Schon um 5 Uhr auf Deck, -- wir steuern durch eine Unzahl kleiner,
niedriger Inseln hindurch, mit reichster Vegetation überwachsen, die Aeste
der Bäume, die Lianen, fallen fast ins Wasser, -- rechts ist auf einem
solchen Eilande ein Bungalow versteckt: ein alter Lloydcapitän hat
sich dort zur Ruhe gesetzt, -- links auf einer Anhöhe ein weitläufiges
Gebäude mit hoher Flaggenstange, von der die französische Tricolore weht,
es ist die Residenz des Messagerieagenten. -- Seegelboote, Frachtdampfer
in jeder Grösse und von jeder Nationalität, Sampans mit ihren braunen
Ruderern, kommen uns entgegen, rechts erscheinen immer neue Inselchen,
links die Wharfs und Quais des neuen Hafens; wir halten vor einem
grossartigen »Go-down« der Firma D. Brand & Co., rasselnd fällt der
Anker ins Wasser, -- _Singapore_. -- Der Consul und gleichzeitig Lloydagent
Brand, der mit seinem Compagnon Robert Engler, einem dicken, fröhlichen
jungen Frankfurter sofort an Bord eilt, überbringt mit einem grossen
Postpacket recht traurige Nachrichten: Der König von Siam, dem Biegeleben
seine Creditive überreichen soll, reist am 4. Januar mit grossem Gefolge
nach dem Norden seines Landes und bleibt zwei Monate fort, so dass wir
entweder den ganzen Zweck der Mission, zu der ich entsendet, aufgeben oder
in Singapore bis zum März warten können! Das ist speciell für mich ein
harter Schlag, da der Gesandte bald beschliesst, nach Bangkok um
kurzen Aufschub der königlichen Expedition zu telegraphiren, im
Verweigerungsfalle aber mit dem »Poseidon« nach Hongkong weiter
zu fahren, von dort sofort nach Tokio. -- Ich, der ich nur zur
Creditiveüberreichung in Bangkok mitgeschickt bin, wüsste nicht, was in
diesem Falle beginnen, doch bitte ich um Mitnahme nach Japan, wenn
auch meine Diensteseigenschaft erlischt. -- Hiemit ist Biegeleben ganz
einverstanden, und nun heisst es alle Vorkehrungen treffen, denn heute
Nachts fahrt ein Dampfer der »Ocean Line« nach Siam, morgen der
»Poseidon« nach Hongkong, -- also für beide Eventualitäten muss gesorgt
werden. -- Unser ganzes Gepäck wird Harrison überlassen, der dasselbe in
die Stadt bringen wird; wir fahren schleunigst die drei Meilen von Tangong
Pagar ins Consulat, wo zahlreiche Briefe und Zeitungen, mittelst
der englischen Post früher eingelangt, unser harren, darunter ein
Cigarretenetui mit Neujahrsgruss von meiner Mutter. Zu Johnston & Co.,
deren Director, ein junger Engländer Namens Hooper, mir meinen Creditbrief
sowohl nach Bangkok an Sigg & Co. als an die Mercantile Bank in Hongkong
ausstellt. -- Der Nervus rerum ist sichergestellt. -- Sapieha muss, da in
den Ländern Sr. Siamesischen Majestät kein Papiergeld coursirt, sein
ganzes Gerstel in Mexicanern mitschleppen, so dass er der silbernen Last
fast erliegt. -- Dann zum »Singapore-Club«, einem schönen, grossen, am
alten Hafen gelegenen Hause mit hohen kühlen Sälen und Säulengängen.
Hier wird ein üppiges Tiffin mit vorzüglichen Banana-Fritters
eingenommen, -- dann wieder an die Arbeit, zu John Little am Raffles Square
um Cigarren, Conserven, Briefpapier etc. Zurück ins Consulat, wo aus den
in einem niedrigen Raume aufgespeicherten Koffern alle Utensilien für
»evening dress« ausgepackt werden müssen, denn Brand hat uns zum
Essen geladen und wir können in unserer leinenen Montur doch unmöglich
erscheinen. -- Da versagt mir fast der Muth: die Hitze ist in dem schwülen
»Go-down« so ungeheuer, das Aus- und Einpacken aus den verschiedensten
Koffern so entsetzlich heiss, dass Sapieha und ich, in Schweiss schwimmend
und ganz übermannt, die Partie aufgeben wollen (der Gesandte war mit
Brand und Frau in den botanischen Garten gefahren, er hatte ja einen
Kammerdiener, wir leider nicht). -- Da erscheint um 5 Uhr Herr Engler
mit einem Telegramm, das ich zitternd aufreisse: »Der König von Siam,
Tschulalonkorn, hat seine Abreise aus Bangkok um einen Tag verschoben,
wird den Gesandten daher noch empfangen können« -- so depeschirt unser
dortiger Consulatsgerent Masius. -- Hurrah, das gibt frische Kräfte,
und um 6 Uhr rollen Sapieha und ich in einem geschlossenen Gharry
zum Brand'schen Bungalow, dem sogenannten Maharadscha-Bungalow, an der
Siranganstrasse hinaus. Das Haus heisst auch »Bidadaré«, Engelhügel;
früher, als Brand, der Daniel heisst, noch unvermählt war, die
»Löwengrube«. Doch hinausfahren und richtig ankommen ist zweierlei: wir
rollen wohl über eine Stunde, es ist ganz finster, der Kutscher versteht
nur malayisch und kennt den Weg offenbar nicht -- alle Augenblicke wird
angehalten, schliesslich in einem grossen Garten eingekehrt und vor einem
schönen am Hügel gelegenen Hause gehalten, kein Mensch zu sehen! Wir
treten ein, besichtigen die Zimmer, die alle beleuchtet, aber leer sind. --
Ein chinesischer Boy, der endlich erscheint, spricht kein Wort englisch,
-- was thun? Da bemerken wir im Speisesaal sechs Plätze gedeckt (also für
uns drei, die Hausleute und Engler), das stimmt; auf einem Kasten ist
als Monogramm D. B. gravirt -- das benimmt jeden Zweifel, und sicher am
richtigen Orte zu sein, lassen wir vom »Celestial« unsere Reisesäcke
in die bereiten Fremdenzimmer tragen; es ist eben eine ganz verfluchte
Geschichte, sich absolut gar nicht verständigen zu können -- recht
beschämend für unser Menschthum! In den Zimmern befinden sich unter
den Divans, deren Decken aufklappen, schmale Treppen, welche in darunter
gelegene Badecabinets führen, wo je ein irdener Topf von riesigen
Dimensionen, mit Wasser gefüllt, zum Baden einladet. Kaum sind wir im
Frack, als Brand's und der Gesandte auftauchen; sie haben sich verspätet,
die Herren wechseln rasch Toilette, und um 8 Uhr sitzen wir an einem mit
Blumen reizend geschmückten Tische und verzehren ein wahrhaft lucullisches
Mahl, -- nur die Temperatur ist trotz ununterbrochener Punkah etwas
niederschmetternd. Nach Tisch verlassen wir das gastliche, mit vielem
Geschmack eingerichtete Bungalow und fahren in den am anderen Ende
der Stadt gelegenen deutschen Club »Teutonia«, wo weit über hundert
Reichsdeutsche und Schweizer zur Sylvesterfeier versammelt sind. --
Festtafeln, sehr viel Sect, sehr viele Reden, Biegeleben hält einen
famosen Speech (man sieht, dass er Bonner Corpsstudent gewesen), viel Musik
und Männergesang: »Deutschland, Deutschland über Alles«, »Aennchen von
Tharau« u. s. w. Zum Schlusse epatantes Feuerwerk, von den zu Tausenden
um das Clubhaus versammelten Natives mit wahrem Geheul begrüsst. Gegen
1 Uhr Nachts führen uns die freundlichen Brand's zum Hafen und in ein
Sampan, und in wenigen Minuten kraxeln wir die Schiffsleiter der »Hecuba«
hinauf, eines kleinen, schmalen, ganz mit Cocosnüssen gefüllten Dampfers
der »Ocean Line«. -- Der bereits anwesende Musterdiener Harrison
empfängt uns mit der frohen Botschaft, die vier Cabinen seien alle von
siamesischen Prinzen besetzt, der Capitän sei noch am Land, also keine
Abhilfe möglich, -- da ist nichts zu machen als ruhig zuzuwarten, -- ich
schreibe noch einige Zeilen nach Wien, welche ein chinesischer Schiffsjunge
für einen Dollar Trinkgeld in einen singaporischen Briefkasten zu werfen
verspricht, ein schottischer Maschinist versucht, mich zu einem Whisky und
Soda zu bewegen, was ich endlich seinem total besoffenen Zustande zu Liebe
hinunterwürge, schliesslich hüllen wir, noch immer in »evening dress«,
uns in Plaids, strecken uns am Oberdeck auf chinesische Liegesessel und
schlummern, bis zum Tode ermattet, um 4 Uhr Früh ein: Das ist mein erstes
»Neujahr« in den Tropen! Um 6 Uhr kommt der Commandant, wir lichten
Anker und dampfen langsam in den Golf von Siam -- wir schlafen ruhig
weiter!
Dienstag 1. Jänner 1889.
[Illustration]
Die weiss angestrichene »Hecuba« mit ihrem hellblauen Schornstein (daher
die Ocean-Line von Hold & Co. in Liverpool »Blue Funnel Line« genannt
wird) ist wohl eines der ungemüthlichsten Fahrzeuge, die je im Meere
geschwommen: Cabinen gibt es im Ganzen vier, eine erhält der Gesandte,
eine zweite wird Sapieha und mir angewiesen, doch ist sie so schmutzig und
ekelhaft und wimmelt dermassen von Ameisen und Schwaben, dass wir sie nur
als Repositorium fürs Handgepäck benützen können, -- die dritte hat
ein siamesischer Prinz inne, königliche Hoheit Chowfa Krom Khun
Narisranuwattiwongsa, der mit einem etwas englisch sprechenden Secretär
und zwei anderen Begleitern von einer Tour nach Mandalay, der alten
Hauptstadt Burmas, zurückkehrt; er ist ein Bruder des Königs (der deren
achtzig haben soll) und schreibt den ganzen Tag an einem Reisebericht. --
Die vierte Cabine bewohnt ein amerikanisches Ehepaar, Mr. und Mrs. Nead
aus Philadelphia, die wahren »Globetrotters«, die in drei Jahren bereits
zweimal um die Erde gefahren, von Siam noch nach Indien, nach Korea und
Australien wollen; dabei sind die guten Leute schon an die Sechzig! Die
Badehütte lässt an Einfachheit und Unreinlichkeit nichts zu wünschen
übrig; am Oberdeck, wo wir uns alle in leidlich guten Liegesesseln
niedergelassen, haben eine Menge scheusslicher kleiner Köter, Eigenthum
des sonst gutmüthigen Capitäns, ihren Wohnort aufgeschlagen und zeichnen
sich durch einen merkwürdigen Grad von Zudringlichkeit und dadurch aus,
dass sie rings um uns kleine Tümpel und Häufchen zurücklassen, die die
chinesischen Boys höchst selten wegzukehren belieben. -- Die Kost ist
elend, das Getränk noch mehr so, unsere Koffer sind unter einer vollen
Schiffsladung von Cocosnüssen ganz unnahbar, dabei schaukelt und stampft
das liebe Schiff wie besessen. -- »Was ist uns Hecuba?« frage ich
den traurig und blass hingestreckten Chef. »Ein Greuel!« wird prompt
geantwortet.
Mittwoch 2. Jänner.
[Illustration: BUDDHA]
Die _chinesische Südsee_, auf der wir uns seit gestern befinden, ist
nichts weniger als angenehm, -- kurze Wellen von Nordost heben und senken
die verflixte »Hecuba« ununterbrochen, die Passagiere schimpfen und
fluchen, und die Cocosnüsse rollen überall umher. Durch energisches
Auftreten wurde veranlasst, dass ein Theil der Ladung gehoben und unsere
Koffer auf Deck gebracht wurden: so können wir uns wenigstens umziehen.
-- An der Küste der Halbinsel haben wir eine Reihe romantisch aussehender
Inselchen passirt, -- noch vor Kurzem von Piraten bewohnt, die erst durch
die Engländer gänzlich vertrieben wurden. Jetzt dürften wir vor der
Menam-Mündung wohl kein Land mehr erblicken. Die Hitze ist wie immer
horrend!
Donnerstag 3. Jänner.
Auf dem Vorderdeck lagert eine Schar siamesischer Bonzen, hagere, knochige
Kerle, das Kopfhaar vollständig rasirt, in safrangelben Mänteln drapirt,
ganz togaartig, -- sie kommen auch aus Mandalay, wo ihnen das Reisegeld
ausgegangen war, und wo ihnen Prinz Naris unter die Arme greifen musste.
-- Mit letzterem und seiner Suite suche ich nähere Bekanntschaft
anzuknüpfen; leider happert es sehr mit der Sprache, da ihr Englisch recht
mangelhaft ausfällt. Doch lerne ich, dass der König alle Winter eine
grössere Reise macht, immer mit kolossalem Gefolge, dass er dadurch sein
ganzes Reich nach und nach genau kennen lernt, mit den Provinzialbehörden
in Fühlung kommt, überall Fahrstrassen baut etc. -- Diesmal geht seine
Tour nach Chayok, einem District im Nordwesten Siams, an der burmanischen
Grenze, und dürfte er nicht vor 6-7 Wochen in seiner Hauptstadt wieder
eintreffen. -- Prinz Naris scheint Höllenangst vor seinem erlauchten
Bruder zu haben, schmiert fort an seinem Berichte und ist in grosser
Aufregung, noch rechtzeitig anzukommen. Er und seine Leute sind klein,
gut genährt, von hellgelber Hautfarbe, geschlitzten Augen, entschieden
mongolischem Typus; sie tragen die neue Hoftracht: weisser leinener
Waffenrock mit goldenen Knöpfen und ebensolchen Achselschnüren; anstatt
der Hosen ein weites buntes Tuch (Sarong), welches um und zwischen die
Beine geschlungen bis zu den Knien reicht und an der Seite eingeschlagen
wird; dazu weisse Strümpfe und schwarze Schnallenschuhe und ein weisser,
mit Goldspitze verzierter indischer Sonnenhelm. -- Bei Tisch servire ich
californische Pfirsiche, die in Singapore von mir eingekauft sind, und
lache über ihre erstaunten Gesichter; so was haben sie nie gegessen!
Heute fahren wir im Golf von Siam, das chinesische Meer ist hinter uns und
die »Hecuba« geberdet sich etwas weniger lebhaft. -- Wunderbar schön
sind hier die Nächte, -- wir liegen in unseren Stühlen in den kühlen
Pujahmas (Nachtanzüge aus dünner Baumwolle oder chinesischer Rohseide)
und bewundern den glorreichen tropischen Sternenhimmel, der viel heller und
deutlicher leuchtet als im alten Europa -- dabei ist das Thermometer auf
26° C. gesunken.
(Siam hat sechs Millionen Einwohner, theils Siamesen, theils Laoten, theils
Chinesen, zwischen 4. und 21. Grad nördl. Breite und 96-106 Grad östl.
von Greenwich. -- Silberwährung: 1 Tikal = 2 shill. 6 pence, 5 Tikals
= 3 Mexic.)
Freitag 4. Jänner.
[Illustration: REISBOOT]
Heute geht unsere Reise zu Ende nach 44tägiger Fahrt seit Triest! Die
»Hecuba« dampft schon Montag Abends wieder nach Singapore und berührt
unterwegs Bang-tah-phan an der Westküste; auch wollen die Neads mit ihr
fahren, um die dortigen Goldminen anzusehen. -- Das Wasser wird bereits
trübe; grosse Strecken sind mit Seetang bedeckt, die Maschine arbeitet mit
halber Kraft, -- östlich zeigen sich einige ganz kleine Felseninseln, von
denen der König eine zum Sommeraufenthalte ausgewählt; bald sollen die
Arbeiten zur Errichtung eines Palais dort beginnen. -- Im Norden erscheint
schon ganz deutlich die flache Küste von Siam. Der Capitän ist in grosser
Aufregung: Wird die »Hecuba«, die 14 Fuss Wasser zieht, im Stande sein,
über die Barre zu gleiten? Um 11 Uhr ist hier heute Hochwasser, und
es ist bereits Mittag: ängstlich schauen wir alle mit Fernrohren und
Feldstechern auf eine hölzerne Hütte, welche auf einem winzigen Eilande
als Leuchtthurm dient, -- dort wohnt seit vielen Jahren ein Deutscher,
der durch Flaggensignale die anlaufenden Schiffe von der Passirbarkeit
der Barre in Kenntniss setzt, die hier höchst merkwürdigen, täglich
sprungweise sich ändernden Ebbe- und Fluthverhältnisse studirt hat und
ziemlich genaue Tabellen über dieselben alle Monate verkauft, und zwar
um den Spottpreis von 1 Dollar. Da flattert von der Hütte eine Fahne
mit einer grossen 15 -- Hurrah! ruft der Capitän, Hurrah! rufen alle
Passagiere: Volldampf voraus, -- die »Hecuba« schraubt sich ordentlich
durch die Wellen; einen Augenblick knarrt es unter uns, die 15 Fuss
müssen nicht ganz richtig sein, noch eine Anstrengung, und wir sind
drüben! Immer näher rückt das Festland; wir bewundern die dichten
Wälder, die fast bis ans Meer herabreichen, um 3 Uhr fahren wir in die
Mündung des _Menam_, des »grossen Flusses«, ein und halten bald vor
_Pak-nam_, -- rechts eine Menge Hütten und einige veraltete Befestigungen,
links eine reizende Pagode oder Wat, wie die Buddhistentempel heissen, ein
schlanker, immer spitzer auslaufender Thurm, blendend weiss -- der
obere Theil feurig roth, -- dazu der dunkelgrüne Hintergrund der
Palmenwaldungen, -- es ist herrlich. Um uns schiessen zahlreiche Boote
umher, Sampans jeglicher Form mit halbnackten gelben Ruderern bemannt. In
Pak-nam wurde früher der Zoll erhoben; jetzt genügt eine kurze Visitation
der Schiffspapiere, und wir dampfen wieder weiter stromaufwärts. -- Eine
weisse Dampfbarkasse mit der königlichen Flagge, blau mit einem gelben
Elephanten, kommt uns entgegen, und wir glauben zuerst, es ist zum Empfang
der Gesandtschaft. -- Doch nein, die Barkasse hat zwar gewendet, holt uns
aber nicht ein. -- Der Menam wird immer enger, -- etwa wie die Donau bei
Budapest, -- es wird dunkel; der dichte Jungle der Ufer wird unsichtbar;
da tauchen zu beiden Seiten Tausende und aber Tausende von Lichtern auf, --
Lärmen, Schreien, Gongs, Singen, Trommeln erfüllen die Luft, -- die Kette
fällt in den Fluss, wir sind in _Bangkok_, dem Venedig Ostasiens -- 8 Uhr
Abends. Unser Consulatsgerent Herr M., ein Compagnon des leider in Europa
abwesenden tüchtigen Honorarconsuls Kurtzhalss, und ein riesig dicker
Siamese, der »Introducteur des Ambassadeurs«, kommen an Bord und führen
uns in einer Dampfbarkasse ins Oriental-Hôtel, einem erst kürzlich
errichteten grossen Gasthof, wo im ersten Stock ein Louis XV.-Salon
nebst Schlafzimmer für den Gesandten und zwei Zimmer für uns dii minorum
gentium hergerichtet sind. -- Die »Ambassadors Hall«, wo alle fremden
Gesandten wohnen, auch Baron Schäffer, Herr v. Hofer und Graf Zaluski,
soll wegen weisser Ameisen, Termiten, jetzt unbewohnbar sein, -- wir
müssen daher, natürlich auf Kosten des Königs, im Hôtel absteigen, wo
mehrere dienstbare Chinesen, die erwähnte Dampfbarkasse und einige Wagen
mit rothlivrirten Kutschern zu unserer Verfügung stehen. -- Der Gesandte
fährt noch zum Minister des Aeussern, dem Prinzen (Krom Luang) Devawongse,
Varoprakar, einem Bruder des Königs, um die morgige Ceremonie zu
besprechen, -- ich bewundere die ungezählten Bewohner meines Zimmers,
Mosquitos gross wie Elephanten schwirren in der Luft, -- am Boden huschen
mehrere herzige Mäuse und eine Monstreratte herum, -- im Bette ruhen ein
halbes Dutzend Riesenschwaben, -- an den Wänden laufen fusslange grüne
Eidechsen und pfeifen sanft, -- sie heissen Tokh-Keh und fressen die
Mosquitos. Letztere bringen sogar den phlegmatischen Harrison aus seiner
Ruhe, -- er klopft leise an meine Thüre und frägt: »Beg pardon, Sir, are
those fourfooted animals with a long tail hanging on the walls dangerous,
Sir?« -- »No«, -- brülle ich zurück, »they are peculiar to, and the
pride of this lovely country!« Mitternacht -- 33° Celsius!!
Samstag 5. Jänner.
[Illustration: Eine Frau des Königs.]
Vom frühen Morgen an werden die Vorbereitungen für das grosse Ereigniss
getroffen. -- Die verlötheten Blechkoffer werden mühsam aufgeschnitten,
die darin ruhenden Uniformen sorgfältig geputzt und gebürstet, --
Sapieha, der keine mitgebracht, verbreitet die Nachricht, die seinige
sei unterwegs in Verlust gerathen. Ein langes Schreiben an den Prinzen
Devawongse wird auf Englisch (die hiesige diplomatische Sprache) concipirt
und abgeschrieben, auch an der Ansprache des Gesandten noch gebessert
und gefeilt. -- Gegen 4 Uhr sind wir fertig und rücken feierlich
und schwitzend ab. Im ersten Wagen, an dem die rückwärts hängenden
Hoflakaien in rothen Röcken, weissen Handschuhen und barfuss vornehm
aussehen, sitzt Baron Rüdiger in Diplomatenuniform, mit Orden bedeckt,
-- ihm gegenüber der Oberceremonienmeister und unser Introducteur des
Ambassadeurs Phya Smud Buranurahse, Gouverneur von Paknam, beide in Gala,
d. h. in goldbrocatenen Gehröcken, blauen Sarongs, den gelben und rosa
Bändern des Elephanten- und Kronenordens, den indischen Helm auf dem
Kopfe. -- Im zweiten Wagen bin ich, auch in Uniform, die kaiserliche
Accreditive haltend, neben mir Sapieha im Frack, gegenüber Herr M.
mit gesticktem Hemde, silberner Uhrkette und schwarzem Melonhute!
Nach halbstündiger Fahrt durch staubige Strassen passiren wir die die
königliche Residenz umgebenden Mauern und steigen vor einem prächtigen,
mit dem vergoldeten siamesischen Wappen verzierten Thore aus. Zu beiden
Seiten Hunderte von Zuschauern, die nach der hiesigen guten alten
Sitte flach am Bauche liegen. -- Einige Schritte und wir sind in
einem Riesenhofe, ringsum grosse Gebäude halb in Renaissance, halb im
chinesischen Pagodenstile, vorne das imposante Palais mit schöner
Einfahrt und zwei prächtigen Bronzeelephanten als Wächter. -- Alles
weiss angestrichen und die zahllosen Thürme und Thürmchen vergoldet und
geschnitzt, rechts und links salutiren die ganz europäisch ausgerüsteten
Truppen, theils »Garde du Corps«, theils Linie, theils Marine-Infanterie,
in rothen, weissen, die letzten in blauen Uniformen, -- nur für
Schuhwerk muss das siamesische Aerar keine grossen Auslagen haben. -- Die
aufgestellten Militärcapellen spielen die österreichische Volkshymne, und
zwar sehr gut und correct. Der feierliche Aufmarsch durch eine Allee
mit sonderbar zugestutzten Bäumchen zum Hauptportal zu, zwischen die
präsentirenden Ehrenwachen hindurch, hinter diesen überall das Volk auf
dem Bauche liegend, -- ist überwältigend und die lange Reise wohl werth.
In der Eingangshalle, deren Wände mit Waffen geziert sind, empfangen
uns Prinz Dewang, wie Devawongse von den Europäern genannt wird, der
Kriegsminister und ein Schwarm von Kämmerlingen und Hofbeamten, alle in
prachtvollen gold- und silberbrocatenen Röcken, weissen Strümpfen und
Schnallenschuhen. An einem langen Tische wird uns deliciöser hellgelber
Thee und Cigarren gereicht, wir müssen Namen und Titel in ein schön
gebundenes Album eintragen, -- dann geht's einige Stufen links hinauf, wo
zu beiden Seiten kleine, schwarze, in rothen Mänteln gekleidete und mit
langen Lanzen bewaffnete Buben Wache halten, durch einen prächtigen, ganz
mit Officieren und Höflingen gefüllten Saal hindurch in ein geschmackvoll
eingerichtetes Boudoir, wo uns der König stehend erwartet. Er ist eine
höchst interessant, intelligent und sympathisch aussehende Erscheinung,
mittelgross, schlank, mit sehr gewinnenden Zügen. Das kurz geschnittene
Haar und der kleine schwarze Schnurrbart sind sehr gepflegt, -- die Zähne
im Gegensatze zu _allen_ seinen Unterthanen blendend weiss, dabei in seinem
blauseidenen anliegenden Waffenrock, dessen Kragen und Manschetten mit Gold
gestickt sind, dem blauseidenen Sarong und ebensolchen Strümpfen, mit
dem Bande des St. Stephans-Ordens, fesch und elegant. An der Brust des
ungefähr 34jährigen Chulalonkorn haften einige Sterne seiner eigenen
Orden, darunter jener der »Neun Edelsteine« mit ganz kolossalen
Cabochonrubinen und einem immensen Diamanten. Biegeleben hält seinen
englischen Speech und überreicht ihm sein Creditiv, das der König
selbst (dies ist der erste Fall) persönlich übernimmt und dann an Dewang
weitergibt. -- Mit klangvoller, lauter Stimme antwortet der König auf
siamesisch, obwohl er englisch geläufig sprechen soll, und Devawongse
verdolmetscht: »Er freue sich dieses neuen Beweises der Freundschaft
Seiner Apostolischen Majestät und hoffe, Baron Biegeleben werde die
guten Beziehungen noch mehr pflegen und befestigen. Die Anwesenheit des
Erzherzogs Leopold, der ihn vor Kurzem auf der ›Fasana‹ besucht, habe
ihm sehr geschmeichelt, er sei der erste Habsburger, der zu ihm gekommen.
Auch habe er den auf der Reise nach Europa befindlichen Prinzen Sai Sani
Dhwongse beauftragt, Seiner Majestät zu seinem Jubiläum nachträglich zu
gratuliren und ihm den höchsten an Nichtbuddhisten verleihbaren Orden, den
Mahadakrki-Orden, zu überbringen.« -- Nun wurden wir vorgestellt, über
unsere Reisen u. s. w. befragt, und nach etwa 20 Minuten hatte die
feierliche Audienz ihr Ende. -- Drei tiefe Verbeugungen, der König reicht
uns allen die Hand, wieder durch das Spalier von brocatenen Kämmerern,
wieder über den Riesenhof, die Wachen präsentiren, die Musik spielt
»Gott erhalte«, und wir sitzen wieder im Wagen und wischen den Schweiss
von der Stirne. -- Es war grossartig, an bunter Pracht wohl sonst nirgends
erreichbar! Aber heiss! --
[Illustration: Die Königin von Siam.]
[Illustration: Der König von Siam.]
[Illustration: Haupteingang ins königliche Palais.]
Wir speisen in einem kleinen für uns reservirten Zimmer, und zwar recht
gut, das Menü ist französisch, und der chinesische Koch muss von einem
europäischen Meister in seine Künste eingeweiht worden sein. Auch die
Weine sind reichlich, Rheinwein, Bordeaux und Sect, dazu eine vorzügliche
Crême de Cacao. -- Mit dem langen, durch das ganze Zimmer sich
hinziehenden Fächer, Punkah, ist die Hitze erträglich; wehe aber, wenn
der vor der Thür sitzende chinesische Punkah-Wallah, der mit einer Schnur
den Fächer in Bewegung hält, einschläft! Das wird dann fürchterlich!
Der uns zugetheilte Phya Smud ist ein sehr geriebener, gescheidter, wenn
auch etwas einfältig aussehender Kerl, der sich vom niedersten Ursprung
zu grossem Reichthum und Ansehen emporgearbeitet; der erste Fall einer
Adelserhebung, -- er besitzt in Compagnie mit dem Prinzen Dewang
bedeutende Reisschälfabriken und exportirt riesige Mengen Teakholz, seine
lächerliche Körperfülle ist in ganz Siam berühmt.
[Illustration: Königlicher Palast in Bangkok.]
[Illustration: Thronsaal im königlichen Palaste.]
Sonntag 6. Jänner.
[Illustration: MÜNZEN AUS SIAM]
Vor 5 Uhr Früh fahren wir in unserer kleinen Dampfbarkasse den Menam
hinauf; von allen Seiten schiessen lange sogenannte Hausboote hervor,
mit einer geräumigen Cabine versehen und mit 8-20 auf venezianische Art
stehenden Ruderern bemannt, -- hunderte und aberhunderte solcher Boote
sammeln sich vor dem königlichen Landungsplatze, wo die Hofboote warten
mit reicher Vergoldung und 40 Ruderern, -- die Nationalflagge, weisser
Elephant im rothen Felde, und die königliche Flagge, gelber Elephant in
blauem Felde, flattern von allen Masten und Stangen. -- In unserer Barkasse
lässt man uns nicht bleiben, führt uns durch verschiedene Paläste
hindurch, an Ehrenwachen vorbei zu einem riesigen Pavillon, der mit
Honoratioren, Prinz Dewang an der Spitze, gefüllt ist. Monstresänften,
ganz vergoldet, mit rothen sammtenen Vorhängen, werden vorbeigetragen,
darinnen hocken Prinzlein und Weiblein, -- die Soldaten präsentiren, ein
schwindsüchtig aussehender schwedischer Officier ruft unverständliche
Commandolaute, die Bande spielt eine Art siamesischer Volkshymne, Kanonen
donnern, und pfeilschnell fahren die 40 Ruderer des königlichen Bootes
den Strom hinauf, alle anderen nach, -- das Gefolge soll über 10.000
Personen betragen. Durch geschicktes Arrangement hat man uns gehindert,
König und Königin zu sehen. -- Dewang und Phya Smud überströmen von
Entschuldigungen; den Grund hiezu können wir aber nicht errathen. --
Bei der Rückfahrt ins Hôtel finden wir den Fluss aufs Neue und auf ganz
andere Art belebt, -- es wird der Markt abgehalten, Tausende von Kähnen
sind theils mit Waaren, Fleisch, Gemüsen, Obst, theils mit feilschenden
Hausfrauen gefüllt, -- Alles schwimmt, ein grosser Theil der Häuser ist
auf Flössen gebaut, die zu beiden Seiten des Menam verankert liegen; die
Seitenstrassen bilden Canäle, die sich nach allen Richtungen verzweigen
und von unzähligen Brücken überspannt werden. Ueberall wimmelt es von
Booten, von Kähnen, von Barkassen, da fast der ganze Verkehr auf dem
Wasser stattfindet. In Seelentränkern huschen gelbgekleidete Bonzen
herum, ihre tägliche Nahrung zu erbetteln; zu Hunderten sehen wir diese
ehrwürdigen Buddhapriester. -- Im Wasser selbst baden und schwimmen Kinder
jeder Grösse und jeden Alters und scheinen sich wenig vor den Krokodilen
zu fürchten, deren schwarze, gepanzerte Köpfe hie und da emportauchen. --
Dabei blitzen und glitzern die bunten, mit Majolica verzierten Thürme der
zahllosen Tempel, und die üppigen Aeste der dunklen Tropenbäume tauchen
tief ins Wasser ein. -- Gegen 600.000 Einwohner soll Bangkok enthalten,
nach anderen Quellen sogar eine Million, wovon über 100.000 Einwanderer
aus dem Reiche der Mitte, deren gelbe, magere, bezopfte Gestalten überall
zwischen den kleineren bräunlichen Siamesen mit ihren kurzgeschnittenen
schwarzen Kopfhaaren nicht gerade vortheilhaft auftauchen. Kinder beiderlei
Geschlechtes tragen bis zum neunten oder zehnten Jahre als einzige Kleidung
eine kleine Metallplatte in Form eines Feigenblattes mit seidener Schnur
oder Silberkettchen um die Hüften gehängt, -- bei Reicheren sind die
Plättchen aus Silber mit eingehämmerten Goldornamenten. -- Strassen sind
hier eine Erfindung der neuesten Zeit, da erst der jetzige König solche
nach allen Richtungen angelegt und sogar mit Tramways versehen hat, die
aber ausschliesslich vom Volke benützt werden. Wenn irgend möglich,
ziehen wir den Wasserweg vor, da wir dadurch dem kolossalen Staube (»dirt
in the nose« -- wie Phya Smud täglich erklärt) entgehen. -- Chulalonkorn
ist für seine Verhältnisse ein sehr aufgeklärter Monarch, wohl der
Tüchtigste seiner Landsleute: er hat zuerst von allen siamesischen
Königen sein Land verlassen und Singapore, wo er einen bronzenen
Elephanten stiftete, sowie Calcutta und Bombay besucht, wo er europäische
Civilisation kennen lernte. -- Sein ganzes Land wurde mit Posten versehen,
und er zahlt jährlich über 36.000 Tikals darauf, -- die Telegraphenlinien
gehen bis Laos, und momentan ist Sir Andrew Clarke, der frühere Gouverneur
der Straits Settlements, mit der Tracirung einer Eisenbahn bis Tseng Mai
(500 englische Meilen nach Norden) beauftragt, wobei der vom Könige
selbst aufgesetzte Vertrag diesem völlig freie Hand bei der Vertheilung
der Arbeiten vorbehält. Das flach auf dem Bauche liegen bei dem Erscheinen
der Majestät, das bisher de rigueur war, hat Chulalonkorn aufgehoben, und
wird diese früher allgemeine Sitte den Chawfas und Phyas gegenüber nach
und nach abgeschafft. Es herrscht allgemeine Wehrpflicht, doch in der Form
einer Art Miliz, während die stehende Armee ziemlich schwach ist. -- Die
Truppen sind nach englischem Muster uniformirt und disciplinirt und
werden von europäischen Officieren unter Leitung des Majors Walker vom
Bombay-Contingent befehligt. -- In den nächsten Tagen erwartet man die
Ankunft von 280 Walers, Pferden aus New-South Wales, welche für die
Gardecavallerie bestimmt sind, da die hiesigen stämmigen und sehr flinken
Ponies (meist Falben) zwar sehr resistenzfähig, aber allzu klein sind.
-- Eine hässliche Sitte ist das Betelkauen, das von allen Siamesen ohne
Ausnahme betrieben wird. -- Etwas geriebene Betelnuss, etwas Kalk, noch
einige Ingredienzien sauber in ein Blatt der Arecapalme gewickelt, das wird
den ganzen Tag in den Mund gesteckt, -- sogar die Königin kaut, und als
kürzlich die längere Zeit in Europa gewesene Frau des Gesandten Prinzen
Prisdang zurückkehrte, wurde sie förmlich gezwungen, diese siamesische
Unsitte wieder aufzunehmen. (Uebrigens wurde auch Seine Hoheit auf sechs
Monate in ein feuchtes, ungesundes Gefängniss gesteckt, weil er in
Europa zu viel Geld ausgegeben hätte! Jetzt ist der frühere Botschafter
Postmeister von Bangkok!) Ekelhaft ist der dunkelbraune Mund jedes
Siamesen, aus dessen Winkeln die scheussliche Sauce herabsickert, und
überall auf den Strassen erinnern grosse röthliche Patzen und Flecke
an diese übrigens auch bei allen Malayen übliche Gewohnheit. Der uns
zugetheilte Phya Smud kaut merkwürdigerweise nicht, dafür raucht er von
früh bis nachts starke Cigarren und trinkt fortwährend Thee, den ihm
sein Leibsclave stets in einer grossen Kanne nachträgt. -- Auch der
König hatte beim Empfang einen reinen Mund. -- Nachmittags fahren wir zum
Wat-Sakhet, einem der höchsten Tempel Bangkoks; nicht ausgebaut, macht der
in der Form eines babylonischen Thurmes geplante Wat, der schon theilweise
zerfällt, einen wüsten Eindruck. -- Herrlich ist dafür der Blick auf die
Stadt, -- soweit das Auge reicht Häuser und Tempel, theilweise in dunkles
Grün verhüllt, überall die in der Sonne blitzenden Canäle, und mitten
hindurch, wie eine silberne Schlange, der Menam. -- Rings um den Wat liegen
die ausgedehnten Wohnungen der Priester, die in ihren gelben Mänteln recht
würdevoll herumhocken. Anstossend ist der Begräbnissplatz, wo nach den
verschiedenen Classen unserer Pompe funèbre die Leichen mit mehr oder
weniger Luxus verbrannt werden. -- Das Verbrennen eines Grossen kostet
viele Tausende von Tikals, die Cremation des letzten zweiten Königs (diese
Institution ist seitdem eingegangen) erforderte vor zwei Jahren sechs
Monate Vorbereitung und mehrere Millionen Tikals -- ein Prachtbau aus edlen
Hölzern, vergoldet und versilbert, mit den schönsten Schnitzereien und
Bronzearbeiten wurde in Gegenwart der ganzen Bevölkerung und des Hofes,
sowie des zufällig anwesenden Gesandten Grafen Zaluski angezündet. --
Alle Monate schickt der König Holz, um die Armen zu verbrennen; doch
reicht das nicht hin, und in einem reservirten Raume sehen wir die Leiche
eines Bettlers von Dutzenden riesiger Geier zerreissen, -- einige Bonzen
bilden die Wache, und auf allen Bäumen, sowie auf den Mauern sitzen und
warten die scheusslichen Vögel auf frische Nahrung, -- der Anblick, wie
zwei solcher Bestien ein Knie des armen Teufels auseinanderrissen und
heissgierig verschlangen, wird wohl nicht so bald von uns vergessen werden!
[Illustration: STEMPEL]
[Illustration: Königliche Boote am Menam.]
[Illustration]
Abends Diner um 8 Uhr bei Consul M., -- wir erscheinen »in dress« und
finden die Gesellschaft (den Herrn Consulatsgerenten mit seinem Commis, den
Apotheker und Frau u. s. w.) in ihren weissen leinenen Jacken! Es war zu
komisch! Dann ein Whist bei mörderischer Hitze! --
[Illustration: ZIEGELTHURM DES WHAT SEKHET]
Montag 7. Jänner.
Posttag, -- wir sitzen und schmieren, dass das Wasser herunterläuft,
Berichte ans Wiener Ministerium des Aeussern, Noten an das hiesige
auswärtige Amt, Privatbriefe. -- Mein Zimmer ist die Kanzlei, und das in
Bombay leider in ungenügender Masse gekaufte blaue Papier geht aus, -- in
ganz Bangkok ist kein ähnliches aufzutreiben! Hol's der Teufel! Um 2 Uhr
dampft unsere geliebte »Hecuba« nach Süden und auf ihr die Philadelphier
Nead und ein rothhaariger amerikanischer Zeitungsscribbler, Frank G.
Carpenter. -- Nachmittags Besichtigung des am Menam gelegenen Wat-Tschong,
wohl einer der schönsten Tempel Siams; die Höfe, die Thore, die
monumentalen Gänge, besonders der in der Mitte befindliche Hauptthurm
(Pratschedi), sowie die letzteren umgebenden Dutzende von kleinen Thürmen,
Alles ist in den buntesten Farben und Mustern mit glasirten Ziegeln,
Majolicatellern und gebrochenen chinesischen Tassen belegt. Das blitzt
und glänzt in der Abendsonne wie ein Märchen. -- Auf halber Höhe des
Pratschedi bewundern wir die dunkelrothe Sonnenscheibe, die plötzlich, wie
immer in den Tropen, verschwindet und die Stadt ohne Zwielicht im Dunkeln
lässt. -- Unten, in einem Tempelvorhof, spielen eine Menge junger Buben
Ball, aber mit den Füssen! Unglaublich geschickt wird der Ball mit dem
nackten Fusse aufgefangen und an den nächsten Spieler weitergeworfen.
Siamesische Gigerln von hohem Range gehen nie allein aus, immer folgt
ihnen ein Heer von Begleitern, Dienern, Sclaven. -- Heute abends spielt ein
junger Secretär Dewangs im »Oriental« Billard, und die Treppen,
Hallen und Veranden des Hôtels sind auch von einem Schwarm seiner Leute
überfüllt, die an allen Orten liegend oder sitzend ihren Herrn erwarten.
-- Der junge Herr ist übrigens ein Flegel, -- beim Empfang bot er mir
seine gehorsamsten Dienste an, jetzt grüsst er nicht einmal, warum?!
[Illustration: HINDU-FRAU]
Ins Hôtel zurückgekehrt, rauche ich gemächlich auf der Veranda eine
Cigarre, als mir der Wirth die Mittheilung macht, die »Schwalbe« vom
Norddeutschen Lloyd sei angekommen. -- »Freut mich!« -- »Ja, aber
ein Oesterreicher ist darauf gewesen!« -- »Freut mich!« -- »Der
österreichische Baron kennt Sie aber, er ist jetzt oben bei der
Excellenz!« Da weicht mein Phlegma, ich laufe hinauf und finde bei
Biegeleben meinen alten Bekannten Baron Richard Poche, den ich zuletzt
bei einem Diner bei Hofrath v. Winterstein in Wien vor seiner Weltreise
gesprochen! Ein zufälliges Zusammentreffen in Bangkok kommt kaum alle Tage
vor! Poche war über Amerika, Yellow Stone, Yosemite u. s. w. nach Japan,
dann über Shangai nach Peking und zur grossen Mauer gereist, hatte hierauf
von Canton aus die Philippinen, Singapore und einen Theil Javas besucht;
nach Singapore wieder zurückgekehrt, war sein Erstaunen gross, im dortigen
Singaporeclub meine Visitkarte an der Tafel zu finden, -- und so schnell
als möglich folgte er uns in der »Schwalbe« und bedauerte nur lebhaft,
den König nicht mehr erreicht zu haben. So haben wir denn einen neuen,
wenn auch leider etwas tauben Gefährten. -- Er ist ein seelensguter Kerl
und ganz unempfindlich für die grossen Hitzen.
Dienstag 8. Jänner.
[Illustration]
Zu seinem grossen Aerger wird Sapieha von mir zum Besuchmachen gepresst;
auf der Barkasse suchen wir die fremden Vertreter heim, die ausnahmslos am
Flussufer schöne, grosse Compounds, auch Campongs genannt, besitzen. Es
sind dies Reservate, die ihnen vom Könige angewiesen sind, da Europäer
sonst in der Stadt keine Häuser bauen dürfen. Das bei Weitem beste
Bungalow mit grossem Amtsgebäude hat der englische Chargé d'affaires
E. B. Gould (der neue Resident Jones ist aus Philippopel noch nicht
eingetroffen) und dessen Viceconsul E. H. French. -- Der Franzose Graf
Kergaradec, von seinen Forschungsreisen den Mekong hinauf berühmt, ist
mit seiner hübschen Frau leider auf Urlaub und wird nur schwach durch die
Herren E. Lorgeon, F. Chalant und Charles Hardouin vertreten. -- Auch der
amerikanische Generalconsul Jakob J. Child ist verreist, und sein Neffe,
C. J. Child, der hier die Advocatie ausübt, leitet das Amt. Dafür ist
der Portugiese, Fregattencapitän Frederico Antonio Pereira, ein charmanter
Mensch, der uns als einzige Merkwürdigkeit in seinem netten und kühlen
Hause -- Glasfenster zeigt! Wohl ein Unicum in Siam! Auch die Deutschen
haben noch einen effectiven Repräsentanten, den liebenswürdigen
Ministerresidenten Kempermann, nebst dem Referendar Friedrich Flügge und
dem Diätär Premierleutnant E. Meissen, einem Bruder meines alten
Arztes in Falkenstein a. Taunus. Alle anderen Mächte haben hier nur
Honorarconsuln, so Italien, dessen Ministerresident in Shanghai wohnt,
den Kaufmann H. Sigg (bei dem ich accreditirt bin), Holland einen Herrn
J. C. T. Reelfs, Schweden den Holzhändler Chr. Brockmann, und wir
selbst Herrn M.
Nachmittags fährt Phya Smud den Gesandten und mich zum Wat Po, einem
weitläufigen, mit vielen Höfen versehenen Tempel gegenüber dem Wat
Tschong. Die prächtigen Thürflügel des Hauptgebäudes, aus Ebenholz,
mit der ganzen Buddhalegende aus Perlmutter eingelegt, übertreffen an
Schönheit der Zeichnung und Präcision der Ausführung alle ähnlichen
europäischen Arbeiten; es sind wahre Meisterwerke. -- Auch der berühmte
liegende Buddha, der 160 Fuss lang, schwer vergoldet ist und Unsummen
gekostet haben soll, hat die riesigen Fusssohlen mit ähnlicher Arbeit
verziert, die auch prächtig, wenn auch nicht so vollendet sind wie die
Thüren. -- In einem grossen, mit Felsblöcken umgebenen Teiche, mitten im
Tempelgarten, ist ein etwa 15 Fuss langes Krokodil -- ein Wächter holt
ein Stück Schweinefleisch als Köder und einen festen Strick, und bald
hat der Gesandte das Unthier gefangen und zieht mit unserer Hilfe das Biest
halb aus dem Wasser, wobei er fast selbst in den weitgeöffneten Rachen
fällt. Ein Krokodil an der Angel zu haben ist jedenfalls originell,
ebenso die zolllangen rothen Ameisen, die einen combinirten Angriff auf uns
ausführen und uns sofort in die schmählichste Flucht jagen. Die Thiere
beissen auch wie verrückt. -- Während dieser lieblichen Episode hat
Sapieha mit Poche den katholischen Bischof besucht und kehrt jeder um
30 Tikals ärmer zu uns zurück. Besonders Poche kann diese milde Spende
nicht verschmerzen!
[Illustration: MUSME]
Abends fährt Biegeleben zu Prinz Dewang, der seine Empfangsstunde von
9-10 Uhr hat (!); wir drei überfallen ein japanisches Theehaus, wo
einige nette herzige Musmehs guten Thee serviren und originelle Lieder mit
Guitarrebegleitung singen -- leider verstehen wir kein Wort der lebhaft
geführten Conversation; die Mädchen sind propre, geschmackvoll gekleidet,
lachen über Alles, auch über uns, und halten uns offenbar zum Besten. --
Worin die Frozzelei eigentlich besteht, ist aber für uns unergründlich!
Mittwoch 9. Jänner.
[Illustration: WEISSER ELEFANT]
In aller Frühe fahren wir zu Wagen den bereits wohlbekannten Weg ins
Palais, ein mit grossen Mauern und Gräben umgebenes Stadtviertel, in
welchem nebst dem königlichen Palaste, den Ministerien und Kasernen noch
viele Hunderte von Häusern und Läden stehen. -- Die Theehäuser bleiben
links, ebenso verschiedene Spielhäuser, wo Tag und Nacht hazardirt wird,
-- rechts passiren wir einige schöne, in umfangreichen Gärten gelegene
Bauten, darunter die für uns sagenhafte »Ambassadors Hall«, wo alle
unsere Vorgänger, zuletzt Erzherzog Leopold mit den Officieren der
»Fasana«, beherbergt wurden. Ausserhalb des Schlosshofes ist das
siamesische Nationalmuseum, das viel Interessantes enthält, alte Waffen,
schöne Bronzearbeiten, Modelle von landesüblichen Häusern und Booten,
Modelle der grossen Galagondeln, auf denen der König die Wats besucht,
schwarzes Porzellan, mit rothen und gelben sitzenden Buddhas geziert,
zahlreiche Bäume aus dünnem Gold oder Silber, Tributspenden der
Laosvölker, die 6-8 Fuss hoch sind, dann Mineralien und einige schlecht
ausgestopfte Thiere. -- Hierauf werden die weltberühmten weissen
Elephanten vorgeführt, die aber schmutzig drap, also bräunlich,
nicht weiss sind, -- der grösste ist 12 Fuss hoch und ein schon recht
ehrwürdiger Geselle, da er nach Aussage seines Mahout über 120 Jahre
alt sein soll. -- Nett zusammengeknüpfte Grasbündel werden als Futter
vorgeworfen und anstandsvoll geöffnet und verzehrt. Von der angeblichen
göttlichen Verehrung der weissen Elephanten war nichts zu bemerken.
Anstossend an das Museum ist der königliche Hoftempel, wohl der reichste
Tempelbezirk der Welt. -- Im Wat-Pra-Kao ist eben buchstäblich Alles
vergoldet -- wo man hinsieht erheben sich Pratschedis und Dagoben und
Wandelbahnen, die in der Sonne glitzern und blenden, -- der Haupttempel ist
von oben bis unten vergoldet, der Fussboden aus goldähnlichem Cuivre
poli, auf dem sehr überladenen Hauptaltar, wo zahlreiche Petroleumlampen
inmitten dieser Pracht unliebsam auffallen, der smaragdene Buddha, wohl aus
Smaragdwurzel oder Jade. -- In vielen Pavillons sind Meisterwerke der
aus Wat-Po bekannten Ebenholz-Perlmuttertechnik, überall stehen
Bronzeelephanten, Marmorstatuen, -- an alle Pratschedis sind Hunderte von
kleinen Glocken gehängt, die im Winde unausgesetzt spielen. -- Ein grosses
Steinmodell des Angkor Wat (an der Grenze von Cambodia) erfüllt uns mit
Bewunderung. -- Ein Jammer, dass die dreiwöchentliche Elephantenreise
dahin für diesmal wenigstens unmöglich ist. Graf und Gräfin Bardi waren
voriges Jahr dort; auch Baron Brenner hat die Strapazen nicht gescheut.
Wir besichtigen die etwas leere Bibliothek, dann die Prunkgemächer des
Palastes. Trotz der präsentirenden Wache (etwa 50 Mann) sieht der grosse
Schlosshof recht einsam aus im Vergleiche zur Pracht und zum Prunke des
Empfangstages. -- Der riesige Thronsaal mit prächtigen Lustern, reichem
vergoldeten Thronsessel und vielen Goldbäumen, der Salon mit den
Bronzebüsten aller europäischen Souveräne und den Oelbildern
siamesischer Könige, das hübsche Boudoir mit Emaux, Porzellan und
Boulearbeiten, sowie der imposante Berathungssaal mit dem Prachtporträt
des Oberbonzen von Siam sind im reichen Renaissancestile, der siamesische
Thronsaal aber in Roth und Gold halb siamesisch, halb chinesisch.
[Illustration]
Weiter stromaufwärts liegen die weitläufigen Paläste des letzten zweiten
Königs, die ganz zerfallen und nur mehr als Stallungen für die schwarzen
Kriegselephanten dienen; einer von diesen erreicht die respectable Höhe
von 13 Fuss. -- An den seligen zweiten König erinnert auch noch die
Flotte, welche, aus einer Anzahl schön weisser Kanonenboote bestehend,
im Menam verankert liegt. Seine Majestät Nr. II war oberster Marinechef,
dessen sehnlichster Wunsch es war, mit der siamesischen Escadre eine Fahrt
nach Singapore zu unternehmen. -- Doch ist dieser Wunsch leider nie in
Erfüllung gegangen; so oft er auch auslief, um die Straits-Settlements
zu erreichen, immer kehrte er unverrichteter Dinge heim, eine Havarie,
Kesselbruch u. s. w. verhinderten stets, an das heissersehnte Ziel zu
gelangen! Dies erinnert übrigens an den ägyptischen Admiral, den Mehemed
Ali mit Depeschen nach Malta schickte, und der, nachdem er eine Woche im
Mittelmeer gekreuzt, mit der Meldung erschien: »Malta Mafisch!« -- Er
hatte trotz emsigen Suchens die Insel nicht finden können. -- Scheusslich
ist hier das Wasser; Quellen gibt es keine, die Bevölkerung ist auf das
schmutzige Menamwasser, das übrigens alle Siamesen trinken, oder auf
Regenwasser angewiesen, -- nun hat es drei volle Monate nicht geregnet,
und einige Schiffe führen in Fässern Wasser aus Hongkong ein! Wir rühren
natürlich nur Sodawasser an, das auch nicht brillant schmeckt. -- Abends
im Club neben dem Hôtel, das ganz verödet scheint. Wir sind die einzigen
Gäste.
[Illustration: What-Pra-Káow (Bangkok).]
Donnerstag 10. Jänner.
[Illustration: BRONZEN AUS BENARES]
Zeitlich geht's wieder in die innere Stadt, wo die ganze Populace
aufgeboten scheint; von allen Seiten strömen Processionen mit Hüten
aus rothem Glanzpapier und hölzernen Schwertern zu einer Art Festplatz
zusammen, wo die sogenannte Theep-Ching-Chah-Ceremonie (Swing Ceremony)
stattfindet. An einem gegen 50 Fuss hohen Gerüste schaukeln an langen
Stricken Männer und Knaben und suchen hiebei mit dem Munde angebundene
Früchte zu erreichen. Es ist dies eine Art Erntefest, hindu-brahmanischen
Ursprunges, wobei die Leute früher an eisernen Haken, die sie sich ins
Fleisch stiessen, schaukelten. Viele Würdenträger in Galacostümen sehen
dem Schauspiele zu, darunter eine Anzahl mit der altsiamesischen dreifachen
Krone geschmückt. -- Der eigentliche Zweck des Festes bleibt uns dunkel,
trotzdem Phya Smud ihn zu erklären sucht. Herr M. hat trotz seines
langjährigen hiesigen Aufenthaltes natürlich davon keine Ahnung. --
Dieser Ehrenmann kennt seine kaufmännischen Pflichten, aber weiter nichts.
Von Pfeffer, Reis, Lack, von Teakholz, von den Saphir- und Rubinminen
kann er interessant erzählen, vom Lande und seinen Einrichtungen und
Gebräuchen weiss er nichts. Nachmittags Besuch des etwas vernachlässigten
königlichen Gartens: er ist ganz europäisch gehalten, mit Alleen und
Sommerhäuschen, auch einem grossen maurischen Eisenpavillon. Uns zieht
besonders die kleine Sammlung Thiere an, darunter einige weisse Affen
(Albinos wie die sogenannten weissen Elephanten) und ein prächtiger
schwarzer Panther, der dem zu nahe getretenen Biegeleben fast den Arm
oder mindestens den Aermel zerreisst. -- Während der Chef mit Poche
ins Auswärtige Amt geht, fahren Sapieha und ich in die deutsche
Ministerresidentschaft, wo uns Herr Kempermann höchst merkwürdige Facten
über hiesige Liebenswürdigkeit Fremden gegenüber mittheilt. Der voriges
Jahr hier anwesende japanische Prinz und Frau wohnten in einem Flügel
des königlichen Palastes, wurden aber trotz eines Schwarmes siamesischer
Diener so schlecht bedient, dass die kaiserliche Hoheit sich das
Waschwasser höchsteigenhändig am Brunnen holen musste. Auch bei
seiner Ankunft sei die »Ambassador's Hall« unter allerlei Vorwänden
verschlossen gewesen, und nur mit Mühe habe er den Campong für sein
Bungalow zugetheilt erhalten. Als seine Frau mit einer Freundin von einer
Spazierfahrt zurückkehrte, auf welcher sie durch ihren Diener einige
Lotosblumen pflücken liess, wurde sie plötzlich von einem Haufen
siamesischer Polizisten aus ihrem Wagen und in einen grossen Garten
hineingezerrt, wo ein am Boden hockender nackter Siamese sie mit
Schimpfworten überhäufte und sie erst nach längerer Zeit nach Hause
fahren liess. -- Grund hiefür war das Blumenpflücken, welches der
Betreffende, Justizminister und Bruder Prinz Dewangs, einige Tage vorher
verboten hatte. Die Protestschreiben Kempermann's ans Auswärtige Amt,
worin energisch Genugthuung gefordert wurde, blieben unbeantwortet, und
erst als der Gesandte Phya Damrong in Berlin täglich telegraphirte, Fürst
Bismarck drohe Bangkok in Flammen zu schiessen, man solle um jeden Preis
die Sache ausgleichen, erst dann (nach sechs Monaten) entschuldigte sich
der König selbst (bei Gelegenheit der Notificirung der Thronbesteigung
Wilhelm II.). -- Die zwei Prinzen aber haben es bis heute nicht gethan!
Auch hat Kempermann jeden persönlichen Verkehr mit dem Minister des
Aeussern eingestellt. Wäre ihm nicht um seine Carrière leid, er hätte
längst seine Flagge einziehen und Siam verlassen müssen.
[Illustration: LOTOS]
Vollmond, Fahrt auf dem Flusse, kühle, angenehme Luft, von allen Seiten
ertönt aus den beleuchteten schaukelnden Häusern Musik, Singen und Lachen
-- es ist prachtvoll!
Durch mein mehr als energisches Auftreten hat Phya Smud den Ausflug
nach Ayuthia, der früheren Hauptstadt des Reiches, nach vielem Zögern
arrangirt; früh 6 Uhr wurden wir flott -- ein sogenanntes »Houseboat«
enthält alles Gepäck, die Vorräthe (für eine Woche genügend), den
Weinkeller, Eis, dazu den chinesischen Koch und drei andere Celestials,
sowie acht Matrosen, -- die Barkasse führt uns vier, Phya Smud, den Heizer
und Steuermann, -- die kleinen Siamesen sehen in ihren weissen Uniformen
recht possirlich aus. -- Langsam dampfen wir stromauf, nach etwa einer
Stunde verschwinden die letzten Häuser, darunter das grosse französische
Missionsgebäude. -- Niedriger Wald, hauptsächlich Jungle, vereinzelt eine
Hütte, hie und da ein Rasthaus (Sala), ein offenes, auf vier Holzpfeilern
ruhendes Häuschen mit Matten, die als Schlafstellen für Reisende dienen.
Ein junges Krokodil taucht dicht neben uns auf, begleitet uns ein Stück,
zieht sich aber bei dem beginnenden Schnellfeuer rasch zurück. Mehrere
grosse mit Reis beladene Boote kommen entgegen; sie führen die Ernte aus
Laos in die Bangkoker Schälfabriken. -- Zahlreiche Adler umkreisen uns,
am Ufer hocken schöne weisse Edelreiher, prächtige blaue Eisvögel,
Strandläufer, zahlreiche Pfaue, merkwürdige Goldfasane in allen Farben
des Regenbogens. Der Chef und ich schiessen von allen mehrere Exemplare,
besonders pfeffern wir in einen ganzen Schwarm Wildenten (Teals), von
denen 13 fallen, auf meinen ersten Schuss allein vier Stück. Gegen Mittag
gerathen wir auf eine Sandbank und kommen nur nach angestrengter Arbeit
wieder los. Dabei ist die Hitze hier unter dem einfachen Leinenzelte der
Mouche, im vollen Sonnenbrande und in unmittelbarer Nähe der kleinen
Dampfmaschine, ganz unerträglich. Sogar Neptun ist schlapp geworden und
weigert sich ans Ufer zu gehen, um das geschossene Wild zu holen (seine
Begleiterin, die gute Hündin Bompa, ist seit Singapore krank und hat
ganz aufgehört zu fressen -- sie ist unter Harrisons Pflege im Hôtel
zurückgeblieben). -- Nach neunstündiger Fahrt biegen wir rechts in
einen schmalen Canal ein und halten in _Bang-Pa-In_, dem Sommerpalais
des Königs. -- Ein grosser Park mit zahlreichen ganz europäischen
Baulichkeiten, sowie ein reizender hölzerner Pavillon im reinsten
siamesischen Stile. -- Zwei australische Strausse (Casuare) wandern im
Garten umher. Ein Renaissancetempel mit dorischen Säulen wird für uns in
Ordnung gebracht, in einem geräumigen Saale stehen vier Betten mit Netzen,
in einem zweiten servirt der chinesische Koch ein exquisites Mahl, darunter
die Wildenten! Wir sind mit dem Kaffee und Crême de Cacao beschäftigt, da
tönt eine Glocke aus nächster Nähe -- der »Angelus« im Innern Siams!
Wir laufen hinaus und entdecken auf einer benachbarten Insel eine perfecte
gothische Kirche, d. h. ein Wat im gothischen Stile. -- Thurm, drei
Schiffe, Kreuzfenster mit dem eingebrannten Bilde des Königs und der
lateinischen Inschrift »Chulalonkorn, Rex Siamensis«, Hochaltar, auf
dem ein goldener Buddha sitzt, -- Seitenaltäre mit kleineren Buddhas, --
Sacristei -- und im Thurme die schöne Glocke, die, nach Sonnenuntergang
geläutet, uns im Geiste nach Europa versetzt hatte.
Als ich gegen 3 Uhr Früh vor den Mosquitos ins Freie flüchtete, da
leuchtete vor mir das südliche Kreuz in nie geahnter Herrlichkeit. --
Alles liegt noch in tiefem Schlafe.
[Illustration: Pavillon in Bank-Pa-In. Sommerpalais des Königs.]
[Illustration: AYUTHIA]
Nach Besichtigung der Privatgemächer Seiner Majestät, die in ziemlich
zweifelhaftem Geschmacke mit Pariser und deutschen Möbeln gefüllt sind,
dampfen wir weiter nordwärts, den nun bedeutend engeren Menam hinan. -- Am
linken Ufer werden einige alte Tempel besichtigt, darunter einer mit einem
riesigen Buddha, vor welchem unser Koch rasch einige Feuerwerke abbrennt
und das Orakel um das Befinden seiner Familie befragt. -- Um Mittag Ankunft
in _Ayuthia_ -- ein verfallenes Bangkok, die Häuser verschwinden
fast unter Bäumen, die Canäle sind ganz überdacht von der üppigen
Vegetation, -- an der Landungsbrücke wartet der Gouverneur, ein Schwager
Phya Smuds, Phya Chaivechit, ein kleiner, gutmüthiger, runder Kerl, der
in seiner Amtswohnung ein opulentes Tiffin servirt, -- das Menü ist rein
siamesisch, und sind einige der Speisen, besonders die Süssigkeiten, ganz
vortrefflich. -- Auf einer Anzahl kleiner stämmiger Ponnies (das des
Chefs ist ganz mit silbernen Zieraten behängt) galoppiren wir mit grosser
Escorte zur alten Stadt, wobei verschiedene komische Zwischenfälle laute
Heiterkeit erregen, darunter besonders die Reiterkünste Poche's, welcher
wiederholt zu Boden fällt. Zuerst wird sein Gaul durch einen grossen
Elephanten rebellisch, -- dann will derselbe eine Stute bespringen, und
unseres Freundes Bemühungen sind ganz vergeblich! -- Stundenlang dehnen
sich die von den üppigsten Pflanzen überwachsenen Ruinen aus -- überall
tauchen riesige Buddhastatuen aus Bronze oder Stein aus dem Jungle auf.
-- Als vor hundert Jahren die Birmanen die damalige Hauptstadt Siams
eroberten, muss die Zerstörung eine recht gründliche gewesen sein. --
Nach Ayuthia zurückgekehrt, besehen wir noch die modernen Königszimmer,
lassen uns in der steinernen »Sala« aus silbernem Geschirre Betel und
vortrefflichen Thee serviren und dampfen gegen Abend nach Bank-Pa-In.
Rührender Abschied von unseren zwei Straussen, vom schönen Gartenpavillon
und der gothischen Kirche, -- dann eine heisse, sehr heisse Fahrt nach
Bangkok, -- einige geschossene Adler, am Boote aufgehängt, sind bereits
nach einer halben Stunde voller Ameisen. Der Sect und das Eis gehen aus,
die Zungen hängen aus dem Munde, es ist höchste Zeit, bei Sonnenuntergang
wieder im »Oriental« einzutreffen, wo die Militärcapelle Wiener Walzer
im Clubcampong aufspielt.
[Illustration: AYUTHIA WHAT TONG]
Montag 14. Jänner.
[Illustration: STROHHUT]
Die »Schwalbe« vom Norddeutschen Lloyd, das einzige gute Schiff, das uns
hier mit der Aussenwelt verbindet, ist gestern ausgelaufen, -- wir müssen
daher Mittwoch mit einem Schwesterboot der »Hecuba« absegeln: das dürfte
hübsch werden! Doch hat längeres Verweilen wenig Zweck: der König und
der Hof sind fort, Prinz Dewang könnte, so viel wir davon merken, auch
verreist sein, Festlichkeiten werden keine gegeben, Sehenswürdigkeiten
haben wir so ziemlich alle genossen; Phya Smud erzählt von Reisfeldern bei
Paknam, wo allnächtlich Dutzende von wilden Elephanten zur Tränke kommen
sollen, wir glauben ihm nicht -- auch wäre mangels an Shikarries eine Jagd
sehr schwer durchzuführen, da hier Niemand jagt, nicht einmal der König.
-- Verschiedene Schreiben ans Auswärtige Amt, Spaziergänge durch die
Bazars und Besuche füllen den Tag, -- ein langer schmaler Weg, vom Palais
(dem Kraton) auslaufend, zu beiden Seiten mit chinesischen Läden, die
europäische Exportwaare scheusslicher Qualität zum Verkaufe anbieten,
-- zuweilen ein siamesisches Theehaus, wo ohrenzerreissende Musik die
Passanten verscheucht. Dazu ein Gewühl von halb- und ganz nackten Leuten,
an den Ecken viele Aussätzige mit ganz zerfressenen Gesichtern. --
Angenehmer sind die schwimmenden Verkaufsläden; in einem solchen versehen
wir uns mit Photographien, mit Palmenhüten, mit vergoldeten Buddhas,
während wir im eigentlichen Palaisviertel theils bei einem englischen
Uhrmacher, theils bei einer chinesischen Pfandleihanstalt einige
Silberschmucksachen und kleine Modelle von Häusern und Booten erschachern.
Mittags werden Sapieha und ich durch einen alten birmanischen Bonzen
kunstgerecht tätowirt, -- beide erhalten wir am rechten Arm den
Ratschaschi, das räthselhafte Thier der siamesischen Urwälder, dessen
Schrei noch kein Mensch überlebt hat, schön blau eingeritzt. -- Als ich
später von einem Besuche bei Kempermann nach Hause kehren will, verfehle
ich den Weg beim »Celestial Club« (Opiumhöhle) und gerathe in ein
Labyrinth von Stegen und Wegen, -- eine Schar von Edelleuten in Hoftracht
erwidern meine Anfrage mit Hohngelächter! Die guten Manieren sind doch
überall gleich angenehm! Der deutsche Resident erzählte wieder viel
Anziehendes: wenn junge Europäer sich hier niederlassen, kaufen sie für
die Zeit ihres Aufenthaltes ein 14-17jähriges Siamesenmädel und zahlen
den Eltern 200-300 Dollars. (In Britisch-Indien kostet ein Hindumädchen,
14 Jahre, hübsch und mit ärztlichem Atteste, 15 Rupien! Die Erhaltung
monatlich 25 Rupien!) -- Während des Zusammenlebens dürfen die Kleinen
kein Betel kauen, -- wenn sie momentan unwohl sind, stellen sie umsonst
eine Stellvertreterin, die sie aus den schönsten und jüngsten
ihrer Freundinnen aussuchen, -- kaum ist die eigentliche Donna wieder
hergestellt, so muss die Repräsentantin unbarmherzig verschwinden! --
Abends fahren wir wieder auf dem Flusse, -- das Treiben der Tausende von
Gondeln in der milden Luft und dem vollen Mondschein ist herrlich. --
Komisch sind die kleinen nackten Kinder, die vom Kopf bis Fuss mit Safran
eingerieben werden, -- es scheint gegen Fliegen und sonstiges Ungeziefer
gesund, die kleinen hochgelben Kerle sehen aber gar zu spassig aus. --
Spät geht's noch zu unseren japanischen Freundinnen, wir werden aber durch
einen dort eingedrungenen betrunkenen Deutschen bald verscheucht.
[Illustration: ALTE BRONZEFIGUR (GUALIOR)]
Dienstag 15. Jänner.
Eine englische Meile stromabwärts liegt, am Ufer des Menam natürlich,
das ausgedehnte weitläufige Haus Phya Smud's mit schönen Gärten und
Blumenbeeten; -- in einer langen Halle empfängt uns der Hausherr mit Thee
und Kuchen und, was noch angenehmer, er hat eine Anzahl Silbergefässe
uns zum Kaufe aufstellen lassen, Theekessel, Betelschalen, Kannen, aus
oxydirtem Silber mit eingeschlagenen Goldornamenten. Nach wenigen Minuten
ist der Vorrath ausverkauft. Interessant sind Phya Smud's Teakholzlagen,
menamaufwärts der Mission gegenüber, wo tausende und aber tausende
Pflöcke der Verfrachtung harren. Teak soll das resistenzfähigste Holz
sein und im Schiffbau unübertroffen. Erzherzog Leopold nahm auf
der »Fasana« viele Bretter zum Bootsbau mit. -- Abends um 8½ Uhr
siamesisches Theater! (»Lakon«). Nur wenn der Mond voll ist, können
Aufführungen stattfinden, und wir kommen gerade vor Thorschluss dazu,
-- ein geräumiges hölzernes Gebäude mit Bänken und Logen und einer
ziemlich grossen Bühne mit der englischen Aufschrift »Prince's Theatre«,
-- alle Plätze mit Weibern und Kindern besetzt, erstere insgesammt bis zur
Taille unbekleidet, um die Beine den Sarong, letztere alle splitternackt.
In zwei »Avant-Scènes« scheinen sich reich bekleidete Chinesen gütlich
zu thun, in unserer »Hofloge« kommen wir in Fracks mit den steifen
Stehkrägen vor Hitze fast um, -- so was habe ich noch nie gefühlt! Die
Aufführung ist ein historisches Drama, in welchem eine Menge Hanuhmans,
Jacks, Ratschaschis und andere Teufel auftreten. Costüme prachtvoll,
Musik merkwürdiger Höllenlärm im Zweivierteltact, -- das Verdrehen aller
Finger und aller Zehen ist die auf die Spitze getriebene Schauspielkunst!
-- Als uns die Barkasse um Mitternacht heimbringt, fühlt sich die freie
Luft eisig an, so schauderhaft war die Temperatur im Lakon.
[Illustration: BULLOCK CART]
Mittwoch 16. Jänner.
Ich muss mich gestern erkältet haben, -- mein Gesicht ist ganz
angeschwollen, Zahnschmerzen und Fieber, dazu wahnsinniger Husten. -- Doch
es heisst Einpacken, Koffer verlöthen (gegen Termiten), aus einem
grossen Sack silberner Tikals Trinkgelder an alle Bedienstete vertheilen,
p. p. c.-Karten an die Bekannten schicken und noch in aller Eile in die
innere Stadt fahren, um einige verschobene Einkäufe zu besorgen; --
als wir schon das Hôtel verlassen wollen, erscheint ein altes Weib mit
weiteren Silber- und Goldgefässen, -- auf dem Boden sitzend handeln wir
ihr den ganzen Kram ab; erst jetzt fangen die Leute an, Sachen zum Verkaufe
zu bringen; Läden gibt es für Curios nicht, und man braucht Zeit, Geduld
und Geschick, um wie Baron Joachim Brenner siamesische Kunstproducte
sammeln zu können.
[Illustration]
Um 4 Uhr sind wir Alle an Bord der »Hekate« und fahren, die
österreichisch-ungarische Flagge am Hauptmaste, mit vollem Dampfe, nun zum
letzten Male, den Menam hinab, -- noch grüssen die schwimmenden Häuser,
der Spectakel, der Lärm der Grossstadt, dann die öde Stille des Jungles,
und um 8 Uhr werfen wir südlich von Paknám, aber innerhalb der Barre,
Anker, da morgen hier Reis eingenommen werden soll. -- Nun entdecken wir
den ganzen Jammer unserer Lage; die »Hekate« ist noch viel schmutziger,
viel vernachlässigter als ihre Schwester »Hecuba«. Die einzige Cabine
auf Deck erhält der Chef, während man uns dreien ein paar Löcher
schauderhaftester Art anweist, Kakerlaken, Ratten, Ameisen sind noch das
beste dabei, -- seit Monaten scheinen die Leintücher nicht gewaschen
zu sein! Am Vordertheile befinden sich 300 Zebuochsen, die
erbärmlich stinken, -- doch suchen es ihnen hierin etwa 200 am Stern
zusammengepferchte Chinesen zuvorzuthun! Beim Dîner stellt sich heraus,
dass der gesammte Weinvorrath des Schiffes eine halbe, sage eine halbe
Flasche Rothwein beträgt! Für vier Menschen, während vier Tagen! Well,
à la guerre, comme à la guerre, wir legen tant bien que mal die müden
Glieder in lange Sessel auf Deck und trachten die Milliarden Mosquitos
abzuwehren, die, über den Aufenthalt des Schiffes entzückt, von allen
Seiten herbeifluthen! Felicissima notte!
Donnerstag 17. Jänner.
Während Biegeleben und Sapieha ans Land gehen, um das zur jetzigen
Jahreszeit gänzlich verlassene Städtchen zu durchforschen (im Sommer
gebrauchen viele Bangkoker hier die Seebäder), rudert unser Capitän
zu einem in der Nähe verankerten Engländer, der, soeben aus Hongkong
angekommen, ihm seinen ganzen Weinkeller, nämlich 17 Flaschen
verschiedensten Rebensaftes, überlässt, -- dadurch sind wir gerettet, --
denn das Wasser, welches der Capitän, ein junger Deutscher, selbst trinkt,
ist, wie bekannt, schon drei Monate alt, -- Soda ist keines vorhanden, die
Bedienung ist elend, die chinesischen Boys, ordinäre Arbeiterjungen, die
niemals Europäer bedient haben, sprechen kein Wort englisch und kümmern
sich gar nicht um uns. -- Das Essen bei alledem ungeniessbar! Für
30 Tikals, den Preis der Ueberfahrt, hätte man schon etwas mehr
liefern können. -- Mittags kommen die beiden Touristen ganz ermattet und
erschöpft zurück; sie sind vier Stunden bei dieser Bratsonne im Jungle
umhergelaufen, ohne ein menschliches Wesen anzutreffen. -- Der Reis ist
eingeladen, um 3 Uhr geht's über die Barre und in See, -- Mosquitos auf
Nimmerwiedersehen!
Freitag 18. Jänner.
Es stürmt, es rollt, es stampft, alle paar Minuten geht ein Platzregen
nieder, -- die Zebus stinken, die Chinesen ditto, meine geschwollene Wange
thut höllisch weh, -- vor Singapore ist keine Hilfe möglich. Biegeleben
liegt regungslos in seiner Deckcabine und klagt, -- Sapieha flucht, nur
Poche fügt sich ins Unvermeidliche. -- Nochmals: »Hol' der Teufel die
Tropen!«
Alles im Gleichen, Rollen, Regen, Wind, Gestank, Schmerzen.
Der Wind hat nachgelassen, die Chinasee zeigt sich gnädig, dafür
verdoppeln die Zebus, von denen gestern mehrere ins Wasser stürzten, und
die lieben Celestials ihre Düfte. -- Spiro Mersa hatte recht: mit Chinesen
zu reisen ist eine Tortur. -- Ganz hinten entdecke ich eine Colonie Klings,
britisch-indische Schneider, die vom siamesischen Hofe zurückgeschickt
werden. -- Sie sitzen splitternackt am Hinterdeck und sind sehr seekrank!
Mein Fieber ist in schönster Blüthe!
Gleich einer Schiffsladung Schwerverwundeter wurden wir heute früh von
der »Hekate« ans Land in _Singapore_ gebracht, blass, schlotternd,
abgemagert; besonders ich mit meinem Kürbisgesicht sehe reizend aus. --
Auch schlage ich deshalb die Einladung Brand's, mit Biegeleben in Bidadaré
zu wohnen, aus, überlasse Sapieha das mir bestimmte Zimmer und eile gleich
zu den »Sepoy Lines«, einem grossen, in gepflegtem Garten gelegenen,
musterhaft gehaltenen Militärspital. Dr. Simons sticht kunstgerecht
meinen oberen Gaumen auf, und sofort bin ich von der fünf Tage langen Qual
erlöst. -- Es lebe die Wissenschaft und das gut geführte Federmesser! Mit
Poche habe ich mich im grossen Hôtel de l'Europe einquartirt und erhalte
hier ein geräumiges, nicht gar zu heisses Zimmer, von wo aus ich die
prächtige »Esplanade« und die schöne gothische St. Andrew's Cathedral
übersehe. Im »Singapore Club« treffe ich beim Tiffin mit den Collegen
wieder zusammen, in den hohen Hallen und Sälen streicht Nachmittags die
Seeluft durch, belebend und erfrischend; da vergisst man die 36°, die
trotzdem herrschen.
[Illustration: GUIRNHILL Singapore]
Dienstag 22. Jänner.
In dem Universalladen John Little's wird nun an meine Ausstaffirung
geschritten, -- beim englischen Zuschneider wird ein dünner Flanellanzug
und blaue Jacke (16 und 12 Dollars) gekauft, während beim Celestial
Chong-Fee-Chee-Chong, dem Leibschneider Poche's, einige weisse Leinen- und
einige chinesische Rohseidenanzüge bestellt werden. Europäische Kleider
sind hier nicht zu gebrauchen. Im Club treffe ich den holländischen
Generalconsul George Lavino, Bruder des Telegraphencorrespondenten in Wien,
William Lavino, der Sapieha und mich zu einer Tennispartie für Mittwoch
ladet. -- Fahrt in den botanischen Garten, der, reizend angelegt und
gehalten, wundervolle Collectionen tropischer Pflanzen enthält, riesige
Bambusgruppen, Cabbagepalmen, entzückende Orchideen. -- Abends am
berühmten Garten Whampoas vorbei, wo noch die ~Victoria Regia~ in den
Teichen und Bächen an die frühere Pracht erinnert (der reiche Chinese ist
1887 gestorben, und seine Söhne lassen Alles verkommen), fahren Poche und
ich zu Brand's. -- Ein famoses Dîner und grossartige Heimfahrt bei dem
Sternenhimmel, wie er eben nur 80 Meilen vom Aequator leuchten kann.
Mittwoch 23. Jänner.
Um den schmutzigen Gharries zu entgehen, habe ich mir für die ganze Zeit
einen Lohnwagen gemiethet, und in diesem schweren Landauer rollen
wir nordwestlich auf vorzüglicher Landstrasse, zwischen üppigen
Kaffeeplantagen, an zahlreichen Malayendörfern vorbei nach _Bukit-Timah_,
einem in der Mitte der Insel gelegenen, von einem Park bedeckten Hügel,
auf dem ein Staats-Bungalow zu längerem Aufenthalte einladet. Das ganze
Eiland liegt zu unseren Füssen, südlich hunderte von kleinen Inseln,
nördlich jenseits des Tambrohcanals die Malaccahalbinsel und das
selbstständige Sultanat Johore. -- Um uns Palmenwälder, Jungle und noch
Stücke Urwald. -- Bukit-Timah wird auch als Sanatorium benützt, in den
drei bis vier reinen Zimmern, bei der frischeren Luft und dem herrlichen
Rundblicke muss sich's ganz gut wohnen lassen. -- In die Stadt
zurückgekehrt, müssen Sapieha und ich zu Lavino, der einen
schönen Garten und Bungalow mit prachtvoller Norfolkpinie neben den
Botanical-Gardens besitzt. Die ganz aus Holländern zusammengesetzte
Lawntennis-Gesellschaft muss leider vor einem Platzregen ins Haus
flüchten, wo ein kleiner Orang-Utang aus Borneo die Gäste seines Herrn
belustigt.
[Illustration: Fattehpore Sikri, Marmorfenster.]