Süßwassers wollen wir hier endlich noch den _Flußbarsch_ (_Pérca
fluviátilis_) herausgreifen, dessen Name mit dem Begriff »Borste«
zusammenhängen soll, und ein recht borstiger Bursche ist ja dieser
stachelbewehrte Räuber tatsächlich in jeder Hinsicht, der im Fischreiche
biologisch etwa dieselbe Rolle spielt wie der Sperber in der Vogelwelt.
Von Schutzfärbung ist freilich bei ihm zunächst wenig zu merken, denn
der Oberkörper ist messingglänzend, und diese Farbe geht auf den Seiten
mehr ins Grünliche, auf dem Bauche ins Weißliche über, während quer über
den Leib 5-9 mehr oder minder dunkle Zebrabinden verlaufen. Wir müssen
aber berücksichtigen, daß der Barsch in der Regel unter einer
überhängenden Uferstelle im ruhigen Wasser zwischen Rohrhalmen auf Beute
lauert, und hier kommt ihm die den Rohr- und Pflanzenstengeln gleichende
Körperzeichnung doch sehr zustatten, zumal sie sich den Belichtungs- und
Schattierungsverhältnissen ebenfalls in wundersamer Weise anzupassen
vermag. Je klarer und durchsichtiger das Wasser, in desto lebhafterer
Färbung pflegt der Barsch zu prahlen. Nun kommt aber noch hinzu, daß
auch sein jeweiliger Gemütszustand die Färbung ganz erheblich zu
beeinflussen pflegt, wie ja die Fische trotz ihres kalten Bluts
überhaupt keineswegs die leidenschaftslosen und »kaltblütigen« Geschöpfe
sind, als die sie bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen. Ganz im
Gegenteil feiern glühende Liebe, brennender Haß und ungestümer
Wanderdrang, kurz, rücksichtslose Leidenschaften aller Art gerade im
Fischreiche wahre Orgien, und das kommt auch in der jeweiligen Färbung
oft deutlich genug zum Ausdruck. So beweisen die einwandfreien
Photographien des schon erwähnten englischen Forschers Ward, daß
namentlich der Barsch nicht nur ein durch die verschiedene
Flossenstellung vermitteltes, sehr ausdrucksvolles Mienen- und
Geberdenspiel hat, sondern daß er auch aus Angst und Furcht oder bei
plötzlichem Schreck die Farbe zu verändern, insbesondere bis zur
Leichenblässe zu erbleichen vermag. Eben noch liegt der Fisch in
behaglicher Ruhe auf dem Grunde, den Körper gestützt auf Schwanz- und
Beckenflossen, während die übrigen Flossen sich ihm anschmiegen und die
Zebrastreifen fast gar nicht sichtbar sind. Da -- eine leise
Erschütterung des Glasbehälters, und der Barsch richtet sofort als
Zeichen der Beunruhigung die zweite Rückenflosse steil auf. Eine zweite
und dritte stärkere Erschütterung -- und der nun vollends erschreckte
Barsch erhebt sich vom Boden, richtet auch die übrigen Flossen auf,
spreizt die Kiemendeckel und -- erbleicht plötzlich vor Furcht, so daß
die Zebrastreifen scharf und deutlich hervortreten. »Drei Minuten lang
verharrte er in dieser Stellung und schwamm dann fort, andauernd seine
großen Augen rollend, als ob er nach Gefahr ausschaute.« Gleichzeitig
mit dem Erbleichen wird eine besondere Verteidigungsstellung
eingenommen, und dabei werden namentlich die scharfen Stacheln der
Rückenflossen gespreizt, denn sie sind die natürlichen Abwehrwaffen des
Barsches. Doch stehen sie nicht wie beim Stichling in besonderen
Sperrgelenken, und deshalb gewähren sie auch nicht einen so weitgehenden
Schutz, obschon die größeren Raubfische in der Regel nur bei besonderem
Hunger sich an den stacheligen Gesellen machen. Der Hecht z. B. packt
den sich nach Kräften Sträubenden mit einer gewissen Vorsicht am Maul
und läßt ihn sich nun erst so weit abmatten, bis die dräuend erhobenen
Stacheln von selbst herabsinken und so das Opfer verschlungen werden
kann. Seinerseits ist aber auch der Barsch ein gar grimmer Räuber, der
blindgierig auf alles losschnappt, was er halbwegs bewältigen zu können
glaubt, und dabei nicht selten üble Erfahrungen machen muß. In der
Jugend zwar begnügt er sich mit Gewürm und Schnecken, im Alter aber wird
er zum fast ausschließlichen Fischfresser. Lauernd lugt er dann aus
seinem Versteck, und wie ein Sperber stößt er urplötzlich hervor unter
das harmlos spielende Proletenvolk der Weißfischchen, die erschreckt
auseinander stieben, wohl gar aus dem Wasser hervorschnellen, aber von
dem Raubritter in schnellen, ruckweisen Schwimmstößen so lange verfolgt
werden, bis einer erhascht ist, falls dies nicht schon auf den ersten
Anhieb geschah. Auch der Fischbrut und den kleineren Krebsen tut der
Barsch viel Schaden. So las ich erst unlängst, daß ein nur 16 _cm_
langer Barsch nicht weniger als 3 noch frische, weichhäutige Krebse von
5 bis 7-1/2 _cm_ Länge im Magen hatte, der dadurch ganz unförmlich
aufgetrieben war. Selbst an kleineren Sängern und Vögeln vergreift sich
dieser gierige Räuber, wenn sich ihm Gelegenheit dazu bietet. Da er
blind nach allem Genießbaren schnappt, bildet er die Freude des
angehenden Anglers, dessen Unerfahrenheit er oft mit einem unverhofften
und wegen seines wohlschmeckenden Fleisches hochwillkommenen Erfolge
krönt, der allerdings nicht selten mit einer schmerzhaften Verletzung
der Hand durch die spitzigen Rückenstacheln bezahlt werden muß. Das gilt
freilich nur von jungen und unerfahrenen Barschen, denn die alten sind
recht scheu und mißtrauisch, und der Angler darf sich solchen gegenüber
keineswegs unvorsichtig benehmen. Wer irgendwelche Barscharten längere
Zeit hindurch im Aquarium gepflegt hat, wird mir beipflichten, wenn ich
mich erkühne, diese Fische geradezu als nervöse Geschöpfe zu bezeichnen.
An Heißblütigkeit und Ungestüm des Temperaments geben sie ihrem
würdigen Vertreter in der Vogelwelt, dem Sperber, sicherlich nicht das
geringste nach. Ja, ihre Erregung vermag sich wie beim Vogel derart zu
steigern, daß sie in krampfhafte Zustände verfallen oder gar plötzlich
tot zu Boden sinken. Auch mancher Exotenzüchter vermag von dieser noch
wenig bekannten und erforschten Eigenschaft der als kaltblütig
verschrieenen Fische ein Lied zu singen. So sind Fälle bekannt, wo
Makropoden aus Erregung über die Zerstörung ihres Schaumnestes sofort
verendeten; der Pfauenaugenbarsch wechselt aus Angst oder Schreck alle
Farben, oder verfällt in Starrkrampf, der Diamantbarsch geberdet sich im
Ärger genau so sinnlos wie ein Habicht oder Sperber und sucht sich mit
weit abstehenden Kiemen in den Sand einzubohren. Unser Fluß- oder
Rohrbarsch, der gewöhnlich 35-40 _cm_ lang und 1 _kg_ schwer wird
(kürzlich wurde bei Zürich ein Exemplar von 2-1/4 _kg_ Gewicht
gefangen), bewohnt sowohl stehende wie fließende Gewässer, bevorzugt in
diesen jedoch die langsam fließenden Stellen mit sandigem, mergeligem
oder lehmigem Grunde und gibt immer einem möglichst klaren Wasser den
Vorzug. Die Laichzeit fällt in die Frühlingsmonate, und zwar werden die
mohnkorngroßen Eier in mehr als meterlangen, schlauchartigen Schnüren
netzartig um allerlei feste Gegenstände im Wasser geschlungen. Das
Weibchen kriecht bei der Laichabgabe förmlich wie eine Schnecke über die
Unterlage und unterstützt durch scharfes Anpressen des Bauches, also
durch eine Art Selbstmassage das Austreten der zwar kleinen, aber sehr
klebrigen und spezifisch auffallend schweren Eier. Künstliche
Besamungsversuche in der Biologischen Versuchsanstalt zu Wien haben
gezeigt, daß es sich bei einer bisher rätselhaften Barschform aus dem
Donaugebiet um Bastarde zwischen Rohr- und Kaulbarsch handelt, die
demgemäß auch in freier Natur vorkommen. Diese Mischlinge sind im
allgemeinen mehr kaulbarschähnlich, aber hochrückiger und seitlich
stärker zusammengedrückt, während die Zebrabinden nur dann hervortreten,
wenn der Rohrbarsch die Mutter war; sie sind träger, aber zählebiger und
schnellwüchsiger als beide Stammarten.
Größere wirtschaftliche Bedeutung als der Flußbarsch besitzt
sein äußerst wohlschmeckender und dabei grätenarmer größerer
Vetter, der _Zander_ oder _Schill_ (_Luciopérca sándra_), dessen
wisschenschaftlicher Name »Hechtbarsch« vortrefflich gewählt erscheint,
denn in der Tat vereinigt dieser Fisch äußerlich wie biologisch die
Eigenarten beider Familien in sich. Mehr noch als der Flußbarsch ist er
auf recht sauerstoffreiches Wasser angewiesen, worauf schon der ungemein
zarte Bau seiner Kiemen hindeutet. So findet er sich besonders zahlreich
in weiten, aber flachen Wasserbecken, die durch stürmische Winde ab und
zu gründlich aufgewühlt und dadurch mit dem Sauerstoff der Luft
gesättigt werden, wie dies z. B. beim Kurischen Haff der Fall ist, wo
deshalb auch ein sehr lohnender Zanderfang noch heute betrieben wird,
wenn auch die Zeiten, wo man die massenhaft erbeuteten wertvollen Zander
lediglich zum Trankochen benutzte, dort längst vorüber sind. Ebenso ist
der Zander als »Fogosch« ein Charakterfisch des Plattensees und bildet,
auf dem Rost gebraten, eine beliebte ungarische Nationalspeise. Die so
zahlreich in die Berliner Markthallen gelangenden Zander dagegen
entstammen größtenteils dem Wolgagebiet, wo eine besondere Art, der
_Berschik_ (_Luciopérca volgénsis_) auftritt, die neuerdings auch durch
das Schwarze Meer ins Donaugebiet einzuwandern beginnt. Auch der Zander
ist ein ausgesprochener, überaus freßgieriger Raubfisch, der aber seines
engen Schlundes und Magens wegen doch nur kleinere Fische zu bewältigen
vermag. Der Angler wird ihm gegenüber nur dann Erfolg haben, wenn er
einen lebenden Köder verwendet und auf die große Furchtsamkeit und
Leckerhaftigkeit dieses Fisches genügend Rücksicht nimmt. Dann aber
bietet gerade das Zanderangeln viel Anregung und hohen sportlichen
Genuß. Gleich dem Flußbarsch treibt sich der Zander gern in kleinen
Trupps umher, und es ist merkwürdig, wie diese im Wasser oft förmlich
exerzieren und wie auf Kommando gemeinsame Schwenkungen vollführen. Die
ganz jungen Zander fressen außer tierischen Substanzen auch massenhaft
schwebende Algen, und selbst die Alten scheinen Pflanzenkost nicht
völlig zu verschmähen. Jedenfalls ist es auffallend, daß die in
Zandermägen vorgefundenen Fische fast immer in allerlei Pflanzengrün
eingehüllt sind, wobei es einstweilen dahingestellt bleiben muß, ob
dieses etwa zur Beförderung der Verdauung mit verschluckt wurde. Von
anderweitigen Angehörigen der Barschfamilie, die sich durch das
Vorhandensein von zwei selbständigen, stacheligen Rückenflossen
kennzeichnet, seien hier noch kurz erwähnt der schlank gebaute _Streber_
(_Aspro stréber_), der bei uns gleich dem _Zingel_ (_Aspro zíngel_) auf
das Donaugebiet beschränkt ist, und der bisher nur in fließendem Wasser
gefundene _Schrätzer_ (_Acerína schráetser_). Alle diese Arten sind zu
klein und treten zu vereinzelt auf, als daß sie wirtschaftliche
Bedeutung gewinnen könnten, obschon ihr Fleisch recht gut mundet. Beim
Zingel hat Kammerer interessanterweise einen ganz verwickelten Nestbau
beobachtet, indem das Tier eine kreisförmige Grube im Sande auswirft, in
der Grubenmitte mit der Schnauze Steine zusammenschiebt, und zwischen
die Steine mühselig herbeigeholte Algenwatte einklemmt. Durch
Hineinarbeiten und Drehen des Körpers gewann diese Algenmasse
mützenförmige Gestalt, die durch quergesteckte Reiser klaffend erhalten
wurde. Der Schrätzerlaich erscheint zwar ebenfalls wie beim Flußbarsch
zu Schnüren angeordnet, aber die Eier liegen nicht in einem gemeinsamen
Schlauch, sondern sind nur reihenweise dicht nebeneinander auf dem Boden
festgeklebt. Dieser stachelige Fisch, der dem etwas Besseres erhoffenden
Angler manche Enttäuschung bereitet und ihm beim Auslösen manchen
blutigen Stich beibringt, gilt bei den Donaufischern als ein arger
Schädling der Fischbrut, während Streber und Zingel, die man in kleinen
Geschwadern ruckweise durchs Wasser schießen sieht, völlig harmlos sind
und sich lediglich von Mückenlarven, Wasserasseln, Flohkrebsen und
Erbsenmuscheln, namentlich aber von Würmern ernähren. Sie schaufeln
diese förmlich aus dem Boden hervor und drehen sich von großen
Exemplaren maulgerechte Stücke ab, indem sie sich wie die Molche hin und
her werfen und um die eigene Achse wälzen. Neuerdings sind auch zwei
nordamerikanische Barscharten ihrer Schnellwüchsigkeit halber mit Erfolg
in Deutschland eingebürgert worden, der _Schwarzbarsch_ und der
_Forellenbarsch_, die sich namentlich in kleinen Teichen mit festem
Untergrunde recht gut entwickeln und hier die Rolle des Hechts vertreten
können. Wichtiger aber als sie alle ist trotz seiner Kleinheit (er
bringt es höchstens auf 1/2 _kg_ Körpergewicht) der _Kaulbarsch_
(_Acerína cvernua_), ein gelbbrauner oder olivengrüner Bursche mit
feinen Pünktchen, die das Volk in Süddeutschland für Läuse hält und
deshalb den Fisch, der von jeher gern in den Klöstern verspeist wurde,
»Pfaffenlaus« getauft hat. Noch furchtbarer als andere Barscharten ist
diese mit Stacheln bewehrt, so daß die Fischer von ihr sagen, man dürfe
sie nur mit blechernen Handschuhen anfassen, und kenntlich wird der
gedrungen gebaute Kaulbarsch sofort daran, daß die beiden Rückenflossen
nicht scharf getrennt sind, sondern ineinander übergehen. Er führt eine
zigeunerartige und nomadenhafte Lebensweise, erscheint aber zu
bestimmten Jahreszeiten in gewissen Gegenden in ganz fabelhafter Menge.
Als ich vor einer Reihe von Jahren am Kurischen Haff wohnte, wurden dort
nicht selten solche Unmengen von Kaulbarschen gefangen, daß man mit dem
Überfluß bisweilen nichts anderes anzufangen wußte, als ihn als Dung auf
die Felder zu fahren. Heute wird das wohl auch anders geworden sein,
denn Kaulbarsch gibt die leckerste Fischsuppe, die sich nur denken läßt.
In den langen und harten Wintern lernte ich damals dort auch eine ganz
eigentümliche Fangweise kennen, die besonders dem Kaulbarsch galt. Wenn
das weite Kurische Haff zugefroren war, schoben die Fischer mit Stangen
nebeneinander 12-15 Stecknetze von je 30 bis 50 _m_ Länge und 1/2 bis
3/4 _m_ Höhe unter das Eis und ließen sie eine Weile stehen, unter
Umständen tagelang. Dann wurde in der Nähe eine lange, bis auf den Grund
reichende Stange, die an einem Gestelle mehrere eiserne Ringe trug,
durch das Eis gestoßen und mit ihr ein möglichst großer Lärm vollführt.
Die Folge war, daß sich die Netze dicht mit Kaulbarschen füllten, die
nach den Behauptungen der Fischer durch das erzeugte Geräusch angelockt,
richtiger vielleicht dadurch zu sinnloser Flucht aufgescheucht wurden.
Dies führt uns zu der interessanten und neuerdings viel erörterten
Frage, ob überhaupt und bis zu welchem Grade Fische zu _hören_ vermögen.
Um über diese vielumstrittene Frage ins klare zu kommen, soweit dies der
heutige Stand der Wissenschaft erlaubt, ist es nötig, daß wir uns
zunächst den Bau des _Gehörorgans_ der Fische vergegenwärtigen.
Bekanntlich besitzen diese kein äußeres Ohr, und auch von den inneren
Teilen fehlt ihnen die sogenannte Schnecke, der Träger des Cortischen
Organs, das wir seit Helmholtz als den eigentlichen Sitz des Gehörsinnes
kennen. Wohl ist das sogenannte Labyrinth vorhanden und in ihm ein
großer und zwei kleine Gehörknöchelchen oder Otolithen, die von kalkiger
Struktur sind und deutlich ein Jahreswachstum erkennen lassen, aber
diese Gebilde haben mit dem eigentlichen Gehörvermögen nichts mehr zu
tun, sondern unterrichten, eingebettet in eine gallertige Masse und in
Zusammenhang stehend mit seinen, in Nervenzellen endigenden Härchen, den
Fisch lediglich über seine Lage, dienen insbesondere auch zur Erhaltung
des so nötigen Gleichgewichts, sind also ein ausgesprochen statisches
Organ, weshalb man die Otolithen auch besser und richtiger _Statolithen_
nennen sollte. Fische, die dieses Organs beraubt sind, verlieren das
Gleichgewicht und das Orientierungsvermögen und schwimmen auf der Seite
oder auf dem Rücken sinnlos im Kreise herum. Um es kurz
zusammenzufassen: während das Ohr der höheren Wirbeltiere zugleich als
statisches und als Gehörorgan dient, kann seinem ganzen anatomischen und
histologischen Bau nach bei den Fischen ausschließlich nur die erstere
Funktion in Betracht kommen. Die Fische können also wegen des Fehlens
eines vermittelnden Organs nicht hören, d. h. sie sind für
Schallwirkungen an sich unempfänglich. Dem wird freilich der in der
Praxis geschulte Fischer mit überlegenem Lächeln entgegenhalten, daß die
meisten Fische doch sehr wohl auf starke Geräusche reagieren, der
Tierfreund wird uns erzählen, daß er bei diesem oder jenem alten
Klosterteiche gesehen habe, wie die fetten Mooskarpfen auf ein gegebenes
Glockenzeichen, an das sie seit vielen Jahren gewöhnt seien, zur
Fütterung herbeigeschwommen kamen, der Weltreisende wird uns versichern,
daß das in Japan jedes Kind wisse, weil man in den Gartenteichen die
Goldfische durch Pfeifen oder Glockensignale zur Fütterung herbeirufe.
Auch der erfahrene Aquarienliebhaber wird uns mit bedenklicher Miene
darauf aufmerksam machen, daß die trommelnden Laute der Guramis doch
offenbar die Rolle eines geschlechtlichen Reizmittels spielten und
demnach auch von dem anderen Teile vernommen werden müßten, wenn sie
überhaupt einen Zweck haben sollten. Das ist alles ganz richtig, und
doch liegen überall Trugschlüsse vor. Die hungrigen Karpfen hören nicht
das Glockenläuten, wohl aber empfinden sie die durch die Schritte des
nahenden Futterspenders der Erde mitgeteilte und sich im Wasser
fortpflanzende Erschütterung, sehen und kennen vielleicht sogar die
Gestalt ihres Wohltäters. Wartet dieser aber erst ruhig ein Stündchen
und stellt er sich dann so auf, daß er beim Glockenläuten nicht gesehen
werden kann, so kann er noch so lange und noch so schön bimmeln, keiner
der faulen Karpfen wird sich die Mühe nehmen, lediglich des Glockentones
wegen herbeizuschwimmen. Besonders bezeichnend ist es, daß Fische auf
schwache Geräusche außerhalb des Wassers niemals achten, daß sie aber
erschreckt zusammenfahren, wenn man unmittelbar neben einem Tümpel einen
Gewehrschuß abfeuert oder wenn man über dem Aquarium stark in die Hände
klatscht. Daraus dürfen wir ruhig schließen, daß sie nur für solche Töne
sich empfänglich zeigen, die stark genug sind, um sich im Wasser als
Erschütterungswellen fortzupflanzen, und damit haben wir zugleich des
Rätsels Lösung. Nicht die Schallwellen sind es, die der Fisch wahrnimmt,
sondern die durch sie im Wasser erzeugten Erschütterungswellen, und
nicht oder doch nicht ausschließlich mit dem Ohre nimmt er sie auf,
sondern mit seiner gesamten Körperoberfläche, in erster Linie mit der
sogenannten _Seitenlinie_, diesem noch so geheimnisvollen sechsten
Sinn. Wir dürfen also diese Art der Wahrnehmung nicht als Gehörsinn
bezeichnen, sondern könnten sie etwa Erzitterungs- oder
Erschütterungssinn nennen. Gewiß werden die umworbenen Weibchen
bestimmter Fischarten die balzenden Knurr- oder Trommeltöne ihrer
Verehrer zu würdigen wissen, aber mitgeteilt werden sie ihrem verliebten
Hirn nicht durch das lediglich als statisches Organ dienende Ohr,
sondern durch die hochempfindlichen Sinnesbecher, die durch die Löcher
der Seitenlinie mit der Außenwelt in Verbindung stehen. Im Wasser selbst
und bei ganz kurzer Entfernung, wie sie ja in allen solchen Fällen
allein in Betracht kommt, brauchen die Töne natürlich durchaus nicht
sonderlich laut zu sein, um verstanden zu werden. Nun gibt es allerdings
bekanntlich keine Regel ohne Ausnahme, und so will es in der Tat fast
scheinen, als ob doch einige wenige Fische den Anfang zu einem echten
Hörvermögen besäßen und wenigstens für ganz bestimmte Töne einigermaßen
empfänglich wären. So hat Maier von dem nordamerikanischen Zwergwels
neuerdings in einer anscheinend einwandfreien Weise festgestellt, daß er
recht lebhaft auf Pfiffe reagierte. Seine Versuche sind von zuständiger
Seite nachgeprüft und bestätigt worden. Und was dem Zwergwels recht ist,
das sollte auch unserem Weller billig sein. Vielleicht haben wir also in
der Gruppe der Welse den Beginn des Gehörvermögens bei den Fischen zu
suchen. Immerhin könnten bei dieser höchst auffallenden Beobachtung doch
Fehlerquellen mit unterlaufen sein, und völlige Gewißheit werden wir
über sie erst dann gewinnen, wenn das Gehörvermögen der Welse mit
Seziermesser und Mikroskop eingehend untersucht sein wird, was meines
Wissens bisher noch nicht geschehen ist. Im Einklang mit den
vorausgehenden Ausführungen stehen dagegen die Untersuchungen, die
Edinger über das Fischhirn gemacht hat, und aus denen wir wissen, daß
bei diesen Tieren das sogenannte Neenkephalon höchstens andeutungsweise
zur Entwicklung gelangen kann, während sie im übrigen auf das lediglich
Reflexe ermöglichende Paläenkephalon angewiesen sind. Sodann wollen wir
nicht vergessen, daß ein Hören von außerhalb des Wassers verursachten
Geräuschen für die Fische eigentlich wenig Sinn und Zweck hätte, und daß
die schaffende Natur überflüssige Einrichtungen nicht liebt, sondern
sich in weiser Sparsamkeit auf das Notwendige beschränkt, dieses aber
dafür um so vollkommener auszubilden sucht.
Es dürfte angebracht sein, bei dieser Gelegenheit auch noch der schon
erwähnten _Seitenlinie_ der Fische einige Worte zu widmen. Daß sie ein
Sinnesorgan ist und ihrem ganzen Bau nach nichts anderes sein kann,
wissen wir, aber über die Art und Weise ihrer Wirksamkeit können wir uns
eigentlich nur mehr oder minder gut begründeten Mutmaßungen hingeben.
Schon Leydig erkannte 1851 die Seitenlinie als Sitz eines sechsten
Sinnes, aber erst durch Hofers eingehende Untersuchungen sind wir über
dessen Funktion einigermaßen klar geworden. Bald glaubte man, daß die
Seitenlinie dem Fischkörper die Wellenbewegungen des Wassers mitteile,
bald sollte sie ihm den Wasserdruck angeben oder ihn über die jeweilige
Höhe und Tiefe orientieren, bald sah man in ihr ein Gleichgewichtsorgan,
bald einen Wahrnehmungsapparat für leichte Erschütterungen, bald
einen Regulator für die Gasproduktion, und sogar mit dem
Fortpflanzungsgeschäft hat man sie in Beziehungen bringen wollen.
Jedenfalls ist sie kein eigentlicher _Gefühls-_ oder Tastsinn, der beim
Fische vielmehr durch die ganze Hautoberfläche und insbesondere durch
die wulstigen Lippen sowie die oft vorhandenen Bartfäden oder sonstige
Anhängsel vermittelt wird, übrigens in sehr verschieden hohem Grade
ausgebildet ist. Soviel scheint jedoch festzustehen, daß die Fische eine
auffallend geringe Schmerzempfindung besitzen, was ja auch mit den beim
Angelsport gemachten Erfahrungen übereinstimmt, indem oft ein eben erst
auf das empfindlichste durch den Angelhaken verletzter Fisch sofort
wieder anbeißt, als ob nichts geschehen wäre. Die von tierschützerischer
Seite so oft gegen das Angeln erhobenen Vorwürfe entbehren daher der
physiologischen Begründung. Am wahrscheinlichsten und teilweise auch
schon auf experimentellem Wege erwiesen ist es wohl, daß der Seitenlinie
die Aufgabe zufällt, den Fisch über die jeweiligen Strömungen des
Wassers und damit indirekt auch über seinem Weg entgegenstehende
Hindernisse zu unterrichten. Diese Aufgabe ist wichtig genug, denn ohne
ein derartiges Organ würde namentlich der in dunkler Tiefe lebende Fisch
sich überhaupt nicht zurechtfinden können (deshalb ist auch die
Seitenlinie bei Tiefseefischen besonders gut entwickelt), der
Süßwasserfisch würde unweigerlich ins Meer geschwemmt werden, weil er
sich nicht über die Strömung unterrichten könnte, er vermöchte auch
nicht die einmündenden Bäche und Flüsse aufzufinden, auf seinen
Wanderungen nicht die zu überwindenden Hindernisse wahrzunehmen und
abzuschätzen. Gewöhnlich verläuft die Seitenlinie unter der
Hautoberfläche und steht nur durch die durchbohrten Schuppen mit der
Außenwelt in Verbindung, bisweilen (so bei den Seekatzen) liegt sie aber
auch frei in einem häutigen, tief eingesenkten Kanal. Die
knospenförmigen, eigentlichen Sinneszellen in ihr wechseln mit stark
entwickelten Schleimzellen ab, weshalb man vor dem Auftreten Leydigs die
ganze Anlage lediglich für ein Schleim absonderndes Organ hielt. Meist
ist die Seitenlinie schon äußerlich gut zu erkennen, und zwar verläuft
sie in der Regel in gerader oder sanft geschwungener Linie von den
Kiemen über die ganze Körperseite bis zur Schwanzflosse. Indessen
erleidet diese Regel viele Ausnahmen, und in solchen Fällen gibt
die abweichende Gestaltung der Seitenlinie oft ein gutes
Unterscheidungsmerkmal für nahestehende Arten ab. So ist das Organ nicht
selten nur teilweise ausgebildet, wie z. B. beim _Moderlieschen_
(_Leucáspius delineátus_), das von allen ähnlichen Fischchen sich sofort
dadurch unterscheidet, daß die Seitenlinie schon dicht hinter dem Kopfe
endigt.
[Illustration: Moderlieschen. (Nach einer Naturaufnahme von Dr. E.
Bade.) (Aus: Bade, Die mitteleuropäischen Süßwasserfische.)]
Das gestreckt gebaute, aber in der Gestalt sehr wandelbare niedliche
Tierchen mit dem steil nach oben gerichteten Mäulchen, der tief
ausgeschnittenen Schwanzflosse, den großen Augen und den stark
silberglänzenden Seiten, über dessen Verbreitungsbezirk wir noch
keineswegs hinreichend unterrichtet sind, das aber im Osten entschieden
häufiger ist, als im Westen, gehört zu unseren anspruchslosesten
Fischen. Es findet sich nicht nur in Flüssen aller Art, sondern gar
nicht selten in Torfausschachtungen und lehmigen Heidetümpeln.
Interessant ist die Brutpflege des Moderlieschens. Das Männchen bewacht
und verteidigt nämlich eifrig den Laich, der vom Weibchen
manschettenförmig um die Stengel des Froschlöffels herumgelegt wird.
Zugleich bemüht sich das wackere Männchen auch, die Eier dadurch vor
Verpilzung zu schützen, daß es durch fortwährende Schwanzschläge den sie
tragenden Pflanzenstengel in Bewegung erhält. Einen ganz eigenartigen,
in unserer Fischwelt einzig dastehenden Verlauf nimmt die Seitenlinie
bei dem durch stark zusammengedrückten Leibesbau, hervorgewölbten Bauch
und lebhaften Silberglanz ausgezeichneten _Sichling_ (_Pélecus
cultrátus_), auch Messerkarpfen, Zicke und Dünnbauch genannt. Sie biegt
bei ihm gleich am Kopfe in flachem Bogen nach unten, geht dann fast
senkrecht bis nahe zur Bauchkante, schwingt sich von hier in mäßigem
Bogen bis zum unteren Körperdrittel empor, senkt sich hierauf zwischen
Bauch- und Afterflosse wieder nach unten und steigt zuletzt in flachem
Bogen aufwärts, um am Schwanz in der Körpermitte zu endigen. Dieser
Fisch hat auch sonst mancherlei Merkwürdiges an sich. So ist schon seine
Verbreitung auffallend genug, denn er findet sich einerseits in der
Ostsee mit allen ihren Verzweigungen und Zuflüssen und andrerseits
ebenso im Gebiete des Schwarzen Meeres, ohne doch irgendwo sonderlich
häufig zu sein. Ja, im Donaugebiet erscheint er nach der Meinung der
Fischer nur alle sieben Jahre, weshalb sie ihn als Unglücksfisch und
Pestbringer betrachten, ähnlich wie die Vogelkundigen früherer Zeiten
den Seidenschwanz. Von seiner Lebensweise wissen wir eigentlich nicht
viel mehr, als daß er ein gesellig lebender Oberflächenfisch ist und
zwischen Salz-, Brack- und Süßwasser kaum irgendwelchen Unterschied
macht, sondern sich allenthalben gleich wohl zu fühlen scheint. Obgleich
man ihm hier und da (so im Kurischen Haff) mit Netzen nachstellt und er
immerhin bis zu 1 _kg_ schwer wird, hat er doch kaum irgendwelche
wirtschaftliche Bedeutung, da er nirgends in Massen auftritt und
überdies sein weichliches Fleisch sehr grätig ist.