gleichzeitig eine Eingabe von Anwohnern des Rathauses. Ob diese etwa
bestellt war, geht natürlich nicht aus den Akten hervor, jedoch klingt
es fast wie ein Echo des Gutachtens des Stadtbaumeisters, nur daß
hier die angebliche Gefahr des Brandes und Einsturzes bereits auf die
ganze Nachbarschaft, »auf einen großen Teil des belebtesten Teils der
Stadt« ausgedehnt wird. Dreißig Bürger hatten unterschrieben. Die drei
ersten sind drei brave Bäckermeister. Die Frage war nun »brennend«
geworden. Die finanziellen Bedenken mußten verstummen, und einmütig
wurde nach dem Vorschlage des Stadtbaumeisters beschlossen, nur mit
der Abänderung, auf Anregung aus der Mitte des Rates, daß das Dach um
zwei Ellen gegenüber der Planung erhöht werden solle, so daß also statt
einer Neigung von dreißig Grad eine solche von sechsunddreißig Grad
gesichert wurde.
Der Stadtbaumeister gibt darauf selbst zu: »Nicht zu verkennen ist
übrigens, daß durch die beantragte Erhöhung des Daches der Schiefer
an Haltbarkeit gewinnt, hauptsächlich aber ein besserer Prospekt
erlangt wird. Ein flacheres Dach will nicht recht zu dem altertümlichen
Charakter des Rathauses passen.« Aus dieser Bemerkung vom 1. März
1857 ergibt sich, daß der Stadtbaumeister bei seinem Vorschlage ohne
jede Rücksicht auf künstlerische Bedenken, völlig skrupellos und ohne
Gefühl für die historischen Altertums- und Schönheitswerte, ohne
jedes Verständnis für die städtebauliche Bedeutung des Rathauses im
Marktbilde und Stadtbilde geurteilt hatte, so daß er erst durch die
Anregungen von Laien auf diese Frage zwar gestoßen wird, und auch
seinen ursprünglichen Vorschlag aufgibt, aber dennoch ohne weitere
künstlerische Prüfung alle Bedenken bei Seite setzt und einfach die
vorgeschlagenen laienhaften zwei Ellen zusetzt. Hätte man eine Elle
oder drei Ellen vorgeschlagen, so wäre er auch wohl damit zufrieden
gewesen.
So fiel das alte schöne Rathaus in die Hände eines künstlerisch völlig
unfähigen und verständnislosen Mannes, obgleich in Freiberg ein fein
empfindender künstlerisch hervorragender Architekt lebte, der Professor
für Baukunst an der Bergakademie Professor Eduard Heuchler.
Er hatte sich bereits einen Namen gemacht durch die wundervollen
Zeichnungen zum Bergmannsleben, die heute noch durch ihre hohe
Bedeutung für bergmännische Volkskunde und Volkskunst und durch ihren
künstlerischen Reiz besondere bewunderte Schätze des Freiberger
Altertumsmuseums bilden und durch seine ausgeführten feinempfundenen
architektonischen Werke. Seine grundlegenden Forschungen am Freiberger
Dom sind ja heute noch von Bedeutung.
Dieser Mann hörte mit Schmerz und Zorn von dem Schicksal, das dem
ehrwürdigen Rathause bevorstand. In letzter Stunde suchte er es noch
zu retten und wendete sich mit scharfer Feder gegen diesen Plan und
suchte die Öffentlichkeit aufzuklären und in Bewegung zu setzen. In
einem Aufsatz vom 21. März im »Freiberger Anzeiger« zieht er vom Leder.
Er weist daraufhin, daß der Stadtrat schon seit vielen Jahren »einen
sogenannten Bauinspektor« und seit 1830 sogar eine Baudeputation gehabt
habe. »Eine große Verantwortlichkeit müßte auf die beaufsichtigende
Behörde fallen, wenn sie gerade das wichtigste Gebäude der Stadtkommune
in seiner Unterhaltung so vernachlässigt hätte, daß nun mit einem Male
_keine_ Reparatur mehr möglich ist, und ein neues Dach aufgesetzt
werden muß!« Weiter sagt er dann: »Es ist aber eine bekannte Sache, daß
flache Dächer, und wenn man sie auch mit Schiefer oder Metall eindeckt,
in unseren Gegenden keinen Vorteil gewähren und die Reparaturen
nicht aufhören. Aber auch abgesehen von dieser Erfahrung, so ist es
unbegreiflich, wie ein flaches Dach zum Stil des alten ernsten Gebäudes
und seiner Umgebung passen soll! -- Es kommt mir vor, als wenn man
einem geharnischten Ritter ein Käppi aufsetzen wollte.« Er schlägt
dann vor, das Gutachten eines »unparteiischen renommierten auswärtigen
Baumeisters« einzuholen, »denn die Leistungen des neuen Herrn
Stadtbaumeisters, denen ich übrigens nicht zu nahe treten will, sind
hier doch zu unbekannt und die Deputationsmitglieder des Stadtrates und
der Stadtverordneten sind keine Sachverständigen von Profession, um
sich auf dieses Urteil hin einseitig und beifällig bestimmen zu lassen.«
»Vielleicht wären die vorgenannten auswärtigen Baumeister weniger
baulustig gewesen und hätten uns einen Rat gegeben, wie wir unser
altes, dem tiefen Gebäude angemessenes Rathausdach noch einmal tüchtig
zusammenflicken könnten.« »Und hätten nun auch diese auswärtigen
Baumeister einen Neubau des Rathausdaches jetzt als unabweisbar
erkannt, dann würden sie sicher _nicht_ vorgeschlagen haben, das alte
ehrwürdige wenn auch architektonisch gerade nicht ausgezeichnete
Gebäude durch ein _modernes flaches_ zu dem Stil desselben _schlecht
passendes_ Dach zu verunstalten. Alle Gebäude des Marktes sind zwei-
und dreistöckig und mit hohen Ziegeldächern versehen, es müßte
also schon des Gesamteindruckes wegen ein flaches Dach auf dem
nur einstöckigen Rathause als eine Kuriosität im großen Maßstabe
erscheinen.«
Klingen diese letzteren Ausführungen nicht, als wären sie aus einem
Gutachten des Heimatschutzes in neuester Zeit entnommen? Heuchler
sieht, seiner Zeit vorauseilend, nicht nur das einzelne Bauwerk als
Individuum und losgelöst von der Umgebung, sondern als ein Glied des
großen Ganzen, er sieht und beurteilt den Wert des Einzelbauwerkes im
Zusammenhange mit der Umgebung, mit dem Platzbilde, mit dem Stadtbilde.
Doch für derartige Anschauungen war seine Zeit noch nicht reif! Auch
heute über sechzig Jahre später ist diese Anschauung noch keineswegs
Allgemeingut geworden. Jeder, der in der Heimatschutzbewegung und
Bauberatung tätig ist, kennt die Kämpfe, die aus diesem Widerstreit
erwachsen.
Auch hier lehnt der Rat kühl die Vorschläge ab, da man sich von der
Einholung eines »Supergutachtens« »einen andern Erfolg als den, welchen
das Gutachten des Herrn Stadtbaumeisters Weber bereits gehabt hat,
nicht zu versprechen vermag«, es solle vielmehr nun »unverzüglich« mit
dem Bau vorgegangen werden. --
Und so geschah es! --
Doch unser wackerer Heuchler forcht sich nit und ließ sich nicht
entmutigen im Kampfe für das Rathaus gegen die hohen Herren im Rathause.
Unter dem 14. Juni 1857 richtet er unter Beifügung von Zeichnungen
(vgl. Abb. 1) eine Eingabe an die Königliche Hohe Kreisdirektion zu
Dresden. Er bittet einen höheren Sachverständigen zur Untersuchung
zu entsenden, da das Abtragen des Daches bereits begonnen habe, um
die Stadt Freiberg »vor Verunstaltung ihres Rathauses und Marktes« zu
schützen.
»Seit dreißig Jahren war ich bemüht, meine Geburtsstadt Freiberg
in seinen öffentlichen Anlagen durch kleine Monumente und durch
einige Privatbauten vor den Toren zu verschönern. Die ... möge aus
dieser freimütigen Behelligung meinen Eifer für die Ehre Freibergs
hochgeneigtest erkennen.«
In der Zeichnung wird von ihm durch die in das Dach eingezeichnete
unterste Firstlinie die Höhe des künftigen flachen Daches angedeutet.
Auf diese Eingabe erging sofort Anordnung an den Stadtrat, den Bau
einzustellen.
Am 19. Juni bereits fand außerordentliche Ratssitzung statt, in welcher
es Heuchler nicht gut gegangen sein mag. Sofortiger Bericht wurde
beschlossen und die Reise des Bürgermeisters und Stadtbaumeisters
nach Dresden, um mit dem Kreisdirektor und dem Landbaumeister Hänel
Rücksprache zu nehmen, da es »nicht nur im Interesse des Baues, sondern
auch _vornämlich zur Wahrung der obrigkeitlichen Autorität_ dringend
wünschenswert erscheint, die Entscheidung herbeizuführen.«
Nicht mehr der unbeschädigte Wert des Baues, sondern die unbeschädigte
Autorität von nicht sachverständigen Laien wurde als Banner im Kampfe
aufgepflanzt.
[Illustration: Abb. 1 =Das Freiberger Rathaus mit dem alten hohen
Ziegeldach vor 1857.= (Skizze nach Heuchler)]
Dieser Bericht ist acht enggeschriebene Seiten lang und ist ein Zeugnis
für die Bewegung, welche das Vorgehen Heuchlers im Ratskollegium
bewirkt hatte. Die Schäden des Rathauses werden natürlich gewaltig
übertrieben. Dann aber strotzt der Bericht von persönlichen Angriffen
auf Heuchler, die jede Sachlichkeit vermissen lassen. Sein Vorgehen
wird hämisch, ungehörig, gehässig genannt. Es wird angezweifelt,
daß er »wirklich von lauteren Triebfedern beseelt und von wahrhaftem
Eifer für die Sache und von aufrichtigem Sinne für das Gemeinwohl
erfüllt wäre.« Es wird ihm vorgeworfen, daß er nicht vorher sich an
den Stadtrat gewendet habe. »Wir müssen hiernach annehmen, daß er sich
absichtlich der Wahrheit verschloß, um so desto sicherer mit seinen
hinterrücklingen Plänen und ungescheuter zur Unzeit hervortreten zu
können.« Seine Eingabe sei nur »das Produkt gekränkten Ehrgeizes oder
sonstiger damit verwandter Seelenaffektion.«
Heuchler sei eine »Persönlichkeit, die eine fremde Ansicht nicht
anerkennt und sich über alle durch die Gesetze gebotenen Formen
solche nicht anerkennend, erhebt.« Es wird ironisch »seiner Talenten
im Baufache, namentlich im Zeichnen und Ornamentenfache bis zu einem
gewissen Grade gern alle Anerkennung« gezollt, nachdem er vorher als
geschäftlich unzuverlässig hingestellt ist. An der Zeichnung wird
bemängelt, daß das alte Dach zu niedrig gezeichnet sei. Der alte
First läge in der Höhe der oberen Linie ~c. d.~, der neue in Höhe der
mittleren Linie. Zum Schluß wird baldige Entschließung erbeten, damit
»das Ansehen der Behörde und Gemeindeorgane durch dergleichen unwürdige
und unlautere Mittel nicht gelähmt und in den Augen des hiesigen
Publikums, dem schon lange zuvor -- wahrscheinlich aus derselben
unlauteren Quelle -- die Nachricht einer verhangenen Baususpension
erzählt worden ist, geschmälert« werde.
Dieses unsachliche Schreiben wurde nun in Dresden überreicht und
mündlich erläutert. Die Entscheidung erfolgte sofort, _ohne_ daß ein
Sachverständiger nach Freiberg geschickt und _ohne_ daß Heuchler
auch nur noch einmal gehört worden wäre und zu den Anwürfen sich
hätte äußern können, denn, wie es in dem Bescheide vom 27. Juni 1857
heißt, es sei dem Stadtrat nicht entgegenzutreten gewesen, »als
ohnehin das Rathaus zu Freiberg keineswegs in einem solchen reinen
Baustile ausgeführt ist, daß auf seine unveränderte Erhaltung vom
architektonischen Gesichtspunkte aus ein ... überwiegendes Gewicht
gelegt werden könnte.«
Man erkennt auch hier wieder die einseitige Beschränktheit der
Anschauung von der »Stilreinheit«, welche für so zahlreiche
Baudenkmäler und alte Kunst des Vaterlandes verderblich gewesen
ist, unersetzliche Kunstgüter vernichtet hat, die völlige
Verständnislosigkeit für die Stimmungswerte und die Heimatwerte, welche
im Gewachsenen und Gewordenen, aber nie im Gemachten und Gekünstelten
liegen. Die langweilige Schablone, das geistlose Schema wird über den
wertvollen eigenwilligen Charakter gesetzt.
Die Zeichnungen des Stadtbaumeisters Weber waren dem Landbaumeister
Hänel vorgelegt worden und hatten eine Reihe von Korrekturen
der Architekturformen erhalten, durch welche Hänel eine feinere
und reichere Gliederung des Daches und des Giebels bezweckte.
Alle diese Veränderungen bis auf den Aufbau von vier stehenden
Renaissance-Dachfenstern auf jeder Dachseite von Hänels Hand wurden
jedoch von der Baudeputation am 30. Juni abgelehnt und dem Vorschlage
Webers beigetreten, das Dach noch um dreieinhalb Ellen zu erhöhen. Es
wirkt wie ein trauriges Possenspiel, daß Weber wenige Tage zuvor in
Dresden gegen Heuchler mit vergifteten Waffen kämpft und siegt, und
dann selbst aus Heuchlerischen Gedankengängen heraus eine derartige
Steigerung der Dachhöhe nachträglich vorschlägt. Es sind nun schon
fünfeinhalb Ellen, um welche das Dach höher wird gegenüber seinem
ersten Vorschlage mit dreißig Grad Dachneigung! Auch dieser Vorschlag
wurde genehmigt.
Heuchler wurde kurz vom Rate beschieden und der Bau wurde fortgesetzt.
Wenige Tage vergingen, da geschah etwas Furchtbares!
Der Polizeidiener Hopperdiezel hatte mit dem Herrn Professor
ein altes Hühnchen zu rupfen, denn der Herr Professor war ihm
nach einer polizeilichen pflichtschuldigen Anzeige wegen einer
»Polizeiwidrigkeit«, die dem Herrn Professor einen »noch sehr
glimpflichen Verweis« eingetragen hatte, »hinterher mit ungeziemenden
Redensarten auf offener Straße begegnet.«
Dieser diensteifrige Hüter der Ordnung fand am 4. Juli »zufällig« bei
dem Lohnschreiber Wohlgemuth in der Stadt ein von der Hand Professor
Heuchlers herrührendes Konzept einer Eingabe an das Königl. Ministerium
des Innern in betreff des Rathausbaues, die Wohlgemuth unter
ausdrücklicher Verpflichtung der Geheimhaltung zur Reinschrift erhalten
hatte.
Der gesinnungstüchtige Scherge des Rechts hatte dies
herausgeschnüffelt, nahm widerrechtlich sofort das Schriftstück an
sich und eilte mit dem Schritte des Retters und Rächers auf das
Kapitol zum gestrengen Herrn Bürgermeister mit der Meldung, daß
dieses Schriftwerk heimlich vom Klempnermeister Holzhausen unter den
Bürgern zur Unterschrift in Umlauf gesetzt werden solle. Es habe ihn,
Hopperdiezel, sogar der Holzhausen im Vertrauen gefragt, ob er ihm
nicht einen verschwiegenen Mann zur Unterschriftensammlung nennen
könne, der weder den Urheber der Eingabe noch den, der sie in Bewegung
setze, verraten würde. -- Holzhausen wurde sofort vor das gestrenge
Stadtoberhaupt herbeigeholt und scharf verhört. Er gab zu, daß er in
Heuchlers Auftrage die Abschrift veranlaßt habe, um ihm einen Gefallen
zu tun. Hopperdiezel habe er gefragt, weil dieser einmal als Soldat bei
ihm in Quartier gelegen habe und sein Gevatter sei. »Ihm sei die ganze
Sache fatal, er sei immer mit jedermann guter Freund und so sei er auch
zu diesem ihm nur ärgerlichen Auftrage gekommen.«
Der gestrenge Herr Bürgermeister verwarnte ihn, geriet in den
sachgemäßen Zorn und scheute sich nicht, sofort von dem durch
Vertrauensbruch erlangten Schreiben eine Abschrift nehmen zu lassen,
ehe er sie dem Lohnschreiber wieder zustellte.
Es ist bezeichnend bei allen diesen Vorgängen, daß niemals mit Heuchler
persönlich oder mündlich verhandelt worden ist. War es Autoritätsdünkel
oder Furcht vor der sachlichen oder persönlichen Überlegenheit?
Und was war der Inhalt der Eingabe?
Eine Bitte an das Ministerium des Innern, einen höheren
Bausachverständigen zur Nachprüfung an Ort und Stelle zu entsenden mit
einer völlig sachlichen Begründung und Angabe des Tatbestandes. Es
werden acht Fragen zur Beantwortung vorgelegt: 1. Ist das Dachgebälk
wirklich in so gefahrdrohendem Zustand? 2. Ist die Feuersgefahr
im steilen Dach höher als im flachen? 3. Ist ein Ziegeldach
feuergefährlicher als ein Schieferdach? 4. Ist die Unterhaltung
eines Ziegeldaches teurer als die eines Schieferdaches? 5. Ist mit
Rücksicht auf die Umgebung und die Größe des Hauses die Höhe eines
Daches gleichgültig? 6. Sind Fenster und Hauptgesimsformen so wenig
zu beachten, daß man beim Dach und Giebel ganz nach Willkür verfahren
kann? 7. Ist es dem jetzigen Stand der Baukunst angemessen zu den
alten Fehlern im Baustil neue zu bringen und das Gebäude zu einer
Musterkarte von Baustilen zu machen? 8. Ist es endlich im bezug auf
den dominierenden spätgotischen Baustil des Gebäudes zulässig auf
dasselbe bei einer Tiefe von achtundzwanzig Ellen mit einer senkrechten
Dachhöhe von zehn Ellen einen Giebel im Renaissancestile aufzuführen,
da nirgends ein Beispiel dieser Mißgestalt angezogen werden kann?
[Illustration: Abb. 2
=Rathaus zu Freiberg mit flachem Schieferdach 1857--1920=]
Man sieht aus diesen scharf zugespitzten Fragen, wie weit Heuchler
seinen Zeitgenossen in Freiberg voraus war, indem er in der Harmonie
der Gesamterscheinung unabhängig von den Einzelformen, und in der
Harmonie mit der Umgebung die künstlerische Lösung suchte und sah. Das
ganze alte Freiberg hatte hohe _steile Ziegel_dächer. Da mußte auf ihn
das neue _flache Schiefer_dach ausgerechnet auf dem Hauptgebäude der
Stadt, dem Rathause, wie ein Faustschlag wirken, gegen den er sich in
starkem Idealismus des Heimatschutzes wehrte (Abb. 2).
Er wurde jedoch nicht verstanden, sondern noch persönlich verunglimpft
und blieb ohne Erfolg.
Der Bürgermeister setzte sich sofort noch an demselben 4. Juli hin
und entwarf einen Bericht über den Vorgang an die Kreisdirektion, um
der Eingabe zuvorzukommen, der von persönlichen Angriffen strotzt.
Heuchler wird »niedriger Machinationen« bezichtigt. Er »wühle« und
»wiegele die Bürger auf«, scheue dazu keine Mittel, zeige sich gehässig
usw. Seine Handlungsweise sei nur von »Persönlichkeit gegen den neuen
Stadtbaumeister« geleitet und dergleichen vergiftete Pfeile werden
gespitzt.
Dieser Bericht wurde jedoch auf Beschluß des Ratskollegiums nicht
abgeschickt, sondern zunächst das weitere abgewartet.
Gleichzeitig mit diesen Vorgängen hatte Heuchler auch einen Aufsatz im
»Freiberger Anzeiger« erscheinen lassen, in dem er in völlig sachlicher
Form auf die Geschichte des Rathauses eingeht und die allmähliche
Entwicklung durch die verschiedenen Stilperioden zu seiner jetzigen
Gestalt kurz erläutert. »Knüpfen sich also so wichtige historische
Erinnerungen der Stadt und des Landes an dieses Gebäude, so trägt sich
auch die Achtung und Liebe zu demselben auf seine äußere Gestalt über
und aus Pietät für dasselbe ändert man nicht ohne Not seine uns lieb
gewordene äußere Erscheinung, mag sie nun schön sein oder nicht!«
Sind das nicht Worte echter Heimatschutzgesinnung und eines
Verständnisses für den eigentlichen Sinn und Wert eines Denkmals, das
seiner Zeit weit vorauseilt? Er bestreitet weiter diese dringende Not,
spricht für die Erhaltung des hohen Daches und Giebels und sagt zum
Schluß:
»Es besteht daher die Aufgabe des beigezogenen Baumeisters nur
darin, »das Rathaus würdig zu restaurieren«, aber nicht den ohnedies
schon am unrechten Orte angebrachten verschiedenen Baustilen noch
neue beizufügen, wozu ein flaches Dach mit einem Rokokogiebel und
dergleichen mehr gehören und die Physiognomie des Gebäudes so
verändert, daß kein Freiberger sein altes Rathaus wiedererkennen wird.«
Auf diese sachlichen Ausführungen erfolgte in der Zeitung eine
Erwiderung der Gegenseite voll von persönlichen Anzüglichkeiten:
»Traue doch der Herr Gegner, der den Umbau ausführenden Persönlichkeit
auch Geschmacks- und Schönheitssinn zu! Oder will derselbe Herr diese
Eigenschaft nur für sich allein in Anspruch nehmen? Das wäre doch
mindestens lächerlich, um nicht zu sagen: arrogant!« Er würde kein
Wort gegen den beabsichtigten Umbau gefunden haben, »wenn nämlich
derselbe in _seine_ Hand gelegt worden wäre! Wer also zwischen den
Zeilen zu lesen versteht, wird sofort ohne Mühe herausgefunden haben:
Es gibt nur _Einen_ in Freibergs Mauern, der dieses alte Gebäude und
in einem würdigen Stile umzuwandeln versteht, aber Freiberg ist leider
entsetzlich _blind_, diesen _Einen_ zu finden! Will sich denn der Herr
Gegner als das _Orakel_ der Baukunst für Freiberg betrachtet wissen?«
Weiter wird dann noch von seinen »Machinationen« gesprochen. -- Man
vergesse nicht, daß Heuchler nur die persönliche Besichtigung und
Begutachtung durch höhere Autoritäten verlangt hatte! Nichts weiter!
Darauf diese Verdächtigungen und Entstellungen! --
Heuchler erwidert auf diesen Erguß nur kurz, treffend und vornehm:
»... Daß man nunmehro diesem Dache fünf Ellen mehr Höhe geben will,
als es nach dem ersten Bauplan projektiert gewesen sein soll -- Beweis
genug -- daß dem Plane keine bestimmten architektonischen Regeln zu
Grunde liegen konnten.«
Später scheint Heuchler in der Zeitung noch eine längere Betrachtung
mit technischen Bemängelungen des neuen Dachstuhles und im allgemeinen
des »Kommunbauwesens« gegeben zu haben, die jedoch nicht in den Akten
vorhanden ist. Nur die Erwiderung des Stadtbaumeisters liegt vor,
welche in sachlicher Form und längeren technischen Ausführungen seinen
Standpunkt und seine Arbeiten vertritt.
[Illustration: Abb. 3
=Rathaus von Freiberg seit 1920=
(Umbau von Stadtbaurat Rieß)]
Damit nimmt dieser Sturm im Städtchen, der Rathausdach und Giebel
hinwegfegte, ein aktenmäßig Ende. Heuchler sah wohl die Erfolglosigkeit
seiner Bemühungen, da wohl inzwischen das hohe alte Dach abgebrochen
war, ein und war der Verunglimpfungen müde geworden. -- Was in den
Akten steht, ist ja sozusagen nur die Inhaltsangabe eines Buches aus
dem Leben der Stadt, in dem viele ungeschriebene Seiten voll sind von
menschlichen Leidenschaften und Schwächen. Was mag bei dem dichten
Beieinanderwohnen und den engen Verhältnissen, wo es noch keine
Bahnverbindung gab, wo Reibungsflächen zahlreich waren, dieser Funke
umhergefressen haben, bis er aufloderte. Was mögen für Kränkungen
und Verhetzungen, für Entstellungen und »Machinationen« im Gange
gewesen sein, die dem wackeren alten Vorkämpfer des Heimatschutzes vor
sechzig Jahren das Leben verbitterten. Er wurde spöttisch »Orakel«
genannt. Nun, der Spott wurde Wahrheit, denn seine Weissagung über
das Urteil der Nachwelt hat sich erfüllt. _Seine_ Anschauung hat
sich durchgerungen. Die Anschauungen seiner Gegner sind als falsch
und verderblich, als Schaden für unseren vaterländischen Kunstbesitz
erkannt worden, der nie wieder gut zu machen ist.
Als im Jahre 1919 zur Schaffung von neuen Diensträumen das Dach
ausgebaut und umgebaut werden mußte, wurde als erste Lösung die
Wiederherstellung des alten hohen Daches vom Verfasser in Aussicht
genommen und auch später vom Landesamt für Denkmalpflege durch
Geheimrat Gurlitt empfohlen. Leider scheiterte dies an der Kostenfrage
und an der Schwierigkeit für die Diensträume und Sitzungssäle genügend
Licht und Fenster zu schaffen.
Das alte hohe geschlossene, steile Dach mit seiner ruhigen, feierlichen
Wirkung hätte doch nicht wieder geschaffen werden können, sondern
wäre durch Fensterreihen zerrissen worden. Es wäre auch nicht bei ihm
möglich gewesen, der Art und Bedeutung der eingebauten Diensträume und
Sitzungszimmer nach außen Ausdruck zu geben, ohne wesentliche Änderung
des ganzen Bildes.
Neue Aufgaben verlangen neue Lösungen. Diese neue Lösung mit dem Alten
zu verschmelzen zu einer Harmonie nicht altertümelnd, sondern aus
der Aufgabe heraus entwickelnd, das ist das Ziel der neuzeitlichen
Denkmalpflege und des Heimatschutzes.
Bei dem Neubau ist versucht worden in diesem Sinne aus dem Geiste des
Alten heraus unter sorgfältiger Schonung des altehrwürdigen Baues
und Betonung besonderer Eigenarten und Schönheiten diesem Ziele
nahezukommen, die »Sünden der Väter« wieder gut zu machen und dem
Rathaus seine frühere städtebauliche und künstlerische Bedeutung im
Marktbilde wiederzugeben (vgl. Abb. 3).
Wenn Heuchlers Geist zu mitternächtiger Stunde aus seinem Grabe auf
dem Donatsfriedhofe sich erhebt und durch die alten vertrauten Gassen
schreitet, dann wird er zwar mit Schmerz empfinden, daß der Bergbau,
den sein Zeichenstift in vielen köstlichen Blättern so liebevoll in
seiner Glanzzeit geschildert, zur Rüste gegangen und die letzte Schicht
verfahren ist. Aber dann wird sein Auge leuchten, denn eine neue Zeit
ist heraufgestiegen, in welcher seine Gedanken Gestalt gewannen und
das, wofür er kämpfte und lebte, sicherer Besitz werden soll, nämlich
durch Heimatschutz zur Heimatliebe zu dringen, zur Ehrfurcht vor
dem, was die Väter schufen, zur Wahrung und Neubelebung aller echten
Heimatwerte, daß sie dem Heimatvolke wahrhaft inneres Glück und Gut
werden mögen.
Drei Wandertage im Erzgebirge
Von _Gerhard Platz_, Weißer Hirsch