Außer der Verfärbung zum Hochzeitskleid tritt mit Beginn der

Laichfähigkeit bei vielen Fischen noch eine andere wunderbare

Erscheinung auf: ihre mehr oder minder mit dem Fortpflanzungsgeschäft in

Zusammenhang stehenden, durch rücksichtslose Kühnheit und erstaunliche

Zähigkeit ausgezeichneten _Wanderungen_, die an geheimnisvollen Rätseln

dem Vogelzug kaum nachstehen. Sehr oft sind ja die besten und sichersten

Nährgründe nicht auch zugleich zum Absetzen des Laiches geeignet, und

der Fisch ist deshalb gezwungen, eine weitgehende Ortsveränderung

vorzunehmen, wenn er sich seiner Bürde entledigen und den Weiterbestand

seiner Art sicher stellen will. Häufig kommt es vor, daß gewöhnlich im

Meer lebende Fische zum Laichen hoch in die Flüsse hinaufsteigen oder

umgekehrt das Süßwasser zum Laichen mit dem Meer vertauschen. Zu diesen

gehört beispielsweise der Aal, zu jenen der Lachs. Wenn wir diese echten

Wanderer etwa mit den Zugvögeln vergleichen können, so gibt es

andrerseits auch noch eine Reihe beschränkter Wanderer, die den

Strichvögeln entsprechen und nur im gleichen Stromsystem oder Meere hin

und her ziehen, wobei Wärme- und Ernährungsverhältnisse, Salzgehalt des

Wassers und Laichgelegenheiten als die maßgebenden Faktoren anzusehen

sind. Hierher gehören z. B. von Süßwasserfischen die Forelle und von

Seefischen die Flunder, die zwar Hunderte von Kilometern weit reist,

nicht aber aus der Nordsee in die Ostsee zieht oder umgekehrt. Während

man früher sich um die Fischwanderungen wenig gekümmert hat, ist ihnen

in neuerer Zeit eine sehr eingehende und sorgfältige Beachtung

zugewendet worden, und zwar nicht nur aus rein wissenschaftlichen,

sondern namentlich auch aus praktischen und volkswirtschaftlichen

Gründen. Nirgends und zu keiner Zeit drängen sich ja die Fische in

solchen Massen zusammen wie auf ihren Wanderungen von und zu den

Laichplätzen, und niemals sind sie so mühelos und in so lohnender Menge

zu fangen wie bei solchen Gelegenheiten. Mit Sehnsucht warten ganze

Dörfer und Städte auf das seit Jahrhunderten gewohnte Erscheinen der

riesigen Fischheere, die reichen Verdienst mit sich bringen, und die

Trauer und die Enttäuschung sind groß, wenn die geschuppten Geschwader

einmal aus irgendwelchen Gründen ausbleiben, denn das bedeutet Elend

und Verarmung. Da aber plötzliche Verlegungen der altbekannten

Heeresstraßen gerade in den letzten Jahrzehnten öfters vorgekommen sind

und dadurch mehrfach wirtschaftliche Katastrophen hervorgerufen wurden,

während andrerseits unvermutet unendliche Fischzüge an ungewohnten

Plätzen erschienen, wo sie nicht genügend verwertet werden konnten, und

oft genug als Dung auf die Felder gefahren werden mußten, so liegt es

auf der Hand, welch hohe praktische Bedeutung der Erforschung solcher

Erscheinungen und dem Studium der Fischwanderungen überhaupt zukommt. So

ist es zunächst sehr wichtig, zu wissen, was wohl die Fische auf ihren

Wanderungen leitet. Da man in wissenschaftlichen Kreisen dem

»stumpfsinnigen« Fisch irgendwelche an geistige Fähigkeiten anstreifende

Handlungsweise nicht zutraute, so sollte auch die Wanderung ein rein

reflektorischer Vorgang sein, der natürlich durch gewisse Reize

ausgelöst werden mußte. Man dachte da namentlich an die sogenannte

Phototaxis, d. h. an das Reagieren des Organismus gegen veränderte

Belichtungs- und Bestrahlungsverhältnisse. Nun hat aber jüngst erst

Franz in einer Reihe sehr eingehender Studien nachgewiesen, daß die

durch gekünstelte Experimente gewonnene Vorstellung von der Phototaxis

lediglich ein reiner Laboratoriumsbegriff ist, wenigstens soweit die

Fische in Betracht kommen. Sie ist in Wirklichkeit nichts als ein unter

ungünstigen Daseinsveränderungen und insbesondere bei anscheinender

Gefahr ausgelöster Fluchtreflex, der bei Oberflächenfischen sich als

»positiv«, bei Grundfischen dagegen als »negativ« erweisen wird, da

diese bei Bedrohung ja instinktmäßig ins Dunkel flüchten. Will man von

dem durch den Wechsel zwischen Tag und Nacht bedingten Aufsteigen und

Niedersinken gewisser Meeresfische und ihrer Larven absehen, so gibt es

eine Phototaxis bei erwachsenen Fischen in freier Natur überhaupt nicht,

bei ihren Larven nur in ganz beschränktem, kaum angedeutetem Umfang.

Deshalb kann die Phototaxis auch auf die Wanderungen der Fische nicht

den allergeringsten Einfluß ausüben, sondern es müssen andere Faktoren

zu ihrer Erklärung herangezogen werden. Einen solchen glaubt Franz

zunächst einmal in dem _Ortssinn_ und in dem _Ortsgedächtnis_ der Fische

gefunden zu haben, die er sorgsam auf ihre Leistungsfähigkeit hin

geprüft und weit höher entwickelt gefunden hat, als sich dies unsere

Schulweisheit bisher träumen ließ. Danach scheinen doch auch schon die

Fische teilweise wenigstens keine absoluten Reflexmaschinen mehr zu

sein, vielmehr bei ihnen schon wenigstens schüchterne Ansätze sich

geltend zu machen zum Verwerten erlebter Erfahrungen und zum Verknüpfen

von Assoziationen, so sehr man sich andrerseits vor Vermenschlichungen

bei dieser immerhin tiefstehenden Tierklasse hüten muß, deren

Lebensäußerungen zumeist durch mehr oder minder verwickelte und sich

kreuzende Instinkte und Reflexe unschwer sich werden erklären lassen.

Wie immer dem sei, jedenfalls beweisen schon die einfachsten

Experimente, daß die Fische tatsächlich einigermaßen gemachte

Erfahrungen zu ihrem Besten zu verwerten wissen. So stutzten Barsche,

denen man als Futterfische Sardinen gab, als man einige derselben rot

färbte, machten aber schließlich einen Versuch und verzehrten dann

gefärbte und ungefärbte ohne Unterschied. Ähnlich ging es, als man noch

einige blau gefärbte Sardinen dazu setzte. Als dann aber kleine Stücke

von Seenesseln an den blauen Sardinen befestigt wurden und die Barsche

sich beim Zugreifen tüchtig stachen, fuhren sie erschrocken zurück und

mieden von da ab die blauen Sardinen. Freilich hielt in diesem Falle ihr

Gedächtnis nur bis zum nächsten Tage vor; dann scheinen aber die

Barsche besonders vergeßliche Bursche zu sein, denn vom Karpfen

ist nachgewiesen, daß er mindestens vier Monate lang für

Örtlichkeitsverhältnisse Gedächtnis hat, und bei anderen Fischen verhält

es sich ähnlich. Dieser Auffassung steht nun allerdings die Tatsache

entgegen, daß geangelte und dabei entkommene oder wieder ausgesetzte

Fische oft schon nach kurzer Zeit sich zum zweiten oder dritten Male

fangen lassen, also die gemachte böse Erfahrung anscheinend sehr rasch

vergessen haben. Hierbei ist aber zu berücksichtigen, daß einerseits die

dem Fische beim Angeln zugefügte Schmerzempfindung aller

Wahrscheinlichkeit nach eine nach menschlichem Maßstabe überraschend

geringe, und daß andrerseits der Zuschnappreflex, wenn der Ausdruck

statthaft ist, ein sehr stark entwickelter ist und eben in solchen

Fällen den Sieg über die geringe Lernfähigkeit davonträgt. Edinger kommt

auf Grund umfassender Untersuchungen geradezu zu dem Schlusse, daß der

Fisch nicht zubeißt, weil er zubeißen will, sondern weil er zubeißen

muß. Er schaltet also einen selbständigen Willen des Tieres dabei

vollständig aus, und die praktischen Erfahrungen der Angler, die in

England das Sprichwort haben »Wenn du der Forelle die rechte Fliege zur

rechten Zeit gibst, fängst du sie sicher«, scheinen ihm darin nicht

unrecht zu geben. Edinger glaubt demnach, daß infolge sich gegenseitig

auslösender Reflexe ein hungriger Fisch unter bestimmten Umständen

anbeißen _muß_, wenn die Nahrung ihm genau in der Weise zukommt, wie die

naturgemäße, und störende Nebenumstände (Sichtbarkeit der Schnur,

Schatten des Anglers usw.) vermieden werden. Die ganze Geschicklichkeit

des Anglers bestehe deshalb lediglich darin, diesen richtigen Augenblick

ausfindig zu machen. Übrigens gehen intelligentere Fische wie der Schill

doch nicht leicht zum zweiten Male an die Angel, wenn sie schwer gereizt

wurden. Wenn nun auch die Lernfähigkeit der Fische jedenfalls nur eine

geringe ist, so ist das Ortsgedächtnis doch in nicht unerheblichem, wenn

auch sehr verschieden hohem Grade vorhanden, und am besten ist es

jedenfalls bei den Wanderfischen entwickelt. So hat man festgestellt,

daß zwar Stichlinge ihr Nest nur auf 10 m Entfernung wieder fanden,

Forellen dagegen trotz zwischengelegter Hindernisse aus 6 km Entfernung

zu ihrem Standplatze zurückfanden. Ein derart gutes Ortsgedächtnis muß

den Fischen natürlich auch auf ihren Wanderungen in hohem Maße zustatten

kommen, und man könnte sich auch recht wohl vorstellen, daß die Kenntnis

bestimmter Heeresstraßen sich ähnlich wie bei den Vögeln durch Tausende

von Generationen vererbt habe, dadurch fixiert und zu einem bloßen

Instinkt geworden sei. Aber dann hat ja der Fisch auch noch eine

Seitenlinie, die ihn so genau über den jeweiligen Verlauf der Strömung

unterrichtet, und es muß deshalb für ihn eine Kleinigkeit sein, sich in

Strömen oder Flüssen zurechtzufinden, sei es nun, daß er abwärts ins

Meer oder aufwärts ins Quellgebiet zu gelangen wünscht. Diese Faktoren

reichen also wohl aus, um reine Süßwasserwanderungen zu erklären, aber

ganz anders und viel geheimnisvoller gestaltet sich das Bild, wenn wir

etwa an die Einwanderung der jungen Aale aus dem Meere in die Ströme

denken. Man denke sich diese Fischchen, die noch nie eine Reise gemacht

haben, in der unendlich einförmigen, in ewige Finsternis gehüllten

Wassermasse, wo das Fischauge keine festen Anhaltspunkte gewinnen kann,

sondern eine unbestimmte nebelige Ferne vor sich hat. Hier kann

natürlich von irgendwelchem Ortsgedächtnis keine Rede sein. Franz ist

der Meinung, daß es der abweichende Salzgehalt der verschiedenen

Wasserschichten und Meeresteile ist, der den Tieren als Führer aus

dieser Wüstenei dient. Wasserschichten verschiedenen Salzgehalts zeigen

ja auch abweichende Temperaturen, und diese wiederum zeitigen

Strömungserscheinungen. Freilich werden solche ganz gering sein und erst

nach Zurücklegung weiterer Strecken sich deutlich bemerkbar machen, aber

es ist wohl mit Recht anzunehmen, daß die gesteigerte nervöse

Erregbarkeit der Fische zur Brunst- oder Wanderungszeit auch die

Feinfühligkeit ihrer Sinnesorgane und namentlich der Seitenlinie erhöht.

Und so ließe sich auch hier schließlich folgern, daß die Wanderung der

Meeresfische mehr eine Art Zwangsbewegung darstellt. Vielleicht bringen

die Markierungsversuche, die seit einigen Jahren von zahlreichen

biologischen Stationen gemacht werden, allmählich mehr Licht in diese

einstweilen noch ziemlich dunkle Seite des Fischlebens.

[Illustration: Aal. (Nach einer Aufnahme von Jacques Boyer.)]

[Illustration: Die Entwicklung des Aales. (Nach Grassi u.

Calandruiccio.)]

Einheimische Fische; Die Süßwasserfische unsrer Heimat · 第 6 / 10 段