Es wäre zu wünschen, daß dem guten Beispiel auch andern Ortes gefolgt

würde. Manch unscheinbar gewordener alter Bau könnte so zu neuem Leben

erwachen und mancher Zeuge vergangener großer Tage erhalten werden.

[Illustration: Abb. 4

=Frohnauer Hammer=]

Nicht auf dem kirchlichen Gebiet allein liegt die Arbeit der

Denkmalpflege, sie wendet ihre Fürsorge vielmehr auch allen

anderen geschichtlich und künstlerisch wertvollen Bauwerken und

Einzelkunstwerken zu. Um seines für sächsische Kultur und Volkskunst

gleichermaßen hohen Wertes wurden im Jahre 1906 Schritte eingeleitet,

den alten, malerisch gelegenen Frohnauer Hammer bei Annaberg der

Nachwelt zu erhalten. Im Jahre 1908 trat der eigens für diesen Zweck

geschaffene Hammerbund an Denkmalpflege und Heimatschutz mit der

Bitte um Unterstützung heran, und es gelang auch das ganze Werk

käuflich zu erwerben, so daß nunmehr Schritte zu dessen Erhaltung

eingeleitet werden konnten. Noch ist hier freilich viel zu tun, soll

das Hilfswerk zum erfolgreichen Abschluß kommen, und es sei darum auch

hier noch einmal allen Freunden unserer Bestrebungen nahegelegt, für

den Hammerbund und seine Ziele zu werben und damit beizutragen zur

Erhaltung eines wertvollen Stückes alter sächsischer Kultur.

[Illustration: Abb. 5

=Altes Brauhaus in Hohnstein= (Sächs. Schweiz) =umgebaut zum Rathaus=

(Architekt Woldemar Kandler, Klotzsche)]

Das allen Besuchern der Sächsischen Schweiz wohlbekannte Städtchen

Hohnstein hat eine stimmungsvolle Zierde durch sein neues Rathaus

erhalten. Die Stadtverwaltung hatte im Jahre 1917 mit feinem

Verständnis für die Schönheit des alten Ortsbildes beschlossen, ein

altes und baufällig gewordenes Wohnhaus, das unweit des Marktes, neben

dem ehemaligen Brauereigebäude steht, zu erwerben und den Zwecken eines

Rathauses anzupassen. Die Aufgabe ist mit Unterstützung von Landesamt

und Heimatschutz in glücklichster Weise gelöst worden. Freundlich

und eindrucksvoll steht heute der hohe Fachwerkgiebel im Stadtbilde

da, und ein kleiner, neu hinzugefügter Dachreiter betont allein den

besonderen Charakter des erneuerten Gebäudes. Es wäre erfreulich, wenn

dies vorbildliche Beispiel der Stadtgemeinde Hohnstein noch recht viele

Nachahmer finden würde. Gelegenheit dazu ist ja gerade heute, wo die

Erstellung großer Neubauten fast unmöglich geworden ist, zu Genüge

geboten.

Das mittelalterliche kleine Rathaus der Stadt Meerane, das von

einem mächtigen Dachreiter bekrönt und mit einem reich gegliederten

Renaissanceportal geschmückt ist, soll demnächst gleichfalls erneuert

werden. Der häßliche, in Streifen ornamentierte Schieferbelag des

Daches soll durch neuen, einfarbigen ersetzt werden und das sehr

schadhafte Portal gründlich ausgebessert werden. Auch das kunst-

und baugeschichtlich gleicherweise bekannte alte Rathaus in Plauen

unterliegt zur Zeit einem Umbau. Dieser wird allerdings etwas

gründlicher ausfallen, als es im Sinne der Denkmalpflege gelegen

hätte. Die Stadt Plauen hat nun nach Abbruch des alten Schlosses Reusa

und des Heynigschen Hauses nur noch wenig Reste alter wertvoller

Baukunst sich bewahrt. Erfreulich ist in jedem Falle, daß das schöne

Gösmannsche Haus mit seiner zum Teil ausgezeichnet erhaltenen und

vornehmen Innenausstattung von der Stadt angekauft und als Ortsmuseum

eingerichtet wurde. Plauen dürfte damit wohl eines der reizvollsten

Ortsmuseen erhalten, die wir in Sachsen überhaupt besitzen.

[Illustration: Abb. 6

=Alter kathol. Friedhof in Dresden-Fr. Innenansicht der Kapelle mit der

Kreuzabnahme von Permoser.=]

In ganz ähnlicher Weise wäre aber, ohne große Schwierigkeiten, das

jetzige Ortsmuseum der Stadt Zittau auszugestalten, wenn man sich

entschließen könnte, die zur Verfügung stehenden Räume, Refektorium

und zwei darübergelegene Säle des alten Franziskanerklosters rein

für das Museum zu bestimmen und die Stadtbibliothek anderswo

unterzubringen. Der an das Gebäude anstoßende alte Klosterfriedhof

soll zudem nunmehr vom Refektorium aus direkt zugänglich gemacht und

damit der Öffentlichkeit wiedergegeben werden. Wünschenswert wäre

dann allerdings, daß auch für die Erhaltung der schönen barocken

Gruftfassaden etwas getan würde.

Den alten Friedhöfen hat das Landesamt von je auch, soweit es im Rahmen

der verfügbaren Mittel möglich war, seine Fürsorge gewidmet.

[Illustration: Abb. 7

=Moritzburg, alte Postmeilensäule=]

Der innere katholische Friedhof zu Dresden, der als solcher auf einem

1721 von König August dem Starken angewiesenen Grundstück entstand,

beherbergt eine ganze Anzahl wertvoller Grabdenkmäler des achtzehnten

Jahrhunderts, die leider heute unter dem schädlichen Einfluß der rings

entstandenen Fabriken und ihrer Verbrennungsprodukte schwer gefährdet

erscheinen. Viele berühmte Dresdner sind hier zur Ruhe bestattet

worden, von denen nur der Maler Casanova, Kügelgen, v. Schlegel und

Permoser genannt seien. Des letzteren Grab zierte die von ihm selbst

gebildete fast dreieinhalb Meter hohe Kreuzigungsgruppe in Sandstein,

deren reine Formenschönheit bei der Art des verwendeten Materials

besonders gelitten hatte. Es war darum ein glücklicher Gedanke, diese

Gruppe in der erneuerten und zu dem Zwecke mit einem Nischenausbau

versehenen Kapelle neu aufzustellen, wo sie jetzt im Rahmen der farbig

gut abgestimmten Innenarchitektur auf das eindrucksvollste zur Geltung

kommt. Auch diese Arbeiten wurden unter Förderung und mit Unterstützung

der staatlichen Denkmalpflege durchgeführt. Doch welches Maß von Arbeit

ist noch zu leisten, sollen auch nur die besten der vielen herrlichen

Grabdenkmäler geschützt und erhalten werden, die Sachsens Friedhöfe,

allen voran der alte Eliasfriedhof zu Dresden bergen!

[Illustration: Abb. 8

=Postsäule in Reichenbach i. V.=

Aufnahme von Oktober 1921]

Auch eine andere Art von Denkmälern aus alter Zeit hat von je unter dem

Schutze der Denkmalpflege gestanden. Es sind das die Postmeilensäulen,

die auf Veranlassung und nach Verordnung des Königs August des Starken

vom Jahre 1722 an in ganz Sachsen errichtet wurden. Eine große Anzahl

derselben hat sich bis in unsere Zeit erhalten, und bei dem gestiegenen

Verständnis auch für diese anspruchslosen Zeugen der Vergangenheit,

ist ein großer Teil derselben heute wieder als Schmuckdenkmal zu

Ehren gekommen. Auch das Landesamt hat zur Erhaltung vieler solcher

Säulen das seinige mit Rat und Tat beigetragen. So wurden auf seine

Veranlassung unter anderem die beiden Postsäulen in Moritzburg

wiederhergestellt, die am Eingang der Hauptallee zum Schlosse stehen.

In der Hauptsache sind es die sogenannten Stadtsäulen, die hier in

Frage kommen, wohingegen von den in der ersten Hälfte des achtzehnten

Jahrhunderts gleichzeitig errichteten »Gantze-Meilensäulen« sich wohl

nur wenige Stücke erhalten haben. Ein Exemplar einer solchen steht

in Reichenbach auf der Kreuzleithe und wurde im Herbst dieses Jahres

in dankenswerter Weise durch den dortigen Stadtrat aufgefrischt.

Von der dritten noch kleineren Abart dieser Postsäulen, den

»Einhalb-Meilensäulen« scheint nur noch ein Exemplar vorhanden zu sein,

das im Wermsdorfer Revier unweit der Allee IV in Abteilung 10 steht.

Vielleicht aber kann uns für weitere Stücke noch der oder jene Freund

des Heimatschutzes einen Hinweis geben.

Damit soll für diesmal die Reihe der Beispiele aus dem Arbeitsgebiet

der Denkmalpflege geschlossen werden. Hoffen wir, daß es staatlicher

und privater Fürsorge und Unterstützung auch in der Folgezeit gelingt,

die kulturerhaltende Tätigkeit der sächsischen Denkmalpflege nicht nur

auf dem jetzigen Standpunkte zu erhalten, das würde, wie die ständig

wachsenden Anforderungen an das Landesamt beweisen, keinesfalls

genügen, sondern weiter auszubauen zu Nutz und Frommen alter

sächsischer Kultur und ihrer Denkmäler, zur Zufriedenheit aller Freunde

unserer schönen Heimat.

Sturm um Rathausdach und Giebel oder Heimatschutz vor siebzig Jahren

Von Stadtbaurat _Rieß_, Freiberg

Wie reich, wie schön wäre unsere Heimat, hätten wir den Heimatschutz

schon vor fünfzig oder hundert Jahren gehabt!

Herrliche Schätze an Kunst und Kulturbesitz wären vor dem Untergang und

Vernichtung bewahrt geblieben. Als Zeugen alter Kunst deutschen Geistes

und Lebens hätten sie eindringlich gemahnt und zielweisend das neue

deutsche Leben geschaut, geschmückt, geläutert.

Vielleicht wäre die ganze Kunstentwicklung in anderer Richtung

gegangen, fortschreitend zu höheren Zielen in starkem, gleichmäßigem

Vorwärtsdringen, weil das, was die Väter schufen und bodenständig im

Heimatgrunde wurzelte, das was ihm eigen und schön war, oft besser

erkannt und gewürdigt, besser gepflegt und erhalten und zur Grundlage

und Ausgang neuen Schaffens gemacht worden wäre. Vielleicht hätten wir

dann eine neue wirklich echt deutsche Kunst!

Vielleicht wären die Gedanken und Ziele des Heimatschutzes dann

jetzt schon lange Allgemeingut des Volkes geworden und zum

selbstverständlichen Empfinden auch der Ahnungslosen, vielleicht

hätten wir dann eine natürliche künstlerische Kultur, vielleicht -- --

vielleicht wäre dann Heimatschutz nicht mehr nötig!

Die Gedanken des Heimatschutzes sind jedoch nicht neu. Schon die alten

Kulturvölker übten Heimatschutz als einen selbstverständlichen Ausfluß

und Ausdruck ihres angeborenen künstlerischen Empfindens, welchem die

Harmonie der Dinge ein Bedürfnis war.

Als das Wort »Heimatschutz« aber geprägt und »Heimatschutz« als

geistige Bewegung ausgelöst wurde durch tiefschauende Seher und

tiefschürfende Arbeiter am deutschen Volke und an der Heimat, da war

diese selbstverständliche Kultur längst verloren gegangen. Sie muß nun

mühsam Schritt für Schritt wieder errungen werden. Doch der Weg führt

empor und das tiefe Sehnen des Volkes sucht und findet im Heimatschutz

Antwort. Doch auch in der Zeit des Niederganges der Heimatkultur sind

solche Männer als Seher und Sorger für die Heimat aufgestanden und

haben den Kampf gewagt, unverstanden und geschmäht, aber unverzagt und

mit heißem Herzen!

Wie solch ein Kampf des Heimatschutzes vor etwa siebzig Jahren

in Freiberg um das altehrwürdige Rathaus sich abspielte, und wie

Heimatschutzgedanken die Gemüter bewegten im erregten Für und

Wider, wie damals die Leidenschaften und Schwächen des menschlichen

Herzens sich zeigten und Stacheln und Dornen Wunden rissen, ohne die

Selbstlosigkeit und Begeisterung des heimattreuen Sehers und Sorgers am

Werke zu ertöten, das mag einmal auf Grund der Akten als ein typisches

Beispiel geschildert werden.

Es war im Jahre 1853. Das alte Rathaus gefiel den Freibergern mit einem

Male nicht mehr. Viele Jahrhunderte hatte es den Stürmen schon Trotz

geboten, hatte im Krieg und Frieden, bei Belagerungen und allerlei Not,

aber auch bei rauschenden Festen der Bergknappschaft, der Bürgerschaft,

dem Rate und ja, auch Herzog, Kaiser, König und Fürsten ein schützendes

Dach geboten. Eine reiche, stolze Geschichte, die wir jetzt nicht

weiter verfolgen wollen, hatte die alten starken Mauern, Ratsstuben

und Gewölbe geweiht. Von Treue und von Bürgerstolz, von Tapferkeit und

Aufopferung, von Blut und Tot, von jauchzendem Leben und Kerkernacht

flüsterten und raunten die mächtigen Quadern der Wände, sang und

stöhnte der Wind, wenn er um Turm und Dach und Giebel sauste. Aber doch

gefiel das Rathaus dem Rate und den Bürgern nicht mehr. Ihre Ohren

waren taub, ihre Augen stumpf geworden. Sie fühlten nicht mehr das

geheimnisvolle Leben, die Seele, welche aus den ehrwürdigen Zügen des

alten Bauwerkes sprach, das mit der alten Stadt jung gewesen war, und

im Alter ihr diente wie einst in der Jugend.

Auf der Marktseite hatten sich Verkaufsbuden, auf der Nordseite an der

Burgstraße der Schuppen für die Feuerleitern angesiedelt und saßen

wie Schmarotzerpflanzen am gesunden Stamm und zehrten von seiner

Schönheit. Allerlei Unzuträglichkeiten waren entstanden durch die

Begleiterscheinungen des Kramhandels, die der Würde des Rathauses

nicht mehr entsprachen. Hier mußte Wandel geschaffen werden, darüber

waren sich Rat und Bürgerschaft einig. Im Erdgeschoß am östlichen

Giebel waren Räume, die nur untergeordneten Zwecken dienten. »Hier

könnten wir Läden einbauen und schönen Mietzins lösen,« dachten

die Stadtväter. »Für die Krambuden ist dann ein würdiger Ersatz

geschaffen.« Außerdem war das Dach so hoch!! Mit seinem langen First

und seiner riesigen Fläche schnitt es ein schönes Stück vom Himmel ab

und die Verkaufsgewölbe der Nachbarhäuser an der Nordseite mußten sogar

früher Licht anzünden als der Konkurrent am Obermarkt. Wo blieb da die

Gerechtigkeit! --

Prüfend blickten sie immer wieder auf das Dach und den gewaltigen

Giebel mit seiner Blendnischenarchitektur, vier Bogenreihen

übereinander. Da fand ein besonders interessiertes, kundiges, scharfes

Auge, daß der Giebel nicht mehr ganz lotrecht stände, sondern nach

innen sich neigte; ja im Mauerwerk wurden urplötzlich für sein Auge

gefährliche Risse sichtbar! Ahnungslos hatte man vielleicht schon in

der Gefahr geschwebt, von dem stürzenden Giebel erschlagen zu werden!

Wollte man Läden dort bauen und Schaufenster ausbrechen, so war der

Einsturz des Rathauses gewiß! --

Herbei ihr Sachverständigen mit Rat und Tat! Rettet uns vor der

furchtbaren Gefahr!

Der Baumeister Leuthold aus Dippoldiswalde wurde berufen und mit der

Fülle der angehäuften Wünsche und Anregungen überschüttet. Zeichnungen

und Anschlag wurden von ihm angefertigt und mit einem ausführlichen

Gutachten überreicht. Zwei Seelen leben in diesem Gutachten. Die Seele

des unbefangenen Sachverständigen und die Seele des Mannes, der gern

bauen und verdienen will.

Im Anfang sagt er, daß »eine unbedingte Notwendigkeit« des Giebelbaues

»für jetzt noch nicht« vorliege.

»Die Neigung des Dachgiebels nach innen, ist allerdings eine nicht

unbedeutende, jedoch sind in diesem selbst _nicht die geringsten Risse

oder Sprünge_ wahrzunehmen, was einesteils auf die große Festigkeit und

den innigen Zusammenhang des Mauerwerkes schließen läßt, anderenteils

aber zu der Annahme berechtigt, daß diese Neigung sehr allmählich oder

wenigstens sehr regelmäßig erfolgt sei. Die Sprünge, welche sich in der

ersten Etage der Umfassungsmauer dieser Giebelseite allerdings zeigen,

sind gegenwärtig noch nicht derart, daß sie zu einem ernsten Bedenken

Veranlassung geben und bei der großen Stärke der Giebelmauer kann

selbst bei deren großer Neigung ein Einsturz derselben zur Zeit noch

nicht zu befürchten sein.«

Gleichwohl kommt er zum Schluß, den Abbruch zu empfehlen, weil

infolge »schiefen Druckes« doch einmal ein Einsturz erfolgen könne.

Er empfiehlt eine umfassende Restauration des Gebäudes mit Neuaufbau

des Giebels, Einbau der Läden, Änderungen an Fenstern und Räumen

und dergleichen. Sehr wichtig nimmt er den Abputz, zu dem er »eine

graubraune, aus lichtem Ocker, geschlemmter Umbra und Frankfurter

Schwarz gemischte Kalkfarbe« nehmen würde, »um den Charakter und die

Altertümlichkeit des Gebäudes zu bezeichnen«. Ein Dorn im Auge sind ihm

die verschiedenartigen Fensterformen, die er möglichst »egalisieren«

und »rektifizieren« möchte. »Schon die Vorderfronte noch mehr aber die

Hinterfronte nämlich bietet hinsichtlich der architektonischen Formen

und Gliederungen eine so bunte Mannigfaltigkeit, wie dieselbe mit dem

ästhetischen Gefühl im allgemeinen und mit der Würde des Gebäudes

in keinem Falle vereinbar ist.« »Die Hinterfronte repräsentiert

eine wahre Musterkarte von allerhand Tür- und Fensterrahmen, die

nach Herstellung des neuen Abputzes als solche nur noch mehr in die

Augen fallen wird.« »Die Beseitigung dieser Verunstaltungen tut

dringend not,« schreibt er in höchster ästhetischer Entrüstung.

Die »Conzinnität« der »Fronte« muß hergestellt werden. Die Kosten

berechnet er auf insgesamt rund 4370 Taler. In seiner Planung hatte

er auf die Änderung der Fenster besonders hingearbeitet, ohne

jedoch immer Rücksicht auf die dahinterliegenden Räume zu nehmen.

Gleichwohl und trotz der hohen Kosten erklärt man sich im Rate mit

den Plänen einverstanden, wobei man jedoch wiederholt die Wahrung des

altertümlichen Charakters des Gebäudes betont.

Man forderte in der Theorie das, was die eigenen Beschlüsse und

praktischen Maßnahmen unbedingt zerstören mußten. War es ehrliche

Unkenntnis oder Selbstbetrug oder naive Heuchelei? Vielleicht aus allen

dreien gemischt!

Als die Bauangelegenheit soweit gediehen war, es war im Mai 1855,

da bekam das Ratsmitglied, welches die Finanzverwaltung hatte, doch

Bedenken über die Aufbringung der Mittel und bittet auf Grund längerer

Berechnungen und Ausführungen die endgültige Entschließung noch

auszusetzen. Er weist auf die politische Lage Deutschlands hin, »welche

noch immer darüber in Zweifel läßt, ob für das Land bald entweder die

Ruhe und Sicherheit des Friedens oder die Lasten einer Mobilisierung

der Armee und die Drangsale eines allgemeinen Krieges zu erwarten

stehen,« sodann auf »die nun seit mehreren Jahren anhaltende Teuerung

aller Lebensmittel, deren Fortdauer mit der größten Besorgnis für

die Folgen erfüllt.« Diesen Bedenken schloß sich das Ratskollegium

an und die Baufrage wurde einstweilen zurückgestellt bis auf die

Beseitigung der hölzernen häßlichen Budenanbauten. Dieser Beschluß

wurde im Juli 1855 gefaßt. Das Rathaus schien vor den Bauabsichten

noch einmal gerettet zu sein. Bei allen diesen Beratungen hatte jedoch

der Bürgermeister Clauß nicht mitgewirkt, der wohl beurlaubt oder

noch nicht im Amte war. Unter dem 21. April 1856 schreibt er eine

Denkschrift von zwölf enggeschriebenen Aktenseiten mit zierlich kleiner

Schrift nieder, in welcher er alle Vorgänge zusammenfaßt, Kritik übt

und Vorschläge macht.

Er erklärt sich gegen den Einbau von Läden, »weil durch das

Marchandieren Fremder im Rathause die Ruhe, Ordnung und Sicherheit

desselben sehr beeinträchtiget und gefährdet werden würde, um so mehr

als es eben an allen Neben- namentlich Hofräumen fehlt und nicht einmal

~loca secreta~ vorhanden sind, mithin allerlei Allodria, Mitbenutzung

der oberen Appartements und dergleichen mehr in die übrigen Räume des

Rathauses sich verpflanzen und darin breit machen würden.«

Er erklärt sich gegen die Änderung der Fenster, »weil dadurch die

innere Symmetrie der betreffenden Räume gestört und auf Rechnung des

Äußeren verunstaltet werden würden.« »Es möchte kaum zu verantworten

sein, dem äußeren Ansehen die Zweckmäßigkeit der inneren Einrichtungen

zu opfern.«

Kann man ihm hier auch nach heutigen Anschauungen über Heimatschutz

und Denkmalpflege nur zustimmen, so nimmt er doch zum Schlusse die

Anregungen wieder auf, welche im Zusammenhang mit der Giebelfrage nicht

wieder zur Ruhe kommen sollen, sondern wie ein Gift weiterfraßen und

dem äußeren Ansehen des Rathauses verderblich wurden.

Er schreibt: »Unterzeichneter mag nicht verhehlen, daß es nach seiner

Ansicht das Beste wäre, das ganze Dach mit einem modernen niedrigeren

zu vertauschen, weil so die _immense_ und _überflüssige_ Belastung

des Rathauses beseitigt, brauchbare und angemessene Dachräume

erlangt, die Rauchfangunterhaltungen wesentlich vermindert, die

Gefahr bei Feuerunglück -- wo durch die jetzige ungeheure Last des

Daches die unteren Räume erdrückt zu werden bedroht sind, -- bei

weitem verringert, auch die Dachgiebelfrage auf leichteste Weise mit

erledigt würde.« Allein er enthält sich, »darauf abzielende Vorschläge

zu eröffnen, wohl wissend und ahnend, daß solche im weiteren Kreise

nicht leicht Annahme und Anhänger finden werden, obgleich die Kosten

dieser Veränderung großenteils durch den Gewinn überflüssigen,

guten und gesunden Holzes ausgewogen werden würden, neues Holz- und

Ziegelmaterial wohl gar nicht nötig wären.«

Auf Grund dieser Denkschrift beschloß man, daß »die Restauration des

Rathauses nicht allzulange mehr verschoben werden möchte.« Einige

Monate ruht scheinbar die Sache, wenigstens in den Akten, wenn auch

vielleicht die Frage das tägliche Gespräch gewesen sein mag. Da tritt

die Baudeputation mit neuem Antrag auf -- und sagt unter anderem: »Wenn

sich aber nun unmöglich verhehlen läßt, daß das derzeitige Äußere des

Rathauses zu Freiberg ein würdiges nicht genannt werden kann, ja daß

es kaum den bescheidensten Anforderungen des ~decorum~ entspricht, und

daß einzelne Partien desselben sogar einen widrigen Eindruck auf den

Beschauer hervorbringen, überhaupt aber der Gesamteindruck desselben

nur in dem hohen Alter des Bauwerks einige Beschönigung finden kann,

... so hält sich die Deputation gerechtfertigt, wenn sie auch diesen

Aufwand bevorwortet.«

Diese von jedem Verständnis der Altertumswerte und der Charakterzüge

des ehrwürdigen Rathauses weit entfernten Vorschläge wurden nun von

den städtischen Kollegien zum Beschluß erhoben, ihre Ausführung aber

noch einstweilen aufgeschoben, weil die Jahreszeit schon zu weit

vorgeschritten war und weil »der neugewählte Stadtbaumeister erst im

Monat Oktober d. J. sein Amt antreten wird, inmittelst aber es an

gehöriger Bauleitung fehlen würde.«

Das Urteil über das alte ehrwürdige Rathaus war gesprochen, man wartete

nur noch auf den amtlich bestellten Scharfrichter zu seiner Hinrichtung

und benutzte die Zwischenzeit zu vielerlei Einzelberatungen.

Das neue Jahr 1857 rückte heran, da entstand in dem Wachtlokal im

Erdgeschoß des Turmes, das durch ungeheure starke Mauern und Gewölbe

vom übrigen Rathause abgeschlossen ist, ein an sich ganz ungefährlicher

Stubenbrand. Brand im Rathaus! Das war für die Freunde des Umbaues ein

willkommenes Mittel und Schlagwort für ihre Ziele!

Das war der Anlaß nunmehr den Abbruch des hohen Daches mit Macht zu

betreiben. Das Dach, welches Jahrhunderten standgehalten und die

Stürme der Schwedenbelagerung mit ihren Brandbomben, zahlreiche

Stadtbrände, die Schlacht bei Freiberg und die Gefahren der Zeit

Napoleons unbeschädigt überstanden hatte, wurde angeblich plötzlich zu

einer furchtbaren Gefahr für die Stadt, weil es »eine sehr bedeutende

Quantität feuergefährlichen Holzwerkes« enthielt.

Bei dem neuen Stadtbaumeister Weber wurde ein Gutachten bestellt.

Dieses Gutachten fiel den Weisungen entsprechend aus. Es lag ja

nahe, daß der neue Baumeister bauen und seine Kunst und Tüchtigkeit

zeigen wollte. Das war ein willkommener Auftrag, sein Licht leuchten

zu lassen! Mit einer gewissen Überlegenheit und Geringschätzung

spricht er von dem »alten sehr fehlerhaft konstruierten Dach, das

im hohen Grade baufällig ist,« von mangelnden Längsverbänden,

fehlerhaften Querverbänden, Verschiebungen, ungleichen Senkungen, von

gebrochenen Verbänden und dergleichen. Der Giebel, 1¾ Ellen stark,

hinge gefahrdrohend nach dem Gebäude zu über. »Der bei einem Brande

unvermeidliche Einsturz des überhängenden Giebels würde selbst die

zunächst daran befindlichen festen Gewölbe sowohl in der Etage als

im Erdgeschosse gänzlich vernichten.« Dachziegel und Essen seien

völlig schadhaft und dem Einsturz nahe. Er schlug vor, ein neues

Dach von englischem Schiefer mit leichtem offenem Dachstuhl mit

möglichst flacher Neigung von etwa 30 Grad herzustellen, obschon

rings der ganze Marktplatz und die ganze alte Stadt, nur hohe steile

Ziegeldächer hatte. Den Kostenaufwand dürfe man nicht scheuen, um »den

mit der Feuergefährlichkeit des alten Daches verbundenen unabsehbaren

allgemeinen Schaden, möglichst bald zu verhindern.«

Landesverein Sächsischer Heimatschutz — Mitteilungen Band XI, Heft 1-3 · 第 2 / 5 段