beckje= hat einen

warmen Würzwein gebraut, der sich wohl trinken läßt auf solche Arbeit

und an Neuigkeiten zur Unterhaltung wird's auch nicht fehlen.«

Die Mumie von Rotterdam. Zweiter Theil · 第 2 / 14 段