für jeden an diesem Begriff, der die Geschichte unsres Erzgebirges
zur Zeit der dreißig Kriegsjahre kennt! Heraus und herein zogen hier
die Mordbanden durch’s unglückselige Meißner Land -- zuerst die
Kaiserlichen, nach dem Prager Frieden die Schweden; und alle taten ihr
Bestes, daß dem Bauern und Bergmann möglichst nichts blieb von dem, was
er mit seinen schwieligen Fäusten erworben. -- Heut’ merke ich nichts
von dieser grausigen Vergangenheit, wie ich von Wolkenstein aus in der
Kleinbahn an der Preßnitz entlang fahre. Lachend liegen die herrlichen
Wiesen zu beiden Seiten der Linie; wie Silber blinken die Wellen des
Flüßchens. -- Nichts tröstlicheres gibt es, als den Juni im Bergland.
Alles verklärt er -- die düstern Wälder schmückt er mit hellgrünem
Jungwuchs, die Felder und Fluren mit einer Pracht ohnegleichen. Der
Schwarzdorn ist eben erblüht, die Fliedersträucher im Giebelgärtchen
hängen dicht voller Dufttrauben. Einen zweiten Frühling im gleichen
Jahr kann der Tieflandbewohner feiern, der sich jetzt aufmacht --
hinauf auf die Berge.
Da ist nun die Haltestelle Schmalzgrube. Der Rucksack fliegt auf den
Rücken; voller Wanderlust spring’ ich hinab auf den Bahnsteig. Nur ein
paar Minuten flußauf habe ich hier zu gehen, und dann wird vor mir auf
grüner Matte die mächtige Anlage des alten, außer Betrieb gesetzten
Hammerwerkes liegen, der zuliebe ich den Umweg hierher gemacht habe.
Denn mit einem tiefen, vollen Akkord aus guter, ja aus wirklich guter
alter Zeit soll mich mein Erzgebirge heute begrüßen! Wohl -- die Matte
ist da. Schöner als je ist sie heute geziert, aber der Hammer -- --!
Du lieber Gott, was hat die Zeit sich da wieder einmal geleistet. Von
der ganzen großartigen Siedlung, die vor fünfzehn Jahren noch in ihrer
wuchtigen Geschlossenheit -- wenn auch schon damals mit geborstenen
Mauern -- einen so prachtvollen Anblick gewährte, sind jetzt im
ganzen noch drei Gebäude erhalten. Ein Arbeiterhaus, ein Schuppen
und das Herrenhaus sind übriggeblieben; alles andere abgebrochen und
weggekarrt. Freilich, auch diese geringen Reste noch lassen die Pracht
der ursprünglichen Anlage ahnen. Es ist ein wirklicher Genuß, jene
Spuren alten heimischen Bauenkönnens zu betrachten. Daß wenigstens das
Herrenhaus noch unter dem Geretteten sich befindet, ist ein Glück. Mehr
noch, der Besitzer hat sich entschlossen, es wieder in Verwendung zu
nehmen; es neu vorzurichten und auszubauen. So wird uns der schöne Bau
erhalten bleiben mit seinem Mansardendach und dem entzückenden Türmchen
darüber, mit seinem breiten Türsturz, darauf die zwei steinernen Löwen
schmunzelnd das grüne Bäumchen betrachten, das vorwitzig zwischen
ihren gewaltigen Tatzen emporsprießt. Wir werden uns weiter erfreuen
können an dem prächtigen Schindelwerke der drei Dächer, die mir damit
bekleidet hier oben sicher köstlicher dünken, als die smaragdenen
Kupferdächer von Pillnitz. Ein böses Sandkorn zwischen den Zähnen
bedeutet für den Heimatfreund ja freilich das neue Wohnhaus, das
allzunahe an die alte Handwerkspracht herangerückt ist. Aber wir sind
ja bescheiden geworden, wir Freunde des Alten in unsern Tagen! Ich
wähle eben meinen Standpunkt so, daß ich nur die drei alten Häuser ins
Auge bekomme und sieh da -- ein wenig Freude kommt doch noch über mich.
Und auch du bist geblieben, du starker trotziger Bergwald, der du jetzt
neben mir hergehst und mir gut zusprichst mit deinem Wipfelrauschen.
-- Hei, rennt das Jöhstadter Schwarzwasser durch den Wiesengrund dort
hinab. Nimm dir doch Zeit, törichtes Mägdlein; so wohl wie daheim
wird dir’s nicht wieder, so lange du lebst! Wüßtest du’s hier schon,
wie’s draußen aussieht in der Welt, du machtest’s wie ich und stiegst
ihn wieder hinauf, deinen Berg. -- Wie schön ist die geheimnisvolle
Ebereschenallee, die dichtbelaubt nun hinanführt, bis ich in Jöhstadt
stehe, der Stadt, da der Besucher vom Bahnhof bis zum Rathaus etwa
hundertundvierzig Meter Steigung zu überwinden hat.
[Illustration: Abb. 1 =Schmalzgrube, Hammerwerk, Arbeitshaus=
Hofphotograph Meiche, Annaberg]
Trotz aller Nüchternheit des Wiederaufbaues nach großen Feuersbrünsten,
die fast alle unsre Bergstädte unglücklicherweise gerade in den
sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts befielen,
atmet dies Städtlein doch ganz den Zauber unsrer erzgebirgischen
Heimat. Was bewirkt ihn doch eigentlich, diesen Reiz? -- Ich glaube
fast, es ist der Duft, der durch die stillen Gassen zieht, dieser
Hauch von Waldluft, Holzfeuer und Kuhstall! Vereint mit dem Bilde der
grünen Schöpfung, die von allen Seiten hereinschaut, läßt einem dies
Heimatweben alle Not der öden Bauweise vergessen. -- Welche Summe
von Fuhrmannsnot mag mit der steilen Hauptstraße verbunden sein. Denn
in früheren Zeiten knarrten auch durch Jöhstadt die schweren Erzwagen
-- die Gemeinde genoß seit 1655 die Rechte einer freien Bergstadt.
Vorher soll ein Dorf an ihrer Stelle gestanden haben, Gießdorf, das
von den Hussiten wüste gelegt ward. Der Name Jöhstadt geht auf den
heiligen Nährvater Joseph zurück, der hier verehrt ward und von dem
Reliquien vorhanden gewesen sein sollen, »unbekannt ob seine Hosen oder
sein Zimmerhäckel«, wie einer in der Reformationszeit despektierlich
schreibt.
[Illustration: Abb. 2 =Schwarzwassertal=
Phot. Landgraf, Zwickau]
Lange hielt der Bergbau hier nicht vor. Annaberg hätte nicht so
heftig gegen die Verleihung der Stadtgerechtigkeit zu protestieren
gebraucht -- im Jahre 1817 gab es überhaupt nur noch zwei Bergleute
hier. Daß Jöhstadt trotzdem so eifrig an seiner Würde als freie
Bergstadt festhielt und sogar noch in unsern Tagen mit einem gewissen
Stolz einen bescheidenen bergmännischen Prunk veranstaltet (siehe
das köstliche Kapitel »Jöhstadter Bergparade« in Oskar Seyfferts
»Dorf und Stadt«), hat wohl seinen Grund in den Vorteilen des freien
Handelns und Hausierens gehabt, die den Bürgern einer Bergstadt
zustanden. Denn noch weit ins neunzehnte Jahrhundert hinein betrieben
die Jöhstadter einen schwunghaften Handel mit Arzneimitteln aus den
Kräutern des Gebirges. Als sogenannte Laboranten brauten sie Heiltränke
ungeheuerlicher Art und Menge, die sie dann weit ins Reich, ja bis
nach Schweden und die Türkei hineintrugen. Noch 1843 ging der fünfte
Teil der Einwohnerschaft als »Landraasende« auf den Handel. Dann aber
mischte sich die Medizinalbehörde hemmend in das Geschäft; die Neuzeit
mochte die Kurpfuscherei nicht mehr dulden. Politisch verbittert ward
die Bürgerschaft dadurch jedoch nicht. Als 1858 König Johann durch
Jöhstadt reiste, da war die Stadt »glänzend« illuminiert und über eines
Fleischhauers Hause prangte der kraftvolle transparente Spruch:
»Wer nicht lieb hat seinen Fürst
Den hack’ ich in die Leberwürst!«
Zur Beruhigung des Lesers schaltet der Festberichterstatter hier ein:
»Er hat indes nur gedroht. Niemals würde er es wahr gemacht haben.«
[Illustration: Abb. 3 =Jöhstadt=
Phot. Landgraf, Zwickau]
Daß Jöhstadt auch sein berühmtes Stadtkind hat, besagt die Tafel
am Gotteshaus. Im Jahre 1723 ward hier als Sohn des Stadtpfarrers
der berühmte Theologe Johann Andreas Cramer geboren. Schon als
Studiosus war er Mitarbeiter der »Bremischen Beiträge«, der Gründung
des Literaten Karl Christian Gärtner aus Freiberg, der es verstand,
Rabener, Gellert und Klopstock für seine Kampfschöpfung gegen
Gottscheds Oberherrschaft zu gewinnen. Auf Klopstocks Verwendung wurde
Cramer später als deutscher Hofprediger nach Kopenhagen berufen. Vom
König bis zum Arbeitsmann ward er dort allgemein geliebt. Den »durchaus
Guten« soll man ihn in Kopenhagen schlechthin genannt haben. Nach
König Friedrich V. Tode aber verstand es der allmächtige Minister
Struensee, den ihm verhaßten Sittenprediger zu stürzen. Einige
geistliche Lieder aus dessen zahlreichen Dichtungen finden sich noch
jetzt in unserm Landesgesangbuch. -- --
[Illustration: Abb. 4 =Jöhstadt=
Phot. Landgraf, Zwickau]
Und nun hebt ein gar fröhliches Wandern an, der Nachmittagssonne
entgegen. Aus einem Ozean von Wäldern grüßt noch einmal der Jöhstadter
Kirchturm mit seinem hohen Kreuze hervor, dann kommen vor mir die
Basaltkuppen des Obergebirges heraus, der Pöhlberg, der Bärenstein und
der Scheibenberg; zur Linken Haßberg und Kupferhübel auf böhmischer
Seite. Ein still verklärtes Wandern ist das im kristallenen Licht des
Spätnachmittags! Nicht stürmisch und ausgreifend wie am Frühmorgen
-- geruhig, sicher, getröstet! Blauschimmernd hockt im Eschenbaum an
der Straße die Rabenkrähe, der Charaktervogel der erzgebirgischen
Landschaft. Dann kommt der Fichtelberg heraus und hallo -- da hat
das deutsche Vaterland vorläufig ein Ende! Ein wenig plagt mich
die Neugier, einmal nachzuschauen, wie es im Land des einstigen
Bundesbruders jetzt hergeht. Bei Weipert tu ich den Schritt über die
Grenze und entschuldige mich bei den hübschen zwei Mädels, die dort vor
dem alterzgebirgischen Fachwerkhaus klöppeln, daß es silbern klingt
wie Bergwassergekicher, wenn sie die Hölzchen herumwerfen, ich könne
sie leider nicht in ihrer Landessprache begrüßen. »Ach was, wir sind
Deutsche«, entgegnen sie lachend. Dann kehre ich auf den Pfad der
Tugend, will sagen die sächsische Landstraße, zurück.
Die nächste Stunde schon findet mich neunhundert Meter über dem Meere
auf dem Bärenstein. Auf sonnedurchglühter Klippe halte ich Rast und
lasse den Blick hinausschweifen über ein unendliches Wipfelmeer
hinüber zum Fichtelberg. Eine Drossel singt ihr Abendlied auf dem
Bergkiefernast zu meinen Füßen. In einen einzigen violetten Schimmer
ist das ganze Waldland gehüllt; und als ich dann auf dem Wege nach
Cranzahl durch grünes Buchengitter ins freie Feld trete, da sinkt
der feurige Sonnenball eben hinter den Bergen hinab. Schon liegt
Crottendorf im Spätabendschein zu meiner Linken. Stählern ist der
Himmel geworden, die Sterne kommen herauf und im Korn schlägt die
Wachtel. Die Blumen rundum haben die Köpfe geneigt und die grauen
Falter gaukeln dahin. Eisig kalt kriecht der Wiesennebel auch an mir in
die Höhe, und froh bin ich, wie mit dem Zehnuhrschlag der Kirchturm von
Scheibenberg vor mir emporragt. --
[Illustration: Abb. 5 =Der Bärenstein=
Hofphotograph Meiche, Annaberg]
Grün wippt’s vor den Fenstern des Gasthofs am Markt. Lindenbäume säumen
den rasigen Platz; von draußen herein blicken Wiesen und Wälder. Da
hält mich’s nicht lange im Zimmer; ich muß hinaus und meinen Rastort
in Augenschein nehmen. Freudig überrascht finde ich manch schönes Haus
aus dem achtzehnten Jahrhundert und aus den stillen Tagen, die wir die
Biedermeierzeit nennen. Ein prächtiger Barockkirchturm wacht über
der Stadt, und in der Kirche erfreut ein Altarwerk aus spätgotischer
Zeit mit geschnitzter Grablegung den Beschauer. Scheibenberg war der
Wirkungskreis des rühmlich bekannten Pfarrers Christian Lehmann, der
uns in vielen Schriften, vor allem in dem Historischen Schauplatz
der natürlichen Merkwürdigkeiten des Obererzgebirges und in seiner
Erzgebirgischen Kriegschronik ein überaus wertvolles Material zur
Heimatgeschichte hinterlassen hat. Wird er von der gestrengen
Wissenschaft vielleicht auch nicht für voll genommen -- er hat vieles
bereitwillig aufgezeichnet, was ihm auf weitem Umweg zugetragen ward
-- so haben seine Arbeiten doch einen lokal- und kulturgeschichtlich
sicher beträchtlichen Wert. Nicht jede deutsche Landschaft wird so
ausführlich wissen, was sich an grauenhaften Einzelheiten in den Tagen
des Dreißigjährigen Krieges in ihrem Gebiet zugetragen hat, wie unser
Erzgebirge. Das aber dankt die Heimat dem getreuen Magister, der
einundfünfzig Jahre lang hier in Scheibenberg amtierte. Gräßliches hat
er zu berichten, was menschliche Bosheit über diese Höhen, in diese
Täler getragen hat; aber immer wieder sänftigt sich seine Seele im
Lobpreis Gottes, der die Heimat so lieblich geschaffen. Vom Gipfel
des Scheibenberges, hoch über den schwindelnden »Orgelpfeifen« des
Basaltbruches, kann auch ich heute einstimmen in dieses Lob.
[Illustration: Abb. 6 =Königswalde=
Phot. Landgraf, Zwickau]
In Gedanken noch ganz bei Christian Lehmann und seinem Werke ziehe
ich nun den Weg dahin, der in nicht endenwollender Folge unter den
Hufen der Reiterpferde, den Rädern der plumpen Stücke und den Karren
der Troßknechte geschüttert hat, jahraus, jahrein -- die Straße durch
Raschau und Pöhla nach Rittersgrün! Wer über Wiesenthal ins Land Böheim
wollte, der mußte hier durch. Auch die Reisenden in die Heilbäder
dieses Landes sind oft hier des Weges gezogen. Gerüttelt und gerädert,
sicher nicht in der besten Stimmung, mögen sie oben angekommen sein.
Der Anblick von Oberwiesenthal hat ihre Lebensgeister dann wohl auch
nicht gehoben. Von den Leuten des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von
Brandenburg wird erzählt, sie hätten bei solcher Gelegenheit zu den
Wiesenthalern gesagt: »Was zum Teufel wollt ihr Leute in dem wilden,
kalten Ort? Steckt das Lumpennest mit Feuer an und kommt in unsers
Herren Lande!« --
[Illustration: Abb. 7 =Aus dem Pöhlatale=
Hofphotograph Meiche, Annaberg]
Froh bin ich schon, wie ich in Rittersgrün die glühende Talstraße
verlassen darf und nun den Höhenweg hinanklimme, der mich durch
schönen Waldbestand, in dem die Edeltanne häufig auftritt, hinüber
nach Breitenbrunn führt. Im kleinen Dorfkirchlein dort darf ich ein
wenig rasten und dem Ticken des Pendelwerks lauschen, das wie ein
großer Herzschlag durch die Stille rauscht. Hinter dem Altar lehnen
Klingelbeutel und Lichtlöschhütchen, auf der Platte stehen zwei
weibliche Figuren mit gotischen Hüftverrenkungen. An dieser Stätte
fand einst ein stürmisches Leben Ruhe und Frieden. Der Pfarrer Wolff
Ulle aus Elterlein, der in jungen Jahren als Pfarrherr von Clausnitz
den dortigen Dorfrichter erschlug im aufwallenden Zorn, konnte in
Breitenbrunn nach langer Bußzeit im Elend und nach treuer Bewährung
als Pestprediger zu Annaberg noch fast ein Menschenalter in der Stille
amtieren, bis ihn am Altar der Tod ereilte.
Weiter geht es durch Wälderblau und Loheduft, bis hoch auf dem Berg mir
der Kirchturm von Johanngeorgenstadt winkt, hinaufzukommen und Einkehr
zu halten in einer Stadt, die durch ihre Entstehungsgeschichte zu den
beachtenswertesten im Lande gehört. Mühselig wandre ich die endlose
Berglehne hinan, durch nüchterne Gassen aus den letzten Jahrzehnten, in
die vom nahen Böhmen herüber der Plattenberg grüßt.
[Illustration: Abb. 8 =Scheibenberg=
Hofphotograph Meiche, Annaberg]
Ja, von dorther sind sie gekommen, die Gründer von Johanngeorgenstadt.
Immer waren die Plattener Bürger und Bergleute dem lutherischen Glauben
treu zugetan. Schon der alte Matthesius hielt große Stücke auf sie.
Aber in den Landen des Kaisers sah man scheel nach ihnen. Schon nach
der Schlacht am Weißen Berge ward ihr Pfarrer gezwungen, ins Exil zu
gehen, und auch der Osnabrücker Frieden brachte nicht die erhoffte
Glaubensfreiheit. Ein katholischer Priester ward nach Platten gesetzt;
was blieb den Bedrängten übrig, als Hilfe auf sächsischer Seite zu
suchen? Zur Nachtzeit kamen sie dort in der Jugler Glashütte zusammen,
und der Eibenstocker Pfarrer versah sie mit dem heiligen Mahl. -- Immer
erbitterter ward man in der kaiserlichen Regierung auf die Ketzer. Im
Oktober 1653 endlich erschien ein Patent, daß sie »als Meineidige,
Treulose, Ehr- und Pflichtvergessene um ihres kontinuierlichen
Ungehorsames willen aus Kayserlicher Majestät Enden bannisiert seien«.
Da galt es denn, der lieben Heimat Valet ansagen. Seit einiger Zeit
schon hatte sich der Blick der Bedrängten auf den Fastenberg über der
Grenze geheftet. Eine wilde und rauhe Waldhöhe, auf der aber schon zwei
alte Berghäuslein im Gang waren, und wo man wohl auf weiteren Bergsegen
hoffen durfte. »Das mag mir ein rechter Fastenberg sein,« soll einst
eine sächsische Kurfürstin ausgerufen haben, als bei einem Jagen hier
oben der Küchenwagen nicht nachkommen konnte. Das Hungerland nannten
die Papisten hinter dem Grenzwasser spottend die Gegend und selbst der
erste Lehrer der Exulanten schreibt: »Der Berg war nichts als dicker
Wald, da die Bären brummeten, die Hirsche brüllten, die Wölfe heuleten
und die Füchse belleten.« -- Bei Nacht und Nebel brach man auf, immer
in Sorge, daß kaiserliche Häscher einem auch noch die spärlichen
Habseligkeiten abnehmen möchten. »Da war traun das Lachen theuer«
schreibt der Lehrer, »ein rauschend Blatt erschreckte Euch des Nachts,
immer gewärtig, die Ketten rasseln zu hören.« -- Unverzüglich ging
eine Petition an Johann Georg I. ab, er möge den Plattnern erlauben,
auf dem Fastenberg eine Stadt zu gründen mit den Rechten einer freien
Bergstadt. »So haben wir Berg- und Handwerksleute von der Platten,
welche die papistische Religion nicht annehmen können, vollends unsre
armen Hüttlein verlassen und in das liebe Exilium uns begeben müssen«
heißt es gar wehmütig in der Bittschrift. Um ein Stück Land für Haus
und Hof gegen mäßigen Erbzins für jeden Ansiedler, vor allem aber um
Errichtung einer Kirche, Schule und Pfarre ward darin nachgesucht.
»Dieweil unsre armen Seelen, so lange in Mangel gestanden, hertzlich
darnach seuffzen.« Am 23. Februar 1654 war die Antwort des Landesherrn
aus Schloß Annaburg da: Alles wurde bewilligt; »das Städtlein aber soll
Johann Georgens Stadt hinfür genannt werden.«
So brach denn der erste Sonnenstrahl durch das graue Sorgengewölk. Nun
ging doch in Erfüllung, was ihnen der treue Lehrer so oft vorgesprochen:
»Ach lieben Christen habt Geduld
Ob’s euch schon hoch thut schmerzen
daß ihr ohn’ alle eure Schuld
Alles habt müss’n verschertzen.«
Nun brauchten sie nicht mehr zu klagen:
»O Du hoch gekrönter Kayser,
Warum müssen wir davon?
Und verlassen unsre Häuser --
Macht’s nicht die Religion?
Laß doch die Gewissen frey
O Herr Jesu steh uns bey!
Könnt Ihr doch die Jüden leiden
Die doch Christum ehren nicht
Warum wollt Ihr uns abscheiden
Die doch folgen diesem Licht?«
Jetzt klang es ganz fröhlich und getrost:
»Auf der Platten, da wir wohnten
Plagten sie uns Tag und Nacht,
Bis wir zogen, da wir konnten
Bau’n Johann-Georgens-Stadt.
Nächst soll seyn das Haus zu Sachsen
Unser treuer Aufenthalt.
Gott hilf, daß wir drinnen wachsen,
Wie sich breitet aus ein Wald!«
Am ersten Mai 1654, als der Schnee geschmolzen war, begann der
Bau. Der Schulmeister zu Schwarzenberg entwarf den Grundriß und
bezeichnete eines jeden Heimstätte. Mit Macht ging man ans Reuten des
Waldes. Eintausendsechshundertundneunzig Stämme allein mußten auf
dem Marktplatz beseitigt werden. Am zehnten Mai schon war die erste
Türschwelle gelegt. Spottend schaute man auf böhmischer Seite zu. Wo
wollten die Leute dauernd gutes Wasser herbekommen hier oben? Sieh, und
da sprang schon stark und hell ein Felsenbrunn, der bei einem Kellerbau
angestoßen war, und auch Lehm fand sich reichlich vor. Freilich,
wohnlich mögen diese ersten Häuser nicht gewesen sein. Viele von ihnen
hatten keine Fenster, nur Lichtlöcher, und dazu standen allerorts
noch die abgehauenen Stämme vor den Türen, bis endlich 1662 der Rat
ernstlich auf ihre Beseitigung drang als eine Deformität für den Markt.
Noch einmal zeigte sich der Neid der böhmischen Nachbarn. Die neue
Kirche der Exulanten war fertig geworden, da erging Anzeige nach Prag,
sie stünde auf böhmischem Boden. Von beiden Regierungen ward alsbald
eine Kommission zur Untersuchung des Falles gebildet. Nach längerem
Suchen fand man die alten Grenzsteine, und es ergab sich einwandfrei,
daß die Kirche auf kursächsischem Gebiete stand. Aus Ärger über diese
Blamage soll der Prager Abgeordnete einem der Denunzianten ~coram
publico~ eine gewichtige Ohrfeige gegeben haben.
Sachsen merkte es bald, welch tüchtigen Zuwachs es mit den neuen
Bürgern bekommen hatte. Namentlich der erste Bergmeister von
Johanngeorgenstadt stand beim Landesherrn in großer Gunst. Seiner
Tüchtigkeit schrieb man das Erblühen des Bergbaues im neuen Revier zu,
indes rings im Lande das Bergwerk gerade damals arg danieder lag. Der
»Silber-Bergmeister« ward er genannt; sicher kein Schimpf für einen
gerechten Bergmann.
[Illustration: Abb. 9 =Orgelpfeifen am Scheibenberg=
Phot. Landgraf, Zwickau]
Zum Bergwerk gesellte sich bald in ausgiebigem Maße das Hammerwerk.
Besonders in Wittigstal wuchs der alte Hammer zu hoher Bedeutung. Die
»Hammerpursche« waren ein gar unbändig Volk, stark und dauerhaft.
Bei der Arbeit hatten sie nichts an als ein Hemd und ein Schurzfell,
und »weil sie immer am Feuer stehen, geht von ihrem Lohn viel aufs
Getränke«.
Die neu entstandene Stadt ward in der Folge als Sehenswürdigkeit viel
besucht. Peter der Große kam hierher, später auch Goethe und Humboldt.
Wie aus einem Brief Goethes hervorgeht, sah er sich hier fleißig »unter
der Erde« um.
All’ das zieht an meinem Geiste vorüber, wie ich im Rathaus am
Fenster sitze und über den abfallenden Markt hinab schaue. Seit dem
großen Brande von 1867 steht Johanngeorgenstadt in einem Gewande da,
das freilich nicht mehr im entferntesten an die alte Zeit erinnert.
»Neugotik« war das Schlagwort beim Wiederaufbau der Kirche, und auch
das Rathaus ist in seiner alten Gestalt schöner gewesen. Aus einem
Glasbild im Fenster des Gastzimmers kann ich das deutlich erkennen. Wie
wundervoll mögen sich, danach zu urteilen, auch die Bürgerhäuser mit
ihren weiten Bogentoren und den vorgekragten Obergeschossen ausgenommen
haben.
[Illustration: Abb. 10 =Johanngeorgenstadt=
Phot. Landgraf, Zwickau]
Nun, ein Stück alter Zeit bewahrt wenigstens das Gelände hinter
Johanngeorgenstadt. Da grüßt noch manches Berggebäude zur Straße
herüber. Die Krone von allen aber ist der alte Pferdegöpel, dessen
Erhaltung dem Verein Heimatschutz erst kürzlich unter opferfreudiger
Beihilfe weiter bergmännischer Kreise im ganzen Reiche gelungen
ist. Es ist sehr zu begrüßen, daß uns so wenigstens eines dieser
sinnreichen alten Triebwerke erhalten bleibt, wie sie im Erzgebirge
zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts gebräuchlich wurden und damals
einen gewaltigen Fortschritt in der bisherigen Förderart mit der
»runden Scheibe«, die durch Menschenkräfte gedreht ward, bedeuteten.
Jahrhundertelang haben die dieser Betriebsart entsprungenen,
hochmalerischen Baulichkeiten das Landschaftsbild unseres Gebirges
beeinflußt. -- Vergnügt kann ich mich heute überzeugen, daß die
Wiederinstandsetzungsarbeiten an diesem allerletzten Artvertreter
rüstig im Gange sind.
[Illustration: Abb. 11 =Kammweg Johanngeorgenstadt--Oberwiesenthal=
Hofphotograph Meiche, Annaberg]