Mit dem Bitterling wetteifert der _Stichling_ (_Gasterósteus aculeátus_)

in der Farbenpracht des Hochzeitskleides, und auch bei ihm kommt ein

eigenartiger und hochinteressanter Brutverlauf hinzu. Die gewöhnliche

Farbe ist olivgrünlich auf der Ober- und silberweiß auf der Unterseite.

Aber zur Laichzeit im Frühjahr wird das Männchen zu einem wahren

Prachtkerl, der mit den schönsten Exoten erfolgreich zu wetteifern

vermag. Vom satten Schiefergrau über Grün zum tiefsten Blau erstrahlt

sein Rücken, während die Bauchseite wie mit Blut übergossen aussieht und

das Auge im feurigsten Smaragdgrün schimmert. Mehr noch als bei Barsch

und Bitterling wirkt die jeweilige Erregung fördernd auf diese

Farbenpracht ein, die geradezu als ein Gradmesser für den Seelenzustand

des Fischchens angesehen werden kann. Namentlich bei Zorn und Kampflust

leuchtet das Tierchen auf im feurigsten Rot und erscheint in solchen

Augenblicken wie mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Denn unser

Stechbüttel, wie er vom Volke gewöhnlich genannt wird, ist ein gar

zornmütiger Gesell, dessen Raufsucht aller Beschreibung spottet. Die

metallisch glänzenden Stacheln, von denen er drei auf dem Rücken und je

einen an jeder Bauchseite trägt, bewähren sich selbst weit überlegenen

Feinden gegenüber als eine gefährliche Waffe, und das Fischchen ist sich

ihrer Furchtbarkeit auch wohl bewußt, scheut deshalb so leicht keinen

Gegner, sondern greift jeden, namentlich zur Paarungszeit, mit wahrer

Berserkerwut und bewundernswerter Tapferkeit an, wobei ihm seine große

Schwimmgewandtheit auch nicht wenig zustatten kommt. Selbst die größeren

Raubfische vergreifen sich nicht leicht an dem borstigen Gesellen,

dessen Stacheln mit besonderen Sperrgelenken versehen und durch diese

ebenso einfache wie sinnreiche und wirkungsvolle Einrichtung denen des

Barsches weit über sind. Der Fisch hat also keine Muskelkraft nötig, um

die Stacheln aufrecht zu erhalten, was ihn rasch ermüden müßte, sondern

er braucht nur die Sperrvorrichtung am Gelenkkopf des Stachels

einzuschalten, worauf dieser unverrückbar feststeht, so daß er selbst

von einem Menschen nur unter Anwendung erheblicher Kraft und durch

Zerbrechen des Sperrgelenkes niedergedrückt werden kann. Dagegen besorgt

der Stichling selbst dieses Niederlegen der Stacheln mit Leichtigkeit

durch einen einzigen Muskelzug, durch den der Gelenkkopf aus seiner Lage

herausgehoben wird. Der russische Fischkundige Thilo ist übrigens der

Ansicht, daß namentlich der Bauchstachel nicht nur als Waffe diene,

sondern daß sich der Stechbüttel mit ihm durch Einstoßen in den

Untergrund auch im reißenden Strome oder in der tosenden Brandung

verankern könne und dadurch gleichfalls viel Muskelkraft erspare.

Vielleicht halte das Tier auch in ähnlicher Stellung einen Winterschlaf.

Die dem Stechbüttel von Natur aus schon jederzeit eigene Unruhe,

Rastlosigkeit und Händelsucht steigert sich mit Beginn der Laichperiode

zu einer wahrhaft heillosen Nervosität, die sich nicht selten in

brutalen Mißhandlungen der schwächeren Weibchen durch ihre gestrengen

Eheherren Luft macht. Aber gerade jetzt wird die Beobachtung der

jähzornigen Zwerge (nur ausnahmsweise wird der Stichling über 8 _cm_

lang) doppelt unterhaltend, denn der Stichling gehört ja zu denjenigen

Fischen, die im Wasser richtige Nester bauen, wie die Vögel im grünen

Gezweig. Zunächst höhlt das Männchen in einem recht stillen und

traulichen Winkel und am liebsten in Anlehnung an einen stärkeren

Wasserpflanzenstengel eine Grube im sandigen Boden aus, die etwa Form

und Größe eines halben Hühnereies hat und durch eifriges Fächeln mit den

Flossen sauber gereinigt und geglättet wird. Dann geht es mit geradezu

rührendem Fleiße an das Herbeischleppen von allerlei Baumaterial, wie es

sich im Wasser treibend findet oder mit großer Kraftanstrengung von den

Pflanzen abgerissen wird. Hälmchen, Würzelchen, Blätter, Stengel aller

Art und selbst Steinchen müssen dazu dienen. Zuerst wird eine solide

Unterlage geschaffen und fest zusammengekittet, indem der darüber

stehende Fisch aus seiner Afteröffnung tropfenweise ein äußerst

klebriges Nierensekret austreten läßt, das ihm also als Mörtel dienen

muß. Dann führt der kleine Baukünstler die Seitenwände und schließlich

mit besonderer Sorgfalt die obere Wölbung auf, so daß das Ganze Form und

Größe einer mäßigen, länglichen Kartoffel erhält. Nach Schaffung der

Eingänge erinnert das Gebilde sehr an einen kleinen Muff. Zuletzt wird

durch wiederholtes Einbohren mit der Schnauze eine nett gerundete

Eingangsöffnung geschaffen. Gar nicht hübsch genug kann der um diese

Zeit selbst die Suche nach Nahrung vergessende Stechbüttel seine

Hochzeitskammer bekommen. Immer hat er noch daran zu bessern und zu

runden und zu glätten, hier ein widerspenstiges Hälmchen

zurechtzubiegen, dort noch ein besonders gefallendes Würzelchen

einzubauen. Während der ganzen, etwa 2-3 Tage umfassenden Bauzeit

befindet sich der kleine Kerl in der leidenschaftlichsten Erregung, vor

allem beim Erscheinen eines männlichen Artgenossen, mit dem sofort ein

ingrimmiges Duell ausgefochten wird. Auch die Weibchen, die sich etwa

neugierig und voreilig dem geheimnisvollen Wasserschloß nähern, werden

rücksichtslos weggebissen, solange dieses nicht völlig vollendet ist.

Sobald aber das fertige Werk endlich zu seiner Zufriedenheit ausgefallen

ist, wird aus dem unverträglichen Neidhammel mit einem Schlage ein

galanter, wenn auch sehr stürmischer und leidenschaftlicher Liebhaber.

Fast tänzelnd nähert sich das farbenglühende Männchen den verschüchtert

in irgendeinem Winkel des Wasserpflanzenwustes zusammengedrängten

Weibchen und sucht vor diesen seine Reize unter Aufbietung aller

Schwimmkünste zu entfalten, wodurch er ihr Wohlgefallen in solchem Maße

erregt, daß schließlich ein Exemplar mit reifem Laich seinen

liebenswürdigen Werbungen und Einladungen nicht widerstehen kann,

sondern ihm langsam und zögernd unter oftmaligem Ausreißen und

Wiedergeholtwerden zu der so schön und sorgsam bereiteten

Hochzeitskammer folgt. Zögert es, das kleine Heiligtum durch den engen

Eingang zu betreten, so wird von dem seine Herrennatur auch jetzt nicht

ganz verleugnenden Männchen durch Schläge mit der Schwanzflosse oder

Stoßen mit dem Maule, im Notfalle selbst durch einen scharfen

Sporenstich mit dem langen Mittelstachel gehörig nachgeholfen, und wenn

die spröde Schöne erst einmal den Kopf ins Innere des Nestes gesteckt

hat, legt sich das Männchen trotzig quer vor den Eingang und läßt seine

Auserkorene nicht wieder heraus. Sie legt daher einige Eier ab, die eine

Minute später von dem nachschwimmenden Männchen befruchtet werden, und

bahnt sich dann mit der Schnauze auf der entgegengesetzten Seite einen

Ausweg durch die Wandung, so daß also das Nest von diesem Augenblicke an

zwei Öffnungen aufzuweisen hat. Nach einer Erholungspause begibt sich

das Männchen abermals auf die Brautschau und wiederholt dieses Spiel so

lange, bis ihm die Zahl der im Neste aufgespeicherten glashellen und

mohnkorngroßen Eier genügend erscheint. Hat es so seinen Zweck erreicht,

so wird es sofort wieder zum brutalen Tyrannen und verfolgt jedes sich

nähernde Weibchen mit solcher Roheit, daß es nicht selten an den Folgen

der erlittenen Mißhandlungen eingeht. Freilich hat der kleine Bosnickel

dazu auch einen gewichtigen Grund, denn das Hochzeitsbett hat sich ja

jetzt zur Kinderwiege gewandelt, und nun heißt es, Vaterpflichten zu

erfüllen. Und die sind gerade im Stechbüttelleben wahrlich nicht leicht,

erfordern vielmehr eine beispiellose Aufopferung und Selbstverleugnung.

Fortwährend steht der Herr Papa vor seiner Kinderstube auf der Lauer und

schießt wie ein schimmernder Pfeil auf jedes Lebewesen los, dem nur

irgendwie Appetit auf Kaviar zuzutrauen wäre. Am meisten versessen auf

die Eier sind die kannibalischen Stichlingsweibchen selbst, und so

erklärt es sich wenigstens, daß der heißblütige Gemahl ihnen gegenüber

so rauhe Saiten aufziehen muß. Ist er nicht gerade im Kampfe mit einem

wirklichen oder vermeintlichen Feinde oder auf dessen Verfolgung

begriffen, so steht er steil über der Eingangsöffnung und erzeugt in

dieser durch beständiges Fächeln mit den Flossen und mit einer Ausdauer

und Unermüdlichkeit, die uns die größte Achtung abnötigen müssen, einen

frischen Wasserstrom kräftigster Art, so daß den Eiern immer genügend

Sauerstoff zugeführt wird und sie nicht der Verpilzung anheimfallen

können. Sind ihnen nach etwa 5-6 Tagen die winzigen Jungen entschlüpft,

so beginnt für den vielgeplagten Vater erst recht eine schwere Zeit,

denn er muß sich bemühen, dieses kribbelige hundertköpfige

Kindergewimmel in Ordnung zu halten und die unbeholfenen und wehrlosen

Kleinen vor einem vorzeitigen Verlassen des schützenden Nestes zu

bewahren. Aber das fällt schwer genug, denn schon in diesen Liliputanern

kreist das unruhige Stichlingsblut. Hier erwischt der Papa gerade noch

einen der leichtsinnigen Ausreißer, verschluckt ihn und speit ihn dann

behutsam wieder in das auch fortwährende Ausbesserungen nötig machende

Nest zurück, und dort sind dafür schon wieder zwei andere in die fremde

Welt hinausgestürmt. Erst wenn die Jungen nach etwa 14 Tagen

einigermaßen selbständig geworden sind, erkaltet allmählich die

treubesorgte Liebe des Stichlingsmännchens, und bald darauf kümmert es

sich gar nicht mehr um seine Nachkommenschaft. Aber seine aufopfernde

Brutpflege hat es doch fertig gebracht, daß die meisten Eier zu

lebensfähigen Jungen wurden, und so erklärt es sich auch, daß der

Stichling mit einer Eierzahl von nur 60-80 pro Jahr und Weibchen sein

Auslangen findet, die doch dem Eierreichtum anderer Fische gegenüber

verschwindend gering erscheint. Ja, die Vermehrung der Stichlinge ist

bisweilen so stark, daß in ihren Wohngewässern Übervölkerung eintritt

und dann ein großes Massensterben anhebt, so daß die verwesenden Kadaver

von Hunderttausenden von Stechbütteln weithin die Gewässer verpesten.

Auch unter Schmarotzern hat der Stichling vielfach zu leiden, und

namentlich finden sich in seinem Leibe oft Eingeweidewürmer

(_Schistocéphalus_) von solcher Größe und in solcher Zahl, daß sie ihm

den Bauch unförmlich auftreiben und schließlich zum Platzen bringen.

Wenn man den Stichling seinem Benehmen nach mit dem Kampfhahn unter den

Vögeln vergleichen könnte, so hinsichtlich seiner Ernährungsweise

sicherlich mit der Spitzmaus unter den Säugetieren. Mit unersättlicher

Raubgier stürzt sich der stachlige Heißsporn auf alles, was er

bewältigen zu können glaubt, und er hat ja von seinen eigenen Kräften

keine geringe Vorstellung. Besäße er die Größe und Kraft eines Wellers,

er würde in wenigen Jahren alle Gewässer der Erde entvölkern. Namentlich

in Nord- und Ostdeutschland fehlt er keinem pflanzenreichen Teich, toten

Flußarm oder auch nur Wassergraben, aber im ganzen Donaugebiet ist er

eine unbekannte Erscheinung. Er gewöhnt sich auch an das Leben im

Meerwasser und bildet dann die Panzerplatten an seinen Körperseiten noch

stärker aus. Die Systematiker haben aus solchen Abänderungen eigne Arten

machen wollen, sind aber dabei entschieden im Unrecht, wie die

biologischen Forschungen erwiesen haben, da sich in einem Neste oft

verschiedene dieser angeblichen Arten vereinigt finden. So hervorragend

interessant und intelligent unser Fischchen dem Auge des Naturfreundes

erscheint, so wenig will doch in der Regel der Berufsfischer von ihm

wissen, der ihm nachsagt, daß er ein böser Feind des Fischlaiches und

der Fischbrut, sowie ein arger und kaum aus dem Felde zu schlagender

Nahrungswettbewerber für die wertvollen Speisefische sei. Auch in

gesundheitlicher Beziehung bringe sein häufiges Massensterben nicht zu

unterschätzende Gefahren mit sich. Das mag alles bis zu einem gewissen

Grade seine Richtigkeit haben, aber wir wollen gerade in letzterer

Beziehung nicht vergessen, daß eben der Stichling einer der wirksamsten

Vertilger der Stechmückenlarven ist, also der Anópheles, die als

Trägerin und Verbreiterin der gefürchteten Malaria-Blutparasiten gilt.

Als Braten kann der Stechbüttel schon wegen seiner Kleinheit nicht in

Betracht kommen, aber er wird doch bisweilen so massenhaft gefangen, daß

man ihn als wertvollen Dung auf die Felder hinausfährt oder zum

Tranauskochen benutzt. So wird allein im Pillauer Tief und den

angrenzenden Gewässern aus Stichlingen alljährlich durchschnittlich für

22000 Mark Tran gewonnen, in manchen Jahren sogar mehr als das

Dreifache. Ein Vetter des Stechbüttels, der 7-11 Rückenstacheln führende

_Zwergstichling_ (_Gasterósteus pungítius_) ist unser kleinster Fisch,

da er 6 _cm_ Gesamtlänge kaum überschreitet (als winzigster Fisch der

Erde gilt der nur 1-1/2 _cm_ lang werdende Luzonfisch der Philippinen).

Sein Hochzeitsgewand ist nicht so farbenprächtig wie bei der größeren

Art, wirkt aber dafür vornehmer: ein tiefes, gesättigtes Sammetschwarz,

aus dem sich die smaragdgrün funkelnden Augen ganz wundersam

herausheben. In der Nestanlage unterscheidet er sich insofern, als er

seinen Bau stets schwebend an Wasserpflanzen frei befestigt.

Weitaus nicht von der bestechenden Farbenschönheit wie bei Stechbüttel

und Bitterling, aber dafür um so merkwürdiger und eigenartiger,

jedenfalls viel dauerhafter und nicht fortwährenden Schwankungen und

Gemütsaufwallungen unterworfen ist das hochzeitliche Gewand bei der

Karpfengruppe. Hier erhalten nämlich die Männchen zu Beginn der

Laichzeit am Vorderkörper einen weiß glänzenden Perlausschlag, der

später gelblich wird und schließlich von selbst wieder abfällt. Der uns

vertrauteste Fisch, der _Karpfen_ (_Cyprínus cárpio_), darf

gewissermaßen als das Urbild der Fischgestalt gelten, sozusagen als der

Fisch an sich, und doch ist es gar nicht so leicht, diese zur

Weihnachtstafel so hochwillkommene Erscheinung naturgeschichtlich

einigermaßen richtig zu kennzeichnen. Das hängt vor allem damit

zusammen, daß der Karpfen wie jedes vom Menschen gezüchtete Haustier --

und wenigstens als ein halbes Haustier muß er heute wohl bezeichnet

werden -- im Laufe der Jahrhunderte eine Menge Varietäten ausgebildet

hat, die ihrerseits wieder vielfach ineinander übergehen oder

miteinander verbastardiert werden. Da gibt es z. B. die hochrückigen und

schnellwüchsigen, durch delikates Fleisch ausgezeichneten, aber in der

Nahrung wählerischen und auch sonst ziemlich empfindlichen Galizier,

als Gegenstück zu ihnen die Lausitzer mit breitem und niedrigem

Rücken, geringerem Fleisch, aber besonders stark entwickelten

Geschlechtsprodukten, von langsamerem Wachstum, aber anspruchslos und

unempfindlich, wie es nur ein Fisch sein kann, und so hat fast jede

Karpfengegend ihre besonderen Eigenheiten aufzuweisen, die das geschulte

Auge des Kundigen sofort erkennt und danach die Herkunft des Fisches mit

erstaunlicher Sicherheit zu bestimmen vermag. In bezug auf die

Beschuppung seien als bekannte Rassen genannt der schuppenlose

Lederkarpfen und der hochgeschätzte Spiegelkarpfen, bei dem zwar auch

größere Teile des Leibes nackt sind, während sich über andere

streifenförmig angeordnete plattenförmige Schuppen von außerordentlicher

Größe hinziehen, die ersichtlich aus der Verschmelzung mehrerer kleiner

Einzelschuppen hervorgegangen sind. Diese Rassen lassen sich aber weder

bisher rein durchzüchten, noch sind sie besonderen Gegenden

eigentümlich. Auch an krankhaften Abnormitäten fehlt es gerade beim

Karpfen keineswegs. So gibt es Zwitter, Gistlinge, Mopsmäuler,

Albinismen mit Goldschuppen, schwanzlose Exemplare usw. Der behäbige

Karpfen, der so viel sattes Behagen und eine so spießbürgerliche

Selbstzufriedenheit zur Schau trägt, hat oft als der deutscheste Fisch

gegolten, und doch ist er wahrscheinlich ebensogut ein Fremdling in

unseren Gewässern, wie Fasan und Kaninchen in unseren Wäldern und

Fluren, wenn er sich auch das Bürgerrecht schon längere Zeit ersessen

hat. Zwar will Nehring in jungen, jedoch immerhin vormenschlichen

norddeutschen Erdablagerungen versteinerte Karpfenreste gefunden haben,

wonach also der Fisch von jeher bei uns ansässig gewesen sein müßte,

aber ich möchte doch Marshall beipflichten, wenn er meint, daß hier wohl

eine Verwechslung mit der Karausche vorliege, denn die Schuppen, Gräten

und Kopfknöchelchen dieser beiden so ähnlichen und sich oft fruchtbar

miteinander vermischenden Fische wird wohl auch der scharfsinnigste

Gelehrte kaum mit Sicherheit voneinander zu unterscheiden vermögen, noch

dazu in versteinertem Zustande. Wahrscheinlicher ist wohl, daß die

Urheimat des Karpfens im fernen Orient zu suchen ist, von wo er durch

die Römer, die übrigens gerade an diesem Fisch keinen besonderen

Geschmack fanden, so lüsterne Fischesser sie sonst auch waren, zuerst

nach Südeuropa und erst in karolingischer Zeit nach Deutschland gebracht

wurde, während er heute fast in der ganzen Kulturwelt zu finden ist.

Viererlei verlangt der Karpfen stets und überall von seinem

Aufenthaltsorte, wenn er gedeihen und sich ordentlich fortpflanzen soll:

schlammigen Untergrund, intensive Besonnung, weiches und ruhiges Wasser

mit genügender Vegetation und zum Laichen geschützte und seichte

Stellen. Rasch fließende Gebirgswasser mit sandigem oder kiesigem

Untergrund meidet dieser Fisch durchaus. Er gehört zu den sogenannten

Friedfischen, ist also kein grimmiger Räuber, sondern ein gemütlicher

Allesfresser, der namentlich allerlei kleines Gewürm, aber auch

Pflanzenteile verzehrt. Seinen endständigen, mit 4 Barteln versehenen,

dicklippigen und sehr beweglichen Mund benutzt der Karpfen zwar nicht

zum Küssen, wie Marshall launig bemerkt, obwohl er sich dazu wegen

seines großen Nervenreichtums ganz hervorragend eignen würde, wohl aber

zum fleißigen Durchwühlen des Bodenschlamms, dem er seine meiste und

zusagendste Nahrung entnimmt. Bei seiner faulen Lebensweise schlägt sie

ihm auch recht gut an, und so wird der Fisch als »bemoostes Haupt« ein

großer Phlegmatiker, dem so leicht nichts seine beschauliche Lebensweise

stört. Der Studentenausdruck »bemoostes Haupt« stammt übrigens gerade

vom Karpfen her und ist bis zu einem gewissen Grade sogar wörtlich zu

nehmen, wenn es auch nicht gerade Moos ist, das den ehrwürdigen Kopf

eines solchen Methusalem, dem oft vor Altersschwäche sämtliche Schuppen

ausgefallen sind, mit einem grünen Schleier überzieht, sondern lediglich

gewisse, an ihm schmarotzende Parasiten. Solche alte Karpfen haben,

obschon sie zuletzt kaum noch wachsen, natürlich auch eine entsprechende

Länge und ein recht ansehnliches Gewicht, obschon im allgemeinen bereits

40pfündige Karpfen zu den Seltenheiten gehören. Am schmackhaftesten sind

sie bei Eintritt der Geschlechtsreife, also im dritten Lebensjahr,

weshalb auch drei- und viersömmerige Karpfen im Gewicht von 1-1/2 bis 2

_kg_ die gesuchteste und am besten bezahlte Marktware bilden. In einer

Beziehung ist der gern gesellig lebende Karpfen den farbenschönen

Fischarten, die vorher geschildert wurden, entschieden über, nämlich in

bezug auf Fruchtbarkeit, worauf ja schon sein wissenschaftlicher Name

(auch der deutsche dürfte auf eine Verstümmelung desselben

zurückzuführen sein) hinweist, der an die zyprische Liebesgöttin als

Beschützerin der Fruchtbarkeit erinnert. Es ist in der Tat erstaunlich,

welche Unmenge von Eiern so ein Karpfenleib zu produzieren vermag.

Während man früher auf 3-600000 Eier beim Rogner schloß, haben

neuerdings genaue Schätzungen durch Staff ergeben, daß selbst diese

ungeheuerlichen Zahlen noch weitaus zu niedrig gegriffen waren. Es

kommen vielmehr auf jedes Kilo Fleischgewicht nahezu 400000 Eier, also

auf einen halbwegs erwachsenen Mutterfisch etwa 1,6 bis 1,7 Millionen!

Auf einer bayrischen Fischereiausstellung wurden kürzlich einem Karpfen,

bei dem infolge Laichverhaltung eine Verflüssigung der Eierstöcke

eingetreten war, nicht weniger als 1700 _ccm_ Flüssigkeit abgezapft. Es

können also ungezählte Massen davon als Eier oder Jungfischchen zugrunde

gehen, ohne den Bestand der Art im geringsten zu gefährden, denn es

genügt vollkommen, wenn nur je 10000 Eier einen Fisch liefern. Die

stecknadelkopfgroßen Eier werden an Wasserpflanzen angeklebt, und das

Laichgeschäft vollzieht sich unter vielem Geplätscher an ganz seichten

Stellen. Bei der Beliebtheit, deren sich das zarte Karpfenfleisch

heutzutage allenthalben erfreut, und bei der großen Lebenszähigkeit

dieses Fisches, die seine Versendung auf weite Entfernungen hin

gestattet, wird Karpfenzucht in allen dazu geeigneten Gegenden mit viel

Eifer und Erfolg betrieben, und der Karpfen ist der wichtigste Bewohner

unserer Fischteiche geworden. Hauptbedingung für eine erfolgreiche

Karpfenzucht im großen ist, daß man über verschiedene Arten von Teichen

verfügt: kleine, sonnige, pflanzenreiche, flache Zuchtteiche, die erst

unmittelbar vor der Laichperiode bespannt werden, um keine Parasiten

aufkommen zu lassen, größere Zuwachsteiche mit reichlichem Naturfutter,

die in der Mitte eine vertiefte, nie ausfrierende Mulde zum Überwintern

der Fische haben müssen, und endlich Kaufgutteiche, in denen die Karpfen

vollends die marktfähige Größe erreichen sollen. Um das zu

beschleunigen, wird auch noch besonders gefüttert, und es kommt darauf

an, Futtermittel zu wählen, die das in ihnen angelegte Geld möglichst

rasch in möglichst viel gutes und wertvolles Fischfleisch verwandeln.

Namentlich in Schlesien, Böhmen und Galizien befinden sich großartige

Karpfenzuchtanstalten dieser Art. Gewonnen wird der weitaus größte Teil

des auf den Markt gelangenden Karpfenfleisches durch Ablassen der

Teiche, da der träge und alles Verschluckbare vorher vorsichtig

betastende Fisch nur schlecht nach der Angel geht und auch seiner

bodenständigen Lebensweise halber nicht gut in größerer Menge mit dem

Netz zu fangen ist. Vor Weihnachten ist Hochsaison auf dem Karpfenmarkt.

Dann tragen ganze, besonders dazu eingerichtete Eisenbahnzüge die

schmackhaften Schuppenträger aus Galizien und Schlesien nach Norden,

oder eigens für diesen Zweck zusammengestellte Flöße mit eingebauten

Fischkästen bringen sie auf der Moldau und Elbe nach unserer

Reichshauptstadt. Blau gesotten, gebacken, als Bierfisch oder mit

Paprikatunke -- kurz, in jeder Form bildet dieser nützliche Fisch eine

gesunde und fast allgemein beliebte Speise. Nur ist zwischen Karpfen und

Karpfen ein großer Unterschied. Vor allem muß der Fisch ganz frisch

sein, was die Hausfrau an den blanken und klaren Augen und daran

erkennen kann, daß ein Fingerdruck auf das Rückenfleisch sofort wieder

verschwindet. »Frische Fische -- gute Fische« sagt sehr richtig das

Sprichwort. Leider hat sich bei uns die Karpfenzucht nachgerade fast zu

einem Privileg des Großgrundbesitzes herausgebildet. Und doch läßt sich

der Fisch selbst in den elendesten Dorfteichen mit großem Erfolg, wenn

auch nicht züchten, so doch mästen. In dieser Beziehung geschieht noch

viel zu wenig, denn so können sonst fast ertragslose Wasserflächen noch

eine schöne Rente abwerfen.

Gerade bei dem langsam durch die Fluten ziehenden Karpfen lassen sich

sehr gut die _Schwimmbewegungen_ des Fisches beobachten und studieren.

Bei aufmerksamer Betrachtung werden wir sehen, daß es nicht eigentlich

die Flossen, oder diese doch nur in geringem Grade sind, die den Fisch

fortbewegen. Das hauptsächliche Fortbewegungsorgan ist vielmehr der

Schwanz, überhaupt die ganze hintere Körperhälfte. Sie ist mit zwei

Reihen starker Muskelzüge ausgestattet, durch deren Zusammenziehen

kräftige Schläge gegen das Wasser geführt werden, und zwar in einer

derartigen Richtung, daß sie den Fisch vorwärts treiben müssen.

Abwechselnde Biegungen der Schwanzflossenzipfel können allerdings auch

nach Art einer Schiffsschraube wirken und den Fisch langsam vorwärts

bringen. Die paarigen Flossen aber wirken lediglich regulierend und

steuernd, während After- und Rückenflosse die Körperfläche vergrößern

und ein Hin- und Hergeworfenwerden des Fisches bei den heftigen und

wechselnden Schwanzschlägen verhindern. Experimentatoren haben

nachgewiesen, daß ein der Rückenflosse beraubter Fisch im Zickzack

schwimmt, daß er sich bei einseitiger Entfernung der das Gleichgewicht

haltenden Brust- und Bauchflossen auf die Seite legt, daß bei Entfernung

beider Brustflossen das Vorderende tief sinkt und daß nach Abschneiden

sämtlicher paariger Flossen der Fisch auf dem Rücken schwimmt. Ein

Vorwärtsschlagen der Brustflossen ermöglicht ein langsames

Rückwärtsschwimmen. Der französische Gelehrte Houssay hat übrigens durch

vergleichende Experimente mit einer großen Zahl künstlicher Modelle

festgestellt, daß der Fischkörper, der ja auch für die menschliche

Schiffstechnik vorbildlich und maßgebend gewesen ist, gerade in bezug

auf die leichte Überwindung des Wasserwiderstandes heute von unseren

Schiffsmodellen bereits überholt ist, daß er aber in bezug auf

Stabilität, also das Vermögen, die richtige Lage im Wasser

beizubehalten, noch unerreicht dasteht. In dieser Beziehung sind

namentlich die paarigen Fischflossen ein ganz unübertreffliches

Werkzeug. Weitere Versuche von Alliaud und Vles mit elektrisierten

Fischen haben gezeigt, daß die Fische eine stete Muskelanstrengung

aufwenden müssen, um sich in den Fluten ihre gewöhnliche Lage zu

erhalten. Setzt man diese Muskelkraft durch den elektrischen Strom außer

Tätigkeit, so dreht sich der Fisch sofort um und treibt hilflos auf dem

Rücken. Er gleicht also nicht einem Schiff, sondern einem Radfahrer, der

sich ja auch mit fortwährender Muskelarbeit im Gleichgewicht erhalten

muß. Ein anderer französischer Gelehrter, Regnard, hat auf sinnreiche

Weise Untersuchungen über die _Schnelligkeit_ der schwimmenden Fische

angestellt. Er ließ kreisförmige Wasserrinnen herstellen, die durch

einen elektrischen Motor gedreht wurden, worauf die eingesetzten

Versuchsfische gegen den Strom zu schwimmen suchten. Wenn sie dann trotz

aller Anstrengungen auf der gleichen Stelle stehen blieben, mußte ihre

Geschwindigkeit gleich der Drehungsgeschwindigkeit des Apparates sein.

Es ergab sich, daß die Schwimmgeschwindigkeit von Karpfen und

Weißfischen etwa das Zehnfache ihrer Körperlänge in der Sekunde beträgt,

daß aber ihre Ausdauer bei solch höchster Kraftanspannung nur gering

ist, und bald Ermüdung eintritt. Die Schwimmgeschwindigkeit verminderte

sich sofort auf ein Drittel, wenn man die Schwanzflosse abschnitt,

während die Entfernung von Brust- oder Bauchflossen nur dann einen

größeren Einfluß ausübte, wenn sie lediglich auf einer Seite geschah.

Von der so ermittelten Schnelligkeit ist natürlich diejenige

verschieden, die die Fische beim Rauben oder auf ihren Wanderungen

entwickeln. Den Rekord soll die Forelle mit 35 _km_ in der Stunde

halten; der Hecht soll 23-27, die Barbe 18, Karpfen, Schleie und Aal 12

_km_ in der Stunde zurücklegen können. In Siam veranstaltet man in

langen Aquarien sogar besondere Wettrennen zwischen verschiedenen

Fischarten, und der auch in Europa wohlbekannte verstorbene König

Chulalongkorn soll bei einem solchen Rennen einmal eine seiner Frauen

verwettet haben.

Im Zusammenhange mit diesen Betrachtungen seien auch gleich noch der für

die Fische vielfach so kennzeichnenden _Schwimmblase_ und ihrer

biologischen Bedeutung einige Worte gewidmet. Sie fehlt als zwecklos den

echten Grundfischen, die keinen Druckschwankungen ausgesetzt sind, aber

auch manchen guten Schwimmern, wie dem Hai und der Makrele, ohne daß wir

bisher wissen, warum, und wodurch sie ihnen ersetzt wird. Sie ist ein

aus luftdichten Häuten bestehender Sack zwischen Darm und Nieren, der

sich oft durch die ganze Leibeshöhle erstreckt, aber nach Form und

Ausdehnung sehr verschieden gestaltet ist. Beim Karpfen ist sie durch

eine Einschnürung in zwei Teile zerlegt, die Flughähne haben zwei

nebeneinander liegende Blasen, der Schlammbeißer eine in eine

Knochenkapsel eingehüllte.

[Illustration: Karausche (_Carássius carássius_). (Naturaufnahme

von Oberlehrer W. Koehler.)]

Einheimische Fische; Die Süßwasserfische unsrer Heimat · 第 4 / 10 段