Nach einer Stunde kehrte der Meister zurück, es war ihm nicht leicht

geworden, einen Wagen aufzutreiben, und als er ihn hatte, wäre er ihm

noch beinahe auf der Straße von preußischen Soldaten fortgenommen

worden; nur der Hinweis, der Wagen solle Verwundete holen, hatte

geholfen.

Ein mühsames Fahren war es durch die überfüllten, schlecht beleuchteten

Straßen. Am Halleschen Tor staute sich wieder die Menge, und wäre

Herr von Steinberg nicht mit gewesen, dann hätte der Meister nie das

Ziel erreicht. Endlich, die Nacht war schon hereingebrochen, gelang

es den beiden, mit ihrem Wäglein hinauszukommen, und der Meister,

der wegkundig war, fuhr in einem Bogen nach Gohlis hin. Es war eine

schauervolle Fahrt. Noch glühte der Himmel rot, da und dort brannte

es noch in weitem Umkreis in den Dörfern. Überall lagen Verwundete,

Sterbende, Tote, Jammerrufe durchhallten die Nacht, und dann huschten

Lichtlein hin und her, Wagen rasselten dumpf über die Felder, die

Verwundeten wurden geborgen. Es war auch schwer, die Scheune nach

Raouls Angaben zu finden in der Nacht: da war eine und da drei und da

ein Trümmerhaufen, auch Bäume standen da und dort, und Verwundete lagen

unter jedem Dach, und alle flehten um Wasser, baten mitgenommen zu

werden.

Der Meister hatte vorsorglich die letzten zwei Flaschen Wein, die er

besaß, und Brot mitgenommen, und er teilte aus bis auf einen Rest. »Der

muß für meinen Jungen bleiben, aber die da jammern, haben's allweil so

nötig,« meinte er.

Schon graute leise der Morgen, als die beiden endlich die Scheune

entdeckten, die drei Bäume daneben und ein paar Schritte weiter

einen schmutzigen, kleinen Tümpel. »Dort ist's,« riefen beide zu

gleicher Zeit, lenkten den Wagen darauf zu und sprangen ab. Seltsame

Töne klangen ihnen entgegen, als sie die Scheune erreicht hatten, und

unwillkürlich blieben beide stehen. Drinnen sangen zwei, eine helle,

durchdringende Stimme war es und eine, die tiefer klang, und in den

grauenden Tag hinaus tönte es:

»Doch Brüder sind wir allzusamm',

Und das schwellt unsern Mut,

Uns knüpft der Sprache heilig Band,

Uns knüpft ein Gott, ein Vaterland,

Ein treues deutsches Blut!«

»Das ist allweil mein Gottlieb, der singt,« schrie der Meister und

stürzte voran. »Gottlieb, Junge, bist du's?« rief er in die dunkle

Scheune hinein, und jubelnd klang es zurück: »Vater, Vater, hier!« Dann

brach die Stimme jäh, und viel matter tönte es nach: »Wir versingen uns

Schmerzen und Hunger!«

Mit seinem Laternchen leuchtete der Meister voran. Da kauerten zwei im

Winkel, und einer lag stöhnend daneben. »Ist Raoul dabei?« rief Meister

Käsmodel.

»Nein!« antwortete Gottlieb und richtete sich etwas auf, »der hat

mich nur herausgehauen, aber feste! Vater, wär' ich der König,

dreimal kriegte er das eiserne Kreuz. Am Abend hat er mich dann

hierhergeschleppt, aber wo er jetzt ist, das weiß ich nicht,« fügte er

leiser hinzu.

»Die Unseren sind weiter gezogen,« sagte der zweite, der im Winkel

kauerte, und als der Meister ihm ins Gesicht leuchtete, erkannte er in

ihm den einen der Hallenser Studenten. »Ich bin's, Herr Meister, und

mein Bein ist zerschossen, aber Viktoria, wir haben gesiegt!«

»Das stimmt allweil,« brummte der Meister und hob sacht seinen Sohn

auf, »aber jetzt gilt's die Glieder zusammenflicken. Komm, Junge, ich

trag dich, Mutter wartet schon auf dich.«

»Aber meine Kameraden müssen mit,« bat Gottlieb ächzend, dem das

Aufheben bittere Schmerzen bereitete, »zwei Tage und Nächte liegen wir

schon zusammen, wir müssen zusammen bleiben.«

»Allweil, das versteht sich, Junge,« sagte der Meister und biß die

Zähne zusammen, um seinem Sohn nicht zu zeigen, wie sehr der ihn

jammerte.

Herr von Steinberg half, und bald lagen die drei im Wagen, und die

beiden Männer schritten nebenher; das magere Pferdchen hatte schwer

genug an den Verwundeten zu ziehen.

Der Rückweg über das Schlachtfeld und durch das erstürmte Tor war

im Morgengrauen noch fürchterlicher, aber es ging nun schneller

vorwärts, und ernst und schweigsam langte der Zug noch am Vormittag

am Bäckerhause an. Die Mutter unterdrückte tapfer jede Klage, als sie

ihren Sohn wiedersah. Der lachte sie aber trotz aller Schmerzen an:

»Mutter, wir haben gesiegt, und das da heilt schon. Wenn ich nur wüßte,

wo Raoul wäre!«

Vorläufig kam der lange Student in die Kammer und in Raouls Bett, der

dritte wurde noch unten untergebracht; es war auch ein junger Bursch,

doch ihn hatten die feindlichen Kugeln zu schwer getroffen, er war nur

in das Haus gekommen zu einem friedlichen Sterben.

Herr von Steinberg mußte, so voll das Haus schon war, im Bäckerhause

im Quartier bleiben, bis seine leichte Wunde geheilt war. Er war froh

darüber, denn alles war überfüllt, und es war schwer, nur ein Bett

zu finden. Er benutzte die Zeit, um nach seinem Sohn und nach Raoul

zu forschen. Joachim sei gefallen, sagten ihm seine Kameraden; das

Regiment aber, bei dem Raoul stand, war wirklich, wie der Student

gesagt hatte, weitergezogen. Jemand in den Lazaretten während dieser

schlimmen Tage zu suchen, war fast unmöglich, Meister Käsmodel aber

wußte einen guten Führer. Karl Wagner, der um seines Gebrechens willen

nicht hatte mitziehen können, hatte sich als Pfleger gemeldet. Der

kleine Schreiber war auch einer von jenen, deren stilles Heldentum

unbemerkt bleibt; ihm dankte nur mancher erlöste Blick der Verwundeten,

deren Leiden er nach Kräften milderte. Mit Hilfe dieses treuen Freundes

von Raoul gelang es dem Freiherrn wirklich, seinen Sohn zu finden. Er

lag mit vielen andern in der Kirche von St. Nikolai, er hatte eine

schwere Wunde im Rücken erhalten. Mit einer kleinen Abteilung war er

bereits am Morgen des 16. Oktober in einen Hinterhalt gefallen und von

rücklings niedergeschossen worden, die große Schlacht war dann an ihm

vorübergerauscht, er war gar nicht zum Kampf gekommen.

»Ich habe nicht einmal meinen Säbel gezogen, Vater,« klagte er

bitter, als der Freiherr ihn fand, »so mußte ich fallen, so, ich, ein

Steinberg, so ruhmlos untergehen.«

»Es kann in dieser Zeit nicht jeder sich als Held hervortun, mein

Junge,« tröstete ihn der Vater, »du hast deine Pflicht getan, was

willst du mehr? Bist du ausgezogen um des Ruhmes willen, oder weil des

Vaterlandes Not dich bewegte?«

Da schwieg Joachim, nur sein schweres Stöhnen verriet dem Vater, wie

sehr doch das heiße, junge, ehrgeizige Herz litt.

Im Bäckerhause war inzwischen Platz geworden, und Meister Käsmodel

holte sich eines Tages selbst Joachim aus dem Spital, und Herr von

Steinberg dankte es ihm warm, denn in den Spitälern rafften Fieber und

andere ansteckende Krankheiten viele hinweg, und Joachims Wunde war

schwer, sie bedurfte langer, sorgsamer Pflege. Joachim sträubte sich

nicht, er fühlte wohl, wie gut es ihm war, daß er aus der kalten, von

Fieberdünsten erfüllten Kirche herauskam, aber als er dann in Raouls

Kammer, in des Vetters Bett lag, Gottlieb Käsmodel als Stubengenossen,

da brach er in ein wildes Weinen aus. Er kam sich auf einmal tief, tief

gedemütigt vor: er, der von Heldentaten geträumt hatte, mußte hier in

dem Hause liegen, über dessen Bewohner er oft so hochmütig gespottet

hatte, und die ihm nun so viel Liebe und Güte erwiesen.

Die Meisterin wollte mitleidig trösten, der Freiherr bat sie aber:

»Lassen Sie ihn jetzt allein, er wird schon zu sich kommen.« Das klang

schmerzlich, und Joachim hörte es wohl, und er schämte sich seiner

kleinlichen Empfindungen, er wurde aber wieder einmal nicht Herr über

sich selbst.

Man ließ ihn allein, nur Gottlieb schaute von seinem Bett aus

unverwandt zu dem neuen Kameraden hinüber. Also das war der Joachim,

auf den er aus lauter Freundschaft für Raoul oft heftig gescholten

hatte! Jetzt fühlte er aber gar keinen Groll gegen ihn, und so sagte er

aus tiefstem Herzen heraus: »Heul' nur feste weiter! Als Raoul mich in

die Scheune geschleppt hatte, und ich von drinnen das Geknatter hörte,

da habe ich auch geheult vor lauter Wut, weil ich nicht mehr dabei sein

konnte, nachher habe ich aber gesungen!«

Joachim hob ein wenig den Kopf, ganz jäh überkam ihn plötzlich das

Bewußtsein, daß er nur einer unter vielen war, daß Tausende litten wie

er. »Du bist Gottlieb,« murmelte er und fand das brüderliche Du, das

Gottlieb angeschlagen hatte, selbstverständlich. »Wie bist du verwundet

worden?«

Gottlieb stützte sich ein wenig auf seinen Arm und erzählte. »Ich hatte

ja gedacht, mich würde der Blücher mindestens selbst loben; aber weißt

du, ich hab's schon in Breslau gemerkt, daß man auch nicht mehr ist wie

-- wie 'n einzelnes Brot im vollen Backofen.«

Ein Lächeln ging über Joachims bleiches Gesicht, dann schloß er

aufseufzend die Augen: der andere hatte recht, aber ja, er hatte auch

gedacht, Blücher selbst oder York der Eiserne müßten seinen Heldenmut

anerkennen.

Da klang wieder Gottliebs Stimme zu ihm herüber: »Erzähl' doch, wie

war's bei dir, oder bist du zu schwach?«

»Nein,« murmelte Joachim sich zusammennehmend, »aber ich habe nicht

viel zu erzählen. Immer habe ich einen Posten auf verlorener Stelle

gehabt, habe Wache stehen müssen und dergleichen, habe alles nur von

ferne gesehen. Nun sollten wir drankommen, hier bei Leipzig, sollten

einen gefährlichen Ritt machen und einen wichtigen Punkt besetzen. Kaum

sind wir ausgeritten, da fühle ich ein Sausen, einen heftigen Schmerz

-- und schon lag ich am Boden; ich hörte nur Schreien, Schießen, dann

verlor ich die Besinnung, auf einem Karren erwachte ich wieder. Das war

alles!«

»Na, ich danke,« rief Gottlieb, »Wache stehen während einer Schlacht

ist kein Zuckerbrot, und fallen muß jemand; wärst du's nicht gewesen,

hätte es einen andern getroffen. Weißt du, als ich so fuchswild

und wütend in der Scheune lag und mich nicht rühren konnte, da

habe ich gedacht: Na, all die Wut, all die langen, langen Stunden,

-- schließlich einer muß es leiden, da war ich es eben, und fürs

Vaterland war es auch. Gesiegt haben wir doch, und dabei waren wir!«

»Erzähl mir von Raoul,« bat Joachim plötzlich, und dann lag er still

mit geschlossenen Augen und ließ sich von dem Vetter erzählen, wie sich

der so tapfer durchgeschlagen hatte als Schreiberlein und dann nicht

nach Paris gewollt hatte. Wenn Gottlieb auf Raoul kam, dann fand er so

leicht kein Ende, und er hätte wohl noch lange erzählt, wenn die Mutter

nicht gekommen wäre und Ruhe geboten hätte.

»Kranke brauchen Schlaf,« sagte sie. Und Gottlieb schloß auch gehorsam

die Augen. Er fand trotz der Wunde bald Ruhe; es lag sich so gut nach

all den harten Kriegslagern in der stillen Kammer des Vaterhauses. Aber

Joachim lag lange, lange noch wach; Fieber und Schmerzen peinigten ihn

qualvoll, und doch dachte er zum erstenmal nicht an sein Leid, sondern

an den großen errungenen Sieg, und eine tiefe, heilige Freude kam über

ihn, und Gottliebs Wort klang in ihm nach: »Fürs Vaterland war es auch!«

[Illustration: Dekoration Ende 11. Kapitel]

[Illustration: Dekoration Titel 12. Kapitel]

Zwölftes Kapitel.

Ausklang.

Nach der großen, blutigen Schlacht auf Leipzigs Feldern kam der

ersehnte Friede immer noch nicht über die Lande, nur zog sich der

Krieg nach Frankreich hin. Der Marschall Vorwärts überschritt in der

Neujahrsnacht den Rhein, und am 31. März zogen, nach mancher blutigen

Schlacht auf Frankreichs Boden, die verbündeten Heere in Paris ein,

und auch dort begrüßte das Volk den Kaiser von Rußland und den König

von Preußen als seinen Befreier. Napoleon wurde seines Thrones für

verlustig erklärt, nach Elba gebracht, und am 30. Mai kam der erste

Friede von Paris zum Abschluß. Die Völker atmeten auf; für eine Weile

war Ruhe eingekehrt, und niemand ahnte, daß noch ein schweres Ringen

bevorstand, ehe sich für viele Jahre der Friede über die Lande breiten

konnte.

Von den Steinbergs kam nur Raoul nach Paris. Sein Oheim blieb bei den

Truppen im Lande, und Joachim konnte nicht mehr mitziehen. Raoul hatte

sich tapfer geschlagen, hatte einige leichte Wunden davongetragen und

war auf dem Schlachtfeld zum Leutnant befördert worden. Trotz allem

Siegesjubel ringsum war ihm das Herz aber doch schwer, als er an einem

der ersten Apriltage durch die Straßen von Paris ritt. Ihm fehlte jede

Nachricht von den Freunden daheim, er wußte nicht, was aus Gottlieb

geworden war, nichts von allem, was nach den heißen Tagen bei Leipzig

geschehen war. Er hatte sich nach dem Palais des Grafen Turaillon,

seines Oheims, erkundigt, denn auf einmal sehnte er sich darnach, das

Haus zu sehen, in dem seine Mutter ein paar Kinderjahre verbracht

hatte. Vor dem zierlichen, im Rokokostil erbauten Schlößchen, das

inmitten eines weiten Gartens lag, dessen Wege von hohen Taxuswänden

begrenzt wurden, stand ein preußischer Soldat Wache; ein paar hohe

Offiziere bewohnten jetzt das Haus. Als Raoul einen vorbeieilenden

Diener nach dem Besitzer fragte, erhielt er zur Antwort, daß der Graf

schon lange auf dem Lande weile, er sei im Groll vom Hofe Napoleons

geschieden.

Träumerisch schaute Raoul durch das offenstehende Tor in den Garten

hinein und dachte: Ich könnte jetzt der Erbe von allem sein! Aber kein

Bedauern überkam ihn, daß er es nicht war, und seine Armut dünkte ihn

nicht schwer zu tragen. Er freute sich aber über des Onkels Scheiden

von Napoleons Hof, und fast bedauerte er, daß er ihn nun nicht sehen

konnte: er war doch der geliebten Mutter Bruder. Wie er so in Sinnen

verloren stand, kamen zwei junge Offiziere aus dem Haus heraus. Sie

schauten ihn prüfend an, und der eine rief überrascht: »Da ist er doch,

wir haben hier doch recht gesucht!«

Erstaunt sah Raoul auf, und er mußte erst ein paar Sekunden

nachsinnen, ehe er in dem langen, blonden Menschen Arnold von Berkow

wiedererkannte. Er wich unwillkürlich zurück, ihm kam der Gedanke an

die erlittenen Kränkungen, und sein Gesicht wurde finster. Doch der

andere kümmerte sich nicht darum, er streckte ihm freimütig die Hand

hin: »Wir haben dich gesucht, Raoul, wie eine Stecknadel, den ganzen

Feldzug durch. Vor ein paar Tagen hatte ich von Achim einen --«

»Lebt er?« rief Raoul rasch.

»Ja, er lebt,« sagte Arnold von Berkow und schob seinen Arm in

den Raouls. »Komm mit, ich erzähle dir alles. Laß die alte, dumme

Feindschaft ruhen, wir Tugendbündler waren damals recht dumme Jungen,

und Gottliebe hatte recht: du warst der Verständigste von uns allen, du

wärst der beste Tugendbündler gewesen. Übrigens, ich trage seit Wochen

einen Brief von Gottliebe an dich in der Tasche; die Mariellen denken,

im Krieg trifft man sich wie auf den Gassen von Langenstein.«

»Und mich kennst du wohl gar nicht mehr?« fragte der andere, »war doch

auch ein Tugendbündler!«

»Oswald Hippel,« rief Raoul, »doch wo ist Fritz --?«

»Der blieb bei Leipzig,« sagte Arnold trübe, »da sind so viele

geblieben. Es ist fast ein Wunder, wenn man noch jemand wiederfindet.

Aber dein Gottlieb lebt!«

»Er lebt?« Raouls Augen leuchteten. »Sag, woher du es weißt!«

»Kommt alles nach und nach, und Gottliebes Brief bekommst du auch. Die

hat geschrieben, sie ist mir ewig böse, wenn ich dich nicht ausfindig

mache. Aber was will der Kerl da?«

Ein hagerer, verkommen aussehender, zerlumpter Mensch drängte sich

an die jungen Leute heran und flehte: »Ein armer Landsmann bin ich,

halbverhungert.«

»Neumann,« rief Raoul von Steinberg und starrte dem Bettler ins

Gesicht. Eine fliegende Röte huschte über dessen Wangen, scheu sah er

den fremden Offizier an, es war ihm wohl nicht angenehm, bei seinem

Namen genannt zu werden. »Paul Neumann,« sagte Raoul noch einmal, der

seinen einstigen Peiniger gleich erkannt hatte.

Auch der hatte nun Raoul erkannt. Erschrocken taumelte er zurück, und

ganz plötzlich kehrte er sich um und rannte mit schnellen Schritten

wie gejagt davon, die Straße entlang, um eine Ecke herum, und noch

ehe die drei die Sache recht erfaßt hatten, war er verschwunden. »Ich

erzähl' euch auch nachher von ihm,« sagte Raoul, »ihn trieb wohl sein

schlechtes Gewissen weg. Er war einer von Napoleons Bewunderern, das

scheint ihm aber nicht gut bekommen zu sein.«

»Nein,« meinte Oswald Hippel, »jämmerlich genug sah er aus!«

Die drei sprachen aber nicht weiter von der Begegnung, sie hatten sich

Wichtigeres zu erzählen, und bald saßen sie so einträchtig wie nie

vorher in Arnolds Quartier, und der berichtete, daß sie das Palais des

Grafen bereits zum drittenmal aufgesucht hätten, weil sie hofften,

Raoul würde sich dort nach seinem Oheim erkundigen. »So wunderbar ist

unser Zusammentreffen also nicht,« sagte Arnold, »viel wunderbarer

ist's, daß die Steinbergs und Käsmodels sich zusammengefunden haben,

und daß Joachim in deinem Bett gesund geworden ist.«

»Joachim?« fragte Raoul überrascht, »ist er bei Leipzig verwundet

worden?«

Arnold erzählte, in dem großen Wirrsal nach der Schlacht habe er

Joachim nicht gesehen, aber später in Frankfurt Herrn von Steinberg

getroffen und von diesem alles erfahren. Er habe auch vor kurzem erst

Briefe aus der Heimat erhalten. Joachim war wieder in Hohensteinberg

und Gottlieb mit ihm, sie mußten sich beide noch von einem sehr

langen, schweren Siechtum erholen und hatten beide nicht mehr zu ihren

Regimentern zurückkehren können.

Gottlieb in Hohensteinberg! Es kam Raoul fast wie ein Traum vor, und

dann ergriff ihn eine solche Sehnsucht, alles zu wissen, von allem

einzeln zu hören, daß er Arnold mit einer förmlichen Flut von Fragen

überschüttete. Der rief in heller Verwunderung: »O Raoul, so hast du

früher nie reden können!«

»Habt ihr mich denn reden lassen?« antwortete der halb lachend, halb

traurig, »aber nun laß mich dafür nicht warten, erzähle, erzähle!«

»Ich glaube, du sagst wie Gottliebe, du platzt vor Neugier,« erwiderte

Arnold und begann ausführlich zu erzählen, was er von den Steinbergs

wußte, von Joachims Verwundung, auch wie Gottlieb aufgefunden wurde.

»Armer Joachim,« sagte Raoul ernst, »er ersehnte den Ruhm und ist nun

nie so recht dabei gewesen! Doch was schreibt Gottliebe? Du sagtest

doch, es wäre ein Brief von ihr für mich da?«

»Da, du Nimmersatt!« Arnold reichte ihm den Brief, und Raoul erbrach

ihn rasch und las: »Lieber, böser Raoul, das ist nun der dritte Brief,

den ich an dich schreibe, immer denke ich, einen mußt du doch erhalten,

und einmal mußt du mir antworten. Wir haben alle viel Sorge um dich,

und Großmutter sagte oft, als sie jetzt krank war: Könnte ich Raoul

nur einmal noch sehen! Jetzt reden wir noch mehr von dir, seit Joachim

wieder da ist und Gottlieb mitgebracht hat. Achim sagte gestern zu mir:

Ich wollte jetzt, Raoul wäre mein Freund. Es war sehr schlimm bei uns,

weil alle Leute so arm sind und wir so viele, viele Sorgen hatten, aber

als wir von den Siegen hörten, da wurden wir alle froh. Ich wollte

aber doch, der Krieg wäre bald zu Ende und der Vater käme heim und

du, Raoul, und es würde nie, nie mehr Krieg. Wenn Achim und Gottlieb

davon erzählen, muß ich immer weinen, und weißt du, ich war einmal so

dumm und wollte mitziehen, das hätte ich doch nicht fertig gebracht.

Hier sind alle gesund, nur die Großmutter ist viel krank gewesen. Sie

lassen dich alle grüßen, sie sehnen sich alle nach dir. Ich bete jeden

Abend für dich. Ach Raoul, möchtest du doch gesund bleiben und bald

wiederkommen!

Deine Base Gottliebe.«

Raoul war beim Lesen an das Fenster getreten, nun ließ er den Brief

sinken und starrte auf die belebte Straße von Paris hinab. Er sah aber

nichts von all dem bunten, fremdartigen Leben da unten, er war mit

seinen Gedanken weit, weit weg, und eine große Sehnsucht überkam ihn

nach dem Vaterland, nach den Menschen, die er lieb hatte. Er reckte

sich und breitete die Arme aus: »Ach ja, es wäre gut, wenn es erst

Frieden würde!«

»Und wir daheim,« rief Arnold von Berkow, und Oswald nickte: »Ich wär's

zufrieden, bei Gott, es wäre gut.«

Die drei verlebten als gute Kameraden in Paris viele Stunden

miteinander, bis endlich der Tag kam, da auch sie heimwärts ziehen

konnten, zurück in das befreite Vaterland.

* * * * *

In Hohensteinberg war mit der Nachricht, daß endlich Friede geschlossen

war, die rechte Sommerfreude eingekehrt. Endlich hatten sie alle wieder

einmal Zeit, sich an dem Blühen, Wachsen und Reifen ringsum zu freuen,

und auf den Feldern, über die vor zwei Jahren die Heere gestampft

waren, wogte jetzt das Korn, und an den Rändern blühten rot und blau

friedlich die Sommerblumen.

»Die Ernte steht gut,« sagte Herr von Steinberg froh, als er an einem

sonnenhellen Junitag vom Felde heimkam, »es wird hoffentlich ein gutes

Jahr werden.«

Die Seinen saßen alle vor dem Schloß und schauten, wie so oft in diesen

Tagen, die schattige Allee entlang, und Gottliebe, die auf den Stufen

vor dem Hause saß und mit nimmermüden Händen die ersten Frühbohnen

schnitzte, sagte einmal wieder: »Ich könnte platzen vor Ungeduld. Warum

Raoul nur noch immer nicht kommt!«

Arnold von Berkow und Oswald Hippel waren bereits heimgekehrt, Raoul

aber war noch in Leipzig geblieben, und wurde nun jeden Tag auf

Hohensteinberg erwartet. Des Posthalters Wäglein stand immer bereit,

ihn gleich nach dem Gute hinauszufahren.

Gottlieb Käsmodel lachte. »Ja, mein Leipzig, das zieht halt den Raoul

an sich!«

»Du mit deinem Leipzig,« rief Gottliebe schmollend, »sag es doch

endlich einmal, daß es in Hohensteinberg schöner ist.«

»Nun geht der Streit schon wieder los. Ihr seid ja schlimmer als

Bonaparte,« rief Joachim lachend. Der saß neben der Großmutter auf der

Bank. Er war noch immer bleich, war noch immer nicht im Vollbesitz

seiner Jugendkraft, aber seine Augen schauten viel heiterer drein, und

nicht mehr wie einst überschattete so oft finstrer Trotz sein hübsches

Gesicht.

Die andern lachten auch; der Streit zwischen Gottliebe und Gottlieb

über die Vorzüge von Stadt und Land wollte nie ruhen, es gab immer

wieder ein lustiges, neckendes Wortgeplänkel zwischen den beiden, das

ihrer Freundschaft aber nie Abbruch tat.

»Ich bleib' dabei,« rief Liebe schelmisch und warf ihrem guten

Kameraden und Namensvetter eine Bohne an die Nase, »daß es auf dem

Lande am schönsten ist. Puh, gräßlich muß es sein, in einer dunklen

Stadt zu wohnen. Da rennt man immer an die Häuser an, sieht nie Feld

und Wald, und wenn man Brot essen will, muß man erst zu Herrn Meister

Käsmodel gehen und eins kaufen; wir backen es uns allein!«

»Das ist gerade fein,« rief Gottlobe, »da kann man nicht unversehens

einen Scheffel Mehl über den Kopf bekommen, wie ihn mir neulich Jungfer

Rosalie übergestülpt hatte. Ich möchte gleich in einer Stadt wohnen.«

»Der Herr Pfarrer soll entscheiden, ob es in der Stadt besser ist

als auf dem Lande,« rief Gottliebe und wandte sich bittend dem alten

Freunde und Lehrer zu, der just zu ihnen trat. Ihm war das Haar völlig

gebleicht in den letzten Jahren, wie Silber lag es aus seinem Haupt,

seine Augen blickten mild und gütig wie immer auf die Jugend, die so

heiter, den blühenden Blumen gleich, im Sommersonnenglanz dreinsah.

»Ich werde nichts vom Lande und nichts von der Stadt sagen,« antwortete

der Pfarrer fröhlich, »denn in einer Minute würdet ihr mir doch alle

nicht mehr zuhören. Wollt ihr nicht sehen, wer dort kommt?«

Aller Blicke wandten sich der Allee zu. »Raoul!« schrie Gottliebe auf,

und die Bohnenschüssel fiel krachend zu Boden, und »Raoul!« tönte

es vielstimmig nach. Gottliebe aber raste dem jungen Offizier, der

mit raschen Schritten den schattigen Weg entlang kam, entgegen. Doch

plötzlich blieb sie betroffen stehen und fragte fast zaghaft: »Bist du

das wirklich, Raoul?«

[Illustration: Die Steinbergs. (Seite 182.)]

Der ergriff lachend des Bäsleins beide Hände. »Ich bin's, aber fast

möchte ich fragen, bist du's, Gottliebe? Du siehst ja beinahe wie --

eine junge Dame aus.«

Da hing sich Gottliebe lachend an seinen Arm. »Damit hat's noch gute

Wege, aber weißt du, ich freue mich zum Platzen, daß du da bist.«

Raoul kam nicht dazu, ihr eine Antwort zu geben, die andern umdrängten

ihn. Der Onkel zog ihn in seine Arme, Frau Maria küßte ihn liebevoll

wie einen Sohn, Pfarrer Buschmann schüttelte ihm die Hand, Gottlobe

wollte es auch tun, und Gottlieb schrie jauchzend: »Viktoria, Viktoria,

er ist da, der Sieger ist da!«

Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege · 第 11 / 12 段