der Wanderung den _Aal_ (_Anguílla vulgáris_), bei dem ja gerade
seine ausgedehnten Reisen sein ganzes Leben mit einem schier
undurchdringlichen Schleier des Rätselhaften und Geheimnisvollen umhüllt
haben, den zu lüften emsiger Forschung erst in jüngster Zeit gelungen
ist. Fortpflanzung und Wanderung sind hier nicht nur in der innigsten,
sondern auch in der seltsamsten Weise miteinander verknüpft. Lange
tappte man diesbezüglich im dunkeln und erzählte sich mehr oder minder
unsinnige Märchen nach, und daß die Forschung das große Aalproblem jetzt
in seinen Hauptzügen, wenn freilich auch noch lange nicht erschöpfend
gelöst hat, darf als einer der glänzendsten Triumphe der biologischen
Wissenschaft angesehen werden. Viel hat zu der jahrhundertelangen
Verwirrung der Umstand beigetragen, daß es lange nicht gelingen wollte,
Geschlechtsorgane bei unseren Süßwasseraalen aufzufinden, so unzählige
man auch dieserhalb untersuchte. Da kann es nicht Wunder nehmen, daß das
uralte Märchen von der Urzeugung gerade beim Aal überraschend lange in
Geltung blieb, um später durch die ebenso falsche Auffassung abgelöst zu
werden, daß der Aal lebendige Junge gebäre. Wahrscheinlich wurde sie
hervorgerufen durch die Auffindung von massenhaft im Leibe des Aals
schmarotzenden Spulwürmern (Ascaris), die bei oberflächlicher
Betrachtung wohl als Jungaale gelten konnten. Noch in den 70er Jahren
ist ein strebsamer Naturgeschichtsprofessor auf eine ihm von einem
Fischer gebrachte »Aalmutter« hereingefallen (es ist dies ein ganz
anderer Fisch, _Zoarces vivipara_, der schon seit Jahrhunderten als
lebendig gebärend bekannt ist) und hat einen sehr langen, sehr
gelehrten und schön illustrierten Aufsatz darüber in der »Gartenlaube«
veröffentlicht, um dadurch das Lebendgebären beim Aale zu beweisen. Auch
über einen vermutlichen Generationswechsel bei diesem merkwürdigen
Fische hat man viel gefabelt. In Wirklichkeit verhält sich aber die
Sache so, daß alle in unseren Süßwassern lebenden Aale überhaupt noch
nicht geschlechtsreif sind. Denn als man endlich mit Hilfe der
gesteigerten Mikroskoptechnik die Geschlechtsorgane auffand, die in
Fettmassen verborgen liegen, da stellte es sich heraus, daß sie noch
völlig unentwickelt waren. Hatten doch die Eier in den weiblichen
Geschlechtsteilen kaum einen Durchmesser von 0,1 _mm_, waren also mit
bloßem Auge gar nicht sichtbar. Da man schon längst wußte, daß ein Teil
unserer Aale im Herbst ins Meer wandert, lag die Folgerung nahe, daß die
Tiere erst dort ihre volle Geschlechtsreife erlangen und zum Laichen
schreiten. Von da an befand sich die Forschung auf dem richtigen Weg,
und es ist namentlich das Verdienst des Italieners Grassi und des Dänen
Schmidt, daß heute das Aalproblem den Nimbus des Unerklärlichen verloren
hat. Weitere Untersuchungen haben gezeigt, daß fast alle die großen Aale
unserer Binnengewässer Weibchen, also Aaljungfern sind und sich durch
silbergrauen Bauch auszeichnen, während die viel kleineren, gelb- oder
braunbäuchigen Aale an den Strommündungen und Haffen fast nur aus
Männchen bestehen. Im Alter von 3-7 Jahren -- je nach dem
Ernährungszustand -- wird die Aaljungfrau, deren ganzes Dasein bis dahin
lediglich aus Fressen und Schlafen bestand, von einer unüberwindlichen
Sehnsucht nach dem fernen Meere gepackt, in dessen tiefsten Gründen
einst ihre Kinderwiege stand. Sie begibt sich auf die Reise und findet
unterwegs eine sich ständig vermehrende Zahl von Gefährtinnen, die die
gleiche Sehnsucht vorwärts treibt. Die Wanderung vollzieht sich
namentlich in recht dunklen, stürmischen und unfreundlichen Nächten, in
denen etwa je 15 _km_ zurückgelegt werden, wird aber öfters durch Rast-
und Erholungstage unterbrochen, so daß es geraume Zeit dauert, bis man
am Ziele angelangt ist. Unzählige gehen unterwegs an der Tücke des
Menschen oder an anderen Unbilden zugrunde, aber dafür treffen die
Überlebenden in den Strommündungen mit den Männchen zusammen, so daß nun
beide Geschlechter in traulichem Verein die Reise fortsetzen können, die
noch gar weit ins Innere des Weltenmeeres hineinführt. Inzwischen haben
die Eierchen, deren jedes Weibchen 1 bis 1-1/2 Millionen bergen soll,
schon um das 2 bis 2-1/2fache an Größe zugenommen, aber erst durch die
Berührung mit dem fruchtbringenden Meer entwickeln sich nun beider
Geschlechter Organe zu derjenigen Vollkommenheit, die zur Ausübung des
Laichaktes notwendig ist. Gleichzeitig wird der Aal zum Tiefseefisch,
von Farbe dunkler und metallglänzend, mit spitzerem Kopf und weit
größeren, 1 _cm_ im Durchmesser haltenden Augen. An seine Laichplätze
stellt er ganz besondere, sehr spezifizierte Forderungen. Sie sollen in
ungefähr 1000 _m_ Meerestiefe liegen, einen Salzgehalt von 3,52 Proz.
und eine Durchschnittstemperatur von etwa 9° haben, was bei solch
erheblicher Meerestiefe von vornherein nur in der Nähe des wärmenden
Golfstroms möglich ist. Der Aal findet derartige Plätze erst weit
draußen im offenen Atlantik, in einem halbmondförmigen Gebiet, das sich
von den Faröern zur Küste Spaniens erstreckt. Hier wird also Hochzeit
gefeiert in für das menschliche Auge undurchdringlichen Tiefen: die
Binnengewässer sind des jungen Aales Tummelplatz, die Meerfahrt ist
seine Brautfahrt, die Tiefe des Atlantik sein Hochzeitsbette und
wahrscheinlich auch sein Grab. Wenigstens hat man keinen der so
stürmisch zu den Freuden der Minne nach dem Meere strebenden Aale jemals
wieder in die Ströme zurückkehren sehen. Vielleicht führen sie nach der
Laichzeit noch ein unbeachtetes Dasein im grenzenlosen Ozean,
wahrscheinlicher aber gehören sie zum Stamme jener Asra, »die da
sterben, wenn sie lieben,« ähnlich wie die Neunaugen, deren Lebenslauf
ja überhaupt manche Ähnlichkeit mit dem des Aales aufweist. Ihr Dasein
hat ja auch keinen rechten Zweck mehr, denn für die Erhaltung ihrer Art
haben sie überreichlich gesorgt. Die Myriaden kleiner Krebstierchen in
der Tiefsee werden sich gierig über die Leichname herstürzen und diese
nicht nur gründlich, sondern auch so rasch vertilgen, daß sie erst gar
keine Zeit haben, durch Leichengase aufzuschwellen und an die Oberfläche
emporzukommen. Da sich also die wichtigsten Lebensvorgänge des Aales im
Meere abspielen, muß er unbedingt als ein Meeresfisch bezeichnet werden,
der erst in zweiter Linie und nebenbei auch zum Süßwasserbewohner
geworden ist. Beim Lachs verhält es sich gerade umgekehrt. Auch die
abgelegten, auffällig kleinen Eier bleiben in der Tiefe, da ihnen ein
flottierendes Element in Gestalt von beigegebenen Öltröpfchen, wie es
viele andre Fischeier haben, fehlt, und dies ist ein Grund mehr dafür,
daß sie so schwer und so selten aufgefunden werden. Ihnen entschlüpfen
nun aber keineswegs fertige Jungaale, sondern gar seltsame Wesen, die
eine Larvenform darstellen und wenigstens äußerlich so stark vom
Aaltypus abweichen, daß man sie früher unter dem Namen Leptocéphalus
breviróstris als eine eigene Art beschrieb, ohne ihren nahen
Zusammenhang mit der heiß umstrittenen Fortpflanzungsgeschichte des
Aales zu ahnen. Diese Wesen sind 6-8 _cm_ lang, haben die flache Form
eines Weidenblatts, dazu einen winzigen Kopf und eine kleine
Schwanzflosse und bestehen im übrigen fast ganz aus mächtigen
Muskelzügen. Ihr Blut ist farblos, das ganze Geschöpf wasserhell und
durchsichtig wie Glas, so daß man durch seinen Leib hindurch sogar lesen
kann. Die Tierchen kommen später bei Nacht an die Oberfläche des Meeres,
während sie sich bei Tage in Tiefen von 100-150 _m_ aufhalten.
Allmählich wandeln sie sich zum Aal, wobei verschiedene Zwischenstadien
durchlaufen werden. Der Leib wird dicker und runder, die Flossen bilden
sich aus, und schließlich ist ein Geschöpf von echtem Aaltypus fertig,
das aber etwas kürzer erscheint als die Larve (da diese zuletzt keine
Nahrung zu sich nimmt) und zunächst auch noch glashell ist. Diese
»Glasaale« begeben sich nun auf die Wanderschaft und suchen in dicht
gedrängten Zügen Strommündungen zu erreichen. Zu Milliarden finden sie
sich an geeigneten Plätzen ein, eine Erscheinung, die die Franzosen als
»_montée_«, die Italiener als »_montada_« bezeichnen. Der Bristolkanal,
der Ärmelkanal und der Busen von Biskaya sind ihre bevorzugten
Einfallspforten. Wie riesenhafte Schlangen von 1-3 _m_ Breite und
entsprechender Dicke wälzen sich diese Züge dicht an den Ufern der
Ströme entlang, getreulich alle Windungen und Krümmungen des Flußbettes
mitmachend. Hier machen sie zum ersten Male unwillkommene Bekanntschaft
mit dem Menschen, der nur mit dem Kätscher aus diesem lebenden Strome zu
schöpfen braucht, um Millionen junger Fischleben zu vernichten und sich
selbst einen flüchtigen Gaumenkitzel zu bereiten, indem er die zarten
Dinger mit Eiern zu recht wohlschmeckenden Omeletten verbäckt. Von der
fabelhaften Menge, in der die Glasaale bei solchen Gelegenheiten
auftreten, kann man sich einen ungefähren Begriff machen, wenn man hört,
daß z. B. im Severnfluß pro Fischer und Nacht nicht selten 500 Pfund
und mehr gefangen werden, wobei man etwa 1000 Jungaale auf das Pfund
rechnen kann. Die Tierchen haben sich während der langen Reise auch
schon etwas weiter entwickelt und sind jetzt namentlich stärker
pigmentiert, und bald nach dem Eintritt in die Flüsse schwindet die
Glasfarbe ganz. Der Entwicklungszustand, in dem die ihren Namen jetzt
kaum noch verdienenden Glasaale in die Flüsse eintreten, ist naturgemäß
ein sehr verschiedener, je nach der Entfernung, die sie vom
Geburtsplatze aus bis dahin zurücklegen mußten und je nach der darüber
vergangenen Zeit. Die zur Ostsee und deren Zuflüssen wandernden Jungaale
sind naturgemäß schon sehr viel weiter in ihrer Entwicklung
vorgeschritten. Meist treffen die Jungaale im Frühjahr an den Küsten
ein, nachdem ihre Verwandlung aus dem _Leptocéphalus_ zum Glasaal etwa
ein Jahr beansprucht hat. Die große Mehrzahl der Männchen bleibt in den
Brackwässern und Strommündungen zurück, während die Weibchen weiter
ziehen. Vielleicht verhält sich die Sache aber auch so, daß die
Geschlechter bei den Glasaalen überhaupt noch nicht differenziert sind,
sondern sich erst infolge der verschiedenen Ernährungsverhältnisse
später herausbilden, wonach also die größeren Weibchen auf bessere
Nahrungsverhältnisse hindeuten würden. In den Flüssen strebt die ganze
Masse geschlossen vorwärts, aber bei jedem einmündenden Nebengewässer
zweigt sich ein Teil ab, so daß die Hauptschar immer geringer wird und
schließlich das ganze Heer sich verteilt wie der Blutstrom in den Adern
eines Körpers. Entgegenstehende Hindernisse in Form von Wasserfällen
oder Wehren überwinden die kaum bindfadendicken, schwächlichen Fischchen
mit staunenswerter Rücksichtslosigkeit und Tatkraft. Mögen Tausende und
Zehntausende dabei zugrunde gehen -- ihre feuchten und schlüpfrigen
Leiber bilden dafür die Brücke, die den andern den Übergang ermöglicht.
Selbst der gewaltige Rheinfall von Schaffhausen, den die muskelstarken
Lachse nicht zu nehmen vermögen, wird von diesen zähen Fischchen
überwunden, und so erklärt es sich, daß auch im Bodensee Aale vorkommen.
Da die Anwohner der Flüsse und Binnenseen die Einwanderung der
geschätzten Fische natürlich sehr gern sehen, bemüht man sich vielfach,
den Aalen entgegenzukommen und ihnen den Aufstieg über schwer zu
überwindende Hindernisse zu erleichtern, indem man sogenannte Aalleitern
anbringt. Es sind dies im Zickzack verlaufende, feucht zu haltende
Holzrinnen, die durch Moos- oder Sandbelag Halt gewähren, oft auch mit
Rippen und Querwänden versehen sind. Auf diese Weise hat man es den
Aalen z. B. neuerdings möglich gemacht, die großen schwedischen Gewässer
oberhalb der Trollhättafälle zu besiedeln, über die sie früher nicht
hinwegzukommen vermochten. In besonders raffinierter und geschickter
Weise aber haben schon seit alten Zeiten italienische Fischer in dem im
südlichen Podelta gelegenen Lagunenstädtchen Comacchio die eigenartige
Naturgeschichte des Aales praktisch zu nutzen verstanden, sozusagen
instinktiv, ohne doch jene zu kennen. Man hat dort in den ausgedehnten
Lagunen ein großartiges System von Schleusen und Kanälen angelegt,
derart, daß die eintretende »_montada_« durch Beeinflussung mit Licht
usw. in die Becken gelockt wird, worauf man den Rückweg absperrt. Die
jungen Aale entwickeln sich nun unter sorgfältiger Hege während der
nächsten Jahre, aber wenn sie dann der Wandertrieb ergreift und sie zum
Meere herabziehen wollen, geraten sie in die Sammelbecken, wo sie
herausgenommen und geschlachtet werden. 500 Beamte beansprucht die
Verwaltung dieses berühmten Aalstaates von Comacchio, liefert dafür aber
auch jahraus jahrein durchschnittlich 5 Millionen Pfund vorzüglichsten
Aalfleisches. Nicht nur die italienischen Großstädte werden von hier aus
versorgt, sondern ein guter Teil der gefangenen Aale wandert sogar in
die Räuchereien Norddeutschlands. Denn hier wird der schmackhafte Fisch
leider immer seltener, besonders im Ostseegebiet, was ja erklärlich
erscheint, wenn man berücksichtigt, welch unzählige Fährlichkeiten die
vielverfolgten Aale auf den weiten Reisen von und nach den entlegenen
Brutplätzen zu bestehen haben. Überdies ist man gerade in Westpreußen
vielfach so töricht gewesen, die Abflüsse der Seen durch Dämme zu
sperren und so den Aalen die Rückwanderung unmöglich zu machen, und sie
sind dann dort natürlich ausgestorben. Unter diesen Umständen ist es mit
großer Freude zu begrüßen, daß die preußische Regierung neuerdings
Millionen von Glasaalen aus dem Bristolkanal lebend nach norddeutschen
Gewässern überführen ließ, wobei freilich anfangs tüchtig Lehrgeld
gezählt werden mußte. Nach all dem Gesagten ist es wohl klar, daß
eingeborene Aale nur in solchen Gewässern vorkommen können, die in einer
wenn auch noch so weitläufigen und verzweigten Verbindung mit dem Meere
stehen. Der oft gehörte Einwand, daß auch in völlig abgeschlossenen
Teichen Aale gefunden wurden, läßt sich leicht entkräften durch die
Erfahrungstatsache, daß häufig junge Fischchen durch Wasservögel im
Gefieder oder an den Rudern in fremde Gewässer verschleppt werden. Sie
müssen dort aber ebenso wie künstlicher Einsatz wieder aussterben, falls
nicht rechtzeitig für frische Zufuhr gesorgt wird. Die in solchen
Gewässern eingesperrten oder auf der Reise verirrten Aale werden
schließlich zu alten Jungfern mit verkümmerten Geschlechtsorganen,
erreichen dafür aber eine riesenhafte Größe und ein Gewicht von 15 und
mehr Kilogramm, während es sonst bei 3/4-1-1/2 _m_ Körperlänge nicht
leicht über 5 _kg_ beträgt und die Männchen kaum länger als 45 _cm_
werden, also für Küchenzwecke wenig in Betracht kommen. Das weiße
Fleisch des Aals ist zwar nicht leicht verdaulich, aber sehr fett und
äußerst wohlschmeckend, und wird sowohl in frischem Zustande wie
geräuchert oder mariniert allenthalben hoch geschätzt. An seinen
Wohnplätzen im Binnenlande führt der Aal ein recht beschauliches Leben
und nimmt bei seiner Gefräßigkeit rasch zu. Am liebsten sind ihm etwas
tiefere Gewässer mit weichem Untergrund, in den er sich bei Tage tief
einwühlt. Doch kommt er auch an allen möglichen anderen Örtlichkeiten
vor. So fand ich ihn auf Teneriffa in ganz kleinen Rinnsalen zwischen
felsigem Gestein, wo man ihn mit der Hand greifen konnte, nachdem der
Hund sein Versteck gemeldet hatte. Auch am Bristolkanal jagt man bei
Ebbe die im Meeresschlick zurückbleibenden Aale mit Hilfe von besonders
darauf dressierten Terriers. Bei uns ist die üblichste und ergiebigste
Fangart für Aale diejenige mit Reusen. Der Aal ist ein ausgesprochenes
Nachttier, verläßt also erst mit Einbruch der Dunkelheit seinen
Schlupfwinkel, um Nahrung aufzusuchen. Wegen seines kleinen Maules kann
er zwar große Bissen nicht bewältigen, hält sich aber dafür durch die
Menge des Verzehrten schadlos. Auf Fischlaich ist er sehr erpicht und
pfropft sich damit, wenn er ihn haben kann, bis zum Platzen voll, ist
deshalb in Zuchtteichen ein sehr ungern gesehener Gast. Ebenso haben die
frisch gehäuteten, also weichen Krebse in ihm einen bösen Feind, und er
vermag die schmackhaften Kruster durch fortgesetzte Verfolgung noch
gründlicher auszurotten als die gefürchtete Krebspest, zumal er sich mit
seinem geschmeidigen Schlangenleib durch unglaublich enge Spalten und
Ritzen hindurchzuzwängen, ja gewissermaßen hindurchzubohren vermag.
Seine ungemein schlüpfrige und schleimige Haut, in der die kleinen
Schuppen ganz versteckt sitzen, und die ihm bei Gefahr manchmal das
Leben retten mag, kommt ihm dabei auch sehr zustatten. Daß er eine
erstaunliche Lebenszähigkeit besitzt, hat wohl schon jede Köchin zu
ihrem Leidwesen erfahren. Recht gern geht er auch an Aas. Immer und
immer wieder liest oder hört man, daß die Aale in feuchten Nächten
Spaziergänge auf die den Teichen benachbarten Felder unternehmen sollen,
um sich an den Erbsen gütlich zu tun. Die moderne Wissenschaft erklärt
das kurzweg für ein Märchen, aber es ist insofern etwas Richtiges daran,
als der Aal in der Tat infolge besonderer Schutzvorrichtungen an den
Kiemen (sie stehen nur durch 1-2 schmale Seitenspalten mit der Außenwelt
in Verbindung, sind also nicht so leicht dem Austrocknen preisgegeben)
ziemlich lange außerhalb des Wassers auszuhalten vermag, und dieses auch
manchmal freiwillig verläßt, wenn ihm der Aufenthalt in dem feuchten
Elemente aus irgendwelchen Gründen ungemütlich wird. Dies ist z. B. bei
elektrischen Entladungen der Fall, gegen die alle niedrig stehenden
Fische eine außerordentlich große Empfindlichkeit an den Tag legen.
Merkwürdig ist weiter die große Lichtscheu des Aales. Durch grelle
Beleuchtung kann man ihn an jeden beliebigen Platz scheuchen, und
hierauf beruht auch der Vorschlag des genannten dänischen Forschers
Schmidt, alle zum Meer wandernden Aale in den Ostseeländern mit Hilfe
von Scheinwerfern abzufangen und dafür alljährlich frische Glasaale
einzusetzen, ein Vorschlag, der glücklicherweise selbst der beteiligten
Fischereibevölkerung zu radikal erschienen ist. Interessant wie alles am
Aale ist endlich auch noch seine Verbreitung. Sie ist eine sehr große,
aber in allen zum Kaspi oder zum Schwarzen Meere abwälzenden
Stromsystemen (Donau!) fehlt er völlig. Es ist das auch ohne weiteres
erklärlich, da der isolierte Kaspi viel zu seicht ist, als daß er den
Aalen geeignete Laichplätze bieten könnte, und da das Schwarze Meer
schon in einer Tiefe von 2-300 _m_ derart mit Schwefelwasserstoffgas
gesättigt ist, daß die Larven darin gar nicht zu leben vermöchten.
Allerdings hat man Jungaale mit Erfolg in der Donau eingebürgert, und es
mögen auch einige durch die künstlichen Wasserstraßen vom Maingebiet her
einwandern oder vom Mittelländischen Meere aus durch den Bosporus in die
Donaumündung gelangen.
[Illustration: Kopf eines Rheinlachses mit schwach ausgebildeten
Haken. (Naturaufnahme von _Dr._ E. Bade.)]
Ein gutes Gegenstück zum Aale in bezug auf Wanderung und Laichgeschäft
ist der gleichfalls so hoch geschätzte _Lachs_ (_Sálmo sálar_). Wenn im
zeitigen Frühjahr unsere Küsten eisfrei werden, erscheinen daselbst aus
tieferen und mehr nördlich gelegenen Meeresteilen fortpflanzungsfähige
Lachse in Trupps zu 30-40 und halten sich zunächst noch längere Zeit an
den Strommündungen und in den Haffen, überhaupt möglichst im Brackwasser
auf, um sich an den Übergang aus dem Salz- ins Süßwasser allmählich zu
gewöhnen, da ein zu plötzlicher Wechsel ihrem Organismus nicht
zuträglich ist, vielmehr oft ihren Tod zur Folge hat, wie auch durch
Versuche nachgewiesen wurde. Nach dieser Übergangszeit aber steigen sie
in den Flüssen selbst aufwärts als wohlgenährte, kraftstrotzende und
lebensfrohe Tiere mit schiefergrauem Rücken, silberigen Seiten und weiß
schimmerndem Bauch. In diesem Zustande heißen sie bei den Fischern Salme
und werden besonders geschätzt, deshalb auch eifrig weggefangen. Manche
bleiben auch ein ganzes Jahr im unteren Teil der Ströme, überspringen
also eine Laichperiode und bekommen dann als sogenannte Winterlachse ein
besonders zartes, schön rot gefärbtes Fleisch. Die große Mehrzahl aber
wandert gleich weiter und legt nun unterwegs das Hochzeitskleid an, das
bei ganz alten Milchnern in den herrlichsten Farben prangt: der Rücken
wird tief schwarz mit Sammetglanz, die Flanken erscheinen übersät mit
lose hingetupften, brennendroten, bisweilen zu Zickzacklinien
verfließenden Flecken, der Bauch prangt in lebhaftem Orangerot, über die
Seiten huschen grünliche Lichter, und die Flossen werden teilweise
wunderbar chromgelb. Übrigens ändert die Gesamtfärbung bei allen
lachsartigen Fischen ganz außerordentlich ab, wodurch ihre genaue
Beschreibung sehr erschwert wird und dem Systematiker viele
Verdrießlichkeiten erwachsen, zumal auch schon in freier Natur
zahlreiche Verbastardierungen vorkommen, so daß bezüglich einer strengen
Scheidung der einzelnen Arten auch heute noch vielfach Unklarheiten
herrschen. Alter, Geschlecht, Jahreszeit, Ernährungsverhältnisse, Klima,
Beschaffenheit des Wassers und des Untergrundes scheinen die dabei
maßgebenden Faktoren zu sein. Selbst Skelett, Flossenstrahlen und
Bezahnung, also Körperteile, die bei anderen Fischen als unverrückbar
feststehend gelten, und deshalb sichere Artkennzeichen abgeben, sind
mannigfachen Veränderungen unterworfen. Gleichzeitig mit dem Auftreten
der prangenden Hochzeitsfarben verdickt sich beim männlichen Lachse die
Oberkopf- und Nackenhaut schwartenartig, so daß die kleinen Schuppen
völlig darin verschwinden, die Schnauze streckt sich, und der
Unterkiefer wächst sich zu einem eberzahnartig nach oben gebogenen Haken
aus, der 6 _cm_ lang werden und dann das Schließen des Maules unmöglich
machen kann (Hakenlachs). Die bedeutsamsten Veränderungen gehen aber im
Inneren des Körpers selbst vor, indem nach und nach die
Geschlechtsorgane zu einer fabelhaften Mächtigkeit entwickelt werden.
Machten sie vorher nur 1/2 Proz. des Körpergewichtes aus, so jetzt 25
Proz. und mehr! Diese einseitige Bereicherung erfolgt ganz auf Kosten
der feisten Rumpf- und namentlich Seitenmuskulatur, die förmlich
zusammenschrumpft, und so wird aus dem wohlgenährten Salm in kurzer Zeit
ein zwar bunter, aber klapperdürrer Geselle. Während bisher die Reise
nur langsam und zögernd, im gemächlichen Bummeltempo vor sich ging,
ergreift nun die von reifen Geschlechtsprodukten strotzenden Fische ein
schier unbändiger Wandertrieb, der sie alle Hindernisse überwinden und
rücksichtslos das Leben aufs Spiel setzen läßt, um das Ziel ihrer
Sehnsucht baldmöglichst zu erreichen. Zur leichteren Überwindung des
Wasserwiderstandes ordnen sie sich wie Kraniche oder Wildgänse zu
keilförmigem Zuge, wobei das älteste und stärkste Exemplar die Spitze
nimmt. Stellt sich ein Wehr oder Wasserfall entgegen, so schwimmen die
Fische bis unmittelbar an seinen Fuß heran, stützen sich mit der
Schwanzflosse auf einen Stein und schnellen sich dann durch einen
gewaltigen Muskeldruck mit halbmondförmig gekrümmtem Körper aus dem
Wasser heraus und über das Hindernis hinweg, wobei sie Sprünge von 3-4
_m_ Höhe und 5-6 _m_ Weite im Bogen vollführen. Mißlingt der erste, so
wird er unzählige Male wiederholt, bis das Wagnis endlich doch glückt
oder der Lachs mit zerschundenem Leibe sterbend auf dem trockenen Felsen
liegt. Nur sehr bedeutende Wasserfälle, wie der Schaffhausener, können
vom Lachse nicht überwunden werden, der deshalb auch dem Bodensee fehlt.
Das Allermerkwürdigste bei dieser harten und entbehrungsreichen
Brautfahrt ist aber der Umstand, daß die Lachse während ihrer ganzen,
sich über 4-6, ja selbst 10-12 Monate erstreckenden Dauer anscheinend
keinerlei Nahrung zu sich nehmen, sich also förmlich als Hungerkünstler
produzieren. Wenigstens hat man in ihrem Leibe noch niemals
Nahrungsreste irgendwelcher Art gefunden, vielmehr die Beobachtung
gemacht, daß Magen und Darm eintrocknen, keine Ausscheidungen mehr
liefern und selbst das Gebiß durch Nichtgebrauch verkümmert. Und daß
Lachse tatsächlich ein volles Jahr zu fasten vermögen, beweist ein von
Paton 12 Monate lang gefangen gehaltenes, nur 5pfündiges Exemplar, das
in dieser Zeit niemals gefüttert, wohl aber zweimal zum Befruchten von
Rogen abgestrichen wurde. Unser Wanderfisch ohnegleichen, der sich allen
Hindernissen zum Trotz im Kampf gegen Wehre, Schleusen und
Stromschnellen den Weg vom Meer zum Fels bahnt, ist also auch ein
Hungerkünstler, der Succi und Genossen weit übertrifft. Es handelt sich
hier um eines der größten und interessantesten Fastenexperimente, das
die Physiologie kennt. Bis in die kleinsten Gebirgsbäche hinauf wird die
Reise ausgedehnt, und nicht selten erreicht der Lachs dabei Meereshöhen
von 1000 _m_ und mehr. Wo reines, sauerstoffreiches Wasser flach über
kiesigen Untergrund strömt, da erscheint den weitgereisten Wanderern
endlich die Gelegenheit günstig, sich ihrer sie belastenden
Geschlechtsprodukte zu entledigen. In der Regel steht ein Rogner mit
einem alten und mehreren jungen Milchnern zusammen. Durch energisches
Fegen mit der Schwanzflosse schafft sich das Weibchen eine Laichgrube
und setzt in diese nach und nach seine 10-30000 rotbraunen Eier ab, die
von dem daneben liegenden oder etwas oberhalb im Wasser stehenden
Männchen sofort besamt und dann mit Sand oder Kies oberflächlich wieder
verdeckt werden. Die Tiere gehen in ihrer Buhlschaft, die sich 8-14 Tage
hinziehen kann, völlig auf, haben für nichts anderes mehr Sinn und
lassen sich an seichten Plätzen sogar mit Händen greifen. Das alte
Lachsmännchen ist während dieser Zeit eifersüchtig wie ein Türke, nimmt
jede Störung furchtbar übel und schießt wie ein böser Bullenbeißer auf
alles los, das seinen Unwillen erregt. Mit Geschlechtsgenossen der
eigenen Art setzt es dann erbitterte Kämpfe ab, bei denen das Blut
fließt und nicht selten einer der beiden Duellanten tot auf dem Platze
bleibt, während die jungen »Spetzker« die günstige Gelegenheit benutzen,
auch von den Freuden der Minne zu kosten, so daß wir hier ähnliche
Verhältnisse vor uns haben, wie zwischen Platzhirsch und Spießer. Bei
solchen Raufereien kommen dann Schwartenpanzer und Eberzahn zu ihrem
Recht. Das anstrengende Laichgeschäft erschöpft die letzten Kräfte der
vielgeprüften Fische. Zum Skelett abgemagert, todesmatt, mißfarbig
treten sie den Rückweg zum fernen Meere an, lassen sich vielmehr fast
ohne eigenes Zutun von der Strömung dorthin treiben, und nicht wenige
gehen dabei vor Erschöpfung zugrunde. Das Fleisch solcher Lachse ist fad
und weichlich geworden und durchaus kein Leckerbissen mehr, gilt
vielmehr als nahezu ungenießbar. Wieder im nahrungsreichen Meere
angekommen, erholen sie sich aber rasch, fressen nun tüchtig und nehmen
dadurch in einer Weise zu, die selbst im Reich der Fische einzig
dasteht. So wurde ein im Februar 1908 in England gefangener 8pfündiger
Lachs gezeichnet, und nach genau einem Jahre als fetter 20pfündiger
Bursche wieder gefangen. Der in den Gebirgswassern abgesetzte Laich
braucht geraume Zeit bis zum Ausschlüpfen, nämlich je nach den
Temperaturverhältnissen des Wassers 3-5 Monate. Die jungen Lachse leben
dann im allgemeinen etwa zwei Jahre an ihrem Geburtsorte oder in dessen
Nähe, bis sie gegen 40 _cm_ lang geworden sind und den schönen
Silberglanz bekommen, worauf sie langsam die Wanderung nach dem Meere
antreten, um sich hier tüchtig an Krebstieren, Gewürm, Muscheln und
kleinen Fischen zu mästen und die Geschlechtsreife zu erhalten, worauf
sie sich dann zum ersten Male auf die beschwerliche Brautfahrt begeben.
Unbedingt notwendig ist übrigens für die Lachse der hier geschilderte
fortwährende Wechsel zwischen Salz- und Süßwasser nicht, denn es gibt
auch Lachse in völlig abgeschlossenen Wasserbecken, wo sie dann
lediglich die seichte Uferzone zum Laichen aufsuchen. Über verschiedene
andere mit der Wanderung zusammenhängende Fragen gibt am besten der
Fisch selbst Auskunft, und zwar durch das Tagebuch, das er auf seine
Schuppen schreibt. Wir wissen ja, daß die Schuppen der Fische sogenannte
_Jahresringe_ aufweisen, nämlich regelmäßig abwechselnde Zonen
schnelleren und langsameren Wachstums, die reichlichen oder spärlichen
Ernährungsperioden entsprechen und sich mit den bekannteren Jahresringen
der Bäume vergleichen lassen, wie man auch nach ihnen gerade wie bei
diesen das Alter der Fische mit annähernder Sicherheit bestimmen kann.
Hutton hat nun herausgefunden, daß der frisch ins Meer eingewanderte
Junglachs auf der Schuppe deutlich zwei Zonen mit eng zusammengedrängten
konzentrischen Linien erkennen läßt. Sie entsprechen je einem
Winteraufenthalt im Süßwasser mit seiner knappen Ernährung. Später
schließt sich dann eine Zone an, in der die Linien ganz auffallend weit
auseinander stehen: der Fisch ist sehr rasch gewachsen, denn das Meer
bot ihm seinen Nahrungsreichtum dar. Aber auch dieser wird im Winter
spärlicher oder nicht in gleichem Maße ausgenutzt, und so markiert sich
jeder im Meer zugebrachte Winter wieder durch eine Zone eng beisammen
liegender Linien. Dadurch wird es ermöglicht, genau festzustellen, wie
viel Winter, bzw. Jahre der Lachs im Meere verbringt, ehe er erstmals
zum Laichen in die Flüsse emporsteigt, und es hat sich herausgestellt,
daß die in die Flußmündungen eintretenden kleinsten Lachse 1-3
Winterringe auf den Schuppen tragen. Die lange Fastenzeit im Süßwasser
wird dadurch zum Ausdruck gebracht, daß die Schuppen sich auffasern und
aussehen, als seien sie schadhaft geworden. Diese abgeriebene Zone
bleibt stets erkennbar, auch wenn sich wieder neue Linien angesetzt
haben, und es hat sich so ergeben, daß der Lachs seine entbehrungsreiche
Brautfahrt nicht alljährlich unternimmt, sondern sich bisweilen ein Jahr
der Ruhe und Kräftigung im Meere vergönnt. Zu seinem Wohlbefinden
beansprucht der Lachs vor allem eins: reines, ungetrübtes Wasser, und er
ist deshalb aus unseren durch die Industrie verseuchten Gewässern leider
so leicht zu vertreiben wie kaum ein anderer Fisch. Fast wie eine Sage
mutet es uns an, daß einst in Hamburg, Pommern, West- und Ostpreußen die
Dienstboten sich verbaten, mehr als zweimal wöchentlich Lachsfleisch
vorgesetzt zu erhalten, denn inzwischen ist der Lachsfang bei uns ganz
gewaltig zurückgegangen und auch das Aussetzen künstlich erzielter Brut
hat das köstliche Lachsfleisch, das in nordischen Ländern noch heute
vielfach Volksnahrungsmittel ist, noch nicht wieder verbilligen können.
Immerhin liefert der Lachsfang an der ostpreußischen Küste und der
Salmfang am Niederrhein auch jetzt noch recht schöne Erträge. Im Norden
ist der wertvolle Fisch, dessen Verbreitungsgebiet auch nach der Neuen
Welt hinübergreift, weit zahlreicher als bei uns, fehlt dagegen südlich
der Alpen, kommt also in allen sich ins Mittelmeer ergießenden Strömen
nicht vor. Es ist wohl anzunehmen, daß die heutige Verbreitung der
lachsartigen Fische auf die Einflüsse der letzten Eiszeit zurückzuführen
ist. Ursprünglich im hohen Norden heimisch und an ein kaltes Klima
gewöhnt, wanderten die Salmoniden mit den vorrückenden Gletschern nach
Mitteleuropa, und als die Gletscher wieder wichen, blieb ein Teil der
Einwanderer in den kühleren Gewässern zurück, und die dadurch
entstehende Isolierung begünstigte die Entwicklung zahlreicher nahe
verwandter Formen, während andere zu Wanderfischen wurden. So ist der
Lachs und seine Sippschaft ein köstliches Geschenk, das uns die Eiszeit
beschert hat. Der Fang des Lachses wird auf die verschiedenste Weise
betrieben. Besonders aufregend und unterhaltend ist das Speeren bei
Fackelschein. In England hat sich das Lachsangeln zu einem
aristokratischen Sport herausgebildet, der geradezu fanatische, vor
keinem Opfer zurückschreckende Anhänger zählt. Allenthalben in der
nordischen Welt trifft man diese englischen Lachsangler an. »Hoch oben
in der Nähe des Nordkaps habe ich sie sitzen sehen, diese
unverwüstlichen Fischer, mit einem aus Mücken gebildeten Heiligenschein
umgeben, eingehüllt in dichte Schleier, um sich vor den blutgierigen
Kerfen wenigstens einigermaßen zu schützen. In der Nähe ansprechender
Stromschnellen hatten sie Zelte aufgeschlagen, inmitten der
Birkenwaldungen auf Wochen mit den notwendigsten Lebensbedürfnissen sich
versehen, und standhaft wie Helden ertrugen sie Wind und Wetter,
Einsamkeit und Mücken, schmale Kost und Mangel an Gesellschaft, zahlten
auch ohne Widerrede den Besitzern eine Pacht von Tausenden von Mark für
das Recht, sechs Wochen lang hier fischen zu dürfen, und gaben außerdem
noch den größten Teil ihrer Beute unentgeltlich den Besitzern der
benachbarten Höfe ab.« (Brehm.)
Eine nahe Verwandte des Lachses ist das wertvollste Kleinod unserer
Gebirgswässer, die vielgerühmte _Forelle_ (_Trútta fário_). Sie ist aber
im Gegensatz zu ihm Standfisch oder wandert doch nur zur Laichzeit ein
wenig flußaufwärts, wobei sich beide Geschlechter getrennt halten, sich
schließlich aber doch wieder mit Sicherheit zusammenfinden. Erfahrene
Fischer wollen sogar eine gewisse Zuneigung der einzelnen Individuen zu
ganz bestimmten Artgenossen festgestellt haben und behaupten, daß die
Paare innig zusammenhalten und die Laichgrube gegen fremde Eindringlinge
gemeinsam auf das wütendste verteidigen. Bei diesen Eifersuchtskämpfen,
die mit dem scharfen Gebiß ausgefochten werden, gibt es Wunden und
Schrammen genug, und man findet deshalb nach Beendigung der Laichzeit
selten eine ganz unverletzte Forelle. Eingeleitet wird der Laichakt
durch reizende Schwimmspiele, wobei sich die Tiere in eleganten
Wendungen gegenseitig umschwimmen, zart aneinander reiben und durch die
gewagtesten Drehungen ihre schöne Färbung zur Geltung zu bringen suchen.
Der Laichakt selbst vollzieht sich in ganz ähnlicher Weise wie beim
Hecht. Das Weibchen bereitet das Laichbett, indem es sich rasch von
einer Seite auf die andere wirft, durch kräftige Schwanzbewegungen die
Kiesel beiseite fegt oder solche wohl auch mit dem Maule entfernt. Sind
die orangefarbenen Eier abgelegt und befruchtet, so werden von beiden
Gatten gemeinsam mit aller Kraft Kieselsteinchen auf das Laichbett
geschleudert, die sich oft zu einem kleinen Hügel auftürmen. Die
Gesamtzahl der Eier beträgt nur etwa 1000, und sie werden in größeren
Zwischenräumen abgelegt, so daß sich das Laichgeschäft, das meist in die
Wintermonate fällt, über eine volle Woche hinzieht. Erst nach frühestens
zwei Monaten entschlüpfen die anfangs recht unbehilflichen und durch den
großen Dottersack in ihren Bewegungen sehr behinderten Jungen. Da, wo
klares, sauerstoffreiches Wasser über Moos, Kiesel und Felstrümmer rasch
dahinströmt, dazwischen ruhigere Stellen mit tieferem Wasser sich
finden, überhängende Uferränder gute Schlupfwinkel abgeben und am Rande
stehende Bäume die Oberfläche beschatten, fühlt sich die Forelle am
wohlsten, und sie steigt an solchen Örtlichkeiten selbst bis zur
Schneegrenze aufwärts, bleibt dann allerdings wegen der knappen Nahrung
stets auffällig klein. Doch vermag sie sich auch allen möglichen anderen
Verhältnissen anzupassen, wenn nur durch lebhaften Wellenschlag für eine
genügende Anreicherung des Wassers mit Sauerstoff gesorgt ist. So
gedeiht sie recht gut in entsprechenden Teichen, die von kalten Quellen
gespeist werden. Unsere Forellenbestände sind durch schonungslose
Überfischerei und durch Vergiftung der Bäche mit Fabrikabwässern leider
schon so stark zurückgegangen, daß der wohlschmeckende Fisch, für den
namentlich in »modernen« Touristengegenden oft ganz märchenhafte Preise
bezahlt werden müssen, heute nur noch die Tafel der Reichen schmückt.
Ehemals war das ganz anders, und im östlichen Montenegro z. B. lernte
ich die Forelle auch jetzt noch als ein billiges Volksnahrungsmittel
kennen. Nebenbei gesagt, war in den betreffenden Gegenden auch die
Wasseramsel überaus häufig, die von unseren Fischzüchtern so vielfach
als die schlimmste Feindin der Forelle hingestellt wird. Wenige Fische
sind so menschenscheu und vorsichtig wie die Forelle. Nur wenn ringsum
alles ganz ruhig ist, kommt sie aus ihrem Versteck zwischen Baumwurzeln
oder Steinen heraus und stellt sich mit dem Kopfe gegen die Strömung,
indem sie sich durch richtig abgemessene Schläge der Brustflossen und
schraubenartige Bewegungen der Schwanzflosse stundenlang auf der
gleichen Stelle erhält und geduldig darauf lauert, ob nicht ein
günstiger Zufall ein Beutetier vorüberführen oder ein Insekt ins Wasser
wehen wird. Nach über dem Wasser tanzenden Mücken oder Eintagsfliegen
springt der Fisch auch aus seinem Elemente heraus und erhascht die
Ahnungslosen mit geschickter Wendung. Bei dem geringsten Anzeichen von
Gefahr aber schießt die Forelle pfeilschnell ihrem Schlupfwinkel zu,
tauscht diesen gleich darauf mit einem anderen und ist so gar nicht
leicht ausfindig zu machen, obgleich sie als ein überaus zäher
Standfisch bei Tage aus einem Gebiet von etwa 20 _m_ Bachlänge kaum
herausgeht. Bei Nacht schweift sie auf der Nahrungssuche weiter umher
und zeigt sich dann als ein tüchtiger Räuber, der selbst der eigenen
Nachkommenschaft nicht schont. Wie gefräßig die Forellen sind, geht
daraus hervor, daß man schon Stücke gefangen hat, denen noch das
Schwanzende einer erst halb verdauten Ringelnatter zum Maule heraushing,
da die verzehrte Schlange doppelt so lang war als der Fisch. Im
allgemeinen gelten bei uns mehr als halbmeterlange Forellen als eine
Seltenheit. Doch sind auch schon mehr als meterlange Exemplare mit
entsprechendem Gewicht vorgekommen. Der Feinschmecker wird ihnen stets
die kleinen Portionsforellen vorziehen. Die ansprechende Färbung mit der
hübschen Tüpfelzeichnung wechselt fast in noch höherem Maße als beim
Lachs, und diese Verschiedenheit erstreckt sich sogar auf das Aussehen
des Fleisches, das alle Zwischenstufen vom reinsten Weiß bis zum schönen
Lachsrot durchlaufen kann. Die englischen Sportfischer behaupten, daß
das Fleisch um so röter werde, je mehr phosphorhaltige Nahrungsmittel
der Fisch vertilge. Auch sollen die am schönsten gefärbten und am
lebhaftesten gefleckten Forellen das weißeste Fleisch haben und
umgekehrt, Teichforellen ein röteres als die in steinigen Bächen
lebenden. In Torfgewässern trifft man fast schwarze Forellen, in
unterirdischen Wasserläufen, so in von einem Bach durchströmten
Tunneldurchschlägen, nicht eben selten Albinos oder auch blinde
Exemplare, in kleinen Gebirgsbächen die am hübschesten gezeichneten. In
seiner Jugend hat unser Fisch, dessen Farbstoffe auch in die Flossen
eintreten, Bänderzeichnung aufzuweisen. Nach den Untersuchungen Wagners
unterscheiden sich diese Jugendbänder ihrer Pigmentierung nach nicht
quantitativ, sondern nur qualitativ von den übrigen Partien der
Oberhaut; sie sind also nicht aus einer größeren Anzahl von
Chromatophoren (Farbstoffzellen in der Haut) zusammengesetzt, sondern
diese befinden sich in einem anderen Zustande der Ausdehnung, können
unabhängig von denjenigen des übrigen Körpers tätig sein und werden auf
besondere Art mit Nervenfasern versorgt. Das Plasma der orangeroten
Zellen ist von einer ölartigen Masse erfüllt, die dem Dottersacköl der
Embryonen sehr nahe steht, vielleicht sogar mit ihm gleichbedeutend
ist. Sie bilden in ihrem Inneren die später außenzelligen
Liptochromtröpfchen, die die roten Tupfen der älteren Forellen
zusammensetzen. Zur Laichzeit werden diese auf dem Bauch mehr oder
minder schwärzlich und besitzen jederzeit ein ziemlich starkes
Farbanpassungsvermögen. Bei uns darf die Forelle (sie hieß früher
»Fohre«, im Bayrischen jetzt noch »Föhrchen«, und in Mitteldeutschland
wird ihr moderner Name vielfach noch auf der ersten Silbe betont) wohl
als der beliebteste Angelfisch gelten, da sie in ihrer Raubgier gut auf
den Insektenköder oder auf die künstliche Fliege geht. Ihr zartes, von
den Alten merkwürdigerweise nicht gewürdigtes, fein nußartig
schmeckendes Fleisch wird in Deutschland in der Regel blau gesotten, in
Oesterreich dagegen meist gebacken --in meinen Augen eine Barbarei. In
jüngster Zeit sind die Forellenbestände mancher Gegenden durch die
eigenartige Taumelkrankheit arg mitgenommen und gefährdet worden.
Verursacht wird diese Seuche durch einen in den inneren Geweben,
besonders aber im Gehirn schmarotzenden, winzigen Algenpilz, den
_Ichthyophonus hoferi_, wie er zu Ehren Hofers heißt, der die
Taumelkrankheit 1893 erstmalig beschrieb. Merkwürdig ist, daß die Fische
immer nur in einem gewissen Lebensalter von der sich zuerst durch
Dunkelfärbung des Schwanzendes kenntlich machenden Krankheit ergriffen
werden.