Die Großmutter war still auf der Bank sitzen geblieben. Joachim stand

neben ihr, und beide dachten unwillkürlich: Er muß erst die anderen

begrüßen. Doch Raoul hatte die Großmutter schon von weitem gesehen, sie

zuerst; sie war viel älter geworden und saß nicht mehr so aufrecht wie

früher da, und es trieb ihn zu ihr hin. »Großmutter,« sagte er rasch

und kniete neben ihr nieder, »verzeihen Sie mir!«

»Raoul, mein Kind, mein liebes, liebes Kind!« Die alte Frau zog des

Enkels Kopf an sich. »O, daß ich dich wiedersehen kann, daß mir Gott

diese Freude noch gab!« Und ganz leise, nur dem Jüngling verständlich,

flüsterte sie: »Verzeih du mir, ich tat unrecht.«

»Das ist ja wie in der Kirche,« brummte Gottlieb vor sich hin. Er

schnitt ein wütendes Gesicht vor lauter Rührung und wäre am liebsten

davongelaufen, doch etwas hielt ihn, eine Art von Bangigkeit war's: Wie

wird er Joachim begrüßen? Er hatte den einstigen Feind seines Freundes

so lieb gewonnen, daß er den Gedanken schon unerträglich fand, die

beiden könnten sich nicht verstehen.

Es war, als hätte die Großmutter seine Sehnsucht geahnt, sie ergriff

Joachims Hand und legte die Hände der Enkelsöhne ineinander. »Ihr habt

als Brüder für das Vaterland gekämpft, seid nun auch Brüder im Frieden!«

Raoul sprang auf, und sekundenlang standen die Jünglinge sich Auge in

Auge gegenüber. Nur ein kurzes, stummes Zögern und Fragen war's nach

alter Feindschaft, altem Haß, dann lagen sie sich in den Armen, und

jeder rief froh des andern Namen, daß beide zusammenklangen wie ein

Wort.

»Viktoria!« schrie Gottlieb wieder, und Liebe und Lobe fielen jauchzend

ein. Aber trotz des Freudenrufes war Gottlieb das Herz auf einmal

zentnerschwer geworden: nun gehörte Raoul, sein Raoul, ganz den

Steinbergs an, und er hatte ihn verloren. Er wollte sich heimlich

davonschleichen, aber Gottliebe sah es und hielt ihn fest. »Lauf doch

nicht fort, du gehörst doch jetzt hierher. Was soll denn Raoul denken,

wenn du nicht dabei bist?«

Da blieb Gottlieb und merkte es dann bald, daß er den Freund nicht

verloren hatte, und daß der mit alter Liebe und Treue an ihm hing. Er

brachte ihm Grüße von seinen Eltern und der kleinen Schwester, von Karl

Wagner und etlichen Schulgenossen. Meister Käsmodel hatte es schwer in

dieser Zeit. Auch ihn hatte der Krieg fast zum armen Manne gemacht,

aber er sah darum doch unverzagt und froh der Zukunft entgegen. »Die

Hauptsache ist, daß wir frei sind von all der Fremdherrschaft,« hatte

er gesagt.

Das sagten viele mit dem braven Meister, wenn auch die fröhlichen,

heiteren Friedenspläne, die an dem Tage von Raouls Heimkehr in

Hohensteinberg geschmiedet wurden, nicht so bald in Erfüllung gingen.

An diesem Tage wollte das Erzählen, Fragen, das Erinnern an vergangene

Tage, das Pläneschmieden für künftige Zeiten kein Ende nehmen. Manchmal

mahnten die Älteren: »Nun ist's genug! Alles muß nicht an einem Tage

erzählt sein,« aber die Jugend fing immer wieder von neuem an mit

»Weißt du noch?« und »Wie war dies und das?« So jubelnd, so herzenswarm

hatte sich Raoul die Freude über seine Heimkehr nicht vorgestellt. Das

Gefühl, so willkommen zu sein, tilgte an diesem Tage auch noch das

letzte Restchen Bitterkeit aus seinem Herzen, und zuletzt erzählte er

selbst mit lachendem Munde und strahlenden Augen die Geschichte seiner

Flucht.

»Aber nun ist alles gut,« sagte Gottliebe leise, froh, »und nun ist

Friede, und hoffentlich kommt nie, nie mehr Krieg!«

Doch Gottliebe mußte es erleben, daß noch einmal die Sturmglocken

läuteten, daß noch einmal die Völker gegen Napoleon ziehen mußten.

Wieder waren zwei Steinbergs dabei und kämpften tapfer. Raoul kehrte

bald zurück, da er schon im ersten Gefecht verwundet wurde, Joachim

aber konnte diesmal im siegreichen Heere mit in Paris einziehen und als

Sieger heimkommen.

Raoul blieb nicht Offizier, wie es sein Oheim gedacht hatte. In dem

harten, schweren Krieg, dem furchtbaren Ringen war er zur Erkenntnis

gekommen, daß er besser für ein stilles Studium geeignet sei, daß es

seiner Neigung mehr entsprach, Wunden zu heilen als Wunden zu schlagen.

Er wurde Arzt, der erste der Steinbergs, der diesen Beruf erwählte,

und obgleich des Neffen Studium ihm neue Sorgen aufbürdete, ließ ihn

der Oheim gewähren. Die Steinbergs gehörten auch zu denen, die um

vieles ärmer geworden waren in den langen Kriegsjahren, aber das

störte nicht den fröhlichen Mut, mit dem alle schafften. Joachim blieb

dem Lande treu. Ein Jahr nur studierte er in Berlin, und die beiden

Vettern verlebten eine arbeitsfrohe, freudenreiche Zeit zusammen.

Dann kehrte Joachim nach Hohensteinberg zurück. Raoul aber zog wieder

einmal in das trauliche Bäckerhaus als willkommener Pflegesohn, um ein

paar Semester an der Leipziger Universität zu studieren. Sein Freund

Gottlieb schaffte schon tüchtig in der Backstube, und der rastlosen

Arbeit von Vater und Sohn gelang es wieder zu erwerben, was der

Krieg ihnen genommen hatte. Die verschiedenen Berufe trübten nicht

die Freundschaft der beiden, sie blieben Zeit ihres Lebens in treuer

Zuneigung verbunden, und als dritter im Bunde gesellte sich immer Karl

Wagner zu ihnen, der neidlos sah, daß sein einstiger Schreibgenosse den

Beruf erwählen konnte, auf den ^er^ hatte verzichten müssen.

Die Ferien verbrachte Raoul dann immer in Hohensteinberg, »zu Hause,«

wie er oft dankbar sagte, wenn er wieder mit der Postkutsche über den

Langensteiner Markt rollte und mit rüstigem Schritt den wohlbekannten

Weg entlang lief.

Dann gab es auch einmal eine Hochzeit auf Hohensteinberg: Lobe

wurde Oswald Hippels Frau und eine tüchtige, tätige Landwirtin. Sie

behauptete nun kühnlich, auf dem Lande sei es doch am schönsten, sie

hatte alle Stadtsehnsucht verloren. Liebe flocht der jüngeren Schwester

frohgemut den Brautkranz, sie sah Helene von Berkow Joachims Braut

werden und las voll Freude, daß der junge Meister Käsmodel in Leipzig

sich eine junge Meisterin gesucht hatte.

Sie selbst blieb noch manches Jahr daheim, war des Hauses

Sonnenstrahl, der Mutter erster Minister, des Vaters kluger kleiner Rat

und der Geschwister treueste Freundin. Aber dann kam eines Tages Raoul

und holte sich Gottliebe zur Frau, holte sie fort von Hohensteinberg

gleich in die allergrößte Stadt Deutschlands, nach Berlin. Er hatte es

mit unermüdlichem Eifer und Fleiß zu einem tüchtigen Arzt gebracht,

sein Name wurde später weit über den Kreis seines Vaterlandes hinaus

in hohen Ehren genannt. Doch weil Raoul sie holte, weil sie an Raouls

Seite ging, erschien Gottliebe auch die fremde, große Stadt wie eine

Heimat.

»Eine rechte Tugendbündlerin fürchtet sich auch nicht vor der Fremde,«

sagte sie heiter. Und als Eltern und Geschwister sie fragten: »Wirst du

denn wo anders als in Hohensteinberg glücklich sein?« erwiderte sie:

»Mit Raoul immer und überall!«

»Raoul ist auch der einzige, dem ich dich gönne,« sagte Joachim am

Hochzeitstag, und die Großmutter legte segnend die Hände auf der

Enkelin blonden Scheitel: »Einen Besseren konntest du nicht finden!«

[Illustration: Dekoration ENDE des Buches]

Notizen des Bearbeiters

Eingefügt: Hinweise auf Illustrationen am Ende des jew. Kapitels

und am Anfang jeden Kapitels.

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Die Steinbergs: Eine Erzählung aus der Zeit der Befreiungskriege · 第 12 / 12 段